Immanuel Kant (1724 - 1804)
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Deutscher
Philosoph; der Sohn eines Sattlers war und unter pietistischem Einfluss aufgewachsen ist. Mit 16 Jahren begann er an der Universität Köngsberg zu studieren. Das Studium finanzierte er u. a. durch Privatstunden und Gewinne
beim Billardspiel. Studienfächer sind - Mathematik,
Naturwissenschaften, Theologie, Philosophie und lateinische Philologie;seit 1770 Professor in Königsberg. Er entwickelte
mit seinem »kritischen Idealismus« eines der Grundsysteme der deutschen Philosophie. Insbesondere mit seiner
praktischen Philosophie, seiner Geschichts-, Rechts und Staatsphilosophie
stellte er den Anschluss an die westeuropäische Aufklärungsphilosophie (insbesondere David Hume) her, die er u. a. durch
seine Erkenntniskritik zugleich überwand. Er gründete das System strenger Wissenschaft auf die masthematisch-physikalische Naturwissenschaft und übte daher
grundsätzliche Kritik an der traditionellen Metaphysik.
Radikal trennte Kant die Philosophie von der Theologie.
Ein neues Fundament für Wissen, Sittlichkeit und Glauben suchte er
mit seiner Tranzendentalphilosophie zu schaffen.
In der »vorkritischen« Periode orientierte
er sich weitgehend er an der Metaphysik von G. W.
Leibniz und Christian Wolff und setzte
sich mit der Physik Isaac Newtons auseinander; an diese anschließend, entwickelte
er eine kosmologische
Theorie, die
früher zusammenfassend als »Kant-Laplace'sche
Theorie« bezeichnet wurde. Mit der »Kritik der reinen Vernunft« (1781) setzte seine kritische
Periode ein, in der er durch eine kritische Prüfung der Verstandeskräfte
in seiner Transzendentalphilosophie die Bedingungen der Möglichkeit und die Grenzen der Erkenntnis
zu bestimmen suchte (Kritizismus).
Neu in diesem Denken ist, dass er nicht das Bewusstsein von den Gegenständen, sondern die Gegenstände von der apriorischen
Struktur des Bewusstseins abhängig dachte: Die Erkenntnis erfasse niemals »Dinge
an sich«, sondern nur Erscheinungen, welche einzig in den
vor der Erfahrung liegenden und diese erst ermöglichenden Formen zugänglich
sind, die der Verstand an sie heranträgt. Zu den apriorischen
Erkenntnisformen rechnet er die Anschauungsformen von Raum
und Zeit und die reinen Verstandesbegriffe der Kategorien
(Quantität, Qualität, Relation, Modalität).
Im Unterschied zu den Verstandesbegriffen haben die Ideen (Gott,
Seele, Welt,
Freiheit, Unsterblichkeit,
absolute Persönlichkeit) als Vernunftbegriffe oder »Postulate der praktischen Vernunft« keine »konstitutive«
(gegenstandsetzende), sondern nur »regulative« (richtunggebende) Bedeutung und ordnen als solche lediglich die Erfahrung.In seiner praktischen
Philosophie (Ethik) entwarf Kant
eine Begründung der Sittenlehre, die sich nicht auf bestimmte
Inhalte (»materiale« Ethik), sondern
auf die apriorischen Formen des Handelns stützt
(»formale« Ethik). In der »Grundlegung
der Metaphysik der Sitten« (1785) und
der »Kritik der praktischen
Vernunft« (1788) entwickelte er eine
rigorose, autonome Pflicht-Ethik, derzufolge der Wille unmittelbar durch das moralische Gesetz bestimmbar ist und nur das von äußeren
Bestimmungen und inneren Neigungen freie Handeln »aus
Pflicht« als sittlich gilt. Sittliches Grundgesetz ist der »kategorische
Imperativ«. Die Religionslehre wird aus der praktischen Philosophie
entwickelt. Die »Religion innerhalb der Grenzen
der praktischen Vernunft« versteht wesentliche Teile der christlichen
Glaubenslehre allein in ethischem Sinn: Sie begründet die Befolgung
moralischer Normen, indem sie die Pflichten als göttliche Gebote erkennt und mit den Postulaten
(Glaubensforderungen) Gottes, der sittlichen
Weltordnung und der Unsterblichkeit der Seele das vom moralischen Bewusstsein geforderte »höchste
Gut« (die Vereinigung von Tugend und Glückseligkeit) als
Ziel aufzustellen vermag. Die Moral erweitert sich dann zur »Idee eines . . . moralischen
Gesetzgebers«. Eine objektive, also wissenschaftliche Gotteserkenntnis
gibt es nach den Prämissen seines Systems nicht. Die »Kritik der Urteilskraft« (1790) suchte die Begründung für den Gültigkeitsanspruch des ästhetischen
Geschmacksurteils zu liefern, das als subjektives Wohlgefallen am Objekt bezeichnet wird (subjektive Ästhetik), und die Art und die Grenzen des (heuristischen) Zweckmäßigkeitsbegriffs
(Teleologie) in der Betrachtung der organischen
Natur darzulegen. In seinem staatsphilosophischen Denken trat
Kant für einen Rechtsstaat in republikanischen Sinn, für
die Vernunftidee einer friedlichen Gemeinschaft aller Völker auf Erden
und für einen ewigen Frieden ein. Siehe auch Wikipedia und Kirchenlexikon |
||
Inhaltsverzeichnis
Gibt
es etwas von der Welt Unterschiedenes, das den Grund der Weltordnung und ihres
Zusammenhanges nach allgemeinen Gesetzen enthält?
Frägt
man denn also (in Absicht auf eine transzendentale
Theologie)
erstlich: ob es etwas
von der Welt
Unterschiedenes
gebe, was den Grund
der Weltordnung
und ihres Zusammenhanges
nach allgemeinen
Gesetzen enthalte,
so ist die Antwort: ohne
Zweifel.
Denn die Welt
ist eine Summe
von Erscheinungen,
es muß also irgend ein transzendentaler,
d.i. bloß dem reinen Verstande
denkbarer Grund
derselben sein.
Ist zweitens die Frage:
ob dieses Wesen
Substanz, von
der größten Realität,
notwendig
etc. sei: so antworte ich: daß
diese Frage gar keine
Bedeutung habe. Denn alle Kategorien,
durch welche ich mir einen Begriff
von einem solchen Gegenstande
zu machen versuche, sind von keinem anderen als
empirischen Gebrauche,
und haben gar keinen Sinn, wenn sie nicht auf Objekte
möglicher
Erfahrung, d.i.
auf die Sinnenwelt angewandt werden. Außer
diesem Felde sind sie bloß Titel zu Begriffen,
die man einräumen, dadurch man aber auch nichts
verstehen kann.
Ist endlich drittens die Frage:
ob wir nicht wenigstens dieses von der Welt unterschiedene
Wesen nach einer Analogie
mit den Gegenständen der Erfahrung denken
dürfen? so ist die Antwort:
allerdings, aber nur als Gegenstand in der Idee und nicht in der Realität, nämlich nur, so fern
er ein uns unbekanntes Substratum der systematischen Einheit, Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welteinrichtung ist, welche sich die Vernunft zum regulativen Prinzip ihrer Naturforschung machen muß. Noch mehr, wir können in dieser Idee gewisse Anthropomorphismen,
die dem gedachten regulativen Prinzip beförderlich
sind, ungescheut und ungetadelt erlauben. Denn es ist immer nur eine
Idee, die gar nicht direkt auf ein von der Welt unterschiedenes Wesen, sondern auf das regulative
Prinzip der systematischen Einheit der Welt, aber nur vermittelst
eines Schema derselben, nämlich einer obersten
Intelligenz,
die nach weisen Absichten Urheber derselben sei, bezogen
wird. Was dieser Ungrund der
Welteinheit an sich selbst sei, hat dadurch nicht gedacht werden sollen, sondern wie wir ihn, oder vielmehr seine
Idee, relativ auf den systematischen Gebrauch der Vernunft in
Ansehung der Dinge der Welt, brauchen sollen.
Auf solche Weise aber können wir doch (wird man fortfahren
zu fragen) einen einigen weisen und allgewaltigen
Welturheber annehmen? Ohne allen Zweifel; und nicht
allein dies, sondern wir müssen einen solchen voraussetzen. Aber
alsdenn erweitern wir doch unsere Erkenntnis über das Feld möglicher
Erfahrung? Keineswegs. Denn wir haben nur ein Etwas vorausgesetzt, wovon wir
gar keinen Begriff haben, was es an sich selbst sei (einen
bloß transzendentalen Gegenstand), aber, in Beziehung auf die systematische
und zweckmäßige Ordnung des Weltbaues, welche wir, wenn wir
die Natur studieren, voraussetzen müssen, haben wir jenes uns unbekannte
Wesen nur nach der Analogie mit einer Intelligenz (ein
empirischer Begriff) gedacht, d.i. es in Ansehung der Zwecke und der
Vollkommenheit, die sich auf demselben gründen, gerade mit denen Eigenschaften
begabt, die nach den Bedingungen unserer Vernunft den Grund einer solchen systematischen
Einheit enthalten können. Diese Idee ist also respektiv auf den Weltgebrauch
unserer Vernunft ganz gegründet. Wollten wir ihr aber schlechthin objektive
Gültigkeit erteilen, so würden wir vergessen, daß es lediglich
ein Wesen in der Idee sei, das wir denken, und, indem wir alsdenn von einem
durch die Weltbetrachtung gar nicht bestimmbaren Grunde anfingen, würden
wir dadurch außer Stand gesetzt, dieses Prinzip dem empirischen Vernunftgebrauch
angemessen anzuwenden.
Aber (wird man ferner fragen) auf solche Weise kann ich doch von dem
Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der vernünftigen
Weltbetrachtung Gebrauch machen? Ja, dazu war auch eigentlich diese Idee von
der Vernunft zum Grunde gelegt. Allein darf ich nun zweckähnliche Anordnungen
als Absichten ansehen, indem ich sie vom göttlichen
Willen, obzwar vermittelst besonderer dazu in der Welt darauf gestellten
Anlagen, ableite? Ja, das könnt ihr auch tun, aber so, daß es euch
gleich viel gelten muß, ob jemand sage, die göttliche Weisheit hat
alles so zu seinen obersten Zwecken geordnet, oder die Idee der höchsten
Weisheit ist ein Regulativ in der Nachforschung der Natur und ein Prinzip der
systematischen und zweckmäßigen Einheit derselben nach allgemeinen
Naturgesetzen, auch selbst da, wo wir jene nicht gewahr werden, d.i. es muß
euch da, wo ihr sie wahrnehmt, völlig einerlei sein, zu sagen: Gott hat
es weislich so gewollt, oder die Natur hat es also weislich
geordnet. Denn die größte systematische
und zweckmäßige Einheit, welche eure Vernunft aller Naturforschung
als regulatives Prinzip zum Grunde zu legen verlangte, war eben das, was euch
berechtigte, die Idee einer höchsten Intelligenz als ein Schema des regulativen
Prinzips zum Grunde zu legen, und, so viel ihr nun, nach demselben, Zweckmäßigkeit
in der Welt antrefft, so viel habt ihr Bestätigung der Rechtmäßigkeit
eurer Idee; da aber gedachtes Prinzip nichts andres zur Absicht hatte, als notwendige
und größtmögliche Natureinheit zu suchen, so werden wir diese
zwar, so weit als wir sie erreichen, der Idee eines höchsten Wesens zu
danken haben, können aber die allgemeinen Gesetze der Natur, als in Absicht
auf welche die Idee nur zum Grunde gelegt wurde, ohne mit uns selbst in Widerspruch
zu geraten, nicht vorbei gehen, um diese Zweckmäßigkeit
der Natur als zufällig und hyperphysisch ihrem Ursprunge nach anzusehen,
weil wir nicht berechtigt waren, ein Wesen über die Natur von den gedachten
Eigenschaften anzunehmen, sondern nur die Idee desselben zum Grunde zu legen,
um nach der Analogie einer Kausalbestimmung der Erscheinungen als systematisch
unter einander verknüpft anzusehen.
Eben daher sind wir auch berechtigt, die Weltursache in
der Idee nicht allein nach einem subtileren Anthropomorphism (ohne welchen sich
gar nichts von ihm denken lassen würde), nämlich als ein Wesen, das
Verstand, Wohlgefallen und Mißfallen, imgleichen eine demselben gemäße
Begierde und Willen hat etc., zu denken, sondern demselben unendliche Vollkommenheit
beizulegen, die also diejenige weit übersteigt, dazu wir durch empirische
Kenntnis der Weltordnung berechtigt sein können. Denn das regulative
Gesetz der systematischen Einheit will, daß wir die Natur so studieren
sollen, als ob allenthalben ins Unendliche systematische und zweckmäßige
Einheit, bei der größtmöglichen Mannigfaltigkeit, angetroffen
würde. Denn, wiewohl wir nur wenig von dieser Weltvollkommenheit
ausspähen, oder erreichen werden, so gehört es doch zur Gesetzgebung
unserer Vernunft, sie allerwärts zu suchen und zu vermuten, und es muß
uns jederzeit vorteilhaft sein, niemals aber kann es nachteilig werden, nach
diesem Prinzip die Naturbetrachtung anzustellen. Es ist aber, unter dieser Vorstellung,
der zum Grunde gelegten Idee eines höchsten Urhebers, auch klar: daß
ich nicht das Dasein und die Kenntnis eines solchen Wesens, sondern nur die
Idee desselben zum Grunde lege, und also eigentlich nichts von diesem Wesen,
sondern bloß von der Idee desselben, d.i. von der Natur der Dinge der
Welt, nach einer solchen Idee, ableite. Auch scheint ein gewisses, obzwar unentwickeltes
Bewußtsein, des echten Gebrauchs dieses unseren Vernunftbegriffs, die
bescheidene und billige Sprache der Philosophen alle Zeiten veranlaßt
zu haben, da sie von der Weisheit und Vorsorge der Natur, und der göttlichen
Weisheit, als gleichbedeutenden Ausdrücken reden, ja den ersteren
Ausdruck, so lange es um bloß spekulative Vernunft zu tun ist, vorziehen,
weil er die Anmaßung einer größeren Behauptung, als die ist,
wozu wir befugt sind, zurück hält, und zugleich die Vernunft auf ihr
eigentümliches Feld, die Natur, zurück weist.
So enthält die reine Vernunft, die uns anfangs nichts Geringeres, als Erweiterung
der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung, zu versprechen schiene,
wenn wir sie recht verstehen, nichts als regulative Prinzipien, die zwar größere
Einheit gebieten, als der empirische Verstandesgebrauch erreichen kann, aber
eben dadurch, daß sie das Ziel der Annäherung desselben so weit hinaus
rücken, die Zusammenstimmung desselben mit sich selbst durch systematische
Einheit zum höchsten Grade bringen, wenn man sie aber mißversteht,
und sie für konstitutive Prinzipien transzendenter Erkenntnisse hält,
durch einen zwar glänzenden, aber trüglichen Schein, Überredung
und eingebildetes Wissen, hiemit aber ewige Widersprüche und Streitigkeiten
hervorbringen. S.644-649
Aus: Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft , Philosophische
Bibliothek Band 37a, Felix Meiner Verlag, Hamburg
Das
Urwesen
Vermögen
und Beschaffenheit des Urwesens
Das
Wesenseigenschaften des Urwesens sind unerkennbar
Annahme einer
höchsten Vernunft als eine Ursache aller Verknüpfungen in der Welt
Von dem transzendenten Ideal
Vermögen
und Beschaffenheit des Urwesens
Natureinrichtungen, oder deren Veränderung zu erklären,
wenn man da zu Gott,
als dem Urheber aller Dinge,
seine Zuflucht nimmt, ist wenigstens keine physische
Erklärung, und überall ein Geständnis, man sei mit seiner Philosophie
zu Ende; weil man genötigt ist, etwas, wovon man sonst für sich keinen
Begriff hat, anzunehmen, um sich von der Möglichkeit
dessen, was man vor Augen sieht, einen Begriff machen zu können.
Durch Metaphysik
aber von der Kenntnis dieser Welt
zum Begriffe von Gott und dem
Beweise seiner
Existenz durch sichere Schlüsse zu gelangen, ist darum unmöglich, weil wir diese Welt als das vollkommenste
mögliche Ganze, mithin, zu diesem Behuf, alle mögliche Welten (um
sie mit dieser vergleichen zu können) erkennen, mithin allwissend
sein müßten, um zu sagen, daß sie nur durch einen
Gott (wie wir uns diesen Begriff denken
müssen) möglich
war.
Vollends aber die Existenz dieses Wesens aus bloßen Begriffen zu erkennen,
ist schlechterdings unmöglich, weil ein jeder Existentialsatz, d.i. der,
so von einem Wesen,
von dem ich mir einen Begriff mache, sagt, daß es existiere, ein synthetischer
Satz ist, d.i. ein solcher, dadurch ich über jenen Begriff hinausgehe und
mehr von ihm sage, als im Begriffe gedacht war: nämlich daß diesem
Begriffe im Verstande noch ein
Gegenstand außer dem Verstande korrespondierend gesetzt sei, welches offenbar unmöglich ist durch irgend
einen Schluss herauszubringen. Also bleibt nur ein einziges Verfahren für die Vernunft
übrig, zu diesem Erkenntnisse zu gelangen, da sie nämlich, als reine
Vernunft, von
dem obersten Prinzip
ihres reinen praktischen Gebrauchs ausgehend (indem dieser
ohnedem bloß auf die Existenz von Etwas,
als Folge der Vernunft, gerichtet ist), ihr Objekt
bestimmt.
Und da zeigt sich, nicht allein in ihrer unvermeidlichen Aufgabe, nämlich
der notwendigen Richtung des Willens
auf das höchste Gut, die Notwendigkeit,
ein solches Urwesen, in Beziehung auf die Möglichkeit dieses Guten in der Welt, anzunehmen, sondern, was
das Merkwürdigste ist, etwas, was dem Fortgange der Vernunft auf dem Naturwege
ganz mangelte, nämlich ein genau bestimmter
Begriff dieses Urwesens. Da wir diese Welt nur zu einem kleinen Teile kennen, noch weniger sie mit allen
möglichen Welten vergleichen können, so können wir von ihrer
Ordnung, Zweckmäßigkeit und Größe
wohl auf einen weisen, gütigen, mächtigen etc. Urheber derselben schließen, aber nicht
auf seine Allwissenheit, Allgütigkeit, Allmacht,
u.s.w.
Man kann auch gar wohl einräumen: dass man diesen unvermeidlichen
Mangel durch eine erlaubte ganz vernünftige Hypothese zu ergänzen
wohl befugt sei; daß nämlich, wenn in so viel Stücken, als sich
unserer näheren Kenntnis darbieten, Weisheit, Gütigkeit etc. hervorleuchtet,
in allen übrigen es eben so sein werde, und es also vernünftig sei,
dem Welturheber alle mögliche Vollkommenheit beizulegen; aber das sind keine Schlüsse, wodurch wir uns auf unsere Einsicht
etwas dünken, sondern nur Befugnisse, die man uns nachsehen kann, und doch
noch einer anderweitigen Empfehlung bedürfen, um davon Gebrauch zu machen.
Der Begriff von
Gott bleibt also
auf dem empirischen
Wege (der Physik)
immer ein nicht genau bestimmter
Begriff von der Vollkommenheit
des ersten Wesens,
um ihn dem Begriffe einer Gottheit für
angemessen zu halten (mit der Metaphysik
aber in ihrem transzendentalen
Teile ist gar nichts auszurichten).
Ich versuche nun, diesen Begriff an das Objekt der praktischen Vernunft zu halten, und da finde ich, dass der moralische Grundsatz ihn
nur als möglich,
unter Voraussetzung eines Welturhebers von höchster
Vollkommenheit, zulasse. Er muß allwissend sein, um mein Verhalten bis zum Innersten meiner Gesinnung in allen möglichen
Fällen und in alle Zukunft zu erkennen; allmächtig,
um ihm die angemessenen Folgen zu erteilen; eben so allgegenwärtig,
ewig, usw. Mithin
bestimmt das moralische Gesetz durch den Begriff des höchsten
Guts, als Gegenstandes einer reinen praktischen Vernunft, den Begriff des
Urwesens
als höchsten Wesens, welches
der physische (und höher fortgesetzt der metaphysische), mithin der ganze spekulative Gang der Vernunft nicht bewirken konnte. Also ist
der Begriff von Gott ein ursprünglich nicht
zur Physik, d.i. für die spekulative Vernunft,
sondern zur Moral gehöriger Begriff, und eben das kann man auch von den übrigen Vernunftbegriffen
sagen, von denen wir, als Postulaten
derselben in ihrem praktischen Gebrauche, oben gehandelt haben.
Wenn man in der Geschichte
der griechischen Philosophie über den Anaxagoras
hinaus keine deutliche Spuren einer reinen Vernunfttheologie antrifft, so ist
der Grund nicht darin gelegen, daß es den
älteren Philosophen an Verstande und Einsicht fehlte, um durch den Weg
der Spekulation,
wenigstens mit Beihilfe einer ganz vernünftigen Hypothese, sich dahin zu
erheben; was konnte leichter, was natürlicher sein, als der sich von selbst
jedermann darbietende Gedanke, statt unbestimmter Grade der Vollkommenheit verschiedener
Weltursachen, eine einzige vernünftige anzunehmen, die alle
Vollkommenheit hat? Aber die Übel in der Welt schienen
ihnen viel zu wichtige Einwürfe zu sein, um zu einer solchen Hypothese
sich für berechtigt zu halten.
Mithin zeigten sie darin eben Verstand und Einsicht, daß sie sich jene
nicht erlaubten, und vielmehr in den Naturursachen herum suchten, ob sie unter
ihnen nicht die zu Urwesen erfoderliche
Beschaffenheit und Vermögen antreffen möchten. Aber nachdem dieses
scharfsinnige Volk so weit in Nachforschungen fortgerückt war, selbst sittliche
Gegenstände, darüber andere Völker niemals mehr als geschwatzt
haben, philosophisch zu behandeln: da fanden sie allererst ein neues Bedürfnis,
nämlich ein praktisches, welches nicht ermangelte, ihnen den Begriff
des Urwesens bestimmt anzugeben, wobei die spekulative Vernunft
das Zusehen hatte, höchstens noch das Verdienst, einen Begriff, der nicht
auf ihrem Boden erwachsen war, auszuschmücken, und mit einem Gefolge von
Bestätigungen aus der Naturbetrachtung, die nun allererst hervortraten,
wohl nicht das Ansehen desselben (ewlches schon gegründet
war), sondern vielmehr nur das Gepränge
mit vermeinter theoretischer Vernunfteinsicht zu befördern.
S.159-161
Aus: Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft,
Felix Meiner Verlag, Hamburg
Das
Wesenseigenschaften des Urwesens sind unerkennbar
Das Urwesen, als das höchste
Wesen (realissimum) kann
entweder als ein solches gedacht werden, dass es alle Realität
als Bestimmung
in sich enthalte. -
Dies ist für uns nicht wirklich, denn wir kennen nicht
alle Realität rein, wenigstens können wir nicht einsehen, dass
sie bei ihrer großen Verschiedenheit allein in einem Wesen angetroffen
werden könne. Wir werden also annehmen, dass es
ens realissimum als Grund sei, und dadurch kann es als Wesen, was uns gänzlich, nach dem, was es
enthält, unerkennbar ist,
vorgestellt werden. S.673
Aus: Immanuel Kant: Schriften zur Metaphysik und Logik
2, - Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnizens
und Wolf's Zeiten in Deutschland gemacht hat SuhrkampTaschenbuch Wissenschaft
stw 189
Annahme
einer höchsten Vernunft als eine Ursache aller Verknüpfungen in der
Welt
Die Einwürfe des Hume wider den Deismus sind schwach, und treffen niemals etwas mehr als die Beweistümer, niemals
aber den Satz der deistischen Behauptung selbst. Aber in Ansehung des Theismus,
der durch eine nähere Bestimmung unseres dort bloß transzendenten
Begriffs vom höchsten
Wesen zu Stande kommen soll, sind sie sehr stark, und, nachdem
man diesen Begriff einrichtet, in gewissen (in der Tat,
allen gewöhnlichen) Fällen unwiderleglich.
Hume hält sich immer daran: dass durch den bloßen
Begriff eines Urwesens, dem wir
keine andere als ontologische
Prädikate
(Ewigkeit, Allgegenwart,
Allmacht) beilegen, wir wirklich
gar nichts Bestimmtes denken, sondern es müßten Eigenschaften hinzukommen, die einen Begriff in concreto abgeben können: es sei nicht
genug, zu sagen: er sei Ursache,
sondern wie seine Kausalität
beschaffen sei, etwa durch Verstand
und Willen; und
da fangen seine Angriffe der Sache selbst, nämlich des Theismus an, da er vorher nur die Beweisgründe des Deismus gestürmt hatte, welches keine sonderliche Gefahr nach sich zieht. Seine
gefährlichen Argumente beziehen sich insgesamt auf den Anthropomorphismus,
von dem er davor hält, er sei von dem Theismus unabtrennlich, und mache ihn in sich selbst widersprechend, ließe man
ihn aber weg, so fiele dieser hiemit auch, und es bliebe nichts
als ein Deismus übrig, aus
dem man nichts machen, der uns zu nichts nützen und zu gar keinen Fundamenten der Religion
und Sitten dienen
kann.
Wenn diese Unvermeidlichkeit des Anthropomorphismus gewiss wäre, so möchten die Beweise
vom Dasein eines
höchsten Wesens sein, welche
sie wollen, und alle eingeräumt werden, der Begriff von diesem Wesen würde
doch niemals von uns bestimmt
werden können, ohne uns in Widersprüche
zu verwickeln.
Wenn wir mit dem Verbot, alle transzendente Urteile
der reinen Vernunft zu vermeiden, das damit, dem Anschein nach, streitende Gebot, bis zu Begriffen,
die außerhalb dem Felde des immanenten (empirischen
Gebrauchs) liegen, hinauszugehen, verknüpfen, so werden wir inne,
daß beide zusammen bestehen können, aber nur gerade auf der Grenze alles erlaubten Vernunftgebrauchs; denn diese gehöret eben so wohl zum
Felde der Erfahrung,
als dem der Gedankenwesen, und wir werden dadurch zugleich belehrt, wie jene
so merkwürdige Ideen lediglich zur Grenzbestimmung der menschlichen Vernunft
dienen, nämlich, einerseits Erfahrungserkenntnis nicht unbegrenzt auszudehnen,
so daß gar nichts mehr als bloß Welt von uns zu erkennen übrig bliebe, und andererseits dennoch nicht über
die Grenze der Erfahrung hinauszugehen, und von Dingen außerhalb derselben,
als Dingen an sich
selbst, urteilen zu wollen.
Wir halten uns aber auf dieser Grenze, wenn wir unser Urteil bloß auf das Verhältnis einschränken, welches die Welt
zu einem Wesen haben
mag, dessen Begriff selbst außer aller Erkenntnis liegt, deren wir innerhalb der Welt fähig sein. Denn alsdenn eignen wir
dem höchsten Wesen keine
von den Eigenschaften
an sich selbst zu, durch die wir uns Gegenstände der Erfahrung
denken, und vermeiden dadurch den dogmatischen Anthropomorphismus,
wir legen sie aber dennoch dem Verhältnisse desselben zur
Welt bei, und erlauben uns einen symbolischen
Anthropomorphismus, der in der
Tat nur die Sprache
und nicht das Objekt
selbst angeht.
Wenn ich sage, wir sind genötigt, die Welt so
anzusehen, als ob sie das Werk eines höchsten
Verstandes und Willens sei, so sage ich wirklich nichts mehr,
als: wie sich verhält eine Uhr, ein Schiff, ein Regiment, zum Künstler,
Baumeister, Befehlshaber, so die Sinnenwelt (oder alles
das, was die Grundlage dieses Inbegriffs von Erscheinungen ausmacht) zu
dem Unbekannten, das ich also hiedurch zwar nicht nach dem, was es an sich selbst
ist, aber doch nach dem, was es vor mich ist, nämlich in Ansehung der Welt,
davon ich ein Teil bin, erkenne. §. 58 Eine solche
Erkenntnis ist die nach der Analogie,
welche nicht etwa, wie man das Wort gemeiniglich
nimmt, eine unvollkommene Ähnlichkeit
zweier Dinge, sondern
eine vollkommne Ähnlichkeit zweier Verhältnisse
zwischen ganz unähnlichen Dingen bedeutet.*
*So ist eine Analogie zwischen dem
rechtlichen Verhältnisse menschlicher Handlungen, und dem mechanischen
Verhältnisse der bewegenden Kräfte: ich kann gegen einen andern niemals
etwas tun, ohne ihm ein Recht zu geben, unter den nämlichen Bedingungen
eben dasselbe gegen mich zu tun; eben so wie kein Körper auf einen andern
mit seiner bewegenden Kraft wirken kann, ohne dadurch zu verursachen, daß
der andre ihm eben so viel entgegen wirke. Hier sind Recht und bewegende Kraft
ganz unähnliche Dinge, aber in ihrem Verhältnisse ist doch völlige
Ähnlichkeit. Vermittelst einer solchen Analogie kann ich daher einen Verhältnisbegriff
von Dingen, die mir absolut unbekannt sind, geben. Z.B. wie sich verhält
die Beförderung des Glücks der Kinder = a zu
der Liebe der Eltern = b, so die Wohlfahrt des menschlichen Geschlechts = c
zu dem Unbekannten in Gott = x, welches wir Liebe
nennen; nicht als wenn es die mindeste Ähnlichkeit mit irgend einer menschlichen
Neigung hätte, sondern, weil wir das Verhältnis derselben zur Welt
demjenigen ähnlich setzen können, was Dinge der Welt unter einander
haben. Der Verhältnisbegriff aber ist hier eine bloße Kategorie,
nämlich der Begriff der Ursache, der nichts mit Sinnlichkeit zu tun hat.
Vermittelst dieser Analogie bleibt
doch ein vor uns hinlänglich bestimmter Begriff von dem höchsten
Wesen übrig, ob wir gleich alles weggelassen haben, was
ihn schlechthin und an sich selbst bestimmen könnte; denn wir bestimmen
ihn doch respektiv auf die Welt und mithin auf
uns, und mehr ist uns auch nicht nötig. Die Angriffe, welche Hume
auf diejenigen tut, welche diesen Begriff absolut bestimmen wollen, indem sie die Materialien dazu von sich selbst und der Welt
entlehnen, treffen uns nicht; auch kann er uns nicht vorwerfen, es bleibe uns
gar nichts übrig, wenn man uns den objektiven Anthropomorphismus
von dem Begriffe des höchsten Wesens wegnähme.
Denn wenn man uns nur anfangs (wie es auch Hume
in der Person des Philo gegen den Kleanthes
in seinen Dialogen tut), als eine notwendige Hypothese,
den deistischen Begriff des
Urwesens einräumt, in welchem man sich das Urwesen
durch lauter ontologische Prädikate, der
Substanz, Ursache
etc. denkt (welches man tun muss, weil
die Vernunft, in der Sinnenwelt durch lauter Bedingungen,
die immer wiederum bedingt sind, getrieben, ohne das gar keine Befriedigung
haben kann, und welches man auch füglich tun kann, ohne
in den Anthropomorphismus zu geraten, der Prädikate aus der Sinnenwelt auf ein von der Welt ganz unterschiedenes Wesen überträgt,
indem jene Prädikate bloße Kategorien sind, die zwar keinen bestimmten,
aber auch eben dadurch keinen auf Bedingungen der Sinnlichkeit eingeschränkten
Begriff desselben geben): so kann uns nichts hindern, von diesem Wesen
eine Kausalität durch Vernunft in Ansehung der Welt zu prädizieren, und so zum Theismus überzuschreiten, ohne eilen genötigt zu sein, ihm diese Vernunft an
ihm selbst, als eine ihm anklebende Eigenschaft, beizulegen.
Denn, was das erste betrifft,
so ist es der einzige mögliche Weg, den Gebrauch der Vernunft, in Ansehung
aller möglichen Erfahrung, in der Sinnenwelt durchgängig mit sich
einstimmig auf den höchsten Grad
zu treiben, wenn man selbst wiederum eine höchste
Vernunft als eine Ursache aller Verknüpfungen in der Welt annimmt: ein solches Prinzip muß ihr durchgängig vorteilhaft sein, kann
ihr aber nirgend in ihrem Naturgebrauche schaden.
Zweitens aber wird dadurch doch die Vernunft nicht
als Eigenschaft auf das Urwesen an
sich selbst übertragen, sondern nur auf das
Verhältnis desselben zur Sinnenwelt und also der Anthropomorphismus gänzlich vermieden. Denn hier wird nur die Ursache der Vernunftform betrachtet,
die in der Welt allenthalben angetroffen wird, und dem höchsten
Wesen, so fern es den Grund dieser Vernunftform der Welt enthält, zwar Vernunft beigelegt, aber nur
nach der Analogie, d.i. so fern
dieser Ausdruck nur das Verhältnis anzeigt, was die uns unbekannte oberste
Ursache zur Welt hat, um darin alles im höchsten Grade
vernunftmäßig zu bestimmen. Dadurch wird nun verhütet, daß
wir uns der Eigenschaft der Vernunft nicht bedienen, um Gott, sondern um die
Welt vermittelst derselben so zu denken, als es notwendig ist, um den größtmöglichen
Vernunftgebrauch in Ansehung dieser nach einem Prinzip zu haben.
Wir gestehen dadurch: daß uns das höchste
Wesen nach demjenigen, was es an sich selbst sei, gänzlich
unerforschlich und auf bestimmte Weise
so gar undenkbar sei, und werden dadurch abgehalten, nach unseren Begriffen,
die wir von der Vernunft als einer wirkenden Ursache (vermittelst
des Willens) haben, keinen transzendenten
Gebrauch zu machen, um die göttliche
Natur durch Eigenschaften, die
doch immer nur von der menschlichen Natur entlehnt
sind, zu bestimmen und uns in grobe oder schwärmerische Begriffe zu verlieren,
anderer Seits aber auch nicht die Weltbetrachtung, nach unseren auf Gott übertragenden
Begriffen von der menschlichen Vernunft, mit hyperphysischen Erklärungsarten zu überschwemmen und von ihrer eigentlichen Bestimmung
abzubringen, nach der sie ein Studium der bloßen Natur durch die Vernunft
und nicht eine vermessene Ableitung ihrer Erscheinungen
von einer höchsten Vernunft sein
soll. Der unseren schwachen Begriffen angemessene Ausdruck wird sein: dass wir uns die Welt so denken, als ob sie von einer höchsten
Vernunft ihrem Dasein
und inneren Bestimmung nach abstamme, wodurch wir teils die Beschaffenheit, die ihr, der Welt, selbst
zukommt, erkennen, ohne uns doch anzumaßen, die ihrer Ursache an sich
selbst bestimmen zu wollen, teils anderer Seits in das Verhältnis der
obersten Ursache zur Welt den Grund dieser Beschaffenheit
(der Vernunftform in der Welt) legen, ohne die Welt dazu vor sich selbst
zureichend zu finden.*
*Ich werde sagen: die Kausalität
der obersten Ursache ist dasjenige in Ansehung der Welt, was menschliche Vernunft
in Ansehung ihrer Kunstwerke ist. Dabei bleibt mir die Natur der obersten Ursache
selbst unbekannt: ich vergleiche nur ihre mir bekannte Wirkung (die
Weltordnung) und deren Vernunftmäßigkeit mit den mir bekannten
Wirkungen menschlicher Vernunft, und nenne daher jene eine Vernunft, ohne darum
eben dasselbe, was ich am Menschen unter diesem Ausdruck verstehe, oder sonst
etwas mir Bekanntes ihr als ihre Eigenschaft beizulegen.
Auf solche Weise verschwinden die Schwierigkeiten, die dem Theismus zu widerstehen scheinen, dadurch: daß man mit dem Grundsatze
des Hume, den Gebrauch der Vernunft
nicht über das Feld aller möglichen Erfahrung dogmatisch hinaus zu
treiben, einen anderen Grundsatz verbindet, den Hume gänzlich
übersah, nämlich: das Feld möglicher Erfahrung nicht vor dasjenige,
was in den Augen unserer Vernunft sich selbst begrenzte, anzusehen. Kritik
der Vernunft bezeichnet hier den wahren Mittelweg zwischen dem Dogmatismus,
den Hume bekämpfte, und dem Skeptizismus,
den er dagegen einführen wollte, einen Mittelweg, der nicht, wie andere
Mittelwege, die man gleichsam mechanisch (etwas von einem,
und etwas von dem andern) sich selbst zu bestimmen anrät, und wodurch
kein Mensch eines Besseren belehrt wird, sondern einen solchen, den man nach Prinzipien genau
bestimmen kann. S. 122-128
Aus: Immanuel
Kant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik §. 58, Felix
Meiner Verlag, Hamburg (PhB Bd.
40)
Des dritten Hauptstücks
zweiter Abschnitt
Von
dem transzendentalen Ideal
(prototypon transscendentale)
Ein jeder Begriff
ist in Ansehung dessen, was in ihm selbst nicht
enthalten ist, unbestimmt, und steht unter dem Grundsatze der Bestimmbarkeit:
daß nur eines, von jeden zweien
einander kontradiktorisch-entgegengesetzten
Prädikaten,
ihm zukommen könne, welcher auf dem Satze
des Widerspruchs beruht, und daher ein bloß logisches
Prinzip ist, das
von allem Inhalte
der Erkenntnis
abstrahiert,
und nichts, als die logische Form
derselben vor Augen hat.
Ein jedes Ding
aber, seiner Möglichkeit nach, steht noch unter dem Grundsatze
der durchgängigen Bestimmung,
nach welchem ihm von allen möglichen
Prädikaten der Dinge, so
fern sie mit ihren Gegenteilen verglichen werden, eines zukommen muß.
Dieses beruht nicht bloß auf dem Satze des Widerspruchs; denn es betrachtet,
außer dem Verhältnis zweier einander widerstreitenden Prädikate,
jedes Ding noch im Verhältnis auf die gesamte
Möglichkeit, als den Inbegriff aller Prädikate der
Dinge überhaupt, und, indem es solche als Bedingung
a priori voraussetzt,
so stellt es ein jedes Ding so vor, wie es von dem Anteil, den es an jener gesamten
Möglichkeit hat, seine eigene Möglichkeit ableite.*
*Es wird also durch diesen Grundsatz
jedes Ding auf ein gemeinschaftliches Correlatum, nämlich die gesamte Möglichkeit,
bezogen, welche, wenn sie (d.i. der Stoff zu allen möglichen
Prädikaten) in der Idee eines einzigen Dinges angetroffen würde,
eine Affinität alles Möglichen durch die Identität des Grundes
der durchgängigen Bestimmung desselben beweisen würde. Die Bestimmbarkeit
eines jeden Begriffs
ist der Allgemeinheit (universalitas)
des Grundsatzes der Ausschließung eines Mittleren zwischen zweien entgegengesetzten
Prädikaten, die Bestimmung aber eines Dinges der Allheit
(universitas) der dem Inbegriffe
aller möglichen Prädikate untergeordnet.
Das Principium der durchgängigen Bestimmung betrifft also den Inhalt und
nicht bloß die logische Form. Es ist der Grundsatz der Synthesis
aller Prädikate, die den vollständigen Begriff von einem Dinge machen
sollen, und nicht bloß der analytischen Vorstellung, durch eines zweier
entgegengesetzten Prädikate, und enthält eine transzendentale
Voraussetzung, nämlich die der Materie zu aller Möglichkeit, welche
a priori die Data zur besonderen Möglichkeit jedes Dinges enthalten soll.
Der Satz: alles Existierende ist durchgängig
bestimmt, bedeutet nicht allein, daß von jedem Paare einander
entgegengesetzter gegebenen,
sondern auch von allen möglichen Prädikaten
ihm immer eines zukomme; es werden durch diesen Satz nicht bloß Prädikate
unter einander logisch, sondern das Ding selbst, mit dem Inbegriffe aller möglichen
Prädikate, transzendental verglichen. Er will so viel sagen, als: um ein
Ding vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erkennen,
und es dadurch, es sei bejahend oder verneinend, bestimmen. Die durchgängige
Bestimmung ist folglich ein Begriff, den wir niemals in concreto seiner Totalität
nach darstellen können, und gründet sich also auf einer Idee,
welche lediglich in der Vernunft ihren Sitz hat, die dem Verstande
die Regel seines vollständigen Gebrauchs vorschreibt.
Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller
Möglichkeit, so fern er als Bedingung der durchgängigen
Bestimmung eines jeden Dinges zum Grunde liegt, in Ansehung der Prädikate,
die denselben ausmachen mögen, selbst noch unbestimmt ist, und wir dadurch
nichts weiter als einen Inbegriff aller möglichen Prädikate überhaupt
denken, so finden wir doch bei näherer Untersuchung, daß diese Idee,
als Urbegriff, eine Menge von Prädikaten ausstoße, die als abgeleitet
durch andere schon gegeben sind, oder neben einander nicht stehen können,
und daß sie sich bis zu einem durchgängig a priori bestimmten Begriffe
läutere, und dadurch der Begriff von einem einzelnen Gegenstande werde,
der durch die bloße Idee durchgängig bestimmt ist, mithin ein Ideal
der reinen Vernunft
genannt werden muß.
Wenn wir alle mögliche Prädikate nicht bloß logisch, sondern
transzendental, d.i. nach ihrem Inhalte, der an ihnen a priori gedacht werden
kann, erwägen, so finden wir, daß durch einige derselben ein Sein,
durch andere ein bloßes Nichtsein vorgestellet wird. Die logische Verneinung,
die lediglich durch das Wörtchen: Nicht, angezeigt wird, hängt eigentlich
niemals einem Begriffe, sondern nur dem Verhältnisse desselben zu einem
andern im Urteile an, und kann also dazu bei weitem nicht hinreichend sein,
einen Begriff in Ansehung seines Inhalts zu bezeichnen. Der Ausdruck: Nichtsterblich,
kann gar nicht zu erkennen geben, daß dadurch ein bloßes Nichtsein
am Gegenstande vorgestellet werde, sondern läßt allen Inhalt unberührt.
Eine transzendentale Verneinung bedeutet dagegen das Nichtsein an sich selbst,
dem die transzendentale Bejahung entgegengesetzt wird, welche ein Etwas
ist, dessen Begriff an sich selbst schon ein Sein
ausdrückt, und daher Realität
(Sachheit) genannt wird, weil durch sie allein,
und so weit sie reichet, Gegenstände Etwas (Dinge)
sind, die entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet,
und, wo diese allein gedacht wird, die Aufhebung alles Dinges vorgestellt wird.
Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken, ohne daß er die
entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe. Der Blindgeborne kann sich
nicht die mindeste Vorstellung von Finsternis machen, weil er keine vom Lichte
hat, der Wilde nicht von der Armut, weil er den Wohlstand nicht kennt.**
**Die Beobachtungen und Berechnungen
der Sternkundiger haben uns viel Bewundernswürdiges gelehrt, aber das Wichtigste
ist wohl, daß sie uns den Abgrund der Unwissenheit
aufgedeckt haben, den die menschliche Vernunft, ohne diese Kenntnisse,
sich niemals so groß hätte vorstellen können, und worüber
das Nachdenken eine große Veränderung in der Bestimmung der Endabsichten
unseres Vernunftgebrauchs hervorbringen muß.
Der Unwissende hat keinen Begriff von seiner Unwissenheit, weil er keinen von
der Wissenschaft hat, u.s.w. Es sind also auch alle Begriffe der Negationen
abgeleitet, und die Realitäten enthalten die Data und so zu sagen die Materie,
oder den transzendentalen Inhalt, zu der Möglichkeit und durchgängigen
Bestimmung aller Dinge.
Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Vernunft ein transzendentales
Substratum zum Grunde gelegt wird, welches gleichsam den ganzen Vorrat des Stoffes,
daher alle mögliche Prädikate der Dinge genommen werden können,
enthält, so ist dieses Substratum nichts anders, als die Idee von einem
All der Realität (omnitudo realitatis).
Alle wahre Verneinungen sind alsdenn nichts als Schranken,
welches sie nicht genannt werden könnten, wenn nicht das Unbeschränkte
(das All) zum Grunde läge.
Es ist aber auch durch diesen Allbesitz der Realität der Begriff eines
Dinges an sich selbst, als durchgängig
bestimmt, vorgestellt, und der Begriff eines entis realissimi ist der Begriff
eines einzelnen Wesens, weil von allen möglichen entgegengesetzten Prädikaten
eines, nämlich das, was zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung
angetroffen wird. Also ist es ein transzendentales Ideal,
welches der durchgängigen Bestimmung, die notwendig bei allem, was existiert,
angetroffen wird, zum Grunde liegt, und die oberste und vollständige materiale
Bedingung seiner Möglichkeit ausmacht, auf welcher alles Denken der Gegenstände
überhaupt ihrem Inhalte nach zurückgeführt werden muss.
Es ist aber auch das einzige eigentliche Ideal, dessen die menschliche Vernunft
fähig ist; weil nur in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff
von einem Dinge durch sich selbst durchgängig bestimmt, und als die Vorstellung
von einem Individuum erkannt wird.
Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht auf einem disjunktiven
Vernunftschlusse, in welchem der Obersatz eine logische Einteilung (die
Teilung der Sphäre eines allgemeinen Begriffs) enthält, der
Untersatz diese Sphäre bis auf einen Teil einschränkt und der Schlußsatz
den Begriff durch diesen bestimmt. Der allgemeine Begriff einer Realität
überhaupt kann a priori nicht eingeteilt werden, weil man ohne Erfahrung
keine bestimmte Arten von Realität kennt, die unter jener Gattung enthalten
wären. Also ist der transzendentale Obersatz der durchgängigen Bestimmung
aller Dinge nichts anders, als die Vorstellung des Inbegriffs aller Realität,
nicht bloß ein Begriff, der alle Prädikate ihrem transzendentalen
Inhalte nach unter sich, sondern
der sie in sich begreift, und
die durchgängige Bestimmung eines jeden Dinges beruht auf der Einschränkung
dieses All der Realität, indem einiges derselben dem Dinge beigelegt, das
übrige aber ausgeschlossen wird, welches mit dem Entweder
und Oder des disjunktiven
Obersatzes und der Bestimmung des Gegenstandes, durch eins der Glieder dieser
Teilung im Untersatze, übereinkommt. Demnach ist der Gebrauch der Vernunft,
durch den sie das transzendentale Ideal zum Grunde ihrer Bestimmung aller möglichen
Dinge legt, demjenigen analogisch,
nach welchem sie in disjunktiven Vernunftschlüssen verfährt; welches
der Satz war, den ich oben zum Grunde der systematischen
Einteilung
aller transzendentalen Ideen legte, nach welchem sie den drei Arten von Vernunftschlüssen
parallel und korrespondierend erzeugt werden.
Es versteht sich von selbst, daß die Vernunft zu dieser ihrer Absicht,
nämlich sich lediglich die notwendige durchgängige Bestimmung der
Dinge vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem Ideale
gemäß ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von einer
unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, d.i.
die des Eingeschränkten abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das Urbild
(prototypon) aller Dinge, welche insgesamt, als mangelhafte Kopien
(ectypa), den Stoff zu ihrer Möglichkeit
daher nehmen, und, indem sie demselben mehr oder weniger nahe kommen, dennoch
jederzeit unendlich weit daran fehlen, es zu erreichen.
So wird denn alle Möglichkeit der Dinge (der Synthesis
des Mannigfaltigen ihrem Inhalte nach) als abgeleitet und nur allein
die desjenigen, was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich
angesehen. Denn alle Verneinungen (welche doch die einzigen
Prädikate sind, wodurch sich alles andere vom realesten Wesen unterscheiden
läßt) sind bloße Einschränkungen einer größeren
und endlich der höchsten Realität, mithin setzen sie diese voraus,
und sind dem Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet. Alle Mannigfaltigkeit
der Dinge ist nur eine eben so vielfältige Art, den Begriff der höchsten
Realität, der ihr gemeinschaftliches Substratum ist, einzuschränken,
so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den unendlichen Raum einzuschränken,
möglich sind. Daher wird der bloß in der Vernunft befindliche Gegenstand
ihres Ideals auch das Urwesen
(ens originarium), so fern es keines über
sich hat, das höchste Wesen
(ens summum), und, so fern alles, als
bedingt, unter ihm steht, das Wesen aller Wesen
(ens entium) genannt. Alles dieses aber
bedeutet nicht das objektive Verhältnis eines wirklichen Gegenstandes zu
andern Dingen, sondern der Idee zu Begriffen,
und läßt uns wegen der Existenz eines Wesens von so ausnehmendem
Vorzuge in völliger Unwissenheit.
Weil man auch nicht sagen kann, daee ein
Urwesen aus viel abgeleiteten Wesen bestehe, indem ein jedes
derselben jenes voraussetzt, mithin es nicht ausmachen kann, so wird das Ideal
des Urwesens auch als einfach gedacht werden müssen.
Die Ableitung aller anderen Möglichkeit von diesem Urwesen
wird daher, genau zu reden, auch nicht
als eine Einschränkung
seiner höchsten Realität und gleichsam als eine Teilung
derselben angesehen werden können; denn alsdenn würde
das Urwesen als ein bloßes
Aggregat von abgeleiteten Wesen angesehen werden, welches nach dem Vorigen unmöglich
ist, ob wir es gleich anfänglich im ersten rohen Schattenrisse so vorstelleten.
Vielmehr würde der Möglichkeit aller Dinge die höchste Realität
als ein Grund und nichts als Inbegriff
zum Grunde liegen, und die Mannigfaltigkeit der ersteren nicht
auf der Einschränkung des Urwesens selbst, sondern seiner vollständigen
Folge beruhen, zu welcher denn auch unsere ganze Sinnlichkeit, samt aller Realität
in der Erscheinung, gehören würde, die zu der Idee des höchsten
Wesens, als ein Ingrediens, nicht gehören kann.
Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasieren,
so ferner nachgehen, so werden wir das Urwesen
durch den bloßen Begriff der höchsten Realität
als ein einiges, einfaches, allgenugsames, ewiges etc., mit einem Worte, es
in seiner unbedingten Vollständigkeit durch alle Prädikamente bestimmen
können. Der Begriff eines solchen Wesens ist der von Gott,
in transzendentalem Verstande gedacht, und so ist das Ideal der reinen Vernunft
der Gegenstand einer transzendentalen Theologie,
so wie ich es auch oben angeführt habe.
Indessen würde dieser Gebrauch der transzendentalen Idee doch schon die
Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten. Denn die
Vernunft legte sie nur, als den Begriff
von aller Realität, der durchgängigen Bestimmung der Dinge überhaupt
zum Grunde, ohne zu verlangen, daß alle diese Realität objektiv gegeben
sei und selbst ein Ding ausmache. Dieses letztere ist eine bloße Erdichtung,
durch welche wir das Mannigfaltige unserer Idee in einem Ideale, als einem besonderen
Wesen, zusammenfassen und realisieren, wozu wir keine Befugnis haben, so gar
nicht einmal, die Möglichkeit einer solchen Hypothese
geradezu anzunehmen, wie denn auch alle Folgerungen, die aus einem solchen Ideale
abfließen, die durchgängige Bestimmung der Dinge überhaupt,
als zu deren Behuf die Idee allein nötig war, nichts angehen, und darauf
nicht den mindesten Einfluß haben.
Es ist nicht genug, das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dialektik
zu beschreiben, man muß auch die Quellen derselben zu entdecken suchen,
um diesen Schein
selbst, wie ein Phänomen
des Verstandes, erklären zu können; denn das Ideal, wovon wir reden,
ist auf einer natürlichen und nicht bloß willkürlichen Idee
gegründet. Daher frage ich: wie kommt die Vernunft dazu, alle Möglichkeit
der Dinge als abgeleitet
von einer einzigen, die zum Grunde liegt, nämlich der der höchsten
Realität, anzusehen, und diese sodann, als in einem besonderen Urwesen
enthalten, vorauszusetzen ?
Die Antwort bietet sich aus den Verhandlungen der transzendentalen
Analytik von
selbst dar. Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne ist ein Verhältnis
derselben zu unserm Denken, worin etwas (nämlich
die empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige aber, was
die Materie ausmacht,
die Realität in der Erscheinung
(was der Empfindung
entspricht), gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht
und mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellet werden könnte. Nun
kann ein Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden, wenn er
mit allen Prädikaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe bejahend
oder verneinend vorgestellet wird. Weil aber darin dasjenige, was das Ding selbst
(in der Erscheinung) ausmacht, nämlich das
Reale, gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht werden
könnte; dasjenige aber, worin das Reale aller Erscheinungen gegeben ist,
die einige allbefassende Erfahrung ist: so muss die Materie zur Möglichkeit
aller Gegenstände der Sinne, als in einem Inbegriffe gegeben, vorausgesetzt
werden, auf dessen Einschränkung allein alle Möglichkeit empirischer
Gegenstände, ihr Unterschied von einander und ihre durchgängige Bestimmung,
beruhen kann. Nun können uns in der Tat keine andere Gegenstände,
als die der Sinne, und nirgend, als in dem Kontext einer möglichen Erfahrung
gegeben werden, folglich ist nichts für uns
ein Gegenstand, wenn es nicht den Inbegriff aller empirischen Realität
als Bedingung seiner Möglichkeit voraussetzt. Nach einer natürlichen
Illusion sehen
wir nun das für einen Grundsatz an, der von allen Dingen überhaupt
gelten müsse, welcher eigentlich nur von denen gilt, die als Gegenstände
unserer Sinne gegeben werden. Folglich werden wir das empirische Prinzip unserer
Begriffe der Möglichkeit der Dinge, als Erscheinungen, durch Weglassung
dieser Einschränkung, für ein transzendentales Prinzip der Möglichkeit
der Dinge überhaupt halten.
Daß wir aber hernach diese Idee vom Inbegriffe aller Realität hypostasieren,
kommt daher: weil wir die distributive
Einheit des Erfahrungsgebrauchs des Verstandes in die kollektive
Einheit eines Erfahrungsganzen dialektisch verwandeln, und an diesem Ganzen
der Erscheinung uns ein einzelnes Ding denken, was alle empirische Realität
in sich enthält, welches denn, vermittelst der schon gedachten transzendentalen
Subreption [Erschleichung],
mit dem Begriffe eines Dinges verwechselt wird, was an der Spitze der Möglichkeit
aller Dinge steht, zu deren durchgängiger Bestimmung es die realen Bedingungen
hergibt.***
***Dieses Ideal des allerrealesten
Wesens wird also, ob es zwar eine bloße Vorstellung ist, zuerst realisiert,
d.i. zum Objekt gemacht, darauf hypostasiert,
endlich, durch einen natürlichen Fortschritt der Vernunft zur Vollendung
der Einheit, so gar personifiziert,
wie wir bald anführen werden; weil die regulative Einheit der Erfahrung
nicht auf den Erscheinungen selbst (der Sinnlichkeit allein),
sondern auf der Verknüpfung ihres Mannigfaltigen durch den Verstand
(in einer Apperzeption)
beruht, mithin die Einheit der höchsten Realität und die durchgängige
Bestimmbarkeit (Möglichkeit) aller Dinge in
einem höchsten Verstande, mithin in einer Intelligenz zu liegen scheint.
S. 551-560
Aus: Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. Philosophische
Bibliothek Band 37a, Felix Meiner Verlag, Hamburg
Analyse
der Gottesbeweise
Von
den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines höchsten
Wesens zu schließen
Es sind
nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus spekulativer Vernunft möglich.
Von
der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes
Von
der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes
Der wahre
Abgund für die menschliche Vernunft
Entdeckung
und Erklärung des dialektischen Scheins
in allen transzendentalen Beweisen vom Dasein eines notwendigen
Wesens
Von
der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises
Kritik
aller Theologie aus spekulativen Prinzipen der Vernunft
Des dritten Hauptstücks Dritter Abschnitt
Von
den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, auf das Dasein eines höchsten
Wesens zu schließen
Ungeachtet dieser dringenden Bedürfnis der Vernunft, etwas vorauszusetzen,
was dem Verstande zu der durchgängigen Bestimmung seiner Begriffe vollständig
zum Grunde liegen könne, so bemerkt sie doch das Idealische und bloß
Gedichtete einer solchenVoraussetzung viel zu leicht, als daß sie dadurch
allein überredet werden sollte, ein bloßes Selbstgeschöpf ihres
Denkens sofort für ein wirkliches Wesen anzunehmen, wenn sie nicht wodurch
anders gedrungen würde, irgendwo ihren Ruhestand, in dem Regressus vom
Bedingten, das gegeben ist, zum Unbedingten, zu suchen, das zwar an sich und
seinem bloßen Begriff nach nicht als wirklich gegeben ist, welches aber
allein die Reihe der zu ihren Gründen hinausgeführten Bedingungen
vollenden kann. Dieses ist nun der natürliche Gang, den jede menschliche
Vernunft, selbst die gemeineste, nimmt, obgleich nicht eine jede in demselben
aushält. Sie fängt nicht von Begriffen, sondern von der gemeinen Erfahrung
an, und legt also etwas Existierendes zum Grunde. Dieser Boden aber sinkt, wenn
er nicht auf dem unbeweglichen Felsen des Absolutnotwendigen ruhet. Dieser selber
aber schwebt ohne Stütze, wenn noch außer und unter ihm leerer Raum
ist, und er nicht selbst alles erfüllet und dadurch keinen Platz zum Warum
mehr übrig läßt, d.i. der Realität nach unendlich ist.
Wenn etwas,
was es auch sei, existiert, so muß auch eingeräumt werden, daß
irgend etwas n o
t w e n d i g e r w e i s e existiere.
Denn das Zufällige existiert nur unter der Bedingung eines anderen, als
seiner Ursache, und von dieser gilt der Schluß fernerhin, bis zu einer
Ursache, die nicht zufällig und eben darum
ohne Bedingung notwendigerweise da ist. Das ist das Argument, worauf die Vernunft
ihren Fortschritt zum Urwesen gründet.
Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um, das sich zu einem
solchen Vorzuge der Existenz, als die unbedingte Notwendigkeit, schicke, nicht
so wohl, um alsdenn von dem Begriffe desselben a priori auf sein Dasein zu schließen
(denn, getrauete sie sich dieses, so dürfte sie überhaupt nur unter
bloßen Begriffen forschen, und hätte nicht nötig,ein gegebenes
Dasein zum Grunde zu legen), sondern nur, um unter allen Begriffen möglicher
Dinge denjenigen zu finden, der nichts der absoluten Notwendigkeit Widerstreitendes
in sich hat. Denn, daß doch irgend etwas schlechthin notwendig existieren
müsse, hält sie nach dem ersteren Schlusse schon für ausgemacht.
Wenn sie nun alles wegschaffen kann, was sich mit dieser Notwendigkeit nicht
verträgt, außer einem: so ist dieses das schlechthinnotwendige
Wesen, man mag nun die Notwendigkeit desselben begreifen, d.i. aus seinem
Begriffe allein ableiten können, oder nicht.
Nun scheint dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum in sich enthält,
das in keinem Stücke und in keiner Absicht defekt ist, welches allerwärts
als Bedingung hinreicht, eben darum das zur absoluten Notwendigkeit schickliche
Wesen zu sein, weil es, bei dem Selbstbesitz aller Bedingungen zu allem Möglichen,
selbst keiner Bedingung bedarf, ja derselben nicht einmal fähig ist, folglich,
wenigstens in einem Stücke, dem Begriffe der unbedingten Notwendigkeit
ein Genüge tut, darin es kein anderer Begriff ihm gleichtun kann, der,
weil er mangelhaft und der Ergänzung bedürftig ist, kein solches Merkmal
der Unabhängigkeit von allen ferneren Bedingungen an sich zeigt. Es ist
wahr, daß hieraus noch nicht sicher gefolgert werden könne, daß,
was nicht die höchste und in aller Absicht vollständige Bedingung
in sich enthält, darum selbst seiner Existenz nach bedingt sein müsse;
aber es hat denn doch das einzige Merkzeichen des unbedingten Daseins nicht
an sich, dessen die Vernunft mächtig ist, um durch einen Begriff a priori
irgend ein Wesen als unbedingt zu erkennen.
Der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität
würde sich also unter allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe
eines unbedingtnotwendigen Wesens am besten schicken, und, wenn er diesem
auch nicht völlig genugtut, so haben wir doch keine Wahl, sondern sehen
uns genötigt, uns an ihn zu halten, weil wir die Existenz eines notwendigen
Wesens nicht in den Wind schlagen dürfen, geben wir sie aber zu, doch in
dem ganzen Felde der Möglichkeit nichts finden können, was auf einen
solchen Vorzug im Dasein einen gegründetem Anspruch machen könnte.
So ist also der natürliche Gang der menschlichen
Vernunft beschaffen. Zuerst überzeugt sie sich
vom Dasein i r g e n d e i n e s notwendigen
Wesens. In diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz. Nun sucht sie
den Begriff des Unabhängigen von aller Bedingung, und findet ihn in dem,
was selbst die zureichende Bedingung zu allem andern ist, d.i. in demjenigen,
was alle Realität enthält. Das All aber
ohne Schranken ist absolute Einheit, und führt den
Begriff eines einigen, nämlich des höchsten Wesens bei sich, und
so schließt sie, daß das höchste Wesen,
als Urgrund aller Dinge, schlechthin notwendiger Weise da sei.
Diesem Begriffe kann eine gewisse Gründlichkeit nicht gestritten werden,
wenn von E n t s c h l i e ß u n g e n die
Rede ist, nämlich, wenn einmal das Dasein irgend eines notwendigen Wesens
zugegeben wird, und man darin übereinkommt, daß man seine Partei
ergreifen müsse, worin man dasselbe setzen wolle; denn alsdann kann man
nicht schicklicher wählen, oder man hat vielmehr keine Wahl, sondern ist
genötigt, der absoluten Einheit der vollständigen Realität, als
dem Urquelle der Möglichkeit, seine Stimme zu geben. Wenn uns aber nichts
treibt, uns zu entschließen, und wir lieber diese ganze Sache dahin gestellt
sein ließen, bis wir durch das volle Gewicht der Beweisgründe zum
Beifalle gezwungen würden, d.i. wenn es bloß um B
e u r t e i l u n g zu tun ist, wie viel wir von dieser Aufgabe
wissen, und was wir uns nur zu wissen schmeicheln: dann erscheint obiger Schluß
bei weitem nicht in so vorteilhafter Gestalt, und bedarf Gunst, um den Mangel
seiner Rechtsansprüche zu ersetzen.
Denn, wenn wir alles so gut sein lassen, wie es hier vor uns liegt, daß
nämlich erstlich von irgend einer gegebenen Existenz (allenfalls auch bloß
meiner eigenen) ein richtiger Schluß auf die Existenz eines unbedingt
notwendigen Wesens stattfinde; zweitens daß ich ein Wesen, welches alle
Realität, mithin auch alle Bedingung enthält, als schlechthin unbedingt
ansehen müsse, folglich der Begriff des Dinges, welches sich zur absoluten
Notwendigkeit schickt, hiedurch gefunden sei: so kann daraus doch gar nicht
geschlossen werden, daß der Begriff eines eingeschränkten Wesens,
das nicht die höchste Realität hat, darum der absoluten Notwendigkeit
widerspreche. Denn, ob ich gleich in seinem Begriffe nicht das Unbedingte antreffe,
was das All der Bedingungen schon bei sich führt, so kann daraus doch gar
nicht gefolgert werden, daß sein Dasein eben darum bedingt sein müsse;
so wie ich in einem hypothetischen Vernunftschlusse nicht sagen kann: wo eine
gewisse Bedingung (nämlich hier der Vollständigkeit nach Begriffen)
nicht ist, da ist auch das Bedingte nicht. Es wird uns vielmehr unbenommen bleiben,
alle übrige eingeschränkte Wesen eben so wohl für unbedingt notwendig
gelten zu lassen, ob wir gleich ihre Notwendigkeit aus dem allgemeinen Begriffe,
den wir von ihnen haben, nicht schließen können. Auf diese Weise
aber hätte dieses Argument uns nicht den mindesten Begriff von Eigenschaften
eines notwendigen Wesens verschafft, und überall gar nichts geleistet.
Gleichwohl bleibt diesem Argumente eine gewisse Wichtigkeit, und ein Ansehen,
das ihm, wegen dieser objektiven Unzulänglichkeit, noch nicht sofort genommen
werden kann. Denn setzt, es gebe Verbindlichkeiten, die in der Idee der Vernunft
ganz richtig, aber ohne alle Realität der Anwendung auf uns selbst, d.i.
ohne Triebfedern sein würden, wo nicht ein höchstes Wesen vorausgesetzt
würde, das den praktischen Gesetzen Wirkung und Nachdruck geben könnte:
so würden wir auch eine Verbindlichkeit haben, den Begriffen zu folgen,
die, wenn sie gleich nicht objektiv zulänglich sein möchten, doch
nach dem Maße unserer Vernunft überwiegend sind, und in Vergleichung
mit denen wir doch nichts Besseres und Überführenderes erkennen. Die
Pflicht, zu wählen, würde hier die Unschliessigkeit der Spekulation
durch einen praktischen Zusatz aus dem Gleichgewichte bringen, ja die Vernunft
würde bei ihr selbst, als dem nachsehendsten Richter, keine Rechtfertigung
finden, wenn sie unter dringenden Bewegursachen, obzwar nur mangelhafter Einsicht,
diesen Gründen ihres Urteils, über die wir doch wenigstens keine bessere
kennen, nicht gefolgt wäre.
Dieses Argument, ob es gleich in der Tat transzendental ist, indem es auf der
inneren Unzulänglichkeit des Zufälligen beruht, ist doch so einfältig
und natürlich, daß es dem gemeinesten Menschensinne angemessen ist,
so bald dieser nur einmal darauf geführt wird. Man sieht Dinge sich verändern,
entstehen und vergehen; sie müssen also, oder wenigstens ihr Zustand, eine
Ursache haben. Von jeder Ursache aber, die jemals in der Erfahrung gegeben werden
mag, lässt sich eben dieses wiederum fragen. Wohin sollen wir nun die
o b e r s t e Kausalität billiger verlegen, als dahin,
wo auch die höchste Kausalität ist, d.i. in dasjenige Wesen, was zu
der möglichen Wirkung die Zulänglichkeit in sich selbst ursprünglich
enthält, dessen Begriff auch durch den einzigen Zug einer allbefassenden
Vollkommenheit sehr leicht zu Stande kommt. Diese höchste Ursache halten
wir denn für schlechthin notwendig, weil wir es schlechterdings notwendig
finden, bis zu ihr hinaufzusteigen, und keinen Grund, über sie noch weiter
hinaus zu gehen. Daher sehen wir bei allen Völkern durch ihre blindeste
Vielgötterei doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern, wozu nicht
Nachdenken und tiefe Spekulation, sondern nur ein nach und nach verständlich
gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes geführt hat.Es
sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes aus spekulativer Vernunft möglich.
Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder von der
bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen Beschaffenheit unserer
Sinnenwelt an, und steigen von ihr nach Gesetzen der Kausalität bis zur
höchsten Ursache außer der Welt hinauf; oder sie legen nur unbestimmte
Erfahrung, d.i. irgend ein Dasein, empirisch zum Grunde; oder sie abstrahieren
endlich von aller Erfahrung, und schließen gänzlich a priori aus
bloßen Begriffen auf das Dasein einer höchsten Ursache.
Der erste Beweis ist der physikotheologische,
der zweite der kosmologische,
der dritte der ontologische Beweis.
Mehr gibt es ihrer nicht, und mehr kann es auch nicht geben.
Ich werde dartun: daß die Vernunft, auf dem einen Wege
(dem empirischen) so wenig, als auf dem anderen (dem
transzendentalen), etwas ausrichte, und daß sie vergeblich ihre
Flügel ausspanne, um über die Sinnenwelt durch die bloße Macht
der Spekulation hinaus zu kommen. Was aber die Ordnung betrifft, in welcher
diese Beweisarten der Prüfung vorgelegt werden müssen, so wird sie
gerade die umgekehrte von derjenigen sein, welche die sich nach und nach erweiternde
Vernunft nimmt, und in der wir sie auch zuerst gestellt haben. Denn es wird
sich zeigen: daß, obgleich Erfahrung den ersten Anlaß dazu gibt,
dennoch bloß der transzendentale Begriff die Vernunft in dieser ihrer
Bestrebung leite und in allen solchen Versuchen das Ziel ausstecke, das sie
sich vorgesetzt hat. Ich werde also von der Prüfung des transzendentalen
Beweises anfangen, und nachher sehen, was der Zusatz des Empirischen zur Vergrößerung
seiner Beweiskraft tun könne.Des dritten
Hauptstücks vierter Abschnitt
Von der Unmöglichkeit eines
ontologischen Beweises vom Dasein Gottes
Man sieht aus dem Bisherigen leicht: daß der Begriff eines absolutnotwendigen
Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d.i. eine bloße Idee sei, deren objektive
Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, noch lange nicht
bewiesen ist, welche auch nur auf eine gewisse obzwar unerreichbare Vollständigkeit
Anweisung gibt, und eigentlich mehr dazu dient, den Verstand zu begrenzen, als
ihn auf neue Gegenstände zu erweitern. Es findet sich hier nun das Befremdliche
und Widersinnische, daß der Schluß von einem gegebenen Dasein überhaupt,
auf irgend ein schlechthinnotwendiges Dasein, dringend und richtig zu sein scheint,
und wir gleichwohl alle Bedingungen des Verstandes, sich einen Begriff von einer
solchen Not-wendigkeit zu machen, gänzlich wider uns haben.
Man hat zu aller Zeit von dem absolut notwendigen
Wesen geredet, und sich nicht so wohl Mühe gegeben, zu verstehen,
ob und wie man sich ein Ding von dieser Art auch nur denken könne, als
vielmehr, dessen Dasein zu beweisen. Nun ist zwar eine Namenerklärung von
diesem Begriffe ganz leicht, daß es nämlich so etwas sei, dessen
Nichtsein unmöglich ist; aber man wird hiedurch um nichts klüger,
in Ansehung der Bedingungen, die es unmöglich machen, das Nichtsein eines
Dinges als schlechterdings undenklich anzusehen, und die eigentlich dasjenige
sind, was man wissen will, nämlich, ob wir uns durch diesen Begriff überall
etwas denken, oder nicht. Denn alle Bedingungen, die der Verstand jederzeit
bedarf, um etwas als notwendig anzusehen, vermittelst des Worts: Unbedingt,
wegwerfen, macht mir noch lange nicht verständlich, ob ich alsdann durch
einen Begriff eines Unbedingtnotwendigen noch etwas, oder vielleicht gar nichts
denke.
Noch mehr: diesen auf das bloße Geratewohl gewagten und endlich ganz geläufig
gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge Beispiele zu erklären
geglaubt, so, daß alle weitere Nachfrage wegen seiner Verständlichkeit
ganz unnötig geschienen. Ein jeder Satz der Geometrie, z.B. daß ein
Triangel drei Winkel habe, ist schlechthin notwendig, und so redete man von
einem Gegenstande, der ganz außerhalb der Sphäre unseres Verstandes
liegt, als ob man ganz wohl verstände, was man mit dem Begriffe von ihm
sagen wolle.
Alle vorgegebene Beispiele sind ohne Ausnahme nur von U
r t e i l e n , aber nicht von
D i n g e n und deren Dasein hergenommen.
Die unbedingte Notwendigkeit der Urteile aber ist nicht eine absolute Notwendigkeit
der Sachen. Denn die absolute Notwendigkeit des Urteils ist nur eine bedingte
Notwendigkeit der Sache, oder des Prädikats im Urteile. Der vorige Satz
sagte nicht, daß drei Winkel schlechterdings notwendig sein, sondern,
unter der Bedingung, daß ein Triangel da ist (gegeben
ist), sind auch drei Winkel (in ihm) notwendiger
Weise da. Gleichwohl hat diese logische Notwendigkeit eine so große Macht
ihrer Illusion bewiesen, daß, indem man sich einen Begriff a priori von
einem Dinge gemacht hatte, der so gestellt war, daß man seiner Meinung
nach das Dasein mit in seinen Umfang begriff, man daraus glaubte sicher schließen
zu können, daß, weil dem Objekt dieses Begriffs das Dasein notwendig
zukommt, d.i. unter der Bedingung, daß ich dieses Ding als gegeben (existierend)
setze, auch sein Dasein notwendig (nach der Regel der
Identität) gesetzt werde, und dieses Wesen daher selbst schlechterdingsnotwendig
sei, weil sein Dasein in einem nach Belieben angenommenen Begriffe und unter
der Bedingung, daß ich den Gegenstand desselben setze, mit gedacht wird.
Wenn ich das Prädikat in einem identischen Urteile aufhebe und behalte
das Subjekt, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich: jenes kommt
diesem notwendiger Weise zu. Hebe ich aber das Subjekt zusamt dem Prädikate
auf, so entspringt kein Widerspruch; denn e s
i s t n i c h t s m e h r, welchem widersprochen werden könnte.
Einen Triangel setzen und doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend;
aber den Triangel samt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch. Gerade
ebenso ist es mit dem Begriffe eines absolut notwendigen Wesens bewandt. Wenn
ihr das Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das Ding selbst mit allen seinen
Prädikaten auf; wo soll alsdenn der Widerspruch herkommen? Äußerlich
ist nichts, dem widersprochen würde, denn das Ding soll nicht äußerlich
notwendig sein; innerlich auch nichts, denn ihr habt, durch Aufhebung des Dinges
selbst, alles Innere zugleich aufgehoben. Gott ist allmächtig; das ist
ein notwendiges Urteil. Die Allmacht kann nicht aufgehoben werden, wenn ihr
eine Gottheit, d.i. ein unendliches Wesen, setzt, mit dessen Begriff jener identisch
ist. Wenn ihr aber sagt: Gott ist nicht,
so ist weder die Allmacht, noch irgend ein anderes seiner Prädikate gegeben;
denn sie sind alle zusamt dem Subjekte aufgehoben, und es zeigt sich in diesem
Gedanken nicht der mindeste Widerspruch.
Ihr habt also gesehen, daß, wenn ich das Prädikat eines Urteils zusamt
dem Subjekte aufhebe, niemals ein innerer Widerspruch entspringen könne,
das Prädikat mag auch sein, welches es wolle. Nun bleibt euch keine Ausflucht
übrig, als, ihr müßt sagen: es gibt Subjekte, die gar nicht
aufgehoben werden können, die also bleiben müssen. Das würde
aber eben soviel sagen, als: es gibt schlechterdingsnotwendige Subjekte; eine
Voraussetzung, an deren Richtigkeit ich eben gezweifelt habe, und deren Möglichkeit
ihr mir zeigen wolltet. Denn ich kann mir nicht den geringsten Begriff von einem
Dinge machen, welches, wenn es mit allen seinen Prädikaten aufgehoben würde,
einen Widerspruch zurück ließe, und ohne den Widerspruch habe ich,
durch bloße reine Begriffe a priori, kein Merkmal der Unmöglichkeit.
Wider alle diese allgemeine Schlüsse (deren sich
kein Mensch weigern kann) fordert ihr mich durch einen Fall auf, den
ihr, als einen Beweis durch die Tat, aufstellet: daß es doch einen und
zwar nur diesen Einen Begriff gebe, da das Nichtsein oder das Aufheben seines
Gegenstandes in sich selbst widersprechend sei, und dieses ist der Begriff des
allerrealesten Wesens. Es hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid berechtigt,
ein solches Wesen als möglich anzunehmen (welches
ich vorjetzt einwillige, obgleich der sich nicht widersprechende Begriff noch
lange nicht die Möglichkeit des Gegenstandes beweist).*
*Der Begriff ist allemal möglich,
wenn er sich nicht widerspricht. Das ist das logische Merkmal der Möglichkeit,
und dadurch wird sein Gegenstand vom nihil negativum unterschieden.
Allein er kann nichts destoweniger ein leerer Begriff sein, wenn die objektive
Realität der Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt wird, nicht besonders
dargetan wird; welches aber jederzeit, wie oben gezeigt worden, auf Prinzipien
möglicher Erfahrung und nicht auf dem Grundsatze der Analysis (dem
Satze des Widerspruchs)
beruht. Das ist eine Warnung, von der Möglichkeit der Begriffe (logische)
nicht sofort auf die Möglichkeit der Dinge (reale) zu schließen.
Nun ist unter aller Realität auch das Dasein mit begriffen: Also liegt
das Dasein in dem Begriffe von einem Möglichen. Wird dieses Ding nun aufgehoben,
so wird die innere Möglichkeit des Dinges aufgehoben, welches widersprechend
ist.
Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr in den Begriff
eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit nach denken wolltet,
es sei unter welchem versteckten Namen, schon den Begriff seiner Existenz hinein
brachtet. Räumt man euch dieses ein, so habt ihr dem Scheine nach gewonnen
Spiel, in der Tat aber nichts gesagt; denn ihr habt eine bloße Tautologie
begangen. Ich frage euch, ist der Satz: d i e
s e s oder j e n e s D i n g
(welches ich euch als möglich einräume, es mag
sein, welches es wolle) e x i s t i e r
t, ist, sage ich, dieser Satz ein analytischer oder synthetischer
Satz? Wenn er das erstere ist, so tut ihr durch das Dasein des Dinges zu eurem
Gedanken von dem Dinge nichts hinzu, aber alsdann müßte entweder
der Gedanke, der in euch ist, das Ding selber sein, oder ihr habt ein Dasein,
als zur Möglichkeit gehörig, vorausgesetzt, und alsdann das Dasein
dem Vorgeben nach aus der inneren Möglichkeit geschlossen, welches nichts
als eine elende Tautologie ist. Das Wort: Realität, welches im Begriffe
des Dinges anders klingt, als Existenz im Begriffe desPrädikats, macht
es nicht aus. Denn, wenn ihr auch alles Setzen (unbestimmt
was ihr setzt) Realität nennt, so habt ihr das Ding schon mit allen
seinen Prädikaten im Begriffe des Subjekts gesetzt und als wirklich angenommen,
und im Prädikate wiederholt ihr es nur. Gesteht ihr dagegen, wie es billigermaßen
jeder Vernünftige gestehen muß, daß ein jeder Existenzialsatz
synthetisch sei, wie wollet ihr denn behaupten, daß das Prädikat
der Existenz sich ohne Widerspruch nicht aufheben lasse ? da dieser Vorzug nur
den analytischen, als deren Charakter eben darauf beruht, eigentümlich
zukommt.
Ich würde zwar hoffen, diese grüblerische Argutation, ohne allen Umschweif,
durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz zu nichte zu machen,
wenn ich nicht gefunden hätte, daß die Illusion, in Verwechslung
eines logischen Prädikats mit einem realen (d.i.
der Bestimmung eines Dinges), beinahe alle Belehrung ausschlage. Zum
l o g i s c h e n P r ä d i k a t e kann alles dienen,
was man will, so gar das Subjekt kann von sich selbst prädiziert werden;
denn die Logik abstrahiert von allem Inhalte. Aber die B e s t i m m u n g ist
ein Prädikat, welches über den Begriff des Subjekts hinzukommt und
ihn vergrößert. Sie muß also nicht in ihm schon enthalten sein.
Sein ist offenbar kein reales Prädikat, d.i. ein Begriff von irgend etwas,
was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist bloß die
Position eines Dinges, oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. Im logischen
Gebrauche ist es lediglich die Kopula eines Urteils. Der Satz:
Gott ist allmächtig,
enthält zwei Begriffe, die ihre Objekte haben: Gott und Allmacht; das Wörtchen:
ist, ist nicht noch ein Prädikat oben ein, sondern nur das, was das Prädikat
beziehungsweise aufs Subjekt setzt.
Nehme ich nun das Subjekt (Gott) mit allen seinen Prädikaten (worunter
auch die Allmacht gehöret) zusammen, und sage: Gott
ist, oder es ist ein Gott, so setze
ich kein neues Prädikat zum Begriffe von Gott, sondern nur das Subjekt
an sich selbst mit allen seinen Prädikaten,und zwar den Gegenstand
in Beziehung auf meinen B e g
r i f f. Beide müssen genau einerlei enthalten, und es
kann daher zu dem Begriffe, der bloß die Möglichkeit ausdrückt,
darum, daß ich dessen Gegenstand als schlechthin gegeben (durch den Ausdruck:
er ist) denke, nichts weiter hinzukommen. Und so enthält das Wirkliche
nichts mehr als das bloß Mögliche. Hundert wirkliche Taler enthalten
nicht das mindeste mehr, als hundert mögliche. Denn, da diese den Begriff,
jene aber den Gegenstand und dessen Position an sich selbst bedeuten, so würde,
im Fall dieser mehr enthielte als jener, mein Begriff nicht den ganzen Gegenstand
ausdrücken, und also auch nicht der angemessene Begriff von ihm sein. Aber
in meinem Vermögenszustande ist mehr bei hundert wirklichen Talern, als
bei dem bloßen Begriffe derselben (d.i. ihrer Möglichkeit). Denn
der Gegenstand ist bei der Wirklichkeit nicht bloß in meinem Begriffe
analytisch enthalten, sondern kommt zu meinem Begriffe (der eine Bestimmung
meines Zustandes ist) synthetisch hinzu, ohne daß, durch dieses Sein außerhalb
meinem Begriffe, diese gedachte hundert Taler selbst im min-desten vermehrt
werden.
Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viel Prädikate ich will (selbst
in der durchgängigen Bestimmung), denke, so kommt dadurch, daß ich
noch hinzusetze, dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge hinzu. Denn
sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existieren, als ich im Begriffe
gedacht hatte, und ich könnte nicht sagen, daß gerade der Gegenstand
meines Begriffs existiere. Denke ich mir auch sogar in einem Dinge alle Realität
außer einer, so kommt dadurch, daß ich sage, ein solches mangelhaftes
Ding existiert, die fehlende Realität nicht hinzu, sondern es existiert
gerade mit demselben Mangel behaftet, als ich es gedacht habe, sonst würde
etwas anderes, als ich dachte, existieren. Denke ich mir nun ein Wesen als die
höchste Realität (ohne Mangel), so bleibt noch immer die Frage, ob
es existiere, oder nicht. Denn, obgleich an meinem Begriffe, von dem möglichen
realen Inhalte eines Dinges überhaupt, nichts fehlt, so fehlt doch noch
etwas an dem Verhältnisse zu meinem ganzen Zustande des Denkens, nämlich
daß die Erkenntnis jenes Objekts auch a posteriori möglich sei. Und
hier zeiget sich auch die Ursache der hiebei obwaltenden Schwierigkeit. Wäre
von einem Gegenstande der Sinne die Rede, so würde ich die Existenz des
Dinges mit dem bloßen Begriffe des Dinges nicht verwechseln können.
Denn durch den Begriff wird der Gegenstand nur mit den allgemeinen Bedingungen
einer möglichen empirischen Erkenntnis überhaupt als einstimmig, durch
die Existenz aber als in dem Kontext der gesamten Erfahrung enthalten gedacht;
da denn durch die Verknüpfung mit dem Inhalte der gesamten Erfahrung der
Begriff vom Gegenstande nicht im mindesten vermehrt wird, unser Denken aber
durch denselben eine mögliche Wahrnehmung mehr bekommt. Wollen wir dagegen
die Existenz durch die reine Kategorie allein denken, so ist kein Wunder, daß
wir kein Merkmal angeben können, sie von der bloßen Möglichkeit
zu unterscheiden.
Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und wie viel er
wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die Existenz zu
erteilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch den Zusammenhang
mit irgend einer meiner Wahrnehmungen nach empirischen Gesetzen; aber für
Objekte des reinen Denkens ist ganz und gar kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen,
weil es gänzlich a priori erkannt werden müßte, unser Bewußtsein
aller Existenz aber (es sei durch Wahrnehmung unmittelbar, oder durch Schlüsse,
die etwas mit der Wahrnehmung verknüpfen) gehört ganz und gar zur
Einheit der Erfahrung, und eine Existenz außer diesem Felde kann zwar
nicht schlechterdings für un-möglich erklärt werden, sie ist
aber eine Voraussetzung, die wir durch nichts rechtfertigen können.
Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr nützliche
Idee; sie ist aber eben darum, weil sie bloß Idee ist, ganz unfähig,
um vermittelst ihrer allein unsere Erkenntnis in Ansehung dessen, was existiert,
zu erweitern. Sie vermag nicht einmal so viel, daß sie uns in Ansehung
der Möglichkeit eines Mehreren belehrte. Das analytische Merkmal der Möglichkeit,
das darin besteht, daß bloße Positionen (Realitäten)
keinen Widerspruch erzeugen, kann ihm zwar nicht gestritten werden; da aber
die Verknüpfung aller realen Eigenschaften in einem Dinge eine Synthesis
ist, über deren Möglichkeit wir a priori nicht urteilen können,
weil uns die Realitäten spezifisch nicht gegeben sind, und, wenn dieses
auch geschähe, überall gar kein Urteil darin stattfindet, weil das
Merkmal der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer nur in der Erfahrung
gesucht werden muß, zu welcher aber der Gegenstand einer Idee nicht gehören
kann: so hat der berühmte Leibniz bei weitem das nicht geleistet, wessen
er sich schmeichelte, nämlich eines so erhabenen idealischen Wesens Möglichkeit
a priori einsehen zu wollen.
Es ist also an dem so berühmten ontologischen (Cartesianischen) Beweise,
vom Dasein eines höchsten Wesens, aus Begriffen, alle Mühe und Arbeit
verloren, und ein Mensch möchte wohl eben so wenig aus bloßen Ideen
an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen, wenn er, um
seinen Zustand zu verbessern, seinem Kassenbestand einige Nullen anhängen
wollte.Des dritten
Hauptstücks fünfter Abschnitt
Von
der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises vom Dasein Gottes
Es war etwas ganz Unnatürliches und eine bloße Neuerung des Schulwitzes,
aus einer ganz willkürlich entworfenen Idee das Dasein des ihr entsprechenden
Gegenstandes selbst ausklauben zu wollen. In der Tat würde man es nie auf
diesem Wege versucht haben, wäre nicht die Bedürfnis unserer Vernunft,
zur Existenz überhaupt irgend etwas Notwendiges (bei dem man im Aufsteigen
stehen bleiben könne) anzunehmen, vorhergegangen, und wäre nicht die
Vernunft, da diese Notwendigkeit unbedingt und a priori gewiß sein muß,
gezwungen worden, einen Begriff zu suchen, der, wo möglich, einer solchen
Forderung ein Genüge täte, und ein Dasein völlig a priori zu
erkennen gäbe. Diesen glaubte man nun in der Idee eines allerrealesten
Wesens zu finden, und so wurde diese nur zur bestimmteren Kenntnis desjenigen,
wovon man schon anderweitig überzeugt oder überredet war, es müsse
existieren, nämlich des notwendigen Wesens, gebraucht. Indes verhehlte
man diesen natürlichen Gang der Vernunft, und, anstatt bei diesem Begriffe
zu endigen, versuchte man, von ihm anzufangen, um die Notwendigkeit des Daseins
aus ihm abzuleiten, die er doch nur zu ergänzen bestimmt war. Hieraus entsprang
nun der verunglückte ontologische Beweis, der weder für den natürlichen
und gesunden Verstand, noch für die schulgerechte Prüfung etwas Genugtuendes
bei sich führt.
Der kosmologische Beweis, den
wir jetzt untersuchen wollen, behält die Verknüpfung der absoluten
Notwendigkeit mit der höchsten Realität bei, aber anstatt, wie der
vorige, von der höchsten Realität auf die Notwendigkeit im Dasein
zu schließen, schließt er vielmehr, von der zum voraus gegebenen
unbedingten Notwendigkeit irgend eines Wesens, auf dessen unbegrenzte Realität,
und bringt so fern alles wenigstens in das Geleis einer, ich weiß nicht
ob vernünftigen, oder vernünftelnden, wenigstens natürlichen
Schlußart, welche nicht allein für den gemeinen, sondern auch den
spekulativen Verstand die meiste Überredung bei sich führt; wie sie
denn auch sichtbarlich zu allen Beweisen der natürlichen Theologie die
ersten Grundlinien zieht, denen man jederzeit nachgegangen ist und ferner nachgehen
wird, man mag sie nun durch noch so viel Laubwerk und Schnörkel verzieren
und verstecken, als man immer will. Diesen Beweis, den Leibniz
auch den a contingentia mundi nannte,
wollen wir jetzt vor Augen stellen und der Prüfung unterwerfen.
Er lautet also:
Wenn etwas existiert, so muß auch ein schlechterdings
notwendiges Wesen existieren. Nun existiere, zum mindesten, ich selbst: also
existiert ein absolut notwendiges Wesen.
Der Untersatz enthält eine Erfahrung, der Obersatz die Schlußfolge
aus einer Erfahrung überhaupt auf das Dasein des Notwendigen.**
** Diese Schlußfolge ist zu
bekannt, als daß es nötig wäre, sie hier weitläuftig vorzutragen.
Sie beruht auf dem vermeintlich transzendentalen Naturgesetz der Kausalität:
daß alles Zufällige seine
Ursache habe, die, wenn sie wiederum zufällig ist, eben so wohl eine Ursache
haben muß, bis die Reihe der einander untergeordneten Ursachen sich bei
einer schlechthinnotwendigen Ursache endigen muß, ohne welche sie keine
Vollständigkeit haben würde.
Also hebt der Beweis eigentlich von der Erfahrung an, mithin ist er nicht gänzlich
a priori geführt, oder ontologisch, und weil der Gegenstand aller möglichen
Erfahrung Welt heißt, so wird er darum der kosmologische
Beweis genannt. Da er auch von aller besondern Eigenschaft der
Gegenstände der Erfahrung, dadurch sich diese Welt von jeder möglichen
unterscheiden mag, abstrahiert: so wird er schon in seiner Benennung auch vom
physikotheologischen Beweise unterschieden, welcher
Beobachtungen der besonderen Beschaffenheit dieser unserer Sinnenwelt zu Beweisgründen
braucht.
Nun schließt der Beweis weiter: das notwendige Wesen kann nur auf eine
einzige Art, d.i. in Ansehung aller möglichen entgegengesetzten Prädikate
nur durch eines derselben, bestimmt werden, folglich muß es durch seinen
Begriff d u r c h g ä n g i g bestimmt
sein. Nun ist nur ein einziger Begriff von einem Dinge möglich, der dasselbe
a priori durchgängig bestimmt, nämlich der des entis realissimi: Also
ist der Begriff des allerrealesten Wesens der einzige, dadurch ein notwendiges
Wesen gedacht werden kann, d.i. es existiert ein höchstes Wesen notwendiger
Weise.
In diesem kosmologischen Argumente kommen so viel vernünftelnde Grundsätze
zusammen, daß die spekulative Vernunft hier alle ihre dialektische Kunst
aufgeboten zu haben scheint, um den größtmöglichen transzendentalen
Schein zu Stande zu bringen. Wir wollen ihre Prüfung indessen eine Weile
bei Seite setzen, um nur eine List derselben offenbar zu machen, mit welcher
sie ein altes Argument in verkleideter Gestalt für ein neues aufstellt
und sich auf zweier Zeugen Einstimmung beruft, nämlich einen reinen Vernunftzeugen
und einen anderen von empirischer Beglaubigung, da es doch nur der erstere allein
ist, welcher bloß seinen Anzug und Stimme verändert, um für
einen zweiten gehalten zu werden. Um seinen Grund recht sicher zu legen, fußt
sich dieser Beweis auf Erfahrung und gibt sich dadurch das Ansehen, als sei
er vom ontologischen Beweise unterschieden, der auf lauter reine Begriffe a
priori sein ganzes Vertrauen setzt. Dieser Erfahrung aber bedient sich der kosmologische
Beweis nur, um einen einzigen Schritt zu tun, nämlich zum Dasein eines
notwendigen Wesens überhaupt. Was dieses für Eigenschaften habe, kann
der empirische Beweisgrund nicht lehren, sondern da nimmt die Vernunft gänzlich
von ihm Abschied und forscht hinter lauter Begriffen: was nämlich ein absolutnotwendiges
Wesen überhaupt für Eigenschaften haben müsse, d.i. welches unter
allen möglichen Dingen die erforderlichen Bedingungen
(requisita) zu einer absoluten Notwendigkeit in sich enthalte.
Nun glaubt sie im Begriffe eines allerrealesten Wesens einzig und allein diese
Requisite anzutreffen, und schließt sodann: das ist das schlechterdingsnotwendige
Wesen. Es ist aber klar, daß man hiebei voraussetzt, der Begriff eines
Wesens von der höchsten Realität tue dem Begriffe der absoluten Notwendigkeit
im Dasein völlig genug, d.i. es lasse sich aus jener auf diese schließen;
ein Satz, den das ontologische Argument behauptete, welches man also im kosmologischen
Beweise annimmt und zum Grunde legt, da man es doch hatte vermeiden wollen.
Denn die absolute Notwendigkeit ist ein Dasein aus bloßen Begriffen. Sage
ich nun: der Begriff des entis realissimi ist ein solcher Begriff, und zwar
der einzige, der zu dem notwendigen Dasein passend und ihm adäquat ist:
so muß ich auch einräumen, daß aus ihm das letztere geschlossen
werden könne. Es ist also eigentlich nur der ontologische Beweis aus lauter
Begriffen, der in dem sogenannten kosmologischen alle Beweiskraft enthält,
und die angebliche Erfahrung ist ganz müßig, vielleicht, um uns nur
auf den Begriff der absoluten Notwendigkeit zu führen, nicht aber, um diese
an irgend einem bestimmten Dinge darzutun. Denn sobald wir dieses zur Absicht
haben, müssen wir sofort alle Erfahrung verlassen, und unter reinen Begriffen
suchen, welcher von ihnen wohl die Bedingungen der Möglichkeit eines absolutnotwendigen
Wesens enthalte. Ist aber auf solche Weise nur die Möglichkeit eines solchen
Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein dargetan; denn es heißt so
viel, als: unter allem Möglichen ist Eines, das absolute Notwendigkeit
bei sich führt, d.i. dieses Wesen existiert schlechterdingsnotwendig.
Alle Blendwerke im Schließen entdecken sich am leichtesten, wenn man sie
auf schulgerechte Art vor Augen stellt. Hier ist eine solche Darstellung.
Wenn der Satz richtig ist: ein jedes schlechthinnotwendiges Wesen ist zugleich
das allerrealeste Wesen (als welches der nervus probandi des kosmologischen
Beweises ist): so muß er sich, wie alle bejahende Urteile, wenigstens
per accidens umkehren lassen; also: einige allerrealeste Wesen sind zugleich
schlechthin notwendige Wesen. Nun ist aber ein ens realissimum von einem anderen
in keinem Stücke unterschieden, und, was also von
e i n i g e n unter diesem Begriffe enthaltenen gilt, das gilt
auch von allen. Mithin werde ich's (in diesem Falle) auch s
c h l e c h t h i n umkehren können, d.i. ein jedes allerrealestes
Wesen ist ein notwendiges Wesen. Weil nun dieser Satz bloß aus seinen
Begriffen a priori bestimmt ist: so muß der bloße Begriff des realesten
Wesens auch die absolute Notwendigkeit desselben bei sich führen; welches
eben der ontologische Beweis behauptete, und der kosmologische nicht anerkennen
wollte, gleichwohl aber seinen Schlüssen, obzwar versteckter Weise, unterlegte.
So ist denn der zweite Weg, den die spekulative Vernunft nimmt, um das Dasein
des höchsten Wesens zu beweisen, nicht allein mit dem ersten gleich trüglich,
sondern hat noch dieses Tadelhafte an sich, daß er eine ignoratio elenchi
begeht, indem er uns verheißt, einen neuen Fußsteig zu führen,
aber, nach einem kleinen Umschweif, uns wiederum auf den alten zurückbringt,
den wir seinetwegen verlassen hatten.
Ich habe kurz vorher gesagt, daß in diesem kosmologischen Argumente sich
ein ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen verborgen halte, welches
die transzendentale Kritik leicht entdecken und zerstören kann. Ich will
sie jetzt nur anführen und es dem schon geübten Leser überlassen,
den trüglichen Grundsätzen weiter nachzuforschen und sie aufzuheben.
Da befindet sich denn z.B.
1) der transzendentale Grundsatz, vom Zufälligen
auf eine Ursache zu schließen, welcher nur in der Sinnenwelt von Bedeutung
ist, außerhalb derselben aber auch nicht einmal einen Sinn hat. Denn der
bloß intellektuelle Begriff des Zufälligen kann gar keinen synthetischen
Satz, wie den der Kausalität, hervorbringen, und der Grundsatz der letzteren
hat gar keine Bedeutung und kein Merkmal seines Gebrauchs, als nur in der Sinnenwelt;
hier aber sollte er gerade dazu dienen, um über die Sinnenwelt hinaus zu
kommen.
2) Der Schluß, von der Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe über
einander gegebener Ursachen in der Sinnenwelt auf eine erste Ursache zu schließen,
wozu uns die Prinzipien des Vernunftgebrauchs selbst in der Erfahrung nicht
berechtigen, vielweniger diesen Grundsatz über dieselbe (wohin diese Kette
gar nicht verlängert werden kann) ausdehnen können.
3) Die falsche Selbstbefriedigung der Vernunft, in Ansehung der Vollendung dieser
Reihe, dadurch, daß man endlich alle Bedingung, ohne welche doch kein
Begriff einer Notwendigkeit stattfinden kann, wegschafft, und, da man alsdenn
nichts weiter begreifen kann, dieses für eine Vollendung seines Begriffs
annimmt.
4) Die Verwechselung der logischen Möglichkeit eines Begriffs von aller
vereinigten Realität (ohne inneren Widerspruch) mit der transzendentalen,
welche ein Principium der Tunlichkeit einer solchen Synthesis bedarf, das aber
wiederum nur auf das Feld möglicher Erfahrungen gehen kann, u.s.w.
Das Kunststück des kosmologischen Beweises zielt bloß darauf ab,
um dem Beweise des Daseins eines notwendigen Wesens a priori durch bloße
Begriffe auszuweichen, der ontologisch geführt werden müßte,
wozu wir uns aber gänzlich unvermögend fühlen. In dieser Absicht
schließen wir aus einem zum Grunde gelegten wirklichen Dasein (einer Erfahrung
überhaupt), so gut es sich will tun lassen, auf irgend eine schlechterdingsnotwendige
Bedingung desselben. Wir haben alsdenn dieser ihre Möglichkeit nicht nötig
zu erklären. Denn, wenn bewiesen ist, daß sie dasei, so ist die Frage
wegen ihrer Möglichkeit ganz unnö-tig. Wollen wir nun dieses notwendige
Wesen nach seiner Beschaffenheit näher bestimmen, so suchen wir nicht dasjenige,
was hinreichend ist, aus seinem Begriffe die Notwendigkeit des Daseins zu begreifen;
denn, könnten wir dieses, so hätten wir keine empirische Voraussetzung
nötig; nein, wir suchen nur die negative Bedingung (conditio sine qua
non), ohne welche ein Wesen nicht absolutnotwendig sein würde. Nun
würde das in aller andern Art von Schlüssen, aus einer gegebenen Folge
auf ihren Grund, wohl angehen; es trifft sich aber hier unglücklicher Weise,
daß die Bedingung, die man zur absoluten Notwendigkeit fordert, nur in
einem einzigen Wesen angetroffen werden kann, welches daher in seinem Begriffe
alles, waszur absoluten Notwendigkeit erforderlich ist, enthalten müßte,
und also einen Schluß a priori auf dieselbe möglich macht; d.i. ich
müßte auch umgekehrt schließen können: welchem Dinge dieser
Begriff (der höchsten Realität) zukommt, das ist schlechterdings notwendig,
und, kann ich so nicht schließen (wie ich denn dieses gestehen muß,
wenn ich den ontologi-schen Beweis vermeiden will), so bin ich auch auf meinem
neuen Wege verunglückt und befinde mich wiederum da, von wo ich ausging.
Der Begriff des höchsten Wesens tut wohl allen Fragen a priori ein Genüge,
die wegen der inneren Bestimmungen eines Dinges können aufgeworfen werden,
und ist darum auch ein Ideal ohne Gleiches, weil der allgemeine Be-griff dasselbe
zugleich als ein Individuum unter allen möglichen Dingen auszeichnet. Er
tut aber der Frage wegen seines eigenen Daseins gar kein Genüge, als warum
es doch eigentlich nur zu tun war, und man konnte auf die Erkundigung dessen,
der das Dasein eines notwendigen Wesens annahm, und nur wissen wollte, welches
denn unter allen Dingen dafür angesehen werden müsse, nicht antworten:
Dies hier ist das notwendige Wesen.
Es mag wohl erlaubt sein, das Dasein eines Wesens von
der höchsten Zulänglichkeit, als Ursache zu allen möglichen Wirkungen,
a n z u n e h m e n, um der Vernunft
die Einheit der Erklärungsgründe, welche sie sucht, zu erleichtern.
Allein, sich so viel herauszunehmen, daß man so gar sage: ein
solches Wesen existiert notwendig, ist nicht mehr die bescheidene Äußerung
einer erlaubten Hypothese, sondern die dreiste Anmaßung einer apodiktischen
Gewißheit; denn, was man als schlechthinnotwendig zu erkennen vorgibt,
davon muß auch die Erkenntnis absolute Notwendigkeit bei sich führen.
Die ganze Aufgabe des transzendentalen Ideals kommt darauf an: entweder zu der
absoluten Notwendigkeit einen Begriff, oder zu dem Begriffe von irgendeinem
Dinge die absolute Notwendigkeit desselben zu finden. Kann man das eine, so
muß man auch das andere können; denn als schlechthinnotwendig erkennt
die Vernunft nur dasjenige, was aus seinem Begriffe notwendig ist. Aber beides
übersteigt gänzlich alle äußerste Bestrebungen, unseren
Verstand über diesen Punkt zu befriedigen, aber auch alle Versuche, ihn
wegen dieses seines Unvermögens zu beruhigen.
Der
wahre Abgund für die menschliche Vernunft
Die unbedingte Notwendigkeit, die wir,
als den letzten Träger aller Dinge, so unentbehrlich bedürfen,
ist der wahre Abgrund für die menschliche Vernunft.
Selbst die Ewigkeit, so schauderhaft erhaben sie auch
ein H a l l e r schildern
mag, macht lange den schwindligen Eindruck nicht auf das Gemüt; denn sie
m i ß t nur die Dauer der Dinge, aber
t r ä g t sie nicht. Man kann sich des Gedanken nicht erwehren,
man kann ihn aber auch nicht ertragen: daß ein Wesen, welches
wir uns auch als das höchste unter allen möglichen vorstellen,
gleichsam zu sich selbst sage: Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit,
außer mir ist nichts, ohne das, was bloß durch meinen Willen etwas
ist; aber woher bin ich denn? Hier
sinkt alles unter uns, und die größte Vollkommenheit, wie die kleinste,
schwebt ohne Haltung bloß vor der spekulativen Vernunft, der es nichts
kostet, die eine so wie die andere ohne die mindeste Hindernis verschwinden
zu lassen.
Viele Kräfte der Natur, die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen äußern,
bleiben für uns unerforschlich; denn wir können ihnen durch Beobachtung
nicht weit genug nachspüren. Das den Erscheinungen zum Grunde liegende
transzendentale Objekt, und mit demselben der Grund, warum unsere Sinnlichkeit
diese vielmehr als andere oberste Bedingungen habe, sind und bleiben für
uns unerforschlich, obzwar die Sache selbst übrigens gegeben, aber nur
nicht eingesehen ist. Ein Ideal der reinen Vernunft kann aber nicht u
n e r f o r s c h l i c h heißen, weil es weiter keine
Beglaubigung seiner Realität aufzuweisen hat, als die Bedürfnis der
Vernunft, vermittelst desselben alle synthetische Einheit zu vollenden. Da es
also nicht einmal als denkbarer Gegenstand gegeben ist, so ist es auch nicht
als ein solcher unerforschlich; vielmehr muß er, als bloße Idee,
in der Natur der Vernunft seinen Sitz und seine Auflösung finden, und also
erforscht werden können; denn eben darin besteht Vernunft, daß wir
von allen unseren Begriffen, Meinungen und Behauptungen, es sei aus objektiven,
oder, wenn sie ein bloßer Schein sind, aus subjektiven Gründen, Rechenschaft
geben können.
Entdeckung
und Erklärung des dialektischen Scheins
in allen transzendentalen Beweisen vom Dasein eines notwendigen
Wesens
Beide bisher geführte Beweise waren transzendental, d.i. unabhängig
von empirischen Prinzipien versucht. Denn, obgleich der kosmologische eine Erfahrung
überhaupt zum Grunde legt, so ist er doch nicht aus irgend einer besonderen
Beschaffenheit derselben, sondern aus reinen Vernunftprinzipien, in Beziehung
auf eine durchs empirische Bewußtsein überhaupt gegebene Existenz,
geführet, und verläßt sogar diese Anleitung, um sich auf lauter
reine Begriffe zu stützen. Was ist nun in diesen transzendentalen Beweisen
die Ursache des dialektischen, aber natürlichen Scheins, welcher die Begriffe
der Notwendigkeit und höchsten Realität verknüpft, und dasjenige,
was doch nur Idee sein kann, realisiert und hypostasiert? Was ist die Ursache
der Unvermeidlichkeit, etwas als an sich notwendig unter den existierenden Dingen
anzunehmen, und doch zugleich vor dem Dasein eines solchen Wesens als einem
Abgrunde zurückzubeben, und wie fängt man es an, daß sich die
Vernunft hierüber selbst verstehe, und, aus dem schwankenden Zustande eines
schüchternen, und immer wiederum zurückgenommenen Beifalls, zur ruhigen
Einsicht gelange?
Es ist etwas überaus Merkwürdiges, daß, wenn man voraussetzt,
etwas existiere, man der Folgerung nicht Umgang haben kann, daß auch irgend
etwas notwendigerweise existiere. Auf diesem ganz natürlichen (obzwar
darum noch nicht sicheren) Schlusse beruhte das kosmologische Argument.
Dagegen mag ich einen Begriff von einem Dinge annehmen, welchen ich will, so
finde ich, daß sein Dasein niemals von mir als schlechterdings notwendig
vorgestellt werden könne, und daß mich nichts hindere, es mag existieren,
was da wolle, das Nichtsein desselben zu denken, mithin ich zwar zu dem Existierenden
überhaupt etwas Notwendiges annehmen müsse, kein einziges Ding aber
selbst als an sich notwendig denken könne. Das heißt: ich kann das
Zurückgehen zu den Bedingungen des Existierens niemals v
o l l e n d e n, ohne ein n o
t w e n d i g e s Wesen anzunehmen, ich kann aber von demselben
niemals a n f a n g e n.
Wenn ich zu existierenden Dingen überhaupt etwas Notwendiges denken muß,
kein Ding aber an sich selbst als notwendig zu denken befugt bin, so folgt daraus
unvermeidlich, daß Notwendigkeit und Zufälligkeit nicht die Dinge
selbst angehen und treffen müsse, weil sonst ein Widerspruch vorgehen würde;
mithin keiner dieser beiden Grundsätze objektiv sei, sondern sie allenfalls
nur subjektive Prinzipien der Vernunft sein können, nämlich einerseits
zu allem, was als existierend gegeben ist, etwas zu suchen, das notwendig ist,
d.i. niemals anderswo als bei einer a priori vollendeten Erklärung aufzuhören,
andererseits aber auch diese Vollendung niemals zu hoffen, d.i. nichts Empirisches
als unbedingt anzunehmen, und sich dadurch fernerer Ableitung zu überheben.
In solcher Bedeutung können beide Grundsätze als bloß heuristisch
und r e g u l a t i v, die nichts
als das formale Interesse der Vernunft besorgen, ganz wohl bei einander bestehen.
Denn der eine sagt, ihr sollt so über die Natur philosophieren, als ob
es zu allem, was zur Existenz gehört, einen notwendigen ersten Grund gebe,
lediglich um systematische Einheit in eure Erkenntnis zu bringen, indem ihr
einer solchen Idee, nämlich einem eingebildeten obersten Grunde, nachgeht;
der andere aber warnt euch, keine einzige Bestimmung, die die Existenz der Dinge
betrifft, für einen solchen obersten Grund, d.i. als absolutnotwendig anzunehmen,
sondern euch noch immer den Weg zur ferneren Ableitung offen zu erhalten, und
sie daher jederzeit noch als bedingt zu behandeln. Wenn aber von uns alles,
was an den Dingen wahrgenommen wird, als bedingt notwendig betrachtet werden
muß: so kann auch kein Ding (das empirisch gegeben
sein mag) als absolutnotwendig angesehen werden.
Es folgt aber hieraus, daß ihr das Absolutnotwendige a
u ß e r h a l b der Welt annehmen müßt; weil
es nur zu einem Prinzip der größtmöglichen Einheit der Erscheinungen,
als deren oberster Grund, dienen soll, und ihr in der Welt niemals dahin gelangen
könnt, weil die zweite Regel euch gebietet, alle empirische Ursachen der
Einheit jederzeit als abgeleitet anzusehen.
Die Philosophen des Altertums sehen alle Form der Natur als zufällig, die
Materie aber, nach dem Urteile der gemeinen Vernunft, als ursprünglich
und notwendig an. Würden sie aber die Materie nicht als Substratum der
Erscheinungen respektiv, sondern a n s i c h s
e l b s t ihrem Dasein nach betrachtet haben, so wäre die
Idee der absoluten Notwendigkeit sogleich verschwunden. Denn es ist nichts,
was die Vernunft an dieses Dasein schlechthin bindet, sondern sie kann solches,
jederzeit und ohne Widerstreit, in Gedanken aufheben; in Gedanken aber lag auch
allein die absolute Notwendigkeit. Es mußte also bei dieser Überredung
ein gewisses regulatives Prinzip zum Grunde liegen. In der Tat ist auch Ausdehnung
und Undurchdringlichkeit (die zusammen den Begriff von Materie ausmachen) das
oberste empirische Principium der Einheit der Erscheinungen, und hat, so fern
als es empirisch unbedingt ist, eine Eigenschaft des regulativen Prinzips an
sich. Gleichwohl, da jede Bestimmung der Materie, welche das Reale derselben
ausmacht, mithin auch die Undurchdringlichkeit, eine Wirkung (Handlung)
ist, die ihre Ursache haben muß, und daher immer noch abgeleitet ist,
so schickt sich die Materie doch nicht zur Idee eines notwendigen Wesens, als
eines Prinzips aller abgeleiteten Einheit; weil jede ihrer realen Eigenschaften,
als abgeleitet, nur bedingt notwendig ist, und also an sich aufgehoben werden
kann, hiemit aber das ganze Dasein der Materie aufgehoben werden würde,
wenn dieses aber nicht geschähe, wir den höchsten Grund der Einheit
empirisch erreicht haben würden, welches durch das zweite regulative Prinzip
verboten wird, so folgt: daß die Materie, und überhaupt, was zur
Welt gehörig ist, zu der Idee eines notwendigen Urwesens, als eines bloßen
Prinzips der größten empirischen Einheit, nicht schicklich sei, sondern
daß es außerhalb der Welt gesetzt werden müsse, da wir denn
die Erscheinungen der Welt und ihr Dasein immer getrost von anderen ableiten
können, als ob es kein notwendiges Wesen gäbe, und dennoch zu der
Vollständigkeit der Ableitung unaufhörlich streben können, als
ob ein solches, als ein oberster Grund, vorausgesetzt wäre.
Das Ideal des höchsten Wesens ist nach diesen Betrachtungen nichts anders,
als ein r e g u l a t i v e s P r i n z i p
der Vernunft, alle Verbindung in der Welt so anzusehen, a
l s o b s i e aus einer allgenugsamen notwendigen Ursache entspränge,
um darauf die Regel einer systematischen und nach allgemeinen Gesetzen notwendigen
Einheit in der Erklärung derselben zu gründen, und ist nicht eine
Behauptung einer an sich notwendigen Existenz. Es ist aber zugleich unvermeidlich,
sich, vermittelst einer transzendentalen Subreption [Erschleichung],
dieses formale Prinzip als konstitutiv vorzustellen, und sich diese Einheit
hypostatisch zu denken. Denn, so wie der Raum, weil er alle Gestalten, die lediglich
verschiedene Einschränkungen desselben sind, ursprünglich möglich
macht, ob er gleich nur ein Prinzipium der Sinnlichkeit ist, dennoch eben darum
für ein schlechterdings notwendiges für sich bestehendes Etwas und
einen a priori an sich selbst gegebenen Gegenstand gehalten wird, so geht es
auch ganz natürlich zu, daß, da die systematische Einheit der Natur
auf keinerlei Weise zum Prinzip des empirischen Gebrauchs unserer Vernunft aufgestellet
werden kann, als so fern wir die Idee eines allerrealesten Wesens, als der obersten
Ursache, zum Grunde legen, diese Idee dadurch als ein wirklicher Gegenstand,
und dieser wiederum, weil er die oberste Bedingung ist, als notwendig vorgestellt,
mithin ein r e g u l a t i v e s
Prinzip in ein k o n s t i t u t i v e s verwandelt
werde; welche Unterschiebung sich dadurch offenbart, daß, wenn ich nun
dieses oberste Wesen, welches respektiv auf die Welt schlechthin (unbedingt)
notwendig war, als Ding für sich betrachte, diese Notwendigkeit keines
Begriffs fähig ist, und also nur als formale Bedingung des Denkens, nicht
aber als materiale und hypostatische Bedingung des Daseins, in meiner Vernunft
anzutreffen gewesen sein müsse.Des dritten
Hauptstücks sechster Abschnitt
Von
der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises
Wenn denn weder der Begriff von Dingen überhaupt, noch die Erfahrung von
irgend einem D a s e i n ü b e r h a u p t, das, was gefordert wird, leisten
kann, so bleibt noch ein Mittel übrig, zu versuchen, ob nicht eine b e
s t i m m t e E r f a h r u n g, mithin die der Dinge der gegenwärtigen
Welt, ihre Beschaffenheit und Anordnung, einen Beweisgrund abgebe, der uns sicher
zur Überzeugung von dem Dasein eines höchsten Wesens verhelfen könne.
Einen solchen Beweis würden wir den p h y
s i k o t h e o l o g i s c h e n nennen. Sollte dieser auch
unmöglich sein: so ist überall kein genugtuender Beweis aus bloß
spekulativer Vernunft für das Dasein eines Wesens, welches unserer transzendentalen
Idee entspräche, möglich.
Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald einsehen, daß der Bescheid
auf diese Nachfrage ganz leicht und bündig erwartet werden könne.
Denn, wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee angemessen sein
sollte? Darin besteht eben das Ei-gentümliche der letzteren, daß
ihr niemals irgend eine Erfahrung kongruieren könne. Die transzendentale
Idee von einem notwendigen allgenugsamen Urwesen ist so überschwenglich
groß, so hoch über alles Empirische, das jederzeit bedingt ist, erhaben,
daß man teils niemals Stoff genug in der Erfahrung auftreiben kann, um
einen solchen Begriff zu füllen, teils immer unter dem Bedingten herumtappt,
und stets vergeblichnach dem Unbedingten, wovon uns kein Gesetz irgend einer
empirischen Synthesis ein Beispiel oder dazu die mindeste Leitung gibt, suchen
wird.
Würde das höchste Wesen in dieser Kette der Bedingungen stehen, so
würde es selbst ein Glied der Reihe derselben sein, und, eben so, wie die
niederen Glieder, denen es vorgesetzt ist, noch fernere Untersuchung wegen seines
noch höheren Grundes erfodern. Will man es dagegen von dieser Kette trennen,
und, als ein bloß intelligibeles Wesen, nicht in der Reihe der Naturursachen
mitbegreifen: welche Brücke kann die Vernunft alsdenn wohl schlagen, um
zu demselben zu gelangen? Da alle Gesetze des Überganges von Wirkungen
zu Ursachen, ja alle Synthesis und Erweiterung unserer Erkenntnis überhaupt
auf nichts anderes, als mögliche Erfahrung, mithin bloß auf Gegenstände
der Sinnenwelt gestellt sein und nur in An-
sehung ihrer eine Bedeutung haben können.
Die gegenwärtige Welt eröffnet uns einen so unermeßlichen Schauplatz
von Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit,
man mag diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder in der unbegrenzten
Teilung desselben verfolgen, daß selbst nach den Kenntnissen, welche unser
schwacher Verstand davon hat erwerben können, alle Sprache, über so
viele und unabsehlichgroße Wunder, ihren Nachdruck, alle Zahlen ihre Kraft
zu messen, und selbst unsere Gedanken alle Begrenzung vermissen, so, daß
sich unser Urteil vom Ganzen in ein sprachloses, aber desto beredteres Erstaunen
auflösen muß. Allerwärts sehen wir eine Kette von Wirkungen
und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln, Regelmä-ßigkeit im Entstehen
oder Vergehen, und, indem nichts von selbst in den Zustand getreten ist, darin
es sich befindet, so weiset er immer weiter hin nach einem anderen Dinge, als
seiner Ursache, welche gerade eben dieselbe weitere Nachfrage notwendig macht,
so, daß auf solche Weise das ganze All im Abgrunde des Nichts versinken
müßte, nähme man nicht etwas an, das außerhalb diesem
unendlichen Zufälligen, für sich selbst ursprünglich und unabhängig
bestehend, dasselbe hielte, und als die Ursache seines Ursprungs ihm zugleich
seine Fortdauer sicherte. Diese höchste Ursache (in Ansehung aller Dinge
der Welt), wie groß soll man sie sich denken? Die Welt kennen wir nicht
ihrem ganzen Inhalte nach, noch weniger wissen wir ihre Größe durch
die Vergleichung mit allem, was möglich ist, zu schätzen. Was hindert
uns aber, daß, da wir einmal in Absicht auf Kausalität ein äußerstes
und oberstes Wesen bedürfen, wir es nicht zugleich dem Grade der Vollkommenheit
nach ü b e r a l l e s a n d e r e M ö
g l i c h e setzen sollten? welches wir leicht, obzwar freilich
nur durch den zarten Umriß eines abstrakten Begriffs, bewerkstelligen
können, wenn wir uns in ihm, als einer einigen Substanz, alle mögliche
Vollkommenheit vereinigt vorstellen; welcher Begriff der Forderung unserer Vernunft
in der Ersparung der Prinzipien günstig, in sich selbst keinen Widersprüchen
unterworfen und selbst der Erweiterung des Vernunftgebrauchs mitten in der Erfahrung,
durch die Leitung, welche eine solche Idee auf Ordnung und Zweckmäßigkeit
gibt, zuträglich, nirgend aber einer Erfahrung auf entschiedene Art zuwider
ist.
Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden. Er ist der älteste,
kläreste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten angemessene. Er belebt
das Studium der Natur, so wie er selbst von diesem sein Dasein hat und dadurch
immer neue Kraft bekommt. Er bringt Zwecke und Absichten dahin, wo sie unsere
Beobachtung nicht von selbst entdeckt hätte, und erweitert unsere Naturkenntnisse
durch den Leitfaden einer besonderen Einheit, deren Prinzip außer der
Natur ist. Diese Kenntnisse wirken aber wieder auf ihre Ursache, nämlich
die veranlassende Idee, zurück, und vermehren den Glauben an einen höchsten
Urheber bis zu einer unwiderstehlichen Überzeugung.
Es würde daher nicht allein trostlos, sondern auch ganz umsonst sein, dem
Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen. Die Vernunft, die durch somächtige
und unter ihren Händen immer wachsende, obzwar nur empirische Beweisgründe
unablässig gehoben wird, kann durch keine Zweifel subtiler abgezogener
Spekulation so niedergedrückt werden, daß sie nicht aus jeder grüblerischen
Unentschlossenheit, gleich als aus einem Traume, durch einen Blick, den sie
auf die Wunder der Natur und der Majestät des Weltbaues wirft, gerissen
werden sollte, um sich von Größe zu Größe bis zur allerhöchsten,
vom Bedingten zur Bedingung, bis zum obersten und unbedingten Urheber zu erheben.
Ob wir aber gleich wider die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit
dieses Verfahrens nichts einzuwenden, sondern es vielmehr zu empfehlen und aufzumuntern
haben, so können wir darum doch die Ansprüche nicht billigen, welche
diese Beweisart auf apodiktische Gewißheit und auf einen gar keiner Gunst
oder fremden Unterstützung bedürftigen Beifallmachen möchte,
und es kann der guten Sache keinesweges schaden, die dogmatische Sprache eines
hohnsprechenden Vernünftlers auf den Ton der Mäßigung und Bescheidenheit,
eines zur Beruhigung hinreichenden, obgleich eben nicht unbedingte Unterwerfung
gebietenden Glaubens, herabzustimmen. Ich behaupte demnach, daß der physikotheologische
Beweis das Dasein eines höchsten Wesens niemals allein dartun könne,
sondern es jederzeit dem ontologischen (welchem er nur zur Introduktion dient)
überlassen müsse, diesen Mangel zu ergänzen, mithin dieser immer
noch den einzig möglichen Beweisgrund
(wofern überall nur ein spekulativer Beweis stattfindet) enthalte,
den keine menschliche Vernunft vorbeigehen kann.
Die Hauptmomente des gedachten physischtheologischen
Beweises sind folgende.
1) In der Welt finden sich allerwärts deutliche Zeichen einer Anordnung
nach bestimmter Absicht, mit großer Weisheit ausgeführt, und in einem
Ganzen von unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit des Inhalts sowohl, als auch unbegrenzter
Größe des Umfangs.
2) Den Dingen der Welt ist diese zweckmäßige Anordnung ganz fremd,
und hängt ihnen nur zufällig an, d.i. die Natur verschiedener Dinge
konnte von selbst, durch so vielerlei sich vereinigende Mittel, zu bestimmten
Endabsichten nicht zusammenstimmen, wären sie nicht durch ein anordnendes
vernünftiges Prinzip, nach zum Grunde liegenden Ideen, dazu ganz eigentlich
gewählt und angelegt worden.
3) Es existiert also eine erhabene und weise Ursache (oder mehrere), die nicht
bloß, als blindwirkende allvermögende Natur, durch
F r u c h t b a r keit,
sondern, als Intelligenz, durch F r e i h e i
t die Ursache der Welt sein muß.
4) Die Einheit derselben läßt sich aus der Einheit der wechselseitigen
Beziehung der Teile der Welt, als Glieder von einem künstlichen Bauwerk,
an demjenigen, wohin unsere Beobachtung reicht, mit Gewißheit, weiterhin
aber, nach allen Grundsätzen der Analogie, mit Wahrscheinlichkeit schließen.
Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluß zu
schikanieren, da sie aus der Analogie einiger Naturprodukte mit demjenigen,
was menschliche Kunst hervorbringt, wenn sie der Natur Gewalt tut, und sie nötigt,
nicht nach ihren Zwecken zu verfahren, sondern sich in die unsrigen zu schmiegen
(der Ähnlichkeit derselben mit Häusern, Schiffen, Uhren), schließt,
es werde eben eine solche Kausalität, nämlich Verstand und Wille,
bei ihr zum Grunde liegen, wenn sie die innere Möglichkeit der freiwirkenden
Natur (die alle Kunst und vielleicht selbst sogar die Vernunft zuerst möglich
macht), noch von einer anderen obgleich übermenschlichen Kunst ableitet,
welche Schlußart vielleicht die schärfste transz. Kritik nicht aushalten
dürfte: muß man doch gestehen, daß, wenn wir einmal eine Ursache
nennen sollen, wir hier nicht sicherer, als nach der Analogie mit dergleichen
zweckmäßigen Erzeugungen, die die einzigen sind, wovon uns die Ursachen
und Wirkungsart völlig bekannt sind, verfahren können. Die Vernunft
würde es bei sich selbst nicht verantworten können, wenn sie von der
Kausalität, die sie kennt, zu dunkeln und unerweislichen Erklärungsgründen,
die sie nicht kennt, übergehen wollte.
Nach diesem Schlusse müßte die Zweckmäßigkeit und Wohlgereimtheit
so vieler Naturanstalten bloß die Zufälligkeit der Form, aber nicht
der Materie, d.i. der Substanz in der Welt beweisen; denn zu dem letzteren würde
noch erfordert werden, daß bewiesen werden könnte, die Dinge der
Welt wären an sich selbst zu dergleichen Ordnung und Einstimmung, nach
allgemeinen Gesetzen, untauglich, wenn sie nicht, selbst ihrer
Substanz nach, das Produkt einer höchsten Weisheit wären; wozu
aber ganz andere Beweisgründe, als die von der Analogie mit menschlicher
Kunst, erfordert werden würden. Der Beweis könnte also höchstens
einen Weltbaumeister, der durch
die Tauglichkeit des Stoffs, den er bearbeitet, immer sehr eingeschränkt
wäre, aber nicht einen Weltschöpfer,
dessen Idee alles unterworfen ist, dartun, welches zu der großen Absicht,
die man vor Augen hat, nämlich ein allgenugsames Urwesen zu beweisen, bei
weitem nicht hinreichend ist. Wollten wir die Zufälligkeit der Materie
selbst beweisen, so müßten wir zu einem transzendentalen Argumente
unsere Zuflucht nehmen, welches aber hier eben hat vermieden werden sollen.
Der Schluß geht also von der in der Welt so durchgängig zu beobachtenden
Ordnung und Zweckmäßigkeit, als einer durchaus zufälligen Einrichtung,
auf das Dasein einer i h r p r o p o r t i o n i e r t e n Ursache. Der Begriff
dieser Ursache aber muß uns etwas ganz Bestimmtes von ihr zu erkennen
geben, und er kann also kein anderer sein, als der von einem Wesen, das alle
Macht, Weisheit etc., mit einem Worte, alle Vollkommenheit, als ein allgenugsames
Wesen, besitzt. Denn die Prädikate von s e h r g r o ß e r, von erstaunlicher,
von unermeßlicher Macht und Trefflichkeit geben gar keinen bestimmten
Begriff, und sagen eigentlich nicht, was das Ding an sich
selbst sei, sondern sind nur Verhältnisvorstellungen von der Größe
des Gegenstandes, den der Beobachter (der Welt) mit sich selbst und seiner Fassungskraft
vergleicht, und die gleich hochpreisend ausfallen, man mag den Gegenstand vergrößern,
oder das beobachtende Subjekt in Verhältnis auf ihn kleiner machen. Wo
es auf Größe (der Vollkommenheit) eines Dinges überhaupt ankommt,
da gibt es keinen bestimmten Begriff, als den, so die ganze mögliche Vollkommenheit
begreift, und nur das All (omnitudo) der Realität
ist im Begriffe durchgängig bestimmt.
Nun will ich nicht hoffen, daß sich jemand unterwinden sollte, das Verhältnis
der von ihm beobachteten Weltgröße (nach Umfang sowohl als Inhalt)
zur Allmacht, der Weltordnung zur höchsten Weisheit, der Welteinheit zur
absoluten Einheit des Urhebers etc. einzusehen. Also kann die Physikotheologie
keinen bestimmten Begriff von der obersten Weltursache geben, und daher zu einem
Prinzip der Theologie, welche wiederum die Grundlage der Religion ausmachen
soll, nicht hinreichend sein.
Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen Weg ganz
und gar unmöglich. Nun tut man ihn doch aber im physischtheologischen Beweise.
Welches Mittels bedient man sich also wohl, über eine so weite Kluft zu
kommen?
Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit, der Macht
etc. des Welturhebers gelangt ist, und nicht weiter kommen kann, so verläßt
man auf einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte Argument,
und geht zu der gleich anfangs aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit
der Welt geschlossenen Zufälligkeit derselben. Von dieser Zufälligkeit
allein geht man nun, lediglich durch transzendentale Begriffe, zum Dasein eines
Schlechthinnotwendigen, und von dem Begriff der absoluten Notwendigkeit der
ersten Ursache auf den durchgängig bestimmten oder bestimmenden Begriff
desselben, nämlich einer allbefassenden Realität. Also blieb der physischtheologische
Beweis in seiner Unternehmung stecken, sprang in dieser Verlegenheit plötzlich
zu dem kosmologischen Beweise über, und da dieser nur ein versteckter ontologischer
Beweis ist, so vollführte er seine Absicht wirklich bloß durch reine
Vernunft, ob er gleich anfänglich alle Verwandtschaft mit dieser abgeleugnetund
alles auf einleuchtende Beweise aus Erfahrung ausgesetzt hatte.
Die Physikotheologen haben also gar nicht Ursache, gegen die transzendentale
Beweisart so spröde zutun, und auf sie mit dem Eigendünkel hellsehender
Naturkenner, als auf das Spinnengewebe finsterer Grübler, herabzusehen.
Denn, wenn sie sich nur selbst prüfen wollten, so würden sie finden,
daß, nachdem sie eine gute Strecke auf dem Boden der Natur und Erfahrung
fortgegangen sind, und sich gleichwohl immer noch eben so weit von dem Gegenstande
sehen, der ihrer Vernunft entgegen scheint, sie plötzlich diesen Boden
verlassen, und ins Reich bloßer Möglichkeiten übergehen, wo
sie auf den Flügeln der Ideen demjenigen nahe zu kommen hoffen, was sich
aller ihrer empirischen Nachsuchung entzogen hatte. Nachdem sie endlich durch
einen so mächtigen Sprung festen Fuß gefaßt zu haben vermeinen,
so verbreiten sie den nunmehr bestimmten Begriff (in dessen Besitz sie, ohne
zu wissen wie, gekommen sind) über das ganze Feld der Schöpfung, und
erläutern das Ideal, welches lediglich ein Produkt der reinen Vernunft
war, obzwar kümmerlich genug, und weit unter der Würde seines Gegenstandes,
durch Erfahrung, ohne doch gestehen zu wollen, daß sie zu dieser Kenntnis
oder Voraussetzung durch einen andern Fußsteig, als den der Erfahrung,
gelangt sind.
So liegt demnach dem physikotheologischen Beweise der kosmologische, diesem
aber der ontologische Beweis, vom Dasein eines einigen Urwesens als höchsten
Wesens, zum Grunde, und da außer diesen dreien Wegen keiner mehr der spekulativen
Vernunft offen ist, so ist der ontologische Beweis, aus lauter reinen Vernunftbegriffen,
der einzige mögliche, wenn überall nur ein Beweis von einem so weit
über allen empirischen Verstandesgebrauch erhabenen Satze möglich
ist.Des dritten
Hauptstücks siebenter Abschnitt
Kritik
aller Theologie aus spekulativen Prinzipen der Vernunft
Wenn ich unter Theologie die Erkenntnis des Urwesens verstehe, so ist sie entweder
die aus bloßer Vernunft (theologia rationalis)
oder aus Offenbarung (revelata).
Die erstere denkt sich nun ihren Gegenstand entweder bloß durch
reine Vernunft, vermittelst lauter transzendentaler Begriffe
(ens originarium, realissimum, ens entium), und heißt
die transzendentale Theologie, oder durch einen Begriff, den sie aus der Natur
(unserer Seele) entlehnt, als die höchste Intelligenz, und müßte
die natürliche Theologie heißen. Der, so allein eine transzendentale
Theologie einräumt, wird Deist, der, so auch eine natürliche Theologie
annimmt, Theist genannt. Der erstere gibt zu, daß wir allenfalls das Dasein
eines Urwesens durch bloße Vernunft erkennen können, wovon aber unser
Begriff bloß transzendental sei, nämlich nur als von einem Wesen,
das alle Realität hat, die man aber nicht näher bestimmen kann. Der
zweite behauptet, die Vernunft sei im Stande, den Gegenstand nach der Analogie
mit der Natur näher zu bestimmen, nämlich als ein Wesen, das durch
Verstand und Freiheit den Urgrund aller anderen Dinge in sich enthalte. Jener
stellt sich also unter demselben bloß eine Weltursache
(ob durch die Notwendigkeit seiner Natur, oder durch Freiheit, bleibt unentschieden),
dieser einen Welturheber vor.
Die transzendentale Theologie ist entweder diejenige, welche das Dasein des
Urwesens von einer Erfahrung überhaupt (ohne über die Welt, wozu sie
gehört, etwas näher zu bestimmen) abzuleiten gedenkt, und heißt
Kosmotheologie, oder glaubt durch
bloße Begriffe, ohne Beihilfe der mindesten Erfahrung, sein Dasein zu
erkennen, und wird Ontotheologie
genannt.
Die natürliche Theologie
schließt auf die Eigenschaften und das Dasein eines Welturhebers, aus
der Beschaffenheit, der Ordnung und Einheit, die in dieser Welt angetroffen
wird, in welcher zweierlei Kausalität und deren Regel angenommen werden
muß, nämlich Natur und Freiheit. Daher steigt sie von dieser Welt
zur höchsten Intelligenz auf, entweder als dem Prinzip aller natürlichen,
oder aller sittlichen Ordnung und Vollkommenheit. Im ersteren Falle heißt
sie Physikotheologie,
im letzten Moraltheologie.
Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa bloß eine blindwirkende
ewige Natur, als die Wurzel der Dinge, sondern ein höchstes Wesen, das
durch Verstand und Freiheit der Urheberder Dinge sein soll, zu verstehen gewohnt
ist, und auch dieser Begriff allein uns interessiert, so könnte man, nach
der Strenge, dem Deisten
allen Glauben an Gott absprechen, und ihm lediglich die Behauptung
eines Urwesens, oder obersten Ursache, übrig lassen. Indessen, da niemand
darum, weil er etwas sich nicht zu behaupten getraut, beschuldigt werden darf,
er wolle es gar leugnen, so ist es gelinder und billiger, zu sagen: der
Deist glaube einen
Gott, der Theist aber
einen l e b e n d i g e
n G o t t (summam
intelligentiam). Jetzt wollen wir die möglichen Quellen aller
dieser Versuche der Vernunft aufsuchen.
Ich begnüge mich hier, die theoretische Erkenntnis durch eine solche zu
erklären, wodurch ich erkenne, was d a i
s t, die praktische aber, dadurch ich mir vorstelle, was d
a s e i n s o l l. Diesemnach ist der theoretische Gebrauch
der Vernunft derjenige, durch den ich a priori (als notwendig) erkenne, daß
etwas sei; der praktische aber, durch den a priori erkannt wird, was geschehen
solle. Wenn nun entweder, daß etwas sei, oder geschehen solle, ungezweifelt
gewiß, aber doch nur bedingt ist: so kann doch entweder eine gewisse bestimmte
Bedingung dazu schlechthin notwendig sein, oder sie kann nur als beliebig und
zufällig vorausgesetzt werden. Im ersteren Falle wird die Bedingung postuliert
(per thesin), im zweiten supponiert [unterstellt]
(per hypothesin).
Da es praktische Gesetze gibt, die schlechthin notwendig sind (die moralische),
so muß, wenn diese irgend ein Dasein, als die Bedingung der Möglichkeit
ihrer v e r b i n d e n d e n Kraft,
notwendig voraussetzen, dieses Dasein p o s t u l i e
r t werden, darum, weil das Bedingte, von welchem der Schluß auf
diese bestimmte Bedingung geht, selbst a priori als schlechterdingsnotwendig
erkannt wird. Wir werden künftig von den moralischen Gesetzen zeigen, daß
sie das Dasein eines höchsten Wesens nicht bloß voraussetzen, sondern
auch, da sie in anderweitiger Betrachtung schlechterdings notwendig sind, es
mit Recht, aber freilich nur praktisch, postulieren; jetzt setzen wir diese
Schlußart noch bei Seite.
Da, wenn bloß von dem, was da ist (nicht, was sein soll), die Rede ist,
das Bedingte, welches uns in der Erfahrung gegeben wird, jederzeit auch als
zufällig gedacht wird, so kann die zu ihm gehörige Bedingung daraus
nicht als schlechthinnotwendig erkannt werden, sondern dient nur als eine respektivnotwendige,
oder vielmehr n ö t i g e,
an sich selbst aber und a priori willkürliche Voraussetzung zum
Vernunfterkenntnis des Bedingten. Soll also die absolute Notwendigkeit eines
Dinges im theoretischen Erkenntnisse erkannt werden, so könnte dieses allein
aus Begriffen a priori geschehen, niemals aber als einer Ursache, in Beziehung
auf ein Dasein, das durch Erfahrung gegeben ist.
Eine theoretische Erkenntnis ist s p e k u l a
t i v, wenn sie auf einen Gegenstand, oder solche Begriffe von
einem Gegenstande, geht, wozu man in keiner Erfahrung gelangen kann. Sie wird
der Naturerkenntnis entgegengesetzt, welche auf keine andere Gegenstände
oder Prädikate derselben geht, als die in einer möglichen Erfahrung
gegeben werden können.
Der Grundsatz, von dem, was geschieht (dem Empirischzufälligen), als Wirkung,
auf eine Ursache zu schließen, ist ein Prinzip der N
a t u r e r k e n n t n i s, aber nicht der spekulativen. Denn,
wenn man von ihm, als einem Grundsatze, der die Bedingung möglicher Erfahrung
überhaupt enthält, abstrahiert, und, indem man alles Empirische wegläßt,
ihn vom Zufälligen überhaupt aussagen will, so bleibt nicht die mindeste
Rechtfertigung eines solchen synthetischen Satzes übrig, um daraus zu ersehen,
wie ich von etwas, was da ist, zu etwas davon ganz Verschiedenem (genannt
Ursache) übergehen könne; ja der Begriff einer Ursache verliert
eben so, wie des Zufälligen, in solchem bloß spekulativen Gebrauche,
alle Bedeutung, deren objektive Realität sich in concreto begreiflich machen
lasse.
Wenn man nun vom Dasein der D i n g e
in der Welt auf ihre Ursache schließt, so gehört dieses nicht zum
n a t ü r l i c h e n, sondern
zum s p e k u l a t i v e n Vernunftgebrauch;
weil jener nicht die Dinge selbst (Substanzen), sondern nur das, was geschieht,
also ihre Zustände, als empirisch zufällig, auf irgendeine Ursache
bezieht; daß die Substanz selbst (die Materie) dem Da. sein nach zufällig
sei, würde ein bloß spekulatives Vernunfterkenntnis sein müssen.
Wenn aber auch nur von der Form der Welt, der Art ihrer Verbindung und dem Wechsel
derselben die Rede wäre, ich wollte aber daraus auf eine Ursache schließen,
die von der Welt gänzlich unterschieden ist; so würde dieses wiederum
ein Urteil der bloß spekulativen Vernunft sein, weil der Gegenstand hier
gar kein Objekt einer möglichen Erfahrung ist. Aber alsdann würde
der Grundsatz der Kausalität, der nur innerhalb dem Felde der Erfahrungen
gilt, und außer demselben ohne Gebrauch, ja selbst ohne Bedeutung ist,
von seiner Bestimmung gänzlich abgebracht.
Ich behaupte nun, daß alle Versuche eines bloß spekulativen Gebrauchs
der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer inneren
Beschaffenheit nach null und nichtig sind; daß aber die Prinzipien ihres
Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie führen, folglich, wenn
man nicht moralische Gesetze zum Grunde legt, oder zum Leitfaden braucht, es
überall keine Theologie der Vernunft geben könne. Denn alle synthetischen
Grundsätze des Verstandes sind von immanentem Gebrauch; zu der Erkenntnis
eines höchsten Wesens aber wird ein transzendenter Gebrauch derselben erfordert,
wozu unser Verstand gar nicht ausgerüstet ist. Soll das empirisch gültige
Gesetz der Kausalität zu dem Urwesen führen, so müßte dieses
in die Kette der Gegenstände der Erfahrung mitgehoren; alsdann wäre
es aber, wie alle Erscheinungen, selbst wiederum bedingt. Erlaubte man aber
auch den Sprung über die Grenze der Erfahrung hinaus, vermittelst des dynamischen
Gesetzes der Beziehung der Wirkungen auf ihre Ursachen; welchen Begriff kann
uns dieses Verfahren verschaffen? Bei weitem keinen Begriff von einem höchsten
Wesen, uns Erfahrung niemals die größte aller möglichen Wirkungen
(als welche das Zeugnis von ihrer Ursache ablegen soll) darreicht. Soll es uns
erlaubt sein, bloß, um in unserer Vernunft nichts Leeres übrig zu
lassen, diesen Mangel der völligen Bestimmung durch eine bloße Idee
der höchsten Vollkommenheit und ursprünglichen Notwendigkeit auszufüllen:
so kann dieses zwar aus Gunst eingeräumt, aber nicht aus dem Rechte eines
unwiderstehlichen Beweises gefordert werden. Der physischtheologische Beweis
könnte also vielleicht wohl anderen Beweisen (wenn solche zu haben sind)
Nachdruck geben, indem er Spekulation mit Anschauung verknüpft; für
sich selbst aber bereitet er mehr den Verstand zur theologischen Erkenntnis
vor, und gibt ihm dazu eine gerade und natürliche Richtung, als daß
er a l l e i n das Geschäft vollenden könnte.
Man sieht also hieraus wohl, daß transzendentale Fragen nur transzendentale
Antworten, d.i. aus lauter Begriffen a priori ohne die mindeste empirische Beimischung,
erlauben. Die Frage ist hier aber offenbar synthetisch und verlangt eine Erweiterung
unserer Erkenntnis über alle Grenzen der Erfahrung hinaus, nämlich
zu dem Dasein eines Wesens, das unserer bloßen Idee entsprechen soll,
der niemals irgend eine Erfahrung gleichkommen kann. Nun ist, nach unseren obigen
Beweisen, alle synthetische Erkenntnis a priori nur dadurch möglich, daß
sie die formalen Bedingungen einer möglichen Erfahrung ausdrückt,
und alle Grundsätze sind also nur von immanenter Gültigkeit, d.i.
sie beziehen sich lediglich auf Gegenstände empi-rischer Erkenntnis, oder
Erscheinungen. Also wird auch durch transzendentales Verfahren in Absicht auf
die Theologie einer bloß spekulativen Vernunft nichts ausgerichtet.
Wollte man aber lieber alle obige Beweise der Analytik in Zweifel ziehen, als
sich die Überredung von dem Gewichte der so lange gebrauchten Beweisgründe
rauben lassen: so kann man sich doch nicht weigern, der Auffoderung ein Genüge
zu tun, wenn ich verlange, man solle sich wenigstens darüber rechtfertigen,
wie und vermittelst welcher Erleuchtung man sich denn getraue, alle mögliche
Erfahrung durch die Macht bloßer Ideen zu überfliegen. Mit neuen
Beweisen, oder ausgebesserter Arbeit alter Beweise, würde ich bitten, mich
zu verschonen. Denn, ob man zwar hierin eben nicht viel zu wählen hat,
indem endlich doch alle bloß spekulative Beweise auf einen einzigen, nämlich
den ontologischen, hinauslaufen, und ich also eben nicht fürchten darf,
sonderlich durch die Fruchtbarkeit der dogmatischen Verfechter jener sinnenfreien
Vernunft belästigt zu werden; obgleich ich überdem auch, ohne mich
darum sehr streitbar zu dünken, die Ausforderung nicht ausschlagen will,
in jedem Versuche dieser Art den Fehlschluß aufzudecken, und dadurch seine
Anmaßung zu vereiteln: so wird daher doch die Hoffnung besseren Glücks
bei denen, welche einmal dogmatischer Überredungen gewohnt sind, niemals
völlig aufgehoben, und ich halte mich daher an der einzigen billigen Forderung,
daß man sich allgemein und aus der Natur des menschlichen Verstandes,
samt allen übrigen Erkenntnisquellen, darüber rechtfertige, wie man
es anfangen wolle, seine Erkenntnis ganz und gar a priori zu erweitern, und
bis dahin zu erstrecken, wo keine mögliche Erfahrung und mithin kein Mittel
hinreicht, irgend einem von uns selbst ausgedachten Begriffe seine objektive
Realität zu versichern. Wie der Verstand auch zu diesem Begriffe gelanget
sein mag, so kann doch das Dasein des Gegenstandes desselben nicht analytisch
in demselben gefunden werden, weil eben darin die Erkenntnis der E
x i s t e n z des Objekts besteht, daß dieses a u ß
e r dem G e d a n k e n an sich selbst gesetzt ist. Es ist aber gänzlich
unmöglich, aus einem Begriffe von selbst hinaus zu gehen, und, ohne daß
man der empirischen Verknüpfung folgt (wodurch aber
jederzeit nur Erscheinungen gegeben werden), zu Entdeckung neuer Gegenstände
und überschwenglicher Wesen zu gelangen.
Ob aber gleich die Vernunft in ihrem bloß spekulativen Gebrauche zu dieser
so großen Absicht bei weitem nicht zulänglich ist, nämlich zum
Dasein eines obersten Wesens zu gelangen: so hat sie doch darin sehr großen
Nutzen, die Erkenntnis desselben, im Fall sie anders woher geschöpft werden
könnte, zu berichtigen, mit
sich selbst und jeder intelligibelen Absicht einstimmig zu machen, und von allem,
was dem Begriffe eines Urwesens zuwider sein möchte, und aller Beimischung
empirischer Einschränkungen zu reinigen.
Die transzendentale Theologie bleibt demnach, aller ihrer Unzulänglichkeit
ungeachtet, dennoch von wichtigem negativen Gebrauche, und ist eine beständige
Zensur unserer Vernunft, wenn sie bloß mit reinen Ideen zu tun hat, die
eben darum kein anderes, alstranszendentales Richtmaß zulassen. Denn,
wenn ein-mal, in anderweitiger, vielleicht praktischer Beziehung, die V
o r a u s s e t z u n
g eines höchsten und allgenugsamen Wesens, als oberster
Intelligenz, ihre Gültigkeit ohne Widerrede behauptete: so wäre es
von der größten Wichtigkeit, diesen Begriff auf seiner transzendentalen
Seite, als den Begriff eines notwendigen und allerrealesten Wesens, genau zu
bestimmen, und, was der höchsten Realität zuwider ist, was zur bloßen
Erscheinung (dem Anthropomorpahism
im weiteren Verstande) gehört, wegzuschaffen, und zugleich alle
entgegengesetzte Behauptungen, sie mögen nun atheistisch,
oder deistisch,
oder anthropomorphisch
sein, aus dem Wege zu räumen; welches in einer solchen kritischen
Behandlung sehr leicht ist, indem dieselben Gründe, durch welche das Unvermögen
der menschlichen Vernunft, in Ansehung der Behauptung des Daseins eines dergleichen
Wesens, vor Augen gelegt wird, notwendig auch zureichen, um die Untauglichkeit
einer jeden Gegenbehauptung zu beweisen.
Denn, wo will jemand durch reine Spekulation der Vernunft die Einsicht hernehmen,
daß es kein höchstes Wesen, als Urgrund von allem, gebe, oder daß
ihm keine von den Eigenschaften zukomme, welche wir, ihren Folgen nach, als
analogisch mit den dynamischen Realitäten eines denkenden Wesens, uns vorstellen,
oder daß sie, in dem letzteren Falle, auch allen Einschränkungen
unterworfen sein müßten, welche die Sinnlichkeit den Intelligenzen,
die wir durch Erfahrung kennen, unvermeidlich auferlegt.
Das
höchste Wesen
bleibt also für den bloß spekulativen Gebrauch
der Vernunft ein bloßes, aber doch
fehlerfreies Ideal, ein Begriff, welcher die
ganze menschliche Erkenntnis schließt und krönt, dessen
objektive Realität
auf diesem Wege zwar nicht
bewiesen,
aber auch nicht
widerlegt werden kann,
und, wenn es eine Moraltheologie geben sollte, die diesen Mangel ergänzen
kann, so beweiset alsdann die vorher nur problematische transzendentale Theologie
ihre Unentbehrlichkeit, durch Bestimmung ihres Begriffs und unaufhörliche
Zensur einer durch Sinnlichkeit oft genug getäuschten und mit ihren eigenen
Ideen nicht immer einstimmigen Vernunft. Die Notwendigkeit, die Unendlichkeit,
die Einheit, das Dasein außer der Welt (nicht als Weltseele), die Ewigkeit,
ohne Bedingungen der Zeit, die Allgegenwart, ohne Bedingungen des Raumes, die
Allmacht etc. sind lauter transzendentale Prädikate, und daher kann der
gereinigte Begriff derselben, den eine jede Theologie
so sehr nötig hat, bloß aus der transzendentalen gezogen werden.
S.561-604
Aus: Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft. Philosophische
Bibliothek Band 37a, Felix Meiner Verlag, Hamburg
Der
einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes
(1763)
Dritte Betrachtung:
Von dem schlechterdings notwendigen Dasein
1. Begriff
der absolut notwendigen Existenz überhaupt
Schlechterdings notwendig ist, dessen Gegenteil an sich selbst
unmöglich ist. [...] Wenn ich nun einen Augenblick nachdenke, weswegen
dasjenige, was sich widerspricht, schlechterdings nichts und unmöglich
sei, so bemerke ich: daß, weil dadurch der Satz des Widerspruchs, der
letzte logische Grund alles Denklichen, aufgehoben wird, alle Möglichkeit
verschwinde, und nichts dabei mehr zu denken sei. Ich nehme daraus alsbald ab,
daß, wenn ich alles Dasein überhaupt aufhebe, und hiedurch der letzte
Realgrund alles Denklichen wegfällt, gleichfalls alle Möglichkeit
verschwindet, und nichts mehr zu denken bleibt. Demnach kann etwas schlechterdings
notwendig sein, entweder wenn durch sein Gegenteil das Formale alles Denklichen
aufgehoben wird, das ist, wenn es sich selbst widerspricht, oder auch, wenn
sein Nichtsein das Materiale zu allem Denklichen, und alle Data dazu aufhebt.
Das erste findet, wie gesagt, niemals beim Dasein statt, und weil kein Drittes
möglich ist, so ist entweder der Begriff von der schlechterdings notwendigen
Existenz gar eintäuschender und falscher Begriff, oder er muß darin
beruhen, daß das Nichtsein eines Dinges zugleich die Verneinung von den
Datis zu allen Denklichen sei. Daß aber dieser Begriff nicht erdichtet,
sondern etwas Wahrhaftes sei, erhellet auf folgende Art. 2.
Es existiert ein schlechterdings notwendiges Wesen
Alle Möglichkeit setzt etwas Wirkliches voraus, worin und wodurch alles
Denkliche gegeben ist. Demnach ist eine gewisse Wirklichkeit, deren Aufhebung
selbst alle innere Möglichkeit überhaupt aufheben würde. Dasjenige
aber, dessen Aufhebung oder Verneinung alle Möglichkeit vertilgt, ist schlechterdings
notwendig. Demnach existiert etwas absolut notwendiger Weise. Bis dahin erhellet,
daß ein Dasein eines oder mehrerer Dinge selbst aller Möglichkeit
zum Grunde liege, und daß dieses Dasein an sich selbst notwendig sei.
Man kann hieraus auch leichtlich den Begriff der Zufälligkeit abnehmen.
Zufällig ist nach der Worterklärung, dessen Gegenteil möglich
ist. Um aber die Sacherklärung davon zu finden, so muß man auf folgende
Art unterscheiden. Im logischen Verstande ist dasjenige, als ein Prädikat,
an einem Subjekte zufällig, dessen Gegenteil demselben nicht widerspricht.
Z. E. Einem Triangel überhaupt ist es zufällig, daß er rechtwinklich
sei. Diese Zufälligkeit findet lediglich bei der Beziehung der Prädikate
zu ihren Subjekten statt, und leidet, weil das Dasein kein Prädikat ist,
auch gar keine Anwendung auf die Existenz. Dagegen ist im Realverstande zufällig
dasjenige, dessen Nichtsein zu denken ist, das ist, dessen Aufhebung nicht alles
Denkliche aufhebt. Wenn demnach die innere Möglichkeit der Dinge ein gewisses
Dasein nicht voraussetzt, so ist dieses zufällig, weil sein Gegenteil die
Möglichkeit nicht aufhebt. Oder: Dasjenige Dasein, wodurch nicht das Materiale
zu allem Denklichen gegeben ist, ohne welches also noch etwas zu denken, das
ist, möglich ist, dessen Gegenteil ist im Realverstande möglich, und
das ist in eben demselben Verstande auch zufällig.3.
Das notwendige Wesen ist einig
Weil das notwendige Wesen den letzten Realgrund aller andern Möglichkeit
enthält, so wird ein jedes andere Ding nur möglich sein, in so fern
es durch ihn alseinen Grund gegeben ist. Demnach kann ein jedes andere Ding
nur als eine Folge von ihm statt finden, und ist also aller andern Dinge Möglichkeit
und Dasein von ihm abhängend. Etwas aber, was selbst abhän-gend ist,
enthält nicht den letzten Realgrund aller Möglichkeit, und ist demnach
nicht schlechterdings notwendig. Mithin können nicht mehrere Dinge absolut
notwendig sein.
Setzet, A sei ein notwendiges Wesen, und B ein anderes. So ist, vermöge
der Erklärung, B nur in so fern möglich, als es durch einen andern
Grund A, als die Folge desselben gegeben ist. Weil aber vermöge der Voraussetzung
B selber notwendig ist, so ist seine Möglichkeit in ihm als ein Prädikat,
und nicht als eine Folge aus einem andern, und doch nur als eine Folge laut
dem vorigen gegeben, welches sich widerspricht.4.
Das notwendige Wesen ist einfach
Daß kein Zusammengesetztes aus viel Substanzen ein schlechterdings notwendiges
Wesen sein könne, erhellet auf folgende Art. Setzet, es sei nur eins seiner
Teile schlechterdings notwendig, so sind die andern nur insgesamt als Folgen
durch ihn möglich, und gehören nicht zu ihm als Nebenteile. Gedenket
euch, es wären mehrere oder alle notwendig, so widerspricht dieses der
vorigen Nummer. Es bleibt demnach nichts übrig, als sie müssen ein
jedes besonders zufällig, alleaber zusammen schlechterdings notwendig existieren.
Nun ist dieses aber unmöglich, weil ein Aggregat vonSubstanzen nicht mehr
Notwendigkeit im Dasein haben kann, als denen Teilen zukommt, und da diesen
gar keine zukommt, sondern ihre Existenz zufällig ist,so würde auch
die des Ganzen zufällig sein. Wenn man gedächte, sich auf die Erklärung
des notwendigen Wesens berufen zu können, so daß man sagte, in jeglichem
derer Teile wären die letzten Data einiger innern Möglichkeit, in
allen zusammen alles Mögliche gegeben, so würde man etwas ganz Ungereimtes,
wenn man sich alsdenn die innere Möglichkeit so gedenket, daß einige
können aufgehoben werden, doch so, daß übrigens, was durch die
andere Teile noch Denkliches gegeben worden, bliebe, so müßte man
sich vorstellen, es sei an sich möglich, daß die innere Möglichkeit
verneinet oder aufgehoben werde. Es ist aber gänzlich undenklich und widersprechend,
daß etwas nichts sei, und dieses will so viel sagen: eine innere Möglichkeit
aufheben ist alles Denkliche vertilgen, woraus erhellet, daß die Data
zu jedem Denklichen in demjenigen Dinge müssen gegeben sein, dessen Aufhebung
auch das Gegenteil aller Möglichkeit ist, daß also, was den letzten
Grund von einer innern Möglichkeit enthält, ihn auch von aller überhaupt
enthalte, mithin dieser Grund nicht in verschiedenen Substanzen verteilt sein
könne.5.
Das notwendige Wesen ist unveränderlich und ewig
Weil selbst seine eigene Möglichkeit, und jede andere dieses Dasein voraussetzt,
so ist keine andere Art der Existenz desselben möglich, das heißt,
es kann das notwendige Wesen nicht auf vielerlei Art existieren. Nämlich
alles, was da ist, ist durchgängig bestimmt, da dieses Wesen nun lediglich
darum möglich ist, weil es existiert, so findet keine Möglichkeit
des-selben statt, außer in so fern es in der Tat da ist; es ist also auf
keine andere Art möglich, als wie es wirklich ist. Demnach kann es nicht
auf andere Art bestimmt oder verändert werden. Sein Nichtsein ist schlechterdings
unmöglich, mithin auch sein Ursprung und Untergang, demnach ist es ewig. 6.
Das notwendige Wesen enthält die höchste Realität
Da die Data zu aller Möglichkeit in ihm anzutreffen sein müssen, entweder
als Bestimmungen desselben, oder als Folgen, die durch ihn als den ersten Realgrund
gegeben sein, so sieht man, daß alle Realität auf eine oder andere
Art durch ihn begriffen sei. Allein eben dieselbe Bestimmungen, durch die dieses
Wesen der höchste Grund ist von anderer möglichen Realität, setzen
in ihm selber den größesten Grad realer Eigenschaften, der nur immer
einem Dinge beiwohnen kann. Weil ein solches Wesen also das realste unter allen
möglichen ist, indem so gar alle andere nur durch dasselbe möglich
sein, so ist dieses nicht sozu verstehen, daß alle mögliche Realität
zu seinen Bestimmungen gehöre. Dieses ist eine Vermengung der Begriffe,
die bis dahin ungemein geherrscht hat. Man erteilt alle Realitäten Gott,
oder dem notwendigen Wesen ohne Unterschied als Prädikate, ohne wahrzunehmen,
daß sie nimmermehr in einem einzigen Subjekt als Bestimmungen neben einander
können stattfinden. Die Undurchdringlichkeit der Körper, die Ausdehnung
u.d.g. können nicht Eigenschaften von demjenigen sein, der da Verstand
und Willen hat. Es ist auch umsonst, eine Ausflucht darin zu suchen, daß
man die gedachte Beschaffenheiten nicht vor wahre Realität halte. Es ist
ohne allen Zweifel der Stoß eines Körpers oder die Kraft des Zusammenhanges
etwas wahrhaftig Positives. Eben so ist der Schmerz in den Empfindungen eines
Geistes nimmermehr eine bloße Beraubung. Ein irriger Gedanke hat eine
solche Vorstellung dem Scheine nach gerechtfertigt. Es heißt, Realität
und Realität widersprechen einander niemals,weil beides wahre Bejahungen
sein; demnach widerstreiten sie auch einander nicht in einem Subjekte. Ob ich
nun gleich einräume, daß hier kein logischer Widerstreit sei, so
ist dadurch doch nicht die Realrepugnanz gehoben. Diese findet jederzeit statt,
wenn etwas als ein Grund die Folge von etwas anderndurch eine reale Entgegensetzung
vernichtigt. Die Bewegungskraft eines Körpers nach einer Direktion, und
die Tendenz mit gleichem Grade in entgegengesetzter stehen nicht im Widerspruche.
Sie sind auch wirklich zugleich in einem Körper möglich. Aber eine
vernichtigt die Realfolge aus der andern, und da sonst von jeder insbesondere
die Folge eine wirkliche Bewegung sein würde, so ist sie jetzt von beiden
zusammen in einem Subjekte 0, das ist, die Folge von diesen entgegen gesetzten
Bewegungskräften ist die Ruhe. Die Ruhe aber ist ohne Zweifel möglich,
woraus man denn auch sieht, daß die Realrepugnanz ganz was anders sei
als die logische, oder der Widerspruch; denn das, was daraus folgt, ist schlechterdings
unmöglich. Nun kann aber in dem allerrealsten Wesen keine Realrepugnanz
oder positiver Widerstreit seiner eigenen Bestimmungen sein, weil die Folge
davon eine Beraubung oder Mangel sein würde, welches seiner höchsten
Realität widerspricht, und da, wenn alle Realitäten in demselben als
Bestimmungen lägen, ein solcher Widerstreit entstehen müßte,
so können sie nicht insgesamt als Prädikate in ihm sein, mithin weil
sie alle durch ihn gegeben sein, so werden sie entweder zu seinen Bestimmungen
oder Folgen gehören.
Es könnte auch beim ersten Anblick scheinen zu folgen: daß, weil
das notwendige Wesen den letzten Realgrund aller andern Möglichkeit enthält,
in ihm auch der Grund der Mängel und Verneinungen derer Wesen der Dinge
liegen müsse, welches, wenn es zugelassen würde, auch den Schluß
veranlassen dürfte, daß es selbst Negationen unter seinen Prädikaten
haben müsse, und nimmermehr nichts als Realität. Allein man richte
nur seine Augen auf den einmal festgesetzten Begriff desselben. In seinem Dasein
ist seine eigene Möglichkeit ursprünglich gegeben. Dadurch, daß
es nun andere Möglichkeiten sein, wovon es den Realgrund enthält,
folgt nach dem Satze des Widerspruchs, daß es nicht die Möglichkeit
des realsten Wesens selber, und daher solche Möglichkeiten, welche Verneinungen
und Mängel enthalten, sein müssen.
Demnach beruhet die Möglichkeit aller andern Dinge, in Ansehung dessen,
was in ihnen real ist, auf dem notwendigen Wesen, als einem Realgrunde, die
Mängel aber darauf, weil es andere Dinge und nicht das Urwesen selber sind,
als einem logischen Grunde.Die Möglichkeit des Körpers, in so fern
er Ausdehnung, Kräfte u. d. g. hat, ist in dem obersten alle Wesen gegründet;
in so ferne ihm die Kraft zu denken gebricht, so liegt diese Verneinung in ihm
selbst, nach dem Satz des Widerspruchs.
In der Tat sind Verneinungen an sich selbst nicht etwas, oder denklich, welches
man sich leichtlich auf folgende Art faßlich machen kann. Setzet nichts
als Negationen, so ist gar nichts gegeben, und kein Etwas, das zu denken wäre.
Verneinungen sind also nur durch die entgegengesetzte Positionen denklich, oder
vielmehr, es sind Positionen möglich, die nicht die größte sein.
Und hierin liegen schon, nach dem Satze der Identität die Verneinungen
selber. Es fällt auch leicht in die Augen, daß alle den Möglichkeiten
anderer Dinge beiwohnende Vereinigungen keinen Realgrund (weil sie nichts Positives
sind), mithin lediglich einen logischen Grund voraussetzen.
Vierte Betrachtung: Beweisgrund
zur Demonstration des Daseins Gottes
1. Das
notwendige Wesen ist ein Geist
Es ist oben bewiesen, daß das notwendige Wesen eine einfache Substanz
sei, imgleichen, daß nicht allein alle andere Realität durch dasselbe,
als einen Grund gegeben sei, sondern auch die größest mögliche,
die in einem Wesen als Bestimmung kann enthalten sein, ihm beiwohne. Nun können
verschiedene Beweise geführt werden, daß hiezu auch die Eigenschaften
des Verstandes und Willens gehören. Denn erstlich, beides ist wahre Realität
und beides kann mit der größest möglichen in einem Dinge beisammen
bestehn, welches letztere man durch ein unmittelbares Urteil des Verstandes
einzuräumen sich gedrungen sieht, ob es zwar nicht füglich zu derjenigen
Deutlic-keit gebracht werden kann, welche logisch vollkommene Beweise erfordern.
Zweitens sind die Eigenschaften eines Geistes, Verstand und Willen, von der
Art, daß wir uns keine Realität denken können, die, in Ermangelung
derselben, einem Wesen eine Ersetzung tun könnte, welche dem Abgang derselben
gleich wäre. Und da diese Eigenschaften also diejenige sind, welche der
höchsten Grade der Realität fähig sein, gleichwohl aber unter
die möglichen gehören, so müßte durch das notwendige Wesen,
als einen Grund, Verstand und Wille, und alle Realität der geistigen Natur
an andern möglich sein, die gleichwohl in ihm selbst nicht als eine Bestimmung
angetroffen würde. Es würde demnach die Folge größer sein
als selbst der Grund. Denn es ist gewiß, daß, wenn das höchste
Wesen nicht selbst Verstand und Willen hat, ein jedes andere, welches durch
ihn mit diesen Eigenschaften gesetzt werde, ohnerachtet es abhängend wäre,
und mancherlei andere Mängel der Macht u.s.w. hätte, gleichwohl in
Ansehung dieser Eigenschaften von der höchsten Art jenem in Realität
vorgehen müßte. Weil nun die Folgeden Grund nicht übertreffen
kann, so müssen Verstand und Wille der notwendigen einfachen Substanz als
Eigenschaften beiwohnen, das ist, sie ist ein Geist.
Drittens, Ordnung, Schönheit, Vollkommenheit in allem, was möglich
ist, setzen ein Wesen voraus, in dessen Eigenschaften entweder diese Beziehungen
gegründet sein, oder doch wenigstens durch welches Wesen die Dinge, diesen
Beziehungen gemäß, als auseinem Hauptgrunde möglich sein. Nun
ist das notwendige Wesen der hinlängliche Realgrund alles andern, was außer
ihm möglich ist, folglich wird in ihm auch diejenige Eigenschaft, durch
welche, diesen Beziehungen gemäß, alles außer ihm wirklich
werden kann, anzutreffen sein. Es scheinet aber, daß der Grund der äußern
Möglichkeit, der Ordnung, Schönheit und Vollkommenheit nicht zureichend
ist, wofernnicht ein dem Verstande gemäßer Wille voraus gesetzt ist.
Also werden diese Eigenschaften dem obersten Wesen müssen beigemessen werden.
Jedermann erkennet, daß, ungeachtet aller Gründe der Hervorbringung
von Pflanzen und Bäumen, dennoch regelmäßige Blumenstücke,
Alleen u. d. g. nur durch einen Verstand, der sie entwirft, und durch einen
Willen, der sie ausführt, möglich sein. Alle Macht oder Hervorbringungskraft,
imgleichen alle andere Data zur Möglichkeit ohne einen Verstand, sind unzulänglich,
die Möglichkeit solcher Ordnung vollständig zu machen.
Aus einem dieser hier angeführten Gründe, oder aus ihnen insgesamt,
wird der Beweis, daß das notwendige Wesen Willen und Verstand haben, mithin
ein Geist sein müsse, hergeleitet werden können. Ich begnüge
mich bloß, den Beweisgrund vollständig zu machen. Meine Absicht ist
nicht, eine förmliche Demonstration darzulegen.
2.
Es ist ein Gott
Es existiert etwas schlechterdings notwendig. Dieses ist einig in seinem Wesen,
einfach in seiner Substanz, ein Geist nach seiner Natur, ewig in seiner Dauer,
unveränderlich in seiner Beschaffenheit, allgenugsam in Ansehung alles
Möglichen und Wirklichen. Es ist ein Gott. Ich gebe hier keine bestimmte
Erklärung von dem Begriffe von Gott. Ich müßte dieses tun, wenn
ich meinen Gegenstand systematisch betrachten wollte. Was ich hier darlege,
soll die Analyse sein, dadurch man sich zur förmlichen Lehrverfassung tüchtig
machen kann. Die Erklärung des Begriffs der Gottheit mag indessen angeordnet
werden, wie man es vor gut findet, so bin ich doch gewiß, daß dasjenige
Wesen, dessen Dasein wir nur eben bewiesen haben, eben dasjenige göttliche
Wesen sei, dessen Unterscheidungszeichen man auf eine oder die andere Art in
die kürzeste Benennung bringen wird.
(Suhrkamp stw 187, Kant: Vorkritische Schriften bis 1768 2, S.642-651 - Der
einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseyns Gottes)
Der erhabenste Gedanke: Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit
. . .
Gott ist allgenugsam. Was da ist, es sei möglich oder wirklich, das ist
nur etwas, in so ferne es durch ihn gegeben ist. Eine menschliche Sprache kann
den Unendlichen so zu sich selbst reden lassen:
Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts, ohne in so ferne
es durch mich etwas ist. Dieser Gedanke, der erhabenste unter allen, ist noch
sehr vernachlässigt, oder mehrenteils gar nicht berührt worden. Das,
was sich in den Möglichkeiten der Dinge zu Vollkommenheit und Schönheit
in vortrefflichen Planen darbietet, ist als ein vor sich notwendiger Gegenstand
der göttlichen Weisheit, aber nicht selbst als eine Folge von diesem unbegreiflichen
Wesen angesehen worden. Man hat die Abhängigkeit anderer Dinge bloß
auf ihr Dasein eingeschränkt, wodurch ein großer Anteil von so viel
Vollkommenheit jener obersten Natur entzogen, und ich weiß nicht welchem
ewigen Undinge beigemessen wird.
Es ist nur ein
Gott .
. .
Es ist nur ein Gott und nur ein Beweisgrund, durch welchen es möglich ist,
sein Dasein mit der Wahrnehmung derjenigen Notwendigkeit einzusehen, die schlechterdings
alles Gegenteil vernichtigt. Ein Urteil, darauf selbst die Beschaffenheit des
Gegenstandes unmittelbar führen könnte. Alle andere Dinge, welche
irgend da sein, könnten auch nicht sein. Die Erfahrung von zufälligen
Dingen kann demnach keinen tüchtigen Beweisgrund abgeben, das Dasein desjenigen
daraus zu erkennen, von dem es unmöglich ist, daß er nicht sei. Nur
lediglich darin, daß die Verneinung der göttlichen Existenz völlig
nichts ist, liegt der Unterschied seines Daseins von anderer Dinge ihrem. Die
innere Möglichkeit, die Wesen der Dinge sind nun dasjenige, dessen Aufhebung
alles Denkliche vertilgt. Hierin wird also das eigene Merkmal von dem Dasein
des Wesens aller Wesen bestehen. Hierin sucht den Beweistum, und wenn ihr ihn
nicht daselbst anzutreffen vermeint, so schlaget euch von diesem ungebähnten
Fußsteige auf die große Heeresstraße der menschlichen Vernunft.
Es ist durchaus nötig, daß man sich vom Dasein Gottes überzeuge;
es ist aber nicht eben so nötig, daß man es demonstriere.
Aus: Immanuel Kant: Vorkritische Schriften bis 1768
2,. - Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins
Gottes (S.642ff.)
Werkausgabe Band II Herausgegeben
von Wilhelm Weischedel Suhrkamp Tachenbuch Wissenschaft stw 187
Gott
ist ein Vernunftbegriff
Der Begriff von Gott, und selbst die Überzeugung
von seinem Dasein, kann nur allein in der Vernunft angetroffen
werden, von ihr allein ausgehen, und weder durch Eingebung, noch durch eine
erteilte Nachricht, von noch so großer Auktorität, zuerst in uns
kommen. Widerfährt mir eine unmittelbare Anschauung von einer solchen Art,
als sie mir die Natur, so weit ich sie kenne, gar nicht liefern kann: so muß
doch ein Begriff von Gott zur Richtschnur dienen, ob diese Erscheinung auch
mit allen dem übereinstimme, was zu dem Charakteristischen einer Gottheit
erforderlich ist. Ob ich gleich nun gar nicht einsehe, wie es möglich sei,
daß irgend eine Erscheinung dasjenige auch nur der Qualität nach
darstelle, was sich immer nur denken, niemals aber anschauen läßt:
so ist doch wenigstens so viel klar, daß: um nur
zu urteilen, ob das Gott sei, was mir erscheint, was auf mein Gefühl innerlich
oder äußerlich wirkt, ich ihn an meinen Vernunftbegriff von Gott
halten und darnach prüfen müsse, nicht ob er diesem adäquat sei,
sondern bloß ob er ihm nicht widerspreche. Eben so: wenn auch bei allem,
wodurch er sich mir unmittelbar entdeckte, nichts angetroffen würde, was
jenem Begriffe widerspräche: so würde dennoch diese Erscheinung,
Anschauung, unmittelbare Offenbarung, oder wie man sonst eine solche
Darstellung nennen will, das Dasein eines Wesens
niemals beweisen,
dessen Begriff (wenn er nicht unsicher bestimmt, und daher der Beimischung
alles möglichen Wahnes unterworfen werden soll), Unendlichkeit der Größe
nach zur Unterscheidung von allem Geschöpfe fordert, welchem Begriffe aber
gar keine Erfahrung oder Anschauung adäquat sein, mithin auch niemals das
Dasein eines solchen Wesens unzweideutig beweisen,
kann. Vom Dasein des höchsten Wesens kann also niemand
durch irgend eine Anschauung zuerst überzeugt werden; der Vernunftglaube
muß vorhergehen, und alsdann könnten allenfalls gewisse Erscheinungen
oder Eröffnungen Anlaß zur Untersuchung geben, ob wir das, was zu
uns spricht, oder sich uns darstellt, wohl befugt sind für eine Gottheit
zu halten, und, nach Befinden, jenen Glauben bestätigen.
(Suhrkamp stw 188, Kant: Schriften zur Metaphysik
und Logik 1, S.277-278 - Was heißt: sich im Denken orientieren?)
Von
dem moralischen Beweise des Dasein Gottes
(§87 Kritik der Urteilskraft)
Es gibt eine physische Teleologie, welche
einen für unsere theoretisch reflektierende Urteilskraft hinreichenden
Beweisgrund an die Hand gibt, das Dasein einer verständigen Weltursache
anzunehmen. Wir finden aber in uns selbst und noch mehr in dem Begriffe eines
vernünftigen, mit Freiheit (seiner Kausalität) begabten Wesens überhaupt
auch eine moralische Teleologie, die aber,
weil die Zweckbeziehung in uns selbst a priori
samt dem Gesetze derselben bestimmt, mithin als notwendig erkannt werden kann,
zu diesem Behuf keiner verständigen Ursache außer uns für diese
innere Gesetzmäßigkeit bedarf: so wenig als wir bei dem, was wir
in den geometrischen Eigenschaften der Figuren (für allerlei mögliche
Kunstausübung) Zweckmäßiges finden, auf einen ihnen dieses erteilenden
höchsten Verstand hinaussehen dürfen. Aber diese moralische
Teleologie betrifft doch uns als Weltwesen und also mit anderen Dingen in der
Welt verbundene Wesen; auf welche letzteren entweder als Zwecke oder als Gegenstände,
in Ansehung deren wir selbst Endzweck sind, unsere
Beurteilung zu richten, eben dieselben moralischen Gesetze uns zur Vorschrift
machen.
Von dieser moralischen Teleologie nun, welche die Beziehung unserer eigenen
Kausalität auf Zwecke und sogar auf einen Endzweck, der von
uns in der Welt beabsichtigt werden muß, imgleichen die
wechselseitige Beziehung der Welt auf jenen sittlichen Zweck und die äußere
Möglichkeit seiner Ausführung (wozu keine
physische Teleologie uns Anleitung geben kann) betrifft, geht nun die
notwendige Frage aus: ob sie unsere vernünftige Beurteilung nötige,
über die Welt hinauszugehen und zu jener Beziehung der Natur auf das Sittliche
in uns ein verständiges oberstes Prinzip zu
suchen, um die Natur auch in Beziehung auf die moralische innere Gesetzgebung
und deren mögliche Ausführung uns als zweckmäßig vorzustellen.
Folglich gibt es allerdings eine moralische Teleologie, und diese hängt
mit der Nomothetik der Freiheit einerseits
und der der Natur anderseits ebenso notwendig zusammen, als bürgerliche
Gesetzgebung mit der Frage, wo man die exekutive Gewalt suchen soll, und überhaupt
in allem, worin die Vernunft ein Prinzip der Wirklichkeit einer gewissen gesetzmäßigen,
nur nach Ideen möglichen Ordnung der Dinge angeben soll, Zusammenhang ist.
— Wir wollen den Fortschritt der Vernunft von jener moralischen Teleologie
und ihrer Beziehung auf die physische zur Theologie
allererst vortragen und nachher über die Möglichkeit und
Bündigkeit dieser Schlußart Betrachtungen anstellen.
Wenn man das Dasein gewisser Dinge (oder auch nur gewisser Formen der Dinge)
als zufällig, mithin nur durch etwas anderes, als Ursache, möglich
annimmt: so kann man zu dieser Kausalität den obersten und also zu dem
Bedingten den unbedingten Grund entweder in der physischen oder teleologischen
Ordnung suchen (nach dem nexu effectivo oder
finali). D. i. man kann fragen: welches ist die
oberste hervorbringende Ursache, oder was ist der oberste
(schlechthin unbedingte) Zweck
derselben, d. i. der Endzweck ihrer Hervorbringung
dieser oder aller ihrer Produkte überhaupt? Wobei dann freilich vorausgesetzt
wird, daß diese Ursache einer Vorstellung der Zwecke fähig, mithin
ein verständiges Wesen sei, oder wenigstens
von uns als nach den Gesetzen eines solchen Wesens handelnd gedacht werden müsse.
Nun ist, wenn man der letzteren Ordnung nachgeht, es ein Grundsatz, dem selbst
die gemeinste Menschenvernunft unmittelbar Beifall zu geben genötigt ist:
daß, wenn überall ein Endzweck,
den die Vernunft a priori angeben muß, stattfinden
soll, dieser kein anderer als der Mensch (ein jedes vernünftige Weltwesen)
unter moralischen Gesetzen sein könne.*)
*Ich sage mit
Fleiß: unter moralischen Gesetzen. Nicht der Mensch nach moralischen
Gesetzen, d. i. ein solcher, der sich ihnen gemäß verhält, ist
der Endzweck der Schöpfung. Denn mit dem letzteren Ausdrucke würden
wir mehr sagen, als wir wissen: nämlich daß es in der Gewalt eines
Welturhebers stehe, zu machen, daß der Mensch den moralischen Gesetzen
jederzeit sich angemessen verhalte ; welches einen Begriff von Freiheit und
der Natur (von welcher letzteren man allein einen äußeren Urheber
denken kann) voraussetzt, der eine Einsicht in das über. sinnliche Substrat
der Natur und dessen Einerleiheit mit dem, was die Kausalität durch Freiheit
in der Welt möglich macht, enthalten müßte, die weit über
unsere Vernunfteinsicht hinausgeht. Nur vom Menschen unter moralischen Gesetzen
können wir, ohne die Schranken unserer Einsicht zu überschreiten,
sagen: sein Dasein mache der Welt Endzweck aus. Dieses stimmt auch vollkommen
mit dem Urteile der moralisch über den Weltlauf reflektierenden Menschenvernunft.
Wir glauben die Spuren einer weisen Zweckbeziehung auch am Bösen wahrzunehmen,
wenn wir nur sehen, daß der frevelhafte Bösewicht nicht eher stirbt,
als bis er die wohlverschuldete Strafe seiner Untaten erlitten hat. Nach unseren
Begriffen von freier Kausalität beruht das Wohl- oder Übelverhalten
auf uns; die höchste Weisheit aber der Weltregierung setzen wir darin,
daß zu den ersteren die Veranlassung, für beides aber der Erfolg
nach moralischen Gesetzen verhängt sei. In dem letzteren besteht eigentlich
die Ehre Gottes, welche daher von Theologen nicht unschicklich der letzte Zweck
der Schöpfung genannt wird. — Noch ist anzumerken, daß wir
unter dem Worte Schöpfung, wenn wir uns dessen bedienen, nichts anderes,
als was hier gesagt worden ist, nämlich die Ursache vom Dasein einer Welt,
oder der Dinge in ihr (der Substanzen) verstehen; wie das auch der eigentliche
Begriff dieses Wortes mit sich bringt (actuatio substantiae est creatio):
welches mithin nicht schon die Voraussetzung einer freiwirkenden, folglich verständigen
Ursache (deren Dasein wir allererst beweisen wollen) bei sich führt.
Denn (so urteilt ein jeder) bestände die Welt aus lauter
leblosen, oder zwar zum Teil aus lebenden, aber vernunftlosen Wesen, so würde
das Dasein einer solchen Welt gar keinen Wert haben, weil
in ihr kein Wesen existierte, das von einem Werte den mindesten Begriff hat.
Wären dagegen auch vernünftige Wesen, deren Vernunft aber den Wert
des Daseins der Dinge nur im Verhältnisse der Natur zu ihnen (ihrem Wohlbefinden)
zu setzen, nicht aber sich einen solchen ursprünglich (in der Freiheit)
selbst zu verschaffen imstande wäre: so wären zwar (relative)
Zwecke in der Welt, aber kein (absoluter)
Endzweck, weil das Dasein solcher vernünftigen Wesen doch immer zwecklos
sein würde. Die moralischen Gesetze aber sind von der eigentümlichen
Beschaffenheit, daß sie etwas als Zweck ohne Bedingung, mithin gerade
so, wie der Begriff eines Endzwecks es bedarf,
für die Vernunft vorschreiben; und die Existenz einer
solchen Vernunft, die in der Zweckbeziehung ihr selbst
das oberste Gesetz sein kann, mit anderen Worten die Existenz vernünftiger
Wesen unter moralischen Gesetzen, kann also allein als Endzweck vom Dasein einer
Welt gedacht werden. Ist dagegen dieses nicht so bewandt, so
liegt dem Dasein derselben entweder gar kein Zweck in der Ursache, oder es liegen
ihm Zwecke ohne Endzweck zum Grunde.
Das moralische Gesetz, als formale Vernunftbedingung
des Gebrauchs unserer Freiheit, verbindet uns für sich allein, ohne von
irgendeinem Zwecke als materialer Bedingung abzuhängen; aber es bestimmt
uns doch auch, und zwar a priori, einen Endzweck,
welchem nachzustreben es uns verbindlich macht, und dieser ist das
höchste durch Freiheit mögliche Gut
in der Welt.
Die subjektive Bedingung, unter welcher der Mensch (und nach allen unseren Begriffen
auch jedes vernünftige endliche Wesen) sich unter dem obigen Gesetze einen
Endzweck setzen kann, ist die Glückseligkeit.
Folglich das höchste in der Welt mögliche und, soviel an uns ist,
als Endzweck zu befördernde physische Gut ist Glückseligkeit, unter
der objektiven Bedingung der Einstimmung des Menschen mit dem Gesetze der Sittlichkeit,
als der Würdigkeit, glückselig zu sein.
Diese zwei Erfordernisse des uns durch das moralische Gesetz aufgegebenen Endzwecks
können wir aber, nach allen unseren Vernunftvermögen, als durch bloße
Naturursachen verknüpft und der Idee
des gedachten Endzwecks angemessen unmöglich uns vorstellen. Also stimmt
der Begriff von der praktischen Notwendigkeit eines
solchen Zwecks durch die Anwendung unserer Kräfte nicht mit dem theoretischen
Begriffe von der physischen Möglichkeit
der Bewirkung desselben zusammen, wenn wir mit unserer Freiheit keine andere
Kausalität (eines Mittels) als die der Natur
verknüpfen.
Folglich müssen wir eine moralische Weltursache
(einen Welturheber) annehmen, um uns gemäß
dem moralischen Gesetze einen Endzweck vorzusetzen, und, soweit als das letztere
notwendig ist, soweit (d. i. in demselben Grade und aus
demselben Grunde) ist auch das erstere notwendig anzunehmen: nämlich
es sei ein Gott.*)
*) Dieses moralische
Argument soll keinen objektiv-gültigen Beweis vom Dasein Gottes
an die Hand geben, nicht dem Zweifelgläubigen beweisen, daß ein Gott
sei; sondern daß, wenn er moralisch konsequent denken will, er die Annehmung
dieses Satzes unter die Maximen seiner praktischen Vernunft aufnehmen müsse.
— Es soll damit auch nicht gesagt werden: es ist zur Sittlichkeit notwendig,
die Glückseligkeit aller vernünftigen Weltwesen gemäß ihrer
Moralität anzunehmen, sondern: es ist durch sie notwendig. Mithin ist es
ein subjektiv, für moralische Wesen, hinreichendes Argument.Dieser Beweis, dem man leicht die Form der logischen Präzision
anpassen kann, will nicht sagen: es ist ebenso notwendig, das Dasein Gottes
anzunehmen, als die Gültigkeit des moralischen Gesetzes anzuerkennen; mithin,
wer sich vom ersteren nicht überzeugen kann, könne sich von den Verbindlichkeiten
nach dem letzteren los zu sein urteilen. Nein! nur die Beabsichtigung
des durch die Befolgung des letzteren zu bewirkenden Endzwecks in der Welt (einer
mit der Befolgung moralischer Gesetze harmonisch zusammentreffenden Glückseligkeit
vernünftiger Wesen, als des höchsten Weltbesten) müßte
alsdann aufgegeben werden. Ein jeder Vernünftige würde sich an die
Vorschrift der Sitten immer noch als strenge gebunden erkennen müssen;
denn die Gesetze derselben sind formal und gebieten unbedingt, ohne Rücksicht
auf Zwecke (als die Materie des Wollens). Aber
das eine Erfordernis des Endzwecks, wie ihn die praktische Vernunft den Weltwesen
vorschreibt, ist ein in sie durch ihre Natur (als endlicher
Wesen) gelegter unwiderstehlicher Zweck, den die Vernunft nur dem moralischen
Gesetze als unverletzliche Bedingung unterworfen
oder auch nach demselben allgemein gemacht wissen will, und so die Beförderung
der Glückseligkeit, in Einstimmung mit der Sittlichkeit, zum Endzwecke
macht. Diesen nun, soviel (was die ersteren betrifft)
in unserem Vermögen ist, zu befördern, wird uns durch das moralische
Gesetz geboten; der Ausschlag, den diese Bemühung hat, mag sein, welcher
er wolle. Die Erfüllung der Pflicht besteht in der Form des ernstlichen
Willens, nicht in den Mittelursachen des Gelingens.
Gesetzt also, ein Mensch überredete sich, teils durch die Schwäche
aller so sehr gepriesenen spekulativen Argumente, teils durch manche in der
Natur und Sinnenwelt ihm vorkommende Unregelmäßigkeiten bewogen,
von dem Satze: es sei kein Gott, so würde
er doch in seinen eigenen Augen ein Nichtswürdiger sein, wenn er darum
die Gesetze der Pflicht für bloß eingebildet, ungültig, unverbindlich
halten und ungescheut zu übertreten beschließen wollte. Ein solcher
würde auch alsdann noch, wenn er sich in der Folge von dem, was er anfangs
bezweifelt hatte, überzeugen könnte, mit jener Denkungsart doch immer
ein Nichtswürdiger bleiben, ob er gleich seine Pflicht, aber aus Furcht
oder aus lohnsüchtiger Absicht, ohne pflichtverehrende
Gesinnung, der Wirkung nach so pünktlich, wie es immer verlangt werden
mag, erfüllte. Umgekehrt, wenn er sie als Gläubiger seinem Bewußtsein
nach aufrichtig und uneigennützig befolgt,
und gleichwohl, so oft er zum Versuche den Fall setzt, er könnte einmal
überzeugt werden: es sei kein Gott, sich sogleich
von aller sittlichen Verbindlichkeit frei glaubte, müßte es doch
mit der inneren moralischen Gesinnung in ihm nur schlecht bestellt sein.
Wir können also einen rechtschaffenen Mann (wie etwa
den Spinoza) annehmen, der sich fest überredet hält, es
sei kein Gott und (weil es in Ansehung des Objekts
der Moralität auf einerlei Folge hinausläuft) auch kein künftiges
Leben; wie wird er seine eigene innere Zweckbestimmung durch das moralische
Gesetz, welches er tätig verehrt, beurteilen?
Er verlangt von Befolgung desselben für sich keinen
Vorteil, weder in dieser noch in einer anderen
Welt; uneigennützig will er vielmehr nur das
Gute stiften, wozu jenes heilige Gesetz allen seinen Kräften die Richtung
gibt. Aber sein Bestreben ist begrenzt; und von der Natur kann er zwar
hin und wieder einen zufälligen Beitritt, niemals aber eine gesetzmäßige
und nach beständigen Regeln (so wie innerlich seine
Maximen sind und sein müssen) eintreffende Zusammenstimmung zu dem
Zwecke erwarten, welchen zu bewirken er sich doch verbunden und angetrieben
fühlt.
Betrug, Gewalttätigkeit und Neid werden immer um
ihn im Schwange gehen, ob er gleich selbst redlich, friedfertig und wohlwollend
ist; und die Rechtschaffenen, die er außer sich noch antrifft,
werden unangesehen aller ihrer Würdigkeit, glücklich zu sein, dennoch
durch die Natur, die darauf nicht achtet, allen Übeln des Mangels, der
Krankheiten und des unzeitigen Todes gleich den übrigen Tieren der Erde
unterworfen sein und es auch immer bleiben, bis ein weites Grab sie insgesamt
(redlich oder unredlich, das gilt hier gleichviel)
verschlingt und sie, die da glauben konnten, Endzweck
der Schöpfung zu sein, in den Schlund des
zwecklosen Chaos der Materie zurückwirft, aus dem sie gezogen waren.
—
Den Zweck also, den dieser Wohlgesinnte in Befolgung der moralischen Gesetze
vor Augen hatte und haben sollte, müßte er allerdings als unmöglich
aufgeben, oder will er auch hierin dem Rufe seiner sittlichen inneren Bestimmung
anhänglich bleiben und die Achtung, welche das sittliche Gesetz ihm unmittelbar
zum Gehorchen einflößt, nicht durch die Nichtigkeit des einzigen,
ihrer hohen Forderung angemessenen idealischen Endzwecks schwächen (welches
ohne einen der moralischen Gesinnung widerfahrenden Abbruch nicht geschehen
kann): so muß er, welches er auch gar wohl tun kann, indem es an
sich wenigstens nicht widersprechend ist, in praktischer Absicht, d. i. um sich
wenigstens von der Möglichkeit des ihm moralisch vorgeschriebenen Endzwecks
einen Begriff zu machen, das Dasein eines moralischen
Welturhebers, d. i. Gottes annehmen. S.318ff.
Aus:
Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Felix Meiner Verlag Hamburg
Vom
praktischen Glauben (§91
Kritik der Urteilskraft)
Gegenstände, die in Beziehung auf den pflichtmäßigen
Gebrauch der reinen praktischen Vernunft (es sei als Folgen oder als Gründe)
a priori gedacht werden müssen, aber für
den theoretischen Gebrauch derselben überschwenglich sind, sind bloße
Glaubenssachen. Dergleichen ist das höchste
durch Freiheit zu bewirkende Gut in
der Welt; dessen Begriff in keiner für uns möglichen Erfahrung, mithin
für den theoretischen Vernunftgebrauch hinreichend, seiner objektiven Realität
nach bewiesen werden kann, dessen Gebrauch aber zur bestmöglichen Bewirkung
jenes Zweckes doch durch praktische reine Vernunft geboten ist, und mithin als
möglich angenommen werden muß. Diese gebotene Wirkung,
zusamt den einzigen für uns denkbaren Bedingungen ihrer Möglichkeit,
nämlich dem Dasein Gottes und der Seelen-Unsterblichkeit, sind Glaubenssachen,
und zwar die einzigen unter allen Gegenständen, die so genannt werden können.
Denn, ob von uns gleich, was wir nur von der Erfahrung anderer durch Zeugnis
lernen können, geglaubt werden muß, so ist es darum doch
noch nicht an sich Glaubenssache; denn bei jener Zeugen einem war es doch eigene
Erfahrung und Tatsache, oder wird als solche vorausgesetzt.
Zudem muß es möglich sein, durch diesen Weg (des historischen Glaubens)
zum Wissen zu gelangen; und die Objekte der Geschichte und Geographie, wie alles
überhaupt, was zu wissen nach der Beschaffenheit unserer Erkenntnisvermögen
wenigstens möglich ist, gehören nicht zu Glaubenssachen sondern zu
Tatsachen. Nur Gegenstände der reinen Vernunft können allenfalls Glaubenssachen
sein, aber nicht als Gegenstände der bloßen reinen spekulativen Vernunft;
denn da können sie gar nicht einmal mit Sicherheit zu den Sachen, d. i.
Objekten jenes für uns möglichen Erkenntnisses, gezählt werden.
Es sind Ideen, d. i. Begriffe, denen man die objektive Realität theoretisch
nicht sichern kann. Dagegen ist der von uns zu bewirkende höchste Endzweck,
das, wodurch wir allein würdig werden können, selbst
Endzweck einer Schöpfung zu sein, eine Idee, die für uns in
praktischer Beziehung objektive Realität hat, und Sache; aber darum, weil
wir diesem Begriffe in theoretischer Absicht diese Realität nicht verschaffen
können, bloße Glaubenssache der reinen Vernunft, mit ihm aber zugleich
Gott und Unsterblichkeit, als die Bedingungen,
unter denen allein wir, nach der Beschaffenheit unserer (der menschlichen) Vernunft,
uns die Möglichkeit jenes Effekts des gesetzmäßigen Gebrauchs
unserer Freiheit denken können. Das Fürwahrhalten
aber in Glaubenssachen ist ein Fürwahrhalten in reiner praktischer Absicht,
d. i. ein moralischer Glaube, der nichts für das theoretische, sondern
bloß für das praktische, auf Befolgung seiner Pflichten gerichtete,
reine Vernunfterkenntnis beweist, und die Spekulation oder die praktischen Klugheitsregeln
nach dem Prinzip der Selbstliebe gar nicht erweitert.
Wenn das oberste Prinzip aller Sittengesetze ein Postulat ist, so wird zugleich
die Möglichkeit ihres höchsten Objekts, mithin auch die Bedingung,
unter der wir diese Möglichkeit denken können, dadurch zugleich mit
postuliert. Dadurch wird nun das Erkenntnis der letzteren weder Wissen noch
Meinung von dem Dasein und der Beschaffenheit dieser Bedingungen, als theoretische
Erkenntnisart, sondern bloß Annahme, in praktischer und dazu gebotener
Beziehung für den moralischen Gebrauch unserer Vernunft.
Würden wir auch auf die Zwecke der Natur, die uns die physische Teleologie
in so reichem Maße vorlegt, einen bestimmten Begriff von einer verständigen
Weltursache scheinbar gründen können, so wäre das Dasein
dieses Wesens doch nicht Glaubenssache. Denn da dieses nicht zum Behuf der Erfüllung
meiner Pflicht, sondern nur zur Erklärung der Natur angenommen wird, so
würde es bloß die unserer Vernunft angemessenste Meinung und Hypothese
sein. Nun führt jene Teleologie keineswegs auf einen bestimmten
Begriff von Gott, der hingegen allein in dem von einem moralischen
Welturheber angetroffen wird, weil dieser allein den Endzweck angibt,
zu welchem wir uns nur sofern zählen können, als wir dem, was uns
das moralische Gesetz als Endzweck auferlegt, mithin uns verpflichtet, uns gemäß
verhalten. Folglich bekommt der Begriff von Gott nur durch die Beziehung auf
das Objekt unserer Pflicht, als Bedingung der Möglichkeit den Endzweck
derselben zu erreichen, den Vorzug, in unserm Fürwahrhalten als Glaubenssache
zu gelten; dagegen eben derselbe Begriff doch sein Objekt nicht als Tatsache
geltend machen kann: weil, obzwar die Notwendigkeit der Pflicht für die
praktische Vernunft wohl klar ist, doch die Erreichung des Endzwecks derselben,
sofern er nicht ganz in unserer Gewalt ist, nur zum Behuf des praktischen Gebrauchs
der Vernunft angenommen, also nicht so, wie die Pflicht selbst, praktisch notwendig
ist.
Glaube (als habitus,
nicht als actus) ist die moralische Denkungsart der Vernunft im Fürwahrhalten
desjenigen, was für das theoretische Erkenntnis unzugänglich ist.
Er ist also der beharrliche Grundsatz des Gemüts, das, was zur Möglichkeit
des höchsten moralischen Endzwecks als Bedingung vorauszusetzen notwendig
ist, wegen der Verbindlichkeit zu demselben als wahr anzunehmen (obzwar
die Möglichkeit desselben, aber ebensowohl auch die Unmöglichkeit,
von uns nicht eingesehen werden kann). Der Glaube (schlechthin
so genannt) ist ein Vertrauen zu der Erreichung
einer Absicht, deren Beförderung Pflicht, die Möglichkeit der
Ausführung derselben aber für uns nicht
einzusehen ist (folglich auch nicht die der
einzigen für uns denkbaren Bedingungen). Der Glaube also, der sich
auf besondere Gegenstände, die nicht Gegenstände des möglichen
Wissens oder Meinens sind, bezieht (in welchem letzteren
Falle er, vornehmlich im Historischen, Leichtgläubigkeit und nicht Glaube
heißen müßte), ist ganz moralisch. Er ist ein
freies Fürwahrhalten, nicht dessen, wozu dogmatische Beweise für
die theoretisch bestimmende Urteilskraft anzutreffen sind, noch wozu wir uns
verbunden halten, sondern dessen, was wir, zum Behuf einer Absicht nach Gesetzen
der Freiheit, annehmen; aber doch nicht, wie etwa eine Meinung, ohne hing reichenden
Grund, sondern als in der Vernunft (obwohl nur in Ansehung
ihres praktischen Gebrauchs), für die
Absicht derselben hinreichend, gegründet; denn ohne ihn hat
die moralische Denkungsart bei dem Verstoß gegen die Aufforderung der
theoretischen Vernunft zum Beweise (der Möglichkeit
des Objekts der Moralität) keine feste Beharrlichkeit, sondern schwankt
zwischen praktischen Geboten und theoretischen Zweifeln.
Ungläubisch sein, heißt der Maxime nachhängen, Zeugnissen
überhaupt nicht zu glauben; ungläubig aber
ist der, welcher jenen Vernunftideen, weil es ihnen an theoretischer Begründung
ihrer Realität fehlt, darum alle Gültigkeit abspricht. Er urteilt
also dogmatisch. Ein dogmatischer Unglaube kann aber mit einer in der Denkungsart
herrschenden sittlichen Maxime nicht zusammen bestehen
(denn einem Zwecke, der für nichts als Hirngespinst erkannt wird, nachzugehen,
kann die Vernunft nicht gebieten); wohl aber ein Zweifelglaube, dem der
Mangel der Überzeugung durch Gründe der spekulativen Vernunft nur
Hindernis ist, welchem eine kritische Einsicht in die Schranken der letzteren
den Einfluß auf das Verhalten benehmen und ihm ein überwiegendes
praktisches Fürwahrhalten zum Ersatz hinstellen kann. S.342ff.
Aus: Immanuel Kant, Kritik der
Urteilskraft, Felix Meiner Verlag Hamburg
Gott,
Freiheit und Seelenunsterblichkeit (§91
Kritik der Urteilskraft)
Wenn man an die Stelle gewisser verfehlter Versuche in der Philosophie ein anderes
Prinzip aufführen und ihm Einfluß verschaffen will, so gereicht es
zu großer Befriedigung, einzusehen, wie jene und warum sie fehlschlagen
mußten.
Gott, Freiheit und Seelenunsterblichkeit
sind diejenigen Aufgaben, zu deren
Auflösung alle Zurüstungen der Metaphysik, als ihrem letzten und alleinigen
Zwecke, abzielen. Nun glaubte man, daß die Lehre von der Freiheit nur
als negative Bedingung für die praktische Philosophie nötig sei, die
Lehre von Gott und der Seelenbeschaffenheit hingegen, zur theoretischen gehörig,
für sich und abgesondert dargetan werden müsse, um beide nachher mit
dem, was das moralische Gesetz (das nur unter der Bedingung der Freiheit möglich
ist) gebietet, zu verknüpfen und so eine Religion zustande zu bringen.
Man kann aber bald einsehen, daß diese Versuche fehlschlagen mußten.
Denn aus bloßen ontologischen Begriffen von Dingen überhaupt oder
der Existenz eines notwendigen Wesens läßt
sich schlechterdings kein, durch Prädikate, die sich in der Erfahrung geben
lassen und also zum Erkenntnisse dienen könnten, bestimmter
Begriff von einem Urwesen machen; der aber, welcher auf Erfahrung von
der physischen Zweckmäßigkeit der Natur gegründet wurde, konnte
wiederum keinen für die Moral, mithin - zur Erkenntnis
eines Gottes, hinreichenden Beweis abgeben. Ebensowenig konnte auch die
Seelenkenntnis durch Erfahrung (die wir nur in diesem
Leben anstellen) einen Begriff von der geistigen,
unsterblichen Natur derselben, mithin für die Moral zureichend,
verschaffen. Theologie und Pneumatologie,
als Aufgaben zum Behuf der Wissenschaften einer spekulativen Vernunft, weil
deren Begriff für alle unsere Erkenntnisvermögen überschwenglich
ist, können durch keine empirischen Data und Prädikate zustande kommen.
— Die Bestimmung beider Begriffe, Gottes sowohl
als der Seele (in Ansehung ihrer Unsterblichkeit),
kann nur durch Prädikate geschehen, die, ob sie gleich selbst nur aus einem
übersinnlichen Grunde möglich sind, dennoch in der Erfahrung ihre
Realität beweisen müssen; denn so allein können sie von ganz
übersinnlichen Wesen eine Erkenntnis möglich machen. — Dergleichen
ist nun der einzige in der menschlichen Vernunft anzutreffende Begriff der Freiheit
des Menschen unter moralischen Gesetzen, zusamt dem Endzwecke, den jene durch
diese vorschreibt, wovon die erstem dem Urheber der Natur,
der zweite dem Menschen diejenigen Eigenschaften beizulegen tauglich sind, welche
zu der Möglichkeit beider die notwendige Bedingung enthalten, so daß
eben aus dieser Idee auf die Existenz und die Beschaffenheit
jener sonst gänzlich für uns verborgenen Wesen
geschlossen werden kann.
Also liegt der Grund der auf dem bloß theoretischen Wege verfehlten Absicht,
Gott und Unsterblichkeit zu beweisen, darin: daß
von dem Übersinnnlichen auf diesem Wege (der
Naturbegriffe) gar kein Erkenntnis möglich ist. Daß es dagegen
auf dem moralischen (des Freiheitsbegriffs) gelingt,
hat diesen Grund: daß hier das Übersinnliche, welches dabei zum Grunde
liegt (die Freiheit), durch ein bestimmtes Gesetz
der Kausalität, welches aus ihm entspringt, nicht allein Stoff zum Erkenntnis
des andern Übersinnlichen (des moralischen Endzwecks
und der Bedingungen seiner Ausführbarkeit) verschafft, sondern auch
als Tatsache seine Realität in Handlungen dartut, aber eben darum auch
keinen andern, als nur in praktischer Absicht (welche
auch die einzige ist, deren die Religion bedarf) gültigen Beweisgrund
abgeben kann.
Es bleibt hierbei immer sehr merkwürdig: daß unter den
drei reinen Vernunftideen, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit
die der Freiheit der einzige Begriff des Übersinnlichen ist, welcher
seine objektive Realität (vermittelst der Kausalität,
die in ihm gedacht wird) an der Natur, durch ihre in derselben mögliche
Wirkung, beweist, und eben dadurch die Verknüpfung der beiden andern mit
der Natur, aller dreien aber untereinander zu einer Religion möglich macht;
und daß wir also in uns ein Prinzip haben, welches die Idee des Übersinnlichen
in uns, dadurch aber auch die desselben außer uns, zu einer, obgleich
nur in praktischer Absicht möglichen, Erkenntnis zu bestimmen vermögend
ist, woran die bloß spekulative Philosophie (die
auch von der Freiheit einen bloß negativen Begriff geben konnte) verzweifeln
mußte, mithin der Freiheitsbegriff (als Grundbegriff
aller unbedingt praktischen Gesetze) die Vernunft über diejenigen
Grenzen erweitern kann, innerhalb deren jeder Naturbegriff
(theoretischer) ohne Hoffnung eingeschränkt bleiben müßte.
S.347ff.
Aus: Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Felix Meiner Verlag Hamburg
Das
Credo der reinen praktischen Vernunft
Das Credo in den drei Artikeln des Bekenntnisses der reinen praktischen
Vernunft:
- Ich glaube
an den einen einigen Gott, als den Urquell alles Guten
in der Welt, als seinen Endzweck; -
- Ich glaube an die Möglichkeit, zu diesem Endzweck,
dem höchsten Gut in dieser Welt, so fern es am
Menschen liegt, zusammenzustimmen
- Ich glaube an ein künftiges ewiges
Leben, als der Bedingung einer immerwährenden
Annäherung der Welt zum höchsten
in ihr möglichen Gut;
- dieses Credo, sage ich, ist ein freies Fürwahrhalten,
ohne welches es auch keinen moralischen Wert haben würde. Es verstattet
also keinen Imperativ (kein Crede), und der Beweisgrund
dieser seiner Richtigkeit ist kein Beweis von der Wahrheit dieser Sätze
...
Aus: Immanuel Kant: Schriften zur Metaphysik und Logik
2, - Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnizens
und Wolf's Zeiten in Deutschland gemacht hat
Suhrkamp stw 189 (S.636)
Die
unerforschliche Weisheit, durch die wir existieren . . .
Wenn die menschliche Natur zum
höchsten Gute zu streben bestimmt ist, so muß auch das Maß
ihrer Erkenntnisvermögen, vornehmlich ihr Verhältnis unter einander,
als zu diesem Zwecke schicklich, angenommen werden. Nun beweiset aber
die Kritik der reinen spekulativen Vernunft die größte Unzulänglichkeit
derselben, um die wichtigsten Aufgaben, die ihr vorgelegt werden, dem Zwecke
angemessen aufzulösen, ob sie zwar die natürlichen und nicht zu übersehenden
Winke eben derselben Vernunft, imgleichen die großen Schritte, die sie
tun kann, nicht verkennt, um sich diesem großen Ziele, das ihr ausgesteckt
ist, zu näheren, aber doch, ohne es jemals für sich selbst, sogar
mit Beihilfe der größten Naturkenntnis, zu erreichen. Also scheint
die Natur hier uns nur stiefmütterlich mit einem zu unserem Zwecke benötigten
Vermögen versorgt zu haben.
Gesetzt nun, sie wäre hierin unserem Wunsche willfährig gewesen, und
hätte uns diejenige Einsichtsfähigkeit, oder Erleuchtung erteilt,
die wir gerne besitzen möchten, oder in deren Besitz einige wohl gar wähnen
sich wirklich zu befinden, was würde allem Ansehn nach wohl die Folge hievon
sein? Wofern nicht zugleich unsere ganze Natur umgeändert wäre, so
würden die Neigungen, die doch allemal das erste Wort haben, zuerst ihre
Befriedigung, und, mit vernünftiger Überlegung verbunden, ihre größtmögliche
und daurende Befriedigung, unter dem Namen der Glückseligkeit, verlangen;
das moralische Gesetz würde nachher sprechen, um jene in ihren geziemenden
Schranken zu halten, und sogar sie alle insgesamt einem höheren, auf keine
Neigung Rücksicht nehmenden, Zwecke zu unterwerfen.
Aber, statt des Streits, den jetzt die moralische Gesinnung mit den Neigungen
zu führen hat, in welchem, nach einigen Niederlagen, doch allmählich
moralische Stärke der Seele zu erwerben ist, würden Gott und Ewigkeit,
mit ihrer furchtbaren Majestät, uns unablässig vor Augen liegen (denn,
was wir vollkommen beweisen können, gilt, in Ansehung der Gewißheit,
uns so viel, als wovon wir uns durch den Augenschein versichern).
Die Übertretung des Gesetzes würde freilich vermieden, das Gebotene
getan werden; weil aber die Gesinnung, aus welcher Handlungen geschehen sollen,
durch kein Gebot mit eingeflößt werden kann, der Stachel der Tätigkeit
hier aber sogleich bei Hand, und äußerlich ist, die Vernunft also
sich nicht allererst empor arbeiten darf, um Kraft zum Widerstande gegen Neigungen
durch lebendige Vorstellung der Würde des Gesetzes zu sammeln, so würden
die mehresten gesetzmäßigen Handlungen aus Furcht, nur wenige aus
Hoffnung und gar keine aus Pflicht geschehen, ein moralischer Wert der Handlungen
aber, worauf doch allein der Wert der Person und selbst der der Welt, in den
Augen der höchsten Weisheit, ankommt, würde gar nicht existieren.
Das Verhalten der Menschen, so lange ihre Natur, wie sie
jetzt ist, bliebe, würde also in einen bloßen Mechanismus verwandelt
werden, wo, wie im Marionettenspiel, alles gut gestikulieren,
aber in den Figuren doch kein Leben anzutreffen sein würde.
Nun, da es mit uns ganz anders beschaffen ist, da wir, mit aller Anstrengung
unserer Vernunft, nur eine sehr dunkele und zweideutige Aussicht in die Zukunft
haben, der Weltregierer uns sein Dasein und seine Herrlichkeit
nur mutmaßen, nicht erblicken, oder klar beweisen läßt, dagegen
das moralische Gesetz in uns, ohne uns etwas mit Sicherheit zu verheißen,
oder zu drohen, von uns uneigennützige Achtung fordert, übrigens aber,
wenn diese Achtung tätig und herrschend geworden, allererst alsdenn und
nur dadurch, Aussichten ins Reich des Übersinnlichen, aber auch nur mit
schwachen Blicken erlaubt: so kann wahrhafte sittliche, dem Gesetze unmittelbar
geweihete Gesinnung stattfinden und das vernünftige Geschöpf des Anteils
am höchsten Gute würdig werden, das dem moralischen Werte seiner Person
und nicht bloß seinen Handlungen angemessen ist. Also möchte es auch
hier wohl damit seine Richtigkeit haben, was uns das Studium der Natur und des
Menschen sonst hinreichend lehrt, daß die
unerforschliche Weisheit, durch die wir existieren, nicht
minder verehrungswürdig ist, in dem, was sie uns versagte, als in dem,
was sie uns zu teil werden ließ.
Aus: Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft,
Meiner Philosophische Bibliothek (S.168-169)
Der
Wille Gottes
Wie soll ich es verstehen, daß, weil etwas ist, etwas anders sei? Eine
logische Folge wird eigentlich nur darum gesetzt, weil sie einerlei ist mit
dem Grunde. Allein der Wille Gottes enthält den Realgrund
vom Dasein der Welt. Der göttliche Wille ist
etwas. Die existierende Welt ist etwas ganz anderes. Indessen durch das
eine wird das andre gesetzt. Der Zustand, in welchem ich den Namen Stagirit
höre, ist etwas, dadurch wird etwas anders, nämlich mein Gedanke von
einem Philosoph gesetzt. [...] Durch den allmächtigen
Willen Gottes kann man ganz deutlich das Dasein der Welt verstehen. Allein hier
bedeutet die Macht dasjenige Etwas in Gott, wodurch andre Dinge gesetzt werden.
(Suhrkamp stw 187, Kant: Vorkritische Schriften
bis 1768 2, S.817-818 Versuch den Begriff der negativen Größen in
die Weltweisheit einzuführen)
Von
der Schöpfung in ihrem ganzen Umfang ihrer Unendlichkeit,
sowohl dem Raume,
als der Zeit nach
Das Weltgebäude setzet
durch seine unermeßliche Größe, und durch die unendliche Mannigfaltigkeit
und Schönheit, welche aus ihr von allen Seiten hervorleuchtet, in ein stilles
Erstaunen. Wenn die Vorstellung aller dieser Vollkommenheit nun die Einbildungskraft
rühret: so nimmt den Verstand anderer Seits eine andere Art der Entzückung
ein, wenn er betrachtet, wie so viel Pracht, so viel Größe aus einer
einzigen allgemeinen Regel, mit einer ewigen und richtigen Ordnung, abfließet.
Der planetische Weltbau, indem die Sonne aus dem Mittelpunkte aller Kreise,
mit ihrer mächtigen Anziehung, die bewohnte Kugeln ihres Systems
in ewigen Kreisen umlaufend macht, ist gänzlich, wie wir gesehen
haben, aus dem ursprünglich ausgebreiteten Grundstoff aller Weltmaterie
gebildet worden. Alle Fixsterne, die das Auge an der hohlen Tiefe des Himmels
entdecket, und die eine Art von Verschwendung anzuzeigen scheinen, sind Sonnen
und Mittelpunkte von ähnlichen Systemen. Die Analogie erlaubt es also hier
nicht, zu zweifeln, daß diese auf die gleiche Art, wie das, darin wir
uns befinden, aus denen kleinsten Teilen der elementarischen Materie, die den
leeren Raum, diesen unendlichen Umfang der göttlichen
Gegenwart, erfüllete, gebildet und erzeuget worden.
Wenn nun alle Welten und Weltordnungen dieselbe Art ihres Ursprungs erkennen;
wenn die Anziehung unbeschränkt und allgemein, die Zurückstoßung
der Elemente aber ebenfalls durchgehends wirksam, wenn
bei dem Unendlichen das Große und Kleine beiderseits klein ist:
sollten nicht alle die Weltgebäude gleichermaßen eine beziehende
Verfassung und systematische Verbindung unter einander angenommen haben, als
die Himmelskörper unserer Sonnenwelt im Kleinen, wie Saturn, Jupiter und
die Erde, die vor sich insonderheit Systeme sein, und dennoch unter einander
als Glieder in einem noch größern zusammen hängen? Wenn man
in dem unermeßlichen Raume, darin alle Sonnen der Milchstraße sich
gebildet haben, einen Punkt annimmt, um welchen durch
ich weiß nicht was vor eine Ursache die erste Bildung der Natur aus dem
Chaos angefangen hat: so wird daselbst die größte Masse, und
ein Körper von der ungemeinsten Attraktion, entstanden sein, der dadurch
fähig geworden, in einer ungeheuren Sphäre um sich alle in der Bildung
begriffene Systeme zu nötigen, sich gegen ihn, als ihren Mittelpunkt, zu
senken, und um ihn ein gleiches System im Ganzen zu errichten, als derselbe
elementarische Grundstoff, der die Planeten bildete, um die Sonne im Kleinen
gemacht hat. Die Beobachtung macht diese Mutmaßung beinahe ungezweifelt.
Das Heer der Gestirne macht, durch seine beziehende Stellung gegen einen gemeinschaftlichen
Plan, eben sowohl ein System aus, als die Planeten unseres Sonnenbaues um die
Sonne. Die Milchstraße ist der Zodiakus dieser höheren Weltordnungen,
die von seiner Zone so wenig als möglich abweichen, und deren Streif immer
von ihrem Lichte erleuchtet ist, so wie der Tierkreis der Planeten von dem Scheine
dieser Kugeln, obzwar nur in sehr wenig Punkten, hin und wieder schimmert. Eine
jede dieser Sonnen macht mit ihren umlaufenden Planeten vor sich ein besonderes
System aus; allein dieses hindert nicht, Teile eines noch größeren
Systems zu sein, so wie Jupiter oder Saturn, ungeachtet ihrer eigenen Begleitung,
in der systematischen Verfassung eines noch größeren Weltbaues beschränkt
sein. Kann man, an einer so genauen Übereinstimmung in der Verfassung nicht
die gleiche Ursache und Art der Erzeugung erkennen?
Wenn nun die Fixsterne ein System ausmachen, dessen Umfang durch die Anziehungssphäre
desjenigen Körpers, der im Mittelpunkte befindlich ist, bestimmet wird,
werden nicht mehr Sonnensystemata, und, so zu reden, mehr Milchstraßen
entstanden sein, die in dem grenzenlosen Felde des Weltraums erzeuget worden?
Wir haben mit Erstaunen Figuren am Himmel erblickt, welche nichts anders, als
solche auf einen gemeinschaftlichen Plan beschränkte Fixsternen systemata,
solche Milchstraßen, wenn ich mich so ausdrücken darf, sein, die
in verschiedenen Stellungen gegen das Auge, mit einem ihrem unendlichen Abstande
gemäß geschwächten Schimmer, elliptische Gestalten darstellen;
es sind Systemata von, so zu sagen, unendliche mal unendlich größerm
Durchmesser, als der Diameter unseres Sonnenbaues ist; aber ohne Zweifel auf
gleiche Art entstanden, aus gleichen Ursachen geordnet und eingerichtet, und
erhalten sich durch ein gleiches Triebwerk, als
dieses, in ihrer Verfassung.
Wenn man diese Sternensystemata wiederum als Glieder an der großen Kette
der gesamten Natur ansiehet: so hat man eben so viel Ursache, wie vorher, sie
in einer gegenseitigen Beziehung zu gedenken, und in Verbindungen, welche, kraft
des durch die ganze Natur herrschenden Gesetzes der ersten Bildung, ein neues
noch größeres System ausmachen, das durch die Anziehung eines Körpers
von ungleich mächtigerer Attraktion, als alle die vorige waren, aus dem
Mittelpunkte ihrer regelmäßigen Stellungen regieret wird. Die Anziehung,
welche die Ursache der systematischen Verfassung unter den Fixsternen der Milchstraße
ist, wirket auch noch in der Entfernung eben dieser Weltordnungen, um sie aus
ihren Stellungen zu bringen, und die Welt in einem unvermeidlich bevorstehenden
Chaos zu begraben, wenn nicht regelmäßig ausgeteilte Schwungskräfte
der Attraktion das Gegengewicht leisten, und beiderseits in Verbindung diejenige
Beziehung hervorbringen, die der Grund der systematischen Verfassung ist.
Die Anziehung ist ohne Zweifel eine eben so weit ausgedehnte Eigenschaft der
Materie, als die Koexistenz, welche den Raum macht, indem sie die Substanzen
durch gegenseitige Abhängigkeiten verbindet, oder, eigentlicher zu reden,
die Anziehung ist eben diese allgemeine Beziehung, welche die Teile der Natur
in einem Raume vereinigt: sie erstrecket sich also auf die ganze Ausdehnung
desselben, bis in alle Weiten ihrer Unendlichkeit. Wenn das Licht von diesen
entfernten Systemen zu uns gelanget, das Licht, welches nur eine eingedrückte
Bewegung ist, muß nicht vielmehr die Anziehung, diese ursprüngliche
Bewegungsquelle, welche eher, wie alle Bewegung ist, die keiner fremden Ursachen
bedarf, auch durch keine Hindernis kann aufgehalten werden, weil sie
in das Innerste der Materie, ohne einigen Stoß, selbst bei der allgemeinen
Ruhe der Natur wirket, muß, sage ich, die Anziehung nicht diese Fixsternen-Systemata,
ihrer unermeßlichen Entfernungen ungeachtet, bei der ungebildeten Zerstreuung
ihres Stoffes, im Anfange der Regung der Natur, in Bewegungen versetzet haben,
die eben so, wie wir im Kleinen gesehen haben, die Quelle der systematischen
Verbindung, und der dauerhaften Beständigkeit ihrer Glieder ist, die sie
vor den Verfall sichert?
Aber, welches wird denn endlich das Ende der systematischen Einrichtungen sein?
wo wird die Schöpfung selber aufhören? Man merket wohl, daß,
um sie in einem Verhältnisse mit der Macht des unendlichen
Wesens zu gedenken, sie gar keine Grenzen haben müsse.
Man kommt der Unendlichkeit der Schöpfungskraft Gottes nicht näher,
wenn man den Raum ihrer Offenbarung in einer Sphäre, mit dem Radius der
Milchstraße beschrieben, einschließet, als wenn man ihn in eine
Kugel beschränken will, die einen Zoll im Durchmesser hat. Alles
was endlich, was seine Schranken und ein bestimmtes Verhältnis zur Einheit
hat, ist von dem Unendlichen gleich weit entfernet. Nun wäre es ungereimt,
die Gottheit mit einem unendlich kleinen Teile ihres schöpferischen Vermögens
in Wirksamkeit zu setzen, und ihre unendliche Kraft, den Schatz einer wahren
Unermeßlichkeit von Naturen und Welten, untätig, und in einem ewigen
Mangel der Ausübung verschlossen zu gedenken. Ist es nicht vielmehr
anständiger, oder, besser zu sagen, ist es nicht notwendig, den Inbegriff
der Schöpfung also anzustellen, als er sein muß, um ein Zeugnis von
derjenigen Macht zu sein, die durch keinen Maßstab kann abgemessen werden?
Aus diesem Grunde ist das Feld der Offenbarung göttlicher
Eigenschaften eben so unendlich, als diese selber sind.*
* Der Begriff einer
unendlichen Ausdehnung der Welt findet unter den Metaphysikkündigern Gegner,
und hat nur neulich an dem Herrn M. Weitenkampf einen gefunden. Wenn diese Herren,
wegen der angeblichen Unmöglichkeit einer Menge ohne Zahl und Grenzen,
sich zu dieser Idee nicht bequemen können: so wollte ich nur vorläufig
fragen: ob die künftige Folge der Ewigkeit nicht
eine wahre Unendlichkeit von Mannigfaltigkeiten und Veränderungen in sich
fassen wird? und ob diese unendliche Reihe nicht auf einmal schon jetzo dem
göttlichen Verstande ganzlich gegenwärtig sei? Wenn es nun
möglich war, daß Gott den Begriff der Unendlichkeit, der seinem Verstande
auf einmal darstehet, in einer auf einander folgenden Reihe würklich machen
kann: warum sollte derselbe nicht den Begriff einer andern Unendlichkeit in
einem, dem Raume nach, verbundenen Zusammenhange darstellen, und dadurch
den Umfang der Welt ohne Grenzen machen können? Indessen, daß man
diese Frage wird zu beantworten suchen, so werde mich der Gelegenheit, die sich
darbieten wird, bedienen, durch eine aus der Natur der Zahlen gezolgene Erläuterung,
die vermeinte Schwierigkeit zu heben, woferne man, bei genauer Erwägung,
es noch als eine einer Erörterung bedürftige Frage ansehen kann: ob
dasjenige, was eine durch die höchste Weisheit begleitete Macht hervorgebracht
hat, sich zu offenbaren, zu demjenigen, was sie hat hervorbringen können,
sich wie eine Differentialgröße verhalte?
Die Ewigkeit ist nicht hinlängjlich, die Zeugnisse
des höchsten Wesens zu fassen, wo sie nicht mit der Unendlichkeit des Raumes
verbunden wird. Es ist wahr, die Ausbildung, die Form, die Schönheit
und Vollkommenheit sind Beziehungen der Grundstücke und der Substanzen,
die den Stoff des Weltbaues ausmachen; und man bemerket es an den Anstalten,
die die Weisheit Gottes noch zu aller Zeit trifft;
es ist ihr auch am gemäßesten, daß sie sich, aus dieser ihren
eingepflanzten allgemeinen Gesetzen, durch eine ungezwungene Folge herauswickeln.
Und daher kann man mit gutem Grunde setzen, daß die Anordnung und Einrichtung
der Weltgebäude, aus dem Vorrate des erschaffenen Naturstoffes, in einer
Folge der Zeit, nach und nach geschehe; allein, die Grundmaterie selber, deren
Eigenschaften und Kräfte allen Veränderungen zum Grunde liegen, ist
eine unmittelbare Folge des göttlichen Daseins: selbige muß also
auf einmal so reich, so vollständig sein, daß die Entwickelung ihrer
Zusammensetzungen in dem Abflusse der Ewigkeit sich über einen Plan ausbreiten
könne, der alles in sich schließet, was sein kann, der kein Maß
annimmt, kurz, der unendlich ist.
Wenn nun also die Schöpfung, der Räume nach, unendlich ist, oder es
wenigstens, der Materie nach, wirklich von Anbeginn her schon gewesen ist, der
Form, oder der Ausbildung nach aber es bereit ist zu werden: so wird der Weltraum
mit Welten ohne Zahl und ohne Ende belebet werden. Wird denn nun jene systematische
Verbindung, die wir vorher bei allen Teilen insonderheit erwogen haben, auch
aufs Ganze gehen, und das gesamte Universum, das All der Natur, in einem einigen
System, durch die Verbindung der Anziehung und der fliehenden
Kraft, zusammen fassen? Ich sage ja; wenn nur lauter abgesonderte Weltgebäude,
die unter einander keine vereinte Beziehung zu einem Ganzen hätten, vorhanden
wären, so könnte man wohl, wenn man diese Kette von Gliedern als wirklich
unendlich annähme, gedenken, daß eine genaue Gleichheit der Anziehung
ihrer Teile von allen Seiten diese Systemata von dem Verfall, den ihnen die
innere Wechselanziehung drohet, sicher halten könne. Allein hiezu gehöret
eine so genaue abgemessene Bestimmung in denen nach der Attraktion abgewogenen
Entfernungen, daß auch die geringste Verrückung dem U n i v e r s
o den Untergang zuziehen, und sie in langen Perioden, die aber doch endlich
zu Ende laufen müssen, dem Umsturze überliefern würde.
Eine Weltverfassung, die sich ohne ein Wunder nicht erhielt, hat nicht den Charakter
der Beständigkeit, die das Merkmal der Wahl Gottes ist; man trifft es also
dieser weit anständiger, wenn man der gesamten Schöpfung ein einziges
System machet, welches alle Welten und Weltordnungen, die den ganzen unendlichen
Raum ausfüllen, auf einen einigen Mittelpunkt beziehend macht. Ein
zerstreuetes Gewimmel von Weltgebäuden, sie möchten auch durch noch
so weite Entfernungen von einander getrennet sein, würde mit einem unverhinderten
Hang zum Verderben und zur Zerstörung eilen, wenn nicht eine gewisse beziehende
Einrichtung gegen einen allgemeinen Mittelpunkt, das Zentrum der Attraktion
des Universi und den Unterstützungspunkt der gesamten Natur, durch systematische
Bewegungen getroffen wäre -
Um diesen allgemeinen Mittelpunkt der Senkung der ganzen Natur, sowohl der gebildeten,
als der rohen, in welchem sich ohne Zweifel der Klumpen von der ausnehmendsten
Attraktion befindet, der in seine Anziehungssphäre
alle Welten und Ordnungen, die die Zeit hervorgebracht hat, und die Ewigkeit
hervorbringen wird, begreifet, kann man mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß
die Natur den Anfang ihrer Bildung gemacht, und daselbst auch die Systemen
am dichtesten gehäufet seien; weiter von demselben aber in der Unendlichkeit
des Raumes sich, mit immer größeren Graden der Zerstreuung verlieren.
Man könnte diese Regel aus der Analogie unseres Sonnenbaues abnehmen, und
diese Verfassung kann ohnedem dazu dienen, daß in großen Entfernungen
nicht allein der allgemeine Zentralkörper, sondern auch alle um ihn zunächst
laufende Systemata ihre Anziehung zusammen vereinigen, und sie gleichsam aus
einem Klumpen gegen die Systemata des noch weiteren Abstandes ausüben.
Dieses wird alsdenn mit dazu behülflich sein, die ganze Natur in der ganzen
Unendlichkeit ihrer Erstreckung, in einem einzigen Systema, zu begreifen.
Um nun der Errichtung dieses allgemeinen Systems der Natur, aus den mechanischen
Gesetzen der zur Bildung strebenden Materie, nachzuspüren: so muß
in dem unendlichen Raume des ausgebreiteten elementarischen Grundstoffes, an
irgend einem Orte, dieser Grundstoff die dichteste Häufung gehabt haben,
um, durch die daselbst geschehende vorzügliche Bildung, dem gesamten Universo
eine Masse verschaffet zu haben, die ihm zum Unterstützungspunkte dienete.
Es ist zwar an dem, daß in einem unendlichen Raume kein Punkt eigentlich
das Vorrecht haben kann, der Mittelpunkt zu heißen; aber, vermittelst
einer gewissen Verhältnis, die sich auf die wesentliche Grade der Dichtigkeit
des Urstoffes gründet, nach welcher diese zugleich mit ihrer Schöpfung
an einem gewissen Orte vorzüglich dichter gehäufet, und mit den Weiten
von demselben in der Zerstreuung zunimmt, kann ein solcher Punkt das Vorrecht
haben, der Mittelpunkt zu heißen, und er wird es auch wirklich, durch
die Bildung der Zentralmasse von der kräftigsten Anziehung in demselben,
zu dem sich alle übrige, in Partikularbildungen begriffene elementarische
Materie senket, und dadurch, so weit sich auch die Auswickelung der Natur erstrecken
mag, in der unendlichen Sphäre der Schöpfung,
aus dem ganzen All nur ein einziges System macht.
Das ist aber was Wichtiges, und welches, woferne es Beifall erlanget, der größesten
Aufmerksamkeit würdig ist, daß, der Ordnung der Natur in diesem unserm
System zu Folge, die Schöpfung, oder vielmehr die Ausbildung der Natur,
bei diesem Mittelpunkte zuerst anfängt, und mit stetiger Fortschreitung
nach und nach in alle fernere Weiten ausgebreitet wird, um den unendlichen Raum
in dem Fortgange der Ewigkeit mit Welten und Ordnungen zu erfüllen.
Lasset uns dieser Vorstellung einen Augenblick mit stillem Vergnügen nachhängen.
Ich finde nichts, das den Geist des Menschen zu einem edleren Erstaunen erheben
kann, indem es ihm eine Aussicht in das unendliche Feld der Allmacht eröffnet,
als diesen Teil der Theorie, der die sukzessive Vollendung der Schöpfung
betrifft. Wenn man mir zugibt, daß die Materie, die der Stoff zu
Bildung aller Welten ist, in dem ganzen unendlichen Raume der göttlichen
Gegenwart nicht gleichförmig, sondern nach einem gewissen Gesetze
ausgebreitet gewesen, das sich vielleicht auf die Dichtigkeit der Partikeln
bezog, und nach welchem von einem gewissen Punkte, als dem Orte der dichtesten
Häufung, mit den Weiten von diesem Mittelpunkte die Zerstreuung des Urstoffes
zunahm: so wird, in der ursprünglichen Regung der Natur, die Bildung zunächst
diesem Centro angefangen, und denn, in fortschreitender Zeitfolge, der weitere
Raum nach und nach Welten und Weltordnungen, mit einer gegen diesen sich beziehenden
systematischen Verfassung, gebildet haben.
Ein jeder endlicher Periodus, dessen Länge zu der Größe des
zu vollbringenden Werks ein Verhältnis hat, wird immer nur eine endliche
Sphäre, von diesem Mittelpunkte an, zur Ausbildung bringen; der übrige
unendliche Teil wird indessen noch mit der Verwirrung und dem Chaos streiten,
und um so viel weiter von dem Zustande der vollendeten Bildung entfernet sein,
je weiter dessen Abstand von der Sphäre der schon ausgebildeten Natur entfernet
ist. Diesem zu Folge, ob wir gleich von dem Orte unseres Aufenthalts in dem
Universo eine Aufsicht in eine, wie es scheinet, völlig vollendete Welt,
und, so zu reden, in ein unendliches Heer von Weltordnungen,
die systematisch verbunden sind, haben: so befinden wir uns doch eigentlich
nur in einer Naheit zum Mittelpunkte der ganzen Natur, wo diese sich schon aus
dem Chaos ausgewickelt, und ihre gehörige Vollkommenheit erlanget hat.
Wenn wir eine gewisse Sphäre überschreiten könnten: würden
wir daselbst das Chaos und die Zerstreuung der Elemente erblicken, die nach
dem Maße, als sie sich diesem Mittelpunkte näher befinden, den rohen
Zustand zum Teil verlassen, und der Vollkommenheit der Ausübung näher
sind, mit den Graden der Entfernung aber sich nach und nach in einer völligen
Zerstreuung verlieren. Wer würde sehen, wie der unendliche
Raum der göttlichen Gegenwart, darin der Vorrat zu allen möglichen
Naturbildungen anzutreffen ist, in einer stillen Nacht begraben, voll von Materie,
den künftig zu erzeugenden Welten zum Stoffe zu dienen, und von Triebfedern,
sie in Bewegung zu bringen, die, mit einer schwachen Regung, diejenige Bewegungen
anfangen, womit die Unermeßlichkeit dieser öden Räume dereinst
noch soll belebet werden.
Es ist vielleicht eine Reihe von Millionen Jahren und Jahrhunderten verflossen,
ehe die Sphäre der gebildeten Natur, darin wir uns befinden, zu der Vollkommenheit
gediehen ist, die ihr jetzt beiwohnet; und es wird vielleicht ein eben so langer
Periodus vergehen, bis die Natur einen eben so weiten Schritt in dem Chaos tut:
allein die Sphäre der ausgebildeten Natur ist unaufhörlich beschäftiget,
sich auszubreiten.
Die Schöpfung ist nicht das Werk von einem Augenblicke.
Nachdem sie mit der Hervorbringung einer Unendlichkeit von Substanzen und Materie
den Anfang gemachet hat: so ist sie mit immer zunehmenden Graden der Fruchtbarkeit,
die ganze Folge der Ewigkeit hindurch, wirksam.
Es werden Millionen, und ganze Gebürge von Millionen Jahrhunderten verfließen,
binnen welchen immer neue Welten und Weltordnungen nach einander, in denen
entfernten Weiten von dem Mittelpunkte der Natur, sich bilden, und zur Vollkommenheit
gelangen werden; sie werden, ohnerachtet der systematischen Verfassung, die
unter ihren Teilen ist, eine allgemeine Beziehung auf den Mittelpunkt erlangen,
welcher der erste Bildungspunkt, und das Zentrum der Schöpfung durch das
Anziehungsvermögen seiner vorzüglichen Masse worden ist.
Die Unendlichkeit der künftigen Zeitfolge, womit die Ewigkeit unerschöpflich
ist, wird alle Räume der Gegenwart Gottes ganz und gar beleben, und in
die Regelmäßigkeit, die der Trefflichkeit seines Entwurfes gemäß
ist, nach und nach versetzen, und wenn man mit einer kühnen Vorstellung
die ganze Ewigkeit, so zu sagen, in einem Begriffe zusammen fassen könnte:
so würde man auch den ganzen unendlichen Raum mit Weltordnungen angefüllet,
und die Schöpfung vollendet ansehen können. Weil aber in der
Tat von der Zeitfolge der Ewigkeit der rückständige Teil allemal unendlich,
und der abgeflossene endlich ist: so ist die Sphäre der ausgebildeten Natur
allemal nur ein unendlich kleiner Teil desjenigen Inbegriffs,
der den Samen zukünftiger Welten in sich hat, und sich aus dem rohen
Zustande des Chaos, in längern oder kürzern Perioden, auszuwickeln
trachtet. Die Schöpfung ist niemals vollendet. Sie
hat zwar einmal angefangen, aber sie wird niemals aufhören. Sie ist immer
geschäftig, mehr Auftritte der Natur, neue Dinge und neue Welten hervor
zu bringen. Das Werk, welches sie zu Stande bringet, hat ein Verhältnis
zu der Zeit, die sie darauf anwendet. Sie braucht nichts weniger, als
eine Ewigkeit, um die ganze grenzenlose Weite der unendlichen Räume, mit
Welten ohne Zahl und ohne Ende, zu beleben. Man kann von ihr dasjenige sagen,
was der erhabenste unter den deutschen Dichtern von der Ewigkeit schreibet:
Unendlichkeit! wer misset
dich?
Vor dir sind Weiten Tag, und Menschen Augenblicke;
Vielleicht die tausendste der Sonnen wälzt jetzt sich,
Und tausend bleiben noch zurücke.
Wie eine Uhr, beseelt durch ein Gewicht,
Eilt eine Sonn‘, aus Gottes Kraft bewegt:
Ihr Trieb läuft ab, und eine andre schlägt,
Du aber bleibst, und zählst sie nicht.
v. Haller.
Es ist ein nicht geringes Vergnügen, mit seiner Einbildungskraft
über die Grenze der vollendeten Schöpfung, in den Raum des Chaos,
auszuschweifen, und die halb rohe Natur, in der Naheit zur Sphäre
der ausgebildeten Welt, sich nach und nach durch alle Stufen und Schattierungen
der Unvollkommenheit, in dem ganzen ungebildeten Raume, verlieren zu sehen.
Aber ist es nicht eine tadelnswürdige Kühnheit, wird man sagen, eine
Hypothese aufzuwerfen, und sie, als einen Vorwurf der Ergötzung des Verstandes,
anzupreisen, welche vielleicht nur gar zu willkürlich ist, wenn man behauptet,
daß die Natur nur einem unendlich kleinen Teile nach ausgebildet sei,
und unendliche Räume noch mit dem Chaos streiten, um in der Folge künftiger
Zeiten ganze Heere von Welten und Weltordnungen, in aller gehörigen Ordnung
und Schönheit, darzustellen? Ich bin den Folgen, die meine Theorie darbietet,
nicht so sehr ergeben, daß ich nicht erkennen sollte, wie die Mutmaßung
von der sukzessiven Ausbreitung der Schöpfung durch die unendliche Räume,
die den Stoff dazu in sich fassen, den Einwurf der Unerweislichkeit nicht völlig
ablehnen könne. Indessen verspreche ich mir doch von denenjenigen, welche
die Grade der Wahrscheinlichkeit zu schätzen im Stande sind, daß
eine solche Karte der Unendlichkeit, ob sie gleich einen Vorwurf begreifet,
der bestimmt zu sein scheinet, dem menschlichen Verstande auf ewig verborgen
zu sein, nicht um deswillen sofort als ein Hirngespinste werde angesehen werden,
vornehmlich, wenn man die Analogie zu Hülle nimmt, welche uns allemal,
in solchen Fällen, leiten muß, wo dem Verstande der Faden der untrüglichen
Beweise mangelt.
Man kann aber auch die Analogie noch durch annehmungswürdige Gründe
unterstützen, und die Einsicht des Lesers, wofern ich mich solches Beifalls
schmeicheln darf, wird sie vielleicht mit noch wichtigem vermehren können.
Denn wenn man erwäget, daß die Schöpfung den Charakter der Beständigkeit
nicht mit sich führet, wofern sie der allgemeinen Bestrebung der Anziehung,
die durch alle ihre Teile wirket, nicht eine eben so durchgängige Bestimmung
entgegen setzet, die dem Hange der ersten zum Verderben und zur Unordnung gnugsam
widerstehen kann, wenn sie nicht Schwungskräfte
ausgeteilet hat, die in der Verbindung mit der Zentralneigung eine allgemeine
systematische Verfassung festsetzen: so wird man genötiget, einen allgemeinen
Mittelpunkt des ganzen Welt-Alls anzunehmen, die alle Teile desselben in verbundener
Beziehung zusammen hält, und aus dem ganzen Inbegriff der Natur nur ein
System machet.
Wenn man hiezu den Begriff von der Bildung der Weltkörper aus der zerstreueten
elementarischen Materie füget, wie wir ihn in den vorhergehenden entworfen
haben, jedoch ihn allhier nicht auf ein absonderliches System einschränkt,
sondern über die ganze Natur ausdehnet: so wird man genötiget, eine
solche Austeilung des Grundstoffes, in dem Raume des ursprünglichen Chaos,
zu gedenken, die natürlicher Weise einen Mittelpunkt der ganzen Schöpfung
mit sich bringet, damit in diesen die wirksame Masse, die in ihrer Sphäre
die gesamte Natur begreift, zusammengebracht, und die durchgängige Beziehung
bewirket werden könne, wodurch alle Welten nur ein einziges Gebäude
ausmachen.
Es kann aber in dem unendlichen Raume kaum eine Art der Austeilung des ursprünglichen
Grundstoffes gedacht werden, die einen wahren Mittel- und Senkungspunkt der
gesamten Natur setzen sollte, als wenn sie nach einem Gesetze der zunehmenden
Zerstreuung, von diesem Punkte an, in alle ferne Weiten eingerichtet ist. Dieses
Gesetze aber setzet zugleich einen Unterscheid in der Zeit, die ein System in
den verschiedenen Gegenden des unendlichen Raumes gebrauchet, zur Reife seiner
Ausbildung zu kommen, so, daß diese Periode desto kürzer ist, je
näher der Bildungsplatz eines Weltbaues sich dem Centro der Schöpfung
befindet, weil daselbst die Elemente des Stoffes dichter gehäufet sind,
und dagegen um desto länger Zeit erfordert, je weiter der Abstand ist,
weil die Partikeln daselbst zerstreueter sind, und später zur Bildung zusammen
kommen.
Wenn man die ganze Hypothese, die ich entwerfe, in dem ganzen Umfange sowohl
dessen, was ich gesagt habe, als was ich noch eigentlich darlegen werde, erwäget:
so wird man die Kühnheit ihrer Forderungen wenigstens nicht vor unfähig
halten, eine Entschuldigung anzunehmen. Man kann den unvermeidlichen Hang, den
ein jegliches zur Vollkommenheit gebrachtes Weltgebäude
nach und nach zu seinem Untergange hat, unter die Gründe rechnen, die es
bewähren können, daß das Universum dagegen in andern Gegenden
an Welten fruchtbar sein werde, um den Mangel zu ersetzen, den es an einem Orte
erlitten hat. Das ganze Stück der Natur, das wir kennen, ob es gleich
nur ein Atomus in Ansehung dessen ist, was über oder unter unserem Gesichtskreise
verborgen bleibt, bestätiget doch diese Fruchtbarkeit der Natur, die
ohne Schranken ist, weil sie nicht anders, als die Ausübung der göttlichen
Allmacht selber ist.
Unzählige Tiere und Pflanzen werden täglich zerstöret, und sind
ein Opfer der Vergänglichkeit; aber nicht weniger bringet die Natur, durch
ein unerschöpftes Zeugungsvermögen, an andern Orten wiederum hervor,
und füllet das Leere aus. Beträchtliche Stücke des Erdbodens,
den wir bewohnen, werden wiederum in dem Meere begraben, aus dem sie ein günstiger
Periodus hervorgezogen hatte; aber an anderen Orten ergänzet die Natur
den Mangel, und bringet andere Gegenden hervor, die in der Tiefe des Wesens
verborgen waren, um neue Reichtümer ihrer Fruchtbarkeit über dieselbe
auszubreiten. Auf die gleiche Art vergehen Welten und Weltordnungen, und werden
von dem Abgrunde der Ewigkeiten verschlungen; dagegen ist die Schöpfung
immerfort geschäftig, in andern Himmelsgegenden neue Bildungen zu verrichten,
und den Abgang mit Vorteile zu ergänzen.
Man darf nicht erstaunen, selbst in dem Großen der Werke
Gottes, eine Vergänglichkeit zu verstatten. Alles,
was endlich ist, was einen Anfang und Ursprung hat, hat das Merkmal seiner eingeschränkten
Natur in sich; es muß vergehen, und ein Ende haben. Die Dauer eines
Weltbaues hat, durch die Vortrefflichkeit ihrer Errichtung, eine Beständigkeit
in sich, die, unsern Begriffen nach, einer unendlichen Dauer nahe kommt. Vielleicht
werden tausend, vielleicht Millionen Jahrhunderte sie nicht vernichten; allein,
weil die Eitelkeit, die an denen endlichen Naturen haftet, beständig an
ihrer Zerstörung arbeitet: so wird die Ewigkeit alle mögliche Perioden
in sich halten, um durch einen allmählichen Verfall den Zeitpunkt ihres
Unterganges doch endlich herbei zu führen. Newton,
dieser große Bewunderer der Eigenschaften Gottes
aus der Vollkommenheit seiner Werke, der mit der tiefsten Einsicht in die Trefflichkeit
der Natur die größte Ehrfurcht gegen die Offenbarung der göttlichen
Allmacht verband, sahe sich genötiget, der Natur ihren Verfall durch den
natürlichen Hang, den die Mechanik der Bewegungen dazu hat, vorher zu verkündigen.
Wenn eine systematische Verfassung, durch die wesentliche Folge der Hinfälligkeit,
in großen Zeitläuften auch den allerkleinsten Teil, den man sich
nur gedenken mag, dem Zustande ihrer Verwirrung nähert: so muß in
dem unendlichen Ablaufe der Ewigkeit doch ein Zeitpunkt sein, da diese allmähliche
Verminderung alle Bewegung erschöpfet hat.
Wir dürfen aber den Untergang eines Weltgebäudes nicht als einen wahren
Verlust der Natur bedauren. Sie beweiset ihren Reichtum
in einer Art von Verschwendung, welche, indem einige Teile der Vergänglichkeit
den Tribut bezahlen, sich durch unzählige neue Zeugungen in dem ganzen
Umfange ihrer Vollkommenheit unbeschadet erhält. Welch eine unzählige
Menge Blumen und Insekten zerstöret ein einziger kalter Tag; aber wie wenig
vermisset man sie, ohnerachtet es herrliche Kunstwerke der Natur und Beweistümer
der göttlichen Allmacht sein; an einem andern Orte wird dieser Abgang
mit Überfluß wiederum ersetzet.
Der Mensch, der das Meisterstück der Schöpfung
zu sein scheinet, ist selbst von diesem Gesetze nicht ausgenommen. Die Natur
beweiset, daß sie eben so reich, eben so unerschöpfet, in Hervorbringung
des Trefflichsten unter den Kreaturen, als des Geringschätzigsten, ist,
und daß selbst deren Untergang eine notwendige Schattierung in der Mannigfaltigkeit
ihrer Sonnen ist, weil die Erzeugung derselben ihr nichts kostet. Die schädlichen
Wirkungen der angesteckten Luft, die Erdbeben, die Überschwemmungen vertilgen
ganze Völker von dem Erdboden; allein es scheinet nicht, daß die
Natur dadurch einigen Nachteil erlitten habe. Auf gleiche Weise verlassen ganze
Welten und Systemen den Schauplatz, nachdem sie ihre Rolle ausgespielet haben.
Die Unendlichkeit der Schöpfung ist groß genug, um eine Welt, oder
eine Milchstraße von Welten, gegen sie anzusehen, wie man eine Blume,
oder ein Insekt, in Vergleichung gegen die Erde, ansiehet. Indessen, daß
die Natur mit veränderlichen Auftritten die Ewigkeit auszieret, bleibt
Gott in einer unaufhörlichen Schöpfung geschäftig, den Zeug zur
Bildung noch größerer Welten zu formen.
Der stets mit einem gleichen Auge, weil er der Schöpfer
ja von allen,
Sieht einen Helden untergehn, und einen kleinen Sperling fallen,
Sieht eine Wasserblase springen, und eine ganze Welt vergehn.
Pope, nach Brockes‘ Übersetzung.
Laßt uns also unser Auge an diese erschreckliche Umstürzungen als
an die gewöhnlichen Wege der Vorsehung gewöhnen, und sie sogar mit
einer Art von Wohlgefallen ansehen. Und in der Tat ist dem Reichtume der Natur
nichts anständiger als dieses. Denn wenn ein Weltsystem in der langen Folge
seiner Dauer alle Mannigfaltigkeit erschöpfet, die seine Einrichtung fassen
kann, wenn es nun ein überflüssiges Glied in der Kette der Wesen geworden:
so ist nichts geziemender, als daß es in dem Schauspiele der ablaufenden
Veränderungen des Universi die letzte Rolle spielet, die jedem endlichen
Dinge gebühret, nämlich der Vergänglichkeit ihr Gebühr abtrage.
Die Natur zeiget, wie gedacht, schon in dem kleinen Teile ihres Inbegriffes,
diese Regel ihres Verfahrens, die das ewige Schicksal ihr im Ganzen vorgeschrieben
hat, und ich sage es nochmals, die Größe desjenigen, was untergehen
soll, ist hierin nicht im geringsten hinderlich; denn alles, was groß
ist, wird klein, ja es wird gleichsam nur ein Punkt, wenn man es mit dem Unendlichen
vergleicht, welches die Schöpfung in dem unbeschränkten Raume, die
Folge der Ewigkeit hindurch, darstellen wird.
Es scheinet, daß dieses denen Welten so wie allen Naturdingen verhängte
Ende einen gewissen Gesetze unterworfen sei, dessen Erwägung der Theorie
einen neuen Zug der Anständigkeit gibet. Nachdemselben hebt es bei denen
Weltkörpern an, die sich dem Mittelpunkte des Welt-Alls am nächsten
befinden, so wie die Erzeugung und Bildung neben diesem Centro zuerst angefangen:
von da breitet sich das Verderben und die Zerstörung nach und nach in die
weiteren Entfernungen aus, um alle Welt, welche ihre Periode zurück geleget
hat, durch einen allmählichen Verfall der Bewegungen, zuletzt in einem
einzigen Chaos zu begraben.
Andererseits ist die Natur, auf der entgegengesetzten Grenze der ausgebildeten
Welt, unablässig beschäftiget, aus dem rohen Zeuge der zerstreueten
Elemente Welten zu bilden, und, indem sie an der einen Seite neben dem Mittelpunkte
veraltet, so ist sie auf der andern jung und an neuen Zeugungen fruchtbar. Die
ausgebildete Welt befindet sich diesem nach zwischen den Ruinen der zerstörten,
und zwischen dem Chaos der ungebildeten Natur mitten inne beschränket,
und wenn man, wie es wahrscheinlich ist, sich vorstellet, daß eine schon
zur Vollkommenheit gediehene Welt eine längere Zeit dauren könne,
als sie bedurft hat, gebildet zu werden: so wird ungeachtet aller der Verheerungen,
die die Vergänglichkeit unaufhörlich anrichtet, der Umfang des Universi
dennoch überhaupt zunehmen.
Will man aber noch zuletzt einer Idee Platz lassen, die eben so wahrscheinlich,
als der Verfassung der göttlichen Werke wohlanständig ist: so wird
die Zufriedenheit, welche eine solche Abschilderung der Veränderungen der
Natur erreget, bis zum höchsten Grade des Wohlgefallens erhoben. Kann man
nicht glauben, die Natur, welche vermögend war, sich aus dem Chaos in eine
regelmäßige Ordnung und in ein geschicktes System zu setzen, sei
ebenfalls im Stande, aus dem neuen Chaos, darin sie die Verminderung ihrer Bewegungen
versenket hat, sich wiederum eben so leicht herzustellen, und die erste Verbindung
zu erneuren? Können die Federn, welche den Stoff der zerstreuten Materie
in Bewegung und Ordnung brachten, nachdem sie der Stillstand der Maschine zur
Ruhe gebracht hat, durch erweiterte Kräfte nicht wiederum in Wirksamkeit
gesetzt werden, und sich nach eben denselben allgemeinen Regeln zur Übereinstimmung
einschränken, wodurch die ursprüngliche Bildung zuwege gebracht worden
ist?
Man wird nicht lange Bedenken tragen, dieses zuzugeben, wenn man erwäget,
daß, nachdem die endliche Mattigkeit der Umlaufs-Bewegungen in dem Weltgebäude
die Planeten und Kometen insgesamt auf die Sonne niedergestürzt hat, dieser
ihre Glut einen unermeßlichen Zuwachs durch die Vermischung so vieler
und großer Klumpen bekommen muß, vornehmlich da die entfernete Kugeln
des Sonnensystems, unserer vorher erwiesenen Theorie zufolge, den leichtesten
und im Feuer wirksamsten Stoff der ganzen Natur in sich enthalten. Dieses durch
neue Nahrung und die flüchtigste Materie in die größte Heftigkeit
versetzte Feuer wird ohne Zweifel nicht allein alles wiederum in die kleinsten
Elemente auflösen, sondern auch dieselbe in dieser Art, mit einer der Hitze
gemäßen Ausdehnungskraft, und mit einer Schnelligkeit, welche durch
keinen Widerstand des Mittelraums geschwächet wird, in dieselben weiten
Räume wiederum ausbreiten und zerstreuen, welche sie vor der ersten Bildung
der Natur eingenommen hatten, um, nachdem die Heftigkeit des Zentralfeuers durch
eine beinahe gänzliche Zerstreuung ihrer Masse gedämpfet werden, durch
Verbindung der Attraktions- und Zurückstoßungskräfte, die alten
Zeugungen und systematisch beziehende Bewegungen, mit nicht minderer Regelmäßigkeit
zu wiederholen und ein neues Weltgebäude darzustellen. Wenn denn ein besonderes
Planetensystem auf diese Weise in Verfall geraten und durch wesentliche Kräfte
sich daraus wiederum hergestellet hat, wenn es wohl gar dieses Spiel mehr wie
einmal wiederholet: so wird endlich die Periode herannahen, die auf gleiche
Weise das große System, darin die Fixsterne Glieder sein, durch den Verfall
ihrer Bewegungen, in einem Chaos versammlen wird.
Man wird hier noch weniger zweifeln, daß die Vereinigung einer so unendlichen
Menge Feuerschätze, als diese brennenden Sonnen sind, zusamt dem Gefolge
ihrer Planeten den Stoff ihrer Massen, durch die unnennbare Glut aufgelöset,
in den alten Raum ihrer Bildungssphäre zerstreuen und daselbst die Materialien
zu neuen Bildungen durch dieselbe mechanische Gesetze hergeben werden, woraus
wiederum der öde Raum mit Welten und Systemen kann belebet werden. Wenn
wir denn diesen Phönix der Natur, der sich nur darum verbrennet, um aus
seiner Asche wiederum verjüngt aufzuleben, durch alle Unendlichkeit der
Zeiten und Räume hindurch folgen; wenn man siehet, wie sie sogar in der
Gegend, da sie verfällt und veraltet, an neuen Auftritten unerschöpft
und auf der anderen Grenze der Schöpfung in dem Raum der ungebildeten rohen
Materie mit stetigen Schritten zur Ausdehnung des Plans
der göttlichen Offenbarung fortschreitet, um die Ewigkeit sowohl, als alle
Räume mit ihren Wundern zu füllen: so versenket sich der Geist,
der alles dieses überdenket, in ein tiefes Erstaunen; aber annoch mit diesem
so großen Gegenstande unzufrieden, dessen Vergänglichkeit die Seele
nicht gnugsam zufrieden stellen kann, wünschet er dasjenige
Wesen von nahem kennen zu lernen, dessen Verstand, dessen Größe die
Quelle desjenigen Lichtes ist, das sich über die gesamte Natur,
gleichsam als aus einem Mittelpunkte, ausbreitet. Mit welcher Art der Ehrfurcht
muß nicht die Seele so gar ihr eigen Wesen ansehen, wenn sie betrachtet,
daß sie noch alle diese Veränderungen überleben soll, sie kann
zu sich selber sagen, was der philosophische Dichter von der Ewigkeit saget:
Wenn denn ein zweites Nichts wird diese Welt begraben;
Wenn von dem Alles selbst nichts bleibet als die Stelle;
Wenn mancher Himmel noch, von andern Sternen helle,
Wird seinen Lauf vollendet haben:
Wirst du so jung als jetzt, von deinem Tod gleich weit,
Gleich ewig künftig sein, wie heut.
v. Haller.
O glücklich, wenn sie unter dem Tumult der Elemente und den Träumen
der Natur jederzeit auf eine Höhe gesetzet ist, von da sie die Verheerungen,
die die Hinfälligkeit den Dingen der Welt verursacht, gleichsam unter ihren
Füßen kann vorbei rauschen sehen. Eine Glückseligkeit, welche
die Vernunft nicht einmal zu erwünschen sich erkühnen darf, lehret
uns die Offenbarung mit Überzeugung hoffen. Wenn
denn die Fesseln, welche uns an die Eitelkeit der Kreaturen geknüpft halten,
in dem Augenblicke, welcher zu der Verwandelung unsers Wesens bestimmt worden,
abgefallen sein, so wird der unsterbliche Geist, von der Abhängigkeit der
endlichen Dinge befreiet, in der Gemeinschaft mit dem unendlichen Wesen, den
Genuß der wahren Glückseligkeit finden.
Die ganze Natur, welche eine allgemeine harmonische Beziehung zu dem Wohlgefallen
der Gottheit hat, kann diejenige vernünftige Kreatur nicht anders als mit
Immerwährender Zufriedenheit erfüllen, die sich mit dieser Urquelle
aller Vollkommenheit vereint befindet. Die Natur, von diesem Mittelpunkte
aus gesehen, wird von allen Seiten lauter Sicherheit, lauter Wohlanständigkeit
zeigen. Die veränderlichen Szenen der Natur vermögen
nicht, den Ruhestand der Glückseligkeit eines Geistes zu verrücken,
der einmal zu solcher Höhe erhoben ist. Indem er diesen Zustand, mit einer
süßen Hoffnung, schon zum voraus kostet: kann er seinen Mund in denjenigen
Lobgesängen üben, davon dereinst alle Ewigkeiten erschallen sollen.
Wenn dereinst der Bau der Welt in sein Nichts zurück
geeilet
Und sich deiner Hände Werk nicht durch Tag und Nacht mehr teilet:
Denn soll mein gerührt Gemüte sich durch dich gestärkt bemühn,
In Verehrung deiner Allmacht, stets vor deinen Thron zu ziehn;
Mein von Dank erfüllter Mund soll durch alle Ewigkeiten
Dir und deiner Majestät ein unendlich Lob bereiten;
Ist dabei gleich kein vollkommnes, denn o Herr! so groß bist du,
Dich nach Würdigkeit zu loben, reicht die Ewigkeit nicht zu.
Addison Nach Gottscheds Übersetzung
Aus Immanuel Kant, Vorkritische Schriften 1, Allgemeine
Naturgeschichte und Theorie des Himmels . . .(S.326ff.)
Werkausgabe Band I Herausgegeben
von Wilhelm Weischedel Suhrkamp Tachenbuch Wissenschaft stw 186
Versuch
einiger Betrachtungen über den Optimismus (1759)
Seitdem man sich von Gott einen geziemenden Begriff gemacht hat, ist vielleicht
kein Gedanke natürlicher gewesen, als dieser daß
wenn er wählt er nur das Beste wähle.Wenn man vom Alexander sagte: Daß er glaubte nichts getan
zu haben, so lange vor ihn noch etwas zu tun übrig war, so wird sich dieses
mit einer unendlich größeren Richtigkeit von dem gütigsten und
mächtigsten unter allen Wesen sagen lassen. Leibniz hat auch damit nichts
Neues vorzutragen geglaubt, wenn er sagte: Diese Welt
sei unter allen möglichen die beste, oder welches eben so viel ist:
der Inbegriff alles dessen, was Gott außer sich hervor gebracht hat, ist
das Beste, was nur hervor zu bringen möglich war; sondern das Neue bestand
nur in der Anwendung, um bei den Schwierigkeiten, die man von dem Ursprunge
des Bösen macht, den Knoten abzuhauen, der so schwer aufzulösen ist.
Ein Gedanke, der so leicht, so natürlich ist, den man endlich so oft sagt,
daß er gemein wird, und Leute von zärtlichem Geschmacke verekelt,
kann sich nicht lange im Ansehen erhalten. Was hat man denn vor Ehre davon,
mit dem großen Haufen mit zu denken und einen Satz zu behaupten, der so
leicht zu beweisen ist? Subtile Irrtümer sind ein Reiz vor die Eigenliebe,
welche die eigene Stärke gerne fühlt; offenbare Wahrheiten hingegen
werden so leicht und durch einen so gemeinen Verstand eingesehen, daß
es ihnen endlich so geht wie jenen Gesängen, welche man nicht mehr ertragen
kann, so bald sie aus dem Munde des Pöbels erschallen. Mit einem Worte:
Man schätzt gewisse Erkenntnisse öfters nicht darum hoch weil sie
richtig sind, sondern weil sie uns was kosten, und man hat nicht gerne die Wahrheit
gutes Kaufs. Diesem nach hat man es erstlich außerordentlich, dann schön
und endlich richtig gefunden, zu behaupten, daß es Gott beliebt habe,
unter allen möglichen Welten diese zu wählen, nicht weil sie besser
war als die übrige die in seiner Gewalt waren, sondern weil es kurzum ihm
so beliebte. Und warum beliebte es denn dir, du Ewiger,
frage ich mit Demut, das Schlechtere dem Bessern vorzuziehen? und Menschen
legen dem Allerhöchsten die Antwort in den Mund: Es
gefiel mir also, und das ist genug.Ich entwerfe jetzt mit einiger Eilfertigkeit
Anmerkungen, die das Urteil über die Streitigkeit erleichtern können,
welche sich hierüber erhoben hat. Meine Herren Zuhörer werden sie
vielleicht dienlich finden, den Vortrag, den ich über diesen Artikel in
den Vorlesungen tue, in seinem Zusammenhange besser einzusehen. Ich fange demnach
also an zu schließen.
Wenn keine Welt gedacht werden kann, über die sich
nicht noch eine bessere denken ließe, so hat der höchste Verstand
unmöglich die Erkenntnis aller möglichen Welten haben können;
nun ist das letztere falsch, also auch des erstere. Die Richtigkeit des
Obersatzes erhellet also: wenn ich es von einer jeden einzelnen Idee, die man
sich nur von einer Welt machen mag, sagen kann, daß die Vorstellung einer
noch bessern möglich sei, so kann dieses auch von allen Ideen der Welten
im göttlichen Verstande gesagt werden; also sind bessere Welten möglich
als alle, die so von Gott erkannt werden, und Gott hat nicht von allen möglichen
Welten Kenntnis gehabt. Ich bilde mir ein, daß der Untersatz von jedem
Rechtgläubigen werde eingeräumt werden, und schließe, daß
es falsch sei zu behaupten, es könne keine Welt gedacht werden, über
die sich nicht noch eine bessere denken ließe, oder welches einerlei ist,
es ist eine Welt möglich, über die sich keine bessere denken läßt.
Hieraus folgt nur zwar freilich nicht, daß eine unter allen möglichen
Welten müsse die vollkommenste sein, denn wenn zwei oder mehrere derselben
an Vollkommenheit gleich wären, so würde, wenn gleich keine bessere
als eine von beiden könnte gedacht werden, doch keine die beste sein, weil
beide einerlei Grad der Güte haben.
Um diesen zweiten Schluß machen zu können, stelle ich folgende Betrachtung
an, die mir neu zu sein scheinet. Man erlaube mir zuvörderst, daß
ich die absolute Vollkommenheit*
eines Dinges, wenn man sie ohne irgend eine Absicht vor sich selbst
betrachtet, in dem Grade der Realität setze. Ich habe in dieser Voraussetzung
die Beistimmung der meisten Weltweisen auf meiner Seite, und könnte sehr
leicht diesen Begriff rechtfertigen. Nun behaupte ich, daß Realität
und Realität niemals als solche können unterschieden sein. Denn wenn
sich Dinge von einander unterscheiden, so geschieht es durch dasjenige, was
in dem einen ist. und in dem andern nicht ist. Wenn aber Realitäten als
solche betrachtet werden, so ist ein jedes Merkmal in ihnen positiv, sollten
sich nun dieselbe von einander als Realitäten unterscheiden, so müsse
in der einen etwas Positives sein, was in der andern nicht wäre, also würde
in der einen etwas Negatives gedacht werden, wodurch sie sich von der andern
unterscheiden ließe, das heißt sie werden nicht als Realitäten
mit einander verglichen, welches doch gefordert wurde. Demnach unterscheiden
sich Realität und Realität von einander durch nichts als durch die
einer von beiden anhängende Negationen, Abwesenheiten, Schranken, das ist
nicht in Ansehung ihrer Beschaffenheit (qualitate)
sondern Größe (gradu).
* Die Vollkommenheit
im respektiven Verstande ist die Zusammenstimmung des Mannigfaltigen zu einer
gewissen Regel, diese mag sein welche sie wolle. So ist mancher Betrug, manche
Räuberrotte vollkommen in ihrer Art. Allein im absoluten Verstande ist
etwas nur vollkommen, in so ferne das Mannigfaltige in demselben den Grund einer
Realität in sich enthält. Die Größe dieser Realität
bestimmt den Grad der Vollkommenheit. Und weil Gott die höchste Realität
ist, so würde dieser Begriff mit demjenigen übereintreffen, da man
sagte, es ist etwas vollkommen, in so ferne es mit den göttlichen Eigenschaften
zusammenstimmt.
Demnach wenn Dinge von einander unterschieden sind, so unterscheiden sie sich
jederzeit nur durch den Grad ihrer Realität, und unterschiedliche Dinge
können nie einerlei Grad der Realität haben. Also können ihn
auch niemalen zwei unterschiedene Welten haben; das heißt es sind nicht
zwei Welten möglich, welche gleich gut, gleich vollkommen wären. Herr
Reinhard sagt in seiner Preisschrift vom Optimismus: Eine
Welt könne wohl eben die Summe von Realitäten, aber anderer Art haben
als die andere, und alsdenn wären es verschiedene Welten und doch von gleicher
Vollkommenheit. Allein er irret in dem Gedanken, als wenn Realitäten
von gleichem Grad doch konnten in ihrer Beschaffenheit (qualitate)
von einander unterschieden sein. Denn, um es nochmals zu sagen, man setze daß
sie es wären, so würde in einer etwas sein, was in der andern nicht
ist, also würden sie sich durch die Bestimmungen A und non
A unterscheiden, wovon die eine allemal eine wahrhafte Verneinung ist,
mithin durch die Schranken derselben und den Grad, nicht aber durch ihre Beschaffenheit;
denn die Verneinungen können niemalen zu den Qualitäten einer Realität
gezählt werden, sondern sie schränken sie ein und bestimmen ihren
Grad. Diese Betrachtung ist abstrakt, und würde wohl einiger Erläuterungen
bedürfen, welche ich aber anderer Gelegenheit vorbehalte.
Wir sind so weit gekommen, gründlich einzusehen, daß unter
allen möglichen Welten eine die vollkommenste sei, so daß
ihr weder eine an Trefflichkeit vorgehet noch eine andere ihr gleichkommt. Ob
dieses nun die wirkliche Welt sei oder nicht, wollen wir bald erwägen;
jetzt wollen wir das Abgehandelte in ein größeres Licht zu setzen
suchen.
Es gibt Größen, von denen sich keine denken läßt, daß
nicht eine noch größere könnte gedacht werden. Die
größeste unter allen Zahlen, die geschwindeste unter allen Bewegungen
sind von dieser Art. Selbst der göttliche Verstand denket sie nicht,
denn sie sind wie Leibniz anmerkt betrügliche Begriffe
(notiones deceptrices), von denen es scheinet, daß man etwas durch
sie denket, die aber in der Tat nichts vorstellen. Nun sagen die Gegner des
Optimismus: eine vollkommenste unter allen Welten sei
so wie die größeste unter allen Zahlen ein widersprechender Begriff;
denn man könne eben so wohl zu einer Summe der Realität in einer Welt
einige mehrere hinzutun, wie zu der Summe der Einheiten in einer Zahl andere
Einheiten können hinzugetan werden, ohne daß jemals was Größtes
herauskommt.
Ohne hier zu erwähnen: daß man nicht füglich den Grad der Realität
eines Dinges in Vergleichung der kleinem als eine Zahl in Vergleichung mit ihren
Einheiten ansehen kann, so führe ich nur folgendes an, um zu zeigen, daß
die angeführte Instanz nicht wohl passe. Es ist gar
keine größeste Zahl möglich, es ist aber ein größter
Grad der Realität möglich, und dieser befindet sich in Gott. Sehet
da den ersten Grund, warum man hier sich fälschlich der Zahlbegriffe bedienet.
Der Begriff einer größesten endlichen Zahl
ist ein abstrakter Begriff der Vielheit schlechthin, welche endlich ist, zu
welcher aber gleichwohl mehr hinzugedacht werden kann, ohne daß sie aufhöret
endlich zu sein; in welcher also die Endlichkeit der Größe keine
bestimmte sondern nur allgemeine Schranken setzt, weswegen keiner von solchen
Zahlen das Prädikat der größten zukommen kann; denn man
mag eine bestimmte Menge gedenken wie man will, so kann diese eine jede endliche
Zahl ohne Nachteil der Endlichkeit durch die Hinzutuung vermehren. Der Grad
der Realität einer Welt ist hingegen etwas durchgängig Bestimmtes;
die Schranken, die der möglich größten Vollkommenheit einer
Welt gesetzt sein, sind nicht bloß allgemein, sondern durch einen Grad,
der notwendig in ihr fehlen muß, festgesetzt. Die Unabhängigkeit,
die Selbstgenugsamkeit, die Gegenwart an allen Orten, die Macht zu erschaffen,
u. s. w. sind Vollkommenheiten die keine Welt haben kann. Hier ist es nicht
so wie bei der mathematischen Unendlichkeit, daß
das Endliche durch eine beständig fortgesetzte und immer mögliche
Steigerung mit dem Unendlichen nach dem Gesetze der Kontinuität zusammenhängt.
Hier ist der Abstand der unendlichen Realität und der endlichen
durch eine bestimmte Größe, die ihren Unterscheid ausmacht, festgesetzt.
Und die Welt, die sich auf derjenigen Sprosse von der Leiter der Wesen befindet,
wo die Kluft anhebt, die die unermeßlichen Grade der Vollkommenheit enthält,
welche den Ewigen über jedes Geschöpf erheben, diese
Welt, sage ich, ist das Vollkommenste unter allem was endlich ist.
Mich deucht, man könne anjetzt mit einer Gewißheit, welcher die Gegner
wenigstens nichts Größeres entgegen zu setzen haben, einsehen: es
sei unter allem Endlichen was möglich war eine Welt von der größten
Vortrefflichkeit, das höchste endliche Gut, allein würdig, von dem
obersten unter allen Wesen gewählt zu werden, um mit dem Unendliche zusammengenommen
die größte Summe, die sein kann, auszumachen.
Wenn man mir das oben Bewiesene zugibt, wenn man mit mir einstimmig ist: Daß
unter allen möglichen Welten eine notwendig die vollkommenste
sei, so verlange ich nicht ferner zu streiten. Nicht alle Ausschweifung
in Meinungen kann uns zu der Bemühung verbindlich machen, sie mit Sorgfalt
zu beantworten. Wenn sich jemand aufwirft zu behaupten: Die
höchste Weisheit habe das Schlechtere besser finden können als das
Beste, oder die höchste Güte habe sich ein kleiner Gut mehr belieben
lassen als ein größeres, welches eben so wohl in ihrer Gewalt war,
so halte ich mich nicht länger auf. Man bedienet sich der Weltweisheit
sehr schlecht, wenn man sie dazu gebraucht, die Grundsätze der gesunden
Vernunft umzukehren, und man tut ihr wenig Ehre an, wenn man, um solche Bemühungen
zu widerlegen, es noch nötig findet, ihre Waffen aufzubieten.
Derjenige, welchem es zu weitläuftig wäre, sich in alle die feine
Fragen, die wir bis daher aufgeworfen und beantwortet haben, stückweise
einzulassen, würde zwar mit etwas weniger Schulgelehrsamkeit, aber vielleicht
mit eben so bündigem Urteil eines richtigen Verstandes von derselben Wahrheit
weit leichter können überzeugt werden. Er würde so schließen:
Eine vollkommenste Welt ist möglich, weil sie wirklich ist, und, und sie
ist wirklich, weil sie durch den weisesten und gütigsten Ratschluß
ist hervorgebracht worden. Entweder ich kann mir gar keinen Begriff von
einer Wahl machen, oder man wählt nach Belieben, was aber beliebt das gefällt,
gefallen aber und vor gut halten, vorzüglich belieben, sich vorzüglich
gefallen lassen, und vor vorzüglich gut halten, sind meiner Meinung nach
nur Unterschiede der Worte. Darum weil Gott diese Welt
unter allen möglichen, die er kannte, allein wählete, muß er
sie vor die beste gehalten haben, und weil sein Urteil niemals fehlt, so ist
sie es auch in der Tat. Wenn es auch möglich wäre, das höchste
Wesen könnte nach der erdichteten Art von Freiheit, die einige auf die
Bahn gebracht haben, wählen, und unter viel Besserem das Schlechtere vorziehen,
durch ich weiß nicht was vor ein unbedingtes Belieben, so würde es
doch dieses nimmer getan haben. Man mag sich so etwas von irgend einer Untergottheit
der Fabel träumen lassen, aber dem Gott der Götter geziemet kein Werk,
als welches seiner würdig ist, d. i., welches unter
allem Möglichen das Beste ist.
Vielleicht ist die größere Übereinstimmung mit den göttlichen
Eigenschaften der Grund des Ratschlusses, der dieser Welt, ohne ihren besondern
inneren Vorzug in Betrachtung zu ziehen, das Dasein gab. Wohlan, auch denn ist
noch gewiß, daß sie vollkommener sei als alle
andere mögliche. Denn weil aus der Wirkung zu sehen ist, daß
alle andere in geringerer Übereinstimmung mit den Eigenschaften des Willens
Gottes gewesen, in Gott aber alles Realität ist, mit dieser aber nichts
in größerer Harmonie ist, als worin selbst eine größere
Realität anzutreffen, so muß die größeste Realität,
die einer Welt zukommen kann, in keiner als in der gegenwärtigen befindlich
sein. Es ist ferner dieses vielleicht ein Zwang des Willens und eine Notwendigkeit,
welche die Freiheit aufhebt, nicht umhin zu können, das jenige zu wählen,
was man deutlich und richtig vors Beste erkennt. Gewiß, wenn das Gegenteil
hievon Freiheit ist, wenn hier zwei Scheidewege in einem Labyrinth von Schwierigkeiten
sein, wo ich auf die Gefahr zu irren mich zu einem entschließen soll,
so besinne ich mich nicht lange. Dank vor eine solche Freiheit, die das Beste
unter dem, was zu schaffen möglich war, ins ewige Nichts verbannet, um
trotz allem Ausspruche der Weisheit dem Übel zu gebieten daß es etwas
sei. Wenn ich durchaus unter Irrtümern wählen soll, so lobe ich mir
lieber jene gütige Notwendigkeit, wobei man sich so wohl befindet, und
woraus nichts anders als das Beste entspringen kann. Ich bin demnach, und vielleicht
ein Teil meiner Leser mit mir, überzeugt, ich bin zugleich erfreut, mich
als einen Bürger in einer Welt zu sehen, die nicht besser möglich
war. Von dem besten unter allen Wesen zu dem vollkommensten
unter allen möglichen Entwürfen als ein geringes Glied, an mir selbst
unwürdig, und um des Ganzen willen auserlesen, schätze ich mein Dasein
desto höher, weil ich erkoren ward, in dem besten Plane eine Stelle einzunehmen.
Ich rufe allem Geschöpfe zu, welches sich nicht selbst unwürdig
macht, so zu heißen: Heil uns, wir sind! und der
Schöpfer hat an uns Wohlgefallen. Unermeßliche Räume
und Ewigkeiten werden wohl nur vor dem Auge des Allwissenden die Reichtümer
der Schöpfung in ihrem ganzen Umfange eröffnen, ich aber, aus dem
Gesichtspunkte worin ich mich befinde, bewaffnet durch die Einsicht die meinem
schwachen Verstande verliehen ist, werde um mich schauen, so weit ich kann,
und immer mehr einsehen lernen: daß das
Ganze das Beste sei, und alles um des Ganzen willen gut sei.
Aus Immanuel Kant, Vorkritische Schriften 2, Versuch
einiger Betrachtungen über den Optimismus (S.587ff.)
Werkausgabe Band II Herausgegeben
von Wilhelm Weischedel Suhrkamp Tachenbuch Wissenschaft stw 187
Über
das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee
(1791)
Unter einer Theodizee
versteht man die Verteidigung der höchsten Weisheit des Welturhebers
gegen die Anklage, welche die Vernunft aus dem Zweckwidrigen in der Welt gegen
jene erhebt. — Man nennt dieses, die Sache Gottes verfechten; ob
es gleich im Grunde nichts mehr als die Sache unserer anmaßenden, hiebei
aber ihre Schranken verkennenden, Vernunft sein möchte, welche zwar nicht
eben die beste Sache ist, insofern aber doch gebilligt werden kann, als (jenen
Eigendünkel bei Seite gesetzt) der Mensch als ein vernünftiges
Wesen berechtigt ist, alle Behauptungen, alle Lehre, welche ihm Achtung auferlegt,
zu prüfen, ehe er sich ihr unterwirft, damit diese Achtung aufrichtig und
nicht erheuchelt sei.
Zu dieser Rechtfertigung wird nun erfordert, daß der vermeintliche Sachwalter
Gottes entweder beweise: daß das,
was wir in der Welt als zweckwidrig beurteilen, es nicht sei; oder:
daß, wenn es auch dergleichen wäre, es doch gar nicht als Faktum,
sondern als unvermeidliche Folge aus der Natur der Dinge beurteilt werden müsse;
oder endlich: daß es wenigstens nicht als Faktum des höchsten Urhebers
aller Dinge, sondern bloß der Weltwesen, denen etwas zugerechnet werden
kann, d. i. der Menschen (allenfalls auch höherer, guter oder böser,
geistiger Wesen angesehen werden müsse.
Der Verfasser einer Theodizee willigt also ein: daß dieser Rechtshandel
vor dem Gerichtshofe der Vernunft anhängig gemacht werde; und macht
sich anheischig, den angeklagten Teil, als Sachwalter, durch förmliche
Widerlegung aller Beschwerden des Gegners zu vertreten: darf letztern also während
des Rechtsganges nicht durch einen Machtspruch der Unstatthaftigkeit des Gerichtshofes
der menschlichen Vernunft (exceptionem fori) abweisen,
d. i. die Beschwerden nicht durch ein dem Gegner auferlegtes Zugeständnis
der höchsten Weisheit des Welturhebers, welches sofort alle Zweifel, die
sich dagegen regen möchten, auch ohne Untersuchung für grundlos erklärt,
abfertigen; sondern muß sich auf die Einwürfe einlassen, und, wie
sie dem Begriff der höchsten Weisheit* keinesweges
Abbruch tun, durch Beleuchtung und Tilgung derselben begreiflich machen. —
Doch auf Eines hat er nicht nötig sich einzulassen: nämlich, daß
er die höchste Weisheit Gottes aus dem, was die Erfahrung an dieser Welt
lehrt, auch sogar beweise; denn hiermit würde es ihm auch schlechterdings
nicht gelingen, weil Allwissenheit dazu erforderlich ist, um an ein er gegebnen
Welt (wie sie sich in der Erfahrung zu erkennen gibt) diejenige Vollkommenheit
zu erkennen, von der man mit Gewißheit sagen könne, es sei überall
keine größere in der Schöpfung und Regierung derselben möglich.
* Obgleich der eigentümliche
Begriff einer Weisheit nur die Eigenschaft eines Willens vorstellt, zum höchsten
Gut, als dem Endzweck aller Dinge, zusammen zu stimmen; hingegen Kunst nur das
Vermögen im Gebrauch der tauglichsten Mittel zu beliebigen Zwecken: so
wird doch Kunst, wenn sie sich als eine solche beweiset, welche Ideen adäquat
ist, deren Möglichkeit alle Einsicht der menschlichen Vernunft übersteigt
(z. B. wenn Mittel und Zwecke, wie in organischen Körpern, einander
wechselseitig hervorbringen), als eine göttliche Kunst, nicht unrecht auch
mit dem Namen der Weisheit belegt werden können; doch, um die Begriffe
nicht zu verwechseln, mit dem Namen einer Kunstweisheit des Welturhebers, zum
Unterschiede von der moralischen Weisheit desselben. Die Teleologie (auch durch
sie die Physikotheologie) gibt reichliche Beweise der erstem in der Erfahrung.
Aber von ihr gilt kein Schluß auf die moralische Weisheit des Welturhebers,
weil Naturgesetz und Sittengesetz ganz ungleichartige Prinzipien erfordern,
und der Beweis der letztem Weisheit gänzlich a priori geführt, also
schlechterdings nicht auf Erfahrung von dem, was in der Welt vorgeht, gegründet
werden muß. Da nun der Begriff von Gott, der für die Religion tauglich
sein soll (denn zum Behuf der Naturerklärung, mithin in spekulativer Absicht,
brauchen wir ihn nicht) ein Begriff von ihm als einem moralischen Wesen sein
muß; da dieser Begriff, so wenig als er auf Erfahrung gegründet,
eben so wenig aus bloß transzendentalen Begriffen eines schlechthin notwendigen
Wesens, der gar für uns überschwenglich ist, herausgebracht werden
kann: so leuchtet genugsam ein, daß der Beweis des Daseins eines
solchen Wesens kein andrer als ein moralischer sein könne.
Das Zweckwidrige in der Welt aber, was der Weisheit ihres Urhebers entgegengesetzt
werden könnte, ist nun dreifacher Art:
I. Das schlechthin Zweckwidrige,
was weder als Zweck, noch als Mittel, von einer Weisheit gebilligt und begehrt
werden kann;
II. Das bedingt Zweckwidrige,
welches zwar nie als Zweck, aber doch als Mittel, mit der Weisheit eines Willens
zusammen besteht.
Das erste ist das moralische Zweckwidrige,
als das eigentliche Böse (die Sünde); das zweite das physische Zweckwidrige,
das Übel (der Schmerz). — Nun gibt es aber noch eine Zweckmäßigkeit
in dem Verhältnis der Übel zu dem moralischen Bösen, wenn das
letztere einmal da ist und nicht verhindert werden konnte oder sollte: nämlich
in der Verbindung der Übel und Schmerzen, als Strafen, mit dem Bösen,
als Verbrechen; und von dieser Zweckmäßigkeit in der Welt fragt es
sich, ob jedem in der Welt hierin sein Recht widerfährt. Folglich muß
auch noch eine
Ill. Art des Zweckwidrigen in
der Welt gedacht werden können, nämlich das Mißverhältnis
der Verbrechen und Strafen in der Welt.
Die Eigenschaften der höchsten Weisheit des Welturhebers, wogegen jene
Zweckwidrigkeiten als Einwürfe auftreten, sind also auch drei:
Erstlich die Heiligkeit
desselben, als Gesetzgebers (Schöpfers),
im Gegensatze mit dem moralisch Bösen in der Welt.
Zweitens die Gütigkeit
desselben, als Regierers (Erhalters),
im Kontraste mit den zahllosen Übeln und Schmerzen der vernünftigen
Weltwesen.
Drittens die Gerechtigkeit desselben,
als Richters, in Vergleichung mit dem
Übelstande, den das Mißverhältnis zwischen der Straflosigkeit
der Lasterhaften und ihren Verbrechen in der Welt sich zu zeigen scheint.
*
* Diese drei Eigenschaften
zusammen, deren eine sich keineswegs auf die andre, wie etwa die Gerechtigkeit
auf Güte, und so das Ganze auf eine kleinere Zahl, zurückführen
läßt, machen den moralischen Begriff von Gott aus. Es läßt
sich auch die Ordnung derselben nicht verändern (wie etwa die Gütigkeit
zur obersten Bedingung der Weltschöpfung machen, der die Heiligkeit der
Gesetzgebung untergeordnet sei), ohne der Religion Abbruch zu tun, welcher eben
dieser moralische Begriff zum Grunde liegt. Unsre eigene reine (und zwar praktische)
Vernunft bestimmt diese Rangordnung, indem, wenn sogar die Gesetzgebung sich
nach der Güte bequemt, es keine Würde derselben und keinen festen
Begriff von Pflichten mehr gibt. Der Mensch wünscht zwar zuerst glücklich
zu sein; siebt aber doch ein, und bescheidet sich (obzwar ungern), daß
die Würdigkeit glücklich zu sein, d. i. die Übereinstimmung des
Gebrauchs seiner Freiheit mit dem heiligen Gesetze, in dem Ratschluß des
Urhebers die Bedingung seiner Gütigkeit sein und also notwendig vorhergehen
müsse. Denn der Wunsch, welcher den subjektiven Zweck (der Selbstliebe)
zum Grunde hat, kann nicht den objektiven Zweck (der Weisheit), den das Gesetz
vorschreibt, bestimmen, welches dem Willen unbedingt die Regel gibt. - Auch
ist die Strafe in der Ausübung der Gerechtigkeit keineswegs als bloßes
Mittel, sondern als Zweck in der gesetzgebenden Weisheit gegründet: die
Übertretung wird mit Übeln verbunden, nicht damit ein anderes Gute
herauskomme, sondern weil diese Verbindung an sich selbst, d. i. moralisch und
notwendig gut ist. Die Gerechtigkeit setzt zwar Güte des Gesetzgebers voraus
(denn wenn sein Willen nicht auf das Wohl seiner Untertanen ginge, so würde
dieser sie auch nicht verpflichten können, ihm zu gehorchen); aber sie
ist nicht Güte, sondern als Gerechtigkeit von dieser wesentlich unterschieden,
obgleich im allgemeinen Begriffe der Weisheit enthalten. Daher geht auch die
Klage über den Mangel einer Gerechtigkeit, die sich im Lose, welches den
Menschen hier in der Welt zu Teil wird, zeige, nicht darauf, daß es den
Guten hier nicht wohl, sondern daß es den Bösen nicht übel geht
(ob zwar, wenn das erstere zu dem letztern hinzu kommt, der Kontrast diesen
Anstoß noch vergrößert). Denn in einer göttlichen Regierung
kann auch der beste Mensch seinen Wunsch zum Wohlergehen nicht auf die göttliche
Gerechtigkeit, sondern muß ihn jederzeit auf seine Güte gründen:
weil der, welcher bloß seine Schuldigkeit tut, keinen Rechtsanspruch auf
das Wohltun Gottes haben kann.
Es wird also gegen jene drei Klagen die Verantwortung auf die oben erwähnte
dreifach verschiedene Art vorgestellt, und ihrer Gültigkeit nach geprüft,
werden müssen.
I . Wider die Beschwerde gegen
die Heiligkeit des göttlichen Willens aus dem Moralischbösen, welches
die Welt, sein Werk, verunstaltet, besteht die erste Rechtfertigung darin:
a) Daß es ein solches schlechterdings
Zweckwidrige, als wofür wir die Übertretung der reinen Gesetze unserer
Vernunft nehmen, gar nicht gebe, sondern daß es nur Verstoße
wider die menschliche Weisheit seien; daß die göttliche sie nach
ganz andern uns unhegreiflichen Regeln beurteile, wo, was wir zwar beziehungsweise
auf unsre praktische Vernunft und deren Bestimmung mit Recht verwerflich finden,
doch in Verhältnis auf göttliche Zwecke und die höchste Weisheit
vielleicht gerade das schicklichste Mittel, sowohl für unser besonderes
Wohl, als das Weltbeste überhaupt sein mag; daß die Wege des Höchsten
nicht unsre Wege sein (sunt Superis sua sura),
und wir darin irren, wenn, was nur relativ für Menschen in diesem Leben
Gesetz ist, wir für schlechthin als ein solches beurteilen, und so das,
was unsrer Betrachtung der Dinge aus so niedrigem Standpunkte als zweckwidrig
erscheint, dafür auch, aus dem höchsten Standpunkte betrachtet, halten.
— Diese Apologie, in welcher die Verantwortung ärger ist als die
Beschwerde, bedarf keiner Widerlegung; und kann sicher der Verabscheuung jedes
Menschen, der das mindeste Gefühl für Sittlichkeit hat, frei überlassen
werden.
b) Die zweite vorgebliche Rechtfertigung
würde zwar die Wirklichkeit des Moralischbösen in der Welt einräumen,
den Welturheber aber damit entschuldigen, daß es nicht zu verhindern möglich
gewesen; weil es sich auf den Schranken der Natur der Menschen, als endlicher
Wesen, gründe. — Aber dadurch würde jenes Böse selbst gerechtfertigt
werden; und man müßte, da es nicht als die Schuld der Menschen ihnen
zugerechnet werden kann, aufhören, es ein moralisches Böse zu nennen.
c ) Die dritte Beantwortung: daß,
gesetzt auch, es ruhe wirklich mit dem, was wir moralisch böse nennen,
eine Schuld auf dem Menschen, doch Gott keine beigemessen werden müsse,
weil er jenes als Tat der Menschen aus wessen Ursachen bloß zugelassen,
keineswegs aber für sich gebilligt und gewollt oder veranstaltet hat; —
läuft (wenn man auch an dem Begriffe des bloßen Zulassens
eines Wesens, welches ganz und alleiniger Urheber der Welt ist, keinen
Anstoß nehmen will) doch mit der vorigen Apologie (b)
auf einerlei Folge hinaus: nämlich daß, da es selbst Gott unmöglich
war, dieses Böse zu verhindern, ohne anderweitigen höhern und selbst
moralischen Zwecken Abbruch zu tun, der Grund dieses Übels (denn so müßte
man es eigentlich nun nennen) unvermeidlich in dem Wesen der Dinge, nämlich
den notwendigen Schranken der Menschheit als endlicher Natur, zu suchen sein
müsse, mithin ihr auch nicht zugerechnet werden könne.II. Auf die Beschwerde,
die wider die göttliche Gütigkeit aus den Übeln, nämlich
Schmerzen, in dieser Welt erhoben wird, besteht nun die Rechtfertigung derselben
gleichfalls
a) darin: Daß in den Schicksalen
der Menschen ein Übergewicht des Übels über
den angenehmen Genuß des Lebens fälschlich angenommen werde, weil
doch ein jeder, so schlimm es ihm auch ergeht, lieber leben als tot sein will,
und diejenigen wenigen, die das letztere beschließen, so lange sie es
selbst aufgehoben, selbst dadurch noch immer jenes Übergewicht eingestehen,
und wenn sie zum letztern töricht genug sind, auch alsdann bloß in
den Zustand der Nichtempfindung übergehen, in welchem ebenfalls kein Schmerz
gefühlt werden könne. — Allein, man kann die Beantwortung dieser
Sophisterei sicher dem Ausspruche eines jeden Menschen von gesundem Verstande,
der lange genug gelebt und über den Wert des Lebens nachgedacht hat, um
hierüber ein Urteil fällen zu können, überlassen, wenn man
ihn fragt: ob er wohl, ich will nicht sagen auf dieselbe, sondern auf jede andre
ihm beliebige Bedingungen (nur nicht etwa einer Feen -
sondern dieser unserer Erdenwelt), das Spiel des Lebens noch einmal durchzuspielen
Lust hätte.
b) Auf die zweite Rechtfertigung:
daß nämlich das Übergewicht der schmerzhaften
Gefühle über die angenehmen von der Natur eines tierischen Geschöpfes,
wie der Mensch ist, nicht könne getrennt werden (wie etwa Graf Veri,
in dem Buche über die Natur des Vergnügens, behauptet) — würde
man erwidern: daß, wenn dem also ist, sich eine andre Frage einfinde,
woher nämlich der Urheber unsers Daseins uns überhaupt ins Leben gerufen,
wenn es nach unserm richtigen Überschlage für uns nicht wünschenswert
ist. Der Unmut würde hier, wie jene indianische Frau dem Dschingiskhan,
der ihr wegen erlittener Gewalttätigkeit keine Genugtuung, noch wegen der
künftigen Sicherheit verschaffen konnte, antworten: »Wenn
du uns nicht schützen willst, warum eroberst du uns denn ?«
c) Die dritte Auflösung des
Knotens soll diese sein: daß uns Gott um einer künftigen
Glückseligkeit willen, also doch aus Güte, in die Welt gesetzet habe,
daß aber vor jener zu hoffenden überschwenglich großen Seligkeit
durchaus ein mühe- und trübsalvoller Zustand des gegenwärtigen
Lebens vorhergehen müsse, wo wir eben durch den Kampf mit Widerwärtigkeiten
jener künftigen Herrlichkeit würdig werden sollten. —
Allein, daß diese Prüfungszeit (der die meisten
unterliegen, und in welcher auch der Beste seines Lebens nicht froh wird) vor
der höchsten Weisheit durchaus die Bedingung der dereinst von uns zu genießenden
Freuden sein müsse, und daß es nicht tunlich gewesen, das Geschöpf
mit jeder Epoche seines Lebens zufrieden werden zu lassen: kann zwar vorgegeben,
aber schlechterdings nicht eingesehen werden, und man kann also freilich diesen
Knoten durch Berufung auf die höchste Weisheit, die es so gewollt hat,
abhauen, aber nicht auflösen: welches doch die Theodizee verrichten zu
können sich anheischig macht.
III. Auf die letzte Anklage, nämlich
wider die Gerechtigkeit des Weltrichters *
wird geantwortet:
* Es ist merkwürdig,
daß unter allen Schwierigkeiten, den Lauf der Weltbegebenheiten mit der
Göttlichkeit ihres Urhebers zu vereinigen, keine sich dem Gemüt so
heftig aufdringt, als die von dem Anschein einer darin mangelnden Gerechtigkeit.
Trägt es sich zu (ob es zwar selten geschieht), daß ein ungerechter,
vornehmlich Gewalt habender, Bösewicht nicht ungestraft aus der Welt entwischt:
so frohlockt der mit dem Himmel gleichsam versöhnte, sonst parteilose Zuschauer.
Keine Zweckmäßigkeit der Natur wird ihn durch Bewunderung derselben
so in Affekt setzen, und die Hand Gottes gleichsam daran vernehmen lassen. Warum?
Sie ist hier moralisch, und einzig von der Art, die man in der Welt einigermaßen
wahrzunehmen hoffen kann.
a) Daß das Vorgehen von
der Straflosigkeit der Lasterhaften in der Welt keinen Grund habe; weil jedes
Verbrechen, seiner Natur gemäß, schon hier die ihm angemessene Strafe
bei sich führe, indem die innern Vorwürfe des Gewissens den Lasterhaften
ärger noch als Furien plagen. — Allein in diesem Urteile liegt offenbar
ein Mißverstand. Denn der tugendhafte Mann leihet hierbei dem Lasterhaften
seinen Gemütscharakter, nämlich die Gewissenhaftigkeit in ihrer ganzen
Strenge, welche, je tugendhafter der Mensch ist, ihn desto härter wegen
der geringsten Übereilung, welche das sittliche Gesetz in ihm mißbilligt,
bestraft. Allein, wo diese Denkungsart und mit ihr die Gewissenhaftigkeit gar
fehlt, da fehlt auch der Peiniger für begangene Verbrechen; und der Lasterhafte,
wenn er nur der äußern Züchtigungen wegen seiner Freveltaten
entschlüpfen kann, lacht über die Ängstlichkeit der Redlichen,
sich mit selbsteigenen Verweisen innerlich zu plagen; die kleinen Vorwürfe
aber, die er sich bisweilen machen mag, macht er sich entweder gar nicht durchs
Gewissen, oder, hat er davon noch etwas in sich, so werden sie durch das Sinnenvergnügen,
als woran er allein Geschmack findet, reichlich aufgewogen und vergütet.
— — Wenn jene Anklage ferner
b) dadurch widerlegt werden soll:
Daß zwar nicht zu leugnen sei, es finde sich schlechterdings kein der
Gerechtigkeit gemäßes Verhältnis zwischen Schuld und Strafen
in der Welt, und man müsse im Laufe derselben oft ein mit schreiender Ungerechtigkeit
geführtes und gleichwohl bis ans Ende glückliches Leben mit Unwillen
wahrnehmen; daß dieses aber in der Natur liegende und nicht absichtlich
veranstaltete, mithin nicht moralische Mißhelligkeit sei, weil es eine
Eigenschaft der Tugend sei, mit Widerwärtigkeit zu ringen (wozu
der Schmerz, den der Tugendhafte durch die Vergleichung seines eigenen Unglücks
mit dem Glück des Lasterhaften leiden muß, mitgehört),
und die Leiden den Wert der Tugend nur zu erheben dienen, mithin vor der Vernunft
diese Dissonanz der unverschuldeten Übel des Lebens doch in den herrlichsten
sittlichen Wohllaut aufgelöset werde: — so steht dieser Auflösung
entgegen: daß, obgleich diese Übel, wenn sie als Wetzstein der Tugend
vor ihr vorhergehen oder sie begleiten,
zwar mit ihr als in moralischer Übereinstimmung stehend vorgestellt werden
können, wenn wenigstens das Ende des Lebens noch die letztere krönt
und das Laster bestraft; daß aber, wenn selbst dieses Ende, wie doch die
Erfahrung davon viele Beispiele gibt, widersinnig ausfällt, dann das Leiden
dem Tugendhaften, nicht damit seine Tugend rein sei, sondern weil sie es gewesen
ist (dagegen aber den Regeln der klugen Selbstliebe zuwider
war), zugefallen zu sein scheine: welches gerade das Gegenteil der Gerechtigkeit
ist, wie sich der Mensch einen Begriff von ihr machen kann. Denn was die Möglichkeit
betrifft: daß das Ende dieses Erdenlebens doch vielleicht nicht das Ende
alles Lebens sein möge: so kann diese Möglichkeit nicht für Rechtfertigung
der Vorsehung gelten, sondern ist bloß ein Machtspruch der
moralisch-gläubigen Vernunft, wodurch der Zweifelnde zur Geduld verwiesen,
aber nicht befriedigt wird.
c) Wenn endlich die dritte Auflösung
dieses unharmonischen Verhältnisses zwischen dem moralischen Wert der Menschen
und dem Lose, das ihnen zu Teil wird, dadurch versucht werden will, daß
man sagt: In dieser Welt müsse alles Wohl oder Übel bloß als
Erfolg aus dem Gebrauche der Vermögen der Menschen nach Gesetzen der Natur,
proportioniert ihrer angewandten Geschicklichkeit und Klugheit, zugleich auch
den Umständen, darein sie zufälliger Weise geraten, nicht aber nach
ihrer Zusammenstimmung zu übersinnlichen Zwecken, beurteilt werden; in
einer künftigen Welt dagegen werde sich eine andere Ordnung der Dinge hervortun,
und jedem zu Teil werden, wessen seine Taten hienieden nach moralischer Beurteilung
wert sind: — so ist diese Voraussetzung auch willkürlich. Vielmehr
muß die Vernunft, wenn sie nicht als moralisch gesetzgebendes Vermögen
diesem ihren Interesse gemäß einen Machtspruch tut, nach bloßen
Regeln des theoretischen Erkenntnisses es wahrscheinlich finden: daß der
Lauf der Welt nach der Ordnung der Natur, so wie hier, also auch fernerhin,
unsre Schicksale bestimmen werde. Denn was hat die Vernunft für ihre theoretische
Vermutung anders zum Leitfaden, als das Naturgesetz? und, ob sie sich gleich,
wie ihr vorher (Nr. b) zugemutet worden, zur Geduld
und Hoffnung eines künftig bessern verweisen ließe: wie kann sie
erwarten, daß, da der Lauf der Dinge nach der Ordnung der Natur hier auch
für sich selbst weise ist, er nach eben demselben Gesetze in einer künftigen
Welt unweise sein würde? Da also, nach derselben, zwischen den innern Bestimmungsgründen
des Willens (nämlich der moralischen Denkungsart)
nach Gesetzen der Freiheit, und zwischen den (größtenteils
äußern) von unserm Willen unabhängigen Ursachen unsers
Wohlergehens nach Naturgesetzen, gar kein begreifliches Verhältnis ist:
so bleibt die Vermutung, daß die Übereinstimmung
des Schicksals der Menschen mit einer göttlichen Gerechtigkeit, nach den
Begriffen, die wir uns von ihr machen, so wenig dort wie hier zu erwarten sei.
Der Ausgang dieses Rechtshandels vor dem Gerichtshofe
der Philosophie ist nun: daß alle bisherige Theodizee das nicht leiste
was sie verspricht, nämlich die moralische Weisheit in der Weltregierung
gegen die Zweifel, die dagegen aus dem, was die Erfahrung an dieser Welt zu
erkennen gibt, gemacht werden, zu rechtfertigen; obgleich freilich diese
Zweifel als Einwürfe, so weit unsre Einsicht in die Beschaffenheit unsrer
Vernunft in Ansehung der letztern reicht, auch das Gegenteil nicht beweisen
können. Ob aber nicht noch etwa mit der Zeit tüchtigere Gründe
der Rechtfertigung derselben erfunden werden könnten, die angeklagte Weisheit
nicht (wie bisher) bloß ab
instantia zu absolvieren: das bleibt dabei doch noch immer unentschieden;
wenn wir es nicht dahin bringen, mit Gewißheit darzutun: daß unsre
Vernunft zur Einsicht des Verhältnisses, in welchem
eine Welt, so wie wir sie durch Erfahrung immer kennen mögen, zu der höchsten
Weisheit stehe, schlechterdings unvermögend sei; denn alsdann
sind alle fernere Versuche vermeintlichen menschlicher Weisheit, die Wege der
göttlichen einzusehen, völlig abgewiesen. Daß also wenigstens
eine negative Weisheit, nämlich die Einsicht der notwendigen Beschränkung
unsrer Anmaßungen in Ansehung dessen, was uns zu hoch ist, für uns
erreichbar sei: das muß noch bewiesen werden, um diesen Prozeß für
immer zu endigen; und dieses läßt sich gar wohl tun.
Wir haben nämlich von einer Kunstweisheit in
der Einrichtung dieser Welt einen Begriff, dem es für unser spekulatives
Vernunftvermögen nicht an objektiver Realität mangelt, um zu einer
Physikotheologie zu gelangen. Eben so haben wir auch einen Begriff von einer
moralischen Weisheit, die in eine Welt
überhaupt durch einen vollkommensten Urheber gelegt
werden könnte, an der sittlichen Idee unserer eigenen praktischen Vernunft.
— Aber von der Einheit in der Zusammenstimmung
jener Kunstweisheit mit der moralischen Weisheit in einer Sinnenwelt haben wir
keinen Begriff; und können auch zu demselben nie zu gelangen hoffen. Denn,
ein Geschöpf zu sein, und, als Naturwesen, bloß dem Willen seines
Urhebers zu folgen; dennoch aber, als freihandelndes Wesen
(welches seinen vom äußern Einfluß unabhängigen Willen
hat, der dem erstem vielfältig zuwider sein kann), der Zurechnung
fähig zu sein; und seine eigne Tat doch auch zugleich als die Wirkung eines
höhern Wesens anzusehen: ist eine Vereinbarung von Begriffen, die wir zwar
in der Idee einer Welt, als des höchsten Guts, zusammen denken müssen;
die aber nur der einsehen kann, welcher bis zur Kenntnis der übersinnlichen
(intelligiblen) Welt durchdringt, und die Art einsieht, wie sie der Sinnenwelt
zum Grunde liegt: auf welche Einsicht allein der Beweis der moralischen Weisheit
des Welturhebers in der letztern gegründet werden kann, da diese doch nur
die Erscheinung jener erstem Welt darbietet, — eine Einsicht, zu der kein
Sterblicher gelangen kann.
Alle Theodizee soll eigentlich Auslegung der
Natur sein, sofern Gott durch dieselbe die Absicht seines Willens kund macht.
Nun ist jede Auslegung des deklarierten Willens eines Gesetzgebers entweder
doktrinal oder authentisch.
Die erste ist diejenige, welche jenen Willen aus den Ausdrücken, deren
sich dieser bedient hat, in Verbindung mit den sonst bekannten Absichten des
Gesetzgebers, herausvernünftelt; die zweite macht der Gesetzgeber selbst..
Die Welt, als ein Werk Gottes, kann von uns auch als eine göttliche Bekanntmachung
der Absichten seines Willens betrachtet
werden. Allein hierin ist sie für uns oft ein
verschlossenes Buch; jederzeit aber ist sie dies, wenn es darauf angesehen ist,
sogar die Endabsicht Gottes (welche
jederzeit moralisch ist) aus ihr, obgleich einem Gegenstande der Erfahrung,
abzunehmen. Die philosophischen Versuche dieser Art Auslegung sind doktrinal,
und machen die eigentliche Theodizee aus, die man daher die doktrinale nennen
kann. — Doch kann man auch der bloßen Abfertigung aller Einwürfe
wider die göttliche Weisheit den Namen einer Theodizee nicht versagen,
wenn sie ein göttlicher Machtspruch.
oder (welches in diesem Falle auf eins hinausläuft)
wenn sie ein Ausspruch der selben Vernunft ist, wodurch wir uns den Begriff
von Gott als einem moralischen und weisen Wesen notwendig und vor aller Erfahrung
machen. Denn da wird Gott durch unsre Vernunft selbst der Ausleger seines durch
die Schöpfung verkündigten Willens; und diese Auslegung können
wir eine authentische Theodizee nennen. Das ist aber alsdann nicht Auslegung
einer vernünftelnden (spekulativen),
sondern einer machtbabenden praktischen Vernunft, die, so wie sie ohne weitere
Gründe im Gesetzgeben schlechthin gebietend ist, als die unmittelbare Erklärung
und Stimme Gottes angesehen werden kann, durch die er dem Buchstaben seiner
Schöpfung einen Sinn gibt. Eine solche authentische Interpretation finde
ich nun in einem alten heiligen Buche allegorisch ausgedrückt.
Hiob wird als ein Mann vorgestellt, zu
dessen Lebensgenuß sich alles vereinigt hatte, was man, um ihn vollkommen
zu machen, nur immer ausdenken mag. Gesund, wohlhabend, frei, ein Gebietet über
andre, die er glücklich machen kann, im Schoße einer glücklichen
Familie, unter geliebten Freunden; und über das alles (was
das Vornehmste ist) mit sich selbst zufrieden in einem guten Gewissen.
Alle diese Güter, das letzte ausgenommen, entriß ihm plötzlich
ein schweres über ihn zur Prüfung verhängtes Schicksal. Von der
Betäubung über diesen unerwarteten Umsturz allmählich zum Besinnen
gelangt, bricht er nun in Klagen über seinen Unstern aus; worüber
zwischen ihm und seinen vorgeblich sich zum Trösten einfindenden Freunden
es bald zu einer Disputation kommt, worin beide Teile, jeder nach seiner Denkungsart
(vornehmlich aber nach seiner Lage), seine besondere Theodizee, zur moralischen
Erklärung jenes schlimmen Schicksals, aufstellt. Die Freunde Hiobs bekennen
sich zu dem System der Erklärung aller Übel in der Welt aus der göttlichen
Gerechtigkeit,als so vieler Strafen für
begangene Verbrechen; und, ob sie zwar keine zu nennen wußten, die dem
unglücklichen Mann zu Schulden kommen sollten, so glaubten sie doch a
priori urteilen zu können, er müßte deren auf sich ruhen
haben, weil es sonst nach der göttlichen Gerechtigkeit nicht möglich
wäre, daß er unglücklich sei. Hiob dagegen der mit Entrüstung
beteuert, daß ihm sein Gewissen seines ganzen Lebens halber keinen Vorwurf
mache; was aber menschliche unvermeidliche Fehler betrifft, Gott selbst wissen
werde, daß er ihn als ein gebrechliches Geschöpf gemacht habe, —
erklärt sich für das System des unbedingten
göttlichen Ratschlusses. »Er ist
einig«, sagt er, »Er macht‘s
wie er will«. (Hiob XXIII, 13)
In dem, was beide Teile vernünfteln oder übervernünfteln, ist
wenig Merkwürdiges; aber der Charakter, in welchem sie es tun, verdient
desto mehr Aufmerksamkeit. Hiob spricht, wie er denkt, und wie ihm zu Mute ist,
auch wohl jedem Menschen in seiner Lage zu Mute sein würde; seine Freunde
sprechen dagegen, wie wenn sie in Geheim von dem Mächtigem, über dessen
Sache sie Recht sprechen, und bei dem sich durch ihr Urteil in Gunst zu setzen
ihnen mehr am Herzen liegt als an der Wahrheit, behorcht würden. Diese
ihre Tücke, Dinge zum Schein zu behaupten, von denen sie doch gestehen
mußten, daß sie sie nicht einsahen, und eine Überzeugung zu
heucheln, die sie in der Tat nicht hatten: sticht gegen Hiobs gerade Freimütigkeit,
die sieh so weit von falscher Schmeichelei entfernt, daß sie fast an Vermessenheit
grenzt, sehr zum Vorteil des letztem ab. »Wollt
ihr«, sagt er (Hiob XIII 7-11, 16), »Gott
verteidigen mit Unrecht? Wollt ihr seine Person ansehen? Wollt ihr Gott vertreten?
Er wird euch strafen, wenn ihr Person anseht heimlich! — Es kommt kein
Heuchler vor Ihm.«
Das letztere bestätigt der Ausgang der Geschichte wirklich. Denn Gott würdigt
Hiob, ihm die Weisheit seiner Schöpfung, vornehmlich von Seiten ihrer Unerforschlichkeit,
vor Augen zu stellen. Er läßt ihn Blicke auf die schöne Seite
der Schöpfung tun, wo dem Menschen begreifliche Zwecke die Weisheit und
gütige Vorsorge des Welturhebers in ein unzweideutiges Licht stellen; dagegen
aber auch auf die abschreckende, indem er ihm Produkte seiner Macht und darunter
auch schädliche furchtbare Dinge hernennt, deren jedes für sich und
seine Spezies zwar zweckmäßig eingerichtet, in Ansehung anderer aber
und selbst der Menschen zerstörend, zweckwidrig, und mit einem allgemeinen
durch Güte und Weisheit angeordneten Plane nicht zusammenstimmend zu sein
scheint; wobei er aber doch die den weisen Welturheber verkündigende Anordnung
und Erhaltung des Ganzen beweiset, obzwar zugleich seine für uns unerforschliche
Wege, selbst schon in der physischen Ordnung der Dinge, wie vielmehr denn in
der Verknüpfung derselben mit der moralischen (die
unsrer Vernunft noch undurchdringlicher ist?) verborgen sein müssen.
— Der Schluß ist dieser: daß, indem Hiob gesteht, nicht etwa
frevelhaft, denn er ist sich seiner Redlichkeit
bewußt, sondern nur unweislich über Dinge abgesprochen zu haben,
die ihm zu hoch sind, und die er nicht versteht: Gott das Verdammungsurteil
wider seine Freunde fället, weil sie nicht so gut (der
Gewissenhaftigkeit nach) von Gott geredet hätten als sein Knecht
hob. Betrachtet man nun die Theorie, die jeder von beiden Seiten behauptete:
so möchte die seiner Freunde eher den Anschein mehrerer spekulativen Vernunft
und frommer Demut bei sich führen; und Hiob würde wahrscheinlicher
Weise vor einem jeden Gerichte dogmatischer Theologen, vor einer Synode, einer
Inquisition, einer ehrwürdigen Classis, oder einem jeden Oberkonsistorium
unserer Zeit (ein einziges ausgenommen), ein schlimmes
Schicksal erfahren haben. Also nur die Aufrichtigkeit des Herzens, nicht der
Vorzug der Einsicht, die Redlichkeit, seine Zweifel unverhohlen zu gestehen,
und der Abscheu, Überzeugung zu heucheln, wo man sie doch nicht fühlt,
vornehmlich nicht vor Gott (wo diese List ohnedas ungereimt
ist): diese Eigenschaften sind es, welche den Vorzug des redlichen Mannes,
in der Person Hiobs, vor dem religiösen Schmeichler im göttlichen
Richterausspruch entschieden haben.
Der Glauben aber, der ihm durch eine so befremdliche Auflösung seiner Zweifel,
nämlich bloß die Überführung von seiner Unwissenheit, entsprang,
konnte auch nur in die Seele eines Mannes kommen, der mitten unter seinen lebhaftesten
Zweifeln sagen konnte (XXVII, 5, 6): »Bis
daß mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Frömmigkeit,
u.s.w.« Denn mit dieser Gesinnung bewies er, daß er nicht
seine Moralität auf den Glauben, sondern den Glauben auf die Moralität
gründete: in welchem Falle dieser, so schwach er auch sein mag, doch allein
lauter und echter Art, d. i. von derjenigen Art ist, welche eine Religion, nicht
der Gunstbewerbung, sondern des guten Lebenswandels, gründet.SCHLUSSANMERKUNG
Die Theodizee hat es, wie hier gezeigt worden, nicht sowohl mit einer Aufgabe
zum Vorteil der Wissenschaft, als vielmehr mit einer Glaubenssache zu tun. Aus
der authentischen sahen wir: daß es in solchen Dingen nicht so viel aufs
Vernünfteln ankomme, als auf Aufrichtigkeit in Bemerkung des Unvermögens
unserer Vernunft, und auf die Redlichkeit, seine Gedanken nicht in der Aussage
zu verfälschen, geschehe dies auch in noch so frommer Absicht als es immer
wolle. — Dieses veranlaßt noch folgende kurze Betrachtung über
einen reichhaltigen Stoff, nämlich über die Aufrichtigkeit als das
Haupterfordernis in Glaubenssachen, im Widerstreite mit dem Hange zur Falschheit
und Unlauterkeit, als dem Hauptgebrechen in der menschlichen Natur.
Daß das, was jemand sich selbst oder einem andern sagt, wahr
sei: dafür kann er nicht jederzeit stehen (denn er
kann irren); dafür aber kann und muß er stehen, daß
sein Bekenntnis oder Geständnis wahrhaft sei:
denn dessen ist er sich unmittelbar bewußt. Er vergleicht nämlich
im erstern Falle seine Aussage mit dem Objekt im logischen Urteile
(durch den Verstand); im zweiten Fall aber, da er sein Fürwahrhalten
bekennt, mit dem Subjekt (vor dem Gewissen). Tut
er das Bekenntnis in Ansehung des erstem, ohne sich des letztern bewußt
zu sein: so lügt er, weil er etwas anders vorgibt, als wessen er sich bewußt
ist. — Die Bemerkung, daß es solche Unlauterkeit im menschlichen
Herzen gebe, ist nicht neu (denn Hiob hat sie schon gemacht);
aber fast sollte man glauben, daß die Aufmerksamkeit auf dieselbe für
Sitten- und Religionslehrer neu sei: so wenig findet man, daß sie, ungeachtet
der Schwierigkeit, welche eine Läuterung der Gesinnungen der Menschen,
selbst wenn sie pflichtmäßig handeln wollen,
bei sich führt, von jener Bemerkung genugsamen Gebrauch gemacht hätten.
— Man kann diese Wahrhaftigkeit die formale
Gewissenhaftigkeit nennen; die materiale
besteht in der Behutsamkeit, nichts auf die Gefahr, daß es
unrecht sei, zu wagen: da hingegen jene in dem Bewußtsein besteht, diese
Behutsamkeit im gegebnen Falle angewandt zu haben. — Moralisten reden
von einem irrenden Gewissen. Aber ein irrendes Gewissen ist ein Unding; und,
gäbe es ein solches, so könnte man niemals sicher sein, recht gehandelt
zu haben, weil selbst der Richter in der letzten Instanz noch irren könnte.
Ich kann zwar in dem Urteile irren, in welchem ich
glaube Recht zu haben: denn das gehört dem Verstande zu, der
allein (wahr oder falsch) objektiv urteilt; aber
in dem Bewußtsein: ob ich in der Tat glaube
Recht zu haben (oder es bloß vorgebe), kann
ich schlechterdings nicht irren, weil dieses Urteil oder vielmehr dieser Satz
bloß sagt: daß ich den Gegenstand so beurteile.In der Sorgfalt, sich dieses Glaubens (oder
Nichtglaubens) bewußt zu werden, und kein Fürwahrhalten vorzugeben,
dessen man sich nicht bewußt ist: besteht nun eben die formale Gewissenhaftigkeit,
welche der Grund der Wahrhaftigkeit ist. Derjenige also, welcher sich selbst
(und, welches in den Religionsbekenntnissen einerlei ist,
vor Gott) sagt: er glaube, ohne
vielleicht auch nur einen Blick in sich selbst getan zu haben, ob er sich in
der Tat dieses Fürwahrhaltens oder auch eines solchen Grades desselben
bewußt sei:* der
lügt nicht bloß die ungereimteste Lüge (vor
einem Herzenskündiger), sondern auch die frevelhafteste, weil sie
den Grund jedes tugendhaften Vorsatzes, die Aufrichtigkeit, untergräbt.
* Das Erpressungsmittel
der Wahrhaftigkeit in äußern Aussagen, der Eid (tortura spiritualis)
wird vor einem menschlichen Gerichtshofe nicht bloß für erlaubt,
sondern auch für unentbehrlich gehalten: ein trauriger Beweis von der geringen
Achtung der Menschen für die Wahrheit, selbst im Tempel der öffentlichen
Gerechtigkeit, wo die bloße ldee von ihr schon für sich die grüßte
Achtung einflößen sollte! Aber die Menschen lügen auch Überzeugung,
die sie wenigstens nicht von der Art, oder in dem Grade haben, als sie vorgeben,
selbst in ihrem innern Bekenntnisse; und, da diese Unredlichkeit (weil sie nach
und nach in wirkliche Überredung ausschlägt) auch äußere
schädliche Folgen haben kann, so kann jenes Erpressungsmittel der Wahrhaftigkeit,
der Eid (aber freilich nur ein innerer, d. i. der Versuch, ob das Fürwahrhalten
auch die Probe einer innern eidlichen Abhörung des Bekenntnisses
aushalte), dazu gleichfalls sehr wohl gebraucht werden, die Vermessenheit dreister,
zuletzt auch wohl äußerlich gewaltsames Behauptungen, wo nicht abzuhalten,
doch wenigstens stutzig zu machen. Von einem menschlichen Gerichtshofe wird
dem Gewissen des Schwörenden nichts weiter zugemutet, als die Anheischigmachung:
daß, wenn es einen künftigen Weltrichter (mithin Gott und
ein künftiges Leben) gibt, er ihm für die Wahrheit seines äußern
Bekenntnisses verantwortlich sein wolle; daß es einen solchen Weltrichter
gebe, davon hat er nicht nötig ihm ein Bekenntnis abzufordern, weil,
wenn die erstere Beteurung die Lüge nicht abhalten kann, das zweite falsche
Bekenntnis eben so wenig Bedenken erregen würde. Nach dieser innern Eidesdelation
würde man sich also selbst fragen: Getrauest du dir wohl, bei allem was
dir teuer und heilig ist, dich für die Wahrheit jenes wichtigen oder eines
andern dafür gehaltenen Glaubenssatzes zu verbürgen? Bei einer solchen
Zumutung wird das Gewissen aufgeschreckt, durch die Gefahr, der man sich aussetzt,
mehr vorzugeben, als man mit Gewißheit bebaupten kann, wo das Dafürhalten
einen Gegenstand betrifft, der auf dein Wege des Wissens (theoretischer Einsicht)
gar nicht erreichbar ist, dessen Annehmung aber dadurch, daß sie allein
den Zusammenhang der höchsten praktischen Vernunftprinzipien mit denen
der theoretischen Naturerkenntnis in einem System möglich (und also die
Vernunft mit sich selbst zusammenstimmend)
macht, über alles empfehlbar, aber immer doch frei ist. — Noch mehr
aber müssen Glaubensbekenntnisse, deren Quelle historisch ist, dieser Feuerprobe
der Wahrhaftigkeit unterworfen werden, wenn sie andern gar als Vorschriften
auferlegt werden: weil hier die Unlauterkeit und geheuchelte Überzeugung
auf mehrere verbreitet wird, und die Schuld davon dem, der sich für anderer
Gewissen gleichsam verbürgt (denn die Menschen sind mit ihrem Gewissen
gerne passiv), zur Last fällt.
Wie bald solche blinde und äußere Bekenntnisse
(welche sehr leicht mit einem eben so unwahren innern
vereinbart werden), wenn sie Erwerbmittel abgeben,
allmählich eine gewisse Falschheit in die Denkungsart selbst des gemeinen
Wesens bringen können, ist leicht abzusehen. — Während indes
diese öffentliche Läuterung der Denkungsart wahrscheinlicher Weise
auf entfernte Zeiten ausgesetzt bleibt, bis sie vielleicht einmal unter dem
Schutze der Denkfreiheit ein allgemeines Erziehungs- und Lehrprinzip werden
wird: mögen hier noch einige Zeilen auf die Betrachtung jener Unart, welche
in der menschlichen Natur tief gewurzelt zu sein scheint, verwandt werden.
Es liegt etwas Rührendes und Seelenerhebendes in der Aufstellung eines
aufrichtigen, von aller Falschheit und positiven Verstellung entfernten, Charakters;
da doch die Ehrlichkeit, eine bloße Einfalt und Geradheit der Denkungsart
(vornehmlich wenn man ihr die Offenherzigkeit erläßt)
das kleinste ist, was man zu einem guten Charakter nur immer fordern kann, und
daher nicht abzusehen ist, worauf sich denn jene Bewunderung gründe, die
wir einem solchen Gegenstande widmen: es müßte denn sein, daß
die Aufrichtigkeit die Eigenschaft wäre, von der die menschliche Natur
gerade am weitesten entfernt ist. Eine traurige Bemerkung! Indem eben durch
jene alle übrige Eigenschaften, sofern sie auf Grundsätzen beruhen,
allein einen innern wahren Wert haben können. Ein kontemplativer Misanthrop
(der keinem Menschen Böses wünscht, wohl aber
geneigt ist, von ihnen alles Böse zu glauben) kann nur zweifelhaft
sein, ob er die Menschen hassens- oder
ob er sie eher verachtungswürdig
finden solle. Die Eigenschaften, um derentwillen er sie für die erste Begegnung
qualifiziert zu sein urteilen würde, sind die, durch welche sie
vorsätzlich schaden. Diejenige Eigenschaft aber, welche sie ihm
eher der letztem Abwürdigung auszusetzen scheint, könnte keine andere
sein, als ein Hang, der an sich böse
ist, ob er gleich niemanden schadet: ein Hang zu demjenigen, was zu keiner Absicht
als Mittel gebraucht werden soll; was also objektiv zu nichts gut ist. Das erstere
Böse wäre wohl kein anderes, als das der Feindseligkeit
(gelinder gesagt, Lieblosigkeit); das zweite kann kein anderes sein
als Lügenhaftigkeit (Falschheit,
selbst ohne alle Absicht zu schaden). Die erste
Neigung hat eine Absicht, deren Gebrauch doch in gewissen andern
Beziehungen erlaubt und gut sein kann, z. B. die Feindseligkeit gegen unbesserliche
Friedensstörer. Der zweite Hang aber
ist der zum Gebrauch eines Mittels (der Lüge), das
zu nichts gut ist, zu welcher Absicht es auch sei, weil es an sich selbst böse
und verwerflich ist. In der Beschaffenheit des Menschen von der ersten Art ist
Bosheit, womit sich doch noch Tüchtigkeit
zu guten Zwecken in gewissen äußern Verhältnissen verbinden
läßt, und sie sündigt nur in den Mitteln, die doch auch nicht
in aller Absicht verwerflich sind. Das Böse von der letztern Art ist Nichtswürdigkeit,
wodurch dem Menschen aller Charakter abgesprochen wird. — Ich halte mich
hier hauptsächlich an der tief im Verborgnen liegenden Unlauterkeit, da
der Mensch sogar die innern Aussagen vor seinem eignen Gewissen zu verfälschen
weiß. Um destoweniger darf die äußere Betrugsneigung befremden;
es müßte denn dieses sein, daß, obzwar ein jeder von der Falschheit
der Münze belehrt ist, mit der er Verkehr treibt, sie sich dennoch immer
so gut im Umlaufe erhalten kann.
In Herrn de Luc Briefen über die
Gebirge, die Geschichte der Erde und Menschen, erinnere ich mich folgendes Resultat
seiner zum Teil anthropologischen Reise gelesen zu haben. Der menschenfreundliche
Verfasser war mit der Voraussetzung der ursprünglichen Gutartigkeit unserer
Gattung ausgegangen, und suchte die Bestätigung derselben da, wo städtische
Üppigkeit nicht solchen Einfluß haben kann, Gemüter zu verderben:
in Gebirgen, von den schweizerischen an
bis zum Harze; und, nachdem sein Glauben
an uneigennützig hilfleistende Neigung durch eine Erfahrung in den erstem
etwas wankend geworden, so bringt er doch am Ende diese Schlußfolge heraus:
Daß der Mensch, was das Wohlwollen betrifft,
gut genug sei (kein Wunder! denn dieses beruht
auf eingepflanzter Neigung, wovon Gott der Urheber ist);
wenn ihm nur nicht ein schlimmer Hang zur feinen Betrügerei beiwohnte
(welches auch nicht zu verwundern ist; denn diese abzuhalten
beruht auf dem Charakter, welchen der Mensch selber in sich bilden muß)!
— Ein Resultat der Untersuchung, welches ein jeder, auch ohne in Gebirge
gereist zu sein, unter seinen Mitbürgern, ja noch näher, in seinem
eignen Busen, hatte antreffen können.
Königsberg. I. Kant. S.105-124
Aus: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie,
Politik und Pädagogik 1 Werkausgabe Band XI. Herausgegeben von Wilhelm
Weischedel.
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft stw 192
Das
Ende aller Dinge
Es ist ein, vornehmlich in der frommen Sprache, üblicher Ausdruck, einen
sterbenden Menschen sprechen zu lassen; er gehe aus der
Zeit in die Ewigkeit.
Dieser Ausdruck würde in der Tat nichts sagen, wenn hier unter der Ewigkeit
eine ins Unendliche fortgehende Zeit verstanden werden sollte; denn da käme
ja der Mensch nie aus der Zeit heraus, sondern ginge nur immer aus einer in
die andre fort. Also muß damit ein Ende aller Zeit, bei ununterbrochener
Fortdauer des Menschen, diese Dauer aber (sein Dasein als Größe betrachtet)
doch auch als eine mit der Zeit ganz unvergleichbare Größe (duratio
noumenon) gemeint sein, von der wir uns freilich keinen (als bloß negativen)
Begriff machen können. — Dieser Gedanke hat etwas Grausendes in sich:
weil er gleichsam an den Rand eines Abgrunds führt, aus welchem für
den, der darin versinkt, keine Wiederkehr möglich ist (»Ihn
aber hält am ernsten Orte, der nichts zurücke lässt, Die Ewigkeit
mit starken Armen fest.« Haller); und doch auch etwas
Anziehendes: denn man kann nicht aufhören, sein zurückgeschrecktes
Auge immer wiederum darauf zu wenden (nequeunt expleri
corda tuendo. »sie können des Anschauens nicht satt werden«
Virgil). Er ist furchtbar - erhaben : zum Teil wegen seiner
Dunkelheit, in der die Einbildungskraft mächtiger als beim hellen Licht
zu wirken pflegt. Endlich muß er doch auch mit der allgemeinen Menschenvernunft
auf wundersame Weise verweht sein: weil er unter allen vernünftelnden Völkern,
zu allen Zeiten, auf eine oder andre Art eingekleidet, angetroffen wird. —
Indem wir nun den Übergang aus der Zeit in die Ewigkeit (diese Idee mag,
theoretisch, als Erkenntnis-Erweiterung, betrachtet, objektive Realität
haben oder nicht), so wie ihn sich die Vernunft in moralischer Rücksicht
selbst macht, verfolgen: stoßen wir auf das Ende
aller Dinge, als Zeitwesen und als Gegenstände möglicher Erfahrung:
welches Ende aber in der moralischen Ordnung der Zwecke zugleich der Anfang
einer Fortdauer eben dieser als übersinnlicher,
folglich nicht unter Zeitbedingungen stehender, Wesen ist, die also und deren
Zustand keiner andern als moralischer Bestimmung ihrer Beschaffenheit fähig
sein wird.
Tage sind gleichsam Kinder der Zeit, weil der folgende Tag, mit dem was er enthält,
das Erzeugnis des vorigen ist. Wie nun das letzte Kind seiner Eltern jüngstes
Kind genannt wird: so hat unsre Sprache beliebt den letzten Tag (den Zeitpunkt,
der alle Zeit beschließt) den jüngsten Tag zu nennen. Der jüngste
Tag gehört also noch zur Zeit; denn es geschieht
an ihm noch irgend etwas (nicht zur Ewigkeit, wo nichts mehr geschieht, weil
das Zeitfortsetzung sein würde, Gehöriges): nämlich Ablegung
der Rechnung der Menschen von ihrem Verhalten in ihrer ganzen Lebenszeit. Er
ist ein Gerichtstag; das Begnadigungs- oder Verdammungs-Urteil des Weltrichters
ist also das eigentliche Ende aller Dinge in der Zeit, und zugleich der Anfang
der (seligen oder unseligen) Ewigkeit, in welcher das jedem zugefallne Los so
bleibt, wie es in dem Augenblick des Ausspruchs (der Sentenz) ihm zu Teil ward.
Also enthält der jüngste Tag auch das jüngste
Gericht zugleich in sich. — Wenn nun zu den letzten
Dingen noch das Ende der Welt, so wie sie in ihrer jetzigen Gestalt erscheint,
nämlich das Abfallen der Sterne vom Himmel als einem Gewölbe, der
Einsturz dieses Himmels selbst (oder das Entweichen desselben als eines eingewickelten
Buchs), das Verbrennen beider, die Schöpfung eines neuen Himmels und einer
neuen Erde zum Sitz der Seligen, und der Hölle zu dem der Verdammten, gezählt
werden sollten: so würde jener Gerichtstag freilich nicht der jüngste
Tag sein; sondern es würden noch verschiedne andre auf ihn folgen. Allein,
da die Idee eines Ende aller Dinge ihren Ursprung nicht von dem Vernünfteln
über den physischen, sondern über den
moralischen, Lauf der Dinge in der Welt hernimmt, und dadurch allein veranlaßt
wird; der letztere auch allein auf das Übersinnliche (welches nur am Moralischen
verständlich ist), dergleichen die Idee der Ewigkeit ist, bezogen werden
kann: so muß die Vorstellung jener letzten Dinge, die nach
dem jüngsten Tage kommen sollen, nur als eine Versinnlichung des letztem
samt seinen moralischen, uns übrigens nicht theoretisch begreiflichen,
Folgen angesehen werden.
Es ist aber anzumerken, daß es von den ältesten Zeiten her zwei,
die künftige Ewigkeit betreffende, Systeme gegeben hat: eines das der Unitarier
derselben, welche allen Menschen (durch
mehr oder weniger lange Büßungen gereinigt) die ewige Seligkeit,
das andre das der Dualisten*,
welche einigen Auserwählten die Seligkeit, allen übrigen
aber die ewige Verdammnis zusprechen. Denn ein System, wornach alle verdammt
zu sein bestimmt wären, konnte wohl nicht Platz finden, weil sonst kein
rechtfertigender Grund da wäre, warum sie überhaupt wären erschaffen
worden; die Vernichtung aller aber eine verfehlte Weisheit anzeigen würde,
die, mit ihrem eignem Werk unzüfrieden, kein ander Mittel weiß, den
Mängeln desselben abzuhelfen, als es zu zerstören. — Den Dualisten
steht indes immer eben dieselbe Schwierigkeit, welche hinderte, sich eine ewige
Verdammung aller zu denken, im Wege: denn wozu, könnte man fragen, waren
auch die wenigen, warum auch nur ein einziger geschaffen, wenn er nur dasein
sollte, um ewig verworfen zu werden? welches doch ärger ist als gar nicht
sein.*Ein
solches System war in der altpersischen
Religion (des Zoroaster) auf der
Voraussetzung zweier im ewigen Kampf mit einander begriffenen Urwesen,
dem Guten Prinzip, Ormuzd, und dem Bösen,
Ahriman, gegründet. — Sonderbar ist es: daß die Sprache
zweier weit von einander, noch weiter aber von dem jetzigen Sitz der deutschen
Sprache, entfernten Länder, in der Benennung dieser beiden Urwesen, deutsch
ist. Ich erinnere mich bei Sonnerat gelesen zu haben, daß in Ava (dem
Lande der Burachmanen) das gute Prinzip Godeman (welches Wort in dem Namen Darius
Codomannus auch zu liegen scheint) genannt werde; und, da das Wort Ahriman mit
dem arge Mann sehr gleich lautet, das jetzige Persische auch eine Menge ursprünglich
deutscher Wörter enthält: so mag es eine Aufgabe für
den Altertumsforscher sein, auch an dem Leitfaden der Sprachverwandtschaft
dem Ursprunge der jetzigen Religionsbegriffe mancher Völker nachzugehn.Zwar, soweit wir es einsehn, soweit wir uns selbst erforschen
können, hat das dualistische System (aber nur unter einem höchstguten
Urwesen), in praktischer Absicht, für jeden
Menschen wie er sich selbst zu richten hat (ob gleich nicht wie er andre zu
richten befugt ist), einen überwiegenden Grund in sich: denn, so viel er
sich kennt, läßt ihm die Vernunft keine andre Aussicht in die Ewigkeit
übrig, als die ihm aus seinem bisher geführten Lebenswandel sein eignes
Gewissen am Ende des Lebens eröffnet. Aber zum Dogma , mithin um einen
an sich selbst (objektiv) gültigen theoretischen Satz daraus zu machen,
dazu ist es, als bloßes Vernunfturteil, bei weitem nicht hinreichend.
Denn welcher Mensch kennt sich selbst, wer kennt andre so durch und durch, um
zu entscheiden: ob, wenn er von den Ursachen seines vermeintlich wohlgeführten
Lebenswandels alles, was man Verdienst des Glücks nennt, als sein angebornes
gutartiges Temperament, die natürliche größere Stärke seiner
obern Kräfte (des Verstandes und der Vernunft, um seine Triebe zu zähmen),
überdem auch noch die Gelegenheit, wo ihm der Zufall glücklicher weise
viele Versuchungen ersparte, die einen andern trafen; wenn er dies alles von
seinem wirklichen Charakter absonderte (wie er das denn, um diesen gehörig
zu würdigen, notwendig abrechnen muß, weil er es, als Glücksgeschenk,
seinem eignen Verdienst nicht zuschreiben kann): wer will dann entscheiden,
sage ich, ob vor dem allsehenden Auge eines Weltrichters ein Mensch, seinem
innern moralischen Werte nach, überall noch irgend einen Vorzug vor dem
andern habe, und es so vielleicht nicht ein ungereimter Eigendünkel sein
dürfte, bei dieser oberflächlichen Selbsterkenntnis, zu seinem Vorteil
über den moralischen Wert (und das verdiente Schicksal) seiner selbst so
wohl als anderer irgend ein Urteil zu sprechen. — Mithin scheint das System
des Unitariers sowohl als des Dualisten, beides als Dogma betrachtet, das spekulative
Vermögen der menschlichen Vernunft gänzlich zu übersteigen, und
alles uns dahin zurückzuführen, jene Vernunftideen schlechterdings
nur auf die Bedingungen des praktischen Gebrauchs einzuschränken. Denn
wir sehen doch nichts vor uns, das uns von unserm Schicksal in einer künftigen
Welt jetzt schon belehren könnte, als das Urteil unsers eignen Gewissens,
d. i. was unser gegenwärtiger moralischer Zustand, soweit wir ihn kennen,
uns darüber vernünftiger weise urteilen läßt: daß
nämlich, welche Prinzipien unsers Lebenswandels wir bis zu dessen Ende
in uns herrschend gefunden haben (sie seien die des Guten oder des Bösen),
auch nach dem Tode fortfahren werden, es zu sein; ohne daß wir eine Abänderung
derselben in jener Zukunft anzunehmen den mindesten Grund haben. Mithin müßten
wir uns auch der jenem Verdienst oder dieser Schuld angemessenen Folgen, unter
der Herrschaft des guten oder des bösen Prinzips, für die Ewigkeit
gewärtigen; in welcher Rücksicht es folglich weise ist, so zu handeln,
als ob ein andres Leben, und der moralische Zustand, mit dem wir das gegenwärtige
endigen, samt seinen Folgen, beim Eintritt in dasselbe unabänderlich sei.
In praktischer Absicht wird also das anzunehmende System das dualistische sein
müssen; ohne doch ausmachen zu wollen, welches von beiden, in theoretischer
und bloß spekulativer, den Vorzug verdiene: zumal da das unitarische zu
sehr in gleichgültige Sicherheit einzuwiegen scheint.
Warum erwarten aber die Menschen überhaupt ein Ende
der Welt? und, wenn dieses ihnen auch eingeräumt wird, warum eben ein Ende
mit Schrecken (für den größten Teil des menschlichen Geschlechts)?
. . . Der Grund des erstern scheint darin zu liegen,
weil die Vernunft ihnen sagt, daß die Dauer der Welt nur sofern einen
Wert hat, als die vernünftigen Wesen in ihr dem Endzweck ihres Daseins
gemäß sind, wenn dieser aber nicht erreicht werden sollte, die Schöpfung
selbst ihnen zwecklos zu sein scheint: wie ein Schauspiel, das gar keinen Ausgang
hat, und keine vernünftige Absicht zu erkennen gibt. Das letztere
gründet sich auf der Meinung von der verderbten Beschaffenheit des menschlichen
Geschlechts,* die bis zur Hoffnungslosigkeit
groß sei; welchem ein Ende und zwar ein schreckliches Ende zu machen die
einzige der höchsten Weisheit und Gerechtigkeit (dem größten
Teil der Menschen nach) anständige Maßregel sei. — Daher sind
auch die Vorzeichen des jüngsten Tages (denn
wo läßt es eine durch große Erwartungen erregte Einbildungskraft
wohl an Zeichen und Wundern fehlen?) alle von der schrecklichen Art. Einige
sehen sie in der überhandnehmenden Ungerechtigkeit, Unterdrückung
der Armen durch übermütige Schwelgerei der Reichen, und dem allgemeinen
Verlust von Treu und Glauben; oder in den an allen Erdenden sich entzündenden
blutigen Kriegen, u.s.w.: mit einem Worte, an dem moralischen Verfall und der
schnellen Zunahme aller Laster, samt den sie begleitenden Übeln, dergleichen,
wie sie wähnen, die vorige Zeit nie sah. Andre dagegen in ungewöhnlichen
Naturveränderungen, an den Erdbeben, Stürmen und Überschwemmungen,
oder Kometen und Luftzeichen.*Zu
allen Zeiten haben sich dünkende Weise (oder Philosophen), ohne die Anlage
zum Guten in der menschlichen Natur einiger Aufmerksamkeit zu würdigen,
sich in widrigen, zum Teil ekelhaften, Gleichnissen erschöpft, um unsre
Erdenwelt, den Aufenthalt für Menschen, recht verächtlich vorzustellen.
1) Als ein Wirtshaus (Karavanserai), wie jener Derwisch sie
ansieht: wo jeder auf seiner Lebensreise Einkehrende gefaßt sein muß,
von einem folgenden bald verdrängt zu werden.
2) Als ein Zuchthaus; welcher Meinung die brahmanischen, tibetanischen
und andre Weisen des Orients (auch sogar Plato) zugetan sind: ein Ort der Züchtigung
und Reinigung gefallner, aus dem Himmel verstoßner, Geister, jetzt menschlicher
oder Tier-Seelen.
3) Als ein Tollhaus: wo nicht allein jeder für sich seine
eignen Absichten vernichtet, sondern einer dem andern alles erdenkliche Herzeleid
zufügt, und obenein, die Geschicklichkeit und Macht, das tun zu können,
für die größte Ehre hält. Endlich
4) Als ein Kloak, wo aller Unrat aus andern Welten hingebannt
worden. Der letztere Einfall ist auf gewisse Art originell, und einem persischen
Witzling zu verdanken, der das Paradies, den Aufenthalt des ersten Menschenpaars,
in den Himmel versetzte, in welchem Garten Bäume genug, mit herrlichen
Früchten reichlich versehen, anzutreffen waren, deren Überschuß,
nach ihrem Genuß, sich durch unmerkliche Ausdünstung verlor; einen
einzigen Baum mitten im Garten ausgenommen, der zwar eine reizende aber solche
Frucht trug, die sich nicht ausschwitzen ließ. Da unsre ersten Eltern
sich nun gelüsten ließen, ungeachtet des Verbots, dennoch davon zu
kosten: so. war, damit sie den Himmel nicht beschmutzten, kein andrer Rat, als
daß einer der Engel ihnen die Erde in weiter Ferne zeigte, mit den Worten:
»Das ist der Abtritt für das ganze Universum«, sie sodann dahinführte,
um das Benötigte zu verrichten, und darauf mit Hinterlassung derselben
zum Himmel zurückflog. Davon sei nun das menschliche Geschlecht auf Erden
entsprungen.In der Tat fühlen, nicht ohne Ursache, die Menschen die Last
ihrer Existenz, ob sie gleich selbst die Ursache derselben sind. Der Grund davon
scheint mir hierin zu liegen. —Natürlicherweise eilt, in den Fortschritten
des menschlichen Geschlechts, die Kultur der Talente, der Geschicklichkeit und
des Geschmacks (mit ihrer Folge, der Üppigkeit) der Entwicklung der Moralität
vor; und dieser Zustand ist gerade der lästigste und gefährlichste
für Sittlichkeit so wohl als physisches Wohl: weil die Bedürfnisse
viel stärker anwachsen, als die Mittel, sie zu befriedigen. Aber die sittliche
Anlage der Menschheit, die (wie Horazens poena, pede claudo;
»die Strafe mit hinkendem Fuß«.) ihr immer nachhinkt,
wird sie, die in ihrem eilfertigen Lauf sich selbst verfängt und oft stolpert,
(wie man unter einem weisen Weltregierer wohl hoffen darf) dereinst überholen;
und so sollte man, selbst nach den Erfahrungsbeweisen des Vorzugs der Sittlichkeit
in unserm Zeitalter, in Vergleichung mit allen vorigen, wohl die Hoffnung nähren
können, daß der jüngste Tag eher mit einer Eliasfahrt, als mit
einer der Rotte Korah ähnlichen Höllenfahrt eintreten, und das Ende
aller Dinge auf Erden herbeiführen dürfte. Allein dieser heroische
Glauben an die Tugend scheint doch, subjektiv, keinen so allgemeinkräftigen
Einfluß auf die Gemüter zur Bekehrung zu haben, als der an einen
mit Schrecken begleiteten Auftritt, der vor den letzten Dingen als vorhergehend
gedacht wird.Anmerkung. Da wir es hier bloß
mit Ideen zu tun haben (oder damit spielen), die die Vernunft sich selbst schafft,
wovon die Gegenstände (wenn sie deren haben) ganz über unsern Gesichtskreis
hinausliegen, die indes, obzwar für das spekulative Erkenntnis überschwenglich,
darum doch nicht in aller Beziehung für leer zu halten sind, sondern in
praktischer Absicht uns von der gesetzgebenden Vernunft selbst an die Hand gegeben
werden, nicht etwa um über ihre Gegenstände, was sie an sich und ihrer
Natur nach sind, nachzugrübeln, sondern wie wir sie zum Behuf der moralischen,
auf den Endzweck aller Dinge gerichteten, Grundsätze zu denken haben (wodurch
sie, die sonst gänzlich leer wären, objektive praktische Realität
bekommen): — so haben wir ein freies Feld vor uns, dieses Produkt unsrer
eignen Vernunft: den allgemeinen Begriff von einem Ende aller Dinge, nach dem
Verhältnis, das er zu unserm Erkenntnisvermögen hat, einzuteilen,
und die unter ihm stehenden zu klassifizieren.
Diesem nach wird das Ganze
1) in das natürliche* Ende aller Dinge, nach
der Ordnung moralischer Zwecke göttlicher Weisheit, welches wir also (in
praktischer Absicht) wohl verstehen können,
*Natürlich (formaliter) heißt, was nach
Gesetzen einer gewissen Ordnung, welche es auch sei, mithin auch der moralischen
(also nicht immer bloß der physischen), notwendig folgt. Ihm ist das Nichtnatürliche,
welches entweder das Übernatürliche, oder das Widernatürliche
sein kann, entgegengesetzt. Das Notwendige aus Naturursachen würde auch
als materialiter-natürlich (physisch-notwendig) vorgestellt werden.
2) in das mystische (übernatürliche)
Ende derselben, in der Ordnung der wirkenden Ursachen, von welchen wir nichts
verstehen,
3) in das widernatürliche (verkehrte) Ende
aller Dinge, welches von uns selbst, dadurch daß wir den Endzweck mißverstehen,
herbeigeführt wird, eingeteilt, und in drei Abteilungen vorgestellt werden:
wovon die erste so eben abgehandelt worden, und nun die zwei noch übrigen
folgen.In der Apokalypse (X, 5, 6) »hebt
ein Engel seine Hand auf gen Himmel, und schwört bei dem Lebendigen von
Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel erschaffen hat u.s.w.: daß
hinfort keine Zeit mehr sein soll«.
Wenn man nicht annimmt, daß dieser Engel »mit
seiner Stimme von sieben Donnern« (V. 3) habe Unsinn schreien wollen,
so muß er damit gemeint haben, daß hinfort keine Veränderung
sein soll; denn wäre in der Welt noch Veränderung, so wäre
auch die Zeit da, weil jene nur in dieser Statt finden kann, und, ohne ihre
Voraussetzung, gar nicht denkbar ist.
Hier wird nun ein Ende aller Dinge, als Gegenstände der Sinne, vorgestellt,
wovon wir uns gar keinen Begriff machen können: weil wir uns selbst unvermeidlich
in Widersprüche verfangen, wenn wir einen einzigen Schritt aus der Sinnenwelt
in die intelligible tun wollen; welches hier dadurch geschieht, daß der
Augenblick, der das Ende der erstern ausmacht, auch der Anfang der andern sein
soll, mithin diese mit jener in eine und dieselbe Zeitreihe gebracht wird, welches
sich widerspricht.
Aber wir sagen auch, daß wir uns eine Dauer als unendlich
(als Ewigkeit) denken: nicht darum weil wir etwa von ihrer Größe
irgend einen bestimmbaren Begriff haben — denn das ist unmöglich,
da ihr die Zeit, als Maß derselben gänzlich fehlt —; sondern
jener Begriff ist, weil, wo es keine Zeit gibt, auch kein
Ende Statt hat, bloß ein negativer von der ewigen Dauer, wodurch
wir in unserm Erkenntnis nicht um einen Fußbreit weiter kommen, sondern
nur gesagt werden will, daß der Vernunft, in (praktischer) Absicht auf
den Endzweck, auf dem Wege beständiger Veränderungen nie Genüge
getan werden kann: ob zwar auch, wenn sie es mit dem Prinzip des Stillstandes
und der Unveränderlichkeit des Zustands der Weltwesen versucht, sie sich
eben so wenig in Ansehung ihres theoretischen Gebrauchs
genug tun, sondern vielmehr in gänzliche Gedankenlosigkeit geraten würde;
da ihr dann nichts übrig bleibt, als sich eine ins Unendliche (in der Zeit)
fortgehende Veränderung, im beständigen Fortschreiten zum Endzweck,
zu denken, bei welchem die Gesinnung (welche nicht,
wie jenes, ein Phänomen, sondern etwas Übersinnliches, mithin nicht
in der Zeit veränderlich ist) bleibt und beharrlich dieselbe ist. Die Regel
des praktischen Gebrauchs der Vernunft dieser Idee gemäß will also
nichts weiter sagen, als: wir müssen unsre Maxime so nehmen, als ob, bei
allen ins Unendliche gehenden Veränderungen vom Guten zum Bessern, unser
moralische Zustand, der Gesinnung nach, (der homo noumenon, »dessen Wandel
im Himmel ist«) gar keinem Zeitwechsel unterworfen wäre.
Daß aber einmal ein Zeitpunkt eintreten wird, da alle Veränderung
(und mit ihr die Zeit selbst) aufhört, ist eine die Einbildungskraft empörende
Vorstellung. Alsdann wird nämlich die ganze Natur starr und gleichsam versteinert:
der letzte Gedanken, das letzte Gefühl bleiben alsdann in dem denkenden
Subjekt stehend und ohne Wechsel immer dieselben. Für ein Wesen, welches
sich seines Daseins und der Größe desselben (als Dauer) nur in der
Zeit bewußt werden kann, muß ein solches Leben, wenn es anders Leben
heißen mag, der Vernichtung gleich scheinen: weil es, um sich in einen
solchen Zustand hineinzudenken, doch überhaupt etwas denken muß;
Denken aber ein Reflektieren enthält, welches
selbst nur in der Zeit geschehen kann. — Die Bewohner der andern Welt
werden daher so vorgestellt, wie sie, nach Verschiedenheit ihres Wohnorts (dem
Himmel oder der Hölle), entweder immer dasselbe Lied, ihr Halleluja, oder
ewig eben dieselben Jammertöne anstimmen (XIX, 1—6; XX, 15): wodurch
der gänzliche Mangel alles Wechsels in ihrem Zustände angezeigt werden
soll.
Gleichwohl ist diese Idee, so sehr sie auch unsre Fassungskraft übersteigt,
doch mit der Vernunft in praktischer Beziehung nahe verwandt. Wenn wir den moralisch-physischen
Zustand des Menschen hier im Leben auch auf dem besten Fuß annehmen, nämlich
eines beständigen Fortschreitens und Annäherns zum höchsten (ihm
zum Ziel ausgesteckten) Gut: so kann er doch (selbst im Bewußtsein der
Unveränderlichkeit seiner Gesinnung) mit der Aussicht in eine ewig dauernde
Veränderung seines Zustandes (des sittlichen sowohl als physischen) die
Zufriedenheit nicht verbinden. Denn der Zustand,
in welchem er jetzt ist, bleibt immer doch ein Übel, vergleichungsweise
gegen den bessern, in den zu treten er in Bereitschaft steht; und die Vorstellung
eines unendlichen Fortschreitens zum Endzweck ist doch zugleich ein Prospekt
in eine unendliche Reihe von Übeln, die, ob sie zwar von dem größern
Guten überwogen werden, doch die Zufriedenheit nicht Statt finden lassen,
die er sich nur dadurch, daß der Endzweck endlich
einmal erreicht wird, denken kann.
Darüber gerät nun der nachgrübelnde Mensch in die Mystik
(denn die Vernunft, weil sie sich nicht leicht mit ihrem immanenten, d. i. praktischen
Gebrauch begnügt, sondern gern im Transzendenten etwas wagt, hat auch ihre
Geheimnisse), wo seine Vernunft sich selbst, und was sie will, nicht versteht,
sondern lieber schwärmt, als sich, wie es einem intellektuellen Bewohner
einer Sinnenwelt geziemt, innerhalb den Grenzen dieser eingeschränkt zu
halten. Daher kommt das Ungeheuer von System des Laokiun
von dem höchsten Gut, das im
Nichts bestehen soll: d.i. im Bewußtsein, sich in den Abgrund der
Gottheit, durch das Zusammenfließen mit derselben und also durch Vernichtung
seiner Persönlichkeit, verschlungen zu fühlen; von welchem Zustande
die Vorempfindung zu haben, sinesische Philosophen sich in dunkeln Zimmern,
mit geschlossenen Augen, anstrengen, dieses ihr Nichts zu denken und zu empfinden.
Daher der Pantheismus (der Tibetaner und andrer
östlichen Völker); und der aus der metaphysischen Sublimierung desselben
in der Folge erzeugte Spinozismus: welche beide
mit dem uralten Emanationssystem aller Menschenseelen
aus der Gottheit (und ihrer endlichen Resorption [Wiederauflösung]
in eben dieselbe) nahe verschwistert sind. Alles lediglich darum, damit die
Menschen sich endlich doch einer ewigen Ruhe
zu erfreuen haben möchten, welche denn ihr vermeintes seliges Ende aller
Dinge ausmacht; eigentlich ein Begriff, mit dem ihnen zugleich der Verstand
ausgeht und alles Denken selbst ein Ende hat.Das Ende aller Dinge, die durch der Menschen Hände gehen,
ist, selbst bei ihren guten Zwecken, Torheit: das ist, Gebrauch solcher Mittel
zu ihren Zwecken, die diesen gerade zuwider sind. Weisheit, d. i. praktische
Vernunft in der Angemessenheit ihrer dem Endzweck aller Dinge, dem höchsten
Gut, völlig entsprechenden Maßregeln, wohnt allein bei Gott; und
ihrer Idee nur nicht sichtbarlich entgegen zu handeln, ist das, was man etwa
menschliche Weisheit nennen könnte. Diese Sicherung aber wider Torheit,
die der Mensch nur durch Versuche und öftere Veränderung seiner Pläne
zu erlangen hoffen darf, ist mehr »ein Kleinod, welchem auch der beste
Mensch nur nachjagen kann, ob er es etwa ergreifen möchte«;
wovon er aber niemal sich die eigenliebige Überredung darf anwandeln lassen,
vielweniger darnach verfahren, als ob er es ergriffen
habe. — Daher auch die von Zeit zu Zeit veränderten, oft widersinnigen,
Entwürfe zu schicklichen Mitteln, um Religion in
einem ganzen Volk lauter und zugleich kraftvoll zu machen; so, daß
man wohl ausrufen kann: Arme Sterbliche, bei euch ist nichts beständig,
als die Unbeständigkeit!
Wenn es indes mit diesen Versuchen doch endlich einmal soweit gediehen ist,
daß das Gemeinwesen fähig und geneigt ist, nicht bloß den hergebrachten
frommen Lehren, sondern auch der durch sie erleuchteten praktischen Vernunft
(wie es zu einer Religion auch schlechterdings notwendig ist) Gehör zu
geben; wenn die (auf menschliche Art) Weisen unter dem Volk nicht durch unter
sich genommene Abreden (als ein Klerus), sondern als Mitbürger, Entwürfe
machen und darin größtenteils übereinkommen, welche auf unverdächtige
Art beweisen, daß ihnen um Wahrheit zu tun sei; und das Volk wohl auch
im ganzen (wenn gleich noch nicht im kleinsten Detail), durch das allgemein
gefühlte nicht auf Auktorität gegründete Bedürfnis der notwendigen
Anbauung seiner moralischen Anlage, daran Interesse nimmt: so scheint nichts
ratsamer zu sein, als jene nur machen und ihren Gang fortsetzen zu lassen, da
sie einmal, was die Idee betrifft der sie nachgehn, auf gutem Wege sind: was
aber den Erfolg aus den zum besten Endzweck gewählten Mitteln betrifft,
da dieser, wie er nach dem Laufe der Natur ausfallen dürfte, immer ungewiß
bleibt, ihn der Vorsehung zu überlassen. Denn, man mag so schwergläubig
sein wie man will, so muß man doch, wo es schlechterdings unmöglich
ist, den Erfolg aus gewissen nach aller menschlichen Weisheit (die, wenn sie
ihren Namen verdienen soll, lediglich auf das Moralische gehen muß) genommenen
Mitteln mit Gewißheit voraus zu sehn, eine Konkurrenz göttlicher
Weisheit zum Laufe der Natur auf praktische Art glauben, wenn man seinen Endzweck
nicht lieber gar aufgeben will. —
Zwar wird man einwenden: Schon oft ist gesagt worden, der gegenwärtige
Plan ist der beste; bei ihm muß es von nun an auf immer bleiben; das ist
jetzt ein Zustand für die Ewigkeit. »Wer (nach diesem Begriffe) gut
ist, der ist immerhin gut, und wer (ihm zuwider) böse ist, ist immerhin
böse« (Apokal. XXII, 11): gleich als ob die Ewigkeit, und mit ihr
das Ende aller Dinge, schon jetzt eingetreten sein könne; — und gleichwohl
sind seitdem immer neue Pläne, unter welchen der neueste oft nur die Wiederherstellung
eines alten war, auf die Bahn gebracht worden, und es wird auch an mehr letzten
Entwürfen fernerhin nicht fehlen.
Ich bin mir so sehr meines Unvermögens, hierin einen neuen und glücklichen
Versuch zu machen, bewußt, daß ich, wozu freilich keine große
Erfindungskraft gehört, lieber raten möchte: die Sachen so zu lassen,
wie sie zuletzt standen, und beinahe ein Menschenalter hindurch sich als erträglich
gut in ihren Folgen bewiesen hatten. Da das aber wohl nicht die Meinung der
Männer von entweder großem oder doch unternehmendem Geiste sein möchte:
so sei es mir erlaubt, nicht sowohl, was sie zu tun, sondern wogegen zu verstoßen
sie sich ja in Acht zu nehmen hätten, weil sie sonst ihrer eignen Absicht
(wenn sie auch die beste wäre) zuwider handeln würden, bescheidentlich
anzumerken.Das Christentum hat, außer der größten Achtung,
welche die Heiligkeit seiner Gesetze unwiderstehlich einflößt, noch
etwas Liebenswürdiges in sich. (Ich meine
hier nicht die Liebenswürdigkeit der Person, die es uns mit großen
Aufopferungen erworben hat, sondern der Sache selbst: nämlich der sittlichen
Verfassung, die Er stiftete; denn jene läßt sich nur aus dieser folgern.)
Die Achtung ist ohne Zweifel das Erste, weil ohne sie auch keine wahre Liebe
Statt findet; ob man gleich ohne Liebe doch große Achtung gegen jemand
hegen kann. Aber wenn es nicht bloß auf Pflichtvorstellung sondern auch
auf Pflichtbefolgung ankommt, wenn man nach dem subjektiven
Grunde der Handlungen fragt, aus welchem, wenn man ihn voraussetzen darf, am
ersten zu erwarten ist, was der Mensch tun werde,
nicht bloß nach dem objektiven, was er tun soll:
so ist doch die Liebe, als freie Aufnahme des Willens eines andern unter seine
Maximen, ein unentbehrliches Ergänzungsstück der Unvollkommenheit
der menschlichen Natur (zu dem, was die Vernunft durchs Gesetz vorschreibt,
genötigt werden zu müssen): denn was einer nicht gern tut, das tut
er so kärglich, auch wohl mit sophistischen Ausflüchten vom Gebot
der Pflicht, daß auf diese, als Triebfeder, ohne den Beitritt jener, nicht
sehr viel zu rechnen sein möchte.
Wenn man nun, um es recht gut zu machen, zum Christentum noch irgend eine Auktorität
(wäre es auch die göttliche) hinzutut, die Absicht derselben mag auch
noch so wohlmeinend und der Zweck auch wirklich noch so gut sein: so ist doch
die Liebenswürdigkeit desselben verschwunden: denn es ist ein Widerspruch,
jemanden zu gebieten, daß er etwas nicht
allein tue, sondern es auch gern
tun solle.
Das Christentum hat zur Absicht: Liebe, zu dem Geschäft der Beobachtung
seiner Pflicht überhaupt, zu befördern, und bringt sie auch hervor;
weil der Stifter desselben nicht in der Qualität eines Befehlshabers, der
seinen Gehorsam-fordernden Willen, sondern in der eines Menschenfreundes redet,
der seinen Mitmenschen ihren eignen wohlverstandnen Willen, d. i. wornach sie
von selbst freiwillig handeln würden, wenn sie sich selbst gehörig
prüften, ans Herz legt.
Es ist also die liberale Denkungsart — gleichweit
entfernt vom Sklavensinn, und von Bandenlosigkeit — wovon das Christentum
für seine Lehre Effekt erwartet, durch die es die Herzen der Menschen für
sich zu gewinnen vermag, deren Verstand schon durch die Vorstellung des Gesetzes
ihrer Pflicht erleuchtet ist. Das Gefühl der Freiheit in der Wahl des Endzweckes
ist das, was ihnen die Gesetzgebung liebenswürdig macht. — Obgleich
also der Lehrer desselben auch Strafen ankündigt,
so ist das doch nicht so zu verstehen, wenigstens ist es der eigentümlichen
Beschaffenheit des Christentums nicht angemessen, es so zu erklären, als
sollten diese die Triebfedern werden, seinen Geboten Folge zu leisten: denn
sofern würde es aufhören liebenswürdig zu sein. Sondern, man
darf dies nur als liebreiche, aus dem Wohlwollen des Gesetzgebers entspringende,
Warnung, sich vor dem Schaden zu hüten, welcher unvermeidlich aus der Übertretung
des Gesetzes entspringen müßte (denn: lex est
res surda et inexorabilis. »das Gesetz ist eine taube und unerbittliche
Sache.« Livius.), auslegen; weil nicht das Christentum,
als freiwillig angenommene Lebensmaxime, sondern das Gesetz hier droht: welches,
als unwandelbar in der Natur der Dinge liegende Ordnung, selbst nicht der Willkür
des Schöpfers, die Folge derselben so oder anders zu entscheiden, überlassen
ist.
Wenn das Christentum Belohnungen verheißt
(z. B. »Seid fröhlich und getrost, es wird
j euch im Himmel alles wohl vergolten werden«): so muß das
nach der liberalen Denkungsart nicht so ausgelegt werden, als wäre es ein
Angebot, um dadurch den Menschen zum guten Lebenswandel gleichsam zu dingen:
denn da würde das Christentum wiederum für sich selbst nicht liebenswürdig
sein. Nur ein Ansinnen solcher Handlungen, die aus uneigennützigen Beweggründen
entspringen, kann gegen den, welcher das Ansinnen tut, dem Menschen Achtung
einflößen; ohne Achtung aber gibt es keine wahre Liebe. Also muß
man jener Verheißung nicht den Sinn beilegen, als sollten die Belohnungen
für die Triebfedern der Handlungen genommen werden. Die Liebe, wodurch
eine liberale Denkart an einen Wohltäter gefesselt wird, richtet sich nicht
nach dem Guten, was der Bedürftige empfängt, sondern bloß nach
der Gütigkeit des Willens dessen, der geneigt
ist, es zu erteilen: sollte er auch etwa nicht dazu vermögend sein, oder
durch andre Beweggründe, welche die Rücksicht auf das allgemeine Weltbeste
mit sich bringt, an der Ausführung gehindert werden.
Das ist die moralische Liebenswürdigkeit, welche das Christentum bei sich
führt, die durch manchen äußerlich ihm beigefügten Zwang,
bei dem öfteren Wechsel der Meinungen, immer noch durchgeschimmert, und
es gegen die Abneigung erhalten hat, die es sonst hätte treffen müssen;
und welche (was merkwürdig ist) zur Zeit der größten Aufklärung,
die je unter Menschen war, sich immer in einem nur desto hellem Lichte zeigt.
Sollte es mit dem Christentum einmal dahin kommen, daß es aufhörte
liebenswürdig zu sein (welches sich wohl zutragen
könnte, wenn es, statt seines sanften Geistes, mit gebieterischer Auktorität
bewaffnet würde): so müßte, weil in moralischen Dingen
keine Neutralität (noch weniger Koalition entgegengesetzter
Prinzipien) Statt findet, eine Abneigung und Widersetzlichkeit gegen
dasselbe die herrschende Denkart der Menschen werden; und der Antichrist,
der ohnehin für den Vorläufer des jüngsten Tages gehalten wird,
würde sein (vermutlich auf Furcht und Eigennutz gegründetes)
obzwar kurzes Regiment anfangen: alsdann aber, weil das Christentum allgemeine
Weltreligion zu sein zwar bestimmt,
aber es zu werden von dem Schicksal
nicht begünstigt sein
würde, das (verkehrte) Ende
aller Dinge in moralischer Rücksicht eintreten.
Königsberg. I. Kant
Aus: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie,
Politik und Pädagogik 1 S.175-190
Werkausgabe Band XI. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel Suhrkamp Taschenbuch
Wissenschaft stw 192
Die Ethik
Kants
Die
immense Bedeutung des guten Willens
Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt
auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung
für gut könnte gehalten werden, als allein ein
guter Wille.
Verstand, Witz, Urteilskraft,
und wie die Talente des
Geistes sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit
im Vorsatze, als Eigenschaften
des Temperaments, sind
ohne Zweifel in mancher Absicht gut
und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse
und schädlich werden, wenn der Wille, der
von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit
darum Charakter
heißt, nicht gut ist.
Mit den Glücksgaben
ist es eben so bewandt. Macht,
Reichtum, Ehre,
selbst Gesundheit, und das ganze Wohlbefinden und
Zufriedenheit mit seinem Zustande, unter dem Namen der Glückseligkeit,
machen Mut und hiedurch öfters auch Übermut, wo nicht ein guter
Wille da ist, der den Einfluß derselben aufs Gemüt, und hiemit
auch das ganze Prinzip
zu handeln, berichtige und allgemein-zweckmäßig mache; ohne zu erwähnen,
daß ein vernünftiger unparteiischer Zuschauer sogar am Anblicke eines
ununterbrochenen Wohlergehens eines Wesens, das kein Zug eines reinen und guten
Willens ziert, nimmermehr ein Wohlgefallen haben kann, und so der
gute Wille die unerläßliche Bedingung
selbst der Würdigkeit, glücklich zu sein, auszumachen scheint.
Einige Eigenschaften sind sogar diesem guten Willen
selbst beförderlich und können sein Werk sehr erleichtern, haben aber
dem ungeachtet keinen innern unbedingten Wert, sondern setzen immer noch einen
guten Willen voraus, der die Hochschätzung, die man übrigens
mit Recht für sie trägt, einschränkt, und es nicht erlaubt, sie
für schlechthin gut zu halten. Mäßigung in Affekten
und Leidenschaften,
Selbstbeherrschung
und nüchterne Überlegung sind nicht allein in vielerlei Absicht gut,
sondern scheinen sogar einen Teil vom innern Werte der Person
auszumachen; allein es fehlt viel daran, um sie ohne Einschränkung
für gut zu erklären (so
unbedingt sie auch von den Alten gepriesen worden). Denn ohne
Grundsätze
eines guten Willens können sie höchst
böse werden, und das kalte Blut eines Bösewichts macht ihn
nicht allein weit gefährlicher, sondern auch unmittelbar in unsern Augen
noch verabscheuungswürdiger, als er ohne dieses dafür würde gehalten
werden.
Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt,
oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zu Erreichung irgend eines vorgesetzten
Zweckes, sondern
allein durch das Wollen,
d.i. an sich, gut,
und, für sich selbst betrachtet, ohne Vergleich weit höher zu schätzen,
als alles, was durch ihn zu Gunsten irgend einer Neigung, ja, wenn man will,
der Summe aller Neigungen, nur immer zu Stande gebracht werden könnte.
Wenn gleich durch eine besondere Ungunst des Schicksals, oder durch kärgliche
Ausstattung einer stiefmütterlichen Natur, es diesem Willen
gänzlich an Vermögen
fehlte, seine Absicht durchzusetzen; wenn bei seiner größten Bestrebung
dennoch nichts von ihm ausgerichtet würde, und nur der gute Wille (freilich
nicht etwa ein bloßer Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel,
so weit sie in unserer Gewalt sind) übrig bliebe: so würde
er wie ein Juwel doch für sich selbst glänzen, als etwas, das seinen
vollen Wert in sich selbst hat. Die Nützlichkeit oder Fruchtlosigkeit kann
diesem Werte weder etwas zusetzen, noch abnehmen. Sie würde gleichsam nur
die Einfassung sein, um ihn im gemeinen Verkehr besser handhaben zu können,
oder die Aufmerksamkeit derer, die noch nicht genug Kenner sind, auf sich zu
ziehen, nicht aber, um ihn Kennern zu empfehlen, und seinen Wert zu bestimmen.
Es liegt gleichwohl in dieser Idee von dem absoluten Werte des bloßen
Willens, ohne einigen Nutzen bei Schätzung desselben in Anschlag zu bringen,
etwas so Befremdliches, daß unerachtet aller Einstimmung selbst der gemeinen
Vernunft mit derselben dennoch ein Verdacht entspringen muß, daß
vielleicht bloß hochfliegende Phantasterei insgeheim zum Grunde liege,
und die Natur in ihrer Absicht, warum sie unserm Willen Vernunft zur Regiererin
beigelegt habe, falsch verstanden sein möge. Daher wollen wir diese Idee
aus diesem Gesichtspunkte auf die Prüfung stellen.
In den Naturanlagen eines organisierten, d. i. zweckmäßig zum Leben
eingerichteten Wesens nehmen wir es als Grundsatz an, daß kein Werkzeug
zu irgend einem Zwecke in demselben angetroffen werde, als was auch zu demselben
das schicklichste und ihm am meisten angemessen ist. Wäre nun an einem
Wesen, das Vernunft und einen Willen hat, seine Erhaltung,
sein Wohlergehen, mit
einem Worte seine Glückseligkeit, der
eigentliche Zweck der Natur, so hätte sie ihre Veranstaltung dazu sehr
schlecht getroffen, sich die Vernunft des Geschöpfs zur Ausrichterin dieser
ihrer Absicht zu ersehen. Denn alle Handlungen, die es in dieser Absicht auszuüben
hat, und die ganze Regel seines Verhaltens würden ihm weit genauer durch
Instinkt vorgezeichnet und jener Zweck weit sicherer dadurch haben erhalten
werden können, als es jemals durch Vernunft geschehen kann, und sollte
diese ja obenein dem begünstigten Geschöpf erteilt worden sein, so
würde sie ihm nur dazu haben dienen müssen, um über die glückliche
Anlage seiner Natur Betrachtungen anzustellen, sie zu bewundern, sich ihrer
zu erfreuen und der wohltätigen Ursache dafür dankbar zu sein;nicht
aber, um sein Begehrungsvermögen jener schwachen und trüglichen Leitung
zu unterwerfen und in der Naturabsicht zu pfuschen; mit einem Worte, sie
würde verhütet haben, daß Vernunft nicht in praktischen
Gebrauch ausschlüge und die Vermessenheit hätte,
mit ihren schwachen Einsichten ihr selbst den Entwurf der Glückseligkeit
und der Mittel, dazu zu gelangen, auszudenken; die Natur würde nicht allein
die Wahl der Zwecke, sondern auch der Mittel selbst übernommen und beide
mit weiser Vorsorge lediglich dem Instinkte anvertraut haben.
In der Tat finden wir auch, daß, je mehr eine kultivierte Vernunft sich
mit der Absicht auf den Genuß des Lebens und der Glückseligkeit abgibt,
desto weiter der Mensch von der wahren Zufriedenheit abkomme, woraus bei vielen,
und zwar den Versuchtesten im Gebrauche derselben, wenn sie nur aufrichtig genug
sind, es zu gestehen, ein gewisser Grad von
Misologie,
d.i. Haß der Vernunft entspringt, weil sie nach dem Überschlage alles
Vorteils, den sie, ich will nicht sagen von der Erfindung aller Künste
des gemeinen Luxus, sondern so gar von den Wissenschaften (die
ihnen am Ende auch ein Luxus des Verstandes zu sein scheinen) ziehen,
dennoch finden, daß sie sich in der Tat nur mehr Mühseligkeit auf
den Hals gezogen, als an Glückseligkeit gewonnen haben, und darüber
endlich den gemeinern Schlag der Menschen, welcher der Leitung des bloßen
Naturinstinkts näher ist, und der seiner Vernunft nicht viel Einfluß
auf sein Tun und Lassen verstattet, eher beneiden, als geringschätzen.
Und so weit muß man gestehen, daß das Urteil derer, die die ruhmredige
Hochpreisungen der Vorteile, die uns die Vernunft in Ansehung der Glückseligkeit
und Zufriedenheit des Lebens verschaffen sollte, sehr mäßigen und
sogar unter Null herabsetzen, keinesweges grämisch, oder gegen die Güte
der Weltregierung undankbar sei, sondern daß diesen Urteilen ingeheim
die Idee von einer andern und viel würdigern Absicht ihrer Existenz zum
Grunde liege, zu welcher, und nicht der Glückseligkeit, dieVernunft ganz
eigentlich bestimmt sei, und welcher darum, als oberster Bedingung, die Privatabsicht
des Menschen größtenteils nachstehen muß.
Denn da die Vernunft dazu nicht tauglich genug ist, um den Willen
in Ansehung der Gegenstände desselben und der Befriedigung aller unserer
Bedürfnisse (die sie zum Teil selbst vervielfältigt)
sicher zu leiten, als zu welchem Zwecke ein eingepflanzter Naturinstinkt viel
gewisser geführt haben würde, gleichwohl aber uns Vernunft als praktisches
Vermögen, d.i. als ein solches, das Einfluß auf den Willen
haben soll, dennoch zugeteilt ist: so muß die wahre Bestimmung
derselben sein, einen, nicht etwa in anderer Absicht als
Mittel, sondern an
sich selbst guten Willen hervorzubringen,
wozu schlechterdings Vernunft nötig war, wo anders die Natur überall
in Austeilung ihrer Anlagen zweckmäßig zu Werke gegangen ist. Dieser
Wille darf also zwar nicht das einzige und das ganze, aber er muß doch
das höchste Gut, und zu allem übrigen,
selbst allem Verlangen nach Glückseligkeit, die Bedingung sein, in welchem
Falle es sich mit der Weisheit der Natur gar wohl vereinigen läßt,
wenn man wahrnimmt, daß die Kultur der Vernunft, die zur erstern und unbedingten
Absicht erforderlich ist, die Erreichung der zweiten, die jederzeit bedingt
ist, nämlich der Glückseligkeit, wenigstens in diesem Leben, auf mancherlei
Weise einschränke, ja sie selbst unter nichts herabbringen könne,
ohne daß die Natur darin unzweckmäßig verfahre, weil die Vernunft,
die ihre höchste praktische Bestimmung in der Gründung eines guten
Willens erkennt, bei Erreichung dieser Absicht nur einer Zufriedenheit nach
ihrer eigenen Art, nämlich aus der Erfüllung eines Zwecks, den wiederum
nur Vernunft bestimmt, fähig ist, sollte dieses auch mit manchem Abbruch,
der den Zwecken der Neigung geschieht, verbunden sein. S.
28-33
Aus: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten Herausgegeben von Theodor Valentiner, Einleitung von Hans Ebeling Reclams
Universalbibliothek Nr. 4507 © 1961, 1984 Philipp Reclam jun., Stuttgart
Begriff
und Wesen der Pflicht
Definiton
Um aber den Begriff
eines an sich selbst hochzuschätzenden und ohne weitere Absicht guten
Willens, so wie er schon dem natürlichen gesunden Verstande beiwohnt
und nicht so wohl gelehrt als vielmehr nur aufgeklärt zu werden bedarf,
diesen Begriff, der in der Schätzung des ganzen
Werts unserer Handlungen immer obenan steht und die Bedingung alles übrigen
ausmacht, zu entwickeln: wollen wir den Begriff der
Pflicht
vor uns nehmen, der den eines guten Willens,
obzwar unter gewissen subjektiven Einschränkungen und Hindernissen, enthält,
die aber doch, weit gefehlt, daß sie ihn verstecken und unkenntlich machen
sollten, ihn vielmehr durch Abstechung heben und desto heller hervorscheinen
lassen.
Ich übergehe hier alle Handlungen, die schon als pflichtwidrig erkannt
werden, ob sie gleich in dieser oder jener Absicht nützlich sein mögen;
denn bei denen ist gar nicht einmal die Frage, ob sie aus
Pflicht geschehen sein mögen, da
sie dieser sogar widerstreiten. Ich setze auch die Handlungen bei Seite, die
wirklich pflichtmäßig sind, zu denen aber Menschen unmittelbar keine
Neigung haben,
sie aber dennoch ausüben, weil sie durch eine andere Neigung dazu getrieben
werden. Denn da läßt sich leicht unterscheiden, ob die pflichtmäßige
Handlung aus Pflicht
oder aus selbstsüchtiger Absicht geschehen sei. Weit schwerer
ist dieser Unterschied zu bemerken, wo die Handlung pflichtmäßig
ist und das Subjekt noch überdem unmittelbare
Neigung zu ihr hat. Z.B. es ist
allerdings pflichtmäßig, daß der Krämer seinen unerfahrenen
Käufer nicht überteure, und, wo viel Verkehr ist, tut dieses auch
der kluge Kaufmann nicht, sondern hält einen festgesetzten allgemeinen
Preis für jedermann, so daß ein Kind eben so gut bei ihm kauft, als
jeder anderer. Man wird also ehrlich bedient; allein das ist lange nicht genug,
um deswegen zu glauben, der Kaufmann habe aus Pflicht und Grundsätzen der
Ehrlichkeit so verfahren; sein Vorteil erforderte es; daß er aber überdem
noch eine unmittelbare Neigung zu den Käufern haben sollte, um gleichsam
aus Liebe keinem vor dem andern im Preise den Vorzug zu geben, läßt
sich hier nicht annehmen. Also war die Handlung weder aus Pflicht, noch aus
unmittelbarer Neigung, sondern bloß in eigennütziger Absicht geschehen.Lebenserhaltung
ist Pflicht
Dagegen, sein Leben zu erhalten, ist Pflicht, und
überdem hat jedermann dazu noch eine unmittelbare Neigung. Aber um deswillen
hat die oft ängstliche Sorgfalt, die der größte Teil der Menschen
dafür trägt, doch keinen innern Wert, und die Maxime derselben keinen
moralischen Gehalt. Sie bewahren ihr Leben zwar pflichtmäßig,
aber nicht aus Pflicht.
Dagegen, wenn Widerwärtigkeiten und hoffnungsloser
Gram den Geschmack am Leben gänzlich weggenommen haben; wenn der Unglückliche,
stark an Seele, über sein Schicksal mehr entrüstet, als kleinmütig
oder niedergeschlagen, den Tod wünscht, und sein Leben doch erhält,
ohne es zu lieben, nicht aus Neigung, oder Furcht, sondern aus Pflicht: alsdann
hat seine Maxime einen moralischen Gehalt.Wohltätigkeit
ist Pflicht
Wohltätig sein, wo man kann, ist Pflicht, und überdem gibt es manche
so teilnehmend gestimmte Seelen, daß sie, auch ohne einen andern Bewegungsgrund
der Eitelkeit, oder des Eigennutzes, ein inneres Vergnügen daran finden,
Freude um sich zu verbreiten, und die sich an der Zufriedenheit anderer, so
fern sie ihr Werk ist, ergötzen können. Aber ich behaupte, daß
in solchem Falle dergleichen Handlung, so pflichtmäßig, so liebenswürdig
sie auch ist, dennoch keinen wahren sittlichen Wert habe, sondern mit andern
Neigungen zu gleichen Paaren gehe, z. E. der Neigung nach Ehre,die, wenn sie
glücklicherweise auf das trifft, was in der Tat gemeinnützig und pflichtmäßig,
mithin ehrenwert ist, Lob und Aufmunterung, aber nicht Hochschätzung verdient;
denn der Maxime fehlt der sittliche Gehalt, nämlich solche Handlungen nicht
aus Neigung, sondern aus Pflicht
zu tun. Gesetzt also, das Gemüt jenes Menschenfreundes wäre vom eigenen
Gram umwölkt, der alle Teilnehmung an anderer Schicksal auslöscht,
er hätte immer noch Vermögen, andern Notleidenden wohlzutun, aber
fremde Not rührte ihn nicht, weil er mit seiner eigenen genug beschäftigt
ist, und nun, da keine Neigung ihn mehr dazu anreizt, risse er sich doch aus
dieser tödlichen Unempfindlichkeit heraus, und täte die Handlung ohne
alle Neigung, lediglich aus Pflicht, alsdann hat sie allererst ihren echten
moralischen Wert. Noch mehr: wenn die Natur diesem oder jenem überhaupt
wenig Sympathie ins Herz gelegt hätte, wenn er (übrigens
ein ehrlicher Mann) von Temperament kalt und gleichgültig gegen
die Leiden anderer wäre, vielleicht, weil er, selbst gegen seine eigene
mit der besondern Gabe der Geduld und aushaltenden Stärke versehen, dergleichen
bei jedem andern auch voraussetzt, oder gar fordert; wenn die Natur einen solchen
Mann (welcher wahrlich nicht ihr schlechtestes Produkt
sein würde) nicht eigentlich zum Menschenfreunde gebildet hätte,
würde er denn nicht noch in sich einen Quell finden, sich selbst einen
weit höhern Wert zu geben, als der eines gutartigen Temperaments sein mag?
Allerdings! gerade da hebt der Wert des Charakters an, der moralisch und ohne
alle Vergleichung der höchste ist, nämlich daß er wohltue, nicht
aus Neigung, sondern aus Pflicht.Sicherung
der eigenen Glückseligkeit ist Pflicht
Seine eigene Glückseligkeit sichern, ist Pflicht
(wenigstens indirekt), denn der Mangel der
Zufriedenheit mit seinem Zustande, in einem Gedränge von vielen Sorgen
und mitten unter unbefriedigten Bedürfnissen, könnte leicht eine große
Versuchung zu Übertretung der Pflichten werden.
Aber, auch ohne hier auf Pflicht zu sehen, haben alle Menschen schon von selbst
die mächtigste und innigste Neigung zur Glückseligkeit, weil sich
gerade in dieser Idee alle Neigungen zu einer Summe vereinigen. Nur ist die
Vorschrift der Glückseligkeit mehrenteils so beschaffen, daß sie
einigen Neigungen großen Abbruch tut und doch der Mensch sich von der
Summe der Befriedigung aller unter dem Namen der Glückseligkeit keinen
bestimmten und sichern Begriff machen kann; daher nicht zu verwundern ist, wie
eine einzige, in Ansehung dessen, was sie verheißt, und der Zeit, worin
ihre Befriedigung erhalten werden kann, bestimmte Neigung eine schwankende Idee
überwiegen könne, und der Mensch, z.B. ein Podagrist
[einer, der an Fußgicht leidet] wählen könne,
zu genießen was ihm schmeckt, und zu leiden, was er kann, weil er, nach
seinem Überschlage, hier wenigstens, sich nicht durch vielleicht grundlose
Erwartungen eines Glücks, das in der Gesundheit stecken soll, um den Genuß
des gegenwärtigen Augenblicks gebracht hat. Aber auch in diesem Falle,
wenn die allgemeine Neigung zur Glückseligkeit seinen Willen nicht bestimmte,
wenn Gesundheit für ihn wenigstens nicht so notwendig in diesen Überschlag
gehörete, so bleibt noch hier, wie in allen andern Fällen, ein Gesetz
übrig, nämlich seine Glückseligkeit zu befördern, nicht
aus Neigung, sondern aus Pflicht, und da hat sein Verhalten allererst den eigentlichen
moralischen Wert.Liebe
kann nicht befohlen werden, aber Wohltun aus Pflicht
So sind ohne Zweifel auch die Schriftstellen zu verstehen, darin geboten wird,
seinen Nächsten, selbst unsern Feind, zu lieben.
Denn Liebe als Neigung kann nicht geboten werden,
aber Wohltun aus Pflicht, selbst, wenn dazu gleich gar keine
Neigung treibt, ja gar natürliche und unbezwingliche Abneigung widersteht,
ist praktische
und nicht pathologische
Liebe, die im Willen liegt und nicht im Hange der Empfindung, in Grundsätzen
der Handlung und nicht schmelzender Teilnehmung; jene aber allein kann geboten
werden.Der
moralische Wert einer Handlung
Der zweite Satz ist: eine Handlung aus Pflicht hat ihren
moralischen Wert nicht in der Absicht,
welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der Maxime,
nach der sie beschlossen wird, hängt also nicht von der Wirklichkeit
des Gegenstandes der Handlung ab, sondern bloß von dem Prinzip
des Wollens,
nach welchem die Handlung, unangesehen aller Gegenstände des Begehrungsvermögens,
geschehen ist. Daß die Absichten, die wir bei Handlungen haben mögen,
und ihre Wirkungen, als Zwecke und Triebfedern des Willens, den Handlungen keinen
unbedingten und moralischen Wert erteilen können, ist aus dem Vorigen klar.
Worin kann also dieser Wert liegen, wenn er nicht im Willen, in Beziehung auf
deren verhoffte Wirkung, bestehen soll? Er kann nirgend anders liegen,
als im Prinzip des Willens, unangesehen der Zwecke,
die durch solche Handlung bewirkt werden können; denn der Wille ist mitten
inne zwischen seinem Prinzip a priori, welches formell ist, und zwischen seiner
Triebfeder a posteriori, welche materiell ist, gleichsam auf einem Scheidewege,
und, da er doch irgend wodurch muß bestimmt werden, so wird er durch das
formelle Prinzip des Wollens überhaupt bestimmt werden müssen, wenn
eine Handlung aus Pflicht geschieht, daihm alles materielle Prinzip entzogen
worden.
Den dritten Satz, als Folgerung aus beiden vorigen, würde ich so ausdrücken:
Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung
aus Achtung fürs Gesetz. Zum Objekte als Wirkung meiner
vorhabenden Handlung kann ich zwar Neigung
haben, aber niemals Achtung, eben
darum, weil sie bloß eine Wirkung und nicht Tätigkeit eines Willens
ist. Eben so kann ich für Neigung überhaupt, sie mag nun meine oder
eines andern seine sein, nicht Achtung haben, ich kann sie höchstens im
ersten Falle billigen, im zweiten bisweilen selbst lieben, d.i. sie als meinem
eigenen Vorteile günstig ansehen. Nur das, was bloß als Grund, niemals
aber als Wirkung mit meinem Willen verknüpft ist, was nicht meiner Neigung
dient, sondern sie überwiegt, wenigstens diese von deren Überschlage
bei der Wahl ganz ausschließt, mithin das bloße Gesetz für
sich, kann ein Gegenstand der Achtung und hiemit ein Gebot sein. Nun soll eine
Handlung aus Pflicht den Einfluß der Neigung, und mit ihr jeden Gegenstand
des Willens ganz absondern, also bleibt nichts für den Willen übrig,
was ihn bestimmen könne, als, objektiv, das Gesetz,
und, subjektiv, reine Achtung
für dieses praktische Gesetz, mithin die
Maxime*, einem solchen Gesetze, selbst mit Abbruch
aller meiner Neigungen, Folge zu leisten.
*Maxime ist
das subjektive Prinzip des Wollens; das objektive Prinzip
(d.i. dasjenige, was allen vernünftigen Wesen auch subjektiv zum praktischen
Prinzip dienen würde, wenn Vernunft volle Gewalt über das Begehrungsvermögen
hätte) ist das praktische Gesetz.Es liegt also der moralische Wert der Handlung nicht in der Wirkung,
die daraus erwartet wird, also auch nicht in irgend einem Prinzip der Handlung,
welches seinen Bewegungsgrund von dieser erwarteten Wirkung zu entlehnen bedarf.
Denn alle diese Beförderung fremder Glückseligkeit) konnten auch durch
andere Ursachen zu Stande gebracht werden, und es brauchte also dazu nicht des
Willens eines vernünftigen Wesens; worin gleichwohl das höchste und
unbedingte Gute allein angetroffen werden kann. Es kann daher nichts anders
als die Vorstellung des Gesetzes
an sich selbst, die freilich nur
im vernünftigen Wesen stattfindet, so fern sie, nicht
aber die verhoffte Wirkung, der Bestimmungsgrund des Willens ist, das so vorzügliche
Gute, welches wir sittlich nennen, ausmachen, welches in der Person selbst schon
gegenwärtig ist, die darnach handelt, nicht aber allererst aus der Wirkung
erwartet werden darf.*
*Man könnte mir vorwerfen, als
suchte ich hinter dem Worte Achtung nur
Zuflucht in einem dunkelen Gefühle, anstatt durch einen Begriff der Vernunft
in der Frage deutliche Auskunft zu geben. Allein wenn Achtung gleich ein Gefühl
ist, so ist es doch kein durch Einfluß empfangenes,
sondern durch einen Vernunftbegriff selbstgewirktes
Gefühl und daher von allen Gefühlen der ersteren Art, die sich auf
Neigung oder Furcht bringen lassen, spezifisch unterschieden. Was ich unmittelbar
als Gesetz für mich erkenne, erkenne ich mit Achtung, welche bloß
das Bewußtsein der Unterordnung meines Willens
unter einem Gesetze, ohne Vermittelung anderer Einflüsse auf meinen Sinn,
bedeutet. Die unmittelbare Bestimmung des Willens durchs Gesetz und das Bewußtsein
derselben heißt Achtung, so daß diese als Wirkung
des Gesetzes aufs Subjekt und nicht als Ursache desselben
angesehen wird. Eigentlich ist Achtung die Vorstellung von einem Werte, der
meiner Selbstliebe Abbruch tut. Also ist es etwas, was weder als Gegenstand
der Neigung, noch der Furcht, betrachtet wird, obgleich es mit beiden zugleich
etwas Analogisches hat. Der Gegenstand der Achtung
ist also lediglich das Gesetz, und zwar dasjenige,
das wir uns selbst und doch als an sich notwendig auferlegen. Als Gesetz sind
wir ihm unterworfen, ohne die Selbstliebe zu befragen; als uns von uns selbst
auferlegt ist es doch eine Folge unsers Willens, und hat in der ersten Rücksicht
Analogie mit Furcht, in der zweiten mit Neigung. Alle Achtung für eine
Person ist eigentlich nur Achtung fürs Gesetz (der
Rechtschaffenheit etc.), wovon jene uns das Beispiel gibt. Weil wir Erweiterung
unserer Talente auch als Pflicht ansehen, so stellen wir uns an einer Person
von Talenten auch gleichsam das Beispiel eines Gesetzes
vor (ihr durch Übung hierin ähnlich zu werden) und das macht unsere
Achtung aus. Alles moralische so genannte Interesse
besteht lediglich in der Achtung fürs
Gesetz.
Was kann das aber wohl für ein Gesetz sein, dessen Vorstellung, auch ohne
auf die daraus erwartete Wirkung Rücksicht zu nehmen, den Willen bestimmen
muß, damit dieser schlechterdings und ohne Einschränkung gut heißen
könne? Da ich den Willen aller Antriebe beraubet habe, die ihm aus der
Befolgung irgend eines Gesetzes entspringen könnten, so bleibt nichts als
die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Handlungen überhaupt übrig,
welche allein dem Willen zum Prinzip dienen soll, d.i. ich soll niemals anders
verfahren, als so, daß ich auch wollen
könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.
Hier ist nun die bloße Gesetzmäßigkeit überhaupt (ohne
irgend ein auf gewisse Handlungen bestimmtes Gesetz zum Grunde zu legen) das,
was dem Willen zum Prinzip dient, und ihm auch dazu dienen muß, wenn Pflicht
nicht überall ein leerer Wahn und chimärischer Begriff sein soll;
hiemit stimmt die gemeine Menschenvernunft in ihrer praktischen Beurteilung
auch vollkommen überein, und hat das gedachte Prinzip jederzeit vor Augen.
[...]Was ich also zu tun habe, damit mein Wollen sittlich gut sei,
darzu brauche ich gar keine weit ausholende Scharfsinnigkeit. Unerfahren in
Ansehung des Weltlaufs, unfähig, auf alle sich ereignenden Vorfälle
desselben gefaßt zu sein, frage ich mich nur: Kannst du auch wollen, daß
deine Maxime ein allgemeines Gesetz werde? wo nicht, so ist sie verwerflich,
und das zwar nicht um eines dir, oder auch anderen, daraus bevorstehenden Nachteils
willen, sondern weil sie nicht als Prinzip in eine mögliche allgemeine
Gesetzgebung passen kann, für diese aber zwingt mir die Vernunft unmittelbare
Achtung ab, von der ich zwar jetzt noch nicht einsehe,
worauf sie sich gründe (welches der Philosoph untersuchen
mag), wenigstens aber doch so viel verstehe: daß es eine Schätzung
des Wertes sei, welcher allen Wert dessen, was durch Neigung angepriesen wird,
weit überwiegt, und daß die Notwendigkeit meiner Handlungen aus reiner
Achtung fürs praktische Gesetz dasjenige sei, was
die Pflicht ausmacht, der jeder andere Bewegungsgrund weichen muß, weil
sie die Bedingung eines an sich guten
Willens ist, dessen Wert über alles geht. S.33-43
[...]
Aus: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten Herausgegeben von
Theodor Valentiner, Einleitung von Hans Ebeling Reclams Universalbibliothek
Nr. 4507 © 1961, 1984 Philipp Reclam jun., Stuttgart
Der
Wille ist praktische Vernunft
Ein jedes Ding der Natur wirkt nach Gesetzen. Nur ein vernünftiges Wesen
hat das Vermögen, nach der Vorstellung
der Gesetze, d.i. nach Prinzipien, zu handeln, oder einen Willen.
Da zur Ableitung der Handlungen von Gesetzen
Vernunft erfordert wird, so ist der
Wille nichts anders, als praktische Vernunft.
Wenn die Vernunft den Willen unausbleiblich bestimmt, so sind die Handlungen
eines solchen Wesens, die als objektiv notwendig erkannt werden, auch subjektiv
notwendig, d.i. der Wille ist ein Vermögen, nur
dasjenige zu wählen, was die Vernunft, unabhängig
von der Neigung, als praktisch notwendig, d.i. als gut erkennt. Bestimmt aber
die Vernunft für sich allein den Willen nicht hinlänglich, ist dieser
noch subjektiven Bedingungen (gewissen Triebfedern) unterworfen,
die nicht immer mit den objektiven übereinstimmen; mit einem Worte, ist
der Wille nicht an sich völlig der Vernunft gemäß (wie
es bei Menschen wirklich ist): so sind die Handlungen, die objektiv als
notwendig erkannt werden, subjektiv zufällig, und die Bestimmung eines
solchen Willens, objektiven Gesetzen gemäß, ist Nötigung;
d.i. das Verhältnis der objektiven Gesetze zu einem
nicht durchaus guten Willen wird vorgestellt als die Bestimmung des Willens
eines vernünftigen Wesens zwar durch Gründe der Vernunft, denen aber
dieser Wille seiner Natur nach nicht notwendig folgsam ist. S.
56
Aus: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten Herausgegeben von Theodor Valentiner, Einleitung von Hans Ebeling Reclams
Universalbibliothek Nr. 4507 © 1961, 1984 Philipp Reclam jun., Stuttgart
Begriff
und Bedeutung von Imperativen
Die
Formel des Gebots der Vernunft heißt Imperativ
Die Vorstellung eines objektiven Prinzips, sofern es für einen Willen nötigend
ist, heißt ein Gebot (der Vernunft) und die
Formel des Gebots heißt IMPERATIV.Imperative
drücken ein Sollen aus
Alle Imperative
werden durch ein Sollen
ausgedrückt, und zeigen dadurch das Verhältnis eines objektiven Gesetzes
der Vernunft zu einem Willen an, der seiner subjektiven Beschaffenheit nach
dadurch nicht notwendig bestimmt wird (eine Nötigung).
Sie sagen, daß etwas zu tun oder zu unterlassen gut sein würde, allein
sie sagen es einem Willen, der nicht immer darum etwas tut, weil ihm vorgestellt
wird, daß es zu tun gut sei. Praktisch
gut ist aber, was vermittelst der Vorstellungen der
Vernunft, mithin nicht aus subjektiven Ursachen, sondern objektiv, d.i. aus
Gründen, die für jedes vernünftige Wesen, als ein solches, gültig
sind, den Willen bestimmt. Es wird vom Angenehmen
unterschieden, als demjenigen, was nur vermittelst der
Empfindung aus bloß subjektiven Ursachen, die nur für dieses oder
jenes seinen Sinn gelten, und nicht als Prinzip der Vernunft, das für jedermann
gilt, auf den Willen Einfluß hat.*
*Die Abhängigkeit des Begehrungsvermögens
von Empfindungen heißt Neigung, und diese beweiset also jederzeit ein
Bedürfnis. Die Abhängigkeit eines zufällig
bestimmbaren Willens aber von Prinzipien der Vernunft heißt ein
Interesse. Dieses findet also nur bei einem abhängigen Willen
statt, der nicht von selbst jederzeit der Vernunft gemäß ist; beim
göttlichen Willen kann man sich kein Interesse gedenken. Aber auch der
menschliche Wille kann woran ein Interesse nehmen,
ohne darum aus Interesse zu handeln. Das erste bedeutet
das praktische Interesse an der Handlung, das zweite
das pathologische Interesse am Gegenstande der Handlung.
Das erste zeigt nur Abhängigkeit des Willens von Prinzipien der Vernunft
an sich selbst, das zweite von den Prinzipien derselben zum Behuf der Neigung
an, da nämlich die Vernunft nur die praktische Regel angibt, wie dem Bedürfnisse
der Neigung abgeholfen werde. Im ersten Falle interessiert mich die Handlung,
im zweiten der Gegenstand der Handlung (so fern er mir
angenehm ist). Wir haben im ersten Abschnitte gesehen: daß bei
einer Handlung aus Pflicht nicht auf das Interesse am Gegenstande, sondern bloß
an der Handlung selbst und ihrem Prinzip in der Vernunft (dem
Gesetz) gesehen werden müsse.
Für
den göttlichen oder heiligen Willen gelten keine Imperative
Ein vollkommen guter Wille würde also eben sowohl unter objektiven Gesetzen
(des Guten) stehen, aber nicht dadurch als zu gesetzmäßigen
Handlungen genötigt vorgestellt
werden können, weil er von selbst, nach seiner subjektiven Beschaffenheit,
nur durch die Vorstellung des Guten bestimmt werden kann. Daher gelten für
den göttlichen und
überhaupt für einen heiligen Willen
keine Imperativen; das Sollen ist
hier am unrechten Orte, weil das Wollen schon von selbst mit dem Gesetz notwendig
einstimmig ist. Daher sind Imperativen nur Formeln, das Verhältnis objektiver
Gesetze des Wollens überhaupt zu der subjektiven Unvollkommenheit des Willens
dieses oder jenes vernünftigen Wesens, z.B. des menschlichen Willens, auszudrücken.Imperative
gebieten entweder hypothetisch oder kategorisch
Alle Imperative
nun gebieten entweder hypothetisch,
oder kategorisch. Jene
stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel,
zu etwas anderem, was man will (oder doch möglich ist, daß man es
wolle), zu gelangen, vor. Der kategorische Imperativ würde
der sein, welcher eine Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf
einen andern Zweck, als objektiv-notwendig vorstellte.
Weil jedes praktische Gesetz eine mögliche Handlung als gut und darum,
für ein durch Vernunft praktisch bestimmbares Subjekt, als notwendig vorstellt,
so sind alle Imperativen Formeln der Bestimmung der Handlung, die nach dem Prinzip
eines in irgend einer Art guten Willens notwendig ist. Wenn nun die Handlung
bloß wozu anderes,
als Mittel, gut sein würde, so ist der Imperativ hypothetisch;
wird sie als an sich gut
vorgestellt, mithin als notwendig in einem an sich der Vernunft gemäßen
Willen, als Prinzip desselben, so ist er kategorisch.
Der Imperativ sagt also, welche durch mich mögliche Handlung gut wäre,
und stellt die praktische Regel in Verhältnis auf einen Willen vor, der
darum nicht sofort eine Handlung tut, weil sie gut ist, teils weil das Subjekt
nicht immer weiß, daß sie gut sei, teils weil, wenn es dieses auch
wüßte, die Maximen desselben doch den objektiven Prinzipien einer
praktischen Vernunft zuwider sein könnten.
Der hypothetische Imperativ
sagt also nur, daß die Handlung zu irgend einer möglichen
oder wirklichen
Absicht gut sei. Im erstern Falle ist er ein PROBLEMATISCH-,
im zweiten ASSERTORISCH-praktisches
Prinzip. Der kategorische
Imperativ, der die Handlung ohne Beziehung auf irgend eine Absicht,
d.i. auch ohne irgend einen andern Zweck für sich als objektiv notwendig
erklärt, gilt als ein APODIKTISCH-praktisches
Prinzip.Imperative
der Geschicklichkeit
Man kann sich das, was nur durch Kräfte irgend eines vernünftigen
Wesens möglich ist, auch für irgend einen Willen als mögliche
Absicht denken, und daher sind der Prinzipien der Handlung, so fern diese als
notwendig vorgestellt wird, um irgend eine dadurch zu bewirkende mögliche
Absicht zu erreichen, in der Tat unendlich viel. Alle Wissenschaften haben irgend
einen praktischen Teil, der aus Aufgaben besteht, daß irgend ein Zweck
für uns möglich sei, und aus Imperativen, wie er erreicht werden könne.
Diese können daher überhaupt Imperative der
Geschicklichkeit heißen. Ob der Zweck vernünftig und gut sei,
davon ist hier gar nicht die Frage, sondern nur, was man tun müsse, um
ihn zu erreichen. Die Vorschriften für den Arzt, um seinen Mann auf gründliche
Art gesund zu machen, und für einen Giftmischer, um ihn sicher zu töten,
sind in so fern von gleichem Wert, als eine jede dazu dient, ihre Absicht vollkommen
zu bewirken. Weil man in der frühen Jugend nicht weiß, welche Zwecke
uns im Leben aufstoßen dürften, so suchen Eltern vornehmlich ihre
Kinderrecht vielerlei lernen
zu lassen, und sorgen für die Geschicklichkeit
im Gebrauch der Mittel zu allerlei beliebigen
Zwecken, von deren keinem sie bestimmen können, ob er nicht etwa
wirklich künftig eine Absicht ihres Zöglings werden könne, wovon
es indessen doch möglich
ist, daß er sie einmal haben möchte, und diese Sorgfalt
ist so groß, daß sie darüber gemeiniglich verabsäumen,
ihnen das Urteil über den Wert der Dinge, die sie sich etwa zu Zwecken
machen möchten, zu bilden und zu berichtigen.
Es ist gleichwohl ein
Zweck, den man bei allen vernünftigen Wesen (so
fern Imperative auf sie, nämlich als abhängige Wesen, passen) als
wirklich voraussetzen kann, und also eine Absicht, die sie nicht etwa bloß
haben können,
sondern von der man sicher voraussetzen kann, daß sie solche insgesamt
nach einer Naturnotwendigkeit haben, und das ist die Absicht auf Glückseligkeit.
Der hypothetische Imperativ, der die praktische Notwendigkeit der Handlung,
als Mittel zur Beförderung der Glückseligkeit, vorstellt, ist assertorisch.
Man darf ihn nicht bloß als notwendig, zu einer Ungewissen, bloß
möglichen Absicht, vortragen, sondern zu einer Absicht, die man sicher
und a priori bei jedem Menschen voraussetzen kann, weil sie zu seinem Wesen
gehört. Nun kann man die Geschicklichkeit in der Wahl der Mittel zu seinem
eigenen größten Wohlsein Klugheit*
im engsten Verstande nennen. Also ist der Imperativ, der sich auf die Wahl der
Mittel zur eigenen Glückseligkeit bezieht, d.i. die Vorschrift der Klugheit,
noch immer hypothetisch;
die Handlung wird nicht schlechthin, sondern nur als Mittel
zu einer andern Absicht geboten.
*Das Wort Klugheit wird in zwiefachem
Sinn genommen, einmal kann es den Namen Weltklugheit, im zweiten den der Privatklugheit
führen. Die erste ist die Geschicklichkeit eines Menschen, auf andere Einfluß
zu haben, um sie zu seinen Absichten zu gebrauchen. Die zweite die Einsicht,
alle diese Absichten zu seinem eigenen daurenden Vorteil zu vereinigen. Die
letztere ist eigentlich diejenige, worauf selbst der Wert der erstern zurückgeführt
wird, und wer in der erstern Art klug ist, nicht aber in der zweiten, von dem
könnte man besser sagen: er ist gescheut und verschlagen, im ganzen aber
doch unklug.
Der kategorische
Imperativ ist der Imperativ der Sittlichkeit
Endlich gibt es einen Imperativ, der, ohne irgend eine andere durch ein gewisses
Verhalten zu erreichende Absicht als Bedingung zum Grunde zu legen, dieses Verhalten
unmittelbar gebietet. Dieser Imperativ ist kategorisch.
Er betrifft nicht die Materie der Handlung und das, was aus ihr erfolgen soll,
sondern die Form und das Prinzip, woraus sie selbst folgt, und das Wesentlich-Gute
derselben besteht in der Gesinnung, der Erfolg mag sein, welcher er wolle. Dieser
Imperativ mag der der Sittlichkeit heißen.
Das Wollen nach diesen dreierlei Prinzipien
wird auch durch die Ungleichheit der Nötigung
des Willens deutlich unterschieden. Um diese nun auch merklich zu machen, glaube
ich, daß man sie in ihrer Ordnung am angemessensten so benennen würde,
wenn man sagte: sie wären entweder Regeln
der Geschicklichkeit, oder Ratschläge
der Klugheit, oder Gebote
(Gesetze)
der Sittlichkeit. Denn nur das Gesetz führt den Begriff
einer unbedingten und
zwar objektiven und mithin allgemein gültigen Notwendigkeit
bei sich, und Gebote sind Gesetze, denen gehorcht, d.i.
auch wider Neigung Folge geleistet werden muß. Die
Ratgebung enthält zwar Notwendigkeit,
die aber bloß unter subjektiver gefälliger Bedingung, ob dieser oder
jener Mensch dieses oder jenes zu seiner Glückseligkeit zähle, gelten
kann; dagegen der kategorische Imperativ durch keine Bedingung eingeschränkt
wird, und als absolut- obgleich praktisch-notwendig ganz eigentlich ein Gebot
heißen kann. Man könnte die ersteren Imperative auch technisch
(zur Kunst gehörig),die zweiten pragmatisch*
(zur Wohlfahrt), die dritten
moralisch (zum freien Verhalten
überhaupt, d.i. zu den Sitten gehörig) nennen.
*Mich deucht, die eigentliche Bedeutung
des Worts pragmatisch könne so am genauesten
bestimmt werden. Denn pragmatisch werden die Sanktionen genannt, welche eigentlich
nicht aus dem Rechte der Staaten, als notwendige Gesetze, sondern aus der
Vorsorge für die allgemeine Wohlfahrt fließen. Pragmatisch
ist eine Geschichte abgefaßt, wenn sie klug
macht, d.i. die Welt belehrt, wie sie ihren Vorteil besser, oder
wenigstens eben so gut, als die Vorwelt, besorgen könne.
Wie sind
alle diese Imperative möglich?
Nun entsteht die Frage: wie sind alle diese Imperative möglich? Diese Frage
verlangt nicht zu wissen, wie die Vollziehung der Handlung, welche der Imperativ
gebietet, sondern wie bloß die Nötigung des Willens, die der Imperativ
in der Aufgabe ausdrückt, gedacht werden könne. Wie ein Imperativ
der Geschicklichkeit möglich sei, bedarf wohl keiner besondern Erörterung.
Wer den Zweck will, will (so fern die Vernunft auf seine
Handlungen entscheidenden Einfluß hat) auch das dazu unentbehrlich
notwendige Mittel, das in seiner Gewalt ist. Dieser Satz ist, was das Wollen
betrifft, analytisch; denn in dem Wollen eines Objekts, als meiner Wirkung,
wird schon meine Kausalität, als handelnder Ursache, d.i. der Gebrauch
der Mittel, gedacht, und der Imperativ zieht den Begriff notwendiger Handlungen
zu diesem Zwecke schon aus dem Begriff eines Wollens dieses Zwecks heraus
(die Mittel selbst zu einer vorgesetzten Absicht zu bestimmen, dazu gehören
allerdings synthetische Sätze, die aber nicht den Grund betreffen, den
Aktus des Willens, sondern das Objekt wirklich zu machen). Daß,
um eine Linie nach einem sichern Prinzip in zwei gleiche Teile zu teilen, ich
aus den Enden derselben zwei Kreuzbogen machen müsse, das lehrt die Mathematik
freilich nur durch synthetische Sätze; aber daß, wenn ich weiß,
durch solche Handlung allein könne die gedachte Wirkung geschehen, ich,
wenn ich die Wirkung vollständig will, auch die Handlung wolle, die dazu
erforderlich ist, ist ein analytischer Satz; denn etwas als eine auf gewisse
Artdurch mich mögliche Wirkung, und mich, in Ansehung ihrer, auf dieselbe
Art handelnd vorstellen, ist ganz einerlei.
Die Imperativen der Klugheit würden, wenn es nur so leicht wäre, einen
bestimmten Begriff von Glückseligkeit zu geben, mit denen der Geschicklichkeit
ganz und gar übereinkommen und eben sowohl analytisch sein. Denn es würde
eben sowohl hier, als dort, heißen: wer den Zweck will, will auch (der
Vernunft gemäß notwendig) die einzigen Mittel, die dazu in
seiner Gewalt sind. Allein es ist ein Unglück, daß der Begriff der
Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, daß, obgleich jeder
Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit
sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle.
Die Ursache davon ist: daß alle Elemente, die zum Begriff der Glückseligkeit
gehören, insgesamt empirisch sind, d.i. aus der Erfahrung müssen entlehnt
werden, daß gleichwohl zur Idee der Glückseligkeit ein absolutes
Ganze, ein Maximum des Wohlbefindens, in meinem gegenwärtigen und jedem
zukünftigen Zustande erforderlich ist.
Nun ist's unmöglich, daß das einsehendste und zugleich allervermögendste,
aber doch endliche Wesen sich einen bestimmten Begriff von dem mache, was er
hier eigentlich wolle. Will er Reichtum, wie viel Sorge, Neid und Nachstellung
könnte er sich dadurch nicht auf den Hals ziehen. Will er viel Erkenntnis
und Einsicht, vielleicht könnte das ein nur um desto schärferes Auge
werden, um die Übel, die sich für ihn jetzt noch verbergen und doch
nicht vermieden werden können, ihm nur um desto schrecklicher zu zeigen,
oder seinen Begierden, die ihm schon genug zu schaffen machen, noch mehr Bedürfnisse
aufzubürden. Will er ein langes Leben, wer steht ihm dafür, daß
es nicht ein langes Elend sein würde? Will er wenigstens Gesundheit, wie
oft hat noch Ungemächlichkeit des Körpers von Ausschweifung abgehalten,
darein unbeschränkte Gesundheit würde haben fallen lassen, u.s.w.
Kurz, er ist nicht vermögend, nach irgend einem Grundsatze, mit völliger
Gewißheit zu bestimmen, was ihn wahrhaftig glücklich machen werde,
darum, weil hiezu Allwissenheit erforderlich sein würde. Man kann also
nicht nach bestimmten Prinzipien handeln, um glücklich zu sein, sondern
nur nach empirischen Ratschlägen, z.B. der Diät, der Sparsamkeit,
der Höflichkeit, der Zurückhaltung u.s.w., von welchen die Erfahrung
lehrt, daß sie das Wohlbefinden im Durchschnitt am meisten befördern.
Hieraus folgt, daß die Imperativen der Klugheit, genau zu reden, gar nicht
gebieten, d.i. Handlungen objektiv als praktisch-notwendig darstellen können,
daß sie eher für Anratungen (consilia)
als Gebote (praecepta) der Vernunft zu
halten sind, daß die Aufgabe: sicher und allgemein zu bestimmen, welche
Handlung die Glückseligkeit eines vernünftigen Wesens befördern
werde, völlig unauflöslich, mithin kein Imperativ in Ansehung derselben
möglich sei, der im strengen Verstande geböte, das zu tun, was glücklich
macht, weil Glückseligkeit nicht ein Ideal der Vernunft, sondern der Einbildungskraft
ist, was bloß auf empirischen Gründen beruht, von denen man vergeblich
erwartet, daß sie eine Handlung bestimmen sollten, dadurch dieTotalität
einer in der Tat unendlichen Reihe von Folgen erreicht würde.
Dieser Imperativ der Klugheit würde indessen, wenn man annimmt, die Mittel
zur Glückseligkeit ließen sich sicher angeben, ein analytisch-praktischer
Satz sein; denn er ist von dem Imperativ der Geschicklichkeit nur darin unterschieden,
daß bei diesem der Zweck bloß möglich, bei jenem aber gegeben
ist; da beide aber bloß die Mittel zu demjenigen gebieten, von dem man
voraussetzt, daß man es als Zweck wollte: so ist der Imperativ, der das
Wollen der Mittel für den, der den Zweck will, gebietet, in beiden Fällen
analytisch. Es ist also in Ansehung der Möglichkeit eines solchen Imperativs
auchkeine Schwierigkeit.
Dagegen, wie der Imperativ der Sittlichkeit
möglich sei, ist ohne Zweifel die einzige einer Auflösung
bedürftige Frage, da er gar nicht hypothetisch ist und also die objektiv
vorgestellte Notwendigkeit sich auf keine Voraussetzung stützen kann, wie
bei den hypothetischen Imperativen. Nur ist immer hiebei nicht aus der Acht
zu lassen, daß es durch
kein Beispiel, mithin
empirisch auszumachen sei, ob es überall irgend einen dergleichen Imperativ
gebe, sondern zu besorgen, daß alle, die kategorisch scheinen, doch versteckter
Weise hypothetisch sein mögen. Z.B. wenn es heißt: du sollst nichts
betrüglich versprechen; und man nimmt an, daß die Notwendigkeit dieser
Unterlassung nicht etwa bloße Ratgebung zu Vermeidung irgend eines andern
Übels sei, so daß es etwa hieße: du sollst nicht lügenhaft
versprechen, damit du nicht, wenn es offenbar wird, dich um den Kredit bringest;
sondern eine Handlung dieser Art müsse für sich selbst als böse
betrachtet werden, der Imperativ des Verbots sei also kategorisch: so kann man
doch in keinem Beispiel mit Gewißheit dartun, daß der Wille hier
ohne andere Triebfeder, bloß durchs Gesetz, bestimmt werde, ob es gleich
so scheint; denn es ist immer möglich, daß ingeheim Furcht für
Beschämung, vielleicht auch dunkle Besorgnis anderer Gefahren, Einfluß
auf den Willen haben möge. Wer kann das Nichtsein einer Ursache durch Erfahrung
beweisen, da diese nichts weiter lehrt, als daß wir jene nicht wahrnehmen?
Auf solchen Fall aber würde der sogenannte moralische Imperativ, der als
ein solcher kategorisch und unbedingt erscheint, in der Tat nur eine pragmatische
Vorschrift sein, die uns auf unsern Vorteil aufmerksam macht, und uns bloß
lehrt, diesen Acht zu nehmen.
Wir werden also die Möglichkeit eines kategorischen
Imperativs gänzlich
a priori zu untersuchen haben, da uns hier der Vorteil nicht zu statten kommt,
daß die Wirklichkeit desselben in der Erfahrung gegeben, und also die
Möglichkeit nicht zur Festsetzung, sondern bloß zur Erklärung
nötig wäre. So viel ist in-dessen vorläufig einzusehen: daß
der kategorische Imperativ allein als ein praktisches Gesetz laute, die übrigen
insgesamt zwar Prinzipien des
Willens, aber nicht Gesetze heißen können; weil, was bloß zur
Erreichung einer beliebigen Absicht zu tun notwendig ist, an sich als zufällig
betrachtet werden kann, und wir von der Vorschrift jederzeit los sein können,
wenn wir die Absicht aufgeben, dahingegen das unbedingte Gebot dem Willen kein
Belieben in Ansehung des Gegenteils frei läßt, mithin allein diejenige
Notwendigkeit bei sich führt, welche wir zum Gesetze verlangen.
Zweitens ist bei diesem kategorischen Imperativ oder Gesetze der Sittlichkeit
der Grund der Schwierigkeit (die Möglichkeit desselben einzusehen) auch
sehr groß. Er ist ein synthetisch-praktischer Satz a priori, und da die
Möglichkeit der Sätze dieser Art einzusehen so viel Schwierigkeit
im theoretischen Erkenntnisse hat, so läßt sich leicht abnehmen,
daß sie im praktischen nicht weniger haben werde.
Bei dieser Aufgabe wollen wir zuerst versuchen, ob nicht vielleicht der bloße
Begriff eines kategorischen Imperativs auch die Formel desselben an die Hand
gebe, die den Satz enthält, der allein ein kategorischer Imperativ sein
kann; denn wie ein solches absolutes Gebot möglich sei, wenn wir auch gleich
wissen, wie es lautet, wird noch besondere und schwere Bemühung erfordern,
die wir aber zum letzten Abschnitte aussetzen.
Wenn ich mir einen hypothetischen
Imperativ überhaupt denke, so weiß ich nicht zum voraus, was er enthalten
werde: bis mir die Bedingung gegeben ist. Denke ich mir aber einen
kategorischen Imperativ,
so weiß ich sofort, was er enthalte. Denn da der Imperativ außer
dem Gesetze nur die Notwendigkeit der Maxime enthält, diesem Gesetze gemäß
zu sein, das Gesetz aber keine Bedingung enthält, auf die es eingeschränkt
war, so bleibt nichts, als die Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt übrig,
welchem die Maxime der Handlung gemäß sein soll, und welche Gemäßheit
allein den Imperativ eigentlich als notwendig vorstellt.
Aus: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten Herausgegeben von Theodor Valentiner, Einleitung von Hans Ebeling Reclams
Universalbibliothek Nr. 4507 © 1961, 1984 Philipp Reclam jun., Stuttgart
Der
kategorische Imperativ
| Definition Beispiele für Pfichten nach dem Kategorischen Imperativ |
Herleitung
und Begründung des praktischen Imperativs Der praktische Imperativ |
Definition
Der kategorische
Imperativ ist also nur ein einziger, und zwar dieser:
handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen
kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.
Wenn nun aus diesem einigen Imperativ alle Imperativen der Pflicht, als aus
ihrem Prinzip, abgeleitet werden können, so werden wir, ob wir es gleich
unausgemacht lassen, ob nicht überhaupt das, was man Pflicht nennt, ein
leerer Begriff sei, doch wenigstens anzeigen können, was wir dadurch denken
und was dieser Begriff sagen wolle.
Weil die Allgemeinheit des Gesetzes, wonach Wirkungen geschehen, dasjenige ausmacht,
was eigentlich Natur im allgemeinsten Verstande (der Form
nach), d.i. das Dasein der Dinge, heißt, so fern es nach allgemeinen
Gesetzen bestimmt
ist, so könnte der allgemeine Imperativ der Pflicht
auch so lauten:
handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen
Willen zum ALLGEMEINEN NATURGESETZE werden sollte.Beispiele
für Pflichten, die sich aus dem Kategorischen Imperativ ergeben
Nun wollen wir einige Pflichten herzählen, nach der gewöhnlichen Einteilung
derselben, in Pflichten gegen uns selbst und gegen andere Menschen, in vollkommene
und unvollkommene Pflichten.*
*Man muß hier wohl merken, daß
ich die Einteilung der Pflichten für eine künftige Metaphysik
der Sitten mir gänzlich vorbehalte, diese hier also nur als
beliebig (um meine Beispiele zu ordnen) dastehe.
Übrigens verstehe ich hier unter einer vollkommenen Pflicht diejenige,
die keine Ausnahme zum Vorteil der Neigung verstattet, und da habe ich nicht
bloß äußere, sondern auch innere vollkommene Pflichten,
welches dem in Schulen angenommenen Wortgebrauch zuwider läuft, ich aber
hier nicht zu verantworten gemeinet bin, weil es zu meiner Absicht einerlei
ist, ob man es mir einräumt, oder nicht.
1) Einer, der durch eine Reihe
von Übeln, die bis zur Hoffnungslosigkeit angewachsen ist, einen Überdruß
am Leben empfindet, ist noch so weit im Besitze seiner Vernunft, daß er
sich selbst fragen kann, ob es auch nicht etwa der Pflicht gegen sich selbst
zuwider sei, sich das Leben zu nehmen. Nun versucht er: ob die Maxime seiner
Handlung wohl ein allgemeines Naturgesetz werden könne. Seine Maxime aber
ist: ich mache es mir aus Selbstliebe zum Prinzip, wenn das Leben bei seiner
langem Frist mehr Übel droht, als es Annehmlichkeit verspricht, es mir
abzukürzen. Es frägt sich nur noch, ob dieses Prinzip der Selbstliebe
ein allgemeines Naturgesetz werden könne. Da sieht man aber bald, daß
eine Natur, deren Gesetz es wäre, durch dieselbe Empfindung, deren Bestimmung
es ist, zur Beförderung des Lebens anzutreiben, das Leben selbst zu zerstören,
ihr selbst widersprechen und also nicht als Natur bestehen würde, mithin
jene Maxime unmöglich als allgemeines Naturgesetz stattfinden könne,
und folglich dem obersten Prinzip aller Pflicht gänzlich widerstreite.
2) Ein anderer sieht sich durch
Not gedrungen, Geld zu borgen. Er weiß wohl, daß er nicht wird bezahlen
können, sieht aber auch, daß ihm nichts geliehen werden wird, wenn
er nicht festiglich verspricht, es zu einer bestimmten Zeit zu bezahlen. Er
hat Lust, ein solches Versprechen zu tun; noch aber hat er so viel Gewissen,
sich zu fragen: ist es nicht unerlaubt und pflichtwidrig, sich auf solche Art
aus Not zu helfen? Gesetzt, er beschlösse es doch, so würde seine
Maxime der Handlung so lauten: wenn ich mich in Geldnot zu sein glaube, so will
ich Geld borgen, und versprechen, es zu bezahlen, ob ich gleich weiß,
es werde niemals geschehen. Nun ist dieses Prinzip der Selbstliebe, oder der
eigenen Zuträglichkeit, mit meinem ganzen künftigen Wohlbefinden vielleicht
wohl zu vereinigen, allein jetzt ist die Frage: ob es recht sei? Ich verwandle
also die Zumutung der Selbstliebe in ein allgemeines Gesetz, und richte die
Frage so ein: wie es dann stehen würde, wenn meine Maxime ein allgemeines
Gesetz würde. Da sehe ich nun sogleich, daß sie niemals als allgemeines
Natur-gesetz gelten und mit sich selbst zusammenstimmen könne, sondern
sich notwendig widersprechen müsse. Denn die Allgemeinheit eines Gesetzes,
daß jeder, nachdem er in Not zu sein glaubt, versprechen könne, was
ihm einfällt, mit dem Vorsatz, es nicht zu halten, würde das Versprechen
und den Zweck, den man damit haben mag, selbst unmöglich machen, indem
niemand glauben würde, daß ihm was versprochen sei, sondern über
alle solche Äußerung, als eitles Vorgeben, lachen würde.
3) Ein dritter findet in sich
ein Talent, welches vermittelst einiger Kultur ihn zu einem in allerlei Absicht
brauchbaren Menschen machen könnte. Er sieht sich aber in bequemen Umständen,
und zieht vor, lieber dem Vergnügen nachzuhängen, als sich mit Erweiterung
und Verbesserung seiner glücklichen Naturanlagen zu bemühen. Noch
frägt er aber: ob, außer der Übereinstimmung, die seine Maxime
der Verwahrlosung seiner Naturgaben mit seinem Hange zur Ergötzlichkeit
an sich hat, sie auch mit dem, was man Pflicht nennt, übereinstimme. Da
sieht er nun, daß zwar eine Natur nach einem solchen allgemeinen Gesetze
immer noch bestehen könne, obgleich der Mensch (so
wie die Südsee-Einwohner) sein Talent rosten ließe, und sein
Leben bloß auf Müßiggang, Ergötzlichkeit, Fortpflanzung,
mit einem Wort, auf Genuß zu verwenden bedacht wäre; allein er kann
unmöglich wollen, daß dieses ein allgemeines Naturgesetz werde, oder
als ein solches in uns durch Naturinstinkt gelegt sei. Denn als ein vernünftiges
Wesen will er notwendig, daß alle Vermögen in ihm entwickelt werden,
weil sie ihm doch zu allerlei möglichen Absichten dienlich und gegeben
sind.
4) Noch denkt ein vierter, dem
es wohl geht, indessen er sieht, daß andere mit großen Mühseligkeiten
zu kämpfen haben (denen er auch wohl helfen könnte):
was geht's mich an? mag doch ein jeder so glücklich sein, als es der Himmel
will, oder er sich selbst machen kann, ich werde ihm nichts entziehen, ja nicht
einmal beneiden; nur zu seinem Wohlbefinden, oder seinem Beistande in der Not,
habe ich nicht Lust, etwas beizutragen! Nun könnte allerdings, wenn eine
solche Denkungsart ein allgemeines Naturgesetz würde, das menschliche Geschlecht
gar wohl bestehen, und ohne Zweifel noch besser, als wenn jedermann Von Teilnehmung
und Wohlwollen schwatzt, auch sich beeifert, gelegentlich dergleichen auszuüben,
dagegen aber auch, wo er nur kann, betrügt, das Recht der Menschen verkauft,
oder ihm sonst Abbruch tut. Aber, obgleich es möglich ist, daß nach
jener Maxime ein allgemeines Naturgesetz wohl bestehen könnte: so ist es
doch unmöglich, zu wollen,daß ein solches Prinzip als Naturgesetz
allenthalben gelte. Denn ein Wille, der dieses beschlösse, würde sich
selbst widerstreiten, indem der Fälle sich doch manche ereignen können,
wo er anderer Liebe und Teilnehmung bedarf, und wo er, durch ein solches ausseinem
eigenen Willen entsprungenes Naturgesetz, sich selbst alle Hoffnung des Beistandes,
den er sich wünscht, rauben würde.
Dieses sind nun einige von den vielen wirklichen oder wenigstens von uns dafür
gehaltenen Pflichten, deren Abteilung aus dem einigen angeführten Prinzip
klar in die Augen fällt. Man muß wollen
können, daß eine Maxime
unserer Handlung ein allgemeines Gesetz werde: dies ist der Kanon der moralischen
Beurteilung derselben überhaupt. Einige Handlungen sind so beschaffen,
daß ihre Maxime ohne Widerspruch nicht einmal als
allgemeines Naturgesetz gedacht werden kann; weit gefehlt, daß
man noch wollen könne,
es sollte ein
solches werden. Bei andern ist zwar jene innere Unmöglichkeit nicht anzutreffen,
aber es ist doch unmöglich, zu wollen,
daß ihre Maxime zur Allgemeinheit eines Naturgesetzes erhoben werde, weil
ein solcher Wille sich selbst widersprechen würde. Man sieht leicht: daß
die erstere der strengen oder engeren (unnachläßlichen)
Pflicht, die zweite nur der weiteren (verdienstlichen) Pflicht widerstreite,
und so alle Pflichten, was die Art der Verbindlichkeit
(nicht das Objekt ihrer Handlung) betrifft, durch diese Beispiele in
ihrer Abhängigkeit von dem einigen Prinzip vollständig aufgestellt
worden. S. 56-72 [...]
Aus: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten Herausgegeben von
Theodor Valentiner, Einleitung von Hans Ebeling Reclams Universalbibliothek
Nr. 4507 © 1961, 1984 Philipp Reclam jun., Stuttgart Herleitung
und Begründung des praktischen Imperativs
Der Wille wird als ein Vermögen gedacht,
der Vorstellung gewisser Gesetze gemäß sich
selbst zum Handeln zu bestimmen. Und ein solches Vermögen kann nur
in vernünftigen Wesen anzutreffen sein. Nun ist das, was dem Willen zum
objektiven Grunde seiner Selbstbestimmung dient, der Zweck, und dieser, wenn
er durch bloße Vernunft gegeben wird, muß für alle vernünftige
Wesen gleich gelten. Was dagegen bloß den Grund der Möglichkeit der
Handlung enthält, deren Wirkung Zweck ist, heißt das
Mittel. Der subjektive Grund
des Begehrens ist die Triebfeder,
der objektive des Wollens der Bewegungsgrund;
daher der Unterschied zwischen subjektiven Zwecken,die auf Triebfedern beruhen,
und objektiven, die auf Bewegungsgründe ankommen, welche für jedes
vernünftige Wesen gelten. Praktische Prinzipien sind formal, wenn sie von
allen subjektiven Zwecken abstrahieren; sie sind aber material, wenn sie diese,
mithin gewisse Triebfedern, zum Grunde legen. Die Zwecke, die sich ein vernünftiges
Wesen als Wirkungen seiner Handlung nach Belieben vorsetzt (materiale
Zwecke), sind insgesamt nur relativ; denn nur bloß ihr Verhältnis
auf ein besonders geartetes Begehrungsvermögen des Subje