Rudolf
Eisler (1873 – 1926)
Österreichischer
Philosoph, der eine von Immanuel Kant und
Wilhelm Wundt beeinflusste Erkenntnistheorie vertrat.
Seine philosophischen Lexika, insbesondere das dreibändige »Wörterbuch
der philosophischen Begriffe«, aus dem die folgenden Abschnitte
entnommen sind, zählen zu den unverzichtbaren philosophischen Standardwerken.
Siehe auch Wikipedia
Inhaltsverzeichnis
Auswahl aus dem »Wörterbuch
der philosophischen Begriffe«
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zur Gesamtausgabe
Gott
,
Absolut
, Achamoth , Agnostizismus
, All , Allbeseelung
, Allbewusstsein
, Alleinheit , Allgegenwart
, Allheit , Allmacht
, Allweisheit/Allwissenheit
, Altruismus , Analogie
, Analogieschluss
, Anderssein , Animismus
, An-sich , An-sich-sein
, Antinomie , Äon
, Apprehension
, Atheismus , Äther
, Ätherleib
, Atman , Ausdehnung
Bedingung
, Begründen
, Beharrlichkeit
, Beharrung , Bejahung
, Bewegung , Böse
, Brahman , Buddhismus
,
Chaos ,
Dämonen
, Darwinismus
, Deismus , Demiurg
, Dialektik , Dualismus
,
das Eine , Einfachheit , Einheit
, Einsicht , Ekstase
, Emanation , Empiriokritizismus
, Empirismus , Endlich
, Ensoph , Entelechie
, Etwas , Evolution
, Ewigkeit ,
Freiheit
,
Ganzes
und Teile , Gegensatz
, Geist , Gesetz
, Gnosis , Grad
, Gut ,
Harmonie
, Henotheismus
, Hylozoismus ,
Idee , Individuation
, Intelligenz ,
Intelligibel ,
Intelligible Welt
, Introjektion
, Intuition ,
Kabbala
, Karma , Kontemplation
, Kontinuität
, Kosmos ,
Licht ,
Logos ,
Macht
, Maya
, Mechanistische
Weltansicht , Meditation
, Monade(n) , Monismus
, Monotheismus
, Mystik ,
Naturgesetz
, Nichts
, Nihilismus , Nirwana
, Notwendigkeit
,
Offenbarung
, Okkultismus
, Optimismus ,
Panentheismus
, Panlogismus ,
Panpsychismus
, Pansatanismus
, Pantheismus ,
Pessimismus , Pleroma
, Pneuma , Polarität
, Positivismus
, Prädestination
, Prädeterminismus
, Präexistenz
, Psychologismus
, Pythagoreismus ,
Quellgeister
,
Schein ,
Schicksal , Schöpfung
, Seele, Seelensitz
, Seelenwanderung
, Sensualismus
, Soliipsismus ,
Sophia , Spekulation
, Spiritismus ,
Spiritualismus
, Stetigkeit , Sufismus
,
Tabula
rasa , Tao
, Teil , Teilbarkeit
, Teleologie , Telepathie
, Theismus , Theodizee
, Theogonie , Theologie
, Theophanie , Theosophie
, Tod ,
Übel
, Übermensch , Unendlich
, Ungrund , Unio
mystica , Unsterblichkeit
, Upanishad , Urkraft
, Ursprung , Urtatsache
,
Verbindung
, Vermögen ,
Vielheit
, Vision , Vitalismus
, Volksgeist , Vollkommenheit
, Vorsehung ,
Wechselwirkung
, Weisheit
, Welt , Weltgeist
, Welträtsel
, Weltseele , Werden
, Widerspruch ,
Wille zur Macht
,
Zahl , Zufall
.
Gott
(theos deus) S.1106f.
Siehe auch bei Kirchner
ist ein Name für das höchste
Wesen, das Absolute, für die ewige Einheit
aller Dinge, die von der Summe derselben
wohl zu unterscheiden ist, für den Urgrund alles Geschehens; für
die höchste, geistige, wollend-vernünftige Kraft, die im
All sich offenbart, kein Einzelding unter Einzeldingen ist. Die Dinge und deren
Summe, die Welt, sind in Gott, Gott wirkt in der Welt. Diese Auffassung des
Verhältnisses von Gott und Welt heißt
Panentheismus. Der
Pantheismus setzt Gott
und All als eines, der
Theismus setzt
Gott außer der Welt als ein Wesen für
sich, das er als persönlich auffaßt.
Der Atheismus
leugnet die Existenz einer Gottheit überhaupt. Der Begriff
Gottes entspringt einem Postulate des den Erfahrungsinhalt verarbeitenden, begründenden
Denkens, sowie Forderungen des Gemütes und dem Dichten der Phantasie. Mythus
, Religion und Philosophie bestimmen mit verschiedenen Erkenntnismitteln die
Gottesidee.
Aus dem
Polytheismus, der dem Animismus
und Fetischismus
entspringt, geht einerseits der religiöse Theismus,
erst als
Henotheismus, dann als Monotheismus
hervor (Hebräer, esoterische Religion der Ägypter,
Griechen), anderseits der Pantheismus
als Religion (Inder)
und als Philosophie
(Griechen), indem
die verschiedenen Götter in Dienern, bezw.
Modificationen einer Urgottheit werden,
die schließlich als das einzige Göttliche bleibt.
Das Altertum weist, ohne
allzu scharfe Abgrenzung der Begriffe, einen Wechsel
von Pantheismus und Theismus,
inbegriffen der Emanationslehre,
auf.
Die Inder (Vedas, Upanishads)
bestimmen die Gottheit als
das Brahman
oder Âtman ,
die in allen Dingen identische, ewige
Urkraft,
die aus sich heraus Welten schafft und wieder in sich
zurücknimmt und die allein wahre Realität hat, an sich als
»prajapâti«, als
»Herr der Geschöpfe«, als Vater
der Götter und Menschen (vgl. DEUSSEN,
Allg. Gesch. d. Philos. I 1, S. 261 u. a., I 2, 36 ff.).
Bei den Chinesen sieht LAO-TSE
im Tao das (göttliche) Ursein.
Nach HOMER ist Zeus patêr
andrôn te theôn te (Odyss.
s' 135). Er wirkt in den Geistern der Menschen
(Iliad. y' 242).
HESIOD gibt eine Theogonie.
Die »Orphiker« sehen in
»Zeus« den Weltgrund: Zeus
kephalê, Zeus messa, Dios d' ek panta tetyktai (Stob. Ecl.
I 2, 40).
ANAXIMANDER bezeichnet Gott
als das apeiron ,
ANAXAGORAS als den »Geist« , den
noun kosmopoion (Stob.
Ecl. I 2, 56).
Die Pythagoreer sehen in der »Einheit«
(monas) die Gottheit
(Stob. Ecl. I 2, 58). Gott
wird als der ewige, unbewegte Weltgrund bestimmt nach PHILOLAUS:
ho hêgemôn kai archôn hapantôn
theos eis, aei ôn, monimos, akinêtos, autos hautô homoios,
heteros tôn allôn (bei PHILO,
De mundi opif. 23 A).
Nach HERAKLIT ist Gott das
vernünftige, ewige, rastlose Weltfeuer (pyr
aidion), der
logos, der in den Welten sich entfaltet
(Stob. Ecl. I 2, 60).
Die Einheit Gottes spricht energisch aus
XENOPHANES: heis theos
en te theoisi kai anthrôpoisi megistos, oute demas thnêtoisi homoiios
oute noêma (Mull., Fragm. I, p. 101). Das
göttliche Eine ist das All, das All ist göttliche Einheit:
hen to on kai pan (Simplic.
ad Phys. Aristot. fol. 5b; Stob. Ecl. I 2, 60). Xenophanês
de prôtos toutôn henisas... eis ton holon ouranon apoblepsas to
hen einai phêsi ton theon (Aristot.,
Met. I 5, 986b 24). Gott ist das Beste von allem
(Simplic. a. a. O.), die
Einheit des Weltganzen (Sext.
Empir. Pyrrh. hypot. I, 224). Er ist unbegrenzt,
aber materiell, von »runder« Gestalt (sphairoeidê
onta) Sext. Empir. Pyrrh. hypot. I, 224,
zugleich allwissend: ganz Auge,ganz Ohr, ganz Denken
(oulos hora, oulos de noei, oulos de t' akouei) Sext.
Empir. adv. Math. IX, 144; Diog. L. IX, 19; apaneuthe
ponoio noou phreni panta kradainei (Simpl.
ad. Arist. Phys. fol. 6 A). »Unum esse omnia
neque id esse mutabile et id esse deum neque natum unquam et sempiternum, conglobata
figura« (CICERO, Acad. II, 118; vgl.
Simplic. ad Aristot. Phys. 22 Diels). Die Menschen
stellen sich ihren Gott anthropomorph vor, wie die Tiere sich ihn tierähnlich
vorstellen würden (Clem. Alex., Strom.
V,601e, VII, 711 b; Euseb., Praepar. evang. XIII, 13); sie
schreiben ihm menschliche Leidenschaften zu
(Sext. Empir. adv. Math. IX, 193, 289; Aristot., Rhetor. II 23, 1399b 6; 1400b
5).
Nach PARMENIDES ist Gott
das eine, ewige, unbewegte, leidlose Sein .
EMPEDOKLES soll die Menschenähnlichkeit der Götter
negiert haben (Clem. Alex., Strom. V, 644).
Einige Sophisten
bezweifeln die Existenz der Götter. Nach KRITIAS
ist der Götterglaube eine Erfindung kluger Staatsmänner
(Sext. Empir. adv. Math. IX, 54); ähnlich
PRODIKOS.
Skeptisch scheint sich gegenüber dem Götterglauben
PROTAGORAS verhalten zu haben (peri
tôn theôn ouk echô eidenai, outh' hôs eisin, outh' hôs
ouk eisin. polla gar ta kôlionta eidenai, hê d' adêlotês
kai brachys ôn ho bios tou anthrôpou (Diog.
L. IX, 51).
SOKRATES glaubt an eine
göttliche, allwissende, zweckmäßig
wirkende Vernunft und Vorsehung
(phronêsis) im
All (ho ton holon kosmon syntattôn te
kai synechôn; - panta men hêgeito theous eidenai) Xenoph.,
Memorab. I, 1, 19; IV, 3, 13.
PLATO bestimmt die (unpersönliche) Gottheit als
höchste der Ideen , als die »Idee des Guten«, das »Gute
an sich«, also ethisch. Sie ist ewig einzig, erhaben über alle Dinge
(auto kath' hauto meth' hauton monoeidesaei
on) Sympos. 211 B,
jenseits alles Seienden (epekeina tês
ousias), Republ. VI, 209 B, also
völlig transcendent. Sie ordnet alles aufs beste (diakosmôn
panta kai epimeloumenos) Phaedr.
246 E als der gute Demiurg, Weltbildner (Tim.
28 ff., 29 E; Republ. X, 597; Phileb. 22 C). Gottes
Güte ist der Daseinsgrund der Dinge.
XENOKRATES betrachtet die
Monas (Einheit) als höchsten Gott und stellt ihm die Dyas als weibliche
Gottheit zur Seite, wie er auch eine Vielheit göttlicher Kräfte annimmt
(Plut., Plac. I,7, 30; Dox. 304).
Als von der Welt geschieden (kechôrismenê
tôn aisthêtôn), also als übersinnlich,
faßt ARISTOTELES die Gottheit
auf. Sie ist einfach, leidlose, unstoffliche, reine »Form«,
Intellect, selbstbewußtes Denken (hê
noêsis hê kath' heautên tou kath' heauto aristou),
Met. XII 7, 1072 b 19; amerês
kai adiairetos, Met. XII 7, 1072 b 6,
sie denkt sich selbst, ist noêseôs
noêsis (Met. XII 9, 1074 b 34),
ist das ewig Unbewegte zôon aidion ariston,
Met. XII 7, 1072 b 29; ousia
tis aidios kai akinêtos kai kechôrismenê tôn aisthêtôn,
Met. XII 7,1073 a 4, der »erste Beweger«
der Welt to prôton kinoun,
(Met. XII 7, 1073 a 27); sein
Wirken besteht im Streben nach ihm, das die Dinge empfinden kinei
de hôs erômenon, kinoumenô de talla kinei,
Met. XII7, 1072 b 3.
STRATO gestaltet den Aristotelischen Gottesbegriff
zu einem naturalistischen: »Omnem vim divinam in
natura sitam esse censet, quae causas gignendi, augendi, minuendi habeat, sed
careat omni sensu et figura« (CICERO,
De nat. deor. I, 12, 35).
Pantheistisch wird der Gottesbegriff bei den Stoikern.
Nach ihnen ist Gott das pneuma , die
Kraft des Alls, die zugleich feinster Stoff und Vernunft (logos) ist
und sich in der Welt entfaltet und entwickelt, die Weltseele. Gott
ist das All (kosmos) in dessen Einheit, die Welt
ist der differenzierte Gott (Diog. L. VII,
139, 148; Plut., De Stoic. rep. 41; Cicer., De nat. deor. I, 14). Alles
ist beseelt, göttlicher Herkunft; Gott wirkt in der Welt. Theon
d' einai zôon athanaton, logikon, teleion ê noeron en eudaimonia,
kakon pantos anepidekton, pronoêtikon kosmou te kai tôn en kosmô.
mê einai mentoi anthrôpomorphon. einai de ton men dêmiourgon
tôn holôn kai hôsper patera pantôn koinôs te kai
to meros autou to diêkon dia pantôn, ho pollais prosêgoriais
prosonomazesthai kata tas dynameis (Diog.
L. VII 1, 147). Gott ist das gestaltende, ätherische
Feuer, pyr technikon, das
vernünftig (durch die spermatikoi logoi)
und zugleich notwendig-causal, gesetzmäßig
(kath' heimarmenên) wirkt,
alles durchdringend (Stob. Ecl. I 2, 66). Gestaltlos
ist die Gottheit, aber zahllose Gestalten nimmt sie an (pneuma
noeron kai pyrôdes ouk echon men morphên, metaballon de eis ho bouletai
kai synexomoioumenon pasin (Plut., Epit.
I, 6, Dox. 292 a).
Gott (Zeus) ruft KLEANTHES so an: Kydist'
athanatôn polyônyme pankrates aiei, Zeu physeôs archêge,
nomou meta panta kybernôn (Stob.
Ecl. I 2, 30; Cicer., De natur. deor. I, 14, 37).
Nach SENECA ist Gott »prima
omnium causa, ea qua ceterae pendent« (De
benefic. IV, 7). »Quid est Deus? Quod vides
totum, et quod non vides totum. Sic demum magnitudo sua illi redditur, qua nihil
maius excogitari potest; si solus est omnia, opus suum et extra et intra tenet«
(Quaest. nat. I, praef. 12; vgl. MARC AUREL,
In se ips.).
Die Epikureer halten die Götter
für ätherische Wesen (aus den feinsten Atomen bestehend); sie wohnen
in den »Intermundien« , führen
ein seliges Leben, kümmern sich nicht um die Schicksale der Sterblichen,
erscheinen aber zuweilen den Menschen (Diog.
L. X, 123).
Die Skeptiker halten die Existenz
Gottes für unbeweisbar (Sext. Empir. Pyrrh.
hypot. III, 1, 9).
Eine Vereinigung griechischer mit orientalischen (jüdischen) Anschauungen
findet sich schon bei ARISTOBULUS. Nach ihm ist
Gott eine das All beherrschende, unsichtbare, außerweltliche
Kraft (diakrateisthai theia dynamei ta panta
kai genêta hyparchein kai epi pantôn einai ton theon; - saphôs
oimai dedeichthai, hoti dia pantôn hê dynamis ton theon
(Euseb., Praep. XII, 12).
PSEUDO-ARISTEAS unterscheidet den höchsten Gott (ho
kyrieuôn hapantôn theosaprosdeês) und dessen Macht
(dynamis), die überall wirkt (dia
pantôn estin,panta topon plêrei). Ähnlich das zweite
Buch der Makkabäer (2, 39), während das Buch der Weisheit die
Weisheit als Ausfluß der Gottheit, als hagion
pneuma, bestimmt (vgl. ÜBERWEG-HEINZE,
Gr. d.Gesch. d. Philos. I9, 354).
PHILO bestimmt Gott als das
(persönlich) Seiende (to on),
als die ewige einzig-einfache Einheit (ho
theos monos esti kai hen, ousynkrima, physis haplê Leg.
alleg. II, 1; legesthai gar ou pephyken
alla monon einai to on, De somn. I, 39.
Er ist noch über »das Gute« erhaben
(De mundi opif. I, 2); to gar on hê on estin,
ouchi tôn pros ti, auto gar heautou plêres kai auto heautô
hikanon (De nom. mutat. I, 582).
Er ist allseiend, überall (De
linguar. conf. I, 425), er ist der Ort der Dinge
(De somn. l). Selig ist
er (De Cherub. I, 154) und allwissend
theô de ouden adêlon, ouden amphisbêtoumenon,
hos kai allois ta gnôrismata tês alêtheias enargôs epidedeichs,(De
sacrif. 28).
Neupythagoreer und pythagoreisierende
Platoniker betonen die Transcendenz, Überweltlichkeit
Gottes.
APOLLONIUS VON TYANA unterscheidet den einen, jenseitigen
Gott von den Göttern (Euseb., Praep. ev.
IV, 13).
NIKOMACHUS bestimmt die Gottheit
als monas; (Theol. Arithm. p. 44).
Nach PLUTARCH VON CHAERONEA ist
Gottes innerstes Wesen uns unbekannt (De Pyth.
orac. 20; De Is. et Osir. 75). Gott ist Einheit
ohne Anderheit, das Seiende (De Is. et Osir.
78). Der Gottheit steht das Böse als Weltprincip
gegenüber (Platon. quaest. II, 1, 2).
NUMENIUS unterscheidet vom
höchsten Gott den Demiurg als den zweiten Gott (ho
deuteros theos) der an dem ersten teilhat
(metousia) und die Welt bildet als geneseôs archê; die Welt ist
der »dritte Gott«. - Der höchste Gott
ist Geist (nous), Seinsprincip
(ousias archê), Euseb.,
Praep. ev. XI, 22; ho theos ho men prôtos
en heautô ôn estin, haplous dia to heautô syngignomenos diolou
mêpote einai diairetos, (l.c. XI,
18, 3).
Die Neuplatoniker
bemühen sich, die Gottheit über alles endliche
Sein hinauszuheben, anderseits aber die Welt, durch Mittelwesen, aus ihr (emanatistisch)
abzuleiten.
Nach PLOTIN ist Gott das Überseiende,
Eine, Bestimmungslose, Ewige (Enn. V, 5, 3
ff.), absolut Größte (l.c.
VI, 7, 32), Übergeistige, Überweltliche
(l.c. III, 8, 8; VI, 7, 32; V, 4, 2).
Die Dinge stammen aus ihm (l.c. VI, 7, 32),
so aber, daß Gott unverändert bleibt
(l.c. III, 8, 9; V, 1, 9).
JAMBLICHUS nennt Gott den
unnennbaren Urgrund (pantê arrhêtos
archê), der noch über das hen erhaben
ist (Damasc., De princ. 43).
Nach PROKLUS ist Gott die
Ureinheit, das Urprincip (Instit. 4 ff.),
anaitiôs aition
(Plat. theol: III, p. 101 ff.), pasês
sigês arrhêtoteron kai pasês hyparxeôs agnôstote-ron
(l.c. II, 11).
BOËTHIUS bestimmt Gott
als das Eine, Gute, als Vorsehung (Cons. phil.
III).
Das Christentum faßt Gott
als den liebenden Vater auf, der durch den logos;, seinen »eingeborenen
Sohn«, in der Welt wirkt; er ist die ewige, absolutseiende, geistige,
überweltliche Persönlichkeit (vgl.
Paul., 1. Cor. 12, 6; pneuma ho theos,
Joh. 4, 24; vgl. 5, 26; vgl. HARNACK, Dogmengesch. I3, 485 f.).
Das Dogma von der Dreieinigkeit Gottes (eine Substanz
in drei Personen) wird von den Kirchenvätern
ausgebildet.
Die (häretischen) Gnostiker
unterscheiden einen höchsten
Gott (die Gottheit) und den Demiurgen
(Weltbildner, manchmal mit dem Judengott identificiert und sogar als böses
Princip aufgefaßt, als Lucifer.
BASILIDES nennt Gott
den Nichtseienden (ho ouk ôn theos),
d. h. Überseienden, VALENTINUS
die monas agennêtos, aphthartos, akatalêptos
(Hippol. VI, 29), die
Urtiefe (bythos), den
Urvater (propatôr), den teleios aiôn.
-
ARNOBIUS bestimmt Gott als
ewig, unendlich, als den »Ort« aller Dinge
(Adv. gent. I, 31); ähnlich
TERTULLIAN (Adv. Marc.
I, 23 ff.; II, 6 ff.).
Nach JUSTINUS ist Gott unnennbar
anônomastos, (Apoll.I,
63), agennêtos
(l.c. II, 6), überweltlich en
tois hyperouoaniois aei menontos, (Dial.c.
Tryph. 56). Ähnlich lehrt CLEMENS
ALEXANDRINUS (Strom.V, 11 f.) und ORIGENES
(De princ. II, 184; I, 96 ff.; I, 1).
Die Transcendenz Gottes schildert MINUCIUS
FELIX: »Parentem omnium deum nec principium
habere nec terminum..., sibi ipse pro mundo: qui universa, quaecunque sunt,
verbo iubet, ratione dispensat, virtute consummat. Hic non videri potest: visu
clarior est; nec comprehendi: tactu purior est; nec aestimari: sensibus maior
est, infinitus, immensus et soli sibi tantus, quantus est, notus«
(Octav. 18, 7 ff.).
Nach AUGUSTINUS ist der
dreieinige Gott (De civ. Dei XI, 24) das
höchste Sein (»ens realissimum«),
die Wahrheit (De ver.
relig. 57; De trin. VIII, 3), das höchste
Gut »summum bonum«, (De
trin. VIII, 4), die höchste Wesenheit
(»summa essentia«),
die höchste Schönheit und Weisheit, der Seinsgrund (De
ver. relig. 21; De lib. arbitr. II, 9 ff.; De trin. XIV, 21). Er
schuf, um Gutes zu wirken, die Welt aus nichts
(De civ. Dei XI, 21 ff.; XIV, 11; Confess. XII, 7).
Pantheistisch gefärbt oder panentheistisch ist die (an DIONYSIUS
AREOPAGITA, der Gott »esse omnium«
nennt, sich anlehnende) Lehre des JOHANN. SCOTUS ERIUGENA.
Gott ist nach ihm die Einheit des Alls, die »universitas«
(De divis. natur. II, 2), to
pan (l.c. I, 24), »totum
omnium« (l.c. I, 74), »omnium
essentia« (l.c. I, 3), »omnia
in omnibus« (l.c. I, 10).
Gott ist in allem, alles ist in Gott.
»Nam et creatura in Deo est subsistens, et Deus
in creatura mirabili et ineffabili modo creatur, se ipsum manifestans«
(l.c. III, 17). Gott
ist die Substanz der Dinge »essentiam omnium
subsistere« ( l.c. I, 72). »In
Deo immutabiliter et essentialiter sunt omnia, et ipse est divisio et collectio
universalis creaturae« (l.c. III, 1).
»Deus in se ipso ultra omnem creaturam nullo intellectu comprehenditur«
(l.c. I, 3). Gott
ist der Urgrund der Dinge, »principalis causa
omnium, quae ex ipso et per ipsum facta sunt« (l.c.
I, 11), er ist »principium, medium et finis«.
»Principium, quia ex se sunt omnia, quae essentiam participant, medium
autem, quia in se ipso et per se ipsum subsistunt omnia, finis vero, quia ad
ipsum moventur quietem motus sui, suaeque perfectionis stabilitatem quaerentia«(l.c.
I, 12). Gott ist »informe principium«
(l.c. II, 1). Er ist »super
ipsum esse« (l.c. I, 39), ein
»nihil« (l.c.
II, 28), er manifestiert sich in den Dingen
(l.c. III, 19 f.), so daß alles Sein eine
Theophanie ist
(l.c. III, 4). Durch seinen Willen geschieht alles
(l.c. I, 12). »Deus
non erat prius, quam omnia faceret« (l.c.
I, 12, 68, 74). Gott ist die »bonitas«
(l.c. I, 24). »Unum
dicitur, quia omnia universaliter est«
(l.c. III, 8). Gott ist dreieinig
(l.c. II, 31 ff.). Er weiß sich nichtwissend:
»Nescit igitur, quid ipse est, h. e. nescit se quid
esse,« »intelligit se super omnia esse« (l.c.
II, 28 f., III, 1).
AMALRICH VON BENE nennt Gott die »essentiam
omnium creaturarum et esse omnium«. »Asseruit Amalricus, ideas,
quae sunt in mente divina, et creare et creari... Dixit etiam, quod Deus ideo
dicitur finis omnium, quia omnia reversura sunt in ipsum, ut in Deo incommutabiliter
conquiescant, et unum individuum atque incommutabile in eo perma-nebunt«
(bei STÖCKL I, 290).
DAVID VON DINANT erklärt: »Manifestum
est unam solam substantiam esse, non tantum omnium corporum, sed etiam omnium
animarum, et hanc nihil aliud esse quam ipsum Deum, quia substantia, de qua
sunt corpora, dicitur hyle, substantia vero, de qua omnes sunt animae, dicitur
ratio vel mens. Manifestum est igitur Deum esse substantiam omnium corporum
et omnium animarum. Patet igitur, quod Deus et hyle et mens una sola substantia
est« (bei Alb. Magn., Sum. th. II, 72,
4, 2; vgl. HAURÉAU II, 1, p. 78, 80).
Emanatistisch ist die Lehre der Kabbalâ, sowie
die verschiedener arabischer und jüdischer Philosophen: RAZI,
AL-KINDI, AL-FÂRÂBI, IBN
SINA (Avicenna).
Nach AL-GAZALI hat Gott
einen ewigen, freien Willen.
Nach IBN ROSCHD (Averroës) ist
Gott das Weltprincip, die Urform, die Urvernunft, der Endzweck aller Dinge
(vgl. S. MUNK, Mélanges de philos. juive et
arabe 1859; DE BOER, Gesch. d. Philos.im Islam 1901). Die
Motakallimûn schreiben Gott alle Causalität
in der Welt zu (Maimon.,
Doctor. perplexor. I, 73). -
Nach IBN GEBIROL wirkt und ist Gott in allem; nach
IBN ESRA ist er das absolut Eine, das bestimmungslose
Subject; nach MAIMONIDES ebenfalls
(vgl. MUNK, Mélang., u. M. EISLER, Vorles. üb. d. jüd. Philos.
d. Mittelalt. I u. II; SPIEGLER, Gesch. d. jüd. Philos.).
Die christliche Scholastik verbindet
den evangelischen Gottesbegriff mit Platonisch-Aristotelischen Elementen.
ANSELM bestimmt Gott
als das Absolute, als das »per
se ipsum« Seiende (Monol.
1 ff.), »ens per se«, als
das denkbar Höchste »summum omnium,
quae sunt«, »id quo maius cogitari nequit«, »summum
ens«,( l.c. 1, 4, 6, 16, 26; Proslog.
2).
Nach BERNHARD VON CLAIRVAUX ist
Gott »esse omnium non materiale, sed causale«
(bei Alb. Magn., Sum. th. II, 3, 3).
ALBERTUS MAGNUS bestimmt Gott
als »causa efficiens, finalis et formalis«
(Sum. th. II, 2), »principium omnium«
(l.c. II, 72, 4), das
in allem ist »in omnibus est«
(l.c. II, 98).
Nach THOMAS
ist Gott das
Absolute, weil er das Höchste
ist, in sich besteht (Sum. th. I, 2,
1 ob. 2; I, 85, 3). Er hat Aseïtät, seine
Natur ist »per se necesse esse«
(Contr. gent. I, 80), denn
er ist die »prima causa essendi non habens
ab alio esse«(Pot. 10, Tob. 6).
Er ist zeitlos (»extra
ordinem temporis« (1 perih. 14 f.),
wirkt in allem »Deus
est in omnibus rebus, sicut agens adest ei, in quo agit intime«
(Sum. th. I, 8, 1). Gott ist die »causa
universalis essendi« (Contr. gent. II,
16). Er ist »actus purus« (l.c.
II, 8, l).
Nach DUNS SCOTUS wird
Gott aus seinen Wirkungen erkannt (Op. Ox.
I, d. 42).
R. LULLUS erklärt: »Deus
est ens, quod est summe et infinite bonum et bonitas, magnum et magnitudo, aeternum
et aeternitas, virtuosum et virtus, verum et veritas, gloriosum et gloria: habens
in se omnem perfectionem infinitam in summo absque aliqua imperfectione«
(bei STÖCKL II, 940).
Zum Pantheismus
neigt wieder
ECKHART. Nach ihm ist Gott
das »Sein der Dinge«,
zugleich »Ichts« und »Nichts«,
kein Individuum; er ist allen Dingen immanent, »weselich,
würkelich«, an sich aber eine »gruntlose substantie«,
»urgruntliche Wesenheit«, ein »insitzen in sich selber«,
ein »gewaltig instan«. Gottes
Wesen ist die »Gottheit«, der »Quell«, aus dem alles
Sein fließet.
Nach PATRITIUS ist
Gott »unomnia«.
Nach CAMPANELLA ist er das Unbegreifliche,
Überseiende (Univ. philos. VII, 6; VIII,
1; VII, 6, 1).
NICOLAUS CUSANUS nennt
Gott das Absolute »absolutum«
(Doct. ignor. II, 9). Gott
ist in allem, alles ist in ihm »sunt ab absoluto.
Omnia sunt in eo et eum in omnibus« (I.
e. I, 2). Gott ist alles in allem »quodlibet
in quolibet« ( l.c. II, 5), »actus
omnium« (l.c. II, 9), »essentia
omnium essentiarum«, die Complication aller
Dinge und die »coincidentia oppositorum«,
das »maximum« und
»mininum«,
das »possest« (Können-Sein),
die »forma essendi«,
»ratio totius universi« (Weltgrund),
das »centrum mundi« und die »infinita
circumferentia« (l.c. I, 4; I, 8; I,
22 f.; III, 1). »Tolle deum a creatura: et
remanet nihil«(l.c. II, 3). Die
Welt ist eine Entfaltung Gottes. Wir wissen Gott nur
durch »docta ignorantia«.
Nach ANDREAS CAESALPINUS
ist Gott
die Weltseele
(»anima universalis«).
GIORDANO BRUNO identificiert Gott
mit der All-Natur. Gott ist die Einheit
aller Dinge, deren Substanz, Princip, Ursache, er ist die Urmonade »monas
monadum«(De min. I, 4). Gott
lebt und wirkt in der Welt, er ist die Einheit aller Gegensätze
(De la causa..., Dial. III). Er
ist »überall und in allem ganz«
(l.c. II). Gott ist einheitlich-ganz in allen Dingen,
diese sind nur vergängliche Erscheinungsweisen des Einen. »Geradezu
nichts ist alles, was außer diesem Einen ist.« »Das eine höchste
Wesen, in welchem Vermögen und Wirklichkeit ungeschieden sind, welches
auf absolute Weise alles sein kann und alles das ist, was es sein kann, ist
in unentfalteter Weise ein Einiges, Unermeßliches, Unendliches, das alles
Sein umfaßt; in entfalteter Weise dagegen ist es in den sinnlich wahrnehmbaren
Körpern« (l.c. V).
Gott ist die Natur der Dinge.
Einen strengen, logisch bestimmten Pantheismus
lehrt SPINOZA.
Gott ist ihm das All, die ewige, unendliche Einheit, das
absolute Sein, die Substanz, die schaffende Natur (»natura
naturans«); die Einzeldinge, deren Summe
die Welt (die »natura naturata«) bildet,
sind nur »modi« der göttlichen
Substanz, die sowohl Geist (Denken) als Materie (Ausdehnung) ist. Gott ist das
Absolute, »causa
sui« , alles Geschehen folgt mit logischer
Notwendigkeit aus Gottes Wesen. Gott ist »ens
absolute infinitum, hoc est substantiam constantem infinitis attributis, quorum
unumquodque aeternam et infinitam essentium exprimit«
(Eth. I, def. VI). Er hat ein notwendiges Sein
»necessario existit« (l.c.
I, prop. XI), ist einzige Wesenheit (1.
e. I, prop. XIV), enthält alles:
»Quicquid est in Deo est, et nihil sine Deo esse neque concipi potest«
(I. e. I, prop. XV). Er
ist der Welt immanent: »Deus est omnium rerum
causa immanens, non vero transiens« (l.c.
I, prop. XVIII). »Res particulares nihil
sunt nisi Dei attributorum affectiones, sive modi, quibus Dei attributa certo
et determinato modo exprimuntur« (l.c.
I, prop. XXV, coroll.). Gott
ist die wirkende Ursache alles Geschehens (l.c.
I, prop. XVI, cor.). In Gott sind Wesen und Dasein
eins »Dei existentia unum et idem sunt«
(l.c. I, prop.
XX). Gott handelt frei und zugleich notwendig,
d.h. seiner Natur gemäß»Deus ex
solis suae naturae legibus et a nemine coactus agit« (l.c.
I, prop. XVIII).»His
Dei naturam eiusque proprietates explicui, ut quod necessario existat; quod
sit unicus; quod ex sola suae naturae necessitate sit et agat; quod sit omnium
rerum causa libera et quo modo; quod omnia in Deo sint et ab ipso pendeant,
ut sine ipso nec esse nec concipi possint; et denique quod omnia a Deo fuerint
praedeterminata« (l.c. I, append.; vgl.
De Deo I, 1 ff.).
Panentheistisch ist der Gottesbegriff bei MALEBRANCHE.
Gott ist »l'être universel«,
das All-Umfassende, der »Ort der Geister«
und der Ideen . Das Universum ist in Gott. »Dieu
voit... au dedans de lui-même tous les êtres, en considérant
ses propres perfections qui les lui représentent« (Rech.
II,5). »Dieu est tout être, parcequ'il
est infini et qu'il comprend tout, mais il n'est aucun être en particulier,
celui qui renferme toutes les choses dans la simplicité de son être«
(l.c. II, 6). »Dieu
est très-étroitement uni à nos âmes par sa présence,
de sorte qu'on peut dire qu'il est le lieu des esprits, de même que les
espaces sont en un sens le lieu des corps« (l.c.
II, 6).
FÉNÉLON erklärt:
»Dieu... est en luimême tout ce qu'il y a de réel et de positif
dans les esprits... Il n'est pas plus esprit que corps« (De
l'exist. de Dieu p. 155).
GEULINCX betont: »Sumus...
modi mentis, si auferas modum, remanet Deus« (Met.
p. 56). –
Nach J. BÖHME ist Gott
»Herz oder Quellbruun der Natur«; aus ihm rührt alles her
(Aurora C. 1, S. 22). Die
Natur ist Gottes Leib; Gott hat sich in ihr creatürlich gemacht
(l.c. C. 2, S. 31). Gott
ist »ein Geist, in dem alle Kräfte sind«. In Gott ist auch
das Böse, als»bittere Qual«, die aber »ewig währende
Kraft, Freudenquell« ist (l.c.
S. 31). Gott ist alles in Ewigkeit, »außer
ihm ist nichts« (l.c. S. 34 f.).
Das »Zornfeuer«in Gott, der Wille, ist der Grund alles Geschehens.
Der Sohn ist »das Herz in dem Vater«, von Ewigkeit immer geboren
(l.c. S. 37). Von ihm und vom Vater geht der heilige
Geist aus (l.c. S. 39). Ein
Gleichnis der Dreifaltigkeit ist der Mensch (l.c.
S. 40).
R. FLUDD unterscheidet in
Gott die Macht (»Finsternis«)
und die Weisheit
(»Licht«).
Gott ist der Seinsgrund (Philos.
mos. I, 3, 6).
ANGELUS SILESIUS sagt:
»Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht
ein Nun kann leben; Werd' ich zu nicht, er muß vor Not den Geist aufgeben«
(Cherub. Wandersm.
I, 8). Gott kommt
im Menschen zum Wissen seiner selbst (l.c.
I, 105).
Zum Emanatismus
neigen die englischen Platoniker
(H. MORE, R. CUDWORTH).
Theistisch faßt Gott
DESCARTES auf. Gott
ist nur durch die Vernunft erfaßbar (Epist.
I, 67), er ist eine geistige, allgegenwärtige
Substanz (l.c. I, 69, 72). Der
Gottesbegriff ist uns angeboren, er enthält als göttliche Eigenschaften:
Ewigkeit, Allwissenheit,
Allmacht, Vollkommenheit,
Güte und Wahrheit (Princ.
philos. I, 22). Gott
ist der Schöpfer aller Dinge, der Erhalter des Seins.
LUTHER: »Ein
Gott heißet das, wozu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht
haben in allen Nöten, also daß einen Gott haben nichts anderes ist,
als ihm vom Herzen trauen und glauben, wie ich oft gesagt habe, daß allein
daß Trauen und Glauben des Herzens machet beide, Gott und Abgott«
(Catech. maior, Erklär. d. erst. Gebot.).
HOBBES sieht in
Gott die letzte Ursache aller Dinge (Leviath.
XXI).
Nach LOCKE ist
Gott unendlicher Geist (Ess.
II, ch. 23, § 21).
LEIBNIZ nennt Gott das Absolute
(Opp. Erdm. p. 138 ff.). Gott
ist der Seinsgrund, unendlich, allmächtig, allweise, allgütig, leidloses
Wirken (»actus purus«), der
»Ort der Ideen«(»regio idearum«)
(l.c. p. 506, 678, 725), »la dernière
raison des choses« (Princ. de la nat.
et de la grâce § 7 f.). Er ist die höchste
Monade, die mit klarstem Bewußtsein das All erkennt, das sie in sich einschließt:
»Dieu contient l'univers éminement« (Gerh.
III, 72). Gott ist eine »substance nécessaire«
(Monadol. 38, Gerh. VI, 613). Er ist »principe,
cause des substances«, Schöpfer und
Herrscher, »chef de toutes les personnes
ou substances intellectuelles, comme le monarque absolu de la plus parfaite
cité ou république« (Gerh.
IV, 460). Gott ist »le plus juste, débonnaire
des monarques« (l.c. p. 461 f.).
Er ist die Ursubstanz, aus der die Monaden, die Einzelwesen,
emanieren: »Ainsi Dieu seul est l'unité
primitive ou la substance simple originaire, dont toutes les monades créées
ou dérivatives sont des productions et naissent... par des fulgurations
continuelles de la divinité« (Monadol.
47, Gerh. VI, 614).
Nach BERKELEY
ist Gott der ewige,
unendliche, vollkommene Geist, der alles in allem
wirkt, durch den alles besteht (Princ.
CXLVI), er ist der Träger und das Band aller
Dinge und Geister (l.c.
CXLVII). Er offenbart
sich uns in seinen Werken, indem er in uns die Natur als gesetzmäßigen
Zusammenhang von Vorstellungen produziert; in Gott leben, weben und sind wir
(l.c. CXLIX).
Nach G. VICO
ist Gott das
unendliche »posse, nosse,velle«.
Nach CHR. WOLF
ist Gott »ein
selbständiges Wesen, darinnen der Grund von der Wirklichkeit der Welt und
der Seelen zu finden: und ist Gott sowohl von den Seelen der Menschen, als von
der Welt unterschieden« (Vern. Ged. I,
§ 945). Gott ist das Absolute (l.c.
I, § 929, § 938; vgl. Theolog. natural.).
Nach CRUSIUS
ist Gott »eine verständige
und notwendige d. i. ewige Substanz, welche von der Welt unterschieden wird
und die wirkliche Ursache der Welt ist« (Vernunftwahrh.
§ 205).
Nach FEDER ist
Gott »dasjenige
Wesen, welches den Grund von dem Dasein in dieser Welt in sich enthält«
(Log. u. Met. S. 393 ff.),
er ist der vollkommenste Geist (l.c. S. 404
ff.). -
HOLBACH erklärt, Gott
sei nur »la nature agissante, ou la somme
des forces inconnues qui animent l' univers« (Syst. de la nat.
II, 6).
Eine pantheistische
Gottesauffassung hat GOETHE.
Ihm ist Gott das Ewige im
Wechsel der Dinge (WW. XXXIV, 207),
die der Natur immanente schöpferische Kraft; die
Natur ist »der Gottheit lebendiges Kleid«.
Gott ist unpersönliche Weltseele
(l.c. II, 224; III, 268). -
KANT versteht unter Gott ein
Wesen, das durch Verstand und Wille die Ursache der Natur ist (Kr.
d. pr. Vern. I. T1., II. B., 2. Hptst. V). Der
Gottesbegriff ist kein theoretischer, sondern gehört zur Moral, d.h. er
wird durch die Moral gefordert. Gott wird als vollkommenstes Wesen gedacht,
indem wir den Gottesbegriff »aus der Idee« haben, »die
die Vernunft a priori von sittlicher Vollkommenheit entwirft und mit dem Begriffe
eines freien Willens unzertrennlich verknüpft« (WW.
IV, 257). Zwar ist Gottes Wesen an sich unbekannt,
aber wir müssen ihn uns als unendlichen Geist und Willen denken
(WW. VI, 476).
Dem »moralischen Theismus« zufolge,
welcher »kritisch« ist, steht Gottes
Existenz zweifellos fest; Gott muß allwissend,
allmächtig, heilig und gerecht sein
(Vorles. üb. d. philos. Religionslehre, hrsg. von Pölitz, 2. A. 1830,
S. 31 ff.). Rein theoretisch genommen ist das »Ideal
des höchsten Wesens« »nichts anderes als ein regulatives Princip
der Vernunft, alle Verbindungen in der Welt so anzusehen, als ob sie aus einer
allgenugsamen notwendigen Ursache entspränge« (Kr.
d. r. Vern. S. 486).
JACOBI glaubt an einen persönlichen, von
der Welt verschiedenen Gott (Von
den göttl. Dingen 1811).
KRUG meint: »Das
höchste Wesen heißt die Gottheit oder Gott,
weil es das Gute in höchster Potenz und gleichsam personificiert ist«
(Handb. d. Philos. I, 74). Gott
ist das »allervollkommenste Urwesen«, der Schöpfer der Welt
(l.c.II, 362 ff.).
Von J. G. FICHTE
an beginnt eine (qualitativ verschiedene) pantheistische
Auffassungsweise Platz zu greifen. Fichte selbst
betrachtet Gott als die (active
»sittliche Weltordnung« (»ordo
ordinans«), als absolutes, unendliches Ich,
als absolute, freie, vernünftig-sittliche Tätigkeit (WW.
V, 182 ff., 210 ff.), später als ein Sein.
SCHELLING bestimmt als
das Princip das »Absolute«, die »Indifferenz«
aller Dinge, die »Identität« von
Subjekt und Objekt, von Natur und Geist; es ist ein ewiges Produzieren
(Id. zu e. Philos. d. Nat. I2, S. 71 ff.). Das
Absolute ist Gott als »ein solches, welches sich selbst absolut affirmiert
und also von sich selbst das Affirmierte ist« und das »unmittelbar
durch seine Idee auch ist« (WW. I 6,
148 f.). Durch intellectuale
Anschauung wird Gott unmittelbar erkannt (l.c.
S. 150 f., 153 f.). »Gott und Universum sind
eins oder nur verschiedene Ansichten eines und desselben. Gott ist das Universum,
von der Seite der Identität betrachtet, er ist alles, weil er das allein
Reale, außer ihm also nichts ist« (WW.
I 4, 128). In der Natur und in der Geschichte offenbart
sich Gott (Syst.
d. tr. Ideal. S. 439). Als Vorsehung wird Gott
erst ganz sein (l.c. S. 441). Später
wird Schellings Gottesbegriff
ein mehr theistischer. Gott ist nun »lebendige
Einheit von Kräften«, »Persönlichkeit«, »Geist
im eminenten und absoluten Verstande« (WW.
I 7, 395 ff.). Gott
ist »die Ursache, die allgemein und im ganzen Weltprozeß
zunächst dem Subjectiven über das Objective, entfernter also dein
Idealen über das Reale den Sieg verleiht« (WW.
I 10, 265). Gott hat »drei
Angesichte«, in ihm sind drei Momente, Formen, deren Einheit er
ist (l.c.
S. 245 ff.). Gott
ist aber nicht nur im Weltprozeß, sondern
er ist die Potenz vor und zu aller Tätigkeit (l.c.
S. 252 f.). In Gott ist ein »Urgrund«.
Nach HEGEL
ist das Absolute
die Weltvernunft, der ewige dialektische Proceß, der zum Selbstbewußtsein
des Absoluten führt (Encykl.
§ 87; Log. III, 327; Phänom. S. 16).
Gott ist »der
lebendige Prozeß, sein Anderes, die Welt, zu setzen« (Naturphilos.
S. 22). In der »absoluten
Religion« manifestiert sich Gott als
absoluter Geist (Encykl.
§ 564). »Gott ist nur Gott, insofern
er sich selber weiß; sein Sich-wissen ist ferner sein Selbstbewußtsein
im Menschen, und das Wissen des Menschen von Gott, das fortgeht zum Sich-wissen
des Menschen in Gott« (l.c. S. §
564). »Daß der Mensch von Gott weiß,
ist nach der wesentlichen Gemeinschaft ein gemeinschaftliches Wissen, d. i.
der Mensch weiß nur von Gott, insofern Gott im Menschen von sich selbst
weiß« (WW. XII, 496).
Das göttliche
Wesen stellt sich dar: »a) als in seiner
Manifestation, bei sich selbst bleibender, ewiger Inhalt; b) als Unterscheidung
des ewigen Wesens von seiner Manifestation, welche durch diesen Unterschied
die Erscheinungswelt wird, in die der Inhalt tritt; c) als unendliche Rückkehr
und Versöhnung der entäußerten Welt mit dem ewigen Wesen, das
Zurückgehen desselben aus der Erscheinung in die Einheit seiner Fülle«(Encykl.
§ 566).
Von den Hegelianern nimmt
die sog. »Rechte« einen
theistischen oder vermittelnden Standpunkt ein (GABLER,
HINRICHS, GÖSCHEL, K. ROSENKRANZ, VATKE, SCHALLER u. a.). –
Nach SCHLEIERMACHER
ist Gott die »volle Einheit« der Welt,
Gott und Welt sind Correlate (Dial. S. 162,
165, 16l, 432 ff., 476). Das Absolute ist die »reine
Identität« von Sein und Denken (l.c.
S. 326), ist ewiges Leben (l.c.
S. 531), aber unpersönlich (1.
e. S. 525 f., 599). »Jedes einzelne Sein
ist als solches eine bestimmte Form des Seins der absoluten Identität,
nicht aber ihr Sein selbst, welches nur in der Totalität ist«
(WW. I 1, 131)
.
SCHOPENHAUER bestimmt
das (ungöttliche) Absolute als (alogischen) Willen.
Nach E. V. HARTMANN
ist Gott unbewußter Geist, unpersönlich
(Relig. d. Geist. S. 161), die
Substanz der Dinge, welche zwei Attribute hat: Idee und Willen, Logisches und
Alogisches (Kategorienlehre S. 538 ff.).
Gott ist Einheit in der Vielheit, Vieleinheit »concreter
Monismus« (S. Mon.).
So auch A. DREWS. Nach
R. HAMERLING ist Gott
das allgemeine Sein (Atomist.
d. Will. I, 126).
SCHELLWIEN betont:
»Der wahre Pantheismus ist die Einheit, die in der
Vielheit nicht aufhört, die Einheit zu sein« (Wille
u. Erk. S. 94).
H. SPENCER bezeichnet das
göttliche Absolute als »unknowable«,
als absolut transcendent, wenn auch in der Welt sich manifestierend.
Nach D.
F. STRAUSS ist
Gott nicht Person, sondern das Unendliche, das in den Individuen sich personificiert
(Der alte u. d. neue Glaube).
M. MESSER faßt
Gott als »Allseele«
auf (Mod. Seele S. 41).
Bald theistisch, bald vermittelnd,
panentheistisch, stellt sich der Gottesbegriff
bei folgenden Denkern dar. Zunächst bei der Hegelschen
»Rechten«(s. oben). Ferner
in der französischen »theologischen Schule«
(DE BONALD, J. DE MAISTRE, LAMMENAIS).
Dann bei BENEKE,
dem Gott unendliche Person ist, ferner
bei HERBART, STEFFENS,
TROXLER, CHR. WEISSE,
dem Gott selbstbewußte Urpersönlichkeit ist
(Phil. Dogm. I, 336 ff.), CHALYBAEUS
(Syst. d. Wiss. S. 285), BRANISS (Syst.
d. Met. S. 170 ff.), MICHELET (Vorles.
üb. d.Pers. Gott. S. 160 f), WIRTH, TRENDELENBURG,
DROBISCH (Religionsphilos.
1878), W. ROSENKRANTZ u. a.
Nach HILLEBRAND ist
Gott absoluter Geist, der
allen Substanzen übergeordnet ist (Philos.
d. Geist. I, 69). Gott ist eine Substanz, welche
alle endlichen Substanzen in der Einheit ihres Systems auf sich bezieht (l.c.
II, 321), er ist absolute
Subjectivität (ib.), den
einzelnen Dingen gegenüber transcendent, aber immanent dem System des Seins
(l.c. S. 322). Gott
hat Bewußtsein, Selbstbewußtsein, Persönlichkeit
(l.c. S. 325 f.). Er
ist nicht ohne die Welt, sondern in ewiger Selbstbeziehung auf sie (l.c.
S. 327).
Nach HEINROTH
ist Gott
die »Urkraft«,
er ist Einheit von Wille und Gedanken, der Schöpfer der Welt aus nichts
(Psychol. S. 194 ff., 203).
Eine »Alleinheitslehre«
begründet CHR. KRAUSE.
Ihm ist Gott
(»Wesen«) eine die Welt einschließende
Einheit, ein »Vereinwesen von Selbheit und Ganzheit«,
unendliche, absolute, selbstbewußte Persönlichkeit
(Vorles. üb. d. Syst. d. Philos. II, 46; Rechtsphilos.
S.14 ff., 16, 22; vgl. Religionsphilos.). So
auch AHRENS (Naturrecht
I, 316).
F. BAADER bestimmt Gott
als formende, »aktuose«
Einheit, lebendige
Tätigkeit (WW. I, 195 ff.). Gott,
Sohn, Heiliger Geist bilden einen
»Ternar«; der Sohn entfaltet sich aus der Selbstanschauung
des Vaters zum Geist. In Gott ist eine ewige Natur (WW.
I, 226).
Nach GÜNTHER denkt
sich Gott selbst und setzt sich damit selbst, unterscheidet
sich von sich und verbindet in sich die drei Personen zu einem Selbstbewußtsein.
Die Welt ist eine Entgegensetzung, die Gott sich erschaffen.
Einen »konkreten Theismus« lehrt
J. H. FICHTE. Gott
ist eine transzendente, die Welt in sich einschließende Einheit,
schöpferisches Denken, er hat Selbstbewußtsein und Persönlichkeit
(Specul. Theol. S. 77 ff., 160; Psychol.
II, 28 f., 82).
Ähnlich ULRICI,
dem Gott
die geistige, unterscheidende, schöpferische, bewußte, freie
Urkraft ist
(Gott u. d. Nat. S. 554 ff.; vgl. Log. S. 56), das
»Prius alles andern Seins« (ib.).
Nach LOTZE ist
Gott ein unendlich Tätiges, das allen Dingen zugrunde
liegt, aber bewußter absoluter Geist ist, Persönlichkeit, die alles
in sich einschließt, lebendiger Gott ist (Mikrok.
III2, 545 ff., 559 ff., 571 ff.; vgl. Gr. d. Religionsphilos.).
Einen »transzendenten
Pantheismus« vertritt FORTLAGE.
Panentheistisch ist die Lehre FECHNERS.
Gott ist ein unendlicher
Geist, der alle
Veränderungen in sich einschließt (Üb.d.
Seelenfr. S. 117). Sein Leib ist die Welt
(l.c. S. ll8). Gott ist
der »Allgeist«, der alle anderen Geister
einschließt, umfaßt (Zend-Avesta
I, 202), er ist »ein einiges, höchst
bewußtes, wahrhaft allwissendes, d. i. alles Bewußtsein der Welt
in sich tragendes und hiermit auch das Bewußtsein aller Einzelgeschöpfe
in höheren Bezügen und höchster Bewußtseinseinheit verknüpfendes
Wesen« (l.c. II, 181; I, 258 f.).
»Es ist ein Gott, dessen unendliches und ewiges
Dasein das gesamte endliche und zeitliche Dasein nicht sich äußerlich
gegenüber noch äußerlich unter sich, sondern in sich aufgehoben
und untergeordnet hat« (Tagesans.S. 65).
Er »sieht mit dem Lichte
und hört mit dem Schalle seiner Welt alles, was in der Welt ist und geschieht«
(ib.).
Ähnlich K. LASSWITZ,
BR. WILLE u. a.
Nach PAULSEN
ist Gott »die
Einheit alles Geistigen«. »Der unendliche
Inhalt des göttlichen Wesens ist für unser Erkennen transzendent«
(Syst. d. Eth. I5, 207).
M. CARRIERE betrachtet
Gott als »Einheit in
der Allheit«, als »Ich des Universums«,
als freien Geist, Persönlichkeit; er waltet in allen Geistern, diese sind
»seine einzelnen Willensakte, die sich in ihm zur
Selbständigkeit erheben, weil er nach seiner Freiheit nur in freien Wesen
offenbar werden kann« (Ästh.
I, 46; Die sittl. Weltordn.).
Einen christlichen Theismus
lehrt THRANDORFF.
Nach O. PFLEIDERER ist
Gott absoluter Geist, Persönlichkeit, das
absolute Ich, welches die Welt einschließt
und in ihr vernünftig wirkt (Religionsphilos.).
Ähnlich R. SEYDEL
(Die Relig. 1872), KIRCHNER
(Metaph. 1880), G.
TIEHLE.
Nach SIGWART
ist Gott der
Weltgrund, die »reale
Macht eines zwecksetzenden Wollens« (Log.
II, 758).
Nach KAFTAN ist
Gott »die höchste
Energie des persönlichen Willens« (Christent.
u. Philos. S. 12). –
VOLKELT sieht in
Gott das unendliche All-Eine. Die
Welt weist darauf hin, daß im Absoluten ein »Prinzip
der Negation und Verkehrung innewohne«(Ästh.
d. Trag. S. 430). »Einerseits ist die Welt
in der Vernunft, im Sein-sollenden, im Positiven gegründet. Aber zugleich
hat das ewig Vernünftige, Sein-sollende, Positive es ebenso ewig mit seinem
Gegenteil zu schaffen,es leidet am Irrationellen, Nicht-sein-sollenden, Negativen,
und es trägt das Gepräge dieses Leidens« (l.c.
S. 432). Das Absolute gleicht dem tragischen Helden, der es »in
seinem eigenen Innern mit einer herabzerrenden Gegenmacht zu tun hat«(l.c.
434).
Nach G. SPICKER
ist Gott Grund und Zweck der Welt
(Vers. e. n. Gottesbegr. S. 160), er
hat Wissen, Vernunft, Bewußtsein (l.c.
S. 150 f.), ist nicht einfach, aber die Einheit
von Geist und Materie (1.
G. S. 153), hat Persönlichkeit (l.c.
S. 263). Die Natur ist nicht Gott, aber göttlicher
Art (l.c. S. 150). Gott
ist »causa eminens« (l.c.
S. 125). In Bezug
auf sich hat er keinen Willen (l.c. S. 150
f.).
WUNDT bestimmt Gott als
»schöpferischen Willen«, höchsten
Gesamtwillen (Eth.2,
S. 462), den absolut transzendenten Weltgrund
(Syst. d. Philos.2, S. 668 ff.), als
den dem Weltinhalt adäquaten Grund, der als übergeistig, übersittlich,
als die transcendente Einheit von Natur und Geist gedacht wird (l.c.
S. 392 ff.). Zu Gott
führen die kosmologischen und ontologischen Ideen.
Gott wird durch die letzteren als »Weltwille«, die Weltentwicklung
als Entfaltung des göttlichen Willens und Wirkens in der Welt bestimmt;
die Welt ist, (wie bei LESSING), in Gott, nimmt
an ihm teil, ohne daß die Einzelwillen ihre Selbständigkeit einbüßen
(l.c. S. 433 f.).
Als Weltwillen faßt
Gott W. JERUSALEM
auf (Urteilsfunct.).
Nach REINKE
ist Gott »ein
Symbol für die Summe jener intelligenten und gestaltenden Kräfte,
die transcendent und immanent zugleich sind, aus der Transzendenz die Immanenz
erzeugend« (Welt als Tat, S. 464).
Einen Panentheismus
vertritt W. v. WALTHOFFEN
(Die Gottesidee).
HÖFFDING
erklärt: »Von einem rein theoretischen
(erkenntnistheoretisch-metaphysischen) Standpunkt aus kann der Gottesbegriff
nur das Princip der Continuität, mithin der Verständlichkeit des Daseins
bedeuten. Von einem religiösen Standpunkt aus bedeutet Gott - als Object
des Glaubens - das Princip der Erhaltung des Wertes durch alle Schwankungen
und alle Kämpfe hindurch, - wenn man so will, das Princip der Treue im
Dasein« (Religionsphilosoph. S. 120).
Gott ist ein Einheitsprinzip,
das allem Zusammenhange der Dinge zugrunde liegt (I.
e. S. 51).
A. DORNER faßt
Gott als Substanz,
absoluten, selbstbewußten Geist, der über die Welt erhaben und zugleich
ihr immanent, Einheit von Vernunft und Wille ist (Gr.
d. Religionsphilos. S. 27 ff.). -
MONRAD betrachtet Gott
als sich selbst denkenden Gedanken (Arch.
f. system. Philos. II, 205), BOSTRÖM
als absolute Persönlichkeit.
RENOUVIER erklärt:
»Dieu est la conscience morale parfaite, c'est-à-dire
la souveraine justice, et la souveraine bonté qui veut la justice et
qui la fait« (Nouv. Monadol. p. 460).
Gott ist »la
personne parfaite« (l.c. p. 401)
Nach EMERSON
ist Gott die »Überseele«.
Naturalistisch oder atheistisch
sind die religionsphilosophischen Auffassungen
verschiedener Denker.
Nach L. FEUERBACH
ist Gott
das menschliche Wesen, das
der Mensch aus sich heraus projiciert, das offenbare
Innere des Menschen, ein »Wunschwesen«
(WW. VII, 39 ff.). Die
Götter sind »die
verwirklicht gedachten Wünsche der Menschen« (WW.
VIII, 257; IX, 56 ff.). Das Absolute ist die Natur.
A. COMTE will als Gottheit (»grand
être«) die Menschheit verehrt wissen.
M. STIRNER ist absoluter Atheist.
Atheistisch denken auch BAHNSEN, MAINLÄNDER,
E. DÜHRING, L. BÜCHNER, E.
HAECKEL, der unter Gott
nur »die unendliche Summe aller Naturkräfte«
versteht (Der Monism. S. 33; Die Welträtsel),
NIETZSCHE, dem die
Existenz eines Gottes
ein unerträglicher Gedanke ist (WW. XV,
315). Unter »Gott«
kann man nur die Kulmination des »Willen
zur Macht« verstehen (l.c. XV,
318 f.). -
Absolut
(absolutus) S.
15ff.
Siehe auch bei Kirchner
losgelöst von jeder Bestimmtheit, jeder Verbindung,
jeder Abhängigkeit; in und durch sich bestehend, uneingeschränkt,
beziehungs- und bedingungslos, unbedingt, in jeder Beziehung.Gegensatz:
relativ .
»Absolut« entspricht dem kath'
hauto (an sich) bei
PLATO, ARISTOTELES,
PLOTIN.
Bei den Scholastikern bedeutet
»absolutum« das
»purum«, »sine ulla conditione«,
»non dependens ab alio« (GOCLEN,
Lex. phil. p. 9).
Gott
wird das »absolutum«
genannt von NICOLAUS
CUSANUS (Doct. ignor. II, 9).
Bei SPINOZA u. a. finden wir
den Gegensatz von »absolute« und »respective«
(Cog. met. I, 6, P. 60).
COLLIER gebraucht das Wort
im Sinne von independent (Clav.
univ. p. 2).
Nach TETENS ist
absolut, »das
auf nichts anderes sich Beziehende, das Unbezogene« (Phil.
Vers. I. 145).
Zur Zeit Kants bedeutet
absolut »daß
etwas von einer Sache an sich selbst betrachtet und also innerlich gelte«
oder »daß etwas in aller Beziehung
(uneingeschränkt) gültig ist« (Kr.
d. r. V. S. 281).
Bei J. G. FICHTE heißt
absolut so viel wie »gänzlich
unbeschränkt«, »schlechthin« (Gr.
d. g. Wiss. S. 97). Er spricht
von einem absoluten Ich
.
Von SCHELLING an wird »das
Absolute« für den Urgrund der Dinge, die Gottheit, häufig
gebraucht.
SCHOPENHAUER eifert gegen
diesen Gebrauch, das Wort bezeichne nichts als das »An-nichts-geknüpft-sein«
(Neue Paral. § 96).
Als absolut wird
Gott übrigens schon von THOMAS
»Absolutum, secundum quod in se est« (Sum.
th. I, qu. 85, 3), ferner
auch von LEIBNIZ (Erde.
p. 138 ff.) bezeichnet.
CHR. WOLF definiert
das Absolute als »dasjenige Ding, welches den Grund
seiner Wirklichkeit in sich hat und also dergestalt ist, daß es unmöglich
nicht sein kann«, d.h.ein »selbständiges
Wesen«, das »von allen Dingen unabhängig ist«
(Vern. Ged. I, § 929, § 938).
Vgl.
Gott.
Achamoth
S. 36 Siehe
auch bei Kirchner
= die niedere Weisheit
im System des Gnostizismus.
Agnostizismus
S. 62f.
Ansicht, daß es von dem an sich Seienden, von den
Dingen an sich, den transzendenten Faktoren, vom Absoluten
kein Wissen gebe und geben könne - die Kehrseite zum Positivismus,
Relativismus, Subjektivismus.
Das »Ignorabimus«
DU BOIS-REYMONDs
(Üb. d. Grenzen d. Naturerk. 7, S. 40 ff.)
kennzeichnet diesen Standpunkt.
Das Wort »Agnostiker«
(»Agnoëten«) kommt, als Bezeichnung
für die »Monophysiten«, schon
in der Kirchengeschichte vor.
HUXLEY setzt das
Wort »Agnostiker« dem Terminus
»Gnostiker«
entgegen. »Der Agnostizismus
ist in Wirklichkeit kein Glaubensbekenntnis, sondern eine Methode, deren Kern
in der strengen Anwendung eines einzigen Grundsatzes liegt....
Positiv läßt sich der Grundsatz so ausdrücken:
in Verstandesdingen folge deiner Vernunft, soweit sie dich eben trägt,
ohne einer andern Erwägung ein Ohr zu leihen.
Und negativ: in Verstandesdingen gib Folgerungen, die weder nachgewiesen noch
nachweisbar sind, nicht für sicher aus« (Sociale
Essays XXXV).
Agnostiker nennen sich auch CH.
DARWIN und CARNERI (Empf.
u. Bew. S. 28).
H. SPENCER, nach welchem das Absolute unerkennbar
ist, lehrt einen »agnostischen Monismus«
(PAULSEN, Einl. in d. Phil.).
Metaphysisch sind Agnostiker auch
die Kantianer (z.B.
F. A. LANGE) und
Positivisten (auch
R. WAHLE).
All
(to pan) S.68f.
Siehe
auch bei Kirchner
zum Unterschied von holon:
ARISTOTELES,
Met. V 26, 1024a 38, Stoiker
(Plut., Ep. II): das Weltganze,
Universum, der Inbegriff des Seienden.
Allbeseelung S.69
siehe: Panpsychismus.
Allbewusstsein
S.69
das göttliche Gesamtbewusstsein (FECHNER,
PAULSEN,
auch WUNDT, RÜLF u. a.).
Alleinheit
(hen kai pan) S.69
Siehe
auch bei Kirchner
das als göttliche Einheit gedachte All der Dinge
bei XENOPHANES (Simpl.,
Arist. Phys. fol. 56, Diels, p. 22), PATRITIUS
(»Un-omnia«, Panarch. 7)
und den Pantheisten.
Allgegenwart
(omnipraesentia) S.69f.
Siehe auch bei Kirchner
und den Bonus-Themen
Eigenschaft
Gottes, bezeichnet
dessen Sein
und Wirken in allem und jedem,
dessen Unabhängigkeit vom Raume.
Allheit
(Totalität) S.
90 Siehe
auch bei Kirchner
ist, nach KANT, »Vielheit
als Einheit betrachtet«
(Kr. d. r. V. S. 99).
Allmacht
(omnipotentia) S.90
Siehe auch bei Kirchner
und den Bonus-Themen
das unbedingte Können
Gottes,
die unbeschränkte Verwirklichungsmöglichkeit
des göttlichen Willensinhaltes.
Allweisheit/Allwissenheit
(omniscientia) S.91
Siehe auch bei Kirchner
und den Bonus-Themen
das unmittelbare
unendliche
Wissen
Gottes um den
Weltinhalt (vgl.
FECHNER, Zendav. I, 258)
Altruismus (von
alter, der andere) S.92ff.
Siehe auch bei
Kirchner
Gegensatz zum Egoismus,
zur Selbstsucht,
bedeutet Uneigennützigkeit, Denken
an und Handeln für anderer Wohl, Selbstaufopferung
im Sinne des Christentums.
Auch SENECA erklärt:
»alteri vivas oportet, si vis tibi vivere«
(Ep. 48, 2; vgl. 60, 4).
Der Terminus »Altruismus«
stammt von COMTE,
der im Altruismus die Bedingung
aller Kultur und Sittlichkeit erblickt.
Den Altruismus als ethisches
Prinzip vertreten in verschiedener Weise
CUMBERLAND, SHAFTESBURY, HUTCHESON,
BUTLER, PALEY, HUME,
A. SMITH, LEIBNIZ,
CHR. WOLF u. a.
H. SPENCER nennt altruistisch
jede Handlung, »welche im normalen
Verlauf der Dinge anderen Nutzen schafft statt dem Handelnden selbst«
(Pr. of moral. § 76).
Der
Altruismus ist ebenso ursprünglich
wie der Egoismus
(ib.). Übertriebener
Altruismus ist schädlich (l.c.
§ 73f.).
Nach LIPPS
ist Altruismus
»das Abzielen auf Verwirklichung fremder
Güter, d.h. auf Verwirklichung solcher sachlicher Werte, d.h. anderen Befriedigunggewähren«
(Eth. Gr. S.11).
Der Altruismus ist etwas
Ursprüngliches, er beruht auf natürlicher
Sympathie, auf der inneren Einheit meiner selbst mit fremden Persönlichkeiten,
von denen ich weiß (l.c. S. 15
ff., 23).
Nach SIMMEL ist der
Altruismus ein
vererbter Instinkt (Einl. in d. Mor.
I, 92), er ist
»Gruppenegoismus« (I,
113, wie IHERING).
Nach O. AMMON entspringen
die altruistischen
(sozialen) Triebe dem
Schutztriebe (Gesellschaftsordn.
S. 67).
P. RÉE erklärt:
»Nachdem der Instinkt, die Nachkommenschaft
zu lieben, durch Auslese und Vererbung seine Stärke erlangt hatte, zweigte
sich von ihm durch Ideenverknüpfung der Nächstenliebeinstinkt ab«
(Philos. S. 14).
A. MEINONG nennt ein Begehren altruistisch,
»wenn dabei das Wohl des andern als solches
entscheidend ist«(Werttheor. S.
99); es ist »selbstisch-altruistisch«
(z.B. Familienliebe) oder
»unselbstisch-altruistisch«
(allgemeine Menschenliebe) (l.c.
S. 103).
Nach WUNDT
ist der Altruismus
erst im Dienste der Idee sittlicher Entwicklung
sittlich.
H. CORNELUS betont: »nur
die Rücksicht auf das dauernd Wertvolle, nicht aber die Rücksicht
auf die einzelnen Gefühlserlebnisse darf für unser Handeln ausschlaggebend
sein« (Einl. in die Phil. S. 351
f.). Ein Gegner des schwächlichen
Altruismus ist NIETZSCHE
Analogie
(analogia) S. 96f.
Siehe auch bei Kirchner
Proportionalität, Ähnlichkeit, Gleichheit
der Beziehungen, Übereinstimmung.
So bei ARISTOTELES (Eth.
Nic. V 6, 1131 a 31; Phys. IV 8, 215 b 29). So
auch bei QUINTILIAN.
Die Scholastiker
unterscheiden »analogia proportionis«
und »analogia attributionis«.
TETENS definiert
Analogie als »Einerleiheit
in den Verhältnissen der Beschaffenheit« (Phil.
Vers. I, 20).
Analogie ist nach
KANT »eine vollkommene
Ähnlichkeit zweier Verhältnisse zwischen ganz unähnlichen Dingen«
(WW. IV, 106).
Nach LIPPS sind Analogien
»Urteilsübertragungen oder Übergänge einer Vorstellungsnötigung
von Ähnlichem auf Ähnliches« (Gr.
d. Seel. S. 459).
HÖFFDING bestimmt
die Analogie als »qualitative
Beziehungsgleichheit« (Relig. S. 63).
JERUSALEM: »Oft
erweckt eine Beziehung zwischen Vorstellungen den Gedanken an eine früher
bemerkte ähnliche Beziehung. Die Identifikation solcher Beziehungen nennen
wir Analogie« (Lehrb. d. Psych.3, S.
79).
Dass die Analogie allem poetischen
und philosophischen Schaffen, ja schon unserer naiven Weltkonzeption zugrunde
liegt, betont besonders A. BIESE. »Was
wir an uns und in uns erleben, gibt uns den Maßstab für alles von
außen auf uns Eindringende«(Ph.
d. Metaph. S. 72). Die Analogie,
das »Metaphorische«, baut
die Brücke zwischen Außen- und Innenwelt
(l.c. S. 74). Diese
Nötigung, unser Innensein auf die Dinge der Außenwelt zu übertragen,
ist das Metaphorische im engeren Sinne, das Anthropozentrische, ein Gesetz unserer
seelischen Organisation (l.c. S. 218). So
ist denn auch die Sprache metaphorisch (l.c.
S. 40; so auch NIETZSCHE,
MAUTHNER).
Vergleiche Introjektion,
Analogieschluss.
Analogieschluss
S. 98f. Siehe
auch bei Kirchner
ist ein »Schluss per
analogiam« (»ratiocinatio per analogiam«),
d.h. von der Übereinstimmung zweier Objekte in mehreren wesentlichen Punkten
auf die Gleichheit oder Ähnlichkeit auch in anderen Merkmalen. –
Als paradeigma kommt diese Schlussart schon bei
ARISTOTELES (Anal.
pr. II, 24; Rhet. I, 2, 1357 b 25 sq.) vor. Ferner
als syllogismos kata to analogon in der pseudogalenischen
Eisagôgê (Prantl,
G. d. L. I, 608), nachdem THEOPHRAST
mit diesem Terminus einen Schluss
aus hypothetischen Prämissen bezeichnet hatte
(l.c. I, 381, 391).
Das paradeigma kommt als »exemplum.« bei
BOËTHIUS
vor (Opp.
p. 864).
Die Epikureer sehen im
Analogieschluss (ho
kata, tên homoiotêta tropos) den
Weg von den Erscheinungen zu dem Unbekannten (vgl.
GOMPERZ, Herculan. Stud.h. 1).
HUME rechnet die Analogieschlüsse
zu den Wahrscheinlichkeitsschlüssen
(Treat. III, sct. 12),
WUNDT zu den Subsumtionsschlüssen
(Log. I, 309). Vgl. HAGEMANN, Log. u. Noet. S. 104 ff.
Anderssein
S.106
bei HEGEL, ein
Ausdruck für die Natur als äußere Form, Veräußerlichung
der Idee, des Absoluten.
»Die Negation, nicht mehr das abstracte Nichts,
sondern als ein Dasein und Etwas, ist nur Form an diesem, sie ist als Anderssein«
(Encykl. § 91).
Animismus:
S.116f.
1) der Glaube an Seelen,
Geister in Menschen und Naturobjecten als primitive Religion.
2) Ansicht, daß die Seele
(das Seelische) das Princip des Lebens und Lebendigen
sei.
Diese Auffassung findet sich bei den ionischen
Naturphilosophen (s.
Hylozoismus), bei ARISTOTELES (s.
Seele), den Stoikern (s.
Pneuma), bei den Scholastikern.
In der Renaissance-Philosophie
wird das Leben auf einen »spiritus«,
»archeus« u. dgl. zurückgeführt,
so von PARACELSIUS, AGRIPPA
VON NETTESHEIM, VAN HELMONT, CARDANUS,
TELESIUS u. a.
Auch LEIBNIZ vertritt
den Animismus.
Vorzugsweise heißt Animismus
die Lehre des G. E. STAHL,
der die Seele als
Bildnerin des Leibes betrachtet. »Corpus
hoc verum et immediatum animae organon.... Anima praesens omnium actuum in homine«
(Disqu. de mech. et organ. div. p. 44). Ähnliche
Lehren in der SCHELLINGschen
Naturphilosophie. –
WUNDT versteht unter Animismus
»diejenige metaphysische Anschauung, welche,
von der Überzeugung des durchgängigen Zusammenhangs der psychischen
Erscheinungen mit der Gesamtheit der Lebenserscheinungen ausgehend, die Seele
als das Princip des Lebens auffaßt«.
Die Seele ist nach ihm eins mit dem Lebensprincip, Leben und Beseelung sind
Wechselbegriffe; die physische Entwicklung ist schon die Wirkung der psychischen
Entwicklung.
An-sich
S.47 Siehe
auch bei Kirchner
= dem eigenen Sein nach, unabhängig vom erkennenden
Bewußtsein und dessen Formen, in metaphysischer Wirklichkeit und Wahrheit.
Gegensatz: Erscheinung, Für-uns-sein,
Objektivation. Das »An-sich«
der Dinge = der jeder Erscheinung zugrunde
liegende, »transzendente«
Faktor.
Der Gegensatz von »An sich«
(svagam-bhu) und Erscheinung
findet sich schon in der indischen Philosophie.
DEMOKRIT lehrt, die Atome
seien in Wahrheit, an sich (eteê),
die Sinnesqualitäten nur in unserer Meinung (nomô).
Die Scholastiker unterscheiden
das »esse in re« (dingliche Sein) vom
»esse in intellectu« (Gedachtsein).
Nach DESCARTES erfahren
wir durch die Sinne nicht, wie die Dinge »in se
ipsis« sind
(Pr. phil. II, 3).
MALEBRANCHE spricht geradezu von den »choses
en elles-mêmes« (Rech.
I, préf.); so
auch FÉNELON (De
l'ex. d. Dieu p. 195 ff.).
SPINOZA versteht unter der
»intuitiven« Erkenntnis ein Erfassen des Wesens der Dinge,
während die »imaginatio« uns die
Dinge von einem beschränkten Standpunkt aus zeigt
(Eth. II, prop. XL, schol. II).
LEIBNIZ stellt die Verstandeserkenntnis der Dinge
ihrer bloß »verworrenen« Vorstellung
durch die Sinne gegenüber.
BONNET: »chose
en soi« - »ce que la chose parait être« (»chosepar
rapport à nous«) (Ess.
d. Psych. C. 36).
LAMBERT: »Die Sache
an sich« - die Sache, »wie wir sie
empfinden, vorstellen« (Organ.
Phän. I, § 20, § 51).
KANT bringt den Gegensatz von
»Ding an sich« und »Erscheinung«
zu fundamentaler Bedeutung. »An sich«
ist nach ihm das Sein, unabhängig sowohl von den Anschauungsformen als
auch von den Formen des Denkens, es ist das positiv durchaus Unbestimmbare,
Unerkennbare, nicht bloß ein »ens rationis«
gegenüber den Sinnesobjecten. Später wird diese Bedeutung des
»An-sich« beibehalten (Neukantianer,
die teilweise ein An-sich negieren, nur Bewußtseinsinhalte kennen) oder
dahin modificiert, daß als »An sich«
das vom erkennenden und wollenden Subjecte unabhängig Existierende betrachtet,
aber doch auf positive Weise etwa analog dem eigenen Ich bestimmt wird (z.B.
WUNDT).
Im Sinne SCHELLINGs meint u. a.
CARRIERE: »Indem sich mittelst unserer Empfindung
die Natur zur Welt der Töne und Farben steigert, wird das An-sich der Dingeverwirklicht;
es bringt sich in der eigenen Lebensgestaltung hervor und wird dadurch zugleich
für andere« (Ästh.
I, 100). (Ähnlich
FECHNER, BR. WILLE.)
Nach GUTBERLET kann das An-sich der Dinge durch
die Erscheinungen, in denen es sich manifestiert, erkannt werden, wenn auch
nicht vollkommen (Kampf
um d. Seele, S. 14);
so schon THOMAS. Vgl.
Ding an sich, Erscheinung, An-sich-Sein.
An-sich-sein
S.141
= das Sein in seiner Unmittelbarkeit, Ursprünglichkeit,
Absolutheit, Begrifflichkeit, Wesenhaftigkeit im Gegensatze zum beziehungsweisen
Sein.
Schon bei den Pythagoreern kommt
der Begriff des kath'
hauto, auto to hen vor (ARISTOTELES,
Met. I, 5).
Dann bei PLATO, der
das wahre Sein der Ideen
als auto kath' hauto, ontôs on
bestimmt (Phaedo
78 D, Parm. 129 A, K 9 B, D, 130 B etc.).
Nach ARISTOTELES
ist das im Begriff erfaßte Sein der Dinge (to
ti ên einai), ihr Wesen, das kath'
hauto, und dieses physei
proteron, das in Wirklichkeit Primäre,
während es im erkennenden Bewußtsein (pros
hêmas) das Spätere ist (Eth.
Nic. I 3, 1096b 20).
Die Stoiker unterscheiden kath'
hauta - pros ti.
Die Scholastiker halten an der Aristotelischen
Begriffsbestimmung des An-sich-seins fest.
Sie wird erneuert von HEGEL,
der unter »An-sich«
die in sich betrachtete, unentfaltete Wesenheit im Unterschiede von der
»Beziehung auf anderes« versteht, das »Sein
der Qualität als solches«
(Encykl. § 91). An-sich
ist der Begriff in seiner »Unmittelbarkeit«
(l.c. § 83).
Die Eichel z.B. ist das An sich des Eichbaumes.
»An-sich« - »Für-sich«
- »An und-für-sich« bedeuten
die drei Stadien des dialektischen
Processes.
Antinomie
S. 149ff. Siehe
auch bei Kirchner
Widerstreit zweier Gesetze
(nomoi), zweier Urteile oder Schlüsse,
welche (anscheinend) von gleicher Überzeugungskraft
und Geltung sind, wiewohl sie einander widersprechen.
Der Terminus »antinomia«
wird nach GOCLEN gebraucht »pro
pugnantia seu contrarietate quarumlibet sententiarum seu propositionum«
(Lex. phil. p. 110).
BONNET hat ihn in die
natürliche Theologie
eingeführt (vgl.
EUCKEN, Termin.).
Der Begriff der Antinomie findet
sich schon bei dem Eleaten ZENO
(s. Bewegung),
PLATO (Phaedo 102; Rep. 523 ff., Parm. 135 E),
ARISTOTELES und den
Skeptikern.
Der eigentliche Begründer der philosophischen
Antinomienlehre ist KANT. Unter Antinomien
versteht er »Widersprüche, in die sich
die Vernunft bei ihrem Streben, das Unbedingte zu denken, mit Notwendigkeit
verwickelt, Widersprüche der Vernunft mit sich selbst« (Kr.
d. r. V. S. 340). »Den Begriff eines absoluten
Ganzen von lauter Bedingtem sich als unbedingt zu denken, enthält einen
Widerspruch; das Unbedingte kann also nur als Glied der Reihe betrachtet werden,
welches diese als Grund begrenzt, der selbst keine Folge aus einem andern Grunde
ist, und die Unergründlichkeit, welche durch alle Klassen der Kategorien
geht, sofern sie auf das Verhältnis der Folgen zu ihren Gründen angewandt
werden, ist das, was die Vernunft mit sich selbst in einen nie beizulegenden
Streit verwickelt, solange die Gegenstände in Raum und Zeit für Dinge
an sich und nicht für bloße Erscheinungen genommen werden«
(Üb. d. Fortschr. d. Met. S. 130).
Den »dialektischen Schein«, welcher
auf unkritischem Boden entsteht, hat die Kritik der Vernunft aufzulösen.
Vier Antinomien entstehen nämlich, indem die Vernunft nach dem Grundsatze:
»wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze Summe der Bedingungen,
mithin das schlechthin Unbedingte, gegeben«, die absolute Totalität
der Erscheinungen fordert. Jede Antinomie besteht
aus einer »Thesis« (Behauptung) und
»Antithesis« (Gegenbehauptung).
1) »Die
Welt hat einen Anfang
in der Zeit und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen.« - »Die
Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehung
der Zeit als des Raumes, unendlich«
(l.c. S.304 ff.).
2) »Eine jede zusammengesetzte
Substanz inder Welt besteht aus einfachen
Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache oder das,
was aus diesem zusammengesetzt ist.« - »Kein zusammengesetztes Ding
in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert Überall nichts
Einfaches in derselben« (l.c. S. 360
f.).
Das sind die mathematischen Antinomien. Bei ihnen
sind, vor dem Forum der Kritik, sowohl Thesis als Antithesis falsch, weil Raum,
Zeit, Einfachheit, Zusammengesetztheit nicht Bestimmungen von Dingen an sich,
sondern nur von Erscheinungen sind. »Man mag nämlich...
annehmen, die Welt sei dem Raume und der verflossenen Zeit nach unendlich oder
sie sei endlich, so
verwickelt man sich unvermeidlich in Widersprüche
mit sich selbst. Denn ist die Welt, so wie der Raum und die verflossene Zeit,
die sie einnimmt, als unendliche Größe gegeben, so ist sie eine gegebene
Größe, die niemals ganz gegeben werden kann, welches sich widerspricht.
Besteht jeder Körper oder jede Zeit in der Veränderung des Zustandes
der Dinge aus einfachen Teilen, so muß, weil Raum sowohl als Zeit ins
Unendliche teilbar
sind,... eine unendliche Menge gegeben sein, die doch ihrem Begriff nach niemals
ganz gegeben sein kann, welches sich gleichfalls widerspricht«
(Üb. d. Fortschr. d. Met. S. 132).
Mögliche Erfahrung hat weder eine Grenze noch kann sie unendlich sein;
die Welt als Erscheinung ist aber nur das Objekt möglicher Erfahrung
(l.c. S. 133). –
3) »Die Kausalität nach Gesetzen
der Natur ist nicht die einzige, aus welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt
abgeleitet werden können. Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit
zur Erklärung derselben anzunehmen notwendig.«
- »Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich
nach Gesetzen der Natur« (Kr. d. r. V.
S. 368 f.).
4) »Zu der Welt gehört etwas, das entweder
als ihr Teil oder ihre Ursache ein schlechthin notwendiges Wesen ist.«
- »Es existiert überall kein schlechthin notwendiges
Wesen, weder in der Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache«
(l.c. S. 374 f.).
Das sind die dynamischen Antinomien. Hier gilt
die Thesis für die Welt der Dinge an sich, die Antithesis für die
Erscheinungen, beide sind also wahr (l.c. S. 432 ff.).
-
Allgemein beruhen die Antinomien auf einer »natürlichen
Täuschung«, weil man »die Idee
der absoluten Tolalität, welche nur als eine Bedingung der Dinge an sich
selbst gilt, auf Erscheinungen angewandt hat« (l.c.
S. 411). Als »regulatives Prinzip«
enthalten aber die Antinomien die berechtigte Forderung,
daß, »soweit wir auch in der Reihe der empirischen
Bedingungen gekommen sein mögen, wir nirgends eine absolute Grenze annehmen
sollen« (l.c. S. 420). Aus den
mathematischen Antinomien folgert
KANT auch (nochmals) die Idealität
(Subjektivität) von Raum und Zeit
(Kr. d. r. V. S. 411 f.; vgl. VON HARTMANN, G. d. Met. II, 4). An Garve
schreibt er: »Nicht die Untersuchungen vom
Dasein Gottes u.s.w., sondern die Antinomie der
reinen Vernunft war es, welche mich aus dem dogmatischen Schlummer zuerst aufweckte
und zur Kritik der Vernunft selbst hintrieb«(vgl.
A. STEIN, Üb. d. Bez. Chr. Garves zu Kant 1884, S. 44 f.). Es gibt
drei Antinomien, die alle die Vernunft zwingen,
die Objekte der Sinne für Erscheinungen zu halten
(Kr. d. Urt. § 57, Anmerk. II): erkenntnistheoretische,
ästhetische, ethische Antinomie (ib.).
Bezüglich des ästhetischen Geschmacks behauptet die Thesis, das Geschmacksurteil
gründe sich nicht auf Begriffen, die Antithesis: es gründe sich auf
solchen, sonst ließe sich nicht über den Geschmack streiten
(l.c. § 56 f.). Auch bezüglich der teleologischen
Urteilsskraft besteht eine Antinomie (l.c.
§ 69 ff.). In der Ethik gibt es eine Antinomie
zwischen Tugend und Glückseligkeit als Motiven (Kr.
d. pr. Vern. 1. T., 2. B., 2. Hptst.).
FRIES legt auf den Beweis der
Idealität von Raum und Zeit aus den Antinomien großes Gewicht
(Neue Krit. I2, Vorr.).
FICHTE, SCHELLING,
HEGEL (auch HERBART)
haben das antinomische Verfahren
verwertet.
Nach HEGEL gibt
es eine Antinomie in allen Vorstellungen, Begriffen
und Ideen (Encykl. § 48).
SCHOPENHAUER erklärt
die Kantschen Beweise für die Thesen als »Sophismen«,
während die Antithesen berechtigt seien (W.
a. W. u. V. Bd. I).
WUNDT führt die mathematischen
»Antinomien« Kants auf die Vertauschung
des »Infiniten« und »Transfiniten«
zurück. Da die Thesen die vollendete Unendlichkeit, das Transfinite, die
Antithesen aber die unvollendbare Unendlichkeit, das Infinite, im Auge haben,
so haben in Bezug auf Raum
und Zeit Thesis und Antithesis recht (Log.
II2, 1, S. 153, 461 f.; Ess. 3, S. 70; Syst. d. Phil.2, S. 340 ff.). Vgl. HODGSON,
Phil. of Refl. II, 88 ff.
Vergleiche Unendlich,
Teilbarkeit.
Apprehension
(apprehensio):
S. 187 ff.
Erfassung, Auffassung
eines Vorstellungsinhalts,
Erhebung desselben ins erkennende Bewusstsein,
Begreifen.
Die Scholastiker sprechen von einem »actus
apprehensivus« (PRANTL, Gesch. d.
Log. III, 333). Die »simplex apprehensio«
ist stets wahr, weil sie noch kein Urteil
enthält (l.c. IV, 15).
»Apprehensio absoluta«
(= simplex) und »apprehensio inquisitiva«
unterscheidet
THOMAS (Sum.
th. I, II, 30, 3 ad 2).
SUAREZ unterscheidet
eine sinnliche und intellektuelle
»simplex apprehensio« (De
an. III, 6).
Die Logik von PORT-ROYAL erklärt: »apprehensionem
dicimus simplicem rerum, quae menti sistuntur, contemplationem«
(Einl.).
CHR. WOLF bestimmt die »apprehensio
simplex« als »attentio ad rem sensui vel imaginationi praesentem
seu rnenti quomodocunque repraesentatam« (Log.
§ 33).
KANT nennt Apprehension
die »unmittelbar an den Wahrnehmungen
ausgeübte Handlung« der produktiven
Einbildungskraft
(Kr. d. r. V. S. 130), die a
priori ausgeübt wird, indem sie die Raum-
und Zeitvorstellung erst erzeugt (l.c. S. 116).
Sie ist also eine Bedingung
aller Erfahrung
(l.c. S. 133). »Jede Anschauung
enthält ein Mannigfaltiges in sich, welches doch nicht als ein solches
vorgestellt werden würde, wenn das Gemüt nicht die Zeit in der Folge
der Eindrücke aufeinander unterschiede: denn als in einem Augenblick enthalten
kann jede Vorstellung
niemals etwas anderes als absolute
Einheit sein. Damit nun aus diesem
Mannigfaltigen Einheit der Anschauung werde
(wie etwa in der Vorstellung des Raumes), so ist erstens das Durchlaufen
der Mannigfaltigkeit und dann die Zusammennehmung derselben notwendig, welche
Handlung ich
die Synthesis
der Apprehension nenne, weil sie
geradezu auf die Anschauung
gerichtet ist, die zwar ein Mannigfaltiges darbietet, dieses aber als ein
solches, und zwar in einer Vorstellung
enthalten, niemals ohne eine dabei vorkommende
Synthesis bewirken kann« (l.c.
S. 115). Vergleiche
Wechselwirkung
Äon
(aiôn,
aevum = to aei einai) S. 157
Siehe auch bei Kirchner
1) Beständige Dauer.
Schon EMPEDOKLES
spricht von einem
empedos aiôn (Aristot., Phys.
VIII 1, 251a 1).
Im Sinne des ARISTOTELES
(De coel. I, 9, 279a 25)
nennen die Scholastiker
die unveränderliche Dauer »aevum«
(SUAREZ, Disp. met. 50, sct. 6, 9). -
2) Göttliche Wesenheit, göttliche Kraft,
die personificiert wird von den
Gnostikern. So bezeichnet VALENTINUS
Gott als
den vollkommenen Äon
(teleios aiôn),
aus dem 30 niedere Äonen entspringen, deren
jüngster die Weisheit
(sophia)
ist. Der Inbegriff der Äonen
= das Pleroma .
Vgl. Gnostizismus.
Atheismus
S. 276 Siehe
auch bei Kirchner
Gottlosigkeit,
Leugnung der Existenz eines göttlichen Prinzips,
Annahme, daß die Welt in und durch sich selbst besteht.
Ausgesprochene Atheisten sind
LAMETTRIE, HOLBACH,
nach dem Atheist ist »un
homme qui détruit des chimères nuisibles au genre humain pour
ramener les hommes à la nature, à l'expérience, à
la raison« (Syst. de la nat. II,
ch. 11, p. 320), FEUERBACH,
STIRNER, DÜHRING,
NIETZSCHE, MAINLÄNDER (Phil. d.
Erlös. S. VIII) u. a.
F. BACON meint: »leves
gustus in philosophia movere fortasse ad atheismum, sed pleniores haustus ad
religionem reducere« (De augm.
sc. I, 5). Vgl.
Gott.
>>Haeckel Atheismus
Äther
(aithêr, aether)
S. 277ff. Siehe
auch bei Kirchner
die schwerlose, widerstandslose, unwägbare, feinste
Materie, die als Substrat der strahlenden Wärme, des Lichtes und der elektromagnetischen
Energien gedacht wird, als ein alle Körper durchdringender,
den Weltraum erfüllender Stoff, der sich in Elemente,
Äther-Atome, gliedert.
In mythischer Form tritt der Äther
auf bei HESIOD als Sohn
des Erebos (Finsternis)
und der Nyx
(Nacht).
In den orphischen Dichtungen erscheint
er als
Weltseele , als Zeus
(Stob. Ecl. I, 2, 42). Später gilt der Äther
als einer der Grundstoffe, als eine Art
feinster Luft, immer noch als etwas »Göttliches«(
aitheradian, EMPEDOKLES: Aristot., De an. I 2, 404 b 14).
Bei den Pythagoreern (Philolausfragment)
kommt der Äther als fünftes Element vor,
so besonders bei ARISTOTELES. Nach ihm ist der
Äther der feinste, leichteste Stoff, der den
Himmelskörpern als Substrat dient (De coel. I 3; De gen. et corr. II, 2
f.; Diog. L. V, 1). Er ist der Qualität nach das erste Element (Meteor.
I, 3; De gen. an. II, 3), derZahl nach aber das fünfte (später
pempton stoicheion, quinta essentia genannt).
Die Stoiker bestimmen den Äther
als Feuerhauch, in welchem die Himmelskörper sich bildeten: anôtatô
men oun einaito pyr ho dê aithera kaleisthai, en hô prôtên
tên tôn aplanôn sphairan gennasthai, eita tên tôn
planome-nôn (Diog. L. VII, 1); er ist
die unmittelbare, reine Form des Pneuma
.
CICERO, (De nat.
deor. VII,137) LACTANTIUS
(Inst. V, 5; STEIN, Psych. d. Stoa I, 26 ff.).
ZENO, KLEANTHES (Min. Fel., Octav. 19,
10) und BOËTHIUS
rufen im Äther die
Gottheit an (Stob.
Ecl. I, 2, 60).
Als feinsten Stoff bestimmt den Äther PHILO
JUDAEUS.
Bei PROCLUS ist
er eins mit der alles durchdringenden Weltseele,
ein Lichtstoff.
Ähnlich lehren die Naturphilosophen
der Renaissance, so AGRIPPA,
für den der Äther der »spiritus
mundi«, das fünfte Element, die samenentfaltende
Kraft der Dinge bedeutet.
G. BRUNO sieht im Äther,
den er dem leeren Raum gleichsetzt, das einigende Band der Körperelemente
(De min. I, 2), zugleich den »spiritus
universi«, das Wärmend-Belebende
(De immenso IV, 421; De monade p. 69;
LASSWITZ, Gesch. d. Atom. I, 388 f.).
Als feinste Materie
im physikalischen Sinne ohne occulte Qualitäten bestimmen den Äther
HOBBES, R. HOOK,
MALEBRANCHE, LEIBNIZ,
NEWTON, BERNOULLI, HUYGENS
(der ihn als Ursache der Schwere betrachtet)
u. a.
K. ROSENKRANZ bestimmt
den Äther als »die
allgemeine, gestaltlose Materie«, »das
universelle, absolute Continuum« (Syst.
d. Wiss. S. 199).
Nach R. HAMERLING
bestehen die Körper aus »verschieden
verdichtetem Äther« (At.d.
Will. II, 86). -
Nach OKEN ist
der Äther »die
erste Realwerdung Gottes, die ewige Position desselben. Gott und Äther
sind identisch«. Er ist die Urmaterie,
der »göttliche Leib, blie Ousia oder
die Substanz« (Naturph. I, 44).
SPILLER erblickt im
Äther die Urkraft, Gott;
den reinen Monotheismus nennt er
»Ätherismus« (D. Urkr. d.
Weltalls 1876).
Ätherleib
S.279f.
Siehe auch bei
Kirchner
Pneumatischer Leib bei PAULUS,
Astralleib bei PARACELSUS:
Seelenleib, feinste, unsterbliche Hülle der Seele.
Bei PORPHYR, ORIGENES,
AGRIPPA
»aetherum animae vehiculum«,
(De occ. phil. III, 36), LEIBNIZ, PRIESTLEY,
FR. GROOS, J. H. FICHTE (Anthrop. S. 273 f.),SPILLER.
LASSON unterscheidet den inneren, wahren Leib als
lebendige Tätigkeit, Entelechie von der äußeren Erscheinung
desselben (Der Leib 1898).
Atman
S.280
Hauch, Odem, Lebenshauch, das Selbst, das Wesen, die Seele
das An-sich des Ich
und der Dinge, die göttliche Urkraft,
das Weltprincip (Vedische Philosophie). (Vgl.
DEUSSEN, Allg. Gesch. d. Phil. I, 1, S. 285 ff.).
Ausdehnung
S. 312 ff. Siehe
auch bei Kirchner
ist eine Grundeigenschaft der optischen und taktilen Wahrnehmungsinhalte,
die Räumlichkeit der Körper. Im weiteren
Sinne ist Ausdehnung (extension)
das Erfülltsein von Raum und Zeit durch einen
Wahrnehmungsinhalt.
DESCARTES sieht in ihr das
Wesen der Materie, ebenso SPINOZA, dem
sie als eines der Attribute der »Substanz«
gilt (Eth. II, prop. II). »Extensio
est id, quod tribus dimensionibus constat« (Ren.
Cart. pr. ph. II, def. I).
Nach LEIBNIZ
ist die Ausdehnung nur eine
»verworrene Vorstellung« von inneren
Verhältnissen der Monaden.
Ein »phaenomenon«
ist sie nach CHR.
WOLF, welcher erklärt:
»Si plura diversa adeoque extra se invicem existentia tanquam in uno nobis
repraesentamus: notio extensionis oritur: ut adeo extensio sit multorum diversorum,
aut, si mavis, extra se invicem existentium coëxistentia in uno«
(Ont. § 548).
PLATNER erklärt die
Ausdehnung aus dem »Zusammenfließen
verworrener Vorstellungen einfacher Substanzen« (Phil.
Aph. I, § 903).
Nach BERKELEY ist
die Ausdehnung nur eine Idee,
nach HUME ist
die »idea of extension« eine »idea
of visible or tangible points distributed in a certain order«(Treat.
I, p. 358), einer Ordnung von Empfindungen.
Nach REID
besteht zwischen der objektiven Ausdehnung und
der Ausdehnung der Empfindungsinhalte keine Kongruenz
(Inqu. p. 120).
KANT erklärt die Ausdehnung
für eine apriorische Anschauungsform ; sie
ist rein subjektiv.
So der gesamte Idealismus
im Gegensatze zum Realismus,
der die Dinge an sich für ausgedehnt hält
oder die Ausdehnung als eine Wirkung
dieser Dinge selbst ansieht.
So ist nach ULRICI (ähnlich
J. H. FICHTE) die Ausdehnung
»Folge einer den Raum einnehmenden und gegen das
Eindringen eines andern Widerstand leistenden Kraft«
(Leib u. Seele S. 36).
E. v. HARTMANN betont, daß sie den primitiven
Empfindungen
nicht zukommt (so auch HERBART
u. a.), diese ist
erst (wie bei LOTZE)
das Produkt einer raumsetzenden Seelenfunktion. »Was
als Ausdehnung des Dinges erscheint, ist nur der von diesem Kräftesystem
und Kraftäußerungsformen okkupierte, beziehungsweise gesetzte und
produzierte Raum« (D. Probl. d. Erk.
S. 20).
Nach CZOLBE ist
die Ausdehnung nicht nur eine Eigenschaft,
sondern auch »Subjekt,
Substanz sowohl
der Atome als des
sie durchdringenden Raumes«
(Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 78 f., 95, 253).
Nach H. SPENCER ist
Ausdehnung ein sekundäres Attribut der Dinge.
Wir erkennen sie nur »vermöge einer
Kombination von Widerständen« (Psych.
II, § 348, S. 233).
Nach UPHUES
ist Ausdehnung »eine
Summe gleichartiger, gleichzeitiger, wechselseitig zusammenhängender, aber
nicht einander bedingender Teile, die wir uns in Empfindungen vergegenwärtigen«
(Psych. d. Erk. I, 208).
Bedingung
(conditio) S.
342 ff. Siehe
auch bei Kirchner
ist ein Umstand, ohne den ein Kausalverhältnis nicht
statthaben, ein Ereignis nicht stattfinden kann. Das »Bedingende«
ist das, was die Abhängigkeit eines (physischen,
psychischen, logischen) Vorganges, Zustandes setzt, das »Bedingte«
das, was als abhängig bestimmt wird. »Conditio
sine qua non« =
absolute unerläßliche Bedingung.
Nach GOCLEN ist
»conditio« »qualitas ea, qua aliquid
condi, id est, fieri aptum est« (Lex.
phil. p. 435).
KANT sieht in den Anschauungsformen
subjektive »Bedingungen« aller Erfahrung.
Der Bedingungsbegriff ist eine der Kategorien .
»Bedingen« ist
nach SCHELLING »die
Handlung, wodurch etwas zum Ding wird«, »bedingt« ist
»das, was zum Ding gemacht ist, woraus zugleich
erhellt, dass nichts durch sich selbst als Ding gesetzt sein kann«
(Vom Ich S. 11).
Nach HEGEL ist
Bedingung »das
Unmittelbare, auf das der Grund sich als auf seine wesentliche Voraussetzung
bezieht« (Log.
II, 107).
J. ST. MILL nennt
Bedingung eines Phänomens »das
Ganze der Umstände«, unter denen es
statthat (Log. I,388).
HODGSON gebraucht statt »Ursache«
den Terminus »real condition«
(Met. of Exper. 1898).
Nach O. SCHNEIDER
ist Bedingung kein
»Stammbegriff«. »Das Bewusstsein der
Bedingung und Bedingtheit ist nur eine Vorstufe des Bewusstseins der Ursache
und der Ursächlichkeit, ist das noch, unentwickelte, gleichsam das noch
knospende Ursächlichkeitsbewusstsein« (Transcend.
S. 197).
Nach SIGWART
ist Bedingung »etwas,
was die Wirksamkeit des hervorbringenden Grundes möglich macht«
(Log. II2, 157). Die
Summe der Bedingungen ist »Ursache«;
so auch SCHUPPE (Log.
S. 73),
dagegen WUNDT :
Bedingung ist der weitere Begriff; die Erde z.B.
ist die permanente Bedingung der einzelnen Fallerscheinung,
deren »Ursache« in der Erhebung in
eine bestimmte Höhe besteht (Log. I2,
S. 597 ff., 103 ff.; Syst. d. Phil.2, S. 290 f.).
OSTWALD versteht unter Bedingung die zeitliche
oder räumliche Regelung eines energetischen Verlaufes
(Vorles. üb. Naturph.2, S. 299).
Einige Forscher wollen den Kausalbegriff durch den der Bedingtheit
ersetzen.
Begründen
S.378
heißt, den Grund eines Urteils
dartun, etwas als Folge eines andern nachweisen
(RIEHL, Phil. Krit. II 1, 237), den Denkzusammenhang
herstellen, aus dem die Notwendigkeit eines Satzes erhellt.
Nach WUNDT
ist das begründende Denken das eigentliche
Erkennen (Syst. d. Phil.2, S. 80 ff., 167 f.).
Beharrlichkeit
S.378
ist Ausdauer im Ertragen und Überwinden
von Schwierigkeiten.
Sie ist nach PAULSEN
eine Form der Tapferkeit, die Kraft
des Willens, Beschwerden aller Art zu ertragen (Syst.
d. Eth. II5, 25; vgl. SCHLEIERMACHER, Phil. Sittenl. § 315 ff.).
Beharrung
S. 378 ff
ist das Bleiben in der Zeit, im
Raume, im Wirken, die Permanenz (Konstanz)
einer Substanz, Aktivität, eines Geschehens, einer Beziehung, eines Gesetzes.
Das Beharrende im Raume ist
die Materie und Energie,
das Beharrende im Geistigen ist
die Ichheit, das Subjekt, das Einheit setzende Prinzip im Lebewesen.
Absolute Permanenz kommt
keinem Einzelding, nur dem All
als Einheit aller Seinsbeziehungen
zu. Ein »Beharrungsvermögen«
(»vis inertiae«) wird den Körpern zugeschrieben.
Nach HERAKLIT beharrt
nur das Werden.
Nach den Eleaten das Sein.
Nach DEMOKRIT
nur die Atome.
Nach PLATO nur
die Ideen ,
nach ARISTOTELES die
»Formen«.
Nach anderen beharrt nur
die Substanz, oder beharren die Substanzen schlechthin.
Nach den Relativisten
beharrt nur der Wechsel, das Gesetz
im Wechsel; so spricht SIMMEL vom
»absoluten Bewegungscharakter«
der Welt, in der nur die Gesetze als solche beharren
(Phil. d. Geld. S. 552).
Nach NIETZSCHE
gibt es nur scheinbar
Beharrung (WW. XV, 280, VIII, 2, 5).
Das Beharrungsvermögen der Körper leitet
DESCARTES metaphysisch
aus der Unveränderlichkeit Gottes ab. »Ex
hac eadem immutabilitate Dei regulae quaedam sive leges naturae cognosci possunt,
quae sunt causae secundariae ac particulares diversorum motuum, quos in singulis
corporibus advertimus. Harum prima est, unamquamque rem, quatenus est simplex
et indivisa, manere quantum in se est in eodem semper statu, nec unquam mutari
nisi a causis externis« (Princ. phil.
II, 37).
Auch SPINOZA begründet
das Beharren der Dinge aus der Natur der göttlichen
Substanz. »Unaquaeque res, quantum
in se est, in suo esse perseverare conatur.« »Res enim sigulares
modi sunt, quibus Dei attributa certo et determinato modo exprimuntur, hoc est
res, quae Dei ptentiam, qua Deus est et agit, certo et determinato modo exprimunt.
Neque ulla res aliquid in se habet, a quo possit destrui, sive quod eius existentiam
tollat« (Eth. III, prop. VI).
Alle Dinge haben ein Streben (conatus),
in ihrem Sein zu verharren (l.c. prop. VII,
IX).
NEWTON lehrt: »Jeder
Körper beharrt in seinem Zustande der Ruhe
oder der gleichförmigen Bewegung in gerader Richtung, außer sofern
er von eingedrückten Kräften gezwungen wird, jenen Zustand zu verändern«
(Princ. math. p. 12; vgl. SPINOZA: »Corpus,
quod semel movetur, semper moveri pergit, nisi acausis externis retardetur«
Ren. Cart. II, prop. XIV, Corol.).
Nach KANT ist
beharrlich, »was eine
Zeit hindurch existiert, d. i. dauert« (Met.
Anf. d. Naturw.WW. IV, 374). Der »Grundsatz
der Beharrlichkeit« ist: »Alle
Erscheinungen enthalten das Beharrliche (Substanz) als den Gegenstand selbst
und das Wandelbare, als dessen bloße Bestimmung, d.h. eine Art, wie der
Gegenstand existiert« (Kr. d. r. Vern.
S. 174). Dieses Prinzip ist ein Gesetz für
alle Erfahrung, die dadurch erst ermöglicht wird.
»Wir können nur in dem, was beharrt,
das Wechseln bemerken...« Die
Beharrlichkeit »drückt
überhaupt die Zeit, als das beständige Korrelatum alles Daseins der
Erscheinungen, alles Wechsels und aller Begleitung aus. Denn der Wechsel trifft
die Zeit selbst nicht« (l.c. S. 176).
DÜHRING spricht von
»beharrlichen Elementen«, »ruhenden
Allgemeinheiten« des Seins (Curs.
d. Phil. S. 24).
LIPPS bemerkt:
»Indem wir unsere Beharrlichkeit oder
Denkkonsequenz anthropomorphisierendin die Inhalte der Wahrnehmung verlegen,
schreiben wir diesen Beharrungsvermögen zu«
(Gr. d. Seel. S. 434).
Nach HERBART beharrt
jede Vorstellung nach ihrem Verschwinden unbewusst in der
Seele weiter. So auch nach STEINTHAL (Einl.
in d. Psych.S. 114).
REHMKE formuliert das »Gesetz
der Beharrung« so: »Im
Gegebenen überhaupt verschwindet nichts, es sei denn ein anderes mit, welches
verschwinden soll, zugleich, aber selber in einer anderen konkreten Einheit
gegeben als die notwendige Bedingung«(Allg.
Psychol. S. 107).
Die englischen Psychologen verstehen unter
geistigem Beharrungsvermögen (»retentiveness«)
die Eigenschaft des »primären«
Gedächtnisses; es beruht auf der Erzeugung funktioneller Dispositionen
(SULLY, Handb.
d. Psychol. S. 157 f.).
Bejahung
(Affirmation) S.
382 ff.
ist die Zustimmung des Denkwillens
zu einem Urteil, die Annahme eines Etwas als gültig, wirklich, wertvoll.
Nach BERND bedeutet bejahen
oder verneinen »einen Beifall geben
oder keinen Beifall geben« (Abh. von
Gott 1742, S. 287, bei DESSOIR, Gesch. d. Psychol. I2, 426).
Nach SCHOPENHAUER
»bejaht« der
Wille das Leben, obgleich es ihm Unheil bringt; denn der Wille ist alogisch.
Nach NIETZSCHE ist das Leben
um jeden Preis zu bejahen. -
Nach FORTLAGE ist
Bejahung »ein
Begriff, welcher bezeichnet, daß mit einem gegebenen bestimmten Vorstellungsinhalt
aus einer gewissen Sphäre ein Inhalt aus einer andern Sphäre eins
und ununterschieden sei, ohne daß damit über die Beschaffenheit des
Identischen irgend etwas ausgesprochen würde« (Psych.
I, S. 91). Das »Ja«
bedeutet die »Aktivität«, das
»Nein« »die
Suspension der Aktivität eines vorhandenen Begehrens oder Triebes«.
»Ja und nein sind Triebkategorien«
(l.c. S. 92).
LOTZE betont: »Man
kann weder Dinge noch Ereignisse, sondern nur eine Beziehung zwischen zwei Beziehungspunkten,
also den Inhalt eines Satzes bejahen«
(Gr. d. Met. S. 10).
Während WUNDT erklärt,
alles Urteilen sei »ursprünglich und
seiner Natur nach affirmierend« (Log.
I, 187),
meint JERUSALEM,
es gehe der Bejahung die
»Zurückweisung der möglichen Negation«
voraus.»Die Sprache bildet erst dann ihr
'Ja' aus, welches die Geltung eines Urteils gegenüber allen Anfechtungen
aufrecht hält. Dieses 'Ja' bleibt ein vom Urteilsakte selbst verschiedener
und auch im Bewußtsein getrennter Ausdruck der Zustimmung«
(Urteilsfunkt. S. 185).
Vgl. Negation.
Bewegung
S. 394 ff.
ist der (aktuelle) Wechsel
der Lage eines Körpers in Beziehung zu anderen
Körpern oder zu einem gedachten Koordinatensystem. Alle Bewegung
ist relativer Art, auch die sogenannte »absolute«
Bewegung. Die scheinbare Bewegung ist die
dem Augenschein oder dem statischen Sinne unmittelbar sich
darstellende Bewegung, sofern sie nicht mit der wahren, mathematisch-physikalisch
bestimmten, konstanten, objektiven, notwendig
zu denkenden Bewegung übereinstimmt. Die
Bewegung gilt als ursprüngliche Eigenschaft
der Materie.
Man spricht auch von einer geistigen Bewegung,
von einer Gemüts- und einer Denkbewegung (s.
Dialektik).
Nach HERAKLIT und PROTAGORAS
ist alles in beständiger Bewegung, alle
Ruhe ist nur Sinnenschein (phasi tines kineisthai
tôn ontôn ou ta men ta d' ou, alla panta kai aei, alla lanthanein
touto tên hêmeteran aisthês in ARISTOTELES,
Phys. VIII 3, 253 b 10).
ZENO von Elea dagegen bestreitet
die Realität der Bewegung. Diese sei in Wahrheit
unmöglich, denn das Bewegte bewegt sich weder da, wo es schon ist, noch
da, wo es nicht ist, also überhaupt nicht
to kinoumenon out' en hô esti topô kineitai out' en hô mê
esti, (Diog. L. IX 11, 72). Vier
Argumente (logoi) bringt er vor.
Bewegung kann nicht stattfinden: 1)
wegen der unendlichen Zahl von Distanzen, die durchlaufen werden müssten,
2) wegen des »Achilleus«,
3) wegen des Ruhens des
»fliegenden Pfeils«, 4)
wegen der Gleichheit der Geschwindigkeit auf dem halben wie auf dem ganzen Wege,
gemessen an der entgegengesetzten Bewegung eines Körpers (ARISTOTELES,
Phys. VI 9, 239 b 33).
Gegen diese Antinomien
rekurriert DIOGENES der Zyniker
auf die Evidenz der Sinne (Diog.L.
VI, 39; Sext. Emp. Pyrrh. hyp. III, 66),
während ARISTOTELES
betont, dass die
Stetigkeit der Zeit und der Bewegung verkannt
werde; diese besteht nicht aus Teilen,
so auch jede andere Größe, sondern sie läßt sich stetig
teilen (Phys. VI 9, 239 b 8; vgl. SPINOZA,
Epist. 29; LEIBNIZ, WW. Gerhard I, 403; J. ST. MILL, Examin. p. 474; DÜHRING,
Krit. Gesch. d. Phil. 1869, S. 40 ff.; GOMPERZ, Griech. Denk. I, 159; ÜBERWEG,
Logik3, S. 409; KÜHNEMANN, Grundl. d. Philos. S. 83 ff.). –
DEMOKRIT erblickt in der
Bewegung eine primäre Eigenschaft der Atome.
Sie ist (nach Stob. Ecl.
I, 18, 394) geradlinig von Natur.
Die Megariker behaupteten, es gäbe an
sich keine Bewegung
(mê einai kinêsin, Sext.Emp. adv.
Math. X, 85 squ.).
PLATO unterscheidet
zwei Arten der Bewegung: qualitative Veränderung
(alloiôsis) und
Ortsbewegung (periphora,
Theaet. 181). Die
primäre Bewegung ist Selbstbewegung (Leg.
894 B, D, 895A), diese
aber ist Leben, Beseelung (l.c. 896 C).
Im Organismus sind die Körperbewegungen von den inneren,
seelischen Bewegungen
(prôtourgoi kinêseis)
abhängig (l.c.
897 A). Die sich selbst bewegende
Weltseele
ist das Prinzip aller kosmischen
Bewegungen (Tim. 43 ff.).
ARISTOTELES versteht unter
kinêsis Veränderung
überhaupt, deren er vier
(De an. I 3, 406 a 12 squ.)
oder sechs
(Categ. 14)
unterscheidet. Sie ist die Verwirklichung des Möglichen als solchen
(hê tou dynatou, hê
dynaton, entelecheia phaneron hoti kinêsis estin,
Phys. III 1, 201 b 4), Übergang aus der Potenzialität
in die Aktualität. Eigentliche Bewegung ist
nur die Ortsbewegung (kinêsis
kata topon, phora, Phys. III 8, 208 a
31). Die Bewegung
ist stetig (synechês,
Phys. IV 11, 219 a 10). Zur
Bewegung bedarf es keines leeren Raumes (gegen die Atomisten),
sondern sie besteht in einer Ortsvertauschung im
Vollen (antiperistasis,
Phys. VIII 10, 267 a 18). Jedem Körper kommt
konstant Bewegung zu (anankê
de aei kinêsin echein sôma pan physikon, De
coel. I 1, 274 b 4). Die
Bewegung ist die Ursache des Werdens
(hê gar phora poiêsei tên
genesin, De gen. et corr. II 9, 336 a
17). Es gibt geradlinige,
kreisförmige, gemischte Bewegung (eutheia,
kyklô, ek toutôn miktê, De
coel. I 1, 268 b 17). Die vollkommenste
ist die kreisförmige Bewegung, sie
kommt dem Äther
und dem Sternhimmel zu (De
gen. et corr. II 11, 338 a 18 squ.). Da alle Bewegung
in der Verwirklichung eines Potentiellen besteht, so muß es zuletzt einen
selbst unbewegten ersten Beweger der Welt (prôton
kinoun akinêton auto, Met.
IV 8, 1012 b 31), Gott
(s. d.), geben; dieser bewegt
erômenos, durch
das Streben der Dinge nach ihm.
Als (geistige) Bewegung
fassen THEOPHRAST und STRATO
das Denken auf (Simpl. Phys. 225 a).
Die Stoiker definieren die
Bewegung (kinêsis)
als metabolên
kata topon ê holô ê merei ê metallagên ek topou.
Es gibt ursprünglich geradlinige
und gewundene Bewegung (eutheian
kai tên kampylên, Stob. Ecl.
I 19, 404, 406).
Nach EPIKUR gibt
es Bewegung kata
stathmên kai kata parenklisin (Stob.
Ecl. I 18, 394)
PLOTIN definiert die Bewegung
im Sinne des Aristoteles
(Enn. VI, 3, 22). Sie
ist kein Seiendes,sondern die Wirksamkeit desselben, dessen Natur sie gleichsam
vollendet (als energeia,
l.c. VI, 2, 6).
Die Scholastiker bestimmen das
Wesen der Bewegung in der Weise des Aristoteles.
AVICENNA: »Motus est
exitus de potentia ad actum in tempore continuo, non subito«
(bei ALBERTUS, Sum. th. I, 73, 2).
ALBERTUS MAGNUS bestimmt
ganz allgemein: »Moveri est aliter se habere
quam prius« (Sum. th. I, 74, 1).
Das prôton kinoun
übersetzt er mit »motor
primus« (l.c. I, 18, 1).
THOMAS nennt die Bewegung
(motus) einen
»actus imperfecti«
(3 an.12 a). »Moveri est exire de potentia
in actum... movens dat id quod habet mobili, inquantum facit ipsum esse in actu«
(Sum. th. I, 75, 1). Es
gibt »motus alterationis« (= »m.
secundum qualitatem«), »m. augmenti et decrementi«, »m.
secundum locum«, »m. appetitus«, »m. affectus«
(Contr. gent. III, 151), »m.
animalis oder sensualis«, »m. intellectualis oder rationis«,
»m. naturalis«, »m. animi«, »m. voluntatis«
(Sum. th. I, 81, 1 C; Contr. gent. III, 23; Sum. th.
I, II, 17, 9, I, II, 22, 2 C.).
SUAREZ bestimmt die Bewegung
als Weg und Fließen (Disp. met.
49, 4).
KOPERNIKUS, KEPLER, GALILEI
verbreiten richtige Anschauungen über die Natur
der kosmischen(quantitativ zu bestimmenden) Bewegungen.
DESCARTES betont, es gäbe
nur Ortsbewegung als Zustand der Materie, den jeder
Körper von außen erleidet. »Non
admitto varia motuum genera, sed solum localem, qui corporum omnium tam animatorum
quam inanimatorum communis est« (Ep.
II, 11; Princ. phil. II, 23). Und zwar ist die
Bewegung »actio,
qua corpus aliquod ex uno loco in alium migrat« (Princ.
phil. II, 24), Ortswechsel. Ruhe ist Aufhören
der Tätigkeit. Genauer bestimmt ist die Bewegung
Übertragung eines Körpers aus der Nachbarschaft der ihn berührenden,
ruhenden Körper in die Nachbarschaft anderer (»dicere
possumus esse translationem unius partis materiae, sive unius corporis, ex vicinia
eorum corporum, quae illud immediate contingunt et tanquam quiescentia spectantur,
in viciniam aliorum« Pr. phil. II, 25).
Jedem Körper kommt in einem Momente nur eine
Bewegung zu (»non possumus isti mobili
plures motus eodem tempore tribuere, sed unum tantum«,
Princ. phil. II, 28). Es gibt keinen leeren
Raum, daher muss ein Körper bei seiner Bewegung andere aus ihrem Orte verdrängen
(l.c. II,
33). Von Natur aus ist jede Bewegung
geradlinig, strebt es zu sein (l.c.
II, 39). Gott hat
die Bewegung erschaffen und erhält ihre Menge
(die »Bewegungsgröße« mv) konstant.
»Nam quamvis ille motus nihil aliud sit in materia
mota quam eius modus, certam tamen et determinatam habet quantitatem, quam facile
intelligimus eandem semper in tota rerum universitate esse posse, quamvis in
singulis eius partibus mutetur« (l.c.II,
36).
Auch nach Spinoza erhält
jeder Körper seine Bewegung von außen
her. »Corpus motum vel quiescens ad motum
vel quietem determinari debuit ab alio corpore, quod etiam ad motum vel quietem
determinatum fuit ab aliquo, et illud iterum ab alio, et sic in infinitum«
(Eth. II, prop. XIII).
Nach TSCHIRNHAUSEN
ist alle Materie in steter Bewegung
(Med. ment. II, 180).
Nach HOBBES
ist alles Naturgeschehen auf
Bewegung zurückzuführen, diese ist »continua
unius loci relictio et alterius acquisitio«
(El. phil. VIII, 10).
LOCKE erklärt, die Bewegung
könne und brauche nicht definiert zu werden (Ess.
II, ch. 4, § 8 ff., II, ch. 18).
NEWTON definiert die
absolute Bewegung als Ȇbertragung
eines Körpers aus einem absoluten Ort in einen andern absoluten Ort«,
die relative als Übertragung
aus einem relativen Ort in einen andern relativen Ort (Princ.
math. 6, IV). Die wahren Bewegungen beruhen auf
Kräften in den Körpern (l.c. p. 8).
Nach BERKELEY ist
alle Bewegung relativ, ein einziger, isolierter
Körper wäre notwendig unbewegt (Principl.
CII); in den Körpern, die nur Vorstellungen
sind (Idealismus) gibt es keinerlei bewegende Kräfte.
Nach LEIBNIZ besteht
alle Bewegung in einer wahrnehmbaren
Lageveränderung der Körper. Wirklich ist die Bewegung,
wenn die unmittelbare Ursache der Veränderung im Körper selbst liegt.
An sich ist die Bewegung Kraftimpuls, deren Erscheinung
das »wohlbegründete Phänomen«
des Ortswechsels darstellt.
»Ce n'est qu'un phénomène réel,
parceque la matière et la masse, à laquelle appartient le mouvement,
n'est pas à proprement parler une substance. Cependant il y a une image
de l'action dans le mouvement, comme il y a une image de la substance dans la
masse; et à cet égard on peut dire que le corps agit, quand il
ya de la spontanéité dans son changement«
(Nouv. Ess. II, ch. 21).
Nach CHR. WOLF
ist Bewegung »continua
loci mutatio« (Ont. § 642; Vern.
Ged.I, § 57).
CRUSIUS: »Bewegung
ist derjenige Zustand einer Substanz, da dieselbe ihren Ort
verändert« (Vernunftwahrh.
§ 391).
HOLBACH: »Le mouvement est un effort, par lequel
un corps change ou tend à changer de place« (Syst.
I, ch. 2, p. 12).
BONNET: »Si l'âme considérant une
étendue comme immobile voit un corps s'appliquer successivement à
différents points de cette étendue, elle se formera la notion
du mouvement« (Ess. de Psych. C. 14).
Nach KANT
ist Bewegung eines Dinges »die
Veränderung der äußeren Verhältnisse desselben zu einem
gegebenen Raum«; Ruhe ist
»die beharrliche Gegenwart (praesentia
perdurabilis) an demselben Orte« (Met.
Anf. d. Naturw. S. 5, 10). Alle erfahrungsmäßig
konstatierbare Bewegung ist relativ
(l.c. S. 3).
Bewegung ist kein apriorischer, sondern ein Erfahrungsbegriff,
weil er außer Raum und Zeit die Wahrnehmung eines
beweglichen Etwas voraussetzt (l.c.
S. 4; Kr. d. r. Vern. S. 66). Die Bewegung
besteht nicht an sich,
sondern ist Erscheinung, objektiver Erkenntnisinhalt; so auch der Idealismus.
Für SCHOPENHAUER
ist die Bewegung Objektivation
des Willens.
Für HERBART ist
sie »objektiver Schein«, »ein
natürliches Mißlingen der versuchten räumlichen Zusammenfassung«,
während im An-sich
der Dinge sich nichts verändert (Met.
II, §295).
HEGEL bestimmt die Ortsbewegung
als »Vergehen und Sich-wieder-erzeugen des
Raums in Zeit und der Zeit in Raum, daß die Zeit sich räumlich als
Ort, aber diese gleichgültige Räumlichkeit ebenso unmittelbar zeitlich
gesetzt wird« (Naturphil. § 261).
Die dialektische
»Bewegung« liegt
dem Seienden zugrunde.
HILLEBRAND erklärt die Bewegung
für die »allgemeine Grundform
der erscheinenden Wirklichkeit«, sie ist
»der positive Ausdruck der ursprünglichen
Kraftstellungen der Substanzen für die Anschauung« (Phil.
d. Geist. I, 108).
TRENDELENBURG nimmt
Bewegung im weiteren Sinne als »das
Allgemeinste, was im Denken und Sein vorkommt«
(Log. Unt. I, 143). Sie
erzeugt die Formen der Dinge (l.c. S. 266).
Die »konstruktive«
Bewegung ist die »allgemeine
Bedingung des Denkens, eine geistige Tat, welche nicht erst von der Erfahrung
abhängt, aber diese möglich macht«,
das a priori des Erkennens (Gesch. d. Kat.
S. 365 ff.).
CZOLBE hält die Bewegung
nicht für eine passive Wirkung, sondern für eine »ursprüngliche
Tätigkeit« (Gr. u. Ursp. d. m. Erk.
S. 80). »Anziehung und Abstoßung sind
nicht Ortsveränderung selbst, sondern ihre Ursache« (ib.).
Nach L.
NOIRÈ ist die Bewegung
eine Grundeigenschaft der Dinge (neben der
Empfindung), »objektive Kausalität«
(Einl. u. Begr. e. mon. Erk. S. 135). »Ihr
Grund- und Urwesen ist aber nur räumliche Differenz, die Zeit gibt ihr
erst das beobachtende, erkennende Objekt« (ib.).
R. HAMERLING betont, die Bewegung
sei ein Leiden, ein Passives (Atom.
d. Will. II, 62) (ähnlich schon v.
HARTMANN).
Nach HELMHOLTZ ist
alle Veränderung in der empirischen Welt Bewegung,
diese ist die »Urveränderung«.
Alle elementaren Kräfte sind »Bewegungskräfte«
(Vortr. u. Red. I4, 379 ff.).
H. SPENCER erklärt, die Darstellung aller objektiven
Tätigkeiten in Ausdrücken der Bewegung sei
nur symbolische Erkenntnis (Psychol. I, §
63; First Princ. § 16).
HODGSON definiert
Bewegung als
»change in percepts of sight, touch, or both«
(Phil. of
Reflect. I, 266).
Nach RIEHL ist
die Bewegung, auf die wir die Sinnesqualitäten
zurückführen, nur ein in der Form der Gesichtswahrnehmung gedachtes,
gedeutetes Geschehen (Phil. Krit. II, 2, S.
35).
Nach NIETZSCHE ist
Bewegung Vorstellung, nur ein Bild des Wirklichen
in der Sinnensprache des Menschen, »Folgeerscheinung«
nicht Urkraft (WW. XV,
297).
Nach WUNDT
besteht die Bewegung
in der »relativen Lageänderung
gegebener Raumgebilde«. Die Ordnung unserer
Vorstellungswelt setzt, soweit sie quantitativ ist, die
Bewegung voraus (Log. I2, S. 518 ff.;
Syst. d. Phil.2, S. 124 ff.). Die objektiven Relationen
der Körper führen auf Bewegungen der Substanzelemente zurück
(Syst. d. Phil.2, S. 437 ff.).
Von den inneren Eigenschaften der Dinge
wird dabei geflissentlich abstrahiert (Syst.
d. Phil.2, S. 459ff.). In das Reich des
»An-sich« fällt die Bewegung als
räumlicher Vorgang nicht, obgleich sie objektiv begründet ist wie
der Raum.
Nach REHMKE heißt
Bewegung »in
aufeinander folgenden Augenblicken an verschiedenen Orten sein«
(Gedenkschrift f. R. Haym S. 109 f.).
SCHUPPE versteht unter Bewegung
»die wahrnehmbare Tatsache, dass ein Subjekt sich
in einem folgenden Zeitpunkte an einem anderen Orte befindet als vorher, also
das andere Wo in einem andern Wann« (Log.
S. 108). Sie ist »keine
Tätigkeit, die verschieden wäre von der Ortsveränderung selbst«
(l.c. S. 109).
SCHUBERT-SOLDERN erklärt
alle Bewegung für relativ (Gr.
e. Erk. S. 297). Sie ist nur denkbar als
»räumliche Beziehung, Änderung der Lage
eines Raumteiles zum andern« (l.c. S.
300).
Nach R. WAHLE präsentiert
sich uns die Bewegung »in
der Sukzession der Erscheinung einer Fläche an verschiedenen Orten«.
Dieses »Durch-den-Raum-durchgleiten«
ist etwas »Unverstandenes
sui generis« (D. Ganze d. Phil. S. 01
ff.). Die Bewegung ist
keine metaphysische Kraft, kein »Faktor«.
Böse
S.441ff.
Siehe auch bei Kirchner
ist das Gegenteil des Guten
, der Gegensatz dazu,
sofern er als solcher bewußt wird; jede Handlung, die dem sittlichen Willen
zuwider ist; alles zwecklos und willentlich Zerstörerische, Negative, brutal
Gewalttätige, unser Fühlen absichtlich Verletzende; alles, was der
Lust am Schlechten, Verwerflichen, Grausamen entspringt.
Das Böse wird zuweilen
als ein dämonisches Princip dem göttlichen,
guten Geiste entgegengesetzt, so im Typhon der
Ägypter, im Ahrimân des Parsismus,
im Satan des späteren Judentums und noch mehr
des Christentums. Als selbständiges Princip wird das Böse
auch von den Manichäern aufgefaßt.
Nach ANTISTHENES ist das
Böse ein dem menschlichen Wesen Fremdes xenikon,
allotrion, (Diog. L. VI, 12, Plat., Conviv.
205 C).
PLATO leitet das Böse
aus der Natur des Körperlichen, aus der Unbestimmtheit, Unordnung des Materiellen,
noch nicht Geformten, ab (Tim. 68 E),
auch aus der »bösen
Weltseele«
(Leg. 896 E). Das Böse
ist ungöttlich, widerstrebt dem Ordnungsprincip (Theaet.
776 A; Polit. 269 D; Tim. 47 E); die gute
Gottheit kann des Bösen Urheber nicht
sein (Rep. II, 379 C).
Die Stoiker setzen das Böse
nur in die Teile des Alls, nicht in den
Kosmos selbst teleon
men ho kosmos sôma estin, outelea de ta tou kosmou merê,
(Plut. de Stoic. rep. 44, 6). Durch das Böse
kommt erst das Gute zur Geltung (l.c.
36, 1). Jenes ist nur ein Mittel zur Beförderung
des Guten
(KLEANTHES, Hymn. v. 18 f.).
Nach PHILO geht das
Böse aus der Verbindung der
Seele mit der unreinen Materie hervor, die nach PLOTIN
selbst schon etwas Böses (kakon)
ist. Das Böse ist nicht im Seienden, es stammt
aus der »alten Natur«, der Materie
(Enn. I, 8, 3, I, 7). Der
Anfang des Bösen der Seele ist das Vergessen
der göttlichen Herkunft, das Verlangen, sich
selbst anzugehören (Enn. V, 1),
ähnlich schon ANAXIMANDER;
PLUTARCH betrachtet das Böse
als eine dem Guten entgegenwirkende Kraft
(De Isid. 46 squ.), die
aus der »bösen Weltseele« stammt
(De an. procr. 3).
Die
Gnostiker verlegen das Böse wiederum in
die Materie (vgl. HARNACK, Dogm. I3, 246).
Nach BOËTHIUS hat das
Böse keine positive Wirksamkeit und Wirklichkeit, es veranlaßt
indirect das Gute
(De cons. phil. IV).
Auch nach CLEMENS
ALEXANDRINUS ist es keine Wesenheit, ist nicht von Gott
geschaffen (Strom. IV, 13).
Es ist nach ORIGENES eine »Beraubung«
(privatio) des wahren, guten Seins, ein Negatives (De
princ. I, 109), eine
Notwendigkeit für die Verwirklichung des Guten. (Contr.
Cels. VI, 53).
AUGUSTINUS sieht im Bösen
die Folge einer verkehrten Willensrichtung, eines Abfalles von Gott
(Enchir. 23); es ist
nur Beraubung, Mangel (amissio) des
Guten, hat nur relatives Sein (De civ.
Dei XI, 22).
DIONYSIUS AREOPAGITA
und JOH. SCOTUS ERIUGENA nennen das Böse
ein »innaturale«, »incausale«
(De div. nat. IV, 16). Letzterer bemerkt: »Non
ergo in natura humana plantatum est malum, sed in perverso et irrationabili
motu rationabilis liberaeque voluntatis est constitutum«
(l.c. IV, 16).
Nach ALEXANDER VON HALES
ist das Böse
»privatio boni« (Sum.
th. I, 18, 9), so auch nach ALBERTUS
MAGNUS (Sum. th. I, 27, 1) und
THOMAS, nach
welchem Gott das Böse
nur als Beförderer des Guten zugelassen
hat (Sent. 32).
Nach J. BÖHME ist
das Böse die negativ-treibende, zum Leben
anreizende Kraft im All,
der »Gegenwurf« des Guten,
als »Zornfeuer« in
Gott selbst enthalten (Aurora).
LEIBNIZ leitet das Böse
aus der Beschränktheit der
endlichen Wesen ab; es dient nur der Vollkommenheit des Ganzen, da nichts
von allem Möglichen fehlen darf. Gott läßt
das Böse zu, weil sonst vieles Gute
verhindert würde (Theod.
Il, Anh. IV, § 34).
Nach CHR. WOLF
ist böse,
»was uns und unsern Zustand unvollkommener
macht« (Vern. Ged. I, § 425).
KANT nimmt ein »radicales«
(ursprüngliches) Böses an, einen
Hang zum Bösen, »welcher,
da es nur als Bestimmung der freien Willkür möglich ist, diese aber
als gut oder böse
nur durch ihre Maxime beurteilt werden kann, in dem subjectiven Grunde der Möglichkeit
der Abweichung der Maximen vom moralischen Gesetze bestehen muß«
(Relig. S. 28). Mit
dem Guten besteht das Böse
ursprünglich im Menschen, es ist ihm angeboren, in seiner Selbstliebe
begründet, entsteht durch eine »transcendentale
Handlung«, ist unausrottbar und verdirbt die reine Moralität
des Menschen (l.c. S. 31).
Es ist eine »angeborene Schuld« (l.c.
S. 38). Es entstand,als der Mensch aus dem Stande
der Unschuld in den der Sünde geriet (l.c.
S. 43); vgl. das Dogma von der »Erbsünde«.
Das Böse ist das, was vom vernünftigen Willen verabscheut werden muß,
was dem moralischen Gesetze entgegen ist (Kr.
d. pr. Vern. I. T., 1. B., 2. Hptst.).
Von einem »Urbösen« in der Seele
spricht HEINROTH (Psychol.
S. 463).
Ein radicales Böses,
d.h. den Egoismus, nimmt auch EUCKEN an
(Kampf um e. geist. Lebensinh. S. 223 f.).
SCHELLING leitet das Böse
aus einer vorzeitlichen Willenshandlung ab, es gehört zum Sein
(WW. I, 7, 403), nachdem
schon BAADER das Böse
als in der »ewigen Natur in Gott« begründet
angesehen hatte; VOLKELT
nimmt etwas Ähnliches an (Ästh.
d. Trag.).
Über das Böse handeln
HERBART (Gespräche
üb. d. Böse 1818), BLASCHE
(Das Böse im Einklang mit d. Weltordn.
1827), H. RITTER (Üb.
d. Böse 1869) u.
a. –
Nach HILLEBRAND ist
das Böse »der
seiner bewußte moralische Widerspruch«. Es
ist ein dialektisches Moment in der Weltordnung, hat keine wesenhafte Wirklichkeit
(Phil. d. Geist. II, 128 f.).
FECHNER meint, das Böse
entstehe wohl in Gott, aber nicht durch seinen
Willen (Zendav. I, 247). Nur
im »Gebiete der Einzelheiten« taucht das Böse
(Übel) auf, das zugleich Quelle des Guten
wird (l.c. I, 244 f.). Das
Böse hat vermöge des Gegenstrebens in Gott
»keinen Gipfel, Zusammenschluß
und Abschluß« (Tagesans. S. 48
ff.).
LIPPS erklärt: »Das
Böse ist ein Verhältnis zwischen der Stärke von Motiven. Es ist
ein Überwiegen von an sich guten oder berechtigten Motiven und ein Zurücktreten
anderer« (Eth. Grundfr. S. 53). »Nicht
das Wollen des Menschen ist böse, sondern sein Nichtwollen«
(l.c. S. 55). Es ist das Böse,
wie der Irrtum, ein Negatives Zwei Quellen des Bösen gibt es, »die
Schwäche von Motiven und den Irrtum oder die Täuschung, vor allem
die Selbsttäuschung« (l.c. S. 56).
PAULSEN betont:
»Was aber das sittlich Schlechte oder das Böse
anlangt, so wird die Ethik es construieren, wie die medicinische Diätetik
Störungen, Schwächen, Mißbildungen construiert; wie hier diese
Vorkommnisse als Folge von äußeren Hemmungen und Störungen angesehen
werden, die der Tendenz der Anlage zu normaler Entwicklung zuwider waren, so
wird die Ethik dasSchlechte
und Böse nicht auf den eigentlichen Willen
des Wesens selbst..., sondern auf ungünstige Entwicklungsbedingungen zurückführen,
unter denen die Anlage verkümmerte und Mißbildungen erlitt«
(Einl. in d. Phil.2, S. 435). Nur
im Kampfe mit dem Bösen kann auf Erden das
Gute Kraft gewinnen. Das
Böse ist um des Guten willen da, als
Reiz, Widerstand, Folie; es ist an sich ein Nichtiges, Negatives (Syst.
d. Eth. I5, 306 ff.).
Der Utilitarismus
bestimmt das Böse (Schlechte)
als das, was die (sociale) Wohlfahrt bewußt
schädigt.
Nach NIETZSCHE entsteht
der Begriff »böse« aus dem »Ressentiment«
der Schwachen gegen den Machtwillen der »Herren«
(Jens. von Gut u. Böse2, S. 228
ff.).
Vgl. Gut,
Übel, Theodicee.
Brahman
S.446
das schöpferische, erhaltende
Prinzip, das Absolute,
das Weltwesen (Veden)
(vgl. DEUSSEN, Allg. Gesch. d. Philos. I 1,
S. 242, 261).
Buddhismus
S. 446
die Lehre BUDDHAS (des
»Wissenden, Erleuchteten«). Prinzipien:
Einheit des Alls, Nichtigkeit und Unwirklichkeit des individuellen Daseins,
der Außenwelt
(»Schleier der Mâja«),
Wiedergeburt, Seelenläuterung, Askese, Mitleidsmoral,
Nirvana
Chaos
(von chainein, gähnen) S.
498 Siehe
auch bei Kirchner
ungeordneter Weltzustand ohne Bestimmtheit, Gesetzmäßigkeit,
Harmonie der Vorgänge,
Urzustand des noch ungeformten Weltstoffes, Weltraumes.
In noch mythischer Weise lehrt
HESIOD, von allem sei zuerst das Chaos entstanden
pantôn men prôtista chaos genet', autar
epeita Gai' eurysternos, (Theog. V, 116);
ek chaeos d' 'Erebos te melaina te Nyx egenonto
(l.c. V, 123).
Nach ANAXAGORAS wird das
Chaos durch den Geist
(nous), (Diog.
L. II, 6) gestaltet.
PLATO nimmt (im
Tim. 30 A ff.) eine chaotische Masse (kinoumenon
plêmmelôs kai ataktôs) und (im
Philebus) ein Unbestimmtes (apeiron)
an.
Gegen die Annahme eines ursprünglichen
Chaos erklärt sich ARISTOTELES
(De coel. 2).
OVID spricht von der »rudis
indigestaque moles« (Met. I, 7).
Nach NIETZSCHE
ist die Welt an sich ein
Chaos von Vorgängen ohne Zwang und Gesetze (WW.
V, 109, vgl. XV, 319).
P. MONGRÉ erblickt
in der empirischen Welt einen von unserem Bewußtsein vollzogenen
»Ausschnitt aus dem gesetzlosen
Chaos« (Das Chaos in kosm. Ausl.
1898).
Dämonen
S.541f.
Geister, insbesondere böse, schädliche. Der
Dämonenglauben bildet einen Bestandteil wohl
aller primitiven Religionen, besonders des »Animismus« (im
Sinne Tylors).
An Dämonen glaubten auch die
Perser, Juden u. a.
Auch in die Philosophie ist die »Dämonologie«
eingedrungen, indem man hier unter Dämonen
geistige Kräfte versteht, welche zwischen der Gottheit
und den Menschen vermitteln. Als Anhänger solchen Glaubens sind besonders
zu nennen:
XENOKRATES (Plut. De
Is. et Osir. 26; De def. orac. 14), die Stoiker
(vgl. ZELLER, Phil. d. Griech. III, 13, 319),
Neupythagoreer (l.c.
III, 23, 91), PLUTARCH (l.c.
III, 23, 176), PHILO JUDAEUS (De
somn. I, 22), PLOTIN
(Enn. VI, 7, 6: esti mimêma
theou daimôn, eis theon anêrtêmenos), AMBLICH,
PROCLUS, BOËTHIUS, PORPHYR
(De abstin. II, 37 ff.),
TATIAN (»hylische Geister«, Orac.
ad Graec. 4).
Darwinismus
S. 542f.
heißt die Lehre des CHARLES
DARWIN (On the origin of species 1859) von
der Variabilität der Arten, vom Kampfe ums Dasein und der natürlichen
Auslese, von der allmählichen Entwicklung der Arten durch diese Faktoren,
durch passive, von außen erreichte Anpassung ohne Zielstrebigkeit und
Teleologie. Vgl. Evolution.
Deismus
S. 560f. Siehe
auch bei Kirchner
Vernunftreligion, Annahme einer
Gottheit, die aber nicht in den Lauf der Natur eingreift, keine Wunder
tut, sich nicht direct offenbart.
Die bekanntesten Deisten
(»Freidenker«, freethinker) des
17.-18. Jahrhunderts sind: HERBERT VON CHERBURY,
CH. BLOUNT, J. TOLAND, M. TINDAL, A. COLLINS, BOLINGBROKE,
SHAFTESBURY, VOLTAIRE,
ROUSSEAU, H. S. REIMARUS.
»Deist« kommt schon bei
BLOUNT, TOLAND und SHAFTESBURY
(The moral. I, 2) vor. (Vgl.
G. V. LECHLER, Gesch. d. engl. Deismus, 1841.)
CRUSIUS bezeichnet
als »Deisten« oder
»Universalisten« eine
»Art von Atheisten«
nach welchen »alles, was wir sehen und hören,
mit zu Gott gehöret«, also die
Pantheisten (Vernunftwahrh.
§ 236).
Nach KANT glaubt der »Deist«
an einen Gott überhaupt (Kr. d. r. Vern.
S. 496). »Der so allein eine transcendentale
Theologie einräumt, wird Deist, der, so auch eine natürliche Theologie
annimmt, wird Theist genannt. Dererstere gibt zu, daß wir allenfalls das
Dasein eines Urwesens durch bloße Vernunft erkennen können, aber
unser Begriff von ihm bloß transcendental sei, nämlich nur als von
einem Wesen, das alle Realität hat, die man aber nicht näher bestimmen
kann. Der zweite behauptet, die Vernunft sei imstande, den Gegenstand nach der
Analogie mit der Natur näher zu bestimmen, nämlich: als ein Wesen;
das durch Verstand und Freiheit den Urgrund aller andern Dinge in sich enthalte«
(l.c. S. 494 f.). »Der
deistische Begriff ist ein ganz reiner Vernunftbegriff, welcher aber nur ein
Ding ist, das alle Realität vorstellt, ohne deren eine einzige bestimmen
zu können« (Prolegom. § 57).
Vgl. Theismus.
Demiurg
(dêmiourgos) S.
201 Siehe
auch bei Kirchner
Weltbildner, Weltbaumeister, Gott
als Gestalter der Welt
aus dem Chaos
oder der Materie,
als Ordner des Weltalles.
So bei PLATO,
der ihn »Allvater«
(patêr toude tou pantos, Tim. 28 C,
29 A) nennt, der Demiurg
ist das Gute an sich, der alles im Sinne der Ideen
gut gestaltet.
Die Gnostiker
nennen Demiurg
den vom höchsten Gott unterschiedenen,
teilweise mit dem Judengotte identificierten, teilweise
sogar als bösartig betrachteten Weltbildner.
NUMENIUS unterscheidet den
Demiurgen als zweiten Gott
(ho deuteros theos, ho dêmiourgos theos) von
der höchsten Gottheit.
Jener bildet in Anschauung, der Ideen die
Welt, den dritten Gott (Prokl.
in Tim. II, 93; Euseb. Praep. ev. XIV, 5). Der
Demiurg wird auch mit dem
Logos identificiert.
Dialektik
(dialektikê) S.593ff.
Siehe
auch bei Kirchner
Unterredungskunst, Methode der Unterredung, begriffliches
Verfahren (durch Entwicklung von Sätzen oder Wahrheiten
aus Begriffen), logische Bewegung des Denkens von
einem Begriff zum anderen mittelst Aufhebung von Widersprüchen.
Im schlechten Sinn bedeutet »dialektisch«
ein auf Überredung hinzielendes Argumentieren ohne stichhaltige Erfahrungsgrundlagen.
Ein dialektisches Verfahren
machte sich schon der Eleate
ZENO zu
eigen (Diog. L. VIII, 57: Aristotelês
en tô Sophistê phêsi prôton Zênôna dialektikên
heurein, vgl. IX, 25).
Die Sophisten begründen eine Dialektik
im schlechten Sinne, die darauf ausgeht, ton hêttô
logon kreittô poiein, durch Scheinbeweise, Sophismen
den Schein der Wahrheit zu erzeugen (vgl.
ARISTOTELES, Rhet. II 24, 1402a 23).
Die Unterredungskunst zum Zwecke der Begriffsbestimmung
übt SOKRATES aus. Im Zusammen-Denken glaubt
er das Wahre, Objective finden zu können: Ephê
de kai to dialegesthai onomasthênai ek tou syniontas koinê bouleuesthai
dialegontas kata genê ta pragmata
(XENOPHON, Memor. IV, 5, 12).
Bei den Megarikern artet die Dialektik
in Eristik aus.
PLATO versteht unter
Dialektik die Kunst des logischen, philosophischen Verfahrens, d.h. des
Verfahrens, durch Analyse und Synthese der Begriffe, durch Fortgang des Denkens
von niederen zu höheren, allgemeineren Begriffen zur Erkenntnis des Seienden,
der Wirklichkeit, der Ideen
zu gelangen hê tou dialegesthai
dynamis ist die
Erkenntnis [gnôsis] peri to on kai to
ontôs kai to kata tauton aei pephykos, sie ist makrô alêthestatê
(Phileb. 58 A, 57 E). Vom Eros, von der Liebe zum
Forschen, ergriffen, sucht der Dialektiker das
Wesen der Dinge zu bestimmen dialektikon kaleis
ton logon hekastou lambanonta tês ousias (Republ.
534 B; vgl.Soph. 253 Phaedr. 265, 266, 276 E).
ARISTOTELES nennt dialektikê
das Beweisverfahren aus überlieferten Sätzen
ex endoxôn (Top.
I 1, 100a 27); dialektikôs
= auf syllogistische Weise (Top. I 14, 105b
31), auch - sophistisch (De
an. I 1, 403a 2); dialektikai protaseis
- Wahrscheinlichkeitsurteile (Anal.
pr. I 1, 24a 22).
Die Stoiker verstehen unter
Dialektik teils die Grammatik, teils die Logik und Erkenntnistheorie.
Das logikon meros zerfällt in Rhetorik
und Dialektik
(Diog. L. VII, 41). Letztere, ist die Wissenschaft tou
orthôs dialegesthai peri tôn en erôtêsei kai apokrisei
logôn; hothen kai houtôs autên horizontai, epistêmên
alêthôn kai psendôn kai oudeterôn
(Diog. L. VII, 42 ff.; vgl. PRANTL,
G. d. Log. I, 413; L. STEIN, Psychol. d. Stoa II, 101).
CICERO spricht über
Dialektik im Sinne der Stoa
(De orat. II, 38, 157; Brut. 41, 152; Disp. Tusc.
V, 25, 72; Acad. II, 28, 91; Top. 2, 6).
SENECA: Dialektikê
»in duas partes dividitur, in verba et significationes i.e. in res quae
dicuntur et vocabula quibus dicuntur«
(Ep. 1, 1; vgl. 89, 9).
EPIKUR ersetzt die Dialektik
durch die »Kanonik«.
JOHANNES SCOTUS versteht unter Dialektik
die Forschung nach dem Wesen der Dinge durch logisches,
speculatives Verfahren. Sie ist »communium
animi conceptionum rationabilium diligens investigatrixque disciplina«(Div.
nat. I, 27), die »mater
artium.« (l.c. V, 4). Sie
geht vom Allgemeinen zum Besonderen und gewinnt aus diesem das Allgemeine.
»Illa pars philosophiae, quae dicitur dialectica,
circa horum. generum divisiones a generalissimis ad specialissima iterumque
collectione a specialissimis ad generalissima versatur« (l.c.
I, 16). »Inchoat per genera generalissima
mediaque genera usque ad formas et species specialissimas« (l.c. V, 4).
»Dialecticae proprietas est rerum omnium, quae intelligi possunt, naturas
dividere, coniungere, discernere, propriosque locos unicuique distribuere atque
ideo a sapientibus vera rerum contemplatio solet appellari« (l.c.
I, 46). Die Dialektik
ist im Wesen der Dinge gegründet »in
natura rerum ab auctore omnium artium, quae vere artes sunt, condita«
(l.c. IV, 4).
Nach ABAELARD
ist die Dialektik die
begriffliche Feststellung der Wahrheit oder Falschheit von Urteilen,
»veritatis seu falsitatis discretio«
(Dial. p. 435).
JOHANN VON SALISBURY erklärt:
»Dialctices intentio, ut sermonum vim aperiat et
ex eorum praedicatione examinandi veri et statuendi scientiam assequatur«
(PRANTL, G. d. Log. II, 236).
Nach LAMBERT VON AUXERRE
ist Dialektik
»ars artium ad principia omnium methodorum viam
habens« (l.c. S. 26).
Nach THOMAS
gibt es eine »dialectica
docens« und »dialectica
utens« (4 met. 4b).
Gegen die scholastische Wertschätzung des dialektischen
Verfahrens wenden sich LUDOVICUS VIVES, NIZOLIUS
und besonders PETRUS RAMUS.
Ihm ist die Dialektik nichts als Disputierkunst.
»Dialectica virtus est disserendi, quod vi
nominis intelligitur: dialegesthai enim et disserere unum idemque valent, idque
est disputare, disceptare atque omnino ratione uti« (Dial.
inst. p. 1). Sie ist »doctrina
disserendi« (l.c. p. 6).
BOVILLUS nennt die dialektische
Denkbewegung »antiparistasis«
.
Nach MELANCHTHON
ist die Dialektik »ars
et via docendi«, »consistit in definiendo, dividendo et argumentando«
(Dial. I, p. 1).
KANT erklärt, die
Dialektik sei nur eine »Logik des Scheins«
(Kr. d. r. Vern. S. 83), eine »ars
sophistica, disputatoria«, die aus einem Mißbrauch der Logik
entspringt (Log. S. 11). Denn
»da sie uns gar nichts über den Inhalt der Erkenntnis lehret, sondern
nur bloß die formalen Bedingungen der Übereinstimmung mit dem Verstande...,
so muß die Zumutung, sich derselben als eines Werkzeugs (Organon) zu gebrauchen,
um seine Kenntnisse, wenigstens dem Vorgeben nach, auszubreiten und zu erweitern,
auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen, alles, was man will, mit einigem
Schein zu behaupten, oder auch nach Belieben anzufechten«
(Kr. d. r. Vern. S. 84). Kant selbst will
unter Dialektik nur »eine
Kritik des dialektischen, Scheins« verstanden wissen. Auf dem Gebiete
des Erkennens zunächst besteht eine in der Natur des Denkens liegende
»transcendentale Dialektik«, die zu einer Verwechselung subjectiver
Notwendigkeit mit objectiver Realität führt. Sie »beruht
auf ursprünglichen, natürlichen Illusionen, auf einem transcendentalen
Schein, dessen Folge es ist, daß in unserer Vernunft... Grundregeln und
Maximen ihres Gebrauches liegen, welche gänzlich das Ansehen objectiver
Grundsätze haben und wodurch es geschieht, daß die subjective Notwendigkeit
einer Verknüpfung unserer Begriffe zugunsten des Verstandes für eine
objective Notwendigkeit, der Bestimmung der Dinge an sich selbst, gehalten wird«
(Krit. d. r. Vern. S. 263). Die »transcendentale
Dialektik« als Kritik begründet den »Schein«,
ohne ihn zerstören zu können (l.c. S. 263
f.). »Da aller Schein darin besteht, daß
der subjective Grund des Urteils für objectiv gehalten wird, so wird eine
Selbsterkenntnis der reinen Vernunft in ihrem transcendentalen (überschwenglichen)
Gebrauch das einzige Verwahrungsmittel gegen die Verirrungen sein, in welche
die Vernunft gerät, wenn sie ihre Bestimmung mißdeutet und dasjenige
transcendenterweise aufs Object an sich selbst bezieht, was nur ihr eigenes
Subject und die Leitung desselben in allem immanenten Gebrauche angeht«
(Proleg. § 40; vgl. § 45). Die transcendentale
Dialektik besteht in der Untersuchung der Paralogisme, Antinomien und
Ideale der reinen Vernunft. Es gibt auch eine Dialektik der praktischen Vernunft,
indem diese unter dem Namen des höchsten Gutes
ein Unbedingtes sucht (Kr. d. pr. Vern. I.T., 2. B.).
So auch in der Urteilskraft, nämlich betreffs der Antinomien des Geschmacks
(Kr. d. Urt. § 55 ff.).
J. G. FICHTES philosophische
Methode, nach welcher in Entgegengesetztem das übereinstimmende Merkmal
aufgesucht und der Dreischritt: Thesis, Antithesis, Synthesis gemacht
wird, ist dialektisch (»synthetisch«,
Gr. d. g. Wiss. S. 31; ähnlich HEGEL, S. weiter
unten).
SCHLEIERMACHER versteht unter Dialektik
eine »Kunstlehre
des Denkens«, die Kunst des Begründens
(Dialekt. S. 8), die
philosophische Principienlehre (Metaphysik
und Erkenntnistheorie). Dialektik
ist die Philosophie,
weil das Wissen ein Product des gemeinsamen Denkens ist (l.c.
S. 66). Sie ist »die
Idee des Wissens unter der isolierten Form des Allgemeinen« (l.c.
S. 309, vgl. S. 22, 315).
SCHOPENHAUER versteht unter
Dialektik »die Kunst des auf gemeinsame Erforschung
der Wahrheit, namentlich der philosophischen, gerichteten Gespräches«
(W. a. W. u. V. II. Bd., a.9).
SPICKER erklärt:
»Unter Dialektik verstehen
wir nicht bloß eine Begriffszergliederung, sondern zugleich auch eine
Begriffserzeugung. Beides zusammen fassen wir unter den Ausdruck: 'Begriffsentwicklung'.
Die zwei Hauptmomente der Dialektik sind also: Analyse und Synthese. In jener
wird gezeigt, was ein Begriff ist und was er nicht ist; in dieser, was er sein
soll« (K., H. u. B. S. 165).
WUNDT versteht unter dialektischen
Methoden »alle diejenigen philosophischen
Methoden..., bei denen aus gegebenen Begriffen vermittelst einer rein logischen
Entwicklung andere Begriffe abgeleitet werden« (Phil.
Stud. XIII, 68).
Auf die Wirklichkeit selbst
wendet zuerst PROKLUS den Begriff der
Dialektik an. Der Weltprozess macht eine triadische Entwicklung durch:
aus der Einheit oder Ursache, in der das Erzeugte vermöge seinerÄhnlichkeit
verharrt (monê) tritt es heraus
infolge seiner Unähnlichkeit (proodos),
um dann wieder zu ihr zurückzukehren (epistrophê)
(Procli stoicheiôsis theologikê,
c. 31 ff.).
Später überträgt
HEGEL die
dialektische Entwicklung, die nach ihm das logische Denken beherrscht,
auf das Sein. Die Dialektik ist »die
wissenschaftliche Anwendung der in der Natur als Denkens liegenden Gesetzmäßigkeit«
(Encykl. § 10) und zugleich diese
Gesetzmäßigkeit selbst. Diese besteht in der immanenten Bewegung
des »Begriffs«, der infolge des in
ihm steckenden »Widerspruchs«
sich selbst aufhebt, um wieder zu sich, auf einer höheren Stufe,
zurückzukehren. Der Begriff schlägt in sein Gegenteil um, geht mit
diesem in einem höheren Begriff zusammen, wodurch der Widerspruch »aufgehoben«
wird. »Das dialektische Moment ist das eigene Sich-aufheben
solcher endlichen Bestimmungen und ihr Übergehen in ihre entgegengesetzte«
(Encykl. § 81. So entwickeln sich die
Begriffe auseinander »in unaufhaltsamem, reinem,
von außen nichts hereinnehmendem Gange«(Log.
I, 41). Der Geist ist hierbei nicht productiv, sondern sieht der Selbstentwicklung
des Begriffs zu (Rechtsphil. S. 65). Die Dialektik
ist »die eigene, wahrhafte Natur der Verstandesbestimmungen,
der Dinge und des Endlichen überhaupt« (Encykl.
§ 81). Die geistige Entwicklung geht vom An-sich-sein durchs Für-sich-sein
zum An- und Für-sich-sein.
HILLEBRAND: »Alles,
Geistige hat Form und Inhalt... nur in der Dialektik seines eigenen Tuns«
(Phil. d. Geist. II, 95).
SCHASLER erklärt
den dialektischen Proceß als »Fortgang
vom abstract Allgemeinen durch die Differenz und Besonderung zum Individuellen,
worin der in der Besonderung enthaltene Gegensatz zu einer höheren Einheit
aufgehoben, d.h. die abstracte Einheit des Allgemeinen zur concreten erhoben
wird« (Kr. Gesch. d. Ästh. S. 8).
J. E. ERDMANN überträgt
die Dialektik auf
die Psychologie (Psychol. Briefe3, 209, 250,
256).
BAHNSEN nimmt nur eine
»Realdialektik«, eine
(antilogische) dialektische
Entwicklung des Seins an (s. Widerspruch).
R. HAMERLING betrachtet die
Seins-Dialektik als logisch, zweckmäßig, er kennt auch eine Dialektik
des Denkens und der Anschauung (Atom. d. Will.
I, 73 ff.).
Im Sinne Hegels lehrt
CARNERI (Sittl.
u. Darwin. S. 12). Vgl. E. DÜHRING, Natürl.
Dialektik 1865.
Dualismus
S.651 Siehe
auch bei Kirchner
Zweiheit (z.B. von Principien).
Der Ausdruck »dualitas« schon
bei BOËTHIUS. -
Ein »Princip der ursprünglichen
Dualität« in den Tatsachen kennt M.
DE BIRAN (Essai sur les fondem. de Psychol., Introd.
gén. II).
Nach WUNDT findet der
discursive Charakter des Gedankenverlaufs im »Gesetz
der Zweigliederung oder logischen Dualität« seinen
Ausdruck. Es wird nämlich durch die apperceptive Analyse der Inhalt einer
Gesamtvorstellung anerkennt die Verschiedenheit der Daseins- oder Erscheinungsformen
des Wirklichen, ist aber mit einem metaphysischen Monismus verträglich;
der metaphysische Dualismus ist kosmologischer
und anthropologischer Art.
Die ältere Bedeutung von »Dualismus«,
die auch heute noch neben der angeführten besteht, ist die einer ethisch-religiösen
Weltanschauung. der zufolge zwei Principien im
All einander gegenüberstehen: das Gute, der Lichtgeist,
das Göttliche, und das Böse, die Finsternis,
der Satan, wobei aber in der Regel doch
die Superiorität des guten Princips betont wird. In diesem Sinne wird das
Wort »Dualismus« gebraucht bei THOMAS
HYDE (Histor. rel. vet. Pers. 1700, c. 9; nach
EUCKEN, Terminol.).
Durch BAYLE findet es seine Verbreitung. Die neuere
Bedeutung hat das Wort schon bei CHR. WOLF.
»Dualistae sunt, qui et substantiarum materialium
et immaterialium existentiam admittunt« (Psychol.
rat. § 39).
Der »Dualist« glaubt, nach MENDELSSOHN,
»es gäbe ebensowohlkörperliche als geistige
Substanzen« (Morgenst. I, 6).
Nach KANT ist »Dualism«
auch »die Behauptung einer möglichen Gewißheit von Gegenständen
äußerer Sinne« (Krit. d. r. Vern. S. 311).
Den »religiösen« Dualismus lehren
die Perser (Ahuramazda
- Ahriman), PLUTARCH, die Manichäer
, in gewissem Sinn auch J. BÖHME, R.
FLUDD (Phil. mosaïc. 1, 3, 6),
SCHELLING. Vgl.
Gott.
Einen ethischen Dualismus bekunden die Stoiker,
nach denen Naturnotwendigkeit und (sittliche) Freiheit
des Willens einander gegenüberstehen, und KANT
mit seiner Lehre vom absoluten Gegensatze zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit
(dem vernünftig-moralischen Gesetze).
Der metaphysische Dualismus kommt in reinen und
unreinen Formen vor. Zuerst bei ANAXAGORAS, der
dem passiven Stoffe den ordnenden, gestaltenden »Geist«
(nous) gegenüberstellt, der zu jenem hinzukommt eita
ho nous elthôn auta diekosmêse (Diog.
L. II, 6).
PLATO scheidet die Welt in zwei voneinander gesonderte (chôrista)
Bestandteile: die Sinnendinge, die immer werdend, nicht seiend,
und die Ideen, die seiend
sind.
ARISTOTELES bringt mit der Unterscheidung von
»Form« und »Stoff«
der Dinge ein dualistisches Moment in seine Philosophie.
Noch abgeschwächter ist dieser »Dualismus«
bei den Stoikern.
Dagegen kommt er bei den Neuplatonikern wieder
zum Ausdruck; Geist (Seele) und Materie stehen
einander hier schroff gegenüber; die Sinnenwelt ist von der »intelligiblen«
ganz verschieden.
Anthropologische Dualisten (s.
Seele) sind (wie PLATO, ARISTOTELES u. a.)
einige Kirchenväter, AUGUSTINUS,
THOMAS und andere Scholastiker, auch Mystiker,
wie BONAVENTURA, welcher bemerkt: »Facit
Deus hominem ex naturis maxime distantibus (corpore et anima) coniunctis in
unam personam et naturam« (Breviloqu.
II, 10).
Eine neue, schroffe Formulierung erfährt der Dualismus
durch DESCARTES. Vom »Cogito,
ergo sum« ausgehend, bestimmt er die Seele
als rein geistige, vom Leibe toto genere verschiedene Substanz, als »res
cogitans« im Gegensatz zur »res extensa«.
Zwischen Leib und Seele besteht Wechselwirkung, die freilich nur mit
Gottes Beistand (»concursus, assistentia
Dei«) möglich ist. Zwei Substanzarten, Geist und Körper,
constituieren die Welt. Die Verschiedenheit beider sowie von Seele und Leib
ist »klar und deutlich«, daher objectiv
gewiß. »Substantias - percipimus a se mutuo
realiter esse distinctas, ex hoc solo, quod unam absque altera clare et distincte
intelligere possimus. - Itemque ex hoc solo, quod unusquisque intelligat se
esse rem cogitantem, et possit cogitatione excludere a se ipso omnem aliam substantiam,
tam cogitantem quam extensam, certum est unumquemque sic spectatum, ab omni
alia substantia cogitante atque ab omni substantia corporea realiter distingui«
(Princ. philos. I, 60).
Die Occasionalisten nähern diesen Dualismus
dem Monismus, in den er fast ganz bei SPINOZA übergeht,
der Geist und Materie als bloße Attribute eines Wesens, der Substanz ,
ansieht.
Dualistischer ist LEIBNIZ,
obgleich er im Materiellen nur die Erscheinungsform des Geistigen erblickt aber
er bestimmt die Seele als eine Einzelmonade,
die vom
Leibe verschieden ist.
Eine Erneuerung des scholastischen Dualismus findet
sich bei den modernen katholisch denkenden Philosophen, z.B. bei
GUTBERLET.
Den Cartesianischen Dualismus erneuert
GÜNTHERS »creatürlicher Dualismus«.
Einen anthropologischen Dualismus (zum
Teil in Annäherung an LEIBNIZ) vertreten HERBART,
VOLKMANN, LOTZE, J.
H. FICHTE, ULRICI, MARTINEAU, JAMES,
G. THIELE, L. BUSSE, KÜLPE, REHMKE,
W. JERUSALEM u. a.
das
Eine S.666
siehe
Einheit.
Einfachheit
S. 666f.
bedeutet Freisein von Teilen
und Ausdehnung. Einfach ist der geometrische, der dynamische
Punkt, das Atom, einfach ist die Ichheit in ihrer (abstrakten) Reinheit.
Von einigen wird die Seele für
ein einfaches Wesen gehalten.
CHR. WOLF definiert: »Ens
simplex dicitur quod partibus caret«
(Ontol. § 673), »extensum non est«
(l.c. § 675), »est
indivisibile« (l.c. § 670),
»nulla
praeditum est figura«(l.c. § 677),
»caret magnitu-dine« (l.c. §
678), »nullum spatium implere potest«
(l.c. § 679). Das Einfache
ist das schlechthin Teillose,
Größelose, Formlose u.s.w. (Vern. Ged.
I, § 81). Wie LEIBNIZ (S.
Monaden) erklärt er: »Wo zusammengesetzte
Dinge sind, da müssen auch einfache sein« (Vern.
Ged. I, § 76).
KANT betont, »dass, wenn
unsere Sinne auch ins Unendliche geschärft würden, es doch für
sie gänzlich unmöglich bleiben müsste, dem Einfachen auch nur
näher zu kommen, viel weniger endlich darauf zu stoßen, weil es in
ihnen gar nicht angetroffen wird; da alsdann kein Ausweg übrig bleibt,
als zu gestehen: dass die Körper gar nicht Dinge an sich selbst, und ihre
Sinnenvorstellung, die wir mit dem Namen der körperlichen Dinge belegen,.nichts
als die Erscheinung von irgend etwas sei, was, als Ding an sich selbst, allein
das Einfache. enthalten kann, für uns aber gänzlich unerkennbar bleibt«
(Üb. e. Entdeck. S. 29). »Ein
Objekt sich als einfach vorstellen, ist ein bloß negativer Begriff, der
der Vernunft unvermeidlich ist, weil er allein das Unbedingte zu allem Zusammengesetzten...
enthält, dessen Möglichkeit jederzeit bedingt ist.« Ob
das Ding an sich einfach oder zusammengesetzt ist,
können wir nicht wissen (gegen die Monadologie) (l.c.
S. 29). -
FECHNER erklärt: »Das
psychisch Einheitliche und Einfache knüpft sich an ein physisch Mannigfaltiges,
das physisch Mannigfaltige zieht sich psychisch ins
Einheitliche, Einfache oder noch Einfachere zusammen« (Elem.
d. Psychoph. II, 526).
R. WAHLE: »Der Begriff, des Einfachen ist
die vernünftig nicht fassbare Verkörperung des Wunsches, den Gegensatz
von demjenigen zu begreifen, an dem wir Teile wahrnehmen können«
(Das Ganze d. Philos. S. 90).
Vergleiche Monaden,
Teilbarkeit, Unendlichkeit.
Einheit
S. 668 ff. Siehe
auch bei Kirchner
ist ein Fundamentalbegriff, der aus der Reflexion auf
die verbindend-zerlegende Tätigkeit des Bewußtseins, des Ich entspringt.
Das Ich ist die Quelle aller Einheitsbegriffe, es ist
(sich und Objecte setzende) Einheitsfunction, faßt Erlebnisse,
Inhalte in einem Act, in einem Complex, in einer Synthese zusammen und trennt,
unterscheidet einen Inhalt, einen Complex von Inhalten von anderen Inhalten
oder Objecten. Die Einheit des Bewußtseins
(der Apperception) ist das Formal-Apriorische alles
Erkennens, die subjective Quelle der Kategorien und Anschauungsformen sowie
der Setzung von Objecten -
»Einheit« ist
sowohl das Als-eins-gesetzt-sein als auch, im engeren
Sinne, das, was als eins gesetzt wird, das Eine, die Eins.
Einheit ist nicht mit Einfachheit identisch, sie schließt die Vielheit
nicht aus, kann sie einschließen. Die Einheit
des Vielen, Mannigfaltigen ist anschaulich oder begrifflich, mathematisch
(numerisch), causaldynamisch oder teleologisch, je nach der Art der Zusammenfassung,
Verbindung. Die subjective Einheit ist die des
Ich, die objective die des Dinges, die kosmologische die der Welt, von der noch
die göttliche Einheit unterschieden werden kann. - Der Terminus »Einheit«
stammt von LEIBNIZ (für
unitas, unité), früher sagte man »Einigkeit«.
Zunächst betrachten wir die verschiedenen Bestimmungen des Begriffs Einheit
im allgemeinen.
ARISTOTELES unterscheidet
das schlechthin Eine (hen
kath' hauto) und die
relative Einheit (hen kata symbebêkos);
ersteres besteht im Stetigen und Unteilbaren (Met.
V 6, 1015 b 16 squ., III 3, 999 a 2). Einheit ist
nicht Zahl (Met.
XIV 1, 1088 a 6), sondern die Quelle
aller Zahl (Met. V 6, 1016 b 18), sie
ist kein Gattungsbegriff (Met. VIII 6, 1045
b 6), ist nicht mit Einfachheit zu verwechseln
esti to hen kai to haploun ou to auto (Met.
XII 7, 1072 a 32; vgl. V 6, 1016 b 25).
Der Mathematiker EUKLID bestimmt:
monas estin, kath' hên hekaston tôn ontôn
hen legetai (Elem. VII).
Nach BOËTHIUS ist
in der wahren Einheit keine Zahl.
Die Scholastiker betrachten
die Einheit (unitas) als Attribut jedes Dinges
(»omne ens verum, unum, bonum«). »Unitas
igitur singulis rebus forma essendi est; unde vere dicitur: omne quod est ideo
est quia unum est« (bei HAURÉAU
I, p. 402).
ALBERTUS MAGNUS erklärt:
»unitas est qua quaelibet res una est«
(Sum. th. I, 22, 1). Zu
unterscheiden sind: »unitas puncti, corporis,
homogenii, principiorum substantiae, componentium quidcumque compositum, et
intelligibilium« (l.c. 20, 2).
THOMAS unterscheidet
»unitas numeralis« und »unitas
transcendens« (metaphysische Einheit, Einheitlichkeit)
(Sum. th. III, 2, 9 ad 1; 1 sent. 31, 3, 1c); »ratio
unitatis consistit in indivisione« (l
sent. 24, 1, 2c). Die »unitas
formae«ist das, vermöge dessen
»nihil est simpliciter unum, nisi per formam unam,
per quam habet res esse« (Sum. th.I,
76, 3). »Unum nihil aliud significat quam
ens indivisum« (l.c. I, 11, 1).
Unter »unitas essentialis«
verstehen die Scholastiker die
Einheit der Wesenheit, der Natur eines Dinges.
Nach den Formalisten gibt es nur eine Einheit in
vielen Individuen.
SPINOZA betont, daß
die Einheit dem Wesen nichts hinzufüge
(»unitatem... enti nihil addere«),
sie ist (wie nach DESCARTES)
bloß ein Begriff »tantum
modum cogitandi esse, quo rem ab aliis separamus, quae ipsi similes sunt, vel
cum ipsa aliquo modocoveniunt« (Cogit.
met. I, 5).
LEIBNIZ sagt im scholastischen
Sinne: »Ce qui n'est pas véritablement
un estre, n'est pas nan plus véritablement un estre«(Gerh.
II, 97). »Il n'y a point de multitude sans
des véritables unités« (l.c.
IV, 482) s. Monaden.
CHR. WOLF: »Inseparabilitas eorum, per quae
ens determinautr, unitas entis appellatur« (Ontol.
§ 328).
BONNET erklärt
die Vorstellung der Einheit
so: »L'âme
ne considérant dans chaque objet que l'existence et faisant l'abstraction
de toute composition et de toute attribut, elle acquerra l'idee d'unité«
(Ess. de Psychol. C). 14).
BERKELEY erklärt Einheit
für eine gegenstandslose, abstracte Idee (Princ.
XIII, CXX).
HUME bertrachtet als Einheit
nur das Unteilbare (Treat.
II, sct. 2).
Von nun an wird die Einheit der
Objecte (und des Bewußtseins) vielfach aus
dem Selbstbewußtsein abgeleitet. So zunächst von KANT.
Die Einheit des (reinen)
Selbstbewußtseins, die Einheit
der synthetischen Function des Subjects ist die
Quelle aller Einheit in der Erkenntnis,
die formale Bedingung aller Erfahrung, d.h. sie ist transcendental.
Nichts kann ein Erkenntnisobject werden, ohne in die Einheit
des Bewußtseins, der »Apperception«
gefaßt worden zu sein. Es ist »die Einheit,
welche der Gegenstand notwendig macht, nichts anderes..., als die formale Einheit
des Bewußtseins in der Synthesis des Mannigfaltigen der Vorstellungen«
(Krit. d. r. Vern. S. 119).
Die »transcendentale Einheit«
der productiven, verknüpfenden Einbildungskraft ist
»die reine Form aller möglichen Erkenntnis«
(l.c. S. 129). Die »Einheit
der Apperception« besteht in der Identität
des Ich mit sich selbst durch alle Modificationen hindurch, in dem »ich
denke«, das
alle Vorstellungen des Ich begleiten muß können (l.c.
S. 659). Alle Bewußtseinsinhalte werden,
um objectiv zu sein, auf die allbefassende, reine Apperception bezogen
(l.c. S.133). Die »transcendentale
Einheit der Apperception« macht aus den Erfahrungsinhalten einen
gesetzmäßigen, Zusammenhang; das Subject legt seine eigene Einheit
in die Objecte hinein (l.c. S. 121).
Als Betätigungen der Einheitsform des Bewußtseins
überhaupt bringen die Kategorien Einheit in
die Anschauungsobjecte (l.c. S. 129).
Nach FRIES sind die Einheitsvorstellungen
»das reine Eigentum unsrer Selbsttätigkeit
im Erkennen« (Syst. d. Log. S. 54). Es
gibt eine »analytische«
Einheit (Allgemeinheit) und
eine »synthetische«Einheit,
welche »viele Vorstellungen in sich enthält«
(l.c. S. 95).
Nach SCHLEIERMACHER liegt
die Quelle der Einheit von Objecten in der Vernunfttätigkeit
(Dial. S. 63).
Nach HERBART besitzt der psychische
Mechanismus eine ursprüngliche Einheit.
»Die Einheit der Seele selbst ist der tiefe Grund,
aus welchem in unser Vorstellen diejenige Einheit kommt, die wir hintennach
im Vorgestellten vermissen« (Lehrb. z.
Psych.3, S. 135 f.). Was im Vorstellen nicht durch
»Hemmungen« getrennt
wird, »das bleibt
beisammen und wird vorgestellt als eins«
(Psychol. a. Wiss. II, S. 115).
Nach LOTZE ist die dingliche Einheit
kein Gegenstand der Erfahrung (Gr. d. Met.
S. 17). Die Seele ist eine
Einheit, setzt denkend Einheiten (Med.
Psychol. S. 15; Mikrok. I, 174).
Nach FECHNER knüpft sich
die Einheit des Bewußtseins »an
einen wechselwirkenden Zusammenhang« der Weltelemente«
(»synechologische« Ansicht, Tagesans.
S. 246). »Das psychisch Einheitliche und
Einfache knüpft sich an ein physisch Mannigfaltiges, das physisch Mannigfaltige
zieht sich psychisch ins Einheitliche, Einfache oder doch Einfachere zusammen«
(Elem. d. Psychophys. II, 526).
Nach LIPPS besteht alle Einheit
»in der Einheit des zusammenfassenden
Denkens. Dagegen gibt es keinen Sinn,die Einheit als etwas zu fassen, das wir
in den Dingen fänden und anerkennten«
(Gr. d. Seelenleb. S. 590). Einheit bezeichnet
»die einfache Setzung eines Mannigfaltigen«,
Einzelheit aber »die einfache Setzung von
bestimmten Inhalt im Gegensatz zur Setzung weiterer Objecte« (Gr.
d. Log. S. 99).
Nach EBBINGHAUS
wird die Einheit eines Ganzen
nicht erst durch das Denken gesetzt, sondern kann unmittelbar wahrgenommen werden
(Gr. d. Psychol. I, 481 ff.).
SIGWART unterscheidet äußerliche
und zufällige, causale und teleologische Einheit
(Log. I2, 258 ff.).
E. v. HARTMANN erklärt:
»Jede Einheit ist Einheit
mehrerer oder Vieleinigkeit, jede Vielheit ist Getrenntheit oder Vereinzelung
eines irgendwie Geeinten« (Kategor. S.
231). Zu unterscheiden sind: substantielle und
functionelle Einheit, dynamisch thelistische und
logisch ideale Einheit, causale und teleologische Einheit
(l.c. S. 234 f.). Die
Einheit des Bewußtseins entsteht durch das
Vergleichen gegenwärtiger mit vergangenenVorstellungen
(Philos. d. Unbew. II10, 62). Das individuelle
Ich ist nicht das eine, absolute Subject, sondern eine Summe von Tätigkeiten,
die von einer »Centralmonade« dirigiert
werden (l.c. II, 481, 404 f.;Mod. Psychol.
S. 287 ff.).
Nach WUNDT beruht die Einheit
des Ich auf der Einheit des Wollens, des
Appercipierens (Vorles. üb. d. Mensch.2,
S. 271, 250). Der Wille (die
Apperception) ist eine Einheitsfunction, das Denken ist Willenshandlung
und damit auch die Quelle der objectiven Einheitsvorstellungen (Log.
I, 417; Grundz. d. ph. Psychol. II4, 499; Phil. Stud. X, 119). »Einheit
der Apperception« ist »die
Tatsache, daß jeder in einem gegebenen Augenblick appercipierte Inhalt
des Bewußtseins ein einheitlicher ist, so daß er als eine einzige
mehr oder minder zusammengesetzte Vorstellung aufgefaßt wird«
(Völkerpsych. I 2, 466).
RIEHL erblickt im Ich
die formale Einheit aller Bewußtseinsvorgänge,
die auch das Objective erst zur Einheit verknüpft
(Phil. Kritic. II 1,234; vgl. Identität).
SCHUPPE findet die numerische
Einheit darin, daß »positive
Bestimmtheit als solche bewußt wird, ohne in sich Unterschiede erkennen
oder beachten zu lassen« (Log. S. 104)
Der Einheitsbegriff gehört dem Identitätsprincip
an. Einheit ist »niemals
unmittelbares Sinnesdatum..., sondern immer hinzugedacht« (l.c.
S. 105) Sie ist das, was den Dingcharakter ausmacht
(l.c. S. 120).
H. CORNELIUS bemerkt: »Wenn
wir... von einer Zusammensetzung unseres gesamten Bewußtseinsinhaltes
aus Teilen und von einheitlichen Teilen im Gegensatze zu den daraus gebildeten
Mehrheiten sprechen, so führt uns dazu die Erfahrung, daß wir eben
diese Teile nicht immer bloß in der betreffenden Zusammenstellung, nicht
bloß als Glieder gerade dieser Mehrheit, sondern auch abgesondert bez.
in anderer Umgebung kennen lernen« (Einl.
in d. Philos. S. 173).
HUSSERL erklärt:
»Alles wahrhaft Einigende... sind die Verhältnisse
der Fundierung«. Einheit
ist ein »kategoriales Prädicat« (Log.
Unt. II, 272 f.).
Nach VOLKELT
ist die Einheit des Bewußtseins unmittelbar
gegeben, sie ist Product einer unbewußten Tätigkeit (Psychol.
Streitfr. II; Z. f. Philos. Bd. 92, S. 80, 99 f.; vgl. Bd. 112 u. 118)
NATORP betrachtet die Bewußtseinseinheit
als eine ursprüngliche
Tatsache (Einl. in d. Psychol. S. 11 ff.,
112).
SO auch REHMKE; das
Bewußtsein selbst ist Einheitsgrund
(Allg. Psychol. S. 152 ff., 452 ff.).
So auch L. BUSSE,
nach welchem sie kein Analogon im physischen Organismus
hat (Geist u. Körp. S. 226; gegen HÖFFDING,
Psychol.2, S. 62). »Die Einheit
des Bewußtseins bedeutet nicht eine besondere Vorstellung, die
zu den anderen Vorstellungen gelegentlich noch hinzuträte, sie bedeutet
ebensowenig eine Summation der einzelnen, mit der Eigentümlichkeit der
Bewußtheit ausgestatteten 'Psychome' oder 'Psychosen', sondern sie stellt
eine dieselben zusammenfassende und sie in Beziehung zueinander setzende formale
und allgemeine Eigentümlichkeit alles Bewußtseins überhaupt
dar.« »Und für diese Grundeigentümlichkeit des seelischen
Lebens mangelt es... an einem physischen Analogon« (G.
u. K. S. 226).
Nach HÖFFDING
ist die Einheit des Bewußtseins
ein Product synthetischer Tätigkeit in der Vielheit der Zustände
(Psychol. S. 64). Ähnlich ARDIGÓ
(Unità della conscienza 1898),
G. VILLA (Einl.
in d. Psychol. S. 469).
Nach G. SPICKER setzt
die Einheit des Bewußtseins die reale Einheit
des Organismus voraus (Vers. e. n. Gottesbegr.
S. 165)
Nach SIMMEL ist
die Einheit der Seele »offenbar
nur der Name für das empirisch normale Zusammenbestehen ihrer Inhalte«(Einl.
in d. Moralwiss. II, 370).
Nach CLIFFORD ist
die »Einheit der
Apperzeption«»nicht in dem augenblicklichen,
einigenden Bewusstsein
vorhanden, sondern in seiner nachträglichen Reflexion auf dasselbe«;
dieses besteht in der Fähigkeit, »einen
gewissen Zusammenhang zwischen den Erinnerungen zweier Empfindungen herzustellen,
die wir in demselben Augenblick gehabt haben« (Von
d. Nat.d. Dinge au sich S. 38 f.).
E. MACH meint: »daß
die verschiedenen Organe, Teile des Nervensystems, miteinander physisch zusammenhängen
und durcheinander leicht erregt werden können, ist wahrscheinlich die Grundlage
der, psychische' Einheit« (Anal. d. Empfind.4,
S. 21, 22f.).
Nach der Associationspsychologie ist die
Bewußtseinseinheit das Product der Verbindung und Wechselwirkung
der Bewußtseinsinhalte, bezw. der Oganismus-Teile und -Functionen.
Bezüglich der kosmologisch-göttlichen
Einheit, des Einheitsprincips der Dinge
ist die pantheistische,
theistische, atheistische
Auffassung zu unterscheiden.
Als eine Einheit betrachtet das All
PARMENIDES hen kai
pan, siehe Pantheismus.
PYTHAGORAS sieht in der
Einheit (monas) das Princip der
Dinge und deren Wesenheiten (der »Zahlen«,
s. d.): archên men hapantôn monada
(Diog. L. VIII, 25; Stob. Ecl. I, 2, 58; vgl. I, 308).
PLATO nennt die »Ideen«
Einheiten (monades, henades);
die höchste Einheit
ist die Idee des Guten.
MODERATUS erblickt in der
Eins die Ursache der Harmonie
der Dinge (Porphyr., Vit. Pythag. 48 ff.; Stob.
Ecl. I 1, 18; vgl. 306).
PLOTIN bezeichnet die überseiende, übergeistige
(epekeina nou), übervernünftige göttliche Wesenheit, aus der
alles emaniert, als das Eine (hen). Es ist nicht das All selbst, sondern pro
pantôn (Ennead. III, 8, 8), aber
es enthält alles (l.c. VI, 7, 32). Von
ihm geht alles aus, und es ist das Ziel aller Dinge (l.c.VI,
2, 11, vgl. VI, 2, 21 f.; s. Gott).
JAMBLICH nimmt
eine erste und zweite überseiende Einheit
an (Stob. Ecl. I, 184; vgl. ZELLER III 23,
688, 793 ff.).
NICOLAUS CUSANUS
nennt ( s.Gott)
die »unitas absoluta«
(Doct. ignor. II, 4); so auch G.
BRUNO. Nach ihm und nach SPINOZA
ist das All eine Einheit göttlicher
Art.
SCHELLING erklärt:
»Alles ist absolut eines,
und alle Totalität quillt unmittelbar aus der absoluten Identität
hervor« (Naturphilos. S. 276).
Nach SCHOPENHAUER
liegt allem Sein ein einheitlicher
Wille zugrunde.
Nach R. HAMERLING ist
die ewige Einheit eins und vieles zugleich
(Atom. d. Will. I, 145). Vgl.
Gott, Monaden
Einsicht
S. 679
Wissen um das Richtige,
Verständnis, Beurteilungsvermögen theoretisch-praktischer Art,
von den Stoikern u. a. als Quelle aller Tugenden
betrachtet. Sie ist epistêmê agathôn
kai kakôn kai oudeterôn oder epistêmê hôn poiêteon
kai ou poiêteon kai oudeterôn (Stob.
Ecl. II, 102; Sext. Empir. adv. Mathem. XI, 170, 246).
Ekstase
(ekstasis) S.
684ff. Siehe
auch bei Kirchner
Außer-sich-sein, Verzückung, Entrückung
der Seele von den Eindrücken
der Sinne, Steigerung des
Bewusstseins über alles Normale hinaus zur erregten, phantasievollen,
gefühlsmäßigen Erfassung geistiger Inhalte in einer lebendigen
Vision. Die Zustände
der Ekstase sind von hoher psychologischer, socialer,
religiöser, ethischer, ästhetischer Bedeutung (vgl.
ACHELIS, Die Ekstase S. 24 ff., 113 ff., 184 ff., 196 ff., 208 ff.).
In der mystischen
Philosophie spielt die Ekstase
als derjenige Zustand, in den die Seele durch Übung (Askese)
und Reinigung (Katharsis) von allen Begierden,
durch beständige Concentration der Aufmerksamkeit auf die Inhalte der produktiven
Phantasie gerät,
als (vormeintliche) unmittelbare Erfassung des
Göttlichen,
eine große Rolle.
Die Keime zur Lehre von der Ekstase
in diesen Sinne finden sich schon bei PLATO
und ARISTOTELES
(vgl. Problem.30, 1); die
künstlerische Ekstase, Begeisterung, ist besonnen,gehört
zur künstlerischen Phantasie; (vgl. Poët.
17, 2).
Aber erst bei PHILO, und noch
viel mehr bei PLOTIN ist sie ausgebildet. Nach letzterem
ist die Ekstase ein Zustand, der durch katharsis
und askêsis zuweilen
erreicht werden kann, ein Zustand des Ruhens in
Gott, der unmittelbar erfaßt wird haplôsis,
haphê, (Enn. VI, 9 11). Im
Innern, bei sich weilend, versunken im
reinen Schauen, weiß die Seele nichts von sich, da sie nicht denkt, sondern
sie ist eins mit dem Göttlichen
(Enn. VI, 9, 7; VI, 9, 11; VI, 7, 25).
Die späteren Mystiker sprechen wiederholt
von der Ekstase (»ecstasis,
raptus mentis«)
So RICHARD von ST. VICTOR: »Cum
per mentis excessum supra sive intranosmet ipsos in divinorum contemplationem
rapimur, exteriorem omnium statim, immo non solum eorum, quae extra nos, verum
etiam eorum quae in nobis sunt, omnium obliviscitur« (De
cont. IV, 23).
Nach BERNHARD
vos CLAIRVAUX ist sie, »prima
et maxima contemplatio« (De cons. V,
14, 42).
BONAVENTURA definiert
die Ekstase: »Ecstasis
est, deserto exteriore homine, sui ipsius supra se voluptuosa quaedam elevatio,
ad superintellectualem amoris
fontem, mediantibus sursum activis virtutibus pro viribus se extendens«
(De sept. gradib. cont. p. 97 a).
JOH. GERSON: »Ecstasis
est raptus mentis cum cessatione omnium operationum, in inferioribus potentiis«
(De myst. theol. spec. cons. 36).
Den Zustand der Ekstase kennen und schildern
NICOLAUS CUSANUS, ECKHART,
Suso, TAULER, J.
BÖHME, L. VIVES (De
all. III, p. 173), G. BRUNO, auch
SCHLEIERMACHER: »So
oft ich aber ins innere Selbst den Blick zurückwende, bin ich zugleich
im Reich der Ewigkeit; ich schaue des Geistes Leben an«
»Es schwebt schon jetzt der Geist über der zeitlichen Welt, und solches
Schauen ist Ewigkeit und unsterblicher Gesänge himmlischer Genuß«
(Monol. 1). Vgl.
MANTEGAZZA, Die Ekstasen...
Emanation
(Ausfluss):S.696ff.
Siehe
auch bei Kirchner
Hervorgehen des Niederen, Unvollkommenen aus dem Höheren,
Vollkommeneren, wobei das Urprincip selbst, aus dem alles sich herausentwickelt,
beharrlich-unveränderlich, eine Einheit bleibt. Die Emanation
ist das Gegenstück zur Evolution.
Die Lehre von der Emanation der Dinge aus der göttlichen
Einheit heißt Emanationssystem oder
Emanatismus.
XENOKRATES betrachtet das
höchste Sein als das Eine und Gute, von dem alles
Geringere abstammt (ARISTOTELES,
Met. XIV 4, 1091 b 16), wie schon die Pythagoreer
die Zahlen,
PLATO die Ideen
auf eine höchste Einheit zurückführen.
Die Stoiker nennen
die Seele , PLUTARCH
die Welt
einen »Ausfluß« (apospasma)
der Gottheit.
Auch bei PHILO sind Keime
zum Emanatismus enthalten,
dieser aber kommt erst bei
PLOTIN zur Ausbildung. Aus dem Einen, Überseienden,
Vollkommenen, in sich Verbleibenden geht durch Emanation,
durch Hervorstrahlung (perilampsis)
die Welt hervor (dei
de labein ekeino, ouk ekreousan, alla menousan men tên en autô tên
de allên hyphistamenên) Enn.
V, 1, 3. Das Eine ist zu denken wie die strahlende
Sonne (Enn. V, 16), deren
Strahlen mit der Entfernung an Intensität abnehmen (Enn.
II, 4, 10 squ.). Aus dem Vollkommenen findet ein
»Überfließen« (hyperrhoê)
statt, durch Überfalle desselben
(to hyperplêres autou pepoiêken allo) Enn.
V, 2, 1; vgl. III, 8, 10. Aus
dem Einen (hen) emaniert
der Geist (nous)
aus diesem die
Ideenwelt (kosmos noêtos),
aus dieser die
Weltseele (psychên
genna nous) und damit die Einzelseelen, die
aus sich die Körperwelt herausbilden. Die Materie ist das Geringste in
den Producten der Emanation, denn von oben nach
unten nehmen die Kräfte ab (Enn. VI, 7,
9). Die Kräfte, die vom Einen ausgehen, erfüllen
das All, und doch bleibt das Eine bei sich (Enn.
VI, 4, 3).
Nach JAMBLICH geht
aus dem Urgrunde (archê) das
Eine (hen), aus
diesem die intelligible Welt (kosmos noêtos),
aus dieser die intellectuelle Welt (kosmos
noeros) mit dem Geiste (nous),
aus diesem die Seele, aus dieser die Sinnenwelt hervor.
Nach PROKLUS ist
die Reihe der Emanationen: Urgrund,
Henaden,Triaden (intelligible, intelligibel-intellectuelle,
intellectuelle Welt), Hebdomaden, Seele, Materie.
Die neuplatonische Emanationslehre tritt
in verschiedener Form bei den Gnostikern,
bei DIONYSIUS
AREOPAGITA, SCOTUS ERIUGENA auf.
Nach diesem geht aus der ungeschaffen-schaffenden Natur
die geschaffen-schaffende Ideenwelt (Logos),
aus dieser die geschaffen-nichtschaffende Welt der endlichen Wesen hervor. Auf
diesem Wege (processio) bleibt
die Welt in Gott, Gott mit seinem Wirken in der Welt. »Nam
et creatura in Deo est subsistens, et Deus in creatura mirabili et ineffabili
modo creatur, se ipsum manifestans« (De
div. nat. III, 17). Die Welt ist eine Selbstoffenbarung
Gottes (Theophanie).
Emanationslehre ist auch
der arabische Sufismus. -
Unter »emanatio« versteht
NICOLAUS CUSANUS die
Entfaltung des göttlichen Seins in der Welt.
»Emanatio in divinis duplex est, una per modum naturae et haec est generatio,
alia per modum voluntatis« (De doct.
ignor. II, 27). »Per simplicem emanationem
maximi contracti a maximo absoluto universum prodiit in esse« (l.c.
II, 4).
Emanatistisch sind
die Lehren der Mystiker,
wie ECKHART, J.
BÖHME u. a. LEIBNIZ
sieht in den
Monaden »Fulgurationen« (fulgurations)
Gottes; die Dinge fließen beständig
aus der göttlichen Einheit »effluunt«,
(Erdm. p. 147 f.).
Emanatistisch ist die spätere Philosophie
SCHELLINGS (Einfluß
J. Böhmes).
Empiriokritizismus
S.729f.
heißt das von R.
AVENARIUS begründete System der »reinen
Erfahrung«, das ein »kritischer«,
d.h. die Erfahrung von allen metaphysischen Zutaten reinigender Empirismus
sein will (vgl. Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos.
22, S. 53 f.). Er will die Philosophie auf die Bestimmung des allgemeinen
Erfahrungsbegriffs nach Form und Inhalt beschränken. Das System stellt
sich in Gegensatz zu allem Apriorismus, will realistisch
und positivistisch sein. Einen prinzipiellen Unterschied zwischen psychisch
und physisch, Subjekt und Objekt, Bewusstsein und Sein gibt dieses System nicht
zu, alle »Introjektion«
wird perhorresziert. Die Erkenntnis besteht aus »Aussagen«
über Inhalte, die vom menschlichen Individuum in der Form der »Erfahrung«
»abhängig«
sind. Das Ideal des Erkennens ist die Gewinnung des rein
empirischen »Weltbegriffs«, die Beseitigung jedweden Dualismus,
die Elimination aller metaphysischen Kategorien. Der Charakter der empiriokritischen
Erkenntnistheorie ist ein biologischer (AVENARIUS,
Philosophie als Denken der Welt... 1876; Kritik der reinen Erfahrung 1888, 1890;
Der menschliche Weltbegriff 1891; Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 18 u. 19;
CARSTANJEN, R. Avenarius' biomechan. Grundleg.... 1894; R. WILLY in Vierteljahrsschr.
f. wiss. Philos. 16, S. 206 ff.; 20, S. 55 ff., 191 ff., 261 ff.; J. PETZOLDT,
Einführ. in d. Philos. d. r. Erfahr. I, 1899).
Empirismus
S.723ff. Siehe
auch bei Kirchner
(von empeiria): Erfahrungsstandpunkt.
Psychologisch bedeutet Empirismus die Ableitung
aller Bewußtseinsinhalte aus psychischen Elementen und deren Zusammensetzung;
so z.B. gibt es eine empiristische Raum- und Zeittheorie.
Empirist ist in diesem Sinne jeder, der (in der Psychologie
und Erkenntnistheorie) alle Begriffe (Erkenntnisinhalte)
auf Erfahrung zurückführt, der nichts Angeborenes,
Apriorisches annimmt, sondern glaubt, daß alle Begriffe Abstraktionen
von konkreten Erlebnissen, Vorkommnissen sind. Im logischen Sinne bedeutet Empirismus
die Wertung der Erfahrung als einzige Quelle alles Erkennens; es gibt danach
entweder keine andere als empirische Erkenntnis, oder »wahre«
Erkenntnis ist nur da zu finden, wo Erfahrung (und
Induktion aus Erfahrungen) gegeben ist. Der Grundsatz des Empirismus
lautet: nichts ist im Denken (in unseren Begriffen),
was nicht aus der Erfahrung stammt. Wird die Erfahrung als sinnliche Wahrnehmung
aufgefaßt, dann gestaltet sich der Empirismus
zum Sensualismus.
Der dogmatische Empirismus setzt die empirische
Grundlage alles Erkennens, den unbedingten, ausschließlichen Wert
der Erfahrung ohne weiteres voraus; der kritische Empirismus
kommt zu seinen Ergebnissen erst nach Prüfung des Erkenntnisinhaltes und
der Erkenntnismittel.
Gegensatz zum psychologischen Empirismus ist der
Nativismus, zum logischen der Rationalismus
und der Apriorismus . In der Gegenwart besteht
vielfach eine Synthese von Empirismus und Apriorismus,
mit Überwiegen bald des einen, bald des anderen Bestandteiles, so
daß es oft schwer fällt, die Lehre eines Philosophen unter einen
der Begriffe zu subsumieren. Vielleicht ließe sich der vermittelnde Standpunkt
als kritizistischer Empirismus oder als
Kritizismus im weiteren Sinne bezeichnen.
Gegenüber den rationalistischen Systemen vorsokratischer Philosophen,
(mit Ausnahme der Kyrenaïker) sowie denen
PLATOS und ARISTOTELES' haben die Erkenntnislehren
der Stoiker und Epikureer
einen mehr empiristischen Charakter.
Im Mittelalter neigen dem Empirismus teilweise
zu WILHELM VON OCCAM, ROGER
BACO, zur Zeit der Renaissance L. VIVES, NIZOLIUS,
GALILEI, CAMPANELLA,
L. DA VINCI.
Den neueren Empirismus begründet
F. BACON.
Bei HOBBES, reiner bei LOCKE
ist er zu finden, auch bei BERKELEY, in »skeptischer«
Färbung bei HUME, sensualistisch
gestaltet bei CONDILLAC u.
a.
KANT überwindet die Einseitigkeiten
des Empirismus und des Rationalismus
durch seinen Kritizismus.
Einen »rationellen Empirismus«
vertritt GOETHE (vgl.
SIEBECK, Goethe als Denker S. 23).
Einen »induktiven« Empirismus
begründet J. ST. MILL.
Einen kritischen (oder kritizistischen)
Empirismus lehren
BENEKE, ÜBERWEG, COMTE, O.
F. GRUPPE, C. W. OPZOOMER, E. DÜHRING, C. GÖRING, LAAS,
auch noch RIEHL,
WUNDT, NIETZSCHE,
H. SPENCER, O. CASPARI (Zusammenh.
d. Dinge S. 192), HARMS, F. VON BÄRENBACH
(Grundleg. d. krit. Philos. I, 1873),
E. V. HARTMANN.
Eine Theorie der »reinen Erfahrung«
gibt R. AVENARIUS,
ähnlich lehren KIRCHHOFF, HERTZ,
E. MACH, R. WAHLE und
H. CORNELIUS. Dieser unterscheidet den
»konsequenten« oder »erkenntnistheoretischen«
vom »naturalistischen Scheinempirismus«
(Einl. in d. Philos. S. 335). Wahrer
Empirismus ist die Art des wissenschaftlichen Betriebes, welche die Erfahrung,
von allen dogmatischen Voraussetzungen geläutert, begrifflich für
die Erklärung der Tatsachen verarbeitet (l.c.
S. 86)
Endlich
S.736
ist, was ein Ende, eine Grenze
in Raum oder Zeit oder in beidem hat. Endlich,
d.h. Anfang und Ende des Daseins habend, kann sein ein Ding, ein Geschehen,
ein Wirken, eine Kraft. Vgl.
Unendlich.
Ensoph
S. 754
nach der Lehre der
Kabbalâ das unendliche, unbestimmte Urnichts,
das göttliche »Licht«, aus dessen
Contraction die Welt entstand (FRANCK, La cab.
p. 173 ff.).
REUCHLIN spricht
vom Ensoph als der »infinitudo,
quae est summa quaedam res secundum se incomprehensibilis et ineffabilis«
(De art. cabbal. I, 21a).
Entelechie
(entelecheia)
S. 754 Siehe
auch bei Kirchner
nennt ARISTOTELES die
vollendete Wirklichkeit, das Ziel des Verwirklichens, die Actualität. Die
energeia , die Wirksamkeit eines Dinges, gestaltet sich zur entelecheia
(synteinei pros tên entelecheian),
(Met. IX 8, 1050 a 23). Die »Entelechie«
bezeichnet das durch das Wirken selbst erreichte Ziel
(De an. II 4, 415 b 15 squ.).
Die entelecheia ist zugleich
der logos des dynamei
des dynamei Seienden (De an. II 2, 41 a 25
squ.). Die Seele
ist prôtê
entelecheia des Organismus
(De an. II 1, 412 a 27).
Bei HERMOLAUS BARBARUS
wird die entelecheia zur
»perfectihabia«.
Die Scholastiker
halten an dem Begriffe der Entelechie
fest, der auch als »endelechia«
vorkommt, so auch bei MELANCHTHON:
»Endelechia id est agitatio« (De
an. p. 8 a).
LEIBNIZ nennt die Monaden
Entelechien, weil sie
aus eigener Kraft ihre Zustände herausentwickeln und ihr Sein so verwirklichen.
Sie haben eine gewisse Vollkommenheit in sich (echousi
to enteles), eine Selbstgenügsamkeit (autarkeia),
die sie gleichsam zu unkörperlichen Automaten macht (Monadol.
18).
WUNDT betrachtet die Seele
als Entelechie.
Etwas
(aliquid) S. 879
= unbestimmtes Objekt,
unbestimmter Inhalt eines Denkens, eines Bewusstseins.
Nach CHR. WOLF ist »aliquid«
das, »cui notio aliqua respondet«
(Ontol. § 59).
Nach BAUMGARTEN
ist es »possibile, res« (Met.
§ 8).
HEGEL definiert: »Das
Dasein als in dieser seiner Bestimmtheit in sich reflektiert, ist Daseiendes,
etwas« (Encykl.
§ 90). »Was in der Tat vorhanden ist,
ist, dass etwas zu anderem, und
das andere überhaupt zu einem andern wird. Etwas
ist im Verhältnis zu einem andern selbst schon ein anderes gegen dasselbe«
(l.c. § 95). Gegensatz:
Nichts
Evolution
S.319ff.
Siehe auch bei Kirchner
Entwicklung von niederen, einfacheren zu höheren,
complicierteren, vollkommener angepaßten Seins- und Lebensformen. Es
gibt eine physische und eine psychische
(geistige), ferner eine
ethische, sociale, sprachliche, philosophische, religiöse Entwicklung.
Die biologische Entwicklung beruht auf inneren
und äußeren Factoren; zu den ersteren
gehören: Organbetätigung, Übung, Willensintentionen aller
Art, Vererbung allmählich erworbener und eingewurzelter Eigenschaften,
zu den äußeren: Wechsel der Lebensbedingungen, Kampf ums
Dasein und Auslese. Die Auffassung der Dinge unter dem Gesichtspunkte
der Entwicklung heißt Evolutionismus. Die
biologische Entwicklungstheorie überhaupt heißt
Descendenztheorie (Transmutationshypothese),
die in verschiedenen Formen (Lamarckismus, Darwinismus
u. a.) auftritt. -
»Evolutio« kommt
bei NICOLAUS
CUSANUS vor, im mathematischen Sinne (»Linea
est puncti evolutio«).
»Auswickelung« findet sich bei J.
BÖHME, »evolution«
und »involution«
(im psychischen Sinne) bei LEIBNIZ.
Der Entwicklungsgedanke, dem in letzter Linie das
Postulat der Continuität des Geschehens zugrunde liegt, ist sehr alt, wenn
es auch zu einer Entwicklungstheorie erst spät
kommt.
Im »ewigen Werden«
des HERAKLIT ist
der Entwicklungsgedanke schon enthalten.
Aus Feuer wird Wasser, aus diesem Erde, dann wird alles
wieder Feuer u.s.w. in infinitum (Diog. L.
IX, 9). Der Kampf ist der treibende Factor der
Entwicklung polemos patêr pantôn
(Fragm. Mull. I, 44, 62).
Nach EMPEDOKLES traten
durch Urzeugung erst die Pflanzen, dann die Tiere
auf, und zwar so, daß sie stückweise entstanden (Tiere
mit Augen allein, Armen allein u. dgl.). Viele Mißbildungen
entstanden durch zufällige Vereinigungen;
diese gingen zu Grunde, während die lebensfähigen Formen sich erhielten
und fortpflanzten (Plut., Plac. V, 19, 26;
Aristot., De coel. III 2, 300b 28; Simplic. Comm. zu De coel. 587 Heib.).
Nach DEMOKRIT und ANAXAGORAS
entstanden die Organismen aus Schlamm (Diog.
L. II, 9); so auch nach ARISTOTELES.
Nach ANAXIMANDER ist der
Mensch aus einer Tierart entstanden ex alloeidôn
zôôn ho anthrôpos egennêthê (
Plut., vgl. Euseb., Praep. ev. I, 8, 2). Landtiere
und Menschen gingen aus dem Wasser hervor (wo sie
fischartig lebten), indem sie sich den neuen Lebensbedingungen
anpaßten en ichthysin engenesthai to
prôton anthrôpous - kai praphentas - kai genomenous hikanous eautois
boêthein ekblêthê-nai tênikauta kai gês labesthai
(Plut., Quaest. symp. VIII, 1, 4; Plac.
V, 19, 4).
SPEUSIPP betrachtet
das Gute, Vollkommene als Höhepunkt der Entwicklung to
kalliston kai ariston mê en archê einai Arist.(Met.
XII 7, 1072 b 32).
Eine beständige Weltentwicklung lehren die
Stoiker.
Von den Neuplatonikern und
den von ihnen beeinflußten
Philosophen (PLOTIN, DIONYSIUS
AREOPAGITA, SCOTUS ERIUGENA, ECKHART,
NICOLAUS CUSANUS, G.
BRUNO, J. BÖHME u. a.) wird
eine Emanation
gelehrt. -
SWAMMERDAM, LEEUVENHOEK, MALPHINGI stellen
eine »Präformationstheorie« für
die individuelle Entwicklung auf (Ovulisten,
Animalculisten).
Dagegen lehrt C. F. WOLF die
»Epigenese«. Er
erklärt: »Evolutio phaenomenon est,
quod, si essentiam eius et attributa species, omni quidem tempore, at inconspicuum,
existit, denique vero, speciem prae se ferens, si nunc demum oriatur, quomodocunque
conspicuum redditur« (Theor. gener. §
50).
Den Begriff der psychischen Entwicklung von inneren Zuständen
der Monaden führt LEIBNIZ ein
(Monadol. 11, 22). Überall gibt es Entwicklung
und Einwicklung. »Il semble qu'il n'y a ni
generation ni mort à la rigurur, mais seulement des développements,
augmentations ou diminuations des animaux déjà formés«
(Gerh. IV, 474; Monad. 73; Theod. § 30; Princ.
de la nat. § 6).
Eine stufenmäßige Entwicklung
nimmt ROBINET an;
auch LESSING und HERDER
machen sich den Entwicklungsgedanken zu eigen als historische,
culturliche Evolution.
KANT nimmt eine Entwicklung der Erde und des Sonnensystems
aus einem Gasballe an (Allg. Naturgesch. u.
Theor. d. Himm. 1755) ähnlich LAPLACE,
(Exposition du système du monde 1796).
Kant erklärt ferner,
die Analogie der Lebensformen verstärke »die
Vermutung einer wirklichen Verwandtschaft derselben in der Erzeugung von einer
gemeinschaftlichen Urmutter, durch die stufenartige Annäherung einer Tiergattung
zur andern, von derjenigen an, in welcher das Princip der Zwecke am meisten
bewährt zu sein scheint, nämlich dem Menschen, bis zum Polyp, von
diesem sogar zu Moosen und Flechten, und endlich zuder niedrigsten uns merklichen
Stufe der Natur, zur rohen Materie: aus welcher und ihren Kräften nach
mechanischen Gesetzen... die ganze Technik der Natur, die uns in organisierten
Wesen so unbegreiflich ist, daß wir uns dazu ein anderes Princip zu denken
genötigt glauben, abzustammen scheint« (Krit.
d. Urt. § 80). Man kann hypothetisch
»den Mutterschoß der Erde, die eben aus ihrem
chaotischen Zustande herausging (gleichsam als ein großes Tier), anfänglichGeschöpfe
von minder zweckmäßiger Form, diese wiederum andere, welche angemessener
ihrem Zeugungsplatze und ihrem Verhältnisse untereinander sich ausbildeten,
gebären lassen« (ib.).
GOETHE lehrt eine »Metamorphose«,
bedingt durch den »Bildungstrieb« und
äußere Einflüsse (WW. Hempel
II, 230). »Alles, was entsteht, sucht sich
Raum und will Dauer; deswegen verdrängt es anderes von seinem Platz und
verkürzt seine Dauer« (WW. XIX,
212; XXXIII, 121). Den höheren Typen liegt
ein »Urbild« zugrunde (l.c.
XXX, 261).
ERASMUS DARWIN erklärt:
»Wenn wir die große Ähnlichkeit
des Baues bedenken, welche bei allen warmblütigen Tieren schon in die Augen
fällt..., so kann man sich des Schlusses nicht enthalten, daß sie
alle auf ähnliche Art aus einem einzigen lebenden Filamente entstanden
sind.« »Von diesem ersten Rudimente bis zum Ende ihres Lebens erleiden
alle Tiere eine beständige Umbildung.« »Sollte es wohl zu kühn
sein, sich da vorzustellen, daß alle warmblütigen Tiere aus einem
einzigen Filamente entstanden sind, welches die erste
große Ursache mit Animalität begabte, mit der Kraft, neue Teile zu
erlangen, begleitet mit neuen Neigungen, geleitet durch Reizungen, Empfindung,
Willen, und Associationen, und welches so die Macht besaß, durch seine
ihm eingepflanzte Tätigkeit sich zu vervollkommnen, diese Vervollkommnung
durch Zeugung der Nachwelt zu Überliefern« (Zoonom.
sct. XXXIX, 4, 8). Die veränderten Lebensbedingungen
wirkten anpassend auf die Lebewesen (Templ.
of nat.). Infolge
der »Überproduction« an Lebewesen herrscht ein Kampf um die
Existenz (Zoonom. XXXIX, 4 u. Templ. of nat.).
LAMARCK nimmt
an, daß die höheren aus niederen Arten abstammen. Die Ursachen der
Transformation sind: directe Wirkung der äußeren Lebensbedingungen,
Kreuzung, besonders aber Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe, welche durch
Übung verändert werden (Philos. zool.
1809).
G. ST. - HILAIRE erklärt
die Umwandlung der Arten aus dem Einflusse der Umgebung, dem »monde
ambiant«.
Eine Entwicklung der Lebewesen lehrt in speculativer Weise
die Naturphilosophie der SCHELLINGschen Schule,
besonders L. OKEN und STEFFENS.
SCHELLING selbst
erklärt: »Der gemeine Weltproceß
beruht auf einem fortschreitenden... Sieg des Subjectiven über das Objective«
(WW. I 10, 231).
Eine dialektische, logische
»Entwicklung« lehrt HEGEL.
Alles Endliche ist nur ein Moment im dialektischen Processe
der Begriffsevolution des Absoluten. Vom
»An-sich« durch das »Anderssein«
zum »Für-sich« und »An-und-für-sich«
entwickelt sich der Geist (Encykl. § 442).
Das Treibende in allem ist der »Widerspruch«,
von einer Entstehung einer Form aus einer andern ist nicht die Rede, das wäre
eine »nebulose Vorstellung«
(Encykl. 249). »Die
Natur ist als ein System von Stufen zu betrachten, deren eine aus der anderen
notwendig hervorgeht und die nächste Wahrheit derjenigen ist, aus welcher
sie resultiert; aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich
erzeugt wurde, sondern in der innern, den Grund der Natur ausmachenden Idee.
Die Metamorphose kommt nur dem Begriff als solchem zu, da dessen Verminderung
allein Entwicklungist«(Naturphil. S.
32 f.). »Die Entwicklung des Begriffs...
ist zu fassen als ein Setzen dessen, was er an sich ist,« als Äußerung,
Heraustreten, Außer-sich-kommen, zugleich aber als »In-sich-gehen
ins Centrum« (l.c. S. 39).
Auch SCHOPENHAUER sieht
im Absoluten den Quell aller Entwicklung.
Auf das Kommen und Gehen der Vorstellungen im Bewußtsein
wendet HERBART den
Begriff der Evolution und Involution an (Psychol.
II, § 136; vgl. VOLKMANN, Lehrb. d. Psychol. I4, 460).
CUVIER (später AGASSIZ)
nimmt Schöpfungskreise, niedere und höhere Typen
der Organismen an; er vertritt geologisch die »Katastrophentheorie«.
Diese ersetzt CH. LYELL durch
die Continuitätstheorie, durch die Annahme
einer ruhigen, stetigen Entwicklung der Erde. Heute
macht man der Katastrophentheorie wieder einige Zugeständnisse.
Die Selectionstheorie begründet
CHARLES DARWIN (gleichzeitig mit ihm
WALLACE). An Stelle der (biblischen)
Lehre von der »Constanz der Arten«
setzt er die Anschauung, daß Arten durch Sta-bilisierung von Varietäten
entstehen und neue Arten aus sich heraus erzeugen. Als Vorläufer
seiner Theorie nennt er BUFFON, LAMARCK, G. ST. HILAIRE,
ERASMUS DARWIN, GOETHE,
W. C. WELLS, W. HERBERT, GRANT, MATTHER, BUCH, RAFINESQUE,
HALDEMANN, OWEN, FREKE, H. SPENCER (s. unten),
NAUDIN, KEYSERLING, SCHAAFHAUSEN, K. E. v. BAER, HUXLEY,
HOOKER u. a. Für die Idee des Kampfes ums
Dasein ist vorbildlich gewesen MALTHUS
(Essay on Population 1798),
welcher lehrt, die natürliche Neigung der Menschen gehe dahin, sich im
geometrischen Verhältnis zu vermehren, während die Erhaltungsmittel
nur im arithmetischen Verhältnisse anwachsen.
DARWIN bekämpft
die Ansicht, als ob die Zweckmäßigkeit der Lebewesen durch Planmäßigkeit,
Zweckursachen entstanden sei. Sie ist vielmehr Resultat
einer Entwicklung, die allerdings großer Zeiträume bedarf.
Auch variieren nicht alle Arten einer Gattung, andere erlöschen gänzlich.
Die Zweckmäßigkeit der Lebewesen ist die Folge der »Anhäufung
unzähliger geringer Veränderungen« im nützlichen Sinne
(On theorig. of spec. 1859, dtsch. von Haeck, Reclam, S. 621).
In der Natur wirken die Principien der künstlichen Domestication
(l.c. S. 631). Es finden
Variationen von Lebewesen statt. Unter ihnen sind solche, diefür die Erhaltung
der Individuen nützlich sind. Im Wettbewerbe um die Existenz und die Lebensbedingungen
(»struggle for life«) erfolgt eine natürliche
Auslese (»natural selection«), d.h.
die lebensfähigen, gut ausgestatteten, bevorzugten Rassen erhalten sich
und pflanzen sich fort, vererben ihre Eigenschaften, und nach wiederholter
Wirkung der Auslese erfolgt eine Anpassung der Lebewesen an ihre
(relativ) bleibenden Lebensbedingungen. »In
dem Überleben der begünstigten Individuen und Rassen im stets wiederkehrenden
Kampf ums Dasein sehen wir eine mächtig und immer wirkende Form der
natürlichen Zuchtwahl. Der Kampf ums
Dasein erfolgt unvermeidlich aus der allen organischen Wesen gemeinsamen hohen
Vermehrung im geometrischen Verhältnisse.... Es werdenmehr Einzelwesen
geboren, als möglicherweise fortwähren können... Da die Einzelwesen
einer und derselben Art in jeder Beziehung in engsten Mitbewerb zueinander treten,
so wird gewöhnlich der Kampf zwischen ihnen am heftigsten sein.«
»Bei Tieren mit gesonderten Geschlechtern wird in den meisten Fällen
ein Kampf der Männchen um den Besitz der Weibchen stattfinden«
(l.c. S. 632 = sexuelle Auslese, »selection in relation to sex«).
Die Tendenz der natürlichen Auslese ist, die
am meisten divergierenden Nachkommen einer jeden Art zu erhalten (l.c.
S. 635). Große oder plötzliche Modificationen
kann sie nicht hervorbringen (l.c.
S. 636) - dagegen die »Mutationstheorie«
von DE VRIES. Jede einmal erworbene Eigentümlichkeit
ist lange erblich (ib.). Die
Zuchtwahl der Natur paßt immer nur relativ, den jeweiligen Lebensbedingungen,
an (l.c. S. 637 f.). Die
Production von Varietäten (und Arten) scheint
bedingtzu sein durch: physikalische Bedingungen (directe
Anpassung), ferner: Gebrauch um Nichtgebrauch der Organe, wobei die
»correlative Verängerung« eine
Rolle spielt, auch Migration (l.c.
S. 638 ff.). Die Auslese ist das Haupt-, aber nicht
das einzige Mittel der Variation (l.c. E3.
647). Alle höheren Tierformen stammen schließlich
von vier bis fünf Vorfahren ab, vielleicht haben sich Pflanzen und Tiere
aus einer Urform entwickelt (l.c. S. 652).
Die Gesetze der Variation sind also: »Wachstum
nebst Fortpflanzung, Erblichkeit, die fast in der Fortpflanzung enthalten ist;
Variabilität zufolge indirecter und directer Wirkungen der Lebensbedingungen,
und Gebrauch und Nichtgebrauch; ein so hohes Vermehrungsmaß, daß
es zum Kampf ums Dasein führt, und infolgedessen zur natürlichen Zuchtwahl
die Divergenz des Charakters und Erlöschen der minder verbesserten Formen
enthält« (l.c. S. 659; vgl.c.
2, 3, 4, 5).
Zu den Anhängern Darwins gehören viele
Naturforscher und Philosophen, besonders in England (vgl.
ÜBERWEG-HEINZE Gr. d. Gesch. d. Philos. IV9, 439); in Deutschland
besonders E. HAECKEL (s.
Biogenet. Grundges.), CARUS STERNE (E. KRAUSE),
O. CASPARI u. a.
»Neo-Darwinismus« heißt
die Lehre A. WEISMANNS,
nach der es keine Vererbung erworbener Eigenschaften gibt; das »Keimplasma«
variiert infolge der natürlichen Auslese (Das
Keimpl. 1892); später Concessionen an die
Lehre von der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften, wie diese von HAECKEL,
EIMER, HERTWIG, ROMANES, RIBOT u. a. vertreten
wird
Mit der Constanztheorie (bezw. dem
Platonismus) verbinden den Entwicklungsgedanken in verschiedener
Weise TEICHMÜLLER
(Darwin. u. Philos.) und O. LIEBMANN
(Anal. d. Wirkl., und Platon. u. Darwin., Philos. Monatshefte IX, 1873, S. 441).
Gegen die »Allmacht«
der Selectionstheorie erklären sich verschiedene Forscher, die im
übrigen dem Evolutionismus huldigen, aber
auch innere Factoren der Entwicklung und eine directe Anpassung annehmen, teilweise
sich den Ansichten Lamarcks nähern
(»Neu-Lamarckismus«).
Nach H. SPENCER ist das Ȇberleben
des Passendsten« eine mitwirkende, aber nicht
die Hauptursache der Entwicklung, die vor allem auf der directen Wirkung der
Lebensbedingungen beruht (Psychol.
I, §189). Entwicklung
überhaupt ist die Gesetzmäßigkeit des Seienden. In der Evolution
zeigt sich eine Ansammlung (Integration) der Materie
und eine Ausbreitung (Dissipation) der Bewegung;
in der Dissolution tritt eine Absorption von Bewegung und eine Zerstreuung von
Materie ein: »Evolution under its simplest
and most general aspectis the integration of matter and concomitant dissipati-on
of motion; while dissolution is the absorption of motion and concomitant desintegration
of matter« (First Princ. § 97). Es gibt eine »simple«
and »composed evolution« (l.c.
§ 98). Von unzusammenhängender Gleichartigkeit
geht die Entwicklung zu zusammenhängender Mannigfaltigkeit über, das
Homogene differenziert sich, und die Mannigfaltigkeit integriert sich zu einer
höheren Einheit u.s.w. Das gilt für das Anorganische, Organische,
Psychische und Sociale (Psychol. I, §
75 u. Princ. of Sociology I).
Mit der Psychologie und Metaphysik
verbinden den Evolutionismus SULLY,
ROMANES, J. CROLL, J.
C. S. SCHILLER u. a., mit der Ästhetik
GRANT ALLEN, mit
der Ethik LESLIE STEPHEN,
S. ALEXANDER u. a., mit der Sociologie
B. KIDD, LUBBOCK, TYLOR, mit der Religionsphilosophie
E. CAIRD, M. MÜLLER u. a. Auf
die Sprachwissenschaft wenden
den Evolutionsbegriff an
SCHLEICHER u. a. Einen geistigen
Evolutionismus (vermittelt durch »idée-forces«)
lehrt A. FOUILLÉE
(ähnlich DURAND DE GROS, GUYAU). SIMMEL:
»Es ist allenthalben das Schema höherer
Ent-wicklungsstufen, daß das ursprüngliche Aneinander und die unmittelbare
Einheit der Elemente aufgelöst wird, damit sie, verselbständigt und
voneinander abgerückt, nun in, eine neue, geistigere, umfassendere Synthese
vereinheitlicht werden«(Philos. d. Geld.
S. 517).
Eine Entwicklung der Welt in zweckmäßiger Weise nimmt CZOLBE
an (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 176), so auch
L. GEIGER, L. NOIRÉ, CARNERI (Sittl.
u. Darwin. S. 17 ff.).
Nach E. v. HARTMANN ist
die natürliche Auslese »geeignet,
das mit der Umgebung nicht Harmonierende zu beseitigen und nur das mit der Umgebung
Harmonierende bestehen zu lassen«. Sie wirkt
aber nur negativ, setzt die Existenz des Zweckmäßigen schon voraus
(Kategorienl. S. 460ff.).
In der organischen Natur ist es »offenbar, daß das Zweckmäßige,
was in der Auslese sich bloß bestandfähig erweist, aus einer unbewußten
Abänderungstendenz stammt, die nach Richtung und Intensität beschränkt
ist und final bestimmt sein muß, um zu einer Steigerung der Organisationshöhe
zu führen«. Der Kampf ums Dasein ist nur ein »Handlanger
der Idee« (l.c. S. 461; Philos. d. Unbew.
III10, 331 ff.). Ähnlich lehrt REINCKE
(Einl. in d. theoret. Biol.).
WUNDT betont, die
»Auslese« setzt schon Zweckmäßigkeit
voraus, um ansetzen zu können, sie ist nur ein »Hilfsprincip«.
Die organische Entwicklung ist das Erzeugnis äußerer und innerer
Factoren, die Selbsttätigkeit der Organe spielt hierbei eine wichtige Rolle.
Die Anpassung erfolgt durch wiederholte, sich vererbende functionelle Übung
von Generationen. Allmählich erworbene, beharrlich gewordene Abänderungen
müssen vererbt werden. Vermöge der »Heterogonie
der Zwecke« häuft sich die Zweckmäßigkeit, ohne
daß ein Vorauswissen, Vorauswollen des Endstadiums nötig ist
(Syst. d. Philos.2, S. 315 ff., 542 ff.; Log. I2,
S. 659, II2, 1, S. 551 ff.; Grdz. d. phys. Psychol. II4, 642 f.; Eth.2, S. 206).
Die physische Entwicklung ist die Wirkung einer
psychischen, durchTrieb und Willen bedingten allgemeinen
Evolution. Der Wille ist der Erzeuger objectiver Naturzwecke. Die Willensimpulse
sind das primum movens, sie modificieren die Lebensweise,
diese Modificationen befestigen, mechanisieren, vererben sich
(Syst. d. Phil.2, S. 322 ff., 329 ff.). Die organische
ist die Vorstufe der geistigen Entwicklung des
Menschen (Gr. d. Psychol.5, S. 335 ff.). Die
geistigen Entwicklungsgesetze sind: das Gesetz des geistigen Wachstums, der
Heterogonie der Zwecke, der Entwicklung in Gegensätzen.
R. HAMERLING betrachtet als
Principien und Hebel der Entwicklung den Lebenswillen als Gestaltungstrieb,
das Bestreben der Wesen, ihren Zustand im Sinne der möglichst
geringen Unlust und der möglichst größten Lust zu verbessern,
die Anstrengung der Organe (Übung), den Kampf
ums Dasein, das M. WAGNERsche Migrationsprincip
(Atomist. d. Will. II, 132).
JODL erklärt:
»Der bewußte, denkende Wille des Menschen
ist nicht bloß Product der Welt, sondern auch Factor, eine Kraft unter
andern Kräften. Die Evolution des Menschen ist nicht... das Werk blinder
Naturkräfte..., sondern das Ergebnis stetigen Zusammenwirkens der blinden
Naturkräfte mit den sehend gewordenen Naturkräften, d.h. menschlichen
Zweck-gedanken« (Lehrb.
d. Psychol. S. 160).
L. STEIN überträgt
den Evolutionsgedanken auf die geistigen Vorgänge (An
d. Wende d. Jahrh. S. 21). Über
sociale Auslese handeln GLIZYCKI
(Moralphilos. S. 516), O.
AMMON, A. TILLE, K. JENTSCH (Socialauslese)
u. a.
Gegen die Allgemeinheit des Kampfes ums Dasein erklärt
sich E. DÜHRING. »Äußerstenfalls
findet eine Art gegenseitiger Abgrenzung statt, indem eigeneBereiche gegen fremde
Ausnützung verteidigt werden« (Wirklichkeitsphilos.
S. 98 f.).
ROLPH setzt statt des Kampfes
ums Dasein als Entwicklungsprincip den »Kampf
um Mehrerwerb«, Kampf um Lebensmehrung
(Biol. Probl.2, 1884, S. 97).
In der Ethik wird er zum Kampf um Bevorzugung, Macht u. dgl. Das »Streben
nach stetiger Verbesserung der Le-
benslage ist der charakteristische Trieb von Tier und Mensch« (l.c.
S. 222 f.).
NIETZSCHE betrachtet als
Lebensziel den Willen zur Macht. Die Organismen
kämpfen um Macht, Vorrang, Ausbeutung. Die
von innen her gestaltende
Gewalt, welche die äußeren Umstände ausnützt ist
der treibende Factor der Entwicklung. Selection
ist nicht von tiefer und dauernder Wirkung; jeder Typus hat seine Grenze, über
die er nicht hinaus kann. Zufällige Variationen können nicht von Vorteil
sein. Der Kampf ums Dasein ist »nur eine Ausnahme,
eine zeitweilige Restriction des Lebenswillens; der große und der kleine
Kampf dreht sich
allenthalben ums Übergewicht, um Wachstum und Ausbreitung, um Macht, gemäß
dem Willen zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist«
(WW. V, S. 285, XV, 296, 303, 314 ff., 317, 319, 322
f., VII, 2, S. 370 ff.). -
Nach STUMPF ist
»einer im ganzen stetig fortschreitenden Entwicklung
auf physischem Gebiet eine unstetige auf psychischem zugeordnet«
(Der Entwicklungsged. S. 58).
Es gibt einen »Entwicklungsplan«
(KÖLLIKER), »ein
solches mechanisches Verhältnis gegebener Elemente, demzufolge sie sich
zu zweckmäßigen Endgebilden weiter entwickeln können bez. müssen«
(l.c. S. 63).
L. BUSSE betont die Rolle,
die Wille und Gefühl im Kampf ums Dasein und für die Anpassung spielen
(Geist U. Körp. S. 244 f.).
Wir haben »eine unstetige
- deshalb doch nicht planlose und ungeordnete - Entwicklung auf der psychischen
Seite, verknüpft mit einer stetigen und allmählichen Entwicklung auf
der physischen Seite«(l.c. S. 476 f.).
»Nicht aus primitiven psychischen Atomen gehen die höheren geistigen
Wesen hervor, sondern mit bestimmten Stufen, welche die Entwicklung in ihrem
fortschreitenden Gange erreicht, ist das Auftreten neuer, aus den bereits vorhandenen
Formen nicht folgender Formen geistigen Lebens verknüpft«,
die nun die physische Entwicklung beeinflussen
(l.c. S.477).
Ewigkeit
S.325ff. Siehe
auch bei Kirchner
= unbegrenzte Dauer, zeitloses Sein. Im
Begriff des (absoluten) Seins liegt schon das Nicht-entstanden-sein
und Nicht-zunichte-werden, die Beharrung,
das Währen durch alle Zeit hindurch. Die Zeit betrifft
nur das Geschehen, nicht das Seiende, den Grund (die Substanz) des Geschehens.
Der Begriff der Ewigkeit beruht auf einem logisch-ontologischen Postulat.
Die Eleaten lehren die Ewigkeit
des Seins.
Nach XENOPHANES ist nur
das einzelne Ding vergänglich pan to ginomenon
phtharton esti (Diog. L. IX, 19).
HERAKLIT lehrt ein ewiges
Werden. Die Welt war immer, immer wird sie sein (Mull.
Fragm. I, 20), ewig ist das Gesetz des Werdens
(l.c. 8).
Ewig ist das Apeiron
des ANAXIMANDER, ewig
sind die Atome des
DEMOKRIT, die Ideen
PLATOS (Phaedo 211 A, B;
aei on, aidion, aiôn Lach. 198. D, Men. 86 A, Tim. 29 A).
ARISTOTELES versteht unter
Ewigkeit (aiôn) das
unvergängliche, die Zeit einschließende Sein to
gar telos to periechon ton tês hekastou zôês chronon, hou
mêthen exô kata physin, aiôn hekastou keklêtai
(De coel. I 9, 279a 24). Das
Ewige wird von der Zeit nicht berührt ta
aei onta, hê aei onta, ouk estin en chronô, ou gar periechetai hypo
chronou, oude metreitai to einai autôn hyto tou chronou (Phys.
IV 12, 221 b 4). Das Weltall ist ewig oute
gegonen ho pas ouranos out' endechetai phtharênai, all' estin eis kai
aidios, archên men kai teleutên ouk echôn tou pantos aiônos,
echôn de kai periechôn en hautô ton apeiron chronon
(De coel. II 1, 283b 28). Ewig
ist Gott , der unbewegte Weltbeweger ton theon
einai zôon aidion ariston, (Met.
XII 7 1072b 29). Ewig ist die kreisförmige
Himmelsbewegung (De gener. et corr. II 11,
338 a 18).
Die Stoiker lehren die Ewigkeit
des pneuma, der
Weltsubstanz aphthartos esti kai agennêtos
(Diog. L. VII, 137); ewig
ist auch die Wiederkehr des Gleichen, die Apokatastasis.
Nach PLOTIN ist die Welt ewig,
denn die Zeit entstand erst in und mit der Welt. Ewigkeit ist »Leben,
das identisch bleibt, welches das Ganze stets gegenwärtig hat«, ewig
ist, »was weder war noch sein wird, sondern nur ist, also das Sein in
völliger Ruhe ohne bevorstehenden oder dagewesenen Übergang in der
Zukunft hat« (Enn. II, 7, 3).
BOËTHIUS definiert Ewigkeit als
»nunc stans«, »interminabilis
vitae tota simul et perfecta possessio«. »Sempiternitas et aeternitas
differunt. Nunc enim stans et permanens aeternitatem facit; nunc currens in
tempore sempiternitatem.« Gott ist ewig,
die Welt nur
unbegrenzt dauernd (Consol. philos. V).
ORIGENES lehrt eine »creatio
continua« Schöpfung
der Welt.
Nach AUGUSTINUS ist die
Welt in Gott ewig gewesen, da die Zeit erst mit ihr entstand. »Si
recte discernuntur aeternitas et tempus, quod tempus sine aliqua mobili mutabilitate
non est, in aeternitate autem nulla mulatio est, quis non videat,quod tempora
non fuissent, nisi creatura fieret, quae aliquid aliqua motione mutaret«
(De civ. Dei XI, 4, 6;Confess. XI, 11).
Die Ewigkeit der Welt behaupten NEMESIUS,
AVICENNA, AVERROËS
u. a. GILBERTUS PORRETANUS erklärt: »Aeternitas
est mora indeficiens et immutabilis.« Nach RICHARD
VON ST. VICTOR ist Ewigkeit »diuturnitas
sine initio, carens omni mutabilitate.«
ALBERTUS MAGNUS bestimmt das »aevum«
als »mensura eorum,
quae facta sunt, sed finem non habent« (Sum.
th. I, qu. 23). Ewig ist nur Gott, der durch und
in sich ist (l.c.
II, 1, 3). Wäre die Welt ewig, so würde
sie Gott gleichen.
Dagegen ist THOMAS, doch
ist es Glaubenssache, die Erschaffung der Welt (mit der Zeit zugleich) anzunehmen.
»Deus est omnino
extra ordinemtemporis« (in 1. perih.
1, 14 f.). Das »aevum«
ist die Dauer der unvergänglichen Dinge, nicht Zeitlosigkeit.
So auch SUAREZ (Met.
disp. 50, sct. 5, 1). »Aeternitas essentialiter
est duratio talis esse, quod essentialiter includit omnem perfectionem essendi
et consequenter omnem actum seu internam operationem talis entis«
(l.c. 50, sct. 3)
Nach G. BRUNO ist das All ewig,
nur dessen Gestaltungen sind vergänglich (De
la causa V).
HOBBES definiert Ewigkeit
als »non temporis sine fine successio,
sed nunc stans« (Leviath. 46).
DESCARTES läßt die Frage nach der Ewigkeit
der Welt unentschieden.
SPINOZA betrachtet
die Substanz als ewig, als in und durch sich seiend. »Per
aeternitatem intelligo ipsam existentium, quatenus ex sola
rei aeternae definitione necessario sequi concipitur«(Eth.
I, def. VIII). »Ad naturam substantiae pertinet
existere« (l.c.
prop. VII), denn sie ist »causa
sui« »Substantia non potest produci ab alio; erit itaque causa sui,
id est ipius essentia involit necessario existentiam, sive ad eius naturam pertinet
existere« (l.c.
dem., vgl. Ep. 29). Auch die Attribute der göttlichen
Substanz sind ewig. »Deus sive omnia Dei
attributa sunt aeterna« (l.c. prop. XIX).
»Dei omnipotentia actu ab aeterno fuit et in aeternum
in eadem actualitate manebit« (l.c. prop.
XVII). »Atqui ad naturam substantiae pertinet
aeternitas; ergo unumquodque attributorum aeternitatem involvere debet, adeoque
omnia sunt aeterna« (l.c. prop. XIX7
dem.); »sequitur Deurn sive omnia Dei attributa
esse immulabilia« (l.c. prop. XX, coroll.
II). Die Vernunft betrachtet alles, die Dinge in
ihrer ewigen Notwendigkeit, »sub quadam aeternitatis
specie«, so, wie sie dem göttlichen
Urgrunde folgen (l.c. II, prop. XLIV), d.h.
zeitlos (De emend. int.), so
wie sie in Gott ideell sind. »Res duobus
modis a nobis ut actuales concipiuntur, vel quatenus eadem cum relatione ad
certum tempus et locum existere, vel quatenus ipsas in Deo contineri et ex naturae
divinae necessitate consequi concipimus. Quae autem hoc secundo modo ut verae
seu reales concipiuntur, eas sub aeternitatis specie concipimus, et earum ideae
aeternam et infinitam Dei essentiam involvunt« (Eth.
V, prop. XXIX, schol.). Ewigkeit ist nicht mit
Dauer zu verwechseln. »Talis
enim existentia, ut aeterna veritas, sicut rei essentia concipitur, proptereaque
per durationem aut tempus explicari non potest, tametsi duratio principio et
fine carere concipiatur« (l.c. I, def.
VIII, explic.).
Nach LOCKE gelangt
man zur Idee der Ewigkeit durch das Vermögen,
Vorstellungen von Zeitlängen, so oft man will, in Gedanken zu wiederholen,
ohne hierbei zu einem Ende zu kommen (Ess.
II, ch. 14, § 31).
Nach CONDILLAC entsteht
die Idee der Ewigkeit, indem wir eine Dauer als
unbestimmt, ohne Anfang und Ende auffassen (Trait.
d. sensat. I, ch. 4, § 14).
Nach LEIBNIZ entspringt
der Ewigkeitsbegriff nicht aus den Sinnen
(Nouv. Ess. II, ch. 14, § 27). Ewig
ist Gott, ewig
werden die Monaden
von Gott geschaffen (Monadol.
6, 47), ewig bleiben sie, im Wandel ihrer Complexionen,
bestehen (l.c. 76 f.). -
KANT sieht in der Zeit eine subjective Anschauung,
daher muß er das Sein
als ewig (zeitlos) setzen
(s. Antinomien).
SCHELLING bestimmt Ewigkeit
als »Sein in keiner Zeit« (Vom
Ich S. 105 f.),
HEGEL als
»absolute Zeitlosigkeit« des Begriffes,
Geistes (Naturphil. S. 55). Der
dialektische Proceß des Absoluten ist ewig,
setzt erst die Zeit . Das Endliche ist vergänglich, zeitlich. »Der
Begriff aber, in seiner frei für sich existierenden Identität mit
sich, Ich = Ich, ist an und für sich die absolute Negativität und
Freiheit, die Zeit daher nicht seine Macht, noch ist er in der Zeit und ein
Zeitliches, sondern er ist vielmehr die Macht der Zeit, als welche nur diese
Negativität als Äußerlichkeit ist. Nur das Natürliche ist
darum der Zeit untertan, insofern es endlich ist; das Wahre dagegen, die Idee,
der Geist, ist ewig.« »Der Begriff
der Ewigkeit muß aber nicht negativ so gefußt
werden, als die Abstraction von der Zeit, daß sie außerhalb derselben
gleichsam existiere« (Encyk1.§
258).
K. ROSENKRANZ erklärt:
»Die Zeit als absolute Totalität gedacht,
wie sie ohne Anfang und Ende mit dem absoluten Continuum des Raumes identisch
ist, also das Abstractum ihres Begriffs, das weiter keine Bestimmung zuläßt,
nennen wir Ewigkeit« (Syst.
d. Wiss. S. 192).
Wer ein Absolutes animmt, bestimmt dieses als
ewig (SCHOPENHAUER,
FECHNER, E. V. HARTMANN, H.
SPENCER, E. HAECKEL, WUNDT
u. a.).
Nach LOTZE hat
nur das Wertvolle Ewigkeit (Psychol.
§ 81).
Ähnlich wie HERBART (Psych.
als Wiss. II, §148) erklärt VOLKMANN:
»Die... nach beiden Seiten hin Über jede Grenze
hinaus construierte leere Zeitreihe nennenwir die Ewigkeit. Sie ist... das Vorstellen
eines Vorstellens, d.h. ein Gefühl. Die Ewigkeit ist ein, ja das dem reinen
Begriff der Zeit gemäß construierte Schema: der Begriff der Zeit
ist der Begriff des Nacheinander, und die Vorstellung der Ewigkeit ist der Versuch,
dies Nacheinander in einer Anschauung darzustellen« (Lehrb.
d. Psychol. II4, 29).
G. SPICKER betont: »Der
Begriff 'Ewigkeit' schließt... die Zeitlichkeit
aus; man kann sich darunter nichts anderes vorstellen, als ein Sein mit dem
Attribut der Aseïtät, d.h. eine absolute Realität, die sich aus
keiner höheren Ursache ableiten läßt, sondern die Kraft zu existieren
in sich selbst trägt« (Vers. e.
n. Gottesbegr.S. 106 f.).
Nach O. CASPARI ist Ewigkeit
nicht Zeitlosigkeit, sondern »die real fortschreitende ewige Zeit«
(Zusammenh. d. Dinge S. 170).
RENOUVIER (wie DÜRING) nimmt
nur eine Ewigkeit a parte post,nicht a parte ante an; es gibt einen Anfang der
Phänomene (Nouv. Monadol. p. 16).
Vgl. Zeit, Unendlich
Freiheit
S. 942. Siehe
auch bei Kirchner
ist das Gegenteil von Zwang,
bedeutet Unabhängigkeit verschiedener Art.
Politische Freiheit bedeutet Autonomie, Selbständigkeit
des Tuns und Lassens des Bürgers im Rahmen der socialen und staatlichen
Gesetzlichkeit.
Physische Freiheit bedeutet Unabhängigkeit
des Handelns von äußeren Kräften, die es verhindern könnten.
Psychologische Freiheit bedeutet Selbstentscheidung
des Ich, d.h. Unabhängigkeit des Handelns
und Wollens von momentanen Reizen, Fähigkeit der Überlegung
und Wahl, Sich-bestimmen-lassen durch die eigene Persönlichkeit, durch
den eigenen Charakter.
Metaphysische Freiheit bedeutet Unabhängigkeit
eines Wesens, eines Willens von irgend welchen Ursachen,
Aseïtät . Die beiden letzten Arten der Freiheit fallen unter den Begriff
der Willensfreiheit .
Ganzes
und Teile S. 950 f.
Siehe auch bei Kirchner
sind Korrelatbegriffe, Produkte der zerlegenden, unterscheidenden
Denkfunktion. Das »Ganze« ist die Gesamtheit
aller Teile, in welche die Apperzeption eine
Einheit zerlegt.
PLATO (Theaet. 204 E)
ARISTOTELES (nach welchem
das Ganze den Teilen logisch vorausgeht) (Met.
V 26, 1023b 26) sprechen vom holon
im Unterschied vom pan. Beides wird auch
von den Stoikern unterschieden
(vgl. L. STEIN, Psych. d. Stoa I, 17; II, 222; s.
Welt.)
Den Begriff des Ganzen (»totum«)
definiert HOBBES (De corp.
7, 7),
auch CHR.
WOLF: »Unum, quod idem est cum multis, dicitur
totum« (Ontol. § 341).
HUSSERL versteht unter einem
Ganzen einen »Inbegriff
von Inhalten, welche durch eine einheitliche Fundierung, und zwar ohne Succurs
weiterer Inhalte, umspannt werden« (Log.
Unt. II, 268). Vgl.
Teil.
Gegensatz
S. 1001 ff. Siehe
auch bei Kirchner
1) logischer
Gegensatz (Opposition) das Verhältnis,
in welchem zwei Begriffe oder zwei Urteile
zueinander stehen, die einander ausschließen. Es gibt einen contradictorischen
und einen conträren (subkonträren) Gegensatz.
ARISTOTELES erklärt: antikeimena legetai
antiphasis kai tanantia kai ta pros ti kai sterêsis kai hexis kai ex hôn
kai eis ha eschata ai geneseis kai phthorai (Met.
V 10, 1018a 20). Er unterscheidet: antiphatikôs
(contradictorisch), enantiôs (conträr), kata têê
lexin monon antikeimena (De interpret.
6, 17a 26; 7, 17b 16; Categ. 10, 13b 27. Anal. prior. II 15, 63b 23).
So auch CICERO (Top. 11).
Die Scholastiker unterscheiden »oppositio
terminorum« und »oppos. enunciationum«.
Nach ÜBERWEG ist Opposition
»der Gegensatz, der zwischen zwei Urteilen von verschiedener
Qualität und verschiedenem Sinne bei gleichem Inhalt besteht« (Log.
§ 97).
2) ontologischer
(realer) Gegensatz
(»Repugnanz«), Widerstreit zweier Dinge, zweier Qualitäten,
zweier Tätigkeiten, dynamische Entgegensetzung, Willens-Gegensatz, Gegensatz
der Gefühle (physischer-psychischer Gegensatz, ethischer,
socialer Gegensatz).
Die Pythagoreer stellen eine Tafel von
zehn Gegensatz-Paaren als Principien der Dinge auf: peras
kai apeiron, peritton kai artion, hen kai plêthos, dexion kai aristeron,
arrhen kai thêly, êremoun kai kinoumenon, euthy kai kampylon, phôs
kai skotos, agathon kai kakon, tetragônon kai eteromêkes
(ARISTOTELES, Met. I 5, 986a 22 squ.).
HERAKLIT macht den Gegensatz zum Princip der
Entwicklung. Im »Gegenlauf« (enantiodromia,
Stob. Ecl. I, 60) des Geschehens ist in allem das Entgegengesetzte vereinigt,
schlägt eines in das Gegenteil um taut' einai
zôn kai tethnêkos, kai to egrêgoros kai to katheudon, kai
neon kai gêraion (Fragm. 78).
Alles erfolgt kat' enantiotêta nach der enantia
rhoê, palintropia (Plat., Cratyl.
413 E, 420 A); panta te ginesthai kath' eimarmenên
kai dia tês enantiotropês hêrmosthai ta onta (Diog.
L. IX 1, 7); ginesthai
te panta kat' enantiotêta (l.c.
8); panta ... metaballei eis enantion oion
ek thermou eis phychron (Arist. Phys.
III 5, 205a 6; vgl. Sext. Empir. Pyrrh. hypot. III, 230). Die Gegensätze
gehen in einer Einheit zusammen wie Bogen und Leier:
palintropos harmoniê kosmou hokôster lyrês kai toxou
(Plut., Is. et Osir. 5).
Nach PLOTIN sind Gegensätze
Dinge, die nichts Identisches an sich haben (Enn.
VI, 3, 20). -
CHR. WOLF definiert: »Opposita
sunt, quorum unum involvit negationem alterius«
(Ontol. § 272).
KANT betont den Unterschied zwischen logischer und realer Opposition.
»Einander entgegengesetzt ist, wovon eines dasjenige aufhebt, was durch
das andere gesetzt ist. Diese Entgegensetzung ist zweifach; entweder logisch
durch den Widerspruch, oder real d. i. ohne Widerspruch«
(WW. II, 75 ff.). Die »dialektische«
Opposition ist von der auf dem Satze des Widerspruches fußenden »analytischen«
zu unterscheiden (Krit. d. r. Vern. S. 410).
Nach J. G. FICHTE, besonders aber nach
HEGEL schlägt jeder
Begriff (im logischenDenken) in seinen Gegensatz
um, um sich mit ihm in einem höheren Begriffe zu vereinigen (Dialektik,
Widerspruch).
Nach HILLEBRAND kann es keinen metaphysischen,
realen Gegensatz geben, d.h. einen solchen, welcher
im Sein unausgleichbar wäre (Phil.
d. Geist. I, 23).
Nach HERBART ist der »Gegensatz
zweier Vorstellungen« ein voller, »wenn
eine von beiden ganz gehemmt werden muß, damit die andere ungehemmt bleibe«
(Psychol. als Wiss. I, § 41). Vorstellungen,
die einander entgegengesetzt sind und zusammentreffen, werden zu Kräften,
die einander widerstehen, hemmen (Lehrb. zur Psychol.3,
S. 15). Der Grund des Widerstehens ist die Einheit der Seele (l.c.
S. 21). Entgegengesetzte Vorstellungen verschmelzen miteinander, soweit
sie nicht gehemmt werden (l.c. S. 21 f.).
Nach MÜNSTERBERG ist entgegengesetzt in der
Vorstellungswelt das, »was antagonistische Handlungen anregt«
(Grdz. d. Psy-chol. I, 550).
WUNDT sieht in dem psychologischen »Gesetz der
Entwicklung in Gegensätzen« eine Anwendung des Gesetzes der
Contrastverstärkung auf umfassendere Zusammenhänge.
»Diese besitzen nämlich... die Eigenschaft, daß Gefühle
und Triebe, die zunächst von geringer Intensität sind, durch den Contrast
zu den während einer gewissen überwiegenden Gefühlen von entgegengesetzter
Qualität allmählich stärker werden, um endlich die bisher vorherrschenden
Motive zu überwältigen und nun selbst während einer kürzeren
oder längeren Zeit die Herrschaft zu gewinnen.« Mehr als im
individuellen tritt das Gesetz im geschichtlichen Leben, im Wechsel geistiger
Strömungen hervor (Gr. d. Psychol.5, S. 401f.;
Syst. d. Phil.2, S. 598; Log. II2, 2, S. 282 ff.; Phil.Stud.X, 75 ff.).
Geist
S. 1008 ff. Siehe
auch bei Kirchner
heißt im Gegensatz zum Stoffe, zur Materie, zum
Körper das Seelische, Psychische; im Unterschiede
vom Seelischen (Psychischen) die Denkkraft, Vernunft,
der Inbegriff des höheren seelischen Lebens, die Vernünftigkeit, auch
die Verstandesschärfe (»Geistreichtum«).
Vom Geiste des Menschen ist der Weltgeist
(Universalgeist), der göttliche
Geist, vom Einzelgeist der Gesamtgeist,
vom subjectiven der objective Geist, d.h. der Inbegriff
geistiger Schöpfungen einer Gesamtheit zu unterscheiden. Der
»Zeitgeist« ist die Denkweise eines Zeitalters.
»Geist« heißt auch die immaterielle Substanz, die von
vielen als Träger der psychischen Vorgänge angenommen wird. An »Geister«
als Seelen Verstorbener glaubt der Naturmensch, auch der Spiritismus.
Als eigenes Princip des Seienden bestimmt den Geist zum
erstenmal ANAXAGORAS. Freilich ist der »Geist«
(nous) hier noch ein feinster Stoff, nicht absolut immateriell:
esti gar leptotaton te pantôn chrêmatôn
kai katharôtaton kai gnômên ge peri pantos pasan ischyei.
Kai ischyei megiston;noos de pas homoios esti kai ho mezôn kai ho elassôn
(Simpl. ad Arist. Phys. 33). Unbegrenzt, für sich seiend, rein und
unvermischt mit den übrigen Dingen ist der Nus noos
de estin apeiron kai autokrates kai memiktai oudeni chrêmati, alla mounos
autos eph' heautou estin, ib.; (Aristot.,
Phys. VIII 5, 256b 24 squ.). Der Geist ist das Princip der Weltordnung,
der zweckvolle Gestalter des Stoffes: panta chrêmata
ênhomou. eitha ho nous elthôn auta diekosmêse
(Diog.L. II, 3, 6). Der Geist
ist der Grund der Bewegung (Veränderung),
der Scheider der Materie kinêsin empoiêsai
ton noun kai diakrinai (Aristot., Phys. VIII1,
250b 24). Allwissend und allmächtig ist der
Geist
panta egnô noos, pantôn noos kratei, panta
diekos-mêse noos (Simpl. ad Arist. Phys.
33); epei panta noei, amigê einai, hôsper
phêsin 'Anaxagoras, hina kratê, touto d' estin hina gnôrizê
(Arist., De an. III 4,429a 18). Der
nous kosmopoios ist die Gottheit (Stob.
Ecl. I 2, 56).
Als etwas Stoffliches feinster Art fassen den nous
auf: BRUCKER, TIEDEMANN, FR. KERN, G.
GROTE, D. PEIPERS, DILTHEY,
COMPERZ, WINDELBAND
(als »Kraftelement« »Bewegungsstoff«),
ZELLER, UPHUS, KÜHNEMANN; als immateriell:
FREUDENTHAL, HEINZE, E. ARLETH (vgl. dessen Lehre
d. Anax. vom Geist, Arch. f. Gesch. d. Philos. VIII, 205).
Der Hylozoismus
betrachtet den Geist als Eigenschaft des Stoffes.
Nach HERAKLIT durchdringt der
Geist (logos)
das All.
Nach DEMOKRIT ist der Geist
das Product der Atome
und ihrer Bewegungen.
Eine Weltvernunft anerkennt PLATO. Der vernünftige,
geistige Teil der Seele (nous,
logistikon) ist das Oberste in ihr (Rep. IV,
435).
Nach ARISTOTELES ist der nous
die höchste Energie (energeia) der
Seele,die nur dem Menschen, nicht den Tieren zukommt
(De an III 3, 429a 23). Der nous
ist das Denkprincip legô de noun hô dianoeitai
kai hypolambanei hê psychê (De
an. III 4, 429 a 23). Nicht mit dem Leibe vermengt ist der
Geist (De an. III 4, 429 a 24), einfach
und stetig ist er ho de nous heis kai synechês
hôsper kai hê noêsis (De
an. I 3, 407 a 8). Er ist vomLeibe trennbar, leidlos, rein kai
houtos ho nous
chôristos kai apathês kai amigês (De
an. III 5, 430a 17), unvergänglich und göttlich ho
de nous isôs theioteron ti kai apathes estin (De
an. I 4, 408 b 29; De an. II 2, 413b 26; III 4, 429 a 15 squ.). Der Geist
ist in der Seele en
psychê nous (Eth. Nic. I 4, 1096b 29),
er stammt aber »von außen« (thyrathen)
von Gott, dem reinen
Geiste (noêsis noêseôs).
Er ist die Form der Formen eidos eidôn
(De an. III 8, 432a 2), das Wertvollste (Met.
XII 9, 1074b 26). Der Potenz nach ist der Geist
eins mit seinen Inhalten hoti dynamei pôs
esti ta noêta ho nous (De an. III 4,
429 b 30).
THEOPHRAST (bei Simpl., Phys.
225a) und STRATO (Cic.
ad Acad. II, 38, 121) betrachten den Geist als
ein der Seele Immanentes, als deren Entwicklungsproduct.
Die Stoiker lehren die Existenz eines Weltgeistes
(pneuma), dessen Ausfluß
apospasma der menschliche Geist
ist (M. AUREL, Inse ips. XII, 26).
Bei den Neupythagoreern
ist der nous die Einheit der Ideen
(NICOMACHUS, Arithm. intr. I, 6).
PHILO bestimmt den nous
als psychê psychês als Organ
übersinnlicher
Erkenntnis
(Opp. I, 42, II, 408).
PLUTARCH VON CHAERONEA erblickt im Geiste
eine selbständige Wesenheit.
So auch PLOTIN. Nach ihm ist der
Geist einfach, die
Seele hingegen gegliedert (Enn. IV,1). Der
nois ist eine Emanation
des Urseins; er denkt das Seiende und ist es
insofern (Enn. IV, 5), er ist die Totalität
der Ideen (l.c. IV, 8). Zum Unterschiede vom »Einen«
(hen) hat der Geist schon die Andersheit
(heterotês) an sich, den Gegensatz
des Denkens und Gedachten. In den Dingen wirken geistige Kräfte (noi,
noerai dynameis). In der Seele
ist der nous die oberste Kraft
(l.c. II, 9, 2).
Als Emanationsproduct bestimmen den Geist
die Gnostiker. Sie und
die Kirchenväter sind zugleich von dem evangelischen Glauben
an den »heiligen Geist« (s. Pneuma)
beeinflußt.
Von der Seele unterscheiden den
Geist (pneuma) TATIAN,
ORIGENES (De princ. VIII,
1), auch die Kabbalâ.
Als feinen Stoff bestimmt den »spiritus«
TERTULLIAN: »spiritus
enim corpus sui generis in sua effigie« (Adv.Prax.
C. 7).
Den »spiritus« erklärt AUGUSTINUS
als »quaedam vis animae mente inferior, in qua imagines
rerum imprimuntur« (Super Genes. ad litter.
XII, 9).
DAVID VON DINANT nennt den Geist (Noym)
das »primum divisibile, ex quo constituuntur animae«
(bei HAURÉAU II 1, p. 76).
Als Einheit der Ideen
betrachtet den Geist BERNHARD VON CHARTRES.
Die Einheit von Geist und Seele
betont ROB. VON ST. VICTOR: »Neque
enim in homine uno alia essentia est eius spiritus atque alia eius anima, sed
prorsus una eademque simplicisque naturae substantia« (De
extern. mal. tr. 3, C. 18).
THOMAS versteht unter
Geist als Vermögen die Denkkraft; der Geist
ist »ipse intellectus examinans res, secundum quad
mens dicitur a metior, metiris« (1 sent.
3, 5, 6); »mens in anima nostra dicit illud,
quod est altissimum in virtuteipsius«(De
verit. 10, 1 C).
Gott ist nach den
Scholastikern reiner Geist.
Von der Seele unterscheidet den Geist
auch ECKHART.
Einen »spiritus mundi« nimmt AGRIPPA
VON NETTESHEIM an.
NICOLAUS CUSANUS trennt den Geist nicht von
der Seele. »Mens
est viva sub-stantia, quam in nobis interne loqui et indicare experi-mur...,
est vis in se omnia suo modo complicans« (Idiot.
III,.5).
PARACELSUS betrachtet den
Geist als den innersten Teil der Seele,
als göttliches Bildnis oder »Fünklein«
(Phil. sag. p. 433 f.).
CAMPANELLA unterscheidet von der empfindenden Seele
den aus Gott »per
ineffabilem emanationem« stammenden Geist,
mens (Univ. phil. I, 5, 2).
Den absoluten Gegensatz zwischen Geist (res
cogitans, mens) und Stoff lehrt DESCARTES.
Geist und Körper sind Substanzen. Der Geist
ist einfach, unausgedehnt, unzerstörbar, er erfaßt sich selbst
als Denkendes (Princ. phil. I, 11). Geist und Körper
stehen in Wechselwirkung miteinander.
Im Sinne des Cartesianismus definiert SPINOZA:
»substantia, cui inest immediate cogitatio,
vocatur mens« (Cart. pr. phil. I, def. VI).
Er selbst sieht im Geist keine Substanz, sondern ein Attribut der einen Substanz.
Diese (=Gott) ist sowohl Geist
(»res cogitans«) als Materie (Eth.
II, prop. I, II), er ist unendlicher Geist
»intellectus infinitus« (l.c.
prop. IV)«, den Einzeldingen immanent.
Nach LEIBNIZ ist alles an sich geistiger
Art, indem den Körpern Monaden
zugrunde liegen, geistige Substanzen. Jede
Monade ist eine Welt für sich, »comme
an monde à part, suffisant à lui-même« (Gerh.
IV, 485 f.). Gott
ist reiner, activer Geist.
Nach BERKELEY gibt es nur eine Art von Substanzen
(Princ. CXXXV): Geister,
d.h. active, percipierende Wesen, deren objective Vorstellungen Körper
heißen. Ein Geist ist ein einfaches, unteilbares,
actives Wesen, das in Einem Verstand und Wille ist und nur in seinen Wirkungen
zu percipieren ist (Princ. XXVII). Wir haben vom
Geiste nur eine »notion«, keine »idea«
(ib.). Der höchste Geist ist
Gott (l.c. CXLVI); ähnlich schon MALEBRANCHE,
der Gott [s. d.] den »Ort der Geister« nennt).
Nach CHR. WOLF ist Geist
»ein Wesen, das Verstand und einen freien Willen
hat« (Vern. Ged. I, § 896); nach
PLATNER das, »was mit Bewußtsein und
Absicht wirkt« (Phil. Aphor. I, § 1063);
nach KANT »das durch
Ideen belebende Princip des Gemütes« (Anthrop.
I, § 69 B). -
SWEDENBORG glaubt an einen Verkehr der Menschenseelen mit der Geisterwelt
(vgl. KANT, Träume ein. Geistersehers, II. T., 2.
Hptst.).
Die Auflösung der geistigen Substanz in ein »Bündel«
von Erlebnissen erfolgt bei HUME. Nach ihm ist der
Geist ein gesetzmäßig verknüpftes
Zusammen von
Perceptionen, ein »heap or collection«
von solchen (Treat. IV, set. 2; IV, Set. 6).
HELVETIUS sieht im
Geist (esprit) »un
assemblage d'idées neuves quelconques« (De
l'espr. I, disc. II, ch. 1, p. 73).
HOLBACH und LA METTRIE
betrachten den Geist als Naturproduct.
J. G. FICHTE bestimmt die Wirklichkeit als Geist,
als Ich .
SCHELLING betrachtet Geist und Natur als die
beiden Seiten oder Pole des Absoluten, der »Indifferenz«
(s. Gott). In den verschiedenen
Dingen überwiegt bald das eine, bald das andere Moment. »Ein
Geist ist, was aus dem ursprünglichen Streite seines Selbstbewußtseins
eine objective Welt zu schaffen und dem Product in diesem Streite selbst Fortdauer
zu geben vermag«(Naturphilos. S. 312).
Nach SUABEDISSEN ist der Geist des Menschen »die
Einheit, das eine Princip des ursprünglichen Denkens und Erkennens und
des ursprünglichen Lebens und Handelns«, »die Vernunft, die
zugleich theoretisch und praktisch ist« (Grdz.
d. Lehre von d. Mensch. S. 160).
HEGEL setzt den Geist (die
Vernunft, Idee) als Weltprincip,
das in dialektischer
Bewegung die Stufen des An-sich, Außer-sich, An-und-für-sich durchläuft
und als »absoluter Geist« zum Wissen
seiner selbst kommt. Geist ist »das
Bei-sich-selbst-sein« (Philos.
d. Gesch. S. 21), die »unendliche Subjectivität
der Idee« (Ästh. I, 103), das
»an und für sich seiende Wesen..., welches
sich zugleich als Bewußtsein wirklich und sich selbst vorstellt«
(Phänom. S. 328), »das sich selbst tragende
absolute reale Wesen« (l.c. S. 329),
das »Wirkliche« oder »Wesen«
der Dinge (l.c. B. 19). Er ist die
»Wahrheit« der Natur, »die zu
ihrem Für-sich-sein gelangte Idee«(Encykl.
§ 381). Er geht aus dem »Tode des Natürlichen«
hervor (l.c. §376), als ein »Offenbaren«
seiner selbst (l.c. § 383 f.), als
die »wissende Wahrheit« (l.c.
§ 439). Er entwickelt sich durch die Phasen des subjectiven und
objectiven zum absoluten Geist (l.c. § 385),
der der göttliche Geist ist (l.c.
§ 386), die »absolute Tätigkeit...,
sich in sich selbst zu unterscheiden« (Ästh.
I, 120). Der subjective Geist ist theoretischer und praktischer Geist
(Encykl. § 445). Der »objective Geist«
ist »die absolute Idee, aber nur an sich seiend«
(l.c. § 483), d.h. der Geist in den socialen
Gebilden, das »sittliche Leben eines Volkes«
(Phänom. S. 330). Der absolute Geist ist die sich wissende Idee
oder Weltvernunft (Encykl. §. 554 ff., § 574,
577), die noêsis hê kath' hautên
des ARISTOTELES (Met.
XI, 7). In der Kunst, der Religion und endlich in der Philosophie manifestiert
er sich (Encykl. §. 554 ff.). Der
Weltgeist ist, intellectualistisch, als Denkkraft gedacht.
Bei SCHOPENHAUER hingegen ist er Wille.
Nach GRILLPARZER ist der Geist
»nicht ein Ruhendes, sondern vielmehr das absolut
Unruhige, die reine Tätigkeit, das Negieren oder die Idealität aller
festen Verstandesbedingungen« (WW. XV, 7).
Im Sinne Hegels lehrt K.
ROSENKRANZ. Der Geist ist »das
Für-sich-sein der Idee als Idee, die sich wissende und wollende Idee«,
das »Prius der Natur wie der Vernunft« (Syst.
d. Wiss. § 564 ff.). Der Geist »ist
nur, was er tut« (l.c. S. 367). Er
ist frei (ib.), hat Bewußtsein und Vernunft
(l.c. S. 368). Der subjective
Geist ist »der natürlich-individuelle,
der in seiner Tätigkeit bei sich, in seinem Begriffe, bleibt«;
der objective Geist ist der Geist, »der seine Freiheit
als eine objective Welt hervorbringende« Geist;
der absolute Geist ist
»der Geist, der sich selbst als den absoluten Inhalt in der diesem Inhalt
congruenten absoluten Forum weiß« (l.c.
S. 366).
So auch J. E. ERDMANN, der das Wesen des Geistes
in das »In-sich-sein« setzt (Gr. d.
Psychol. § 7).
Nach HILLEBRAND ist Geist
»das subjective Sein, d.h. das Sein, insofern es
sich selbst als Objectivität hat und seine eigenen Bestimmungen an sich
setzt« (Phil.
d. Geist. I, 65). »Nur in und mit der lebendigen
Individualisierung kann... der Geist zur concret erscheinenden Wirklichkeit
gelangen« (l.c. S. 65 f.). Das Wesen
der Geistigkeit besteht in der »Selbsterfassung
und Selbstsetzung des Seins« (l.c. S. 66).
Der Geist ist substantiell
(l.c. S. 68), hat die Freiheit zu seinem Wesen (l.c.
S. 71).
E. v. HARTMANN bestimmt den Weltgeist
als das »Unbewußte«.
G. CLASS sieht im absoluten
Geist die Einheit von absolutem Denken und absolutem Ich.
R. EUCKEN versteht unter Geist
»den bei sich selbst befindlichen Lebensproceß«
(Grundbegr. S. 47). Er »erzeugt
aus seinem Schaffen eine neue Wirklichkeit und will die vorgefundene Lage damit
umwandeln« (l.c. S. 58). Das »schaffende
Geistesleben« ist vom »empirischen
Seelenleben« deutlich zu unterscheiden; in jenem »erfolgt
ein Aufsteigen der Wirklichkeit zu einer innern. Einheit und zu voller Selbständigkeit«
(Gesamm. Aufs. S. 166). Der Geist entfaltet
sich in der Geschichte (Kampf um ein. geist. Lebensinh.
S. 19 ff.). Das Geistesleben ist die Erschließung der eigenen Substanz
des Wirklichen, es ist universal (l.c. S. 30).
Die geistige Welt muß durch Selbsttätigkeit, Kampf erzeugt werden
(l.c. S. 30, 42 ff.).
FECHNER versteht unter Geistigem
die »Selbsterscheinung« (Zend-Avesta
II, 164 f.). Geist ist das »dem Körper
oder Leibe überhaupt gegenüber gedachte, sich selbst erscheinende
Ganze, welchen Empfinden, Anschauen,Fühlen, Denken, Wollen u.s.w. als Eigenschaften,
Vermögen oder Tätigkeiten beigelegt werden«
(l.c. I, S. XIX). »Ein Geist erscheint und
erfaßt sich unmittelbar selbst« (l.c.
I, 252). Das Geistige ist das Innensein
dessen, was von außen als Körperliches erscheint. Es gibt eine Reihe
von Geistern verschiedener Ordnungen, niedere und höhere, umfassendere
(z.B. Planetengeister), sie alle werden vom göttlichen
Allgeiste umfaßt (Elem. d. Psychophys. II,
455).
Einen »Allgeist« nimmt M.
VENETIANER an.
HARMS bestimmt den Geist als den Grund der
inneren Erscheinung, als Für-sich-sein der Dinge. -
HERBART nennt Geist die
Seele, »sofern sie
vorstellt« (Lehrb. zur Psychol.3, S. 29).
Nach LOTZE ist der Geist
nur eine höhere Entwicklungsstufe der Seele,
die Vernunft (Kl. Schrift. II, 498). Alles Wirkliche
ist innerlich geistiger Art (s. Monaden),
hat ein Für-sich-sein.
LAZARUS versteht unter Geist
»die menschliche Seele, welche ihrer selbst,
und zwar in ihrer Tätigkeit als Tätigkeit, sich bewußt wird«
(Leb. d. Seele II2, 74).
Nach STEINTHAI ist Geist
derjenige Kreis von seelischen Erzeugnissen, welcher die Denktätigkeit,
die Intelligenz umfaßt (Urspr. d. Sprache S. 119
f.).
J. H. FICHTE nimmt »Geistesmonaden«
als reale Wesen, Träger des Bewußtseins an
(Psychol. I, 74). Der Geist hat nicht bloß
apriorische Bestandteile, er ist selbst ein »vorempirisches
Wesen« (l.c. I, S. VIII). Der Menschengeist
ist ein »raumzeitliches Realwesen«
(l.c. S. VII). Der Geist
ist nicht das Bewußtsein, sondern das Bewußtseinerzeugende
(l.c. I, 71 ff.).
Nach WUNDT heißt Geist
»das innere Sein, wenn dabei keinerlei Zusammenhang
mit einem äußeren Sein in Rücksicht fällt«
(Grdz. d. phys. Psychol. I3, 9; vgl. S. 12). Das
Geistige ist das Innensein der Dinge, die unmittelbare Realität,
die sich von den elementarsten bis zu den höchsten Formen entwickelt. Alles
Geistige ist aber bewußte Wirksamkeit, ein »unbewußter
Geist« ist einWiderspruch (Syst. d. Philos.2,
S. 553 ff.). Die Natur ist, als Vorstufe des Geistes, selbst schon geistiger
Art (l.c. S. 568 ff., 619 f.). Ebenso ursprünglich
und real, ja realer als die Einzelgeister ist der
Gesamtgeist, der aber keine besondere Substanz ist, sondern in den Einzelgeistern
existiert, wenn er auch mehr als deren Summe ist (l.c.
S. 611 ff.; Gr. d. Psychol. S. 361; Log. II2, 2, S. 40; Völkerpsychol.
I, 1, S. 10 f.; Eth.2 S. 459). Der göttliche Weltgrund ist
Geist und zugleich übergeistig (Syst. d. Philos.2,
S. 392 ff.).
MÜNSTERBERG unterscheidet das Geistige vom
Psychischen; letzteres ist schon eine abstractive Bearbeitung des ersteren,
der in »Selbststellung«, im concret-lebendigen
Wirken besteht (Grdz. d. Psychol. I).
A. DORNER versteht
unter dem Geist die selbstbewußte
Seele (Grdz. d. Psychol. I).
Unter »objectivem Geist«
verstehen RIEHL,
JODL, JERUSALEM
die Gesamtheit der geistigen Producte innerhalb einer Gesellschaft. Der
Materialismus betrachtet den Geist als Stoff oder materielle Function oder Epiphänomen
der Materie oder Energie. Vgl. Spiritualismus,
Seele, Panpsychismus
Gesetz
S. 378ff. Siehe
auch bei Kirchner
Gesetz ist der Inhalt eines
Imperativs, einer Willensforderung bezw. was analog einem solchen Inhalte (ursprünglich)
betrachtet wird. Gesetz ist der Ausdruck für
ein Sein-sollendes, Gewolltes, notwendig zu Geschehendes.
Bei juridischen Gesetzen ist die Notwendigkeit
eine teleologische (»man muß, soll - wenn
man nicht Strafe haben will«), beim ethischen,
logischen, geistigen Gesetze ebenfalls (»man
muß, soll - wenn man vernünftig leben, vernünftig denken will«),
beim Naturgesetz eine psychologische
(triebartige) oder mechanische Notwendigkeit.
Naturgesetze sind begrifflich formulierte Notwendigkeits-Relationen,
mit denen die Konstanz, Regelmäßigkeit
von selbst gesetzt ist. »Es ist ein Naturgesetz«
heißt: das Wesen, die Natur, die Konstitution der Dinge, des Alls fordert,
bedingt den Zusammenhang, die Art, das Quale und das Quantum von Geschehnissen.
Unter gleichen Bedingungen verhält sich Gleiches
stets (zu allen Zeiten, in allen Räumen) gleich
- das ist die logische Grundlage (das Identitätsprinzip)
aller Gesetzlichkeit. Gesetzmäßig
(gesetzlich) ist, was in eine Gesetzesformel zu
bringen ist. Die »Gesetze« sind (subjektiv)
Satzungen des (die Erfahrungsinhalte logisch verarbeitenden)
Denkens, haben aber (objektiv) ein »Fundament«
in der Erfahrung, in den Objekten selbst. Die sozial-historischen
Gesetze sind Modifikationen psychologischer Gesetze.
Die Geschichte des Gesetzes-Begriffes läßt
bald eine mehr rationalistische, bald eine mehr empiristische, bald eine objektivistische,
bald eine subjektivistische Bestimmung dieses Begriffes erkennen. Der objektive
Idealismus führt die Naturgesetze auf eine
Weltvernunft zurück, der Theismus
(und Pantheismus) auf den göttlichen Willen
(die göttliche Substanz).
HERAKLIT erblickt in der Weltvernunft
(dem logos)
das Weltgesetz (nomos,
dikê), dem sich alles fügen muß und soll (Sext.
Empir. adv. Math. VII, 133).
Die Gesetzlichkeit des Naturgeschehens
betont PLATO, der von natürlichen
Gesetzen (para tous tês physeôs nomous,
Tim. 83 E) spricht.
So auch ARISTOTELES (De
coel. 268a 10 squ.).
Die Stoiker und Epikureer
lehren die Gesetzmäßigkeit der Naturprozesse;
bei LUKREZ tritt der Begriff der »lex
naturae« auf.
Im Anschlusse an das Alte Testament, das Gott als den Gesetzgeber der Natur
betrachtet, bezieht die christliche Philosophie die Naturgesetze
auf den göttlichen Willen, die göttliche Vernunft.
THOMAS erklärt die »naturales
leges« als »ipsae naturales inclinationes rerum proprios fines«
(Nom. 10, 1). »Lex
naturae nihil aliud est, nisi lumen intellectus insitum nobis a Deo, per quod
cognoscimus, quid agendum et quid vitandum« (Sum.
th. I, 60, 5a).
KEPLER, KOPERNIKUS,
GALLILEI bestimmen die Naturgesetze
unpersönlich (mathematisch) als Abhängigkeiten;
so auch F. BACON, der sie »Schematismen«
nennt.
DESCARTES ist geneigt, die
Naturgesetze auf Gott
zurückzuführen.
SPINOZA gründet sie auf die
ewige Wesenheit der Substanz.
Nach LEIBNIZ handelt Gott
gesetzmäßig (Theod.
I, § 28).
BERKELEY betrachtet die Naturgesetze
als Zeichen der ewig gleichen Betätigung des
göttlichen Geistes (Princ.
LXII).
NEWTON erklärt, er wolle
»missis formis substantialibus et qualitatibus occultis
phaenomena naturae ad leges mathematicas renovare« (Phil.
nat. princ. math. Anf.).
HUME meint, die Vorstellung einer
Änderung des Naturlaufes sei möglich (Treat.
III, sct. 6). Gesetzmäßigkeit
ist Regelmäßigkeit des Geschehens.
Nach FERGUSON ist Gesetz
»jede allgemeine Regel, die aus der Vergleichung
mehrerer Faktorum abgezogen ist« (Grunds.
d. Moralphilos. S. 2). Es gibt
physische und moralische (geistige) Naturgesetze. »Ein
physisches Gesetz ist jeder allgemeine Ausdruck einer in mehreren einzelnen
Fällen vorkommenden Veränderung.« »Ein moralisches Gesetz
ist jeder allgemeine Ausdruck von dem was gut und also geschickt ist, die Wahl
verständiger Wesen zu bestimmen« (l.c.
S. 4). »Gesetz«
bedeutet zuweilen das Faktum selbst (l.c.
S. 71). Auch die Geisterwelt
hat Gesetze, »denn
es gibt unter den Veränderungen und Operationen der Seele gewisse beständige
und unveränderliche Fakta« (l.c.
S. 72).
MENDELSSOHN versteht unter
Gesetzen »allgemeine
Sätze, in welche wir die besonders Beobachteten oder geschlossenen Kausalitätsverbindungen
gebracht haben, durch deren Anwendung wir in jedem vorkommenden Fall auf den
Erfolg rechnen« (Morgenst. I,
2).
KANT sieht in der »Gesetzgebung«eine
apriorische Funktion des Verstandes, durch welche die Mannigfaltigkeit der Erfahrungsinhalte
geordnet wird. Die empirischen Gesetze sind aber schon Anwendungen der gesetzgebenden
Funktion des Denkens auf den Erfahrungsinhalt. Rein a priori ist nur das kausal-gesetzmäßige
Verknüpfen überhaupt. Gesetze sind »Regeln,
sofern sie objektiv sind mithin der Erkenntnis des Gegenstandes notwendig anhängen«
(Krit. d. r. Vern. S. 134).
Es
heißt aber »die
Vorstellung einer allgemeinen Bedingung, nach welcher ein gewisses Mannigfaltige
mithin auf einerlei Art) gesetzt werden kann, eine Regel, und wenn es so gesetzt
werden muß, ein Gesetz« (l.c.
S. 125). Die einzelnen Gesetze
sind Bestimmungen höchster Verstandesgesetze, die »nicht
von der Erfahrung entlehnt sind, sondern vielmehr den Erscheinungen ihre Gesetzmäßigkeit
verschaffen, und eben dadurch Erfahrung möglich machen müssen«.
»Es ist also der Verstand nicht bloß ein Vermögen, durch Vergleichung
der Erscheinungen sich Regeln zu machen; er ist selbst die Gesetzgebung für
die Natur, d. i. ohne Verstand würde es überall nicht Natur, d.h.
synthetische Einheit des Mannigfaltigen der Erscheinungen nach Regeln geben«
(l.c. S. 135). Der
Verstand ist selbst »der Quell der Gesetze
der Natur«. »Zwar können empirische Gesetze, als solche, ihren
Ursprung keineswegs vom reinen Verstand herleiten... Aber alle empirischen Gesetze
sind nur besondere Bestimmungen der reinen Gesetze des Verstandes, unter welchen
und nach deren Norm jene allererst möglich sind, und die Erscheinungen
eine gesetzliche Form annehmen«
(l.c. S. 135 f.). Praktische
Gesetze sind Grundsätze, die als für
den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig erkannt werden
(Krit. d. prakt. Vern. I. B., 1. Hptst., §
1). Reine Vernunft
gibt das Sittengesetz (l.c.§
7). Die Achtung vor dem Vernunftgesetz
begründet die Sittlichkeit.
Nach FRIES bestimmt
das Gesetz »die
notwendige Verbindung mehrerer allgemeiner Bestimmungen, so daß, was unter
der einen steht, auch unter der andern stehen muß, die notwendige Verbindung
von Begriffen« (Syst. d. Log.
S. 165).
J. G. FICHTE und HEGEL
betrachten die Naturgesetze
als Setzungen der Ichheit bezw. der Weltvernunft.
Nach ESCHENMAYER sind
alle »äußeren Naturgesetze«
aus »inneren Grundgesetzen«
des Geistes reflektiert (Psychol. S.
310). Das Naturgesetz
ist »nichts als der besondere Reflex einer
allgemeinen Gleichung, die ursprünglich in uns selbst liegt«
(l.c. S. 435 f.).
Nach CHR. KRAUSE ist
Gesetz »das gemeinsam Bleibende in der Reihe
des Mannigfaltigen, sowohl an ewigen als an zeitlichen Dingen«
(Abr. d. Rechtsphilos. S. 4).
Ähnlich definiert AHRENS (Naturrecht
I, 226).
Nach BENEKE ist
das Gesetz »allgemeiner
Ausdruck oder Zusammenfassung mehrerer einstimmiger Prozesse« (Lehrb.
d. Psychol. § 19; Syst. d. Log. II, S. 4, 48 ff.).
SCHOPENHAUER erklärt das Naturgesetz
als die Einheit des Wesens
einer Kraft in allen ihren Erscheinungen, als »die
unwandelbare Konstanz des Eintrittes derselben, sobald, am Leitfaden der Kausalität,
die Bedingungen dazu vorhanden sind« (W.
a. W. u. V. I. Bd.. § 26).
TRENDELENBURG bestimmt das
Gesetz als das Allgemeine,
das vor der Erscheinung die Erscheinung bestimmt
(Log. Unt. II2, 190)
K. FISCHER erklärt:
»Gesetze des Vorstellens beherrschen die Erscheinungswelt,
weil sie dieselbe machen. Daher sind sie, soweit sich das Reich der Erscheinungen
erstreckt, Weltbedingungen oder Weltprinzipien, deren Bedeutung völlig
verkannt wird, wenn man ihnen nur anthropologische oder psychologische Geltung
zuschreiben will: sie können nicht durch Psychologie begründet werden,
weil sie diese selbst erst begründen« (Krit.
d. Kantschen Philos. S. 12).
Ähnlich lehren H. COHEN,
NATORP u. a.
O. LIEBMANN versteht unter
Naturgesetz »eine allgemeine
Regel, nach welcher an das Zusammentreffen bestimmter Realbedingungen in der
Natur jederzeit und allerorten das nämliche Ereignis als Realeffekt geknüpft
erscheint« (Anal. d. Wirkl.2,
S. 280). »Die allgemeine
Gesetzlichkeit des natürlichen Geschehens ist das objektive Korrelatum
desjenigen in uns, was wir Vernunft, logos, nennen; sie ist die Logik der Tatsachen,
ist die Vernunft im Universum«
(l.c. S. 281). Das ist eine
apriorische Überzeugung
(ib.).
Die Zeitlosigkeit der Gesetze, ihre
ewige Geltung betont (ähnlich wie LOTZE)
TEICHMÜLLER
(Darwin. u. Philos. S. 9 ff-).
Nach ULRICI ist ein
Gesetz »der
allgemeine Ausdruck (die Formel) der bestimmten Art und Weise, in der eine Kraft
notwendig und allgemein sich äußert, eine Tätigkeit notwendig
und allgemein tätig ist«(Log.
S. 93; vgl. Gott u. Nat. S. 48 f.).
Nach RÜMELIN ist
das Gesetz der Ausdruck für die »elementare
Konstante, in allen einzelnen Fällen als Grundform erkennbare Wirkungsweise
von Kräften«
(Red. u. Aufs. I, S. 5). Die
Ausnahmslosigkeit gehört zum Begriff des Gesetzes,
(l.c. S. 16).
Die
sozialen »Gesetze« sind hypothetischer
Art, sind nur eine Art der psychischen Gesetze
(l.c. I, 9 f., 28; II, 118 ff.).
Nach M. CARRIERE drücken
die Gesetze der Natur »die
Beziehungen und Verhältnisse der Wesen zueinander aus, welche der eine
Unendliche alle in sich hegt und durch seine Gegenwart verbindet«
(Ästh. I, 29).
Nach E. v. HARTMANN
bezeichnet das Gesetz »die
bestimmte Wirkungsweise unter bestimmten Verhältnissen« (Kategorienlehre
S. 422). Es hat »im
Geschehen eine implizite Existenz«
(l.c. S. 423), ist etwas Beständiges,
schließt aber variable und konstante Faktoren in sich (ib.).
»Das Gesetz zeigt die ideelle Bestimmtheit an, zu
welcher die Natur den Inhalt ihrer dynamischen Funktionen von Fall zu Fall determiniert.«
»Die Gesamtheit der Weltgesetze erschöpft die 'Welt als Idee'«
(Weltansch. der mod. Phys. S. 209).
G. SPICKER erklärt
»Gesetz« als
die »unveränderlichen, allgemeinen Normen,
nach welchen sich alle Prozesse in den äußeren Erscheinungen vollziehen«
(Vers.
e. n. Gottesbegr. S. 77). Die
Gesetze sind »teleologischer
Natur«(l.c. S. 81). Vor
der Entstehung des Endlichen sind sie nur potentiell (l.c.
S. 120).
A. COMTE lehrt einen Positivismus,
der anstatt aus abstrakten, unbekennten Kräften die Tatsachen aus ihren
konkreten Gesetzen erklärt.
Nach J. ST. MILL ist »jede
vollbegründete induktive Generalisation« ein
Naturgesetz (Log.
I, 375). Die Naturgesetze
bestehen in »beobachteten Übereinstimmungen
sei es des Nacheinander oder des Nebeneinander gewisser Erscheinungen«
(Üb. Relig. S. 12).
GIZYCKI erklärt: »Ein
Naturgesetz ist... nur der Ausdruck für eine allgemeine Tatsache, und nicht
ist es etwas außerund über den Tatsachen: die Dinge richten sich
nicht nach den Gesetzen, sondern die Gesetze nach den Dingen. Die Dinge tun
das, was in ihrer eigenen Natur liegt« (Moralphilos.
F,. 209).
Nach NIETZSCHE gibt
es an sich keine »Gesetze«,
diese sind subjektive Fiktionen (WW.
V, 1, 2). Wir legen in die Natur,
in den kontinuierlichen Fluss des Geschehens, Gesetze hinein
(WW. III, 1, S. 40 f.).
L. BUSSE betont, Naturgesetze
seien nicht »logisch notwendige Gebote, denen
die Dinge entsprechen, weil ein abweichendes Verhalten unmöglich, logisch
undenkbar ist«, sondern »Formulierungen des tatsächlichen Verhaltens
der Dinge« (Philos. u. Erkenntnistheor.
I 1, 194).
Nach HELMHOLTZ ist
ein Gesetz »das
gleichbleibende Verhältnis zwischen veränderlichen Größen«(Vortr.
u. Red. I, 240), »der
allgemeine Begriff, unter den sich eine Reihe von gleichartig ablaufenden Naturvorgängen
zusammenfassen läßt« (l.c.
I, 375). Die Geltung eines vollständig
bekannten Naturgesetzes ist eine ausnahmslose (ib.,
vgl. S. 169 f.).
Nach STEINTHAL ist ein Naturgesetz
ein »bestimmtes und festes Verhältnis
der Bewegungen« (Einl. in d. Psychol.
S. 114).
Als Abstraktion von regulativer Bedeutung faßt das
Naturgesetz O. CASPARI auf
(Zusammenh. d. Dinge S. 160 ff.).
Die Unveränderlichkeit der Naturgesetze
betont A. COMTE.
Nach RENOUVIER ist
ein Gesetz (»une
relation d'ordre general, ou une propriété (une qualité
spécifique) servant à lier et à séparer, a distribuer
d'après leurs caractères,des classes plus ou moins étendues
de phénomènes«Nouv.
Monadol. p. 7).
MEINONG versteht unter Gesetz
»die für alle Glieder einer Reihe gleichbleibende
Beziehung, durch welche je ein Glied dieser Reihe zu einem Gliede einer oder
mehrerer anderer Reihen zugeordnet ist« (Grundl.
d. Log.2, S. 162).
Nach SIMMEL bedeutet
ein Gesetz, »daß
die gleiche entweder natürliche oder ethische Notwendigkeit da eintritt,
wo die gleichen Vorbedingungen gegeben sind« (Einl.
in d. Moralwiss. II, 21). Gesetz
eines Geschehens ist ein »Satz..., dem gemäß
der Eintritt gewisser Tatsachen unbedingt - d.h. jederzeit und überall
- den Eintritt gewisser anderer zur Folge hat« (Probl.
d. Geschichtsphilos. S. 34).
Nach L. STEIN sind
Naturgesetze »Begriffskopien
von Rechtsgesetzen«(An d. Wende
d. Jahrhund. S. 262), »Einheitsformeln«,
»Gattungsbegriffe« (l.c.
S. 264 ff.). Das Naturgesetz
ist »nichts
anderes als psychischer Zwang, eine Gedankennötigung, die Mannigfaltigkeit
des Erscheinenden unter eine bestimmte Gedankenreihe bezw. Interpretationsform
zu subsumieren« (l.c. S. 31).
SIGWART bemerkt:
»Die Voraussetzung aller Forschung, daß
Gesetze in der Welt herrschen, sagt nur in andern Worten, daß die Natur
Gedanken realisiere, daß Naturnotwendigkeit und logische Notwendigkeit
dasselbe sei« (Kl. Schrift. II2,
64).
Nach HAGEMANN ist
Gesetz »der
bestimmte Ausdruck für die sich gleichbleibende Wirkungsweise gewisser
Kräfte«. »Je nachdem diese Wirkungsweise durch die Natur der
Kräfte mit Notwendigkeit bedingt ist oder aus der freien Betätigung
der Kräfte hervorgeht, unterscheiden wir Natur- und Freiheits-Gesetze«
(Log. u. Noet.S. 20).
RIEHL betont, Gesetze
und Wirken der Dinge seien nicht verschieden. Gesetze
sind »die Beziehungen der Dinge, die
Formen der Vorgänge, unter verallgemeinerten oder vereinfachten Umständen
gedacht« (Phil. Krit. II 2, 248).
Die Gesetzmäßigkeit
der Natur ist ein logisches Postulat (ib.).
»Kein Gesetz kann in einer Tatsache rein aufgehen.«
»Jedes Gesetz ist ein Satz mit einem Wenn: zwei Massenpunkte würden
sich genau nach dem Gesetze der Gravitation annähern, wenn sie allein in
der Welt wären« (Einf. in
d. Philos. S. 245). Obgleich nicht aus der Geschichte
allgemeine Gesetze abzuleiten sind, so ist sie doch solchen unterworfen (l.c.
S. 170 f.).
Nach SIMMEL
(Probl. d. Geschichtsphilos. S. 54) und
nach RICKERT (Grenz.
d. naturwiss. Begriffsbild. S. 258) gibt
es keine historischen Gesetze; vgl. hingegen G. MAYR, Die Gesetzmäß
im Gesellschaftsleb. 1877.
Nach WUNDT sind
Gesetze allgemeine Regeln, die eine Gruppe von
Gleichförmigkeiten des Seins oder Geschehens zusammenfassen. Die wesentlichen
Merkmale eines Gesetzes sind: 1)
die Verknüpfung selbständig zu denkender Tatsachen,
2) das direkte oder indirekte kausale Verhältnis,
3) der heuristische Wert und die generelle Bedeutung. Die Naturgesetze
sind nicht ausnahmslos, noch weniger die geistigen Gesetze,
die aber (gegen RÜMELIN u. a.) anzuerkennen
sind (Log. II2, 132 ff.; Phil. Stud.
III, 195; XIII, 404).
SCHUPPE versteht unter
Gesetz die Notwendigkeit oder regelmäßige
Verknüpfung der Ereignisse (Log.
S. 59). Die »feste
Ordnung des Seienden« gehört zu seiner
Denkbarkeit (l.c. S. 65).
Nach UPHUES
sind Gesetze
Begriffe, in welche wir »die alle gleichen
Dinge charakterisierenden Merkmale zusammenfassen« (Psychol.
d. Erk. I, 73).
Wie E. MACH betrachtet
H. CORNELIUS die physikalischen
Gesetze als »vereinfachende, zusammenfassende
Beschreibungen unserer Erfahrungen«(Einl.
in d. Philos. S. 267). Sobald
ein Erfahrungsbegriff seine Bedeutung hat, »kann
vermöge des Identitätsprinzips kein anderer Zusammenhang mehr durch
diesen Begriff bezeichnet werden als derjenige, der einmal unter diesen Begriff
befaßt worden ist«(l.c.
S. 291). Die Außenwelt
besteht in den »gesetzmäßigen
Zusammenhängen..., in welche wir unsere Wahrnehmungen gemäß
dem allgemeinen Mechanismus der Bildung der Erfahrungsbegriffe einordnen«
(l.c. S. 271; ähnlich manche Kantianer).
Im letzten Grunde ist es »nur
unser begreifendes Denken... welches Ordnung und Gesetz in das Chaos der Erscheinungen
bringt« (l.c. S. 298).
Vgl. H. COHEN, für
den der Begriff des Gesetzes eine Kategorie ist
(Log. S. 222).
Gnosis
(gnôsis) S. 398f.
Siehe auch bei Kirchner
Erkenntnis, Wissen, auch
die Gnostik, die Lehre der Gnostiker.
Als religiöse Erkenntnis findet sich gnôsis
schon im Neuen Testament
(Matth. XIII; Paul., Cor. 1, VIII, l).
Dann bei CLEMENS
ALEXANDRINUS. Nach ihm ist das gnônai
pleon tou pisteusai (Strom. VI, 14, 109).
Die gnôsis
ist apodeixis
tôn dia pisteôs pareilêmmenôn tê pistei epoikodomoumenê
(l.c. VII, 10, 57). Er,
wie ORIGENES, wollen
den Glauben durch Gnosis stützen, bewahrheiten.
Die »häretischen« Gnostiker
geben eine Metaphysik der Religion, sie sind Theosophen,
Mystiker, welche
psychisch-religiöse Processe, Zustände, Begriffe und Entwicklungsphasen
hypostasieren. Sie sind Anhänger einer Emanationslehre,
die wesentlich von der der Neuplatoniker beeinflußt
ist. Sie rühmen sich der absoluten
Erkenntnis von Gott, der
Natur und der Geschichte (HARNACK, Dogmengesch.
I3, 220; vgl. S. 215).
Zu den Gnostikern gehören: BASILIDES,
VALENTINUS, SATURNINUS, CERDON, MARCION, APELLES,
KARPOKRATES, BARDESANES.
Der Gnostizismus ist ein
System, wonach »aus dem Urvater die göttlichen,
überweltlichen Äonen,
d.h. hypostasierte Kräfte, die an der Gottheit und ihrer Ewigkeit
teilhaben, emaniert sind, die das Pleroma
ausmachen, die Sophia aber, der letzte der Äonen,
durch ungeregelte Sehnsucht nach dem Urvater dem Streben und Leiden verfiel,
aus dem eine niedere, außerhalb des Pleroma weilende
Weisheit, die Achamoth,
ferner das Psychische und die Körperwelt samt dem
Demiurgen hervorgingen, und wonach eine dreifache Erlösung stattgefunden
hat: innerhalb der Äonenwelt durch Christus, bei der Achamoth durch Jesus,
das Erzeugnis der Äonen, und auf Erden durch Jesus, den Sohn der Maria,
in dem der heilige Geist oder die göttliche Weisheit wohnte«
(ÜBERWEG-HEINZE, Gr. d. Gesch. d. Philos. II7, 29 f.). Vgl.c.F. BAUR, Die
christl. Gnosis 1835; E. H. SCHMITT, Die Gnosis I, 1903.)
l
Grad
S. 1141