Friedrich
Kirchner (1848 – 1900) - Seite 1
Deutscher Philosoph und Gymnasialprofessor
in Berlin,
der u. a. wesentlich von Leibniz und Frohschammer
beeinflusst ist. Kirchner vertritt einen »empirisch-rationalen«
Ideal-Realismus,
nach dem die materielle Welt die Erscheinungsweise
einer geistigen Transzendenz
ist. Gott ist für
ihn allerhöchste geistige Aktivität, die zugleich ewig, allgegenwärtig,
allmächtig und identisch mit der »absoluten
Vernunft« ist. Er hat seine philosophischen Ansichten in verschiedenen
Werken zum Ausdruck gebracht. U. a. hat er auch ein »Wörterbuch
der philosophischen Grundbegriffe« verfasst, aus dem wir wesentliche
Begriffe in Ergänzung
und Erweiterung zu Rudolf Eisler zitieren.
Siehe auch Wikipedia und Kirchenlexikon
Inhaltsverzeichnis
| Gut
und Böse Das Sittlich-Gute (§14) Das Sittengesetz (§ 15) Das Böse (§ 16) |
Auswahl aus dem »Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe« |
Gut und Böse
Das Sittlich-Gute
(§14)
Schon Kant (W. W. VIII, 179)
hat betont, die deutsche Sprache sei reicher als die lateinische, indem
sie wenigstens für malum drei verschiedene
Ausdrücke habe, nämlich übel, schlecht
und böse, denen drei verschiedene Bedeutungen
des Wortes »gut«
entsprechen. Ja, wir unterscheiden sogar einen vierfachen
Sinn des Guten.
Gut im allgemeinen heißt alles, dem wir einen
Wert beilegen. Dies aber tun wir bei demjenigen, das uns Lust
bereitet, entweder in der Erinnerung oder im Moment oder in
der Hoffnung; entweder indem es uns positiv Lust verschafft oder Unlust aufhebt,
resp. Aufzuheben verspricht. Wiederum beruht die Tatsache, dass uns die Dinge
Lust oder Unlust bereiten, auf der durch sie veranlassten Erhöhung
oder Einschränkung unserer Tätigkeit. Denn
Tätigkeit ist, das Grundwesen aller
Dinge (§5). Alles Tun aber ist Lebensbewegung
nach einem Ziele hin (§9).
Dies besteht, solange es nicht erreicht ist, in einer
Vorstellung. Also ist alles, was der Vorstellung eines Zweckes
entspricht, gut. Und das Wohlgefallen, das wir an einem Dinge haben, weil wir
ihm Wert beilegen, ist ein intellektuelles.
Fassen wir nun die verschiedenen Bedeutungen des Guten ins Auge, so nennen wir
einen Geschmack, ein Gefühl
und dergl. gut, wenn sie angenehm
sind für unsere Sinne. Das
Angenehme bereitet uns sinnliche Lust,
und zwar unmittelbar, ohne
intellektuelles Werturteil; sie ist ferner ganz subjektiv,
denn über Geschmack lässt sich nicht streiten; endlich
unterliegt sie keiner Zurechnung,
denn niemand kann etwas dafür, ob ihm dieses oder jenes schmeckt.
Verwandt mit dem Angenehmen ist das Schöne.
Dieses Bild z. B. nenne ich gut, weil es mir gefällt; freilich bin ich
mir bewusst, dass auch das ästhetische Geschmacksurteil
zum Teil subjektiv ist
(de gustibus non est disputandum!)
doch steht es höher als das sinnliche. Denn wenn auch das Schöne
den Sinnen Lust bereitet, so sind es doch erstens die höchsten Sinne
(Ohr und Auge), und zweitens beruht diese Sinnenlust auf seelischen und
geistigen Prozessen. Die schöne Form muss einer
Idee entsprechen und diese sachgemäß wiedergeben.
Unser Wohlgefallen am Schönen ist also zwar auch unmittelbar, aber doch
kontrollierbar. Ferner ist es nicht, wie die Sinnenlust, interessiert, sondern
ganz interesselos. Ferner ist es intuitiv und kontemplativ. Das Schöne
gefällt um seiner selbst willen, es ist Selbstzweck.
Ganz anders das Nützliche.
In diesem Sinne nennen wir jedes Ding gut, das als
Mittel
für irgend einen Zweck
brauchbar erscheint. Auch dieses Werturteil ist ganz subjektiv.
Denn das Lexikon z. B., welches der Schüler gut nennt, findet der Student
ganz abscheulich. Sodann hat alles Nützlich-Gute einen
relativen Wert. Gerade für diesen Zweck ist es
gut, für jenen nicht; das medizinische Mittel, welches mir und jetzt hilft,
schadet einem andern oder selbst mir zu anderer Zeit. Ferner unterliegt das
Nützliche zunächst keiner Verantwortlichkeit. Ein gutes Gift, ein
guter Dolch, eine gute Pistole sind diejenigen, welche schnell und sicher töten.
Ob freilich das Töten selbst gut oder schlecht ist, kommt hier zunächst
nicht in Betracht.
So sehen wir uns denn auf die Annahme einer vierten
Bedeutung des Guten geführt, und das ist das Sittliche. Jenes Obst
schmeckt mir gut – aber ich darf es nicht essen; jene Statue ist schön
– aber unzüchtig; jener Schuss war sicher – aber er hat einen
Menschen gemordet. Jedesmal sehen wir, gibt es noch einen Gesichtspunkt, von
dem aus das Angenehme, Schöne und Nützliche betrachtet werden muss;
dieser Gesichtspunkt ist der ethische.
Das Sittlich-Gute
erweckt unser intellektuelles
Wohlgefallen, weil es einer Norm entspricht. Aber wir legen
ihm einen absoluten Wert bei,
weil es an sich wertvoll ist, d. h. geschehen oder bestehen muss. Wir sind also
dabei selbst interessiert, direkt
oder indirekt, wir haben nicht nur ein kontemplatives Wohlgefallen daran, wie
am Schönen. Und zwar ist das Interesse nicht bloß subjektiv, wie
beim Angenehmen, Schönen und Nützlichen, sondern wir verlangen, dass
sich jeder dafür interessiere, und verachten den gegen ethische Fragen
Gleichgültigen. Das ethische Interesse ist also ein notwendiges.
Ferner ist der Wert des Sittlichen wie der Wert des Schönen bleibend,
während der des Angenehmen und Nützlichen früher oder später
erlischt. Das Sittliche imponiert, das
Angenehme vergnügt, das Schöne gefällt, das Nützliche erfreut.
Dem Sittlich-Guten zollen wir daher Achtung
und Ehrfurcht, selbst wenn wir dadurch physische oder ästhetische
Unlust und praktischen Nachteil haben. Für seine Überzeugung gekreuzigt
zu werden ist weder angenehm noch ästhetisch, noch praktisch vorteilhaft,
und doch ethisch gut.
Mit dem Schönen gemeinsam hat das Gute die rationale
Grundlage und den Charakter a priori. Schön
und gut sind die Dinge, welche einer vernünftigen Idee entsprechen, nur
dass beim Schönen mehr Gewicht auf die Form, beim Guten auf den Inhalt
gelegt wird. Das Angenehme und Nützliche hat an sich keinen Wert, sondern
wird nur momentan zur Befriedigung irgend eines Triebes geschätzt. Das
Schöne und Gute aber ist an sich wertvoll und teilt dem, der das eine oder
andere hervorbringt, Wert mit.
Dem Angenehmen und Schönen gegenüber verhalten wir uns fast passiv;
das Nützliche und Gute dagegen fordert unsere Selbsttätigkeit
heraus. Unseren Willen beschäftigt
das Sittliche, aber nicht mit Naturnotwendigkeit, sondern mit Freiheit. Denn
freilich sind alle Dinge gut, sofern sie zweckmäßig organisiert sind,
auch der Mensch. Aber weil er ein vernünftiges, freies Wesen ist, soll
er den Zweck seines Daseins begreifen und durch freies Tun vollbringen. Bei
den unvernünftigen Wesen
wird der ihnen zu Grunde liegende Zweck ohne ihr Bewusstsein und ihre Selbsttätigkeit
realisiert; ihnen wohnt das Gute als ihr notwendiges Lebensgesetz inne. Der
Mensch dagegen kann seine Lebensaufgabe auch verkennen und versäumen. Ihm
tritt sie daher als eine Lebensnorm gegenüber,
die er nicht äußerlich und knechtisch aus Furcht oder Lohnsucht,
sondern aus Einsicht in ihre Wahrheit, aus Begeisterung und aus innerer Triebkraft
des Willens befolgen soll. Die Freiheit
ist also das Korrelat des Sittlichen (§10).
Fragen wir aber weiter nach dieser Lebensnorm,
welcher unser Wille mit Freiheit entsprechen soll, so ergibt
sich die Antwort aus dem bisher Entwickelten leicht. Gut, sahen wir oben (S.108),
ist alles, was seiner Idee entspricht.
Sittlich gut, was ihr mit Bewusstsein
und Freiheit entspricht. Des Menschen
Idee ist sein objektiver Lebenszweck, d. h. die ihm durch den Organismus menschlicher
Gemeinschaft auferlegte Notwendigkeit.
Das Sittlich-Gute ist also die Einheit von Gesetzmäßigkeit
und Freiheit. Nichtsittlich dagegen ist alles
gegen unsere Überzeugung Erzwungene, noch nicht sittlich alles aus Naturnotwendigkeit
Geschehende. Auch das ist noch nicht gut, was ohne Zwang aus individueller Neigung
hervorgeht, wenn es ohne Ahnung einer sittlichen Idee geschieht. Gut kann nur
sein, was vernünftig, d.
h. mit Bewusstsein, mit guter Absicht
und mit freiem Willen getan
wird. Also müssen Zweck, Motiv, Wille und Ausführung sittlich sein.
Bevor wir die Konsequenzen dieser Definition ziehen, wird es förderlich
sein, andere Begriffsbestimmungen des Guten zu betrachten.
Aristoteles
lehrt (Eth. Nik. I, 1) gut sei, wonach jedes Wesen
strebe, d. h. die Eudämonie oder Glückseligkeit als
ein dem Menschen als solchem eigentümliches Werk. Sie beruht auf der vernünftigen
oder tugendgemäßen Tätigkeit, zu welcher als Vollendung die
Lust hinzukommt. Die sittliche Tugend ist eine durch Anlage durch Handeln gewonnene
Fertigkeit, sich vernunftgemäß zu verhalten. Die Bildung zur Tugend
beruht auf Anlage, Gewöhnung und Einsicht in die Freiheit
(Eth. Nikom. I, 6. 11.X, 7). –
Ähnlich definiert Herbart das Gute als einen
Gegenstand, welcher begehrt werde (W. W. VIII, 5, 179);
das Vorstellungsvermögen wisse nichts von einem Gute. Aber wir haben in
§ 8 gezeigt, dass der Wille stets mit einer Vorstellung verbunden ist.
Auch wird etwas nicht darum begehrt, weil es gut ist, sondern weil es als gut
vorgestellt wird. Endlich müssten die Güter, sobald
wir sie errungen haben, aufhören, Güter zu sein. –
Spinoza behauptet, kein Ding heiße an sich
gut und schlecht, sondern nur mit Rücksicht auf ein anderes, dem es nütze
oder schade. Gut sei daher dasjenige, von dem wir wissen, dass es uns nützlich
sei; sofern eine Sache mit unserer Natur übereinstimme, sei sie notwendig
gut (Ethic. IV, def. 1. prop. 30). Das höchste
Gut und die höchste Tugend des Geistes ist die Erkenntnis Gottes (d.
h. der Naturnotwendigkeit). Aber abgesehen davon, dass hier nur die objektive
Seite des Begriffes »gut« betrachtet
wird, so betont Spinoza auch einseitig die Erkenntnis
und gibt nicht an, was denn das für uns Förderliche sei. –
Wieder nur das Angenehme und Nützliche trifft Schopenhauer,
wenn er sagt, gut sei ein relativer Begriff und bezeichne die Angemessenheit
eines Objekts zu irgend einer bestimmten Bestrebung des Willens. Daher sei dem
einen dasselbe Ding gut, dem andern schlecht (»Welt
als Wille als Vorstellung« I, 425f. ). Es ist wahr, bei kaum zwei
Völkern wird dasselbe für sittlich gut gehalten. Aber unsere bisherige
Betrachtung hat uns doch schon einige feste Punkte ergeben, an die sich später
noch andere reihen werden.
Da entschieden alle Menschen danach streben, glücklich
zu sein, ist die Bestimmung des Guten als Glückseligkeit
sehr alt, mag man darunter die sinnliche oder geistige, die gegenwärtige
oder künftige, die irdische oder himmlische verstehen.
Aristipp bestimmt sie als positiven Genuss, Epikur
als Schmerzlosigkeit, Ferguson als Selbsterhaltung.
L. Feuerbach meint, gut sei die Bejahung des Glückseligkeitstriebes;
Moleschott, was auf einer gegebenen Stufe der Entwickelung den Bedürfnissen
der Menschheit, den Forderungen der Gattung entspreche;
Büchner, was der Gesamtheit der Mitmenschen nützlich sei (Feuerbach,
»Gott, Freiheit und Unsterblichkeit S.68. Moleschott,
»Kreislauf des Lebens« S.327. Büchner,
»Stellung des Menschen in der Natur«S.329.)
Und gewiss, Ziel unseres sittlichen Strebens kann nur sein, was uns die höchste
Lust bereitet, von unserer Begeisterung und intensivstem Interesse getragen
wird; so dass wir in gewissem Sinne Fechner beipflichten,
wenn er sagt (»Über das höchste Gut«
1846), das Lustprinzip sei das einzig klare und das größte
Glück auch das höchste Gut des Menschen. Aber doch wird durch alle
jene Antworten das Problem nicht gelöst. Denn das ist ja eben die Frage,
worin die wahre Glückseligkeit oder Lust bestehe. Ebenso
ungenügend sind die anderen eudämonistischen Formeln,
z. B. die verschiedenen Grundsätze des Wohlwollens. So bezeichnet
Shaftesbury als das Sittliche das Wohlwollen, sofern aus ihm eine eigentümliche
Lust hervorgeht; Hutcheson betont das rationale
uneigennützige Wohlwollen, die Lust am Wohlwollen anderer; Pufendorf
das gemeinnützige Handeln; Schopenhauer das
Mitleid.
Gegenüber diesem Eudämonismus, dessen relative Berechtigung
wir später übrigens erkennen werden, behauptet
Kant, dass im Himmel und auf Erden schlechterdings nichts im sittlichen
Sinne gut genannt werden kann, als ein guter Wille. Er sei
dasjenige, wodurch das Dasein des Menschen allein einen absoluten Wert gewinne;
er sei gut durch sich selbst, nicht durch das, was er bewirke. Schlechthin gut
könne nur die Handlungsart, die Maxime des Willens, und mithin die handelnde
Person, nicht die Sache genannt werden. Das moralisch Gute müsse daher
nicht nur dem Gesetze gemäß sein, sondern auch um seinetwillen geschehen.
Das Prinzip des schlechterdings guten Willens müsse ein kategorischer
Imperativ sein; er dürfe bloß die Form des Wollens überhaupt
enthalten, und zwar als Autonomie. Der Begriff des Guten und Bösen setze
ein Gesetz der Freiheit voraus, das die Vernunft sich selbst
gebe. An diesen Sätzen Kants ist fast alles
richtig. Nur ist die Hervorhebung des Willens einseitig und der kategorische
Imperativ ohne materialen Inhalt. –
Ähnlich definiert auch v. Oettingen
(»Sozialethik« . 109) das Sittliche als das an sich Gute
in der Form des Willens.
F. Paulsen, der in seinem »System
der Ethik« (I, 196) einen »teleologischen
Energismus« vertritt, nennt das Verhalten sittlich gut
(S.222), welches objektiv im Sinne der Wohlfahrt
oder der vollkommenen Lebensgestaltung des Handelnden und seiner Umgebung zu
wirken die Tendenz hat und zugleich subjektiv mit dem Bewusstsein der Pflichtmäßigkeit
begleitet ist. Fehlen entweder beide Merkmale oder auch nur eines, so ist es
sittlich verwerflich, fehlt es an der objektiven Richtigkeit,
so wird es schlecht genannt; geschieht es dazu mit dem Bewusstsein
der Pflichtwidrigkeit, so wird es böse genannt, im besonderen
dann, wenn es sich als Angriff auf das Wohl anderer darstellt.
Noch näher kommen der Wahrheit die sich Leibniz
anschließenden Definitionen, welche das Gute mit dem Vollkommenen identifizieren.
Leibniz sagt, der allgemeine praktische Instinkt ist das Verlangen nach
Lust, welche in einer merklichen Förderung besteht. Vernünftige Wesen
streben nach dauernder Lust, d. h. nach Glückseligkeit. Da nun die Mittel,
welche dazu führen, Vollkommenheiten sind, so besteht die Lust in der Empfindung
einer Vollkommenheit und die Glückseligkeit in der Empfindung einer dauernden
Vollkommenheit. Nun aber hält diese mit der Deutlichkeit unseres Vorstellens
gleichen Schritt, folglich müssen wir unsere Glückseligkeit in der
Aufklärung unseres Verstandes und im vernunftgemäßen Handeln
suchen. Tugend und Geistesbildung sind also die einzigen Mittel zur Erreichung
dauernder Befriedigung (»Von der Glückseligkeit«
W. W. S. 671). Hier müssen wir nur gegen die einseitige Hervorhebung
der Intelligenz auftreten, welche Leibniz eigentümlich
ist.
Ähnlich, wie er, ersetzt sein Schüler Wolf
die Glückseligkeit durch Vollkommenheit oder durch Angemessenheit mit der
Natur; Frauenstädt sagt, gut sei, was dem
wahren Wesen und dem immanten Zwecke jedes Dinges entspricht; Trendelenburg
definiert es als die Erfüllung seiner Idee durch den Menschen, das Gute
im Sinne des Vollkommenen umfasse das Gute der Gesinnung, das Wahre des Begriffs
und das Schöne der Darstellung (»Naturrecht«
S.50). –
Freilich bedarf es dann noch einer genaueren Durchführung dieser allgemeinen
Sätze, wie sie z. B. H. Ulrici gibt, wenn
er das Gute so definiert (»Gott und die Natur«
S. 567): Das Gute als Idee sei nur das Ideal des Wollens und Handelns,
der Begriff des schlechthin vollkommenen Tuns, als der absoluten Übereinstimmung
des Handelnden nicht nur mit seinem eigenen Wesen und dessen Bestimmung, sondern
auch mit der Wesenheit seiner Gattung, der Natur der Dinge des Weltganzen und
in letzter Instanz mit dem Willen Gottes.
Dies führt uns auf die bei den Theologen übliche Definition, das Gute
sei der geoffenbarte Gotteswille. So sagt z. B. A.
Wuttke (»Christliche Sittenlehre« I,
S.302): »Wahrhaft gut ist, was einer vernünftigen,
also göttlichen Idee entspricht, sie vollkommen in Wirklichkeit ausdrückt.
Bei dem bloßen Naturwesen ist das Gutsein der sich selbst notwendig vollbringende
Zweck Gottes in dem Geschöpf; bei dem vernünftigen Geschöpf ist
es der durch dasselbe frei sich vollbringende Zweck Gottes
an das Geschöpf. Dieser göttliche Wille ist da nicht
bloß Zweck für Gott, sondern auch bewusster Zweck für
das Geschöpf«. –
Nun haben wir freilich selbst schon öfter den innigen Zusammenhang von
Religion und Moral sowie die Notwendigkeit der Gottesidee für die Ethik
betont; aber der tautologische Satz: »Das Gute ist
Gott« führt uns zunächst nicht weiter. Denn erst müsste
doch Gottes Wesen festgestellt werden. Ferner weiß niemand authentisch,
was sein Wille ist, selbst wenn wir glauben, dass er sich in der Bibel wie in
den Urkunden anderer Religionen geoffenbart hat.
Zum Schluss sei noch kurz der verbreitete Irrtum abgewiesen, dass der
Geist oder die Vernunft das Gute sei im Gegensatz zum Leibe und zur
Natur. Dieser Dualismus, welchem das ganze Altertum mehr oder
weniger huldigte, der dann von Gnostikern und Manichäern, von vielen Scholastikern
und in neuester Zeit von Rationalisten und Pantheisten vertreten wurde, enthält
wenigstens soviel Wahrheit, dass das Gute nicht realisiert werden kann ohne
eine gewisse Herrschaft des Geistes über das Fleisch. Aber im Geiste sitzt
das Böse eben so wie das Gute; auch das Unsittliche ist ein
»Handeln der Vernunft auf die Natur« oder eine »Einigung
beider im Dienste einer Idee« (Schleiermacher).
So sagt Hegel (Werke XIV, 417.
XV, 101), das Fleisch, das Natürliche, sei das, was nicht sein solle.
Die Natur sei böse von Hause aus. Aber das Denken macht, dass etwas gut
oder böse sei, die Triebe sind an sich weder sittlich noch unsittlich.
Sittlichkeit werden wir also demjenigen
beilegen, dessen Gesinnung und Handlungsweise gut ist, d. h. der bewusst und
frei die göttliche Weltordnung an seinem Teile aufrecht erhält. Diese
seine selbstgewollte Harmonie mit dem Organismus des Ganzen negiert weder
(pantheistisch) die Berechtigung der Individuen
noch die Notwendigkeit, dass sie
sich dem Ganzen unterordnen. So
ist das Sittliche zugleich das Vernünftige,
weil das in der Logik der Tatsachen Begründete; es ist auch das Schöne,
weil das Harmonische. Es bewegt sich zwar zunächst auf dem Gebiete des
Wollens, aber da dieses ein vernünftiges
und zugleich eine Liebe zu dem als richtig Erkannten ist, so umfasst die Sittlichkeit
des Menschen ganzes Fühlen, Erkennen und Wollen. Kann doch niemand sittlich
handeln, ohne das Gute zunächst zu erkennen;
sein Gefühl der
Lust oder Unlust
treibt ihn dann zum Wollen
und Handeln. Erkennen und Fühlen
sind allerdings zunächst unfrei; je freier sich aber der Mensch dabei verhält,
desto sittlicher werden auch sie.
Das Erkennen ist sittlich, wenn
wir uns als ein Glied am Organismus der Welt, unser Einzeldasein nur auf Grund
des allgemeinen Seins erfassen.
Das Fühlen ist sittlich,
wenn es nur an dem an sich Guten Wohlgefallen hat, sich dafür begeistert
und liebend erwärmt. –
Sittlich soll ferner nicht nur eine Handlung oder mehrere sein, sondern das
ganze Leben; wie es in unserem
physischen Dasein keinen Moment der Unterbrechung des Stillstandes gibt, sondern
ein stetes Auf- und Abfluten, so ist auch im sittlichen Prozess kein Augenblick
indifferent, sondern jeder ist entweder gut oder böse.
Selbst unsere Träume sind
nicht sittlich gleichgültig; sie folgen wie unsere
Meinungen, zum großen Teil unseren ethischen Zuständen.
Sittliche Stumpfheit ist auch schon Unrecht. »Die
Sittlichkeit ist die Gesundheit des vernünftigen Geistes, jede Hemmung
also Krankheit« (Wuttke).
Endlich kann kein individuelles Leben existieren ohne Zusammenhang mit dem allgemeinen.
Das sittliche Dasein ist daher auch kein bloß individuelles,
sondern es bezieht stets zugleich auf die Gemeinschaft der Menschen.
Ihr gegenüber fühlt und erkennt sich der Einzelne als abhängig,
zur wechselseitigen Hilfsleistung verpflichtet.
»Dem Vollkommenen gegenüber«, sagt
Goethe, »gibt es keine
Freiheit, als in der Liebe.«
In der Liebe allein verwandelt sich die starre Gesetzesnotwendigkeit in freudige
Freiheit.
Die Liebe zur Wahrheit treibt den Menschen zum Forschen; die Liebe zur Schönheit
gebiert die Kunst, die Liebe zum
Guten macht ihn sittlich. Die Liebe allein vollzieht mit Wunderkraft die
Einigung der schärfsten Gegensätze.
Aber sie muss qualitativ näher bestimmt werden. Denn Liebe kann in gewissem
Sinne als das Motiv alles, auch des bösen Handelns
angesehen werden. Auch das Böse,
sagt Dante, ist eine Ausgeburt der Liebe, aber der
falschen, leidenschaftlichen zum Eigenwilligen, Weltlichen, Gottwidrigen. Alle
sozialen Instinkte (selbst der Egoismus) bewirken
Liebe, der wir aber noch nicht das Prädikat des Sittlichen beilegen werden
. Dies verdient sie erst dann, wenn der Einzelne sich selbst verleugnet, ohne
sich zu verlieren, sich selbst setzt, ohne die Gemeinschaft aufzuheben.
»In der Liebe«, sagt v.
Oettingen, »begegnen
sich als ihrem Brennpunkte Leidenswilligkeit und Tatkraft, Sanftmut und Festigkeit,
Duldsamkeit und Entschiedenheit, Mitleid und Freude, Wahrheit und Milde, Autorität
und Pietät, Gottesfurcht und Selbständigkeit, Demut und Mut, Glaube
und Hoffnung.«
(1. Kor. 13.)
Die Liebe verbindet auch die drei üblichen Formalbegriffe
der Ethik: Sie ist das höchste Gut,
sofern sie Gottes Reich auf Erden begründet; sie schwebt
dem Einzelnen als Pflicht vor
und treibt, in den Willen aufgenommen, diesen als
beseelende Tugend.
Übrigens enthält der Begriff der Liebe, die wir später bei Betrachtung
des Moralprinzipes sehen werden, eminent praktische Konsequenzen. Denn da wir
schon angedeutet haben, dass die sittliche Liebe weder die eigene noch die fremde
Individualität verachtet, so verstehen wir nicht darunter das bloß
formale Verhalten
zu anderen, das sich etwa die Zwecke anderer zu seinen eigenen macht
oder, wie es Hegel ausdrückt, sein Sein in
einem andern hat. Diese Liebe, welche auch aus eigener Leere entspringen kann,
möchten wir nach Comte
lieber »Altruismus«
nennen (vivre pour autrui); sie zeigt sich oft
gegenüber imponierenden Persönlichkeiten, z. B. Napoleon
I., und auch die passive Hingabe des Weibes ist so beschaffen. Eine andere
Form des »Altruismus« ist auch noch
die aus Tätigkeitsdrang und Überschuss an Kräften entspringende
Hingebung, welche auch selten nach dem Wert der geliebten Person und der sittlichen
Bedeutung des eigenen Tuns fragt. Die sittliche Liebe dagegen verfährt
nicht blind, mechanisch und bewusstlos, sondern auf Grund der Wertschätzung
sowohl der eigenen und fremden Persönlichkeit, als auch besonders der Menschheit
im ganzen. Die Erhaltung und Förderung der Menschheit
ist also das letzte Ziel der sittlichen Liebe.
H. Ulrici hat
mit Recht (in »Gott und der Mensch« I, 117ff.)
hervorgehoben, dass die Idee des Sittlich-Guten die der Wahrheit zur
Voraussetzung hat. Denn der Begriff der Wahrheit könne überhaupt nur
von einem ethischen Wesen gefasst werden; ferner setze er uns
ein Ziel, welchem das ethische Gefühl des Sollens
und der von ihm ausgehende Wissenstrieb antworte und welches
nur durch ethisches Wollen und Tun (durch
freie, uninteressierte Hingabe an die Erforschung der Wahrheit) erreicht
werden könne. Er sei eine ethische Idee, weil ein Vollkommenheitsbegriff,
der die höchste Vollkommenheit des Denkvermögens
bezeichne und die Vollkommenheit des Seins zu seiner Voraussetzung
habe. Er verpflichtet uns, nach wahrer Erkenntnis und damit
nach jener Vollkommenheit des Vorstellens, Anschauens und Denkens zu streben,
welche die Vorbedingung für die Erreichung des Zieles ist. – So richtig
der Zusammenhang zwischen dem Wahren und Guten hervorgehoben ist, so möchten
, so möchten wir doch die Wahrheit nicht mit Ulrici
als eine besondere ethische Kategorie aufstellen, sondern
sagen, das Forschen entspringt aus dem Wissenstrieb, als einer Seite unseres
Tätigkeitsdranges, und wird sittlich oder unsittlich, je nach der Gesinnung,
dem Motiv und Ziel des Forschenden (vergl. S.115).
S.107-117
Das
Sittengesetz (§ 15.)
Sittlich gut, haben wir gesehen, ist die Gesinnung, welche mit Bewusstsein und
Freiheit der absoluten Lebensnorm gehorcht. Welches
aber, fragen wir nun, ist jene Norm? Worauf
gründet sie ihre Autorität? Woher stammt sie?
Wenn vom Sittengesetz die Rede
ist, so müssen wir uns vor allem klar machen, dass es von den Naturgesetzen
wesentlich verschieden ist. Die Naturgesetze sind nur Formeln für
die Gleichmäßigkeit des Geschehens. Sie schreiben niemanden etwas
vor, der sie befolgen könnte oder auch nicht, sondern die sich mit Notwendigkeit
vollziehenden Vorgänge der Natur haben wir Menschen nur anthropomorphisch
»Gesetze«
genannt. Ihre Überschreitung
ist ganz undenkbar, denn die Dinge geschehen so wie sie geschehen nicht etwa,
weil ein Naturgesetz es ihnen vorschreibt oder sie dazu zwingt, sondern weil
das Wechselwirken der Naturkräfte gerade so und nicht anders an diesem
Punkte stattfindet. Verwandt mit dieser immanenten Objektivität der Naturkräfte
ist die begriffliche Notwendigkeit der Logik
und Mathematik. Auch sie gelten,
weil sie wesentliche Lebensäußerungen und Selbstbetätigungen
des Geistes; weil sie nicht bloß Denkgesetze, sondern Seinsgesetze sind.
–
Anders dagegen verhält es sich mit dem Sittengesetz.
Ihm kommt weder Allgemeinheit noch
Notwendigkeit zu. Denn sowohl
die ethischen Grundsätze der Individuen, Zeiten und Völker sind verschieden
als auch durch keine Autorität in Übereinstimmung zu bringen. Ferner
schließen die Sittengesetze kein Müssen ein,
sondern nur ein Sollen. Denn wenn
wir auch § 8 gewisse Naturgesetze des Willens
auffanden, so handelt es sich hier nicht darum auffanden, so
handelt es sich hier nicht darum; jene waren ja psychologische Gesetze, diese
sind ethische, d. h. sie können befolgt oder übertreten werden, wenn
anders die menschliche Freiheit
(§ 10) bestehen soll. Bei solchen Gesetzen fragt es sich offenbar:
Wer hat sie gegeben? Welcher Gesetzgeber verleiht ihnen normative Autorität?
Die theologischen Ethiker (Harleß,
Schmid, Wuttke, v. Oettingen u. a.) antworten einfach: Das
Sittengesetz ist Gottes Wille, den er uns in der Bibel deutlich offenbart hat.
Schon § 13 haben wir die Undurchführbarkeit
dieser Ableitung angedeutet. Zwar soll Moses die von
Gott selbst geschriebenen Gesetzestafeln erhalten haben – die er freilich
im Zorn zerschmetterte und durch andere von seiner Hand ersetzte –, aber
diese Sage ist ebenso zu beurteilen wie die Ableitung aller anderen Gesetze
von den Göttern. Und auch Christus
hat einige religiös-sittliche Lehren hinterlassen, deren Form aber nicht
festzustellen ist und die doch auch nur dann unfehlbar wären, wenn Christus
Gott wäre. Aber wenn auch dies von vielen Theologen behauptet wird, so
sehen auch sie sich zur Kritik genötigt, da sie am geoffenbarten Gesetz
Moralisches, Politisches und Zeremonielles unterscheiden müssen. Nun sind
wir zwar davon überzeugt, dass sich Gott den Menschen offenbare, doch geschieht
dies weder durch unmittelbare,
noch durch wörtliche Inspiration,
sondern nur vermittelst der Natur und Geschichte, und zwar stets entsprechend
dem Bildungsstande und Fassungsvermögen des Menschen. Vollkommene und irrtumslose
Gottesoffenbarungen gibt es daher überhaupt nicht.
Was speziell das Sittengesetz
betrifft, so haben wir schon § 11 seine Entstehung
Menschengeschlecht geschildert. Diese ist zugleich die Geschichte seiner Offenbarung.
Auf Grund seiner mit selbstischen und sozialen Trieben ausgestatteten Natur
hat der Mensch von Geschlecht zu Geschlecht immer mehr Sätze aufgestellt,
welche Werturteile über Personen und Sachen enthalten; durch Erfahrung
und Reflexion
fand er, dass das Leben, das Eigentum, die Ehe u. a. gegen Eingriff geschützt,
dass Wahrheit, Ehrlichkeit und Treue im Verkehr geübt werden, dass jedem
das Seine gegeben und das Wohl des Ganzen dem des Einzelnen vorangestellt werden
müsste u. s. w. Besonders intelligente und ernste Männer – Philosophen,
Prediger, Lehrer und Dichter – haben dann in Wort und Schrift solche Grundsätze
weiter ausgebildet und so eine
Art von Moralkodex aufgestellt,
den man ohne Zweifel offenbart nennen
darf, d. h. wenn man eine richtige Vorstellung von Gott damit verbindet.
Diese Sittengesetzgebung, welche also von der Menschheit resp, den Einzelnen
geübt wird, kann man auch Autonomie
nennen. Doch muss man dabei die Übertreibungen Kants
und Fichtes vermeiden. Während dieser
dem Sittengesetz Absolutheit beilegt,
schreibt ihm jener Apriorität zu.
So erklärt Kant (W.
W. IV, 345. VIII, 6. 31. 71 u. ä.), das moralische sei uns a priori
gegeben, der kategorische Imperativ sei ein synthetischer Satz a priori und
die Zukunft entwerfe ohne jede Empirie die Idee sittlicher Vollkommenheit, das
Moralgesetz sei ein Faktum der reinen Vernunft, dessen wir uns a priori bewusst
seien.
J. G. Fichte dagegen sagt (W.
W. IV, 56), dass ich solle und was ich solle, sei das Erste, Unmittelbarste;
es bedürfe keiner weiteren Erklärung, Rechtfertigung und Autorisation,
denn es sei für sich bekannt und wahr. Alles, was sich auf Moralität
beziehe, habe gar keine Prämissen, sei schlechthin übernatürlich
und liege außerhalb der Naturerscheinungen. –
Schon § 12 haben wir die angeborenen
Ideen zurückgewiesen. Hier sei noch hervorgehoben, dass
wir die Sittengesetze gerade aus der Erfahrung
schöpfen, dass ihnen keine Allgemeinheit
und Notwendigkeit beiwohnt, sie uns keineswegs
angeboren sind. Im Gegenteil wird der Einzelne in eine Gesellschaft
mit festen Sitten und Ordnungen hineingeboren; Eltern und Lehrer, Staat und
Kirche treten ihm als heilige Autoritäten gegenüber, so dass er weder
Zeit noch Kraft noch Mut findet, nach der Berechtigung der zahlreichen Anforderungen,
welche Sitte und Moral an ihn stellen, zu fragen.
Schopenhauer sagt einmal treffend, dass Wahrheiten, die man sich nicht
erinnert gelernt zu haben, für angeboren gehalten werden. Aber Kant
geht noch weiter; er behauptet nicht nur die Apriorität der bloßen
Idee eines Sittengebotes, sondern sogar die des Sittengebotes selbst und zwar
des Kantinischen kategorischen Imperativs. Doch hat er den Nachweis dafür
unterlassen, der ihm übrigens auch nicht gelingen konnte, da, wie wir andernorts
gezeigt haben (»Hauptpunkte der Metaphysik«
§ 5), die Begriffe »synthetisch«
und »apriorisch« unhaltbar sind.
Der Wahrheitsgehalt der Ansicht
von Kant, Fichte und zum Teil
Ulrici (s. o. S.117) ist einfach dieser:
Jedes Kind, das innerhalb einer gesitteten Gesellschaft geboren wird, bringt
ebenso gewisse ethische Anlagen
und Instinkte mit zur Welt, wie
es mit körperlichen und geistigen Anlagen geboren wird. Diese müssen
in ihm aber durch Erziehung zum
Bewusstsein und zur Fertigkeit erhoben werden; sie würden verkümmern,
wenn das Kind ohne Zucht aufwüchse wie Kasp. Hauser oder der Prinz in Calderons Drama »Das Leben ist ein Traum«. Die Autorität,
welche dem Sittengesetz beiwohnt, entspringt also lediglich aus den Mächten,
welche es hüten (Familie, Schule,
Staat und Kirche), aus den sozialen Instinkten
(der organisch gewordenen Gattungsintelligenz),
welche der Mensch hat, wie jedes Tier, wobei W. Wundts
feine Unterscheidung (Ethik S.92) zu berücksichtigen:
»Der Instinkt ist mechanisch gewordene, die Sitte
generell gewordene Gewohnheit des Handeln«. Dazu kommt noch ein
allgemeines Gefühl des Sollens,
dessen Ableitung wir jetzt versuchen wollen.
Es ist eine Tatsache, dass jedes Kind, sobald in ihm das Bewusstsein aufdämmert,
ein Gefühl des Sollens hat.
So stark in ihm der Eigenwille sein mag, es gehorcht, wenn man ihm bestimmt
und energisch befiehlt; es folgt,
weil es soll. Was aber bedeutet das Sollen?
Es ist das Verpflichtetsein zu
einem Tun und Lassen ohne positiven Zwang;
wobei also der, welcher soll, dem Gebot auch nicht
nachkommen kann, dann aber gewisse unangenehme Folgen
(Schmerz, Beschämung, u. dergl.) zu erwarten
hat.
Auch diesen Begriff haben manche Philosophen, besonders die beiden
Fichte, versucht, durch hypostasierende Formeln mit dem Nimbus übernatürlicher
Transzendenz zu umgeben. Uns scheint die Sache vielmehr so zu liegen: Aus Furcht
vor der stärkeren Autorität, welche dem Kind mit Drohungen oder Strafen
entgegentritt, gehorcht dieses zuerst, ohne die Berechtigung der zahllosen Forderungen
zu prüfen. Diesen fehlt es nicht an Nachdruck,
weil mit jedem Befehl Strafe oder Lohn in Aussicht gestellt werden kann und
daher das Kind aus eigenem Interesse gehorcht.
Je älter der Mensch wird, desto mehr verlieren die erziehenden Autoritäten
an Einfluss. Der Erwachsene braucht nicht mehr aus Furcht vor Eltern und Lehrern
das Gute zu tun. Er fühlt sich fortan zum Guten verpflichtet teils aus
Gewohnheit, teils aus Einsicht
in die objektive Notwendigkeit des Guten. Das Gesetz, das er nun in seinen Willen
aufgenommen hat, verliert den drohenden Charakter; es ist kein
fremder Wille mehr, sondern sein eigner. Denn er hat erkannt,
dass das, was die Gesellschaft von ihm verlangt, im Grunde sein eignes Wohl
ist. In diesem Grunde kann man das Sollen mit Kant
Autonomie oder mit J.
H. Fichte den Grundwillen des Menschen nennen. Denn der Grundtrieb des
Menschen, sahen wir oben (S.40), ist auf die Selbsterhaltung,
d. h. auf möglichst reiche Selbstbetätigung
gerichtet, welche sich in dem Gefühl der Lust,
d. h. gesteigerter Tätigkeit bezeugt.
Um also diesem Grundtriebe zu genügen, sieht sich der Mensch wohl oder
übel (nolens volens) genötigt, den vorhandenen
Autoritäten zu gehorchen. Er wird daher oft auf eine momentane kurze Lust
verzichten, um eine längere künftige zu erlangen; er wird einen physischen
Genuss gern hingeben, wenn er dafür geistige Genüsse erlangen kann;
das Lobe der Autoritäten wird ihm bald mehr gelten als Bequemlichkeit,
Ehre mehr als Reichtum, Wissen mehr als Macht u. s. w. So entsteht allmählich
zwischen den verschiedenen Lustgefühlen und ihren Ursachen ein
Konkurs oder Konflikt,
und für jeden bildet sich, je nach seinem Temperament, seiner Erziehung
und seiner ganzen Natur eine Stufenfolge des
Angenehmen und eine Abwägung dessen,
wozu er sich zu entschließen habe. Je nach dem physiologisch-psychologischen
Hauptsysteme sind dann auch die Ideale der
Einzelnen verschieden. »Ist das vegetative
System besonders regsam, so entsteht die Richtung des Denkens und Tuns
auf materielles wohl im weitern Sinne. Ist das Muskelsystem
besonders regsam, so entsteht die Richtung auf praktische Betätigung als
solche (militärische, technische, industrielle).
Ist das Nervensystem besonders regsam, so werden Wissenschaft,
Kunst, überhaupt geistiges Leben, oft in religiöser Form, als das
Höchste gesucht. Mit diesen Hauptsystemen kombiniert sich dann das sexuelle
Leben«. (Vgl. Baumann, »Handbuch der
Moral« § 17. 34.)
Dieser zunächst rein verständige Kalkül
entspringt nun aber unmittelbar aus unserem Selbsterhaltungstriebe, den
man mit Leibniz, Wolf, J. H. Fichte und Ulrici
auch »Trieb nach Vollkommenheit«
nennen kann. Und da diese verständige Berechnung offenbar
auch von den Sittenlehrern und Gesetzgebern angestellt werden musste, so ergab
sich allmählich auf naturgemäße Weise als
Sittengesetz die
Summe von Vorschriften, deren Befolgung für die menschliche Gesellschaft
am förderlichsten erschien.
Da diese Lebensweisheit sich nur langsam, aber an Hand wirklicher Kompromisse
zwischen den verschiedensten Interessen herausgestaltete, so hat sie schließlich
in der Tat das für die Menschheit Zweckmäßigste,
wahrhaft Nützliche, d. h. Naturgemäße
herausgefunden. Durch lange und bittere Erfahrung gewitzigt, also keineswegs
a priori, fordert nun die Vernunft (d. h. die Vernünftigen!),
dass das Vernünftige geschehe.
Bei dieser natürlichen Ableitung
brauchen wir daher nicht J. H. Fichtes und H.
Ulricis transzendentale Begründung. So sagt Fichte
(»System der Ethik« II, 1, S.6): »Die ethischen oder
praktischen Ideen drücken das ewige Wesen des Menschen in seinem Willen
aus. Der Beweis dafür sei zugleich die Nachweisung ihrer Immanenz, ihres
apriorischen und überempirischen Charakters im menschlichen Geiste«.
Der ethischen Ideen gebe es drei; objektiv: Sittlichkeit und Vollkommenheit
des Willens, subjektiv: Glückseligkeit, das sittliche Gut. –
Ulrici sagt etwas nüchterner
(»Naturrecht« S.101-149), da das Ethische seinem Begriffe
nach das Seinsollende sei, so könne ihm nur ein Gefühl des
Sollens entsprechen, das nicht in verschiedenen Menschen ein
verschiedenes sein könne. Als Gefühl müsse dasselbe,
wie jedes Gefühl, auf einer Affektion der Seele beruhen;
die Affektion setze aber etwas voraus, das affiziere; und zwar
könne das Gefühl, als ein ursprüngliches allgemeines, zum Wesen
des Menschen gehörendes, nicht auf einer zufälligen, der Seele
von außen kommenden Affektion beruhen, sondern nur auf einer
Affizierung derselben durch ein ihrer eignen Elemente, und
zwar müsse das Affizierende, da dieses ein Gefühl des Sollens hervorrufen
solle, selbst ein Seinsollen der Seele sein oder involvieren.
Es sei das bestimmte Ziel, das allen Menschen, ihrem Werden
und Wachsen gleichmäßig gesetzt sei. Diese Bestimmtheit rufe, indem
sie die Seele affiziere, das Gefühl des Sollens hervor. Doch würde
es auf den Willen nur wenig Einfluss gewinnen, wenn es sich nicht mit dem Trieb
nach Vollkommenheit einigte. Aber erst die Unterscheidung und Vergleichung der
Objekte nach den ethischen Kategorien des Wahren, Guten und Schönen gewähre
und die nötige Norm. – Wie künstlich und haltlos diese Theorie
ist, ergibt sich aus dem bisher von uns Vorgetragenen.
Nun aber drängt sich das Bedenken auf:
Wenn also die Sittengesetzgebung dem Menschen weder direkt offenbart noch a
priori eingeboren, sondern die allmählich errungene Selbsterkenntnis der
Vernunft ist – worauf beruht dann ihre verpflichtende Autorität,
ihre Gesetzeskraft? Wenn die ethischen Gebote schließlich nur das eine,
objektive Wesen des Menschen ausdrücken, wenn also das
Ethische im Grunde genommen nur das Vernünftige,
d.h. Zweckmäßige, wahrhaft Nützliche und wahrhaft
Angenehme, das Schöne ist – wodurch können wir den Bösewicht
zur Anerkennung des Sittengesetzes zwingen? Ist nicht diese Selbstgesetzgebung
(Autonomie im Sinne von S.122) eine
große Selbsttäuschung?
Ist dann noch das Sittliche das absolute Gute, das um seiner selbst willen und
von jedem erstrebt werden muss? – Allerdings!
Eine festere Begründung der Ethik als auf die Natur
des Menschen gibt es überhaupt nicht: Diese Basis ist nicht
nur die einzig vernünftige,
sondern auch die unantastbarste.
Vernünftig insofern, als sie dem wirklichen Sachverhalt entspricht. Denn
wenn, wie oben gezeigt, das Gute das dem wahren Wesen einer Sache Gemäße
ist, so gebührt dem Gesetze absolute Anerkennung, welches dieses wahre
Wesen zur Geltung bringen will. Worin dieses aber bestehe, haben wir §
14 angedeutet, wo wir das Sittliche als das für die ganze Menschheit
Förderliche definierten (S.117).
In dieser Formel sind, wie später bei der Besprechung des Moralprinzips
nachgewiesen wird, alle einzelnen Pflichten enthalten. Insofern gebührt
unserm Sittengesetz auch Allgemeinheit
und Notwendigkeit.
Wohl gibt es viele, welche weder dies noch irgend ein anderes Gesetz anerkennen;
welche weder das Gute noch das Wohl der Mitmenschen suchen. Aber ihnen gegenüber
weiß sich dann unser Sittengesetz auch kräftig zu behaupten.
Eben weil es so natürlich entstanden und aus dem mühsamen Ringen der
Vernunft hervorgegangen ist, werden alle Vernünftigen fest
zusammenstehen im Bunde gegen die Bösen. Weil das Sittliche
zugleich das Nützliche ist, wird der Unsittliche zu seinem Schrecken sich
selbst am meisten schädigen;
alle Pfeile, die er als Verbrechen gegen die sittliche Weltordnung entsendet,
springen als Übel auf ihn selbst zurück. Die Selbstsucht und Lieblosigkeit
schlägt in Selbstvernichtung
um, der Rücksichtslose wird bald selbst nicht mehr berücksichtigt,
der die Freiheit missbraucht
als »Deckel der Bosheit«, wird seiner Freiheit bald physisch
oder geistig beraubt. – Aber nicht jeder ist ein Verbrecher oder selbst
in Gefahr, einer zu werden; und die Sittlichkeit besteht keineswegs in kalter
Gesetzlichkeit. Für diejenigen, welche über den Pragmatismus
von Lohn und Strafe erhaben sind, wird unser Sittengesetz zur absoluten Lebensnorm
aus philosophischen
und religiösen Motiven. Vernünftig zu handeln
ist der höchste Ruhm, weil der eigentümliche Vorzug des Menschen.
Vernünftig handelt aber nur wer sittlich handelt, folglich –.
Aber nach unserer Darlegung in § 5 und 6 gehen
wir noch weiter, indem wir F. v. Baader beipflichten,
welcher sagt:
»Wer in der Natur die Natur und nicht
den Geist, wer im Geist nur diesen und nicht Gott,
oder wer den Geist außer und ohne die Natur, Gott ohne und außer
dem Geiste sucht, der wird weder Natur, noch Geist, noch Gott finden, wohl aber
sie alle drei verlieren«.
Die Vernunft, welche alle Einzeldinge
durchwaltet, ist Gott. Er verhält
sich zur Welt wie zum Leibe die Seele. Beide sind verschieden und doch eins.
Wer also sittlich handelt, wirkt im Dienste Gottes.
Denn Er offenbart sich in unserer Vernunft und in ihrer Sittengesetzgebung.
Wohl ist dies nur ein Glaube,
aber ein Glaube, der auf den Tatsachen täglicher Erfahrung ruht. Ohne diesen
Glauben verliert unser Leben jeden Halt; wir müssen glauben an unsere Bestimmung
(das »göttliche Ebenbild«), an
die Möglichkeit und Verpflichtung, sie zu erreichen; glauben an eine göttliche
Weltordnung, welche dem Guten zum Siege verhilft; glauben an uns selbst und
an die Mitmenschen, trotz der Schwächen und Fehler, die wir alle haben.
»Studiere nur und raste nie, du kommst nicht weiter
mit deinen Schlüssen; das ist das Ende der Philosophie: Zu wissen, dass
wir glauben müssen«. (Geibel)
Dieser Glaube an das Gute ist freilich kein leeres Spiel der Phantasie,
kein angelerntes und anerzogenes starres Dogma, nein, er ist Lebenserfahrung
und die reife Frucht eindringender Erkenntnis. Daher verleiht er uns auch Begeisterung
zum Kampf gegen das Schlechte, Idealismus
in einer pessimistisch-materiellen Zeit, Kraft
zum Handeln und Dulden. Schon durch das gewöhnliche Leben
glaubt sich jeder hindurch: Er glaubt der Natur, dass sie ihn
nicht betrüge; seinen Sinnen, dass sie ihn nicht täuschen; dem Gesicht,
dass es den Charakter des Fremden andeuten werde; jeder glaubt der Rede des
andern, seinen Eltern und Lehrern und den Büchern. Wieviel mehr auf ethischem
Gebiete, wo die Wirklichkeit notwendig hinter dem Ideal
zurückbleiben muss. Da genügt weder bloßes Hoffen
noch Wünschen, weder
Ahnen noch Behaupten:
man muss die herrliche Zukunft ergreifen
in der stillen, aber felsenfesten Zuversicht auf
das Unsichtbare. Denn das Sichtbare ruht auf dem
Unsichtbaren, das Vergängliche
auf dem Bleibenden, das
Einzelne auf dem Ganzen,
das Ganze auf der Idee!
S.117-126
Das Böse
(§ 16)
Gegenüber dem Ideal, welches wir in § 14 und
15 zeichneten, ist es nun eine traurige, aber unleugbare
Tatsache, dass das Sittlich-Gute keineswegs
von allen Menschen erstrebt und selbst von denen, die
es eifrig erstrebten, nie ganz erreicht
wird. So herrlich auch die Ethik den wahren Naturzustand ausmalt, so mangelhaft
ist der wirkliche Zustand
des Menschen in der Natur. Wohin wir blicken, überall sehen wir
Lug und Trug, Hass und Neid, Grausamkeit und Lieblosigkeit,
Völlerei und Ausschweifung u. s. w., so dass wir dem Bibelwort zustimmen
müssen: »Sie sind allzumal Sünder und
mangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, da ist keiner, der Gutes
tue, auch nicht einer«(Ps.
14, 1. Röm. 3, 19).
Hierbei sind von vornherein zwei viel verbreitete
Irrtümer abzuweisen:
Der Optimismus oder
Pelagianismus und der Pessimismus
oder Dualismus .
Die optimistische Weltanschauung
leugnet die Realität des Bösen
überhaupt. Es soll nur eine Schwäche des Menschen sein, wie
Pelagius, der Gegner Augustins
(gest. 430), und wie das Jahrhundert der Aufklärung
meinte. Dass bei Spinoza im Grunde
vom Sittlich-Bösen gar nicht die Rede sein kann, haben wir schon §
14 gesehen; ebenso wenig ist dies bei Hegel
der Fall. Denn, abgesehen von seiner schwankenden Ausdrucksweise, sagt er, der
Mensch sei zugleich sowohl an sich oder von Natur, als durch seine Reflektion
in sich böse. Dieses Böse sei, was notwendig nicht sein solle. Der
Mensch sei gut nur auf innerliche Weise, aber nicht der Wirklichkeit nach. Diese
Natürlichkeit des Willens, die Selbstsucht, sei böse, wodurch die
andere Seite nicht aufgehoben werde, dass er gut sei
(Werke VIII, 179. XII, 258).
Auch in unsere Zeit ist eine weit verbreitete Meinung, dass wir im Grunde gar
nicht so schlecht sind, dass nur die Moralprediger auf Kanzel und Lehrstuhl
den Menschen so schwarz malen, weil es ihr Beruf so mit sich bringt. Gewiss,
viele Menschen führen ein äußerlich
ehrbares Leben. Sie morden, rauben und betrügen nicht, sie sind
fleißig und mäßig, sie erfüllen alle ihre Bürger-
und Berufspflichten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit. Und doch – werden
wir ihnen mehr als Legalität beilegen
dürfen? Nein! Denn die Motive,
aus welchen heraus sie ihre Pflichten erfüllen, sind entweder
unmoralisch oder noch nicht moralisch: Es sind meist
Ehrgeiz, Habsucht, Selbstliebe, Furcht vor Strafe u. a. In diesem Sinne
nannte Augustinus (de
civit. dei 19, 25) die Tugenden der Heiden, weil sie voll Aufgeblasenheit
und Hochmut seien, »glänzende Laster«.
Nun, die der Christen sind meist dasselbe. Schon höher steht zwar diejenige
Lebensführung, welche aus Liebe
zu Personen oder Gemeinschaften gesetzmäßig ist, z. B. aus
Liebe zu Eltern und Lehrern, Geschwistern, Kindern und Freunden, oder aus Liebe
zum Vaterlande, zur Wissenschaft, Kunst u. dgl. m. Aber es ist immer noch
keine lautere Sittlichkeit. Erst wenn wir das Gute tun
um seiner selbst willen, ohne
Rücksicht auf eigenen Nutzen, eigene Ehre, eigene Ehre, eigene Bequemlichkeit,
ja selbst mit der Verletzung derselben, einzig im Dienste Gottes, dann handeln
wir löblich. Aber wie selten
geschieht das! Und selbst wenn es geschieht, wie unbeständig
sind wir im Guten! Dazu kommt, dass wir meistens nicht einmal das Rechte klar
erkennen. Aus Irrtum begehren
wir Unsinniges oder Unsittliches, wählen schlechte Mittel zu guten Zwecken
oder wenden gute Mittel zu schlechten Zwecken an. Oft verblendet uns das Gemüt,
so dass wir zu schnell oder an falschem Orte handeln u. s. w. Dazu kommt das
große Heer unsittlicher Gedanken,
welche nicht zur Tat werden, teils weil uns der Mut, teils weil uns die Gelegenheit
dazu fehlt.
»Oft ist die Heiligkeit, womit sich kleine Seelen
blähen, bloß Mangel an Gelegenheit, die Fehler anderer zu begehen«
(Pfeffel).
Endlich verblendet uns der Mangel an Selbsterkenntnis,
der wieder aus Trägheit oder Furcht oder aus unbewusster Heuchelei entspringt.
Andere tadeln wir laut oder insgeheim, dem Satze, dass alle Menschen ihre Fehler
haben, stimmen wir bereitwillig zu – nur uns nehmen wir dabei aus. Aber
gerade je mehr wir uns prüfen, desto schlimmer erscheint uns das eigene
Herz, desto härter beurteilen wir uns selber.
»Eine gebesserte, gereinigte Seele«, sagt Jean
Paul, »wird von der kleinsten moralischen Giftart,
wie gewisse Edelsteine von jener anderen Art trübe, und jetzt, nach der
Besserung, merkt sie erst, wie viel Unreinigkeiten sich noch in allen Winkeln
aufhalten«.
So ist die Tugend ebenso der Weg zur Selbsterkenntnis, wie umgekehrt. Denn bei
dem Versuche, jene zu üben, merkt man, wie weit man in dieser noch zurück
ist. Daher ist Misstrauen in sich selbst der
erste Schritt zu beiden. Je weiter man nun darin kommt, desto mehr Fehler wird
man an sich entdecken, desto verzagter wird man werden. Denn das Gute, das man
will, tut man nicht, sondern das Böse, das man nicht will.
Da kann es denn leicht geschehen, dass man aus einem Extrem ins andere fällt
und nun aus einem leichtsinnigen Optimisten
zum verzweifelten Pessimisten
wird. Mit den Manichäern und Schopenhauer
möchte man dann das Böse für die natürliche Notwendigkeit
des menschlichen Geschlechts halten. Weil viele Laster an der
Sinnlichkeit ihren Ausgangs- und Stützpunkt haben, erscheint
diese als das eigentlich Böse. Daher die Mahnung, das Fleisch durch Askese
abzutöten, welche sich bei Indern, Parsen, Manichäern
und modernen Pessimisten findet. Oder, da
der Leib die »Objektität« des Willens
sein soll, die Forderung, den Willen zum Leben zu verneinen und ins Nichts
zuückzukehren. Aber die Sünde ist weder die
Substanz noch die Naturnotwendigkeit
des Menschen. Dies beweist unser Gewissen,
welches, ob es auch schlummert oder unterdrückt ist, immer wieder laut
gegen unseren unvollkommenen Zustand protestiert. So gesetzmäßig
daher auch das Schlechthandeln im ganzen sich vollzieht, wie
die Statistik zeigt, so gesetzwidrig bleibt
es im einzelnen. Kein Mensch will betrogen sein, jeder liebt die Wahrheit um
ihrer selbst willen; der Trieb nach Vervollkommnung wohnt
auch dem Schlechtesten inne. Ja dadurch, dass das Laster die Maske
der Tugend wählt, erkennt es ihren Wert an; und kein Verbrecher
findet es ungerecht, dass er bestraft wird. Straft er sich doch
selbst genug, selbst wenn die irdische Gerechtigkeit ihn nicht erreicht. Denn
so anmutig ihn die Untat ihn anlächelte, ehe er sie beging, so furchtbar
blickt sie ihn nach ihrer Vollendung an.
»Ein anderes Antlitz, eh’ sie gescheh’n,
ein anderes zeigt die vollbrachte Tat!« (Schiller).
Dann erwacht die schlafende Furie, die Reue, und jagt ihn ohne Ermatten, bis
er verzweifelt oder seine Tat sühnt oder sich durch neue Schandtaten betäubt.
–
Aber die Sünde ist auch
nicht bloß Sinnlichkeit, wie selbst
Schleiermacher behauptet. Denn freilich arten die Triebe nach Nahrung, Besitz,
Geschlechtsgenuss leicht in Laster aus, aber sie selbst sind doch darum nicht
schlecht Und gerade die schlimmsten Fehler wurzeln nicht in der Sinnlichkeit,
sondern in der Selbstsucht, z. B. Zorn, Rache, Neid, Hochmut
u. a.
Fragen wir also, was denn das Böse sei, so
ergibt sich nach dem Bisherigen die Antwort: E s ist die
verkehrte Willensrichtung des Menschen, welcher aus Selbstsucht
das Seine sucht auf Kosten der anderen. Wohl ist die Selbstliebe
berechtigt, sie ist ja das Zentrum unserer Individualität, aber indem sie
die Schranken durchbricht, welche ihr die Gemeinschaft der Menschen zieht, verliert
sie ihr wahres Lebenszentrum, nämlich die Gottesliebe, und verletzt alle
Rücksichten auf andere, ja sie erhebt sich kühn zum Kampf gegen alle.
Die sinnlichen Triebe arten aus
in Völlerei und Wollust; die Güter der Welt, welche wir für sittliche
Zwecke begehren sollen, reißen wir zucht- und maßlos an uns, voller
Hab-, Ehr- und Herrschsucht. Alle Perspektiven verschieben sich: in krankhaftem
Egoismus macht sich der Einzelne zum
Zentrum des Ganzen, ja zum Ganzen
selbst, im Größenwahn unbefriedigter Selbstliebe
möchte er die ganze Welt an sich reißen und
vernichtet dabei doch nur sich selbst. Der Gute liebt die Menschen
und Gott, der Böse nur sich selber; jener sucht das Wohl des Ganzen, dieser
sein eigenes; jener kreuzigt sein Fleisch, samt den Lüsten und Begierden,
dieser sucht sein Leben zu erhalten, verliert es aber.
Alle Sünde wurzelt also im Geiste, aber wegen des innigen Zusammenhanges
von Leib und Seele (§ 7) erscheint sie als
Fleischeslust, Augenlust und Hoffart. Das wahrhaft
natürliche Verhältnis, dass der Geist herrsche über unsere Triebe,
ist in die Knechtschaft desselben unter die Leidenschaften verkehrt. Wohl fühlen
wir Scham darüber, klagen uns an, dass es so ist, aber der
edle Sklav in uns vermag nur durch langen, unablässigen
Kampf jene diamantnen Fesseln zu sprengen. Oder, was leider noch häufiger
eintritt, das Schuldgefühl führt den Menschen zum Unglauben
an Gott, ja zur Gottesleugnung;
um sein nagendes Gewissen zu beruhigen, wirft er sich dem praktischen und theoretischen
Atheismus in die Arme; oder er huldigt krassem Materialismus
oder finsterem Aberglauben.
Da er sich aus Furcht und Scham nicht bessert, verschließt er sich allmählich
immer mehr das Verständnis
für moralische und religiöse Dinge und zertritt absichtlich in seinem
Herzen die zarten Keime der Liebe zu Gott.
Und doch ist sein Herz unruhig und findet nicht Frieden, auch »die Kinder
der Welt« erkennen, dass alles eitel ist, und seufzen mit
Goethe: »Ach, ich bin des Treibens müde,
was soll all der Schmerz, die Lust! Süßer Friede – komm, ach
komm in meine Brust!«
Wie oben (S.116) das Gute, lässt sich nämlich
auch das Böse unter dem dreifachen
formalen Gesichtspunkt des Gutes, der Pflicht und der Tugend betrachten.
Denn das Böse erscheint in seiner die pflichtmäßigen Gemeinschaftsbande
zersetzenden Macht als Pflichtvergessenheit,
in seinem Charakter der Persönlichkeit schwächenden Einfluss als Untugend,
in seinen schrecklichen Folgen
als das höchste Übel.
Nachdem die Selbstsucht den Menschen einmal seiner idealen Aufgabe entfremdet
hat, drückt sie allem seinem Tun, seinem Sein und haben den Charakter des
Todes auf. Er verkrüppelt
geistig und sittlich, ja auch leiblich; denn die Sünde, wenn sie vollendet
ist, gebieret sie den Tod
(Jak. 1, 15).
Der Missbrauch der Sinnlichkeit
rächt sich bald durch Ekel, Krankheit und Schmerz; die
übertriebene Selbstsucht des Einzelnen, seine Rücksichtslosigkeit,
Ungerechtigkeit und Gewalttat ruft dieselbe Reaktion bei den anderen Menschen
hervor. Unlauterkeit, Betrug, Hass und Zwietracht vergiften alle Verhältnisse.
Als pathologische Konsequenz tritt nun sein förmliches »Gesetz
der Sünde« auf, nämlich das Elend
der Gesellschaft in notwendiger Proportionalität zu ihrer
Schuld. Mit furchtbarer Strafgerechtigkeit erhebt sich die göttliche Weltordnung
gegen ihre Verächter. Denn Gott ist der lebendige Hüter der Moral
– kein »Strohpotze« (Luther)
oder »verschämter Scheingott«
(Heine) – als
Nemesis waltet er über den Bösen, wie als Vater über den Guten.
Mit Recht nennt Schiller die Schuld
als das größte Übel, denn sie schließt alles ein,
was uns das Leben so schwer macht.
So groß auf der einen Seite die Fortschritte
der Menschheit in Wissenschaft, Kunst und Industrie sein mögen,
so hat damit die Sittlichkeit keineswegs Schritt gehalten. Und wenn auch die
Kultur noch eine Zeitlang bestehen kann, während Moral und Religion mit
Füßen getreten werden, über kurz oder lang fällt sie doch
der Verwesung anheim, weil die Säulen der Gesellschaft untergraben sind.
Denn »die Sünde ist der Leute Verderben«,
wie das Schicksal der alten Kulturvölker beweist. So wenig wir daher jene
Geistesarbeit der Menschen mit dem Pessimismus verachten wollen, - denn sie
hat ja die Völker zeitweise vor völliger Versumpfung bewahrt -, so
energisch müssen wir darauf hinweisen, dass Wissenschaft, Kunst und Industrie
weder einzeln noch vereinigt das wichtigste Bedürfnis des Menschen, nämlich
nach Friede und Erlösung vom Bösen, zu befriedigen vermögen.
Religion, Rechtspflege und Ethik müssen erst die
wahre Humanität pflanzen. Aber während uns die Religion
die Wiederherstellung unserer Gemeinschaft mit Gott verheißt
durch Sühnung der Sünde; während das
Recht die objektive Ordnung gegen die Sünde aufrecht erhalten
zu erhalten sucht, fordert die Ethik die
subjektive Erneuerung unserer Gesinnung, um durch Beseitigung der falschen Willensrichtung
zugleich die unendliche Jammerlast der Menschheit zu heben.
Bevor wir die wichtige Frage nach
dem Ursprunge des Bösen beantworten, seien, seien noch
andere Ansichten über das Wesen desselben
angeführt. Bei Homer ist das Wesen der Sünde
einerseits Betörung, anderseits Selbstsucht (Nägelsbach,
»Homer. Theol.« VI). Bei Plato
findet sich die merkwürdige Stelle (»Legg.«
V, 731): »In Wahrheit beruht bei jedem die
Ursache aller Sünden in der zu heftigen Selbstliebe«; sonst
freilich betrachtet er das Böse als Unwissenheit oder als Krankheit oder
als Maßlosigkeit. Wenn auch in der Bibel der Ausdruck
»Selbstsucht« nicht vorkommt, so wird
doch als Ziel der Erlösung hingestellt, dass der Mensch aufhöre ,
sich selbst zu lieben und das Seine zu suchen (Röm.
14, 7. 8. Gal. 2, 20. Lucä. 14, 26 u. ä.). Demgemäß
bezeichnen Augustin in De
civ. Die 14, 28 und Thomas
von Aquino (Summa II,
1, 77) den amor sui als Quell der Sünde. Besonders vertreten die
Mystiker Hugo und Richard v. St.
Victor, Tauler und die
Teutsche Theologey diese Ansicht. Die Reformatoren Luther
und Calvin betonen, ihrer Zeitrichtung gemäß,
den Unglauben. Auch dass das Böse eine verkehrte Willensrichtung
sei, nämlich die Abwendung unserer Liebe vom Schöpfer zum Geschöpf,
wird von Augustinus,
manchen Scholastikern und auch von Leibniz
(»Theodicee« I, 33) behauptet.
Damit hängt nun die Frage nach dem Ursprung des Bösen
zusammen. Eine verbreitete Ansicht betrachtet es als eine metaphysische
Unvollkommenheit. Dem Geschöpfe, sagt Leibniz,
(»Theodicee« I, § 20. 31) kann
absolute Vollkommenheit nicht zukommen, sonst wäre es Gott. Daher ist es
dem Irrtum, dem Schmerz und der Sünde unterworfen. Weil der Mensch oft
durch dunkle und verworrene Vorstellungen geleitet wird, so zieht er das Kreatürliche
dem Göttlichen vor, und darin eben besteht das Böse. Dies ist also
nichts Reelles, sondern bloße Beraubung. Man sollte also,
meint er mit Augustinus und Thomas
Aquinas, nicht nach der causa efficiens des
Bösen fragen, sondern nach der causa deficiens
und nicht Gott als Urheber anklagen, von dem wohl die Kraft herrührt, aber
nicht die Schwäche. Die ideale Ursache des Bösen
freilich ist Gott, resp. sein Verstand, welcher unter den möglichen Welten
gerade die vorhandene, d. h. mit Unvollkommenheiten behaftete, als die bestmögliche
erkannte. – Hiermit wäre freilich Gott gegen den Vorwurf, das sittliche
und physische Übel,
verursacht zu haben, keineswegs gerechtfertigt. Denn warum
hat er dem Menschen nicht die Kraft mitgeteilt, die Sünde zu vermeiden?
Und wenn er so unvollkommene Wesen nicht nur als möglich
erkennt, sondern wirklich hervorbringt, so ist er doch
die Ursache ihrer Unmoralität. Ferner hebt jene Theorie, welche das Böse
zu einem metaphysischen Übel macht und es dadurch verewigt, sein Wesen
als Schuld des Menschen auf, während doch unser Gewissen
uns dafür verantwortlich macht.
Aber während Leibniz allen Ernstes die Welt
für minder vollkommen erklärt, wenn ihr die Sünde fehlte
(»Theod.« I, § 10), so hofft er doch deren Aufhebung
durch allmählige Annäherung an die Vollkommenheit, indem er den Menschen
als die »Asymptote der Gottheit« bezeichnet.
Demgemäß nennt er als eigentliche Ursache des Bösen den
freien Willen des Menschen der Kreaturen (»Theod.«
II, 3 120, III 274), welcher weder dem Zwange, noch der Notwendigkeit
unterworfen sei. Denn sein vorhergehender primitiver Wille gehe einfach auf
das Gute, sein nachfolgender Wille dagegen, welcher sich nach seinem Verstande
richte, lasse das Böse zu à titre du sine
quanon ou de nécessité hypothétique (II,
§ 119). –
An anderem Orte haben wir die Haltlosigkeit dieser ganzen Theorie nachgewiesen.
Das Böse ist keine Schwäche, Privation oder Unvollkommenheit, sondern,
wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, eine Macht, eine
positive Energie. Es entwickelt sich im einzelnen wie in größeren
Kreisen, es stählt oft den Willen, versetzt alle Kräfte des Menschen
in Aktion und konzentriert sie oft zu dämonischer Fruchtbarkeit. Daher
bedauern wir nicht nur die Bösen als schwache Kranke, sondern wir schaudern
vor ihrer bewussten Bosheit und tückischen Ruchlosigkeit zurück.
Verwandt mit dieser Ansicht ist die heutige ziemlich geläufige, dass das
Böse immer am Guten sei, d. h. nie objektiv und substantiell
existieren könne, sondern sich immer missbrauchend an ein (metaphysisch)
Gutes anschließen müsse. So sagt Augustinus
(de civ. dei 11, 9), das Böse habe kein eigenes Wesen, sondern der
Verlust oder die Abwesenheit des Guten haben den Namen des Bösen erhalten.
Aber diese, auch von Dionysius Aeropagita
(De div. nomin. 4), verschiedenen Kirchenvätern
und manchen Hegelianern, z. B.
Göschel, vertretene Meinung vermischt das Sittlich-Gute mit dem
Metaphysisch-Guten (d. h. Realen). Ebenso identifiziert
Spinoza Macht (potentia)
und Tugend (virtus) und hebt, indem er die Ohnmacht
in der Grenze unserer Realität durch anderes sieht, das Böse auf,
zumal es nur auf dem Vorurteil des imaginierenden Denkens beruhen soll (»Eth.«
IV, 20. 29. 30). Ähnlich sagt auch C. F. Baur
(Tüb. Zschr.1834), weil in jeder Sünde immer nur das für
das eigentliche Böse in ihr zu halten sei, was an ihr als Negation erscheine,
sei das Böse auch das Endliche; denn dies selbst sei die Negation des Unendlichen
und alle endliche Erscheinungen nichts als ein relatives Nichts. – Natürlich
hebt diese Identifizierung vom Endlichen mit dem Bösen letzteres im Grunde
auf.
In anderm Sinne freilich schließt
ja jede Sünde, wie wir öfters betonten, eine Privation
in sich; aber nicht die einfache Verneinung, welche allerdings dem Endlichen
anhaftet, sondern Störung und Verkehrung. Aber auch so ist die schwere
Frage, woher das Böse stamme, nicht beantwortet; denn
wie soll aus Verneinungen, die im Begriff des Menschen als Geschöpfes liegen
(Leibniz), eine Verneinung folgen, die diesem Begriff widerstreitet?
Eine andere, schon oben (S.130) berührte Ableitung
ist die aus der Sinnlichkeit. Darunter ist natürlich nicht
mit H. Ritter (Ȇber
das Böse« S. 5) das Veränderliche unseres Daseins, unser
zeitliches Ich zu verstehen, sondern diejenige Seite unseres Wesens, in welcher
unsere Bestimmbarkeit durch äußere Eindrücke
beruht. Selbstverständlich meint diese Ansicht nicht, dass der sinnliche
Trieb an sich das Böse sei – sonst verschwände
es ja wieder durch zu weite Fassung des Begriffs – sondern nur insofern
die Sinnlichkeit mit dem Geiste zusammen ist, resp. ihm widerstrebt.
Aber abgesehen davon, dass doch der Sinnlichkeit kein Handeln zugeschrieben
werden kann (S.47) und die meisten Sünden
unsinnlicher Natur sind (S.130): so ist doch jene
Herrschaft der Sinnlichkeit über den Geist nur denkbar infolge einer positiven
Selbstverkehrung des Willens oder einer natürlichen Schwäche
des Geistes.
Mit dieser Theorie übereinzustimmen scheint auch
Kant, wenn er das Böse in eine verkehrte Maxime setzt, das Gesetz
der praktischen Vernunft den Sinnentrieben unterzuordnen, in
die Befriedigung der sinnlichen Neigungen, und wenn er die
Freiheit als das Vermögen definiert, sich unabhängig von, ja im Widerspruch
mit allen sinnlichen Triebfedern rein aus Achtung vorm Sittengesetz
zum Handeln zu bestimmen. Da das Böse nun weder in der Freiheit, noch in
dem intelligiblen Charakter überhaupt liegen kann, so scheint nichts übrig
zu bleiben als die Sinnlichkeit. –
Im Gegensatz dazu verwirft
er in der »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
Vernunft« ausdrücklich jene Ansicht, teils weil die sinnlichen
Neigungen keine gerade Beziehung auf das Böse haben, teils weil dadurch
die Zurechnung aufgehoben werde. Vielmehr sei das radikal Böse,
d. h. der Hang dazu, aus einem intelligiblen Freiheitsakt abzuleiten (Bd.
IX, 223, X, 22ff.). Denn wenn der Mensch jetzt schlecht ist, so muss,
da nach Kant das Phänmeno nur das Noumenon
spiegelt, dieses selbst schon schlecht gewesen sein; und da der Mensch, was
er soll, auch können muss, so kann das Böse nur im Nichtwollen
liegen. Diese Ansicht vereinigt sich mit der obigen dahin, dass das Objekt,
welches der Mensch in der Sünde sucht, zwar ein sinnliches ist,
ihre Quelle aber der intelligiblen Welt angehört. Wie
haltlos freilich Kants Unterscheidung
von Dingen an sich und Phänomenon sei, habe ich in meinen »Hauptpunkten
der Metaphysik« § 5 nachgewiesen.
Auch Schleiermacher
leitet das Böse aus der Sinnlichkeit ab (»Syst.
d. Sittenlehre« § 91. 109. »Abhandlungen« 1825. S. 27).
Während er es einmal definiert als das ursprüngliche Nichtbewusstsein
der Natur oder als ein Tun der Natur, dem ein Leiden der Vernunft entspreche,
bezeichnet er es in der »Glaubenslehre« (I,
§ 66) als eine durch die Selbständigkeit der sinnlichen Funktionen
verursachte Hemmung des Geistes. Seine Meinung wird dadurch jedoch verdunkelt,
dass er teils den Begriff des Geistes nicht definiert, teils
die Sinnlichkeit doppelt deutet, bald als Gesamtheit der Funktionen,
die sich auf das Verhältnis des Menschen zur Welt beziehen, bald als die
Funktionen des niedern, animalischen Lebens. Ferner wird der Ursprung jener
Hemmung des Geistes in der schnelleren und vielseitigeren Entwicklung der Sinnlichkeit
gefunden, während der Geist stoßweise und isoliert fortschreite (§
68, 1). Und doch soll der Geist das Gottesbewusstsein
und schlechthin einfach, zeitlos und sich selbst stets gleich sein. Immerhin
beruht die Sünde auch hier auf einer von Gott geordneten Schwäche
des Geistes. Dies gibt auch Schleiermacher zu;
die Sünde müsse sein, damit sich die entwickelnde Herrschaft des Gottesbewusstseins
als Erlösung erfahren werde. Diese Ohnmacht werde uns
dadurch zur Sünde, dass es den sinnlichen Trieb, den es
noch nicht zu unterwerfen vermag, doch verneint als Bewusstsein
des göttlichen Willens (d. h. als das Gewissen).
Gott sei also Urheber der Sünde, insofern er Urheber
der Erlösung, die Sünde aber die Bedingung der Erlösung
sei. Doch fällt natürlich dadurch die ganze Betrachtung auseinander:
Einerseits wird alles aus der absoluten Ursächlichkeit Gottes abgeleitet
und damit die Sünde objektiv ausgeschlossen; andererseits
sollen wir subjektiv uns dessen, was für Gott ein Negatives
ist, als eines positiven Gegensatzes gegen ihn bewusst werden. Hierdurch wird
doch ebenso wenig Gottes Liebe und Wahrhaftigkeit verletzt, wie die Erfahrung
des Menschen ignoriert, was freilich aus Schleiermachers
Determinismus notwendig folgt.
Diese Notwendigkeit des
Bösen hält der moderne Materialismus aufrecht, wenn er es als eine
unausweichliche Konsequenz der Individualität ansieht.
Diese sei ja doch die Basis aller Existenzen; nur durch Selbstbehauptung, durch
Zentripetalkraft können sich die Einzelnen – Planeten, Pflanzen,
Tiere, Menschen – erhalten. Der daraus entspringende
»Kampf ums Dasein« sei ebenso notwendig als förderlich.
Wie die Kunst, so bestehe auch nur das Leben durch Gegensätze.
Damit des Menschen Tätigkeit nicht erschlaffe, gab ihm Gott den
Gesellen zu, der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen
(Goethe). Überall also in der Natur sind Bejahung und Verneinung,
Liebe und Hass, Aktion und Reaktion, Allgemeinheit und Egoität die Pole
frischen Lebens. –
Diese dualistische Ansicht ist uralt. Zoroaster
soll schon gelehrt haben: Das Gute und das Schlechte seien aus der Mischung
von Licht und Finsternis entstanden, wie die Welt überhaupt.
Der arabische Mystiker Dschelajleddin singt:
»Tritt im Kampf Gott mit dem eignen Wesen auf,
glaub’ aus solchem Kampf blüht dann ein Eden auf«.
Ähnliche Ansichten finden sich bei Plotin (Enn.
8, 7), dem Stoiker Chrysipp (Gell.
VI, 1) und den Gnostikern. Ja, auch Lactanz
(Div. institt. 2, 8. 9) sich die Gegensätze
von Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Logos und Teufel im Menschen konzentrieren.
Scotus Erigena meint (De
divis. Nat. 5, 35), das Böse erscheine bei Betrachtung des Einzelnen
als widrig, dagegen als gut und notwendig, wenn man das Ganze überschaue.
Auch Augustin in seinen frühen Schriften,
Thomas Aquinas (I, 48, 2),
Leibniz und Schleiermacher
huldigen dieser Ansicht. Besonders ausgeführt haben sie auch Jak.
Böhme, Schelling und
Hegel, natürlich stets nach ihrem System modifiziert. Auf Hegel
kommen wir sogleich noch spezieller zurück, Schelling
aber lehrt (»Werke« Abt. I, Bd. 6 544.
7, 400. 8, 75), gut und böse seien dasselbe, nur von verschiedenen
Seiten angesehen; das Böse an sich, d. h. in der Wurzel seiner
Identität betrachtet, sei das Gute, dieses dagegen in seiner Entzweiung
betrachtet, das Böse. Das Nichtgute sei doch ein mögliches Gutes.
Wer keinen Stoff und keine Kräfte zum Bösen habe, sei auch zum Guten
untüchtig. Das Böse sei nur böse, insofern es den Potenzzustand
überschreite, als Basis aber gut. Bosheit sei nur etwas relativ Böses,
wie die Kraft und Wildheit der Tiere; der Unrechthandelnde nur ein Unglücklicher,
sein Handeln habe geringere Realität als das des Rechthandelnden, und das
sei seine Strafe! –
Es ist wahr, die Spannung der Gegensätze bedingt das Leben.
Aber man darf darum doch nicht mit dieser Theorie das Gute für das starre
Sein halten, das erst der (bösen) Energie
bedürfte. Jede Individualität ist ja, trotz der notwendig anhaftenden
Einseitigkeit, ein Mikrokosmos (S.39).
Und gerade die vorhandene Polarität weist sie darauf hin,
sich mit anderen in Liebe zur Harmonie zu verbinden. Das eben
ist die sittliche Aufgabe, dass sowohl der Einzelne in sich als auch mit anderen
eine Einheit werde. Ferner folgt aus der Analogie, in welche
man gut und böse mit Licht und Finsternis setzen kann, nicht ihre
Identität. Wenn daher das ethisch Gute nur durch freie Entwickelung,
d. h. durch viele Stufen zu erreichen ist, so schließen
sich diese doch auch nicht aus. Und die Liebe zu Gott umfasst auch die zu den
Menschen, die zum Vaterlande, auch die zu Geschwistern u. s. w. Aber gut und
böse sind gar nicht Gegensätze im logischen Sinne,
denn nur diese fordern einander, sondern das Böse ist die reale Aufhebung
und Zerstörung des Guten. Und wenn auch Charaktere, die sich bekehrt
haben, häufig das Gute nun um so energischer lieben, so gibt es doch ein
stilles, aber inniges Liebesfeuer, welches sich nicht erst von den Schlacken
des Bösen zu reinigen braucht. Endlich ist ja doch die Sünde, wie
wir S. 132ff. zeigten, nicht bloß Vereinzeltes,
sondern eine Kollektivmacht, welche ganze Geschlechter, Nationen,
ja die ganze Menschheit durchsetzt hat. Wird aber gesagt, der Schatten,
welchen das Sündenelend der Massen wirft, diene dem Lichte Einzelner als
Folie, so wird damit die Persönlichkeit unerlaubterweise zum Mittel
herabgesetzt.
Hegels Gedanken über Wesen und Ursprung des Bösen sind, wie
so häufig, ganz unzusammenhängend und einander widersprechend. In
der »Phänomenologie«
(W. W. II, 361 ff.) sagt er, das Schlechte sei nur das passive geistige
Wesen, oder das Allgemeine, sofern es sich preisgebe an das vergängliche
Selbst. Die Natur in ihrer Entgegensetzung gegen die geistige Einheit sei das
Böse. Doch seien Gutes und Böses ebenso dasselbe, wie schlechthin
verschieden . Die »Logik«
(W. W. VI, 58f.) betont, der Unterschied zwischen ihnen werde nicht zum
Schein. Das Böse sei die Entzweiung. Doch sei es nichts Positives, sondern
nur der absolute Schein der Negativität in sich. Der Mensch, indem er sich
selbst Zwecke seines Handelns setze, dieselben auf die höchste Spitze treibe
und nur sich wisse und wolle in seiner Besonderheit mit Ausschluss des Allgemeinen,
sei böse und dieses Böse sei seine Subjektivität. In der
»Philosophie des Rechts« (Bd. VIII, 152f.)
wieder lehrt Hegel, das Gute sei ohne den subjektiven
Willen nur eine Abstraktion ohne Realität. Böse sei die Willkür,
die eigene Besonderheit über das Allgemeine zum Prinzip zu machen. Sowohl
die Natürlichkeit des Willens, seine Besonderheit, als auch die Reflektion
seien böse. So natürlich notwendig das Böse also sei, so solle
es doch aufgehoben werden, denn es sei nichtig. Das Subjekt als solches habe
schlechthin die Schuld seines Bösen. Nur der Mensch, insofern er auch böse
sein könne, sei gut. Insofern der Mensch das Natürliche wolle, sei
dies nicht mehr das bloß Natürliche, sondern das Negative gegen das
Gute, als den Begriff des Willens. Wenn der Mensch das Böse ergreife, sei
es seine Schuld, denn es sei sein eigenes freies Tun. Die
»Philosophie der Religion« (Bd. XI,, 222f. XII,
257f.) bezeichnet als das Böse das Fürsichsein des Selbstbewusstseins,
den endlichen Geist; dies trete erst beim Unterschied Gottes von der Welt, besonders
vom Menschen, ein, und letzterer sei böse, wenn er auf jenem Unterschied
beharre und sich als Endliches behaupte. Die Erkenntnis sei die Quelle alles
Bösen; denn diese sei die Entzweiung und Vereinzelung. Aber das moralisch
Gute könne auch im Kampfe mit dem Bösen sein, das daher auch fortdauern
müsse. In der »Geschichte der Philosophie«
wird sowohl die Natürlichkeit als das Denken böse genannt und wiederum
das Denken als seine Heilung bezeichnet (XIV, 417),
während die »philosophische Propädeutik«
das Böse ein an und für sich Nichtiges nennt (XVIII,
197). – Aus dieser dialektischen Taschenspielerei mit geschmeidigen
Amphibolien [Zweideutigkeiten, Mehrdeutigkeiten] geht jedoch so viel hervor,
dass Hegel das Böse in die Willkür
setzt, die Natürlichkeit doppelt fasst, als Sinnlichkeit und Naturnotwendigkeit,
und die Notwendigkeit wieder in dreifachem Sinne. Denn die physische Notwendigkeit
hat gar kein Verhältnis zum Bösen, die ethische schließt es
aus und die metaphysische fordert es, aber nur als Verwirklichung des Guten.
Wie aber können sich diese zwei letzten widersprechen? Und ist es nicht
gegen die Erfahrung, dass sich der Geist aus der Natur entwickele? Wo bleibt
ferner bei dieser Theorie die Schuld? Und ist wirklich die Bejahung nur Negation
der Negation? Und lässt sich das Böse so aufheben durch das Denken,
wie Hegel meint? Dass das Böse nicht durch das Denken, sondern den Willen
entstehe, dass das Gute seiner nicht bedürfe, haben wir schon oben gezeigt.
Aber freilich wird doch Gott selbst in den endlosen dialektischen Prozess verwickelt
und schließlich alle Wirklichkeit in logischen Formalismus verwandelt.
F. Paulsen gründet
(»Syst. d. Ethik« I, 292-310) darauf die Theodizee, dass
er alle Übel, die physischen wie physiologischen, als zwecknotwendig dartut
für die Übung unserer Kräfte und Tugenden. Für ein Schlaraffenland,
für ein reines Glück, für fehllose Vollkommenheit seien wir Menschen
nicht organisiert. Ohne das Böse gebe es keine Tugend, kein moralisches
Heldentum, kein geschichtliches Leben; der sog. vollkommene Staat hebe sich
auf.
Höchst eigentümlich ist Fr. Nietzsches Ableitung
der moralischen Grundbegriffe. In seiner »Genealogie
der Moral« (4. Aufl. Leipzig 1895) behauptet er, durch den Sklavenaufstand
des Judenvolkes gegen Rom, durch die Erhebung des »Ressentiments«
gegen die Vornehmen sei die Herrenmoral listig und tückisch gestürzt
worden. »Das Raubtier, die prachtvolle, nach Beute
und Sieg lüsterne, schweifende blonde Bestie« nannte »gut«
den Streit, die Gewalt, die Grausamkeit, »schlecht«
das Niedrige, Schwache, Demütige; die Sklavenmoral der Juden, besonders
Jesu, hat die Sache auf den Kopf gestellt, jetzt gilt Demut, Gehorsam, Nachsicht,
Milde als gut. Aber ganz mit Unrecht! »Wie ein letzter
Fingerzeig erschien Napoleon, jener einzelnste
und spätgeborene Mensch, den es jemals gab (!), und in ihm das Problem
des vornehmen Ideals an sich – man überlege wohl, was es für
ein Problem ist: Napoleon, diese Synthesis von
Unmensch und Übermensch.«
-
Nach unserer Ansicht ist die Voraussetzung des
Bösen die Freiheit. Darauf
weist uns das moralische Gefühl, welches uns selbst
dafür verantwortlich macht. Aber wo ist dieser freie Entscheidungsakt zu
suchen? Die Idee eines präexistenten
Sündenfalls haben wir schon S. 68 abgefertigt.
Den Anlass zu dieser Theorie gab wohl die biblische
Erzählung 1. Mose 3. Die an
sich guten Menschen, heißt es, welche in paradiesischer
Unschuld lebten, seien durch die Schlange verführt worden, von dem verbotenen
Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen. Die Schlange erweckt
zuerst Zweifel an Gottes Willen,
verheißt ihnen dann Gottgleichheit,
und nachdem die Sinnlichkeit des Weibes erregt war, nahm es und aß und
gab auch dem Manne, und er aß. Die erste Sünde des Menschen bestand
also im Ungehorsam, welcher aus
Zweifel, Sinnenlust und Hoffnung auf Gottgleichheit (Überhebung)
entsprang. Aber sogleich ergriff ihn Scham und Furcht. Gottes Fluch, durch die
versuchte Lüge und gegenseitige Anschuldigung nicht abgewendet, verhängt
über den Mann Arbeit und Tod, über das Weib Knechtschaft und Geburtsschmerzen,
über die Schlange Erdefressen und Auf-dem-Bauchekriechen. Die Feindschaft
zwischen den Nachkommen des Weibes und der Schlange soll erst ein Schlangentöter
aufheben, indem er der Schlange den Kopf zertritt, und dabei verwundet werden
wird. Zum Schluss werden Adam und Eva aus dem Paradiese getrieben. –
Die Tendenz dieser Mythe ist, den Ursprung des Bösen zu erklären.
Wie die meisten alten Völker, nimmt die Bibel ein goldenes Zeitalter vollkommner
Unschuld und Seligkeit an, das die Menschen erst durch Sünde verloren hätten.
Denn der naive Mensch kann nicht glauben, dass es immer so schlimm in der Welt
gewesen sei wie heute, daher ihm die Vergangenheit stets in rosigem Licht strahlt.
Die Art, wie Adam und Eva
fallen, ist ganz analog dem Sündenfall geschildert, den jeder von
uns als Kind zu erleben hat. Doch erheben sich hier folgende Bedenken. Heutzutage
fallen die Kinder in die erste Tatsünde,
weil ihnen schon von den Eltern die schlechten Neigungen – als Erbsünde
angeboren sind. Wie aber konnte Adam fallen,
wenn er, wie die Bibel sagt, gut war,
d. h. Gott über alles liebte? Durch Verführung, wird geantwortet.
Wohl, aber ein wirklich guter Mensch hätte die Verführung besiegen
müssen. Doch nach der Bibel war ja das böse schon vorhanden, in der
Schlange. Aber da erhebt sich dieselbe Frage: Wie konnte diese fallen? War sie
aber von Anfang böse, so haben wir den parsisch-
manichäischen Dualismus. Wir aber gesagt, der Teufel
(seine Existenz angenommen) sei aus
Neid, Hochmut u. dergl. gefallen, so ist offenbar ein Neidischer, Hochmütiger
und dergl. schon böse; also wird auch dadurch nichts erklärt. Sagt
man aber, er fiel kraft seiner Freiheit,
so wird damit nur die Form der Handlung, nicht aber ihre Ursache angegeben,
u. s. w.
Nach allem Bisherigen können wir unsere Ansicht folgendermaßen präzisieren:
1. Das Wesen
des Bösen beruht
in der Selbstsucht,
d. h. in einer positiven Verkehrtheit des Willens.
2. Infolgedessen werden die Triebe
zu Leidenschaften,
die Sinnlichkeit zur bösen Lust,
die sittliche
Erkenntnis
verdunkelt.
3. Daher ist das Böse das höchste Übel
nicht nur für das Einzelne, sondern für die ganze Menschheit.
4. Diese Solidarität des Erbübels zeigt sich auch
als Erbsünde, d. h. als eine allen Kindern angeborene
Neigung zum Bösen.
5. Urstand, Paradies und Sündenfall sind zwar Mythe, sie
wiederholen sich aber im Leben jeden Kindes.
6. Die Frage, ob der Mensch von Natur gut oder böse gewesen und
woher die Sünde gekommen sei, ist gar nicht aufzuwerfen. Denn beim Menschen,
als einem mit Freiheit
und Selbstbewusstsein
zur Sittlichkeit
veranlagtem Wesen, muss die angeborene (noch
nicht gesittigte) Natur
im Widerspruch
mit seiner Bestimmung
stehen. Beim Tiere tut sie es ja auch, aber weil es eben nicht sittlich werden
kann, wundern wir uns nicht darüber. Bei dem Menschen dagegen, der vollkommener
werden kann durch eigene Kraft, nennen wir mit Recht den angeborenen
Naturzustand schlecht;
und denjenigen Menschen, der sich nicht darüber erhebt, böse.
Denn sobald dieser zum Selbstbewusstsein erwacht, erkennt er durch Erziehung
und Unterricht seine Bestimmung; zugleich aber auch, wie weit er noch von diesem
Ziele entfernt ist. Kummer, Selbstanklagen, Furcht und ähnliche Stimmungen
erschüttern ihn.
7. Da er nun bald
erfährt, dass er eine zwar von Natur schlechte, aber zum Guten
bestimmte und auch dafür mit Erkenntnis, Willenskraft
und Freiheit (S.74) ausgerüstete
Persönlichkeit ist, so schreibt er sich fortan jedes Zurückbleiben
hinter dem sittlichen Ideal als Schuld zu. Und ob er sich auch mit der angeborenen
Schwäche, der ererbten bösen Lust, dem furchtbaren Einfluss schlechter
Beispiele u. s. w. entschuldige, sein Gewissen,
die Stimme Gottes
in ihm, bleibt dabei: »Du sollst
und du kannst das Gute tun!«S.107-142
Aus: Ethik, Katechismus der Sittenlehre von Friedrich Kirchner, Verlagsbuchhandlung
von J. J. Weber, Leipzig 1898
Auswahl
aus dem »Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe«
Grundlage: Philosophische
Bibliothek Band 67, Fünfte Auflage, Neubearbeitung von Dr. Carl Michaelis,
Leipzig. Verlag der Dürr’schen Buchhandlung. 1907
Bei der Übertragung ist die neue Rechtschreibung berücksichtigt worden.
???Aufbau- und Testphase!!!
Link
zur Gesamtausgabe
Inhaltsverzeichnis
X |
Y |
Aberglaube (auch Afterglaube, Missglaube, lat. superstitio, gr. deisidaimonia ) S.2 f.
heißt allgemein jeder falsche Glaube . Er entsteht, indem niedere religiöse Vorstellungen zur Zeit des religiösen Fortschritts festgehalten werden. Im engeren Sinne ist der Aberglaube eine den Gesetzen der Erfahrung und des Denkens zuwiderlaufende Ansicht von dem ursächlichen Zusammenhange der sinnlichen Welt mit der nichtsinnlichen. Es ist z. B. abergläubisch, einen Krieg aus dem Erscheinen eines Kometen, oder den Tod eines Menschen aus dem Zusammensein von dreizehn Personen an einer Tafel abzuleiten. Der Aberglaube beruht hauptsächlich auf dem Fortleben der Vorstellungen der Naturreligionen und des Volksglaubens, die teils der Unwissenheit, teils dem ungeschulten Schlussvermögen, teils der Phantasie entsprungen sind. Er ist theoretisch , wenn er unsere Weltanschauung bestimmt, praktisch , wenn er unsere Handlungsweise regelt (Magie). Manche abergläubische Ansicht ist ziemlich harmlos, manche gefährlich, manche führt sogar zum Fanatismus. Die verschiedenen Formen des Aberglaubens sind belehrend für die Erkenntnis der menschlichen Natur und der menschlichen Kulturgeschichte, daher auch oft für den Dichter anregend und stoffgerecht, wie Goethe wohl wusste. Der aus dem Altertum und Mittelalter ererbte Aberglaube ist durch die Tätigkeit der Reformation und der Aufklärung wesentlich beschränkt, aber keineswegs völlig beseitigt, dagegen im volkstümlichen Lied neu belebt und psychologisch vertieft worden. Der Aberglaube der Gegenwart gipfelt im Spiritismus .
Vgl. Wuttke , der deutsche Volksaberglaube, 1869.
Pfleiderer , Theorie des Aberglaubens, 1872.
Lippert , Christentum, Volksglaube und Volksbrauch, Berlin 1882.
C. Meyer , der Aberglaube des Mittelalters, Basel 1884.
Strümpell , der Aberglaube, 1890.
abgeleitet
S. 4
heißen Begriffe
oder Sätze oder Erkenntnisse,
wenn sie aus andern gefolgert sind oder gefolgert werden können. So scheidet
z. B. Kant
in unserer Erkenntnis
die reinen Stammbegriffe des Verstandes,
wie Substanz,
Ursache, Gemeinschaft,
die er Kategorien
nennt, von den aus diesen abgeleiteten
reinen Begriffen, die er Prädikabilien
nennt; zu den letzteren gehören z. B. die Begriffe der
Kraft,
der Handlung, des
Leidens,
des Entstehens
und Vergehens, der Veränderung,
der Gegenwart,
des Widerstandes etc.
abhängig
S. 4f.
heißt ein Gegenstand oder eine Person, deren Existenz
oder Beschaffenheit durch einen anderen Gegenstand oder eine andere Person mitbestimmt
ist. Es gibt z. B. eine logische,
mathematische, physische, moralische, religiöse Abhängigkeit.
In der Logik
ist jeder Schlusssatz von den Prämissen
nach Quantität
und Qualität
abhängig. Der besondere Ausdruck der
logischen Abhängigkeit ist
das hypothetische Urteil.
Die mathematische
Abhängigkeit findet ihren Ausdruck im Begriff
der durch eine oder mehrere Variabeln bestimmten Funktion, z. B. y =
f (u, v).
Physisch sind alle Dinge, ja auch alle Personen von anderen abhängig, da
alle unter dem Gesetz des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung stehen.
Die moralische
Abhängigkeit (Dependenz) ist
soviel als Verbindlichkeit, d. h. Verpflichtung, etwas zu tun.
Schleiermacher (1768-1834)
nannte die Religion
das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit
von Gott.
Abráxas
S. 5
nannte der Gnostiker Basilides
(2. Jahrhundert n. Chr.) die
unter dem obersten Gott stehenden Weltgeister, die, gleich den Tagen des Jahres,
365 an Zahl sein sollten.
absolut
(lat. absolutus von absolvere),
S. 6f. Siehe auch
bei Eisler
eigentl. losgelöst, bezeichnet die Loslösung von den verschiedensten Beziehungen, so dass sich die Bedeutung des Wortes sehr
mannigfaltig gestaltet hat. Die gebräuchlichsten Verwendungen des Wortes
sind:
1.
losgelöst von jeder Verbindung;
der Gegensatz ist relativ
(in Verbindung gesetzt); so redet man
von absoluten und relativen Zahlen; jene, z. B. 5 oder a sind Zahlen außerhalb jeder Rechnungsoperationen,
diese, z. B. +5 oder -a sind
ihrer Entstehung nach Glieder einer Additions- oder Subtraktionsaufgabe, Addenden
oder Subtrahenden;
2.
losgelöst von jeder Bedingung;
der Gegensatz ist hypothetisch
(bedingt), z. B. absolutes Gut, absolute Notwendigkeit, absolute Wahrheit;
3. losgelöst von jeder Abhängigkeit
und Einschränkung; der Gegensatz ist beschränkt, abhängig,
konstitutionell determiniert; so spricht man von einer absoluten Freiheit,
einer absoluten Herrschaft (Absolutismus) im Gegensatz
zu der Willensunfreiheit (dem determinierten Willen),
zu konstitutioneller Herrschaft;
4. losgelöst
von jeder Empfindung; der Gegensatz
ist empirisch, so heißt der von dem Mathematiker vorausgesetzte reine
unbewegliche Raum der absolute Raum im Gegensatz zu dem bewegten, mit Materie
erfüllten Wahrnehmungsraume; ähnlich ist der Begriff der absoluten
Zeit;
5. losgelöst von jeder
Raum- oder Zeitbeziehung; der Gegensatz ist in räumlicher
oder in zeitlicher Beziehung zu einem anderen;
so bezeichnet philosophisch absolut das, was in
sich ist und nicht in einem und mit anderen ist;
6. losgelöst von jeder
subjektiven Beimischung, in sich geschlossen, an sich; das absolute
Ding, das Ding an sich bildet den Gegensatz zu dem auf das Subjekt, auf
das menschliche Bewusstsein bezogenen Ding, der
Erscheinung;
7. losgelöst von allen
Schranken der Zeit, des Raumes und des Irdischen überhaupt.
In dieser Bedeutung versteht man unter dem Absoluten das
Ewige, das Unendliche, den letzten Grund aller Erscheinungen, die Einheit von
Natur und Geist, den Weltgrund, Gott.
Das Absolute bildet den Gegensatz
zum Endlichen, Vergänglichen, Irdischen, Geschaffenen. Der Begriff des Absoluten begegnet uns schon in
der Philosophie der Neuplatoniker und der Scholastiker; aber Nicolaus Cusanus (1401-1464)
verwendet zuerst den Ausdruck »absolutum« dafür, und erst durch die Philosophie Fichtes und Schellings erlangte er allgemeine Geltung.
Für Fichte (1761-1814)
ist das Absolute
das Ich, für
Schelling (1775-1854) die Einheit von Idealem
und Realem.
Vgl. Metaphysik.
abstrahieren
(lat. abstrahere),
abziehen, absehen, S. 8
heißt der Denkprozess,
durch den wir die Anschauungen von Einzeldingen unter bestimmten Gesichtpunkten
durch Vergleichung untereinander vom Individuellen
und Zufälligen befreien und die ihnen gemeinsamen
wesentlichen Merkmale zu allgemeinen Begriffen zusammenfassen. So verfährt
z.B. jedes Gebiet der Mathematik
und der Naturwissenschaft, um zu seinen Begriffen zu gelangen.
abstrakt
(lat. abgezogen) S.
8f.
heißt ein Begriff, welcher durch Abstrahieren
gebildet ist, also von dem Individuellen und Zufälligen des Einzelobjekts
befreit ist und nur die mehreren konkreten Dingen oder Vorstellungen
gemeinsamen, wesentlichen Merkmale
enthält.
So ergibt die Vergleichung von Bäumen, Sträuchern,
Blumen, Moosen usw. den abstrakten Begriff einer Pflanze,
während wir durch Betrachtung des einzelnen Baumes nach allen seinen Merkmalen
den konkreten Begriff
einer Pflanze finden. Die Vergleichung verschiedener
ausdauernder Holzgewächse mit Stamm und Krone und die Zusammenfassung der
ihnen gemeinsamen Merkmale ergibt den
abstrakten Begriff Baum.
Auf dieselbe Weise bilden wir Abstrakta auf dem
Gebiete jeder Wissenschaft, z. B. Staat, Kirche, Tugend,
Menschenliebe u. s. f. Mit Ausnahme der Eigennamen bezeichnen alle Worte der
Sprache abstrakte Begriffe, können aber von
dem Sprechenden im okkasionellen Gebrauch überall konkret gebraucht werden.
Weil ein abstrakter Begriff
nicht bloß von einem Gegenstand gilt, sondern als
Merkmal in verschiedenen Dingen vorkommt, nennt man ihn auch einen allgemeineren
oder höheren; vgl. die Stufenreihe der Begriffe:
Sokrates, Athener, Grieche, Mensch. Verliert man bei der Bildung abstrakter
Begriffe den konkreten Ausgangspunkt und die leitenden Gesichtspunkte
aus dem Auge, so wird der Begriff leer. Daher kann durch das beziehungslose
Abstrahieren kein rechtes Wissen erlangt werden.
Der erste Philosoph, der die Kunst des Abstrahierens
praktisch übte und zwar auf ethischem, nicht auf mathematischem oder naturwissenschaftlichem
Gebiete, war Sokrates (469-399).
Aristoteles (384-322)
stellte die Abstraktion
(aphairesis) der
Determination (prosthesis) entgegen (Met.
XII, 2p. 1077b, 9f.), verstand aber unter dem Abstrakten
die von der Materie
losgelöste Form, z. B. die mathematische Größe.
Die spätere Logik
bildete namentlich in der Neuzeit das Verfahren des Abstrahierens
methodisch aus. Vgl. Überweg, Logik §
51. –
Im Sprachgebrauche der Grammatik versteht man unter einem
Abstraktum in Anlehnung an Aristoteles
etwas, das nur selbständig gedacht wird, während zur Bezeichnung für
einen Gegenstand, der von Natur selbständig ist, Konkretum genommen wird.
Vgl. Überweg, Logik § 47. Eucken,
Geistige Strömungen. Leipzig 1904, S. 52.
Abstraktion
S. 9
ist die Ausschließung des Individuellen und das
Beibehalten des Wesentlichen und des Allgemeinen bei der Bildung eines Begriffes.
Man unterscheidet quantitative und
qualitative Abstraktion.
Die quantitative Abstraktion bezieht sich auf die
Form des Gegenstands, d. h. auf die Verbindung seiner Teile zu einem Ganzen;
durch sie entstehen alle Raum- und alle Zeitbegriffe.
Die qualitative Abstraktion dagegen führt
zur Bildung geeigneter Gattungsbegriffe.
absurd
(lat. absurdus) S.
9f.
heißt missklingend,
ungereimt, widersinnig;
ad absurdum führen
heißt jemandem durch einen Beweisgang
einen versteckten logischen
Widerspruch
aufdecken, jemanden widerlegen.
Ein solcher Beweisgang, der vom Gegenteil des Wahren ausgeht, heißt seit
Alexander Aphrodisiensis um
200 v. Chr. hê eis to adynaton agousa
apodeixis (deductio ad absurdum).
-
Absurde Zahlen heißen bei Michael
Stifel (1486-1567) die negativen Zahlen.
Vergleiche Paradoxie,
Apagoge.
Achamoth
(hebr.) S. 12
Siehe auch bei Eisler
heißt bei dem Gnostiker
Valentinus (c. 150 n. Chr.)
die durch die Begierde
zerrüttete Weisheit, welche ein Äon
ist und sich aus sinnlicher Liebe, aus dem Pleroma,
dem gestalteten Chaos,
abirrend, in den göttlichen Abgrund stürzt und dadurch Mutter des Demiurgen (Weltbildners) wird. Vgl. K. Haase, Kirchengeschichte §
78.
Achill,
griech. Achilleús
S. 12
heißt ein Trugschluss des Eleaten Zenon
(geb. zw. 490 und 485 v. Chr.), durch den er beweisen wollte, dass alle Bewegung
nur Schein sei. Die Schildkröte, das langsamste der Tiere, meinte er, könne
nie von Achill, dem schnellsten Menschen, eingeholt
werden, wenn sie auch nur den geringsten Vorsprung hätte; denn der Abstand zwischen ihnen lasse sich bis ins Unendliche zerlegen, und Achill müsse immer erst dahin kommen, wo die Schildkröte eben gewesen
sei. Aber wird einmal Bewegung von verschiedener Geschwindigkeit gedacht, so
ist damit schon eingestanden, dass dieselben Räume in verschiedener Zeit
durchlaufen werden. Auch überschreitet die Summe einer konvergierenden
geometrischen Reihe, wie sie durch die Bewegungen der Schildkröte dargestellt
wird, nie einen bestimmten endlichen Wert.
Adam
Kadmon (hebr.) S.
13
heißt bei den Kabbalisten der Urmensch, der himmlische
Adam, das Vorbild der Menschheit und der irdischen Welt, der eingeborene
Sohn Gottes und der Inbegriff der Ideen, nach gnostischer Lehre ist es der fast
göttliche Äon, nach welchem Adam
erst geschaffen wurde.
Siehe Kabbâla.
Adept
(franz. adepte = lat. adeptus
= wer etwas erlangt hat) S. 13
heißt ursprünglich ein
Eingeweihter, welcher den Stein
der Weisen, das höchste
geheimnisvolle Ziel der Alchimie, gefunden hat.
Paracelsus (1493-1541)
und andere Schwärmer nannten sich so.
Im Allgemeinen heißt jetzt so jeder, der in eine Wissenschaft
oder Kunst eingedrungen
ist.
Affekt
(lat. affectus
= Gemütszustand, gr. pathos) S.
23ff.
heißt eine vorübergehende, zusammenhängende, stärkere Gemütsbewegung,
welche durch äußere Ursachen oder psychische Vorgänge veranlasst
wird und unseren geistigen und leiblichen Zustand stark beeinflusst.
Der Affekt hat eine bestimmte Entwicklung, in welcher Anfangsgefühl, Vorstellungsverlauf
und Endgefühl unterschieden werden können. Bewusstseinsstärke,
Willen, Blutumlauf, Atmung, Absonderung der Drüsen, Muskeltätigkeit
und Gliederbewegungen werden durch den Affekt entweder gefördert oder gehemmt.
Im Affekt gerät der Mensch, wie man sagt, »außer
sich«. Die Wucht, mit der die Affekte auftreten, und die
Art, wie sie verlaufen, richtet sich einerseits nach der Konstitution und dem
Temperament, nach der Erziehung und dem Bildungsstandpunkt des Menschen, andrerseits
nach dem äußeren Anlass.
Kant (1724-1804) definiert
den Affekt als das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen
Zustande, welche im Subjekt die Überlegung (die Vernunftvorstellung, ob
man sich ihm überlassen oder weigern solle) nicht aufkommen lässt,
(Anthrop. § 70) oder als Überraschung
durch Empfindung, wodurch die Fassung des Gemüts
(animus sui compos) aufgehoben wird. (Anthrop.
§ 71).
Man kann die Affekte mit ihm einteilen in sthenische (wackere), welche unser
Lebensgefühl fördern, und asthenische (schmelzende), die es hemmen
(Anthrop. § 73), oder mit Nahlowsky
in aktive und passive oder mit Drobisch in Affekte
der Überfüllung und Entleerung.
Zu jenen gehören z. B. Zorn, Freude, Begeisterung; zu diesen Scham, Furcht,
Verzweiflung. Jene sind dem Rausch, diese der Ohnmacht vergleichbar.
Möglich ist auch eine Einteilung der Affekte in allgemeine und besondere.
Jene bestehen in einem gesteigerten Gefühl der Lust und Unlust, ohne dass
sie eine besondere Eigenart zeigen. Diese dagegen sind
1) Affekte der Erwartung: so Ungeduld, Hoffnung, Verzweiflung, Furcht, Schreck,
Überraschung. Sie gründen sich
2) auf ästhetisches Wohlgefallen resp. Missfallen: so Bewunderung, Schwärmerei,
Entzücken und ihr Gegenteil. Sie sind
3) intellektuelle Affekte: so Verlegenheit, Verblüffung, Staunen, Begeisterung.
Es gibt
4) moralisch-religiöse Affekte: so Entrüstung, Rührung, Scham,
Reue, Verzückung.
5) Aus dem Selbstgefühl entspringen: Mut, Übermut, Zorn, Kleinmut,
Niedergeschlagenheit,
6) aus der Antipathie: Neid, Schadenfreude, Groll und Ingrimm.
Wundt (geb. 1832) definiert
den Affekt als eine zeitliche Folge von Gefühlen, die sich zu einem zusammenhängenden
Verlaufe verbindet und sich gegenüber den vorausgegangenen und nachfolgenden
Vorgängen als ein eigenartiges Ganzes absondert, das im allgemeinen zugleich
intensivere Wirkungen auf das Subjekt ausübt, als ein einzelnes Gefühl;
er scheidet die Affekte nach der Qualität in Affekte der Lust und Unlust,
nach der Intensität in schwache und starke, nach der Verlaufsform in plötzliche,
allmählich ansteigende und intermittierende.
(Wundt, Grundriß d. Psychologie 1905, § 13.)
Die Befreiung von Affekten kann einerseits dadurch geschehen, dass man die Anlässe
dazu wirklich oder in der Vorstellung des Menschen beseitigt, oder anderseits
dadurch, dass der Mensch sich selbst zwingt und überwindet. Ist z. B. jemand
in Zorn, so pflegt der Affekt sich zu lösen, wenn man ihm den Gegenstand,
der ihn dazu reizt, aus den Augen oder aus dem Sinn schafft und indem man ihn
mit anderen Vorstellungen lebhaft beschäftigt. Die Befreiung von den Affekten
durch Selbstüberwindung ist die ethische Grundforderung Spinozas.
Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die
Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefasst worden, bald sind sie weiter
auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende
Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den
Leidenschaften
vermischt worden. Vielfach greift die Erörterung über die Affekte
in die Ethik ein.
Die Kyrenaiker (im 4. Jhrh.
v. Chr.) unterschieden zwei Affekte
(pathê), nämlich ponos
und hêdonê, Unlust und Lust,
und sahen in jener eine reißende, in dieser eine sanfte Bewegung
(Kyrênaikoi - dyo pathê hyphistanto, ponon kai hêdonên;
tên men leian kinêsin, tên hêdonên; ton de ponon
tracheian kinêsin Diog. Laert II, 8 § 86.)
Die Lust ist nach
Aristippos' (um 435-355)
Lehre das Ziel des Lebens.
Aristoteles (384-322)
definiert die Affekte als
seelische Vorgänge, die mit Lust oder Unlust verbunden
sind (legô de pathê - hois hepetai hêdonê
ê lypê. Eth. Nicom. II 4 p. 1105b 21-23).
Er zählt folgende Affekte auf: epithymia
(Begierde), orgê
(Zorn),
phobos (Furcht),
thrasos (Mut),
phthonos (Neid),
chara (Freude),
philia (Freundschaft),
misos (Hass),
pothos (Sehnsucht),
zêlos (Eifer),
eleos
(Mitleid). Er ist sich aber auch bewusst, dass diese Seelenvorgänge
mit körperlichen verbunden sind (eoike de kai
ta tês psychês pathê panta einai meta sômatos) und
führt als Beispiele solcher seelisch-körperlichen Vorgänge thymos
(Erregung), praotês (Sanftmut), phobos (Furcht), eleos (Mitleid), thrasos
(Mut), to philein (Liebe), to misein (Hass) an (De
anim. Ip. 403 a 16-18).
Die Stoiker sahen von Zenon
(350-258) ab in den Affekten vernunftlose und naturwidrige
Gemütsbewegungen oder das Maß überschreitende Triebe.
('Esti de auto to pathos, kata Zênôna,
hê alogos kai para physin psychês kinêsis ê hormê
pleonazousa Diog. Laert. VII, 63 § 110).
Sie entspringen aus Fehlern des Urteils, aus falschen Meinungen über gegenwärtige
oder zukünftige Güter und Übel. Aus der falschen Meinung über
gegenwärtige Güter entspringt die Lust (hêdonê), über
zukünftige die Begierde (epithymia); aus der falschen Meinung über
gegenwärtige Übel entspringt die Bekümmernis
(lypê),über zukünftige
die Furcht (phobos) tou
pathous - prôta - einai - tessara, epithymian, phobon, lypên, hêdonên.
epithymian men oun kai phobon proêgeisthai, tên men pros to phainomenon
agathon, tên de pros to phainomenon kakon. epigignesthai de toutois hêdonên
kai lypên, hêdonên men hotan tynchanômen hôn epithymoumen
ê ekphygômen, ha ephoboumetha, lypên de hotan apotynchanômen
hôn epithymoumen ê peripesômen, hois ephoboumetha.
(Stobaios Eclog. II, 166-168). Die Tugend wird
nur erlangt durch Überwindung der Affekte.
Von den neueren Philosophen versteht Descartes
(1596-1650) unter den Affekten
(passiones)
Vorstellungen
oder Empfindungen oder Erregtheiten der Seele, die man nur auf sie selbst bezieht
und die durch gewisse Bewegungen der Lebensgeister bewirkt, unterhalten und
verstärkt werden (Pass. anim. I, 27).
Er unterscheidet sechs Grundaffekte:
Bewunderung, Liebe, Hass, Verlangen, Freude, Traurigkeit.
–
Spinoza (1632-1677) nimmt als Grundaffekte
nur die drei: Verlangen, Freude, Traurigkeit
an und gründet auf die Lehre von den Affekten seine
Ethik. Er versteht unter den Affekten Zustände des Körpers, durch
welche die Fähigkeit desselben zu handeln vermehrt oder vermindert, gefördert
oder eingeschränkt wird, und zugleich die Ideen dieser Zustände (corporis
affectiones quibus ipsius corporis agendi potentia augetur vel minuitur, iuvatur
vel coërcetur, et simul harum affectionum ideas Eth.
III, 3). Der den Affekten unterworfene Mensch ist unfrei.
Der über die Affekte siegende Mensch ist frei. Diese Befreiung erfolgt
durch die wahre Erkenntnis der Affekte, die in die intellektuelle Gottesliebe
ausmündet (Eth. III - V).
Kants und Wundts Einteilung
der Affekte ist bereits berührt.
Vgl. Lotze, Medizinische Psychologie, S. 441f., Waitz,
Psychologie § 44, Feuchtersleben, Diätetik der Seele VI - VIII, Wundt,
Grundz. d. phys. Psych. II, 404 ff. Bain, the emotions and the will 1859, Ribot,
psychologie des sentiments 1896. Essai sur les passions Paris 1907.
Ähnlichkeit
S. 14f.
heißt im Allgemeinen die Übereinstimmung
der Dinge in mehreren, Gleichheit
die in allen Merkmalen. –
In der Geometrie bezeichnet
Ähnlichkeit die Übereinstimmung in der Gestalt,
Gleichheit die Übereinstimmung in
der Größe, Kongruenz die vollkommene Übereinstimmung.
Das moderne mathematische Zeichen
(~) für
ähnlich hat Leibniz (1646-1716)
aus einem liegenden s (=
similis) gebildet. Vgl. Leibniz, Characteristica
geometricaed. Gerhardt, 3. Folge, Bd. V, S. 153: Similitudinem ita notabimus
~. –
Die Beziehung des Ähnlichen
spielt im Geistesleben des Menschen eine wichtige Rolle. Es ist z. B. Sache
des Witzes und Scharfsinns, Ähnlichkeiten zwischen den verschiedensten
Dingen instinktiv herauszufinden. Auf leicht fassbaren
Ähnlichkeiten beruht auch der bildliche Ausdruck des Dichters. Vergleicht
man scharf denkend die Dinge, um aus ihrer Ähnlichkeit
etwas zu folgern, so zieht man einen analogischen Schluss (s.
Analogie). Mit solchen Schlüssen arbeitet besonders die Induktion innerhalb der Naturwissenschaft. –
Die Tatsache, dass ähnliche Vorstellungen einander hervorrufen, erklärt uns einen Teil des Seelenlebens
und begründet das Hauptgesetz der Ideenassoziation. –
Dass Ähnliches nur durch Ähnliches erkannt
werde, ward von Pythagoras, Empedokles und Demokritos behauptet. –
Platon (427-347) und andere
forderten als höchstes Moralprinzip die Ähnlichkeit mit Gott.
Akt
(lat. actus) S.
12
heißt Handlung, Tätigkeit,
z. B. Willensakt.
Aktion
(lat. actio) S.
12
heißt die Tätigkeit
im Gegensatz zum Leiden (Passion),
oder die Wirkung im Gegensatz zur Reaktion (Gegenwirkung).
Aktivität
(franz. activité) S.
12f.
heißt die Fähigkeit zu wirken oder das tätige
Verhalten, wogegen Passivität die Unfähigkeit zu wirken oder das untätige
Verhalten, die bloße Aufnahmefähigkeit bedeutet. Vollkommene Aktivität
ist den Dingen ebenso wenig eigen als vollständige Passivität, da
alle Dinge in Wechselwirkung stehen und Aktion und Reaktion sich entspricht.
Die Ansicht des Aristoteles
(384-322 v. Chr.) und der Scholastiker war aber, dass Gott pures actus,
reine Tätigkeit, sei.
Aktualität
(lat.) S. 13
heißt die Wirklichkeit, insofern nur das wirklich
existiert, was sich betätigt; Gegensatz dazu ist die Potentialität,
d. h. die Möglichkeit.
Auch versteht man unter Aktualität die augenblickliche
Bedeutsamkeit.
Unter Aktualitätslehre versteht
man diejenige philosophische Lehre, die das Wirkliche nicht im Substantiellen,
sondern nur im Tätigsein, im Wirken sucht. Der Hauptanhänger dieser
Weltanschauung, die schon von Herakleitos 500
v. Chr. vertreten worden ist, ist gegenwärtig auf psychologischem
Gebiete Wundt (geb. 1832).
Akzidenz
(lat. accidens) S. 10f.
heißt das nicht Wesentliche
(das nicht Essentielle), das Wechselnde, das Zufällige.
–
Man versteht unter Akzidenzen
1. die Eigenschaften im Gegensatz zur Substanz
(so Aristoteles, Kant, Fichte u. a.);
Aristoteles (Analyt.
post. I 21p. 83 a, 24 ff.) unterscheidet von der Kategorie der Substanz alle übrigen Kategorien und fasst sie unter dem Namen ta
symbebêkota (Accidentia) zusammen.
Kants erste Analogie der Erfahrung besagt demgemäß: »Bei allen Veränderungen in der Welt bleibt
die Substanz,
und nur die Akzidenzen wechseln«
(Kr. d. r. Vernunft, S. 184).
2. die nicht wesentlichen, nicht notwendigen Eigenschaften
einer Substanz im Gegensatz zu den wesentlichen (essentiellen), einer Substanz dauernd anhaftenden Merkmalen (so auch bei Aristoteles, Herbart u.
a.). Aristot. Met. 4. 30 p. 1025 a 14 Symbebêkos
legetai, ho hyparchei men tini kai alêthes eipein ou mentoi out' ex anankês
out' epi to poly, Akzidenz heißt,
was einem Gegenstande zukommt und was man von ihm aussagen kann, aber was ihm nicht notwendig und nicht meistenteils zukommt.
Akosmismus
(aus dem Gr. gebildet), S.
30
Weltlosigkeit, Leugnung der Welt, kann man sowohl den
Pantheismus
nennen, wenn er das All ganz in Gott aufgehen lässt (Eleaten,
Spinoza), während er im umgekehrten Falle zum
Atheismus wird, als auch den absoluten Idealismus,
der die Realität der Außenwelt
leugnet (Fichte), als auch endlich den Spiritualismus,
der alles körperliche als Produkt des Geistes ansieht (Berkeley).
Alexandriner
S. 30
oder jüdisch-griechische Philosophen
heißen diejenigen Philosophen, welche in Alexandria
vom zweiten Jahrh. v. Chr. ab jüdische
Theologie und griechische Philosophie miteinander verknüpften.
Zu ihnen gehören Aristobulos um 160
v. Chr., Philon Judaeus um
20 v. Chr. bis 45 n. Chr.
Man wirft ihnen Synkretismus vor.
Algorithmus
(arab. = Rechenbuch) S.31
ist zunächst der Personenname des Arabers
Muhammed Ibn Musa Alchwarizoni, dessen Rechenbuch (Anf.
des IX. Jahrh.) im Westen durch Übersetzungen verbreitet wurde.
Er nahm in den lateinischen Übersetzungen des Buches die Form Algorithmi
an. Später verstand man unter Algorithmus
ein Rechenbuch oder die Rechenkunst. –
Das Rechenbuch des Alchwarizoni vermittelte dem
Abendland die Kenntnis der Null und des indisch-arabischen Rechnens. Es bildete
sich daher im 12ten Jahrh. eine
Schule der Algorithmiker, die den Sieg über die von Papst
Gerbert (Sylvester II., 940-1003)
herstammende Schule der Abakisten (von
abacus = Rechenbrett) davontrug. –
Unter logischem Algorithmus versteht
man jetzt die in der Gegenwart eifrig betriebenen Versuche, die logischen Operationen
durch ein besonderes Zeichensystem und Rechnungsverfahren zu ersetzen. Vertreter
dieser Bestrebungen sind in Deutschland vor allem Schroeder,
in England Mc-Coll, in Amerika Peirce,
in Italien Peano u. a. Vgl.
Reinaud, Mémoire géographique etc.sur l'Inde. Paris 1849. Tropfke,
Gesch. d. Elementarmathematik. Leipzig 1902/3. Teil I S. 13 u. 14.
All
oder Universum
(lat.)
ist der Inbegriff aller
Dinge.
Im Griechischen heißt All:
pan (pan), daher nennen wir die Auffassung,
welche das All-Eine (hen
kai pan) als Gott setzt, Pantheismus.
Aristoteles Metaph. IV,
26 1024 a 1-3 nennt All (pan)
ein Quantum mit einem Anfang, einer Mitte
und einem Ende, bei dem die Stellung der Teile keinen Unterschied ausmacht,
dagegen ganz (holon) ein solches Quantum,
bei dem die Stellung der Teile einen Unterschied ausmacht (tou
posou echontos archên kai meson eschaton, hosôn men mê poiei
hê thesis diaphoran, pan legetai, hosôn de poiei, holon).
Siehe auch bei Eisler
Allegorie
(gr. allêgoria Andersreden,
bildliche Redeweise) S.
32
ist im engeren Sinne die sprachliche Darstellung eines
Gegenstandes oder Vorgangs durch einen sinnfälligen
anderen, im weiteren Sinne überhaupt ein Bild,
welches sich selber zeigt, aber auch zugleich ein anderes Sinnfälliges
oder Gedankenhaftes darstellt.
Die nicht nachahmenden Künste, Musik und Architektur, sind keiner
Allegorie fähig, wohl aber die nachahmenden,
die Bildhauerkunst, die Malerei und vor allem die Poesie. Der poetische allegorische
Ausdruck heißt auch bildliche Redeweise, Metapher.
Die Poesie verwendet zu ihrem Ausdruck vergleichende anthropomorphe und personifizierende
Allegorien;
die vergleichende Allegorie vertauscht
ähnliche Gegenstände derselben Art,
die anthropomorphe verkörpert Geistiges,
die personifizierende stellt Körperliches persönlich dar.
Allegorische Dichtungsarten sind
die Fabel und die Parabel.
allegorische
Auslegung S.
32
ist die Methode,
die Bibel so auszulegen, dass den der religiösen Auffassung einer späteren
Zeit, als die Entstehungszeit der biblischen Schrift ist, widersprechenden Stellen
ein anderer Sinn untergelegt wird; dabei wird aber natürlich die grammatisch-historische
Methode verletzt. Aus übertriebener Ehrfurcht vor dem Buchstaben und dem
historisch Gegebenen und aus Willkür entspringend, verfällt die allegorische
Auslegung in Willkür und Gewaltsamkeit.
Alleinheit
Siehe
bei Eisler
Alleinheitslehre
S. 32
Siehe Pantheismus,
Monismus.
Allgegenwart
(omnipraesentia) S. 32
Siehe auch bei Eisler
und den Bonus-Themen
bezeichnet in der christlichen Dogmatik
diejenige göttliche Eigenschaft,
dass Gott
an jedem Orte zugleich ist. Sie wird zu den operativen oder transeunten [über
etwas hinaus, in einen anderen Bereich übergehenden]
Eigenschaften Gottes gerechnet, die das Bestehen der Welt voraussetzen, und
wird bald zu der Allmacht, bald
zu der Allwissenheit
in Beziehung gesetzt.
Nach Schleiermacher ist Gott durch seine
Allgegenwart
die alles Räumliche und den Raum
selbst bedingende Ursächlichkeit. Vergleiche
Allmacht.
allgemein
(universal oder generell) S. 32f.
heißt dasjenige, welches einer Gesamtheit von Gegenständen
in gleicher Weise zukommt; das Allgemeine ist
also je nach dem Umfang
der Gesamtheit das der Art oder das der Gattung Angehörige. Sein Gegensatz
ist das Besondere und in letzter Linie das Einzelne.
Der Allgemeinbegriff (Klassenbegriff)
fasst die Merkmale
zusammen, welche einer Gesamtheit von Gegenständen zukommen, z. B. Fisch.
Sein Gegensatz ist der Sonderbegriff der Einzelbegriff,
der die Merkmale des Individuums
enthält, z. B. der Brocken, der Kohinor, Sokrates.
Die Allgemeinheit bildet eine
Stufenfolge der Begriffe, in der immer der eine Begriff allgemeiner ist als
der andere. Weil dem weniger allgemeinen Begriff gewisse Merkmale eigentümlich
sind, die der mehr allgemeine Begriff nicht enthält, kann man weder vom
Einzelnen noch vom Besonderen aufs Allgemeine schließen, sondern nur umgekehrt.
Was von Sokrates gilt, gilt keineswegs von jedem Athener. Aber was von allen
Athenern gilt, gilt auch von Sokrates.
Platon (427-347) und
Aristoteles (384-322)
schrieben dem Allgemeinen einen höheren Wert zu als dem Besonderen
und Einzelnen; aber Platon lieh dem Allgemeinen
gesonderte Existenz, Aristoteles suchte das Allgemeine
im Einzelnen.
Allgenugsamkeit
(Aseïtät)
S. 33
bezeichnet in der christlichen Dogmatik
Gottes völlige Unabhängigkeit
von der Welt; Gott ist nur von sich
(a se) abhängig.
Allheit
(Totalität)
S. 33 Siehe
auch bei Eisler
heißt eine Vielheit
von Gegenständen, sofern sie als Einheit
gedacht wird und neben ihr gleichartige Gegenstände nicht vorhanden
sind, z. B. Volk, Menschheit, Welt.
Kant (1724-1804) erklärt:
Allheit ist
»nichts anderes als die Vielheit als Einheit betrachtet«
(Kr. d. r. V.,
II. Aufl., S. 111).
Diese Erklärung bedarf des obigen einschränkenden Zusatzes.
Allmacht
(omnipotentia)
S.
33 Siehe
auch bei Eisler
und den Bonus-Themen
bedeutet in der christlichen Dogmatik
das unbeschränkte Können Gottes.
Nach Schleiermacher (1768-1834)
fasst die Allmacht Gottes sich
in den Sätzen zusammen:
1. Alles was ist und geschieht, kommt von Gott;
2. Alles was in Gott ist, wird verwirklicht.
Gott ist also nach Umfang
und Intensität absolute
allwirksame Ursächlichkeit.
Allsinn
S.33f.
nannte die Identitätsphilosophie
Schellings (1775-1854)
die Einheit von
innerem und äußerem Sinne; der Allsinn sollte,
über die Formen der Zeit und des Raumes hinausgerückt,
eine unmittelbare
Erkenntnis des allgemeinen Lebens der Dinge gewähren. Er sollte zwar
eines besonderen Organs entbehren, aber doch als Komplement der Vernunft,
Verstand und
Anschauung
in sich vereinigen, weswegen er auch »anschauender
Verstand« genannt wurde.
G. M. Klein, Anschauungs-
und Denklehre. Bamberg 1824. § 77.
Schon bei Kant kommt die Idee eines
intuitiven
Verstandes
vor, aber nur im Gegensatz zum menschlichen und nur problematisch gedacht.
Allweisheit
S. 34 Siehe
auch bei Eisler
heißt in der christlichen
Dogmatik die vollkommene Verbindung
des Wissens und
Wollens in Gott.
Schleiermacher (1768-1834)
bestimmt sie als Vollkommenheit
der Liebe.
Allwissenheit
(lat.
omniscientia) S.
34 Siehe auch bei
Eisler
und den Bonus-Themen
ist in der christlichen
Dogmatik eine Eigenschaft
Gottes, die Schleiermacher
(1768-1834) als die schlechthinige Geistigkeit
der Allmacht
bestimmt.
Altruismus
(nlt. v. alter =
der andere, vivre pour autrui)
S. 34f. Siehe
auch bei Eisler
nennt A. Comte (1798-1857)
die aus der
Liebe zum Nächsten hervorgehende Denk- und Handlungsweise.
Der Altruismus ist der Gegensatz
zum Egoismus.
Comte sieht in ihm die Moral
der Zukunft, die als einziges sittliches Motiv des Handelns
das Wohl des anderen anerkennen wird.
Seit 1889 besteht in Nantes
eine Altruisten-Gesellschaft.
Auch H. Spencer (1820-1904)
vertritt diesen Standpunkt, den übrigens schon die englischen Moralisten des 18. Jahrhunderts eingenommen haben. Ein anderer
Name für dieselbe Richtung ist Tuismus.
Vergleiche Pluralismus.
Amnesie
(aus dem Gr. geb.)
S. 35
heißt die Nichterinnerung,
Gedächtnisschwäche, während
Amnestie (gr.
amnêstia) das absichtliche Vergessen
oder Verzeihen, die Straferlassung, ist.
Analogie
(gr. analogia)
S. 36 Siehe
auch bei Eisler
heißt Ähnlichkeit, Übereinstimmung in
den Verhältnissen. Der Gegensatz ist Anomalie
d. i. Regellosigkeit. Im Altertum ward, seitdem die grammatische Wissenschaft
entstanden war, heftig darüber gestritten, ob Analogie
in den Sprachbildungen zu finden sei, oder ob dieselben nur Unregelmäßigkeiten
zeigen.
Für die Analogie trat namentlich Aristarch
von Samothrake (um 170 v. Chr.), für
die Anomalie die ganze Schar der
Stoiker und vor allem Krates von Mallos
(2. Jahrh. v. Chr.) ein.
Analogieschluss
(lat. ratiocinatio per analogiam
oder argumentatio analogica) S. 36f.
Siehe auch bei
Eisler
heißt ein Schluss,
der aus der Ähnlichkeit zweier Dinge in dieser
und jener Hinsicht auf ihre Ähnlichkeit überhaupt schließt;
man schließt dabei: Dinge, die in mehreren Stücken übereinstimmen
(analog sind), werden auch in den anderen und so auch in allen übereinstimmen
(analog sein).
So schloss Kepler (1571-1630)
aus der elliptischen Bahn des Mars, daß alle ihm ähnlichen Planeten
ebensolche haben.
Die Form des
analogischen Schlusses ist:
A ist = a, b, c... n
B ist = A in a und b
---------------------------
B ist = A auch in c, d ... n.
Es leuchtet ein, dass die Analogieschlüsse
ziemlich unsicher sind, besonders wenn die analogen Merkmale unwesentlich sind.
Vgl. Induktion.
Analogien
der Erfahrung S. 87
heißen bei Kant (1724 bis
1804) die Grundsätze des Verstandes, welche
aussprechen, wie aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung entspringt.
Der allgemeine Grundsatz derselben ist: Alle Erscheinungen
stehen ihrem Dasein nach a
priori unter Regeln der Bestimmung ihres Verhältnisses untereinander
in einer Zeit. Da Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein die drei Modi der Zeit
sind, so zerlegt sich der allgemeine Satz in folgende drei:
1. Alle Erscheinungen enthalten
das Beharrliche (Substanz)
als den Gegenstand selbst und das Wandelbare als dessen bloße Bestimmung,
d. i. eine Art, wie der Gegenstand existiert;
2. Alles was geschieht (anhebt
zu sein), setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt;
3. Alle Substanzen, sofern sie zugleich sind, stehen in durchgängiger Gemeinschaft
(d. i. Wechselwirkung untereinander). –
Mit diesen Analogien glaubte
Kant den Humeschen Zweifel (vgl.
Kausalität) überwunden zu haben. Er hat aber kaum mehr nachgewiesen,
als dass diese Sätze ideale Forderungen der wissenschaftlichen Forschung
sind (Vgl. E. Laas, Kants Analog, d. Erf. Berlin 1876).
Analogismus
(gr. analogiomos) S.
87
heißt Schluss,
Beweis aus Analogie.
Analyse
(gr. analysis),
eig. Auflösung, S. 37ff.
heißt im Gegensatz zur
Synthese die Zerlegung eines Begriffes in seine Merkmale, eines Ganzen in
seine Teile. Demgemäß heißt, eine Definition
eine analytische Erklärung. –
Ein analytisches Urteil
ist ein solches, in dem das Prädikat
aus dem Begriffe des Subjekts
unmittelbar hervorgeht, z. B. ein gleichseitiges Dreieck hat drei gleiche Seiten.
Synthetische Urteile dagegen vermitteln
die Verknüpfung von Subjekt und Prädikat erst durch ein anderes Urteil,
z. B. ein gleichseitiges Dreieck hat drei gleiche Winkel.
Diesen Unterschied hat zuerst der Megariker Stilpon
(380-300 v. Chr.), dann David
Hume (1711-1776) berührt, endlich besonders
Kant (1724-1804) hervorgehoben, der die analytischen
Urteile auf den Satz der Identität zurückführte, für die
synthetischen aber das Prinzip in der Möglichkeit der Erfahrung fand. Vgl.
z. B. Prolegomona z. e. jeden künftigen Metaphysik. Riga 1783.
S.24 ff. »Allein
Urteile mögen nun einen Ursprung haben, welchen sie wollen, - so gibt es
doch einen Unterschied derselben, dem Inhalte nach, vermöge dessen sie
entweder bloß erläuternd sind und zum Inhalte der Erkenntnis nichts
hinzutun, oder erweiternd und die gegebene Erkenntnis vergrößern;
die ersten werden analytische, die zweiten synthetische Urteile genannt werden
können.« »Analytische Urteile sagen im Prädikate nichts,
als das, was im Begriffe des Subjekts schon wirklich, obgleich nicht so klar
und mit gleichem Bewusstsein gedacht war«, z. B. alle Körper
sind ausgedehnt, »Dagegen enthält der Satz:
einige Körper sind schwer, etwas im Prädikate was in dem allgemeinen
Begriffe vom Körper nicht wirklich gedacht wird, er vergrößert
also meine Erkenntnis.« -
Aber der Unterschied der analytischen und synthetischen Urteile ist nur logisch
und erkenntnistheoretisch ein feststehender, psychologisch dagegen ein schwankender;
denn was für uns heute ein synthetisches Urteil ist, ist morgen ein analytisches,
und was für den Laien ein synthetisches, ist für den Kenner einer
Sache ein analytisches Urteil. –
Die analytische Methode geht vom
Besonderen zum Allgemeinen, von dem Bedingten zu den Prinzipien, von denen das
Gegebene abhängt (regressus a principiatis ad
principia), während die synthetische vom Allgemeinen und von
den Prinzipien ausgeht. Jene heißt auch die regressive, heuristische,
diese die progressive, didaktische. Den Regress vom Bedingten zur Bedingung
nennt Kant qualitative Analysis, quantitative den
Regress vom Ganzen auf die Teile.
Vgl. Methode.
Analytik
(von gr. analytikos) S.
38f.
heißt bei Aristoteles
(384 bis 322) der elementare Teil der Logik, der
sich mit den Formen des erkennenden Denkens, mit Begriffen, Urteilen und Schlüssen
beschäftigt. Er handelt vom reinen Denken, in dem die Gedanken nur aufeinander,
nicht wie in der Metaphysik auf Außendinge bezogen werden. –
Kant (1724-1804) nennt
transzendentale Analytik die Zergliederung unserer gesamten Erkenntnisse
zu dem Zwecke, die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis aufzusuchen.
(Kr. d. r. V. S. 64-292.). Er scheidet sie in die Analytik
der Begriffe, welche die Begriffe
a priori aufsucht und ihre Möglichkeit erforscht (siehe Kategorien)
und in die Analytik der Grundsätze,
welche ein Kanon für die Urteilskraft sein soll, jene Verstandesbegriffe
auf
Erscheinungen anzuwenden.
Anamnese
(gr. anamnêsis) S.39
heißt Wiedererinnerung.
Die Anamnese spielt in der Erkenntnislehre
Platons (427-347) eine
besondere Rolle. Die
Erkenntnis der Wahrheit
erfolgt nach seiner Auffassung
durch Wiedererinnerung an ein früheres Leben.
Die Seele erinnert sich
beim Denken an
das, was sie in einem früheren Dasein
gewusst hat.
Vergleiche angeboren.
angeboren
(lat. innatus) S.
39f.
heißt im Gegensatze
zu erworben, angelernt, alles, was der Mensch
von Geburt an besitzt. Dies sind zunächst gewisse Triebe
und Fähigkeiten. Die Philosophie
hat aber auch vielfach bestimmte Ideen
und Grundsätze für angeboren angesehen.
Vertreter der Lehre von den angeborenen Ideen
sind z. B. Platon, Descartes,
Malebranche, Spinoza.
Bekämpft hat die Lehre von den angeborenen Ideen, die man Nativismus
nennt, vor allem Locke im I.
Buche seines Essay concerning Human Understanding (1689).
Modifiziert erscheint die Lehre von den angeborenen
Ideen schon bei Aristoteles
(384-322), der die allgemeinen Grundsätze
und Begriffe nur dem Keime nach als in der Vernunft vorhanden annimmt, und bei
Leibniz (1646-1716),
der aus fertigen angeborenen Ideen vielmehr Anlagen die »virtuellement«
gegeben sind, macht.
Bei Kant (1724-1804) erscheint
die Lehre von den angeborenen Ideen umgewandelt
in die Lehre vom a priori.
A priori heißt dasjenige, was aus reiner Vernunft
und nicht aus der Erfahrung
stammt, keineswegs aber dasjenige, was zeitlich vor der
Erfahrung vorhanden ist. Ein Nativist
ist also Kant, wie die Engländer vielfach
fälschlich annehmen, nicht gewesen. –
Angeborene Vorstellungen, Ideen, Grundsätze
existieren in Wahrheit nicht; der
ganze Vorrat unseres Bewusstseinsinhaltes entsteht in der Erfahrung: aber die
Anlagen zu der Bewusstseinstätigkeit sind aus der Tätigkeit der vorausgegangenen
Generationen entstanden und gehen durch Vererbung auf uns über. –
Angeborene Rechte sind solche,
die der Mensch mit seiner Geburt erhalten hat; dies sind teils natürliche
(die sog. Menschenrechte), dass er z. B. lebe, frei sei usw., teils konventionelle,
d. h. durch Übereinkunft ihm gegebene, z. B. dass das Kind seinen Vater
beerbe u. dgl.
Anschauung (Intuition)
oder Wahrnehmung S.
43f.
bedeutet die unmittelbare Bewusstseinserfassung
eines Gegebenen zunächst durch den Gesichtssinn, dann, allgemeiner,
überhaupt durch die Sinne.
Zum Zustandekommen einer Anschauung
oder Wahrnehmung
gehört
1. dass ein wirkliches Objekt
vorhanden ist,
2. dass dieses einen Reiz auf unsere Sinnesorgane ausübt,
3. dass aus diesem Reiz eine Empfindung
erwächst,
4. dass die Empfindung in bestimmter
Form (Raum
und Zeit) zum Bewusstsein
kommt.
Die Anschauung ist stets etwas Einzelnes, während Vorstellungen
und Begriffe,
aus der Erneuerung und Verbindung früherer Anschauungen hervorgegangen,
stets ein Allgemeines sind. Hierdurch bestimmt sich der Wert der Anschauung
für die Erkenntnis.
Anschauungen liefern uns den stofflichen Inhalt unseres Wissens, geordnet in
den Formen des Raumes und der Zeit; aber zum Glied unserer Erkenntnis werden
sie erst, indem aus ihnen allgemeine Vorstellungen und begriffliche Formen entwickelt
werden.
Das Wissen selbst
besteht nicht aus Anschauungen oder Wahrnehmungen, sondern aus dem daraus gewonnenen
Allgemeinen.
Kant hat dies Verhältnis durch die zwei Sätze:
»Gedanken
ohne Inhalt
sind leer« und »Anschauungen ohne
Begriffe sind
blind« ausgedrückt (Kr. d. r. V.
S. 51).
Die äußere Anschauung umfasst
die objektiven Dinge (im Raume und in der Zeit),
die innere die subjektiven Vorgänge
(in der Zeit);
jene fällt unter das Gesetz der Gleichzeitigkeit, diese unter das der Aufeinanderfolge.
Kant (1724-1804) unterscheidet außerdem
die Anschauung a
priori und a posteriori
oder die reine und die empirische.
Jene bezieht sich auf die reinen Raum- und Zeitformen, wie sie uns in den mathematischen
Größen
vorliegen, diese auf die in Raum und Zeit wahrnehmbaren, durch Empfindung
gegebenen Erfahrungsgegenstände.
(Vgl. Raum und Zeit.)
Die spekulativen Philosophen Fichte, Schelling
und Hegel reden noch von einer intellektuellen
Anschauung.
Fichte (1762-1814) versteht
darunter das unmittelbare produktive Bewusstsein
des handelnden Ichs,
Schelling (1775-1854)
den unbedingten Erkenntnisakt,
in welchem Subjektives
und Objektives
zusammenfällt, das Wissen
vom Absoluten,
Hegel (1770-1831) das
durch notwendige Gedankenbewegung erreichbare logische
Wissen.
Schelling streift damit jenes unmittelbare
Anschauen Gottes,
von welchem die Mystiker
reden.
Neuere Denker, wie Herbart (1776-1841),
Beneke (1798-1854),
H. Lotze (1817 bis 1881)
u. a. erkennen nur die empirische
Anschauung als Grundlage und Ausgangspunkt aller
Philosophie an. –
Künstlerische Anschauung ist die Betrachtung eines Gegenstandes
nach ästhetischen
Gesetzen. Vergleiche
Wahrnehmung.
an
sich S. 45 Siehe
auch bei Eisler
bildet den Gegensatz zu dem, was ein Ding mit Rücksicht auf ein anderes
ist.
»Ding an
sich« nennt daher Kant (1724-1804),
indem er das andere als das menschliche Bewusstsein nimmt, einen von den menschlichen
Erkenntnisformen unabhängigen Gegenstand, während er die Dinge, insofern
sie durch die menschliche Erkenntnis in Raum und Zeit erfasst werden, Erscheinungen
nennt.
Nach Kant erkennen wir die
Dinge nicht, wie sie an
sich sind, sondern nur, wie sie uns erscheinen.
Antagonismus
(gr. von antagônizomai =
wetteifern) S. 45
heißt der Widerstreit der Kräfte in der körperlichen wie der
geistigen Welt; kein Ding verhält sich nur leidend, sondern jedes Ding
reagiert stets (lex antagonismi) auf Einwirkungen.
Auf dem Antagonismus der Kräfte
beruht alles Leben in unserem Leibe und Geiste, in Staat, Kirche und Wissenschaft.
Ausgesprochen ist diese Überzeugung zuerst von Herakleitos
(um 500 v. Chr.), nach dem der Streit der Vater
und Herr aller Dinge ist (Plutarch. de Isid. 48
Hêrakleitos – polemon onomazei patera
kai basilea kai kyrion pantôn.).
Anthropologie
(aus dem Gr. von anthrôpologos
= von dem Menschen redend), S.46ff.
die Lehre vom Menschen, bestimmt
das Wesen des Menschen
nach Leib und Seele
und verfolgt seine Entstehung, Entwicklung und Verbreitung über die Erde.
Sie zerfällt je nach ihrem besonderen Gegenstande in die
1. somatische
Anthropologie (Anatomie und
Physiologie), welche den Leib und seine
Funktionen,
2. biologische,
welche die Lebensvorgänge,
3. psychische,
welche die Seele des Menschen, und
4. sozialpolitische,
welche das Verhältnis des Menschen zur Natur
und zur Gesellschaft behandelt.
Die erste und zweite Wissenschaft
ist eine naturwissenschaftliche Disziplin,
die dritte eine
philosophische, die vierte eine sprachwissenschaftliche und
historisch-archäologische.
Die Anthropologie
beruht also auf Naturwissenschaft, Philosophie, Sprachwissenschaft,
Geschichte und Archäologie und ist für diese Wissenschaften,
sowie für die Jurisprudenz und Theologie eine Mitarbeiterin.
Der Schöpfer der Anthropologie
als Wissenschaft war Aristoteles (384-322);
aus der alexandrinischen
Schule beschäftigten sich Herophilos (um
280 v. Chr.) und Erasistratos (um
dieselbe Zeit) mit ihr.
Das Mittelalter kannte die anthropologische Forschung
nicht; erst Arnoldus v. Villanova (1235-1312),
der die erste öffentliche Sektion zweier weiblicher Leichen in Bologna
vornahm, begann wieder das Studium der Anthropologie.
Die Naturphilosophen der Reformationszeit wie Paracelsus
(1493-1541) und van Helmont (1577-1644)
waren meist Theosophen
und hatten nur geringes anthropologisches Interesse;
doch wies um dieselbe Zeit Bacon v. Verulam (1561-1626)
auf die Erfahrung
als das beste Hilfsmittel der Forschung hin.
Dieses Prinzip
wandte dann J. Locke (1632-1704)
und seine Schule einseitig an, so dass der
Empirismus bald in Sensualismus
und Materialismus
ausartete.
Ihm traten die Idealisten Cartesius
(1596-1650), Spinoza (1632-1677),
Leibniz (1646-1716)
und Wolf (1679-1754)
gegenüber. Alle diese Philosophen förderten aber die psychische
Anthropologie.
Durch Harvey (1578-1658),
welcher den Blutumlauf (1619) entdeckte, wurde
die neuere physiologische Richtung begründet, der auch A.
v. Haller (1708-1777) angehörte, während
der Vitalismus,
d. h. die Annahme einer besonderen Lebenskraft, in Frankreich besonders Anklang
fand. Berühmte exakte Forscher auf dem Gebiete der Anthropologie waren
dann in Deutschland seit der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts Peter Camper, Sömmering, Blumenbach,
Burdach, Joh. Müller und Virchow.
Die erste systematische Einteilung
des Menschengeschlechts in (3) Rassen machte Cuvier
(† 1832), während Ch. Bell
(† 1842) die moderne Nervenphysiologie
begründete.
Kants »Anthropologie
in pragmatischer Hinsicht 1798« gab manche Anregung.
An Schellings Auffassung, dass der Mensch ein
Glied am Organismus Gottes sei, knüpfte der Mesmerismus an, der erst schwand,
als die neueren Psychologen: Herbart, Beneke,
Lotze, Waitz, Brentano,
Fechner, Wundt u. a. die
Psychologie naturwissenschaftlich und vergleichend bearbeiteten.
Die vergleichende Methode der »Völkerpsychologie«,
wie Lazarus und Steinthal
sie nannten, ward dann auf Religion,
Sittlichkeit
und Sprache übertragen,
und die von Quételet begründete Statistik
leistete vielfach willkommene Hilfe; eine ganz neue Betrachtung endlich hat
Darwins Theorie
auch der Anthropologie gebracht.
Aus der reichen Literatur heben wir hervor:
Kant, Anthropologie in pragmatischer
Hinsicht 1798;
Burdach, Anthropologie für das gebildete Publikum 1846;
H. Lotze, Medizinische Psychologie 1852;
A. Quételet, Physique sociale, dtsch. von Ricke 1838;
F. G. Klemm, Allgemeine Kulturwissenschaft 1854;
Th. Waitz, Anthropologie der Naturvölker 1859-1873;
Huxley, Zeugnisse für die Stellung des Menschen in d. Natur (aus d. Engl.
1863);
Lyell, Das Alter des Menschengeschlechts (aus d. Engl.);
Bastian, Der Mensch in der Geschichte 1860;
Ch. Darwin, Die Abstammung des Menschen 1871;
Joh.Ranke, Der Mensch, Leipzig 1886/87.
Anthropomorphismus
(aus dem Gr. von anthrôpomorphos
= von menschlicher Gestalt) S.
48
ist die Erfassung des Göttlichen in
Menschengestalt. So falsch
diese Vorstellung
ist - schon Xenophanes der Eleat
(6 Jahrh. v. Chr.) bekämpfte den Anthropomorphismus
-, so nahe liegt sie für uns. Und zwar legt der Mensch
entweder Gott seinen
Leib bei, sei es,
dass er diesen vervielfältigt und steigert (Inder), oder sei es, dass er
ihn idealisiert (Hellenen) oder er denkt ihn nur
als menschlichen Geist
mit allen seinen Äußerungen: Wille,
Verstand, Liebe,
Zorn, Reue
(Volksglaube).
Anthropopathismus
(Gr. von anthrôpopatheia
= Zustand menschlichen Empfindens) S.
48
heißt die Auffassung
des Göttlichen, welche der Gottheit
menschliche Affekte wie Zorn,
Hass, Neid,
Reue, Eifersucht
zuschreibt.
Anthropotheismus
(aus dem Griech. von anthrôpos u. theos)
S. 48
heißt Menschenvergötterung;
so kann Hegels System
genannt werden, insofern darin die logischen Kategorien
des Menschen als Stufen der Weltentwicklung, ja der Selbstentfaltung
Gottes gelten.
Anthropotheologie
(aus dem Griech. geb.) S.
48
heißt die Erkenntnis
Gottes aus dem geistig
- sittlichen Wesen
des Menschen.
anthropozentrisch
(vom gr. anthrôpos = Mensch
und kentron = Mittelpunkt) S.
45f.
nennt man diejenige Weltauffassung, welche den Menschen
als das Zentrum der ganzen Welt
ansieht, wie es die meisten Religionen,
z. B. das Christentum, aber auch manche philosophische
Systeme tun, z. B. im Altertum die
Lehre des Sokrates, in der Neuzeit die Wolfische
Philosophie.
Auch in Kants (1724-1804)
Erkenntnistheorie liegt eine neue eigentümliche anthropozentrische
Wendung, indem sie lehrt, dass die menschliche
Vernunft der Natur
(sofern sie die Welt
der Erscheinungen
ist) die Formen
und Grundgesetze
vorschreibe.
Spinozas (1632-1677)
Lehre von Gott-Natur ist dagegen theozentrisch,
und die gegenwärtige Naturwissenschaft führt ebenfalls seit Kopernikus,
Kepler, Newton von
der anthropozentrischen Weltbetrachtung ab.
Am stärksten vertrat dagegen von den Neueren in seiner Philosophie den
anthropozentrischen Standpunkt Wilhelm von Humboldt
(1767-1835), dem sich die ganze Wissenschaft zu
einer philosophisch-empirischen Menschenkenntnis
zusammenfasste.
Antilogismus
(aus dem Gr. von antilogos =
widersprechend) S.
49
heißt allgemein jeder Widersinn
oder, wo das Wort die besondere Bezeichnung für ein philosophisches
System ist, die Feindschaft gegen die Vernunft.
Antimoralismus
(aus dem Lat.),
S. 49
Gegensatz
zur Moral,
heißt entweder ein System,
welches die Moral in seinen Folgerungen zerstört,
oder die praktische
Unsittlichkeit. So ist z. B. der Fatalismus,
Materialismus und F.
Nietzsches Herrenmoral
ein systematischer Antimoralismus,
der Epikureismus
dagegen oft ein praktischer Antimoralismus.
(Vgl. F. Nietzsche, »Jenseits
von Gut und Böse« 1886. Epikureismus.)
Antinomie
(antinomia), S.
49f. Siehe auch
bei Eisler
eigentlich Widerstreit zweier Gesetze,
heißt nach Kant derjenige
Widerstreit der reinen Vernunft,
in den sich diese bei ihrem Bestreben, sich die unbedingte Einheit
der objektiven
Bedingungen
in der Erscheinung
zu verschaffen, d. h. bei den kosmologischen Grundfragen, verwickelt.
Hierbei entsteht eine natürliche Antithetik,
sobald die Vernunft nach dem Grundsatze:
»Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze Summe der Bedingungen,
mithin das schlechthin Unbedingte gegeben, wodurch
jenes allein möglich
war«, absolute
Totalität fordert
und dadurch die Kategorien
zur Idee erweitert.
Diese Antithetik
stellt Kant in vier Sätzepaaren
auf, deren ersten (a) er immer Thesis,
deren zweiten (b) er Antithesis
nennt:
1.
a) Die
Welt hat einen
Anfang in der Zeit
und ist dem Raume
nach auch in Grenzen
eingeschlossen;
b) Die Welt hat keinen
Anfang und keine Grenzen
im Raume, sondern ist sowohl in Ansehung der
Zeit als des Raumes unendlich.
2.
a) Eine jede zusammengesetzte
Substanz in der
Welt besteht aus einfachen
Teilen, und es existiert
überall nichts als das Einfache,
oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist;
b) Kein zusammengesetztes
Ding in der Welt
besteht aus einfachen Teilen, und es existiert
überall nichts Einfaches
in derselben.
3.
a) Die Kausalität
nach Gesetzen der
Natur ist nicht
die einzige, aus welcher die Erscheinungen
der Welt insgesamt abgeleitet
werden können. Es ist noch eine Kausalität
durch Freiheit zur Erklärung
derselben anzunehmen notwendig;
b) Es ist keine Freiheit,
sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach
Gesetzen der Natur.
4.
a) Zu der Welt gehört etwas,
das, entweder als ihr Teil oder ihre Ursache,
ein schlechthin notwendiges Wesen
ist;
b) Es existiert überall kein
schlechthin notwendiges Wesen, weder in
der Welt, noch außer
der Welt, als ihre Ursache.
(Kr. d. r. V. Transscendentale Dialektik, II. Buch, Zweites Hauptstück
S. 405-571).
Thesis und Antithesis
lassen sich gleichmäßig indirekt durch Widerlegung
des Gegensatzes
beweisen, und die Vernunft scheint hier in einer
verzweifelten Lage zu sein. Kant findet in seinem
kritischen
Idealismus durch die Unterscheidung von
Erscheinungen und Dingen
an sich die Lösung.
Die beiden ersten Sätzepaare (die mathematischen
Antinomien) sind sowohl in Thesis wie in Antithesis
falsch,
da beide von der falschen Voraussetzung ausgehen, dass das Weltganze gegeben
sei, während es uns nur aufgegeben, eine Idee
ist.
Die beiden letzten Sätzepaare (die dynamischen Antinomien)
sind sowohl in Thesis als in Antithesis
zulässig, wenn die Thesis
auf Dinge
an sich, die Antithesis
auf Erscheinungen
angewandt wird.
Durch die Rettung der Thesis gewinnt Kant
den Boden für seine praktische
Philosophie, in der er sich auf einen idealistischen Standpunkt stellt. –
Neuerdings hat geistreich die verschiedenen Ansichten über das Wesen
der Materie
Julius Schultz zu Antinomien zusammengestellt
(Jul. Schultz, Die Bilder von der Materie, Göttingen
1905.)
Antithetik
(gr.) S.
51
ist nach Kant (1724-1804)
der Widerstreit zweier dem Scheine nach dogmatischen
Erkenntnisse, ohne dass man der einen Recht geben mag, z. B. zwischen
den beiden Sätzen: »Es ist ein
Gott«. - »Es ist kein Gott«.
–
Transzendentale Antithetik nennt Kant
die Untersuchung über die Antinomien der reinen
Vernunft. (Siehe
unter Antinomie.)
Antizipation
(lat. anticipatio)
S. 48f.
heißt Vorwegnahme.
Zuerst findet sich dieser Begriff bei Epikuros (341-270),
welcher unter »Prolepsis« (=
anticipatio) eine von einer Sache durch wiederholte Wahrnehmung,
Erinnerung und Vergleichung gebildete Allgemeinvorstellung verstand.
Bei den Stoikern hieß »Prolepsis«
der unmittelbar aus der Wahrnehmung gebildete Begriff.
Cicero (de nat. deor. I, 16,
43) übersetzt den Begriff des Epikur
»Prolepsis« durch
anticipatio (id est anteceptam
animo rei quandam informationem, sine qua nec intellegi quidquam, nec quaeri,
nec disputari potest).
Kant (1724 bis 1804) versteht
unter Antizipationen der Wahrnehmung das,
was sich an jeder Empfindung als
solcher a priori erkennen
lässt. Der Grundsatz,
welcher alles das ausspricht, was sich an jeder Empfindung antizipieren lässt,
heißt bei Kant Kr.
d. r. V. S. 166 so: »In allen Erscheinungen
hat die Empfindung
und das Reale,
welches ihr an dem Gegenstande entspricht (realitas
phaenomenon), eine intensive Größe,
d. h. einen Grad«.
Äon
(gr. aiôn) S.
15f. Siehe auch bei
Eisler
heißt Ewigkeit,
beständige Dauer.
Bei dem Gnostiker Valentinus
(150 n. Chr.) werden aus den
Äonen ewige Geister und
göttliche Wesenheiten, Mittelwesen
zwischen dem göttlichen Urgrunde
und dem Menschen.
Apagoge
(gr. apagôgê, lat.
deductio) S. 52f.
heißt nach Aristoteles
(Analyt. prior. II, 25, p. 69 a 20) ein Schluss
folgender Art: Wenn ein erster Begriff
ein Merkmal eines
zweiten Begriffs ist und es zwar nicht feststeht,
dass der zweite Begriff ein Merkmal des dritten
ist, aber dies doch gleich wahrscheinlich
oder noch mehr wahrscheinlich ist, als der zu folgernde Schlusssatz (nämlich
dass der erste ein Merkmal des dritten
sei), so heißt das Schlussverfahren
Apagoge, z. B. :
Es sei 1=lehrbar, 2=Wissen,
3=Gerechtigkeit. Dann steht fest:
1. das
Wissen ist lehrbar, es steht aber nicht fest,
2. dass die Gerechtigkeit ein Wissen ist. Doch ist dies ebenso
wahrscheinlich, oder wahrscheinlicher, als dass die Gerechtigkeit lehrbar ist.
Wir schließen also,
3. dass die Gerechtigkeit lehrbar
sei, durch den nicht sicher feststehenden zweiten Satz
hindurch.
Apagoge ist also ein
Schluss aus sicherem Obersatz und einem Untersatz,
der zwar nicht gewiss ist, aber
mindestens ebenso gewiss oder gewisser ist
als die Folgerung. Die Apagoge
hat natürlich nichts völlig Überzeugendes an sich, sondern
gehört zu den rhetorischen Schlüssen; ohne
strenger Beweis zu sein, erweckt sie doch
Glauben. –
Apagogischer Beweis (demonstratio
apagogica, apagôgê eis adynaton, deductio ad absurdum) heißt
indirekter Beweis, also
ein Schlussverfahren, in welchem man die Wahrheit
einer Behauptung aus der Falschheit ihres Gegenteils beweist. Der bloße
apagogische Beweis ist aber nur ein
Beweis von beschränktem Werte, ganz abgesehen von den Sophistereien,
die dabei oft unterlaufen. Er führt zwar zur Gewissheit,
aber nicht zur Einsicht in
die Gründe.
Apeiron
(gr. apeiron =
das Unermessliche), S. 53
das Unendliche, Unbegrenzte, nannte
Anaximandros aus Milet (geb.
611 v. Chr.) den Grundstoff,
aus dem alles andere entstanden sei. Er dachte
sich diesen quantitativ
unendlich und
der Qualität
nach wahrscheinlich nicht als Mischung verschiedener
Stoffe, sondern als eigenschaftslosen Stoff, aus
dem die jetzige Welt durch Ausscheiden der Gegensätze entstanden ist.
apodiktisch
(v. gr. apodeiknymi
= beweisen) S.
54
heißt ein Urteil,
mit dem sich das Bewusstsein
seiner Unumstößlichkeit verbindet.
Kant (1724-1804) teilt
die Urteile der Modalität
nach in problematische (S
kann P
sein), assertorische (S
ist P) und apodiktische
(S muss P
sein) ein.
Das apodiktische Urteil drückt
eine logische Notwendigkeit
aus (Kr. d. r. V. S. 70-76).
So nennt Kant den Satz, dass der Raum
drei Dimensionen
habe, apodiktisch,
weil er eine Vernunftnotwendigkeitund nicht empirisch erschlossen sei, - was
freilich unrichtig ist, da die geometrischen Sätze nicht
apodiktisch sind, sondern zuletzt der Empirie
entspringen.
Der Ausdruck »apodiktischer Beweis«
ist übrigens ein Pleonasmus; denn Beweis
heißt apódeixis. Apodiktik
(z. B. v. Bouterwek) könnte die Erkenntnistheorie
heißen, insofern sie darauf ausgeht, ein sicheres Wissen zu begründen.
a
posteriori, a priori (lat.)
S. 54f.
heißt eigtl. von dem späteren
und von dem früheren. Die beiden
Begriffe spielen in der Frage, ob unser
Wissen die Erfahrung
oder das Denken zur Quelle hat,
also in dem Streite des Empirismus
und Rationalismus
eine wichtige Rolle.
Schon Aristoteles (384-322)
unterschied das von Natur
Spätere und Frühere; jenes liefert
die Erkenntnis
aus den Wirkungen, dieses diejenige aus den Ursachen.
Die Scholastiker
verstehen daher ebenfalls mit Aristoteles unter
a posteriori die
Erkenntnis aus den Wirkungen, unter a
priori die aus den Ursachen.
Im 18. Jahrh. versteht man vor
Kant unter a priori die
angeborene rein begriffliche, unter a posteriori
die aus der Erfahrung geschöpfte, im Leben erworbene
Erkenntnis, (so Leibniz, Hume).
Kant (1724-1804) vertiefte
den Begriff, er bezeichnete die empirische
Erkenntnis, die ihre Quelle in der Erfahrung
hat, und nicht allgemein notwendig ist, als a posteriori;
a priori aber nannte er die davon unabhängige
reine Vernunfterkenntnis, welcher Allgemeinheit und Notwendigkeit zukommen.
Er versuchte nachzuweisen, dass nicht nur die gesamte Form
unserer Erkenntnis, sondern auch das formale Sittengesetz,
nach dem sich unsere Handlungen richten, und das formale
Geschmacksprinzip a priori seien,
während der Inhalt unseres Wissens, Handelns und
Empfindens a posteriori
sei. Bei Kant hat also das a
priori und a posteriori nichts mehr mit
einem zeitlichen Vorausgehen und zeitlichen Folgen, nichts mit dem Gegensatz
des Angeborenen und Erworbenen zu tun. Kant verwirft
vielmehr den Nativismus,
die Behauptung, dass es angeborene Begriffe gebe;
er vertritt die Idee, dass sich die Begriffe
a priori bei Gelegenheit der Erfahrung entwickeln.
Alle unsere Erkenntnis
fängt nach ihm mit der
Erfahrung an.
(Vgl. angeboren.)
Ähnlich sagt J. G. Fichte (1762-1814),
das, was lediglich durch das Wissen und nicht außer
ihm durch das Ding gesetzt
werde, heiße a priori. Vgl.
Eucken, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904. S. 84 ff.
Apperzeption
(nlat. u. franz. von ad und perceptio =
das Innewerden) S. 55ff.
heißt im Allgemeinen das aktive
Denken im
Gegensatz zu der passiven Perzeption,
die spontane und bewusste Denktätigkeit im
Gegensatz zu der rezeptiven sinnlichen Wahrnehmung.
Im speziellen hat der Begriff der Apperzeption vielfach geschwankt.
Leibniz (1646-1716) verstand unter Apperzeption die Aufnahme einer Vorstellung in das Selbstbewusstsein, das über einen
Zustand der Seele nachdenkende Bewusstsein.
Kant (1724-1804) fasst die Apperzeption schlechthin als das Bewusstsein und
schied die reine transzendentale oder ursprüngliche Apperzeption, das Selbstbewusstsein,
das: »Ich denke«, das alle Vorstellungen des einzelnen begleitet
und in allem Wechsel des Bewusstseins ein und dasselbe ist, von der empirischen
Apperzeption, dem Bewusstsein des Menschen von seinem jedesmaligen Zustande. (Kr. d. r. V., II. Aufl., S. 132, § 16.)
Herbart (1776-1841) fasste die Apperzeption als die Aneignung und Verarbeitung
neu aufzunehmender Vorstellungen durch ältere verbundene und ausgeglichene
Vorstellungsmassen.
Steinthal (1823-1899) und Lazarus (1824-1903) bildeten den Herbartschen Begriff
weiter aus. Steinthal z. B. unterschied die identifizierende, subsumierende,
harmonisierende und disharmonisierende Apperzeption.
Wundt (1832 - 1920) versteht unter Apperzeption den Einzelvorgang, durch den ein
psychischer Inhalt zu klarer Auffassung kommt, die Erfassung einer Vorstellung durch die Aufmerksamkeit. Er unterscheidet, bei Vergleichung des Bewusstseinsaktes
mit einem inneren Sehen, Blickfeld und Blickpunkt des Bewusstseins. Die Apperzeption ist nach diesem Bilde der Eintritt einer Vorstellung in den Blickpunkt des Bewusstseins (Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II, S. 235).
Am verbreitesten dürfte gegenwärtig noch immer der Begriff der Apperzeption sein, wie ihn Herbart, Steinthal und Lazarus bestimmt haben.
(Vgl. Otto Staude, Phil. Stud. I, S. 149 ff.)
apperzipieren heißt mit Bewusstsein erfassen oder neue Vorstellungen mit
Hilfe älterer aufnehmen.
Archetyp
(gr. archetypos) S.
57
heißt Urbild, Muster, Original, Ideal; archetypisch
heißt urbildlich, eigenartig.
Aristotelismus
S. 59ff.
Unter Aristotelismus versteht man
1. die Philosophie des Aristoteles (384-322). Sie ist neben Platons (427-347)
System das erste und einzige große Lehrgebäude der griechischen Philosophie
und umfasst die Logik, die Metaphysik, die Naturphilosophie und Psychologie,
die Ethik und Politik und die Ästhetik.
Die Logik, die in einer Reihe von Schriften des Aristoteles
behandelt wird, welche man unter dem Namen Organon zusammenfasst (katêgoriai,
peri hermêneias, analytika protera, analytika hystera, topika, peri sophistikôn
elenchôn), behandelt die Lehre von den Kategorien, den durch
die Existenzformen bedingten Grundbegriffen des Denkens (Substanz, Quantität,
Qualität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haben, Tun und Leiden,
ousia oder ti esti, poson, poion, pros
ti, pou, pote, keisthai, echeien, poiein und paschein),
die Lehre von den Urteilen und die Lehre von den Schlüssen. Die Aristotelische
Logik ist die Grundlage der Logik bis nahezu zur Gegenwart geblieben. –
Die Metaphysik des Aristoteles, die er selber erste
Philosophie (prôtê philosophia) nennt,
setzt sich mit Platon über das Verhältnis
des Allgemeinen zum Einzelnen, der Idee zum Individuum auseinander.
Nach Platon kommt der Idee höhere Existenz zu als dem Individuum, und das
Allgemeine existiert als das wahrhaft Wirkliche, gesondert vom Einzelnen.
Nach Aristoteles verdient das Allgemeine wohl einen höheren Wert als das
Einzelne, hat aber keine gesonderte Existenz, existiert also nicht neben dem
Vielen, sondern in dem Vielen.
Die Metaphysik der Aristoten bestimmt sodann die Prinzipien des Seins. Die Grundformen
des Daseins sind: Form oder Wesen (morphê, eidos,
hê kata ton logon onsia, to ti ên einai), Stoff (hylê,
to hypokeimenon), Ursache (hothen hê
archê tês kinêseôs) und Zweck (to
on heneka) (vgl. Met. I, 3, 983 a 26 ff.);
reduziert werden aber diese vier metaphysischen Prinzipien auf zwei:
Form und Stoff.
Der Stoff ist nicht, wie Platon annahm, ein Nichtseiendes, sondern die Möglichkeit
oder Anlage (dynamis), die Form ist die Vollendung der Anlage (entelecheia).
Die Form fällt wenigstens bei organischen Wesen mit Zweck und bewegender
Ursache zusammen.
Die Bewegung ist der Übergang vom Möglichen zum Wirklichen. Das Bewegende
und selbst Unbewegte ist die stofflose ewige Form, Gott, der göttliche
Verstand (nous). –
Die Naturphilosophie des Aristoteles handelt von der stofflichen in Bewegung
oder Veränderung begriffenen Welt. Die Bewegung oder Veränderung besteht
im Entstehen und Vergehen, in Zunahme und Abnahme, in qualitativer Wandlung
und in der Ortsveränderung.
Die Welt ist von endlicher Ausdehnung, aber ihrer Existenz nach ewig. Sie besteht
aus dem Fixsternhimmel, der unmittelbar von der Gottheit bewegt wird, den Planetenhimmeln
und der Erde, die im Mittelpunkt der Welt unbewegt ruht. Stofflich besteht die
Welt aus dem Äther, dem Feuer, der Luft, dem Wasser und der Erde.
Die Naturwesen bilden eine nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit gegliederte
Stufenreihe von den Pflanzen zu den Tieren und zum Menschen. –
In der Psychologie bestimmt Aristoteles die Seele als die erste Entelechie des
physischen Leibes, welcher Leben der Anlage nach besitzt, womit er sie als Vollendung
oder Erfüllung im Gegensatz zur Anlage, aber auch als nicht immer tätig,
wie der göttliche Verstand es ist, sondern als nur immer im Körper
vorhanden bezeichnen will. Die Seele ist die Form, die Bewegungsursache und
der Zweck des Leibes.
Bei der Pflanze ist die Seele nur das Ernährungsvermögen (to threptikon),
beim Tiere besitzt sie außerdem das Wahrnehmungsvermögen, das Begehrungsvermögen
und das Bewegungsvermögen (to aisthêtikon,
to orektikon, to kinêtikon kata topon).
Die menschliche Seele besitzt dazu den Verstand (nous) und bildet einen Mikrokosmos
(eine Welt im kleinen). Der Verstand ist göttlichen Ursprungs und unsterblich.
–
In der Ethik bezeichnet Aristoteles die Glückseligkeit (eudaimonia) als
das Ziel des menschlichen Strebens. Sie wird erreicht durch die vernünftige
und tugendhafte Tätigkeit der Seele. Die Tugend ist die aus natürlicher
Anlage durch Handeln herausgebildete Fertigkeit, das Vernünftige zu wollen.
Die Tugenden sind entweder ethische oder dianoëtische.
Die ethischen Tugenden wie Tapferkeit, Mäßigkeit, Freigebigkeit,
Hochherzigkeit, Milde, Wahrheit, Gewandtheit im geselligen Verkehr, Freundlichkeit
und Gerechtigkeit bestehen in der Besiegung der Begierden durch die Vernunft
und sind stets ein Mittleres zwischen zwei Extremen.
Die dianoëtischen Tugenden wie Vernunft, Wissenschaft, Kunst und praktische
Einsicht sind die Ausbildungen der intellektuellen Anlagen des Menschen. –
In der Politik bestimmt Aristoteles die Aufgabe
des Staates. Der Mensch ist von Natur ein politisches Wesen (politikon
zôon). Der Staat ist entstanden um des Lebens willen, hat
aber seinen Zweck in dem sittlichen Leben, und seine Hauptpflicht ist die Bildung
der Tugend und der Bürger. –
In der Ästhetik steht Aristoteles auf formalistischem
Standpunkt (vgl. Ästhetik). Das Schöne liegt in der Form. Die Kunst,
welche Nachahmung ist, dient nach ihm der Unterhaltung, der zeitweiligen Befreiung
von Affekten und der sittlichen Bildung. (Vgl. Ueberweg,
Grundriß d. Gesch. d. Phil. I, §§ 45-50, Zeller, Gesch. d. griech.
Philos. Bd. III.)
Die Philosophie des Aristoteles ist demnach charakterisiert
als logisch-begriffliche Verarbeitung des gesamten Wissensmaterials und Aufsuchung
der obersten Prinzipien des Wissens. Ihr ganzes Streben ging darauf hin, die
Sokratisch-Platonische Begriffsphilosophie zu einer die Erscheinungen, die Welt
in ihrer ewigen Ordnung erklärenden spekulativen Theorie umzubilden. Sie
hat hierdurch, wie durch die Unterordnung der praktischen Vernunft unter die
theoretische und durch ihren dianoëtischen Tugendbegriff einen intellektualistischen
Charakter angenommen. Dazu zeichnet sie sich aus durch ihre Universalität
und durch die Fülle des empirischen Materials, die sie beherrscht und ordnet.
In der Metaphysik ist Aristoteles realistischer
und nüchterner als Platon, der die Ideen hypostasiert und die Ideenlehre
poetisch ausschmückt, aber durch die Wertstellung, die dem Allgemeinen
und den Ideen auch bei Aristoteles zuteil wird, und durch seinen Gottesbegriff,
der auf Anaxagoras zurückgeht, rückt sein System doch mehr in die
Systeme des Idealismus als die des Realismus ein, und durch die Anordnung der
Welt nach dem Zweck-System wird sein System teleologischer Idealismus.
In der Ethik ist
Aristoteles Eudämonist, in der Ästhetik Formalist.
Auf allen Gebieten der Philosophie hat er anregende Untersuchungen geführt,
und für lange Zeiten ist er Ausgangspunkt der Philosophie geblieben. Aber
die empirischen Fundamente seiner Philosophie sind unzureichend gewesen, und
zur völligen Klärung der obersten Prinzipien hat es seine Philosophie
nicht gebracht. Der Aristotelismus, als Philosophie des Aristoteles und als
dominierende Weltphilosophie, ist erst durch den Kantianismus (s. d.) völlig
überwunden worden.
Aristotelismus heißt
2. die Philosophie der Schüler des Aristoteles, d. h. die peripatetische
Philosophie (s. Peripatetiker), die wesentlich an den Lehren des Meisters festhält.
3. die arabische Philosophie seit dem 8. Jahrh. n. Chr., deren Hauptvertreter
Avicenna (980 bis 1037) und Averröes (1126-1198) waren (vgl. Averroismus).
Der arabischen Philosophie schloss sich die jüdische Philosophie des Mittelalters,
vertreten durch Gabirol (geb. um 1020, † 1069 od. 70) und Maimonides (1135-1204),
an.
4. die christlich-scholastische Philosophie seit dem 12. Jahrh., die an die
arabischen Bearbeitungen des Aristoteles anknüpft. Den Aristotelismus verband
am innigsten mit der Kirchenlehre Thomas von Aquino (1225 bis 1274), dessen
System das maßgebende für die katholische Kirche ward.
(Vgl. Katholizismus
und Philosophie und Neuthomismus.)
5. diejenige Strömung der Renaissancephilosophie, die die reine Lehre des
Aristoteles im 15. und 16. Jahrhundert zurückzugewinnen
versuchten. Sie spalteten sich in Alexandristen,
zu denen vor allen Petrus Pomponatius (1462-1530)
und Averroisten, zu denen Achillinus
(1463-1518) und Niphus (1473-1546)
gehörten.
Aristoteliker in dieser Form war auch Melanchthon.
6. die Philosophie Adolf Trendelenburgs (1802-1872),
der aber selbständig eine konstruktive, durch den Zweck geleitete Bewegung
in das System des Aristoteles einfügte.
assertorisch
( lat. assertorius = das Urteil betreffend)
heißt ein Urteil
seiner Modalität
nach, welches ohne jeden Zusatz etwas als wahr oder wirklich behauptet oder
leugnet, während das problematische
Urteil etwas als möglich, das apodiktische
Urteil etwas als notwendig hinstellt.
Das bejahende assertorische Urteil
hat die Form:
A ist B,
das problematische:
A kann B sein,
das apodiktische:
A muss
B sein.
Ein Beispiel für das assertorische
Urteil ist: Ellipsen sind Kegelschnitte.
Kant definiert: Assertorische Urteile
sind solche, da das Bejahen und Verneinen als wirklich
betrachtet wird (Kr. d. v. V. S. 74).
Assoziation
(aus dem Lat. von associare = beigesellen)
S. 65ff.
heißt eigentl. Vergesellschaftung, gesellige
Verbindung. –
Ideenassoziation heißt diejenige natürliche
Verbindung unserer Vorstellungen, welche ohne unseren
Willen entsteht und die Wirkung hat, dass die Vorstellungen einander
unwillkürlich hervorrufen.
Schon Platon (427-347)
und Aristoteles (384-322)
kennen sie, aber erst die neuere Psychologie hat sie gründlicher untersucht.
Am Allgemeinsten aufgefasst, ist die Ideen-Assoziation
im Wesen nicht unterschieden
von dem, was man Phantasie
nennt, sofern darunter das nicht durch Wille
und Vernunft
gelenkte Spiel unserer Vorstellungen
gemeint ist. Das Phantasieren des Kindes, des Dichters und Musikers, der Witz
und das Wortspiel des geistreichen Menschen, die Bilder und Gleichnisse des
Redners, das Gedächtnis
und die Erfindungskraft
des Gelehrten - alles hängt von der Ideenassoziation
ab.
Trotz ihrer scheinbaren Regellosigkeit lassen sich für die in dieser Weise
bestimmte Assoziation Gesetze aufstellen, nämlich
1. das Gesetz
der Zeitfolge und Gleichzeitigkeit (lex
successionis et simultaneitatis): Vorstellungen, welche wir hintereinander
oder zugleich empfangen, assoziieren sich und rufen einander hervor: So erinnern
Orte an Ereignisse, welche dort vorgefallen sind, und gleichzeitige Ereignisse
aneinander; wenn jemand zwei Personen zugleich kennen gelernt hat, fällt
ihm, sobald er die eine sieht, die andere ein;
2. das Gesetz
der Ähnlichkeit und des Kontrastes
(lex similitudinis et oppositionis): Einander ähnliche Vorstellungen
von Personen, Sachen, Gegenden, Ereignissen rufen sich gegenseitig hervor; aber
auch Gegensätze, z. B. die Vorstellung von Himmel und Hölle, Engeln
und Teufeln, Tugenden und Lastern u. dgl. tun dasselbe; hierzu kommen auch noch
die Korrelata, wie Ursache
und Wirkung, Zweck und Mittel,
Ganzes und Teile, Subjekt und Objekt u. s. f.
Eine fruchtbare Ideenassoziation ist die Voraussetzung alles künstlerischen
und wissenschaftlichen Schaffens. –
Strenger philosophisch gefasst hat den Assoziationsbegriff
die empiristische Philosophie des
18. Jahrhunderts und ihre Nachfolger.
Für sie ist nach dem Vorgange von Hartley
(1704 bis 1757) und David
Hume (1711-1776) Assoziation
die Verbindung der Vorstellungen, die sich bei
passivem Bewusstseinsstande bildet, und ihre Reproduktion.
(Vgl. Hume, Inquiry concerning Human Understanding,
Section III und Assoziationspsychologic.)
Der so gefasste Assoziationsbegriff war
aber insofern nicht haltbar, als die von dem Empirismus
bei der Assoziation als Einheiten zugrunde gelegten
Vorstellungen keine Einheiten sind, sondern selbst aus Verbindungen hervorgehen,
und auch insofern, als eine Reproduktion im strengen Sinne, eine unveränderte
Wiederhervorbringung früherer Vorstellungen nicht stattfindet. Auch berücksichtigt
der empiristische Assoziationsbegriff nicht die
Verbindung der Vorstellungen mit Gefühlen und Bestrebungen. –
Neuere, wie Wundt (geb. 1832),
haben deswegen den Assoziationsbegriff einer Berichtigung
unterzogen, indem sie darunter die passive Verbindung der Elemente unseres Bewusstseinsinhaltes
verstehen. Wundt scheidet sie in Verschmelzungen,
Assimilationen, Komplikationen und sukzessive Assoziationen. Die Verschmelzungen
sind die festen Assoziationen psychischer Elemente,
durch die alle in unserm Bewusstsein
vorhandenen psychischen Gebilde erst entstehen. Durch die Assimilationen bilden
sich Veränderungen
gegebener psychischer Gebilde unter Einfluss der Elemente anderer Gebilde.
Durch die Komplikationen verbinden sich ungleichartige psychische Gebilde, und
durch die sukzessiven Assoziationen entstehen im Anschluss an die simultanen
Verschmelzungen Assimilationen und Komplikationen Verbindungen zeitlich aufeinander
folgender psychischer Gebilde. (Vgl. Wundt, Grundriß
der Psychologie, Leipzig 1905, § 16, S. 271-307.)
Ästhetik
(gr.
von aisthêtos = sinnlich wahrnehmbar, gebildet)
S. 21ff.
heißt zunächst die Lehre von der Sinneserkenntnis.
In dieser ursprünglichen Bedeutung braucht Kant (1724-1804) das Wort in
seiner Kritik der reinen Vernunft (1781), die aus der Aufgabe erwachsen war,
die Grenzen der Sinnlichkeit und des Verstandes zu bestimmen. Der erste Teil
der Elementarlehre in diesem Werke ist die transzendentale Ästhetik. Sie
bestimmt die Sinneserkenntnis als das Vermögen der Anschauungen, als Rezeptivität,
und weist als reine, allgemeine und notwendige, nicht aus der Erfahrung stammende
Form der sinnlichen Erkenntnis Raum und Zeit nach. –
Gewöhnlich und in zweiter Linie versteht man aber unter Ästhetik die
Wissenschaft von den Gefühlen, welche durch das Schöne und das ihm
Verwandte oder Entgegengesetzte hervorgerufen werden, und den Urteilen, die
sich auf diese Gefühle gründen.
Zur Wissenschaft erhoben und so benannt ward diese Disziplin erst durch den
Wolfianer A. G. Baumgarten (1714-62) [»Aesthetica« (1750-58)]; vor
ihm wurde nur beiläufig von den ästhetischen Begriffen gehandelt.
So definiert z. B. Platon, (427-347), dem von den Neueren Shaftesbury (1671-1713)
gefolgt ist, das Schöne (im Phaidros) als das Nachbild der Ideen, in deren
Reich die Idee des Guten die herrschende ist, während er (im Philebos)
die Freude am Schönen diejenige Lust nennt, welche durch Wahrnehmung eines
Verhältnismäßigen und Ebenmäßigen erzeugt wird. Aber
Platon sondert das Schöne nirgends scharf vom Guten. Die Schönheit
dient bei ihm nur ethisch-politischen Zwecken, und gegen die Kunst verhält
er sich ablehnend.
Aristoteles (384-322) gibt in seiner »Rhetorik und Poetik« eine
Reihe empirischer Regeln über das Schöne. Er geht von einzelnen Beispielen
des Schönen aus, prüft das allen Gemeinsame und findet es in der Ordnung,
im richtigen Verhältnis der Teile, in der Begrenztheit und angemessenen
Größe, in dem Zusammenhang und der Vollständigkeit, mithin in
der Einheit im Mannigfaltigen, also in der Form der Dinge. Das Wesen der Kunst
setzt er in die Nachahmung (mimêsis). Aber er leitet das Wesen der Kunst
noch nicht aus der menschlichen Natur ab.
Dies hat erst Baumgarten (1714-1762) getan, indem er, von den Grundlehren der
Philosophie Leibniz' und Wolfs und von französischen Anregungen (Dubos)
ausgehend, die Ästhetik als Paralleldisziplin neben die Logik stellte.
Wie diese das höhere Erkenntnisvermögen, das Begriffsvermögen,
solle jene das niedere Erkenntnisvermögen, die sog. Sinnenerkenntnis (Aesthetica
est scientia cognitionis sensitivae) behandeln.
Demgemäß lehrten die Ästhetiker der Wolfschen Schule (Eschenburg,
Eberhard, Sulzer, Mendelssohn), dass die ästhetische Erkenntnis nur eine
Vorstufe der intellektuellen sei. Zur Geschmackslehre und Lehre vom Schönen
ward aber für Baumgarten und seine Nachfolger die Ästhetik durch den
optimistischen Gedanken der Leibnizschen Philosophie: In der Welt liegt der
höchste Grad der Vollkommenheit, den der Schöpfer in sie hineinlegen
konnte; erkennen wir diese Vollkommenheit begrifflich, so heißt sie Wahrheit,
erkennen wir sie durch die Sinne, so heißt sie Schönheit; Schönheit
ist also der Gegenstand der sinnlichen Erkenntnis.
Die Lehre von der sinnlichen Erkenntnis wird daher nach der Annahme des Wolfianers
durch die Beschaffenheit des Weltalls von selbst zur Schönheitslehre. Die
Erklärung der Schönheit als sinnlich erkannter Vollkommenheit macht
aber Baumgarten wie Aristoteles zum Formalisten; denn Vollkommenheit ist ihm
die Übereinstimmung der einzelnen Teile eines Gegenstandes zum Ganzen.
Von Aristoteles entlehnt er auch das Prinzip der Nachahmung in der Kunst, aus
dem er das Verbot des Heterokosmischen für den Künstler ableitet.
Baumgartens Formalismus ist die Ästhetik des Rationalismus. –
Um dieselbe Zeit griffen die Engländer in die Untersuchung über das
Schöne ein und begründeten, indem sie den Blick auf die subjektiven
Bedingungen der Schönheit richteten, die sensualistische Ästhetik.
Hutcheson (1694-1747) schied niedere und höhere Sinne von einander und
leitete die Empfindung des Schönen nur aus den letzteren, Gehör und
Gesicht, ab.
Home (1696-1782) führte diese Untersuchungen fort und wies nach, dass die
ästhetischen Empfindungen frei von der Beimischung des Verlangens seien.
Burke (1730-97) untersuchte die Ideen vom Schönen und Erhabenen und führte
jene auf den Geselligkeitstrieb, diese auf den Selbsterhaltungstrieb zurück.
Die Untersuchungen der englischen Ästhetiker wurden in Deutschland beachtet
und wirkten auf Lessing, Herder und besonders auf Kant in den Jahren 1760-1770
ein.
Kant (1724-1804), in seiner
»Kritik der Urteilskraft« (1790),
findet das Schöne, das er scharf von dem Guten und Angenehmen trennt und
das er auf die Verbindung der Urteilskraft mit dem Gefühlsvermögen
gründet, in der Zweckmäßigkeit der Form, welche ein allgemeines
und notwendiges, uninteressiertes Wohlgefallen in uns errege. Den Grund, warum
gewisse Dinge oder Verhältnisse dies tun, sieht er darin, dass bei der
Vergleichung der Anschauung mit dem Verstande sich eine Lust an der Harmonie
zwischen beiden herausstelle. Kants Standpunkt in der Ästhetik ist die
Verbindung des (ethischen) Idealismus mit dem Rationalismus. Das Prinzip des
Geschmacksurteils stammt aus reiner Vernunft (Rationalismus); aber nicht die
Welt an sich ist schön, sondern der Mensch trägt den aus seiner Urteilskraft
und seinem Lustgefühl entstandenen Begriff der Schönheit in die Welt
hinein (Idealismus). Kant ergänzt jedoch seinen rationalistischen und idealistischen
Grundgedanken, der der Schönheit zwar alle Bestimmtheit des Begriffs, nicht
aber alle Bedeutung raubt, durch die Idee, dass die schönen und erhabenen
Dinge wie Symbole des Sittlich-Guten wirken.
Schiller (1759-1805)
hatte 1789 in dem Gedichte »Die
Künstler«, dessen Idee die Verhüllung der Wahrheit und Sittlichkeit
in die Schönheit ist, sich der deutschen Ästhetik vor Kant
angeschlossen. Später betonte er im Anschluss an
Kant mehr die Form, »das Gefäß
des Inhaltes«; das Gleichgewicht der sinnlichen und vernünftigen
Tätigkeit hielt er für die Normalstimmung des Künstlers und die
Geburtsstätte des Schönen. Dieser Standpunkt erschien ihm freilich
als ein Ideal. Schönheit ist ihm die Freiheit in der Erscheinung, die Natur
in der Kunstmäßigkeit, die Versöhnung zwischen Verstand und
Sinnlichkeit. Vor allem nimmt Schiller aber die Idee Kants
auf, dass das Schöne als Symbol des Sittlich-Guten
wirke. Die Anmut tritt z. B. da in die Erscheinung, wo der Mensch die Vernunftpflichten
und Naturtriebe zur Einheit und Harmonie und diese Harmonie zum Ausdruck gebracht
hat. –
Schelling (1775-1854)
hingegen behauptete, indem er die Ästhetik der Philosophie des Absoluten
schuf, da Natur und Geist, Ideales und Reales gleich seien, das Schöne
sei dasjenige, dessen sinnliche Existenz durchweg dem Idealen entspreche, also
die Einheit des Realen und Idealen. (Vgl.
Schelling: Über das Verhältnis der bildenden Künste zur
Natur. 1807.)
Diesen Standpunkt führt geistvoll Solger in
seinem »Erwin, vier Gespräche über das
Schöne und die Kunst« 1815 durch.
Hegel 1770-1831 (»Ästhetik«,
herausgeg. von Hotho, 1835)
schuf eine rein (logisch-) idealistische Ästhetik, indem er das Schöne
als die Idee in der Form begrenzter Erscheinung, als das sinnliche Scheinen
der Idee bestimmte. Seine erste Existenz findet es in der Natur und, wie Vischer
(»Ästhetik« 1846-1857) hinzufügt, in der Geschichte. Dort
existiert es aber nur unbewusst, daher mangelhaft, bewusst erst im sinnlichen
Geiste, in der Phantasie. Sobald die Phantasie sich verwirklicht, entsteht die
Kunst. Das Kunstwerk existiert, losgelöst von seinem Urheber, unbefangen
und absichtslos, wie ein Werk der Natur; doch ebenso sehr entstammt es dem Geiste;
denn es ist eine Verkörperung der Idee. Die einzelnen Künste erscheinen
so als die stufenmäßige Herausarbeitung des Geistes aus der Materialität.
Sie treten nacheinander als die symbolischen, klassischen und romantischen Künste
auf. Die bildenden Künste sind stumm, massenhaft, noch durchweg material;
die Musik bewegt sich in der idealgesetzten Materialität des Tones, die
Poesie auf fast rein geistigem Gebiete; sie ist der Übergang des Geistes
zum reinen Denken. Die Sprache, deren sie sich bedient, ist kein sinnlicher
Stoff, sondern nur das Vehikel des Geistes.
Die Ästhetik umfasst also das ganze Reich des Schönen, die Kunst ist
nur eine Provinz davon.
Herbart (1776 bis 1841),
dessen Philosophie im Grunde auf der Wolfs beruht, erneuerte den Formalismus
der rationalistischen Ästhetik und dehnte Schillers
Satz: »Die Vertilgung des Stoffes durch die
Form ist das wahre Kunstgeheimnis des Meisters« auf die ganze praktische
Philosophie aus und bezeichnete demnach die Ethik als Teil der allgemeinen Ästhetik,
der Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden überhaupt.
(Vgl. Herbart, Allg. prakt. Philos. 1805.
Lehrb. z. Einl. in d. Philos. 4. Aufl. 1837; und Rob.
Zimmermann, Allg. Ästhetik als Formwissenschaft 1865.)
Die Ästhetik handelt demnach bei ihm von den Formen, durch welche ein beliebiger
Vorstellungsinhalt, sei er nun Abbildung der Wirklichkeit oder bloß Erfindung,
Anspruch auf Gefallen oder Missfallen erlangt. Beim Schönen handelt es
sich also um ein Bild, und die Ästhetik darf weder mit der Kunstgeschichte
noch mit der Metaphysik verwechselt werden.
Der Grund für das ästhetische Gefallen liegt nicht in den unverbundenen
Teilen (der Materie) einer Vorstellung, sondern nur in deren Verbindung zu einem
Ganzen (ihrer Form).
Diese gefallen entweder wegen ihrer Stärke (Quantität), oder wegen
ihres Inhalts (Qualität), d. h. es gefällt das Große und das
Harmonische. Die Zusammenfassung beider in ein der Form des Charakteristischen
entsprechendes Nachbild, eines die Formen der Vollkommenheit (Größe,
Fülle, Ordnung), des Einklangs, der Korrektheit und des abschließenden
Ausgleichs an sich tragenden Vorbildes erzeugt das Schöne. Die Durchführung
jeder einzelnen Elementarform innerhalb eines Gesamtbildes führt zu den
abgeleiteten Formen des ästhetischen Reinheits-, Freiheits-, Wahrheits-
und Vollkommenheitssystems.
Eigene Wege in der Ästhetik gehen Jean Paul
(»Vorschule der Ästhetik« 1804),
A. Schopenhauer (»Die Welt als Wille und Vorstellung«, 3. Buch,
3. Aufl. 1859), J. H. v. Kirchmann (»Ästh. auf realist. Grundlage«
1868) und E. v. Hartmann (»Philosophie des Schönen« 1888).
Der Ästhetik hat, wie ihre Geschichte zeigt, bisher die richtige Methode
gefehlt. Sie ist zu sehr den Bahnen der Metaphysik gefolgt. Die richtige Methode
der Ästhetik kann nur die empiristische sein. Von der Beobachtung des Naturschönen
und der auf die Kunstgeschichte gegründeten Kritik hat alle ästhetische
Forschung auszugehn. Denn jedes Naturprodukt trägt seine eigene Schönheit
in sich, und jedes Kunstwerk ist national, historisch und individuell bestimmt.
Daneben freilich hat die Ästhetik das Wesen der Natur und des Menschen
nach ihrer Allgemeinheit und Gesetzmäßigkeit zu untersuchen. An die
biologischen und psychologischen Voraussetzungen haben sich Untersuchungen über
das Wesen des künstlerischen Schaffens zu schließen, um endlich die
Künste im Einzelnen betrachten zu können.
Die Ästhetik muss also nicht von der Metaphysik, sondern von der Erfahrung
ausgehen; nicht der Begriff des Schönen, sondern das Wesen der einzelnen
Schönheit ist ihre Basis.
Ein absolutes Schöne gibt es höchstens als Ideal; in der Wirklichkeit
existiert stets nur das Schöne eines bestimmten Gegenstandes.
Die Gliederung der Ästhetik erfolgt, indem mit den Untersuchungen über
die subjektiven und objektiven Bedingungen der Gefühle des Schönen
und der ihm verwandten Gefühle begonnen, dann das Schöne der Natur
und zuletzt das ganze Gebiet der Künste durchmessen wird.
Vgl. C. Köstlin,
Ästhetik 1863-1869, C. Lemcke, Populäre Ästhetik, 4. Aufl. 1873,
und R. Prölss, Katechismus der Ästhetik 1878. J. Cohn, psychologische
oder kritische Begründung der Ästhetik. Arch. f. system. Philos. 1904.
H. Cohen, Kants Begründung der Ästhetik 1889.
ästhetisch
S. 21
heißt im weiteren Sinne jeder Begriff, der in den Kreis der Ästhetik
fällt, also auch außer dem Begriff des Schönen der Begriff des
Anmutigen, des Reizenden, des Hübschen, des Niedlichen, des Komischen,
des Hässlichen, des Furchtbaren, des Tragischen, des Erhabenen usw.; im
engeren Sinne dagegen ist ästhetisch nur der Begriff des Schönen,
Geschmackvollen.
Kant (1724-1804) nennt in der Kritik der reinen Vernunft eine Vorstellung ästhetisch,
wenn ihr die Form der Sinnlichkeit anhängt und diese daher auf das Objekt,
d. h. als Phänomen (s. d.), übertragen wird; in der Kritik der Urteilskraft
heißt ihm dagegen dasjenige ästhetisch, dessen Bestimmungsgrund nicht
anders als subjektiv sein kann.
Astralleib
S. 68f.
ist nach Paracelsus (1493-1541)
ein unsichtbarer und ungreifbarer Leib, der als
tätige Kraft und Lebensgeist im irdischen Leibe waltet.
Der moderne Okkultismus,
d. h. das Studium der geheimnisvollen Vorgänge des Seelenlebens (Hypnose,
Somnambulismus etc.), die durch die uns bekannten Naturkräfte nicht
genügend erklärt werden, hält an der Annahme
der Existenz eines Astralleibes oder Metaorganismus im einzelnen Individuum
fest.
Äternität
(lat. aeternitas) S.
21
heißt Ewigkeit.
Atheismus
(franz. athéisme v.
gr. atheos = gottlos) S.
70f. Siehe auch
bei Eisler
Gottlosigkeit, bezeichnete bei
den Alten die Verachtung der vom Staat anerkannten Götter, so dass Anaxagoras,
Sokrates, Aristoteles
u. a., ja später auch die Christen des
Atheismus beschuldigt wurden.
Allgemeiner versteht man unter Atheismus die Leugnung
des Daseins Gottes, und es gibt einen theoretischen und praktischen
Atheismus. Jener leugnet Gottes Dasein aus Prinzip, dieser aus Gleichgültigkeit.
Die Wissenschaft
hat es nur mit jenem zu tun, der die einseitige Anerkennung der greif- und sichtbaren
Realität
ist.
Der Atheismus erwächst in
der neueren Philosophie
aus dem Pantheismus,
wenn er Gott ganz im All aufgehen
lässt (Ed. v. Hartmann),
aus dem Sensualismus
(Hume, Condillac, Bonnet),
der als einzige Erkenntnisquelle die Sinnestätigkeit
ansieht und in jedem psychischen Vorgang nichts als eine umgebildete
Sinnesempfindung sucht,
aus dem Skeptizismus
(Hume), der jeden Glauben
negiert,
aus dem Positivismus
(Comte), der alles metaphysische
Wissen ablehnt,
aus dem Naturalismus,
der nur bei den Zeugnissen der Sinne und der äußeren
Erfahrung stehen bleibt und außer der Kausalität
und Natur nichts
anerkennt,
aus dem Materialismus
(Mechanismus
und Dynamismus),
der dem Körper die Existenz zuspricht und dem Allgemeinen, der Idee, dem
Geiste die Existenz abspricht (Franz. Philos. des 18.
Jahrh.), und
aus der materialistischen Ethik
(Hedonismus,
Eudämonismus,
Utilitarismus),
die das Streben der Menschheit nur durch ihre natürlichen Bedürfnisse,
Triebe und Anlagen bestimmt sein lässt.
Aber alle diese methodischen, erkenntnistheoretischen, metaphysischen und ethischen
Richtungen der neueren Philosophie erfassen die Welt und das Dasein nur unvollständig.
Die Welt der Sinneserfahrung ist nicht mehr als die halbe wirkliche Welt, und
die eigenen Methoden und Schlussfolgerungen der Erfahrungswissenschaften drängen
über das Sinnenbild der Natur hinaus. Die materielle Welt, für sich
genommen, ist nichts anderes als die beharrliche Möglichkeit der menschlichen
Empfindung, und die Zergliederung der Außenwelt führt überall
zu unlösbaren Schwierigkeiten, die uns die Grenzen äußerer Erfahrung
zum Bewusstsein bringen. Das Weltbild ist, solange wir bei den bloßen
Naturobjekten und Naturvorgängen stehen bleiben, stets lückenhaft
und unbefriedigend und fordert zu Ergänzung aus anderer Quelle heraus,
ohne die unser metaphysischer Trieb nicht zur Ruhe kommt.
Es gilt hier das Wort Bacons: Leves
gustus in philosophia movere fortasse ad atheismum, sed pleniores haustus ad
religionem reducere, das Reinhold Hoppe (Die
Elementarfragen der Philosophie S. 83) so wendet: »Die
Gottesleugnung beruht auf der Verschweigung von Tatsachen. Die Erfahrung der
Existenz Gottes wächst mit jeder neuen Erkenntnis«. -
Von den neueren Systemen sind entschieden atheistisch das Schopenhauers,
E. v. Hartmanns und Fr.
Nietzsches. Hier ist der treibende Gedanke der Pessimismus
gewesen, der der Welt die Vollkommenheit abspricht und ihren Untergang fordert.
Sie beruhen auf falschen Ansprüchen des Individuums und auf falscher Bilanz
der Freuden und Leiden des Daseins, und auch ihnen gegenüber gilt der Satz:
Der Gottesbegriff ist der Schlussstein der ganzen Philosophie,
und Atheismus ist nur ein Resultat kurzsichtiger Einseitigkeit.
Mit dem Atheismus hängen zusammen die Versuche,
einen religiösen Kultus »ohne
Gott« herzustellen, wie sie die Epikureer,
Holbach, die französ.
Revolution (Être Supreme),
David Strauß, Auguste
Comte u. a. gemacht haben. Vgl.
Hume, Dial. concern. Natural Religion. 1779. Schleiermacher, Reden üb.
d. Relig. 1799. Ulrici, Gott u. d. Natur. 1875. F. A. Lange, Gesch. d. Materialismus
4. Aufl. 1881. A. J. Balfour, Die Grundlagen des Glaubens, deutsche Übersetzung
von R. König. 1896. Reinhold Hoppe, Die Elementarfragen d. Philosophie.
1897.
Äther
(gr.),
S. 21f. Siehe
auch bei Eisler
bei Hesiodos der Sohn des Erebos
(Dunkel) und der Nyx (Nacht),
heißt zunächst bei den Griechen ein mythisches Wesen, eins der Grundwesen,
aus denen die Welt
entstanden sein soll; die orphischen Hymnen feiern ihn als Weltseele.
Später erscheint er in der Philosophie bei den Hylozoisten
als das Wärmeprinzip neben den vier Elementen, Wasser, Feuer, Luft und
Erde, und noch später, namentlich auch bei Aristoteles
(384-322), als die
höchste fünfte Substanz (daher: Quintessenz!),
der alles Sein und
Denken entstammt.
–
Die moderne Physik
nimmt an, dass ein überaus feiner und elastischer
Stoff durch den Weltraum und in den Zwischenräumen der kleinsten
Teile des Körpers verbreitet sei, aus dessen Schwingungen sie die Erscheinungen
des Lichts, der Elektrizität und dergl. erklärt.
Daher sind manche neuere Philosophen, z. B. Philipp
Spiller auf die Idee gekommen, den Äther
wieder als Gott zu
setzen. –
Naturwissenschaftlich wird der Äther noch
sehr verschieden gedeutet, und wir sind in der Hauptsache noch in Unkenntnis
über seine Beschaffenheit.
Nach Fresnel (1788-1804)
ist der Äther ein sehr
elastisches Mittel von unkonstanter Dichtigkeit, während andere
ihm konstante Dicke und veränderliche Elastizität
beilegen.
Nach Lord Kelvin (geb. 1824)
ist er ein festes
elastisches Mittel, dessen Starrheit 1/10000000
des Stahls und dessen Dichte 1 hoch -17 des
Wassers beträgt.
Stockes (geb. 1819) gibt
ihm die Konsistenz einer dünnen Gallerte, da
er sich den Lichtschwingungen gegenüber als fester Körper verhält,
bei dem allein transversale Schwingungen vorkommen. Im Allgemeinen versteht
man also heute unter Äther
nichts als ein Ding,
das Wärme, Elektrizität und Licht verbindet, ohne
zu wissen, welcher Art diese Verbindung ist. Vgl.
Spiller, Gott im Lichte derNaturwissenschaften, Leipzig 1883.
Ätherleib
S. 22 Siehe auch
bei Eisler
nennt J. H. Fichte (1796-1879)
mit anderen Spiritualisten den von der Seele unmittelbar gewirkten Leib;
er versteht darunter nicht den äußerlichen,
sichtbaren, tierischen, sondern einen inneren,
unsichtbaren Geistleib. (Vgl. Fichtes
»Anthropologie« S. 273 f.) Danach besteht also der
Mensch aus Geist, Ätherleib und Außenleib.
Ähnlich lehrte schon der Neuplatoniker
Porphyrios (233-304).
Atom
(gr. hê
atomos = der unteilbare Stoffteil)
S. 71ff.
das Unteilbare, heißt ursprünglich
der kleinste Teil
der Materie,
welcher als das eigentlich Reale der Welt angesehen wurde.
Leukippos und Demokritos
(im 5. Jahrh. v. Chr.), die Begründer der
atomistischen Lehre, definierten
die Atome als kleinste, starre, unteilbare und undurchdringliche
Körperchen (corpuscula), welche,
ungeworden und unzerstörbar, sich in unendlicher Anzahl im leeren Raume
befinden und sich nicht qualitativ, sondern nur quantitativ durch Gestalt, Lage
und Anordnung voneinander unterscheiden. Zwischen den Atomen ist der leere Raum.
Dieser ist die Voraussetzung für die Mehrheit der Atome und für ihre
Bewegung, folglich für alle Veränderung.
Den Atomen wohnt eine Bewegung seit Ewigkeit inne,
die gleichmäßig schnell von oben nach unten geht. Die gewöhnlichen
Dinge sind nur Anhäufungen von Atomen.
Epikuros (341-270) hingegen,
der die Lehre Demokrits erneuerte, wollte ihnen
eine kleine Abweichung von der senkrechten Bewegung beilegen, um so die Verschiedenheit
der Dinge und die Willensfreiheit zu erklären. Auch die Seele besteht bei
ihm aus materiellen Teilchen, wenn auch aus sehr feinen, glatten, runden und
daher beweglichen. Unsere Wahrnehmungen beruhen auf unendlich feinen stofflichen
Abbildern der Dinge, die sich von ihnen ablösen und
durch die Sinne in die Seele eindringen.
Die Lehre Epikurs hat von den Römern nachdrücklich
T. Lucretius Carus (98-55)
in seinem Gedichte, De rerum natura, vertreten.
–
Diese physische Atomistik ward
in der Neuzeit von Gassendi
(1592-1655), Hobbes
(1588 bis 1679), Diderot (1713-1784),
Holbach (1723-1789)
und jüngst von Vogt, Büchner
und Moleschott verteidigt. –
Die moderne Physik und Chemie bedient sich ganz allgemein des Hilfsbegriffs
der Atome. Da aber die Teilung eines Körpers in kleinere Teile geometrisch
ins Unendliche fortgesetzt werden kann, können die Atome nicht als wirkliche
Grundbestandteile der realen Welt angesehen werden, sondern nur als Hilfsbegriffe
der Forschung, als Denkmittel.
Daher haben auch andere Philosophen die Atome verworfen und statt ihrer entweder
geistige Einheiten oder kleinste
Substanzteilchen oder Kraftzentren
angenommen. So Giordano Bruno (1548
bis 1600), Leibniz (1646-1716),
Herbart (1776-1841)
und Lotze (1817-1881).
–
Nach neuerer naturwissenschaftlicher Anschauung sind die Atome Ansammlungen
zahlreicher positiv und negativ geladener Teilchen, die Korpuskeln oder Monaden
genannt werden, von der Größe 0,2 mm [1 mm
d. h. Millimikron = 1/1000000 Millimeter]. Vielleicht besteht (nach
Thomson) die Verschiedenheit der Atome nur in der verschiedenen
Anzahl der Korpuskeln, wodurch sich das verschiedene Gewicht der Atome
erklären würde. Zusammengehalten werden die Atome kraft der elektrischen
Attraktion der Korpuskeln.
Letztere befinden sich in Wirbelbewegung, wodurch die zentrifugale
Kraft entsteht, welche das Zusammenstoßen dieser elektrischen
Monaden verhindert.
Wahrscheinlich besteht die Elektrizität nur in der Wirbelbewegung
der Korpuskeln. Vgl. Fechner, die physikal.
und philos. Atomenlehre. 2. Aufl. Leipzig 1864.
Vergleiche Dynamismus,
Monadologie
Attribut
(lat. von attribuo
= beilegen) S.
73f.
heißt eigentlich das Beigelegte, dann das Merkmal,
die Eigenschaft, das Kennzeichen eines Dinges.
Descartes (1596-1650)
versteht unter Attributen die
wesentlichen nicht wechselnden Merkmale der Substanz.
Bei Spinoza (1632-1677)
hat das Attribut den besonderen Sinn, dass darunter
die denknotwendigen Prädikate
der Substanz verstanden sind, welche der Verstand an der Substanz als
deren Wesen ausmachend erfasst. Die Substanz hat unendlich viele Attribute,
aber unser Verstand kann nur zwei davon fassen, nämlich Denken
und Ausdehnung;
denn alles, was er begreift, ist entweder etwas Denkendes
oder Ausgedehntes. Vergleiche
Modus.
Diese Begriffsbestimmung Spinozas ist unklar und nicht widerspruchsfrei. Sie
lässt zweifelhaft, ob die Attribute der Substanz nur vom Verstande der
Substanz beigelegt werden und nur im Betrachter existierende Erkenntnisformen
sind, oder ob sie als reale Eigenschaften der Substanz betrachtet werden müssen,
aus denen diese besteht.
Die letztere von K. Fischer vertretene Ansicht
kommt der Auffassung Spinozas jedenfalls näher
als die erstere, welche Erdmann verteidigt hat.
–
In den bildenden Künsten sind Attribute dem Hauptgegenstande der Darstellung
beigegebene Zeichen bestimmter Eigenschaften oder Zustände, also Symbole,
wie etwa der Blitz des Zeus, die Schlüssel des Petrus, das Schwert des
Paulus.
Auffassung
S. 74
heißt die Aneignung einer Vorstellung oder eines Gedankens durch das individuelle
Bewusstsein; Auffassungsvermögen heißt
die Anlage dazu.
Zur Auffassung, welche noch keine Beurteilung der Sache einschließt, gehört
nicht bloß die Rezeptivität (Empfänglichkeit), sondern auch
die Reproduktion und geistige Durcharbeitung. Von der Auffassung der Dinge,
die etwas Individuelles an sich hat, hängt unser Urteil und auch unsere
Handlungsweise ab.
Aufklärung
S.74
ist das Streben des 18. Jahrhunderts,
Klarheit des Urteils durch vorurteilfreies Denken
zu verbreiten. Dies geschah durch philosophische Betrachtung, populäre,
d. h. leichtverständliche Darstellung der Wissenschaft
und durch Bekämpfung der Vorurteile
und des Aberglaubens.
Nachdem schon Bacon (1561-1626),
Spinoza (1632-1677)
und Locke (1632-1704)
diese Geistesrichtung im 17. Jahrhundert vorbereitet
hatten, wetteiferten im 18. Jahrhundert deutsche,
englische und französische Denker, die Philosophie
des gesunden Menschenverstandes zu verbreiten. Zu ihnen gehören
die »Freethinkers« in
England, die
Enzyklopädisten in Frankreich und die Rationalisten
in Deutschland, denen Männer wie Friedrich
der Große, Lessing, Mendelssohn,
Nicolai beizugesellen sind.
Da aber einzelne Denker, wie z. B. Bahrdt, Nicolai,
Lamettrie und Holbach,
ins Extrem gingen, alles Religiöse als Pfaffentrug, alles Übersinnliche
als Aberglaube bekämpften, so kam die Aufklärung
bei den Jüngeren im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts
in Misskredit, und Hamann, Herder,
Goethe, auch Kant und die
Romantiker traten gegen den Rationalismus
auf. Namentlich haben die älteren Romantiker
der Richtung der Aufklärung ein Ende bereitet.
Vgl. Kant: Was ist Aufklärung? Lecky, Gesch.
d. Aufklärung in Europa; a. d. Engl. Leipzig 1873.
Aufmerksamkeit
S. 74f.
ist die mehr oder weniger absichtliche und anhaltende
Hinlenkung des Bewusstseins
auf eine zu erwartende Vorstellung,
Vorstellungsmasse oder Sinnesempfindung, durch welche diese leicht, klar und
deutlich aufgefasst wird. Voraussetzung für sie ist das Interesse,
welches uns entweder unwillkürlich anzieht oder unseren Willen
zu energischer Betätigung anspornt.
Die beim Zustandekommen der Aufmerksamkeit zusammenwirkenden
Vorgänge sind folgende: Eine äußere oder innere Reizung erzeugt
eine Empfindung,
Anschauung, Vorstellung, Erinnerung oder ein Phantasiebild. Dieses übt
einen verstärkenden Einfluss sowohl auf die Empfindungstätigkeit als
auch auf die Bewegungsmuskeln, in denen Spannungen hervortreten, aus. Die so
erhöhte Bewusstseinsstärke ermöglicht
die leichtere, schnellere, klarere und bestimmtere Erfassung neuer Reizungen
und ihre bessere Verarbeitung. Man kann hierbei von einem sukzessiven Einrücken
der Vorstellung in das Blickfeld und in den Blickpunkt des Bewusstseins reden.
In der Aufmerksamkeit verbindet sich also wie in
jedem Akt der Apperzeption
immer Bewusstseins- und Willenstätigkeit. Je nachdem die hierbei erzeugte
innere Willenstätigkeit geringer oder größer ist, kann man von
unwillkürlicher und willkürlicher oder besser von passiver und aktiver
Aufmerksamkeit reden.
(Siehe Wundt, Grundz. d. phys. Psych. II, S. 253 ff.
Grundriß der Psych. § 15.)
Anhaltende Aufmerksamkeit ermüdet bald den
Geist, einseitige schädigt ihn. –
Die Aufmerksamkeit auf sich selber ist Selbstbeobachtung;
Aufmerksamkeit im sittlichen Sinne heißt
Rücksichtnahme auf andere.
Vgl. Jean Paul, Levana § 133. Th. Ribot, Psychologie
de l'attention. 1889.
Aufopferung
S. 75
ist die Verzichtleistung auf unseren eigenen Vorteil; sie ist die
höchste Leistung der Liebe und bildet das Gegenteil zu der Handlungsweise der uns angeborenen
Selbstsucht.
Je selbstloser die Aufopferung geschieht, desto
wertvoller ist sie. Bisweilen steigert sie sich zur Aufopferung
des Lebens (Alkestis, Decius Mus, Winkelried und
die Märtyrer).
Vgl. Altruismus.
Ausdehnung
S. 76f.
ist die allen Körpern zukommende mathematische Eigenschaft, einen gewissen
Raum einzunehmen.
In der Ausdehnung, nicht in der Raumerfüllung, sah Cartesius (1596-1650) das Wesen der einen Substanz, der Materie, während er das Wesen der zweiten
Substanz, des Geistes, in das Denken setzte.
Auch Spinoza (1632-1677) bezeichnete als Wesen der Materie die Ausdehnung, setzte
aber Ausdehnung und Denken zu Attributen einer einzigen Substanz herab.
Leibniz (1646-1716) setzte das Wesen der Substanz in die vorstellende Kraft
und sah in der Ausdehnung nur eine verworrene menschliche Vorstellung des Wirklichen.
Nach Kant (1724-1804) ist die Ausdehnung Anschauung a priori und besitzt transzendentale
Idealität, aber empirische Realität. -
Die neuere Physik versteht im Gegensatz zur Mathematik unter Ausdehnung die
Raumerfüllung, die entweder mechanisch oder dynamisch gedacht werden kann. –
Ausdehnbarkeit bedeutet die Fähigkeit der Körper, ohne Änderung
ihrer Masse einen größeren Raum einzunehmen.
Siehe auch bei Eisler
Außenwelt
S. 78f.
heißt die Gesamtheit aller Dinge unserer sinnlichen
Wahrnehmung, die sich uns in Raum und Zeit darstellen und die zu unserem Innern
einen Gegensatz bilden. Auf der Unterscheidung der Innenwelt von der Außenwelt beruht das Selbstbewusstsein und die Idee der Persönlichkeit. Der naive
Realismus schreibt der Außenwelt die Existenz im vollen Umfange zu. Anders
die Philosophie.
Schon die Eleaten (c. 550-400) leugneten die Existenz der Vielheit, der Bewegung,
des Werdens und der Veränderung.
Die Atomisten Leukippos und Demokritos (im 5. Jahrh. v. Chr.) bestritten die
Existenz des Qualitativen in der Außenwelt.
Platon (427 bis 347) sah in der Materie ein Nichtreales.
Locke (1632-1704) schied die sekundären Eigenschaften (Licht, Farbe, Ton
usw.) von den primären (Größe, Gestalt, Zahl, Lage, Bewegung,
Ruhe) und erkannte nur die letzteren als wirkliche Eigenschaften der äußeren
Dinge an.
Berkeley (1685-1753) bekämpfte die Lehre von einer an sich existierenden
Körperwelt und setzte das Sein derselben als gleichbedeutend mit dem Vorgestelltwerden
(esse = percipi).
Für Leibniz (1646 bis 1676) sind die wahrhaft existierenden Wesen die Monaden,
punktuelle Seelenwesen mit der Kraft der Vorstellung. Die Außenwelt und
alles Körperliche besteht aus Monaden und wird nur in verworrener Vorstellung
als räumlich gefasst.
Nach Kant (1724-1804) ist die Außenwelt nicht
Ding an sich,
sondern Erscheinung.
Es kommt ihr Realität,
aber nur empirische
Realität zu. Das Ansich der Dinge ist nur
ein unbestimmbares X.
g
Nach Fichte (1762-1814) ist die Außenwelt, das Nicht-Ich,
nur eine Setzung des Ichs,
das Material unseres Pflichtbegriffes.
Nach Hegel (1770-1831) ist die Welt die
sich logisch entwickelnde Vernunft.
Der Natur kommt
nur die Stellung zu, dass sie die absolute Vernunft in ihrer Selbstentäußerung,
die Idee in der Form des Anderssein ist. So hat also die Philosophie besonders
in ihren idealistischen Systemen die naive Vorstellung von der Außenwelt vielfach beschränkt und umgestaltet. –
Aber auch die moderne Physik,
die im wesentlichen die Idee der Atomisten aufgenommen hat, führt alles Qualitative in der Außenwelt auf Quantitatives zurück und steht etwa auf dem Standpunkt, den Locke
philosophisch fixiert hat. Die Existenz einer objektiven Welt wird aber,
ohne dass dadurch ihr Wesen bekannt wird, bewiesen durch das Unfreiwillige und
Ungewollte unserer Sinneswahrnehmungen.
Äußeres
und Inneres S. 22f.
sind Korrelate, d. h. Verhältnisbestimmungen,
die sich aufeinander beziehen.
Das Äußere für
uns ist zunächst unser Leib,
dann alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen können, die Außenwelt.
Das Innere dagegen ist das unmittelbar im Bewusstsein Erlebte
Axiom
(gr. axiôma), S.
82
eigentlich Forderung, Grundsatz, heißt im
weiteren Sinne ein unmittelbar einleuchtender Satz,
der eines Beweises weder bedürftig noch fähig ist, der aber als Grundlage des Beweises für
andere Sätze dient.
So bestimmt den Begriff des Axioms Aristoteles
(384-320) Analyt. post.
I, 2 p 72a14 ff. : amesou d' archês syllogistikês
- legô, hên mêesti deixai' - hên d' anankê echein
ton hotioun mathêsomenon, axiôma.
Solche Axiome oder Prinzipien sind die Basis jeder Wissenschaft. Logische Axiome z. B. sind der Satz
der Identität, des Widerspruchs, und des
ausgeschlossenen Dritten; sie sind für jeden
Menschen, der überhaupt zu denken vermag, unbedingt gültig. –
Im engeren Sinne sind dagegen die Axiome im Gegensatz
zu Prinzipien Sätze, die auf unmittelbarer
Anschauung beruhen, während Prinzipien Denknotwendigkeit
in sich einschließen. Die Mathematik und Physik beruhen auf solchen Axiomen.
Nach Kant, der, wie es besser ist, den Begriff
in dieser Beschränkung nimmt, sind die Axiome
synthetische Sätze a
priori von unmittelbarer, d. h. anschaulicher Gewissheit.
Sie fassen sich in dem Satze zusammen: »Alle
Erscheinungen sind ihrer Anschauung nach extensive Größen«;
auf sie gründen sich die Sätze der Geometrie (Kr.
d. r. V. S. 162 f.).
Bedingung
(conditio)
S.84f.
heißt dasjenige, wovon ein anderes
(das Bedingte) abhängig
ist. Die Abhängigkeit kann entweder innerhalb des Gedachten oder innerhalb
des Wirklichen bestehen. In ersterem Falle redet man von einer logischen, in
letzterem von einer realen Bedingung. Für beide Fälle gilt das Gesetz: Ist die Bedingung gesetzt, so ist auch das Bedingte gesetzt, und ist die Bedingung
aufgehoben, so fällt auch das Bedingte fort. (Posita conditione ponitur
conditionatum, et sublata conditione tollitur conditionatum.) Aus dem Begriff
der Bedingung erwachsen die hypothetischen Urteile und Schlüsse. Die logische
Bedingung heißt der Grund (ratio), das Bedingte die Folge (consequens);
die reale Bedingung heißt Ursache (causa), das Bedingte heißt Wirkung (effectus).
Eine logische Bedingung ist eine solche, vermöge welcher ein Gedanke wahr
oder unwahr ist; eine reale Bedingung dagegen ist die notwendige Voraussetzung
(conditio sine qua non), dass ein anderes ist. Da alles nur insofern bedingend ist, als es etwas bedingt, und ein Bedingtes nur da vorhanden ist, wo ein Bedingendes da ist, so sind Bedingtes (conditionatum) und Bedingung (conditio) Wechselbegriffe (correlata), d. h. der eine Begriff fordert den andern. Aber es lässt sich
der Satz, dass mit Aufhebung der Bedingung auch das Bedingte aufgehoben werde,
nur in dem Falle umkehren, wenn ein Ding oder Gedanke nicht mehrfach, sondern
nur durch eins bedingt ist, nicht, wenn ein Bedingtes von mehreren Bedingungen abhängt. Wo mehrere Bedingungen da sind, kann man Haupt- und Nebenbedingungen,
sowie positive und negative unterscheiden.
Vgl. Grund, Folge, Ursache, Kausalität.
Begierde
(cupido)
S. 87f.
ist im Unterschied von
dem bezüglich des erstrebten Objekts
unbewussten Triebe
das bewusste Streben
nach Erreichung eines als angenehm vorgestellten Objektes. Niemand
begehrt etwas, wovon er keine Vorstellung
hat. (Ignoti nulla cupido.)
Die Begierden, die aktive Willenszustände
sind, zerfallen in sinnliche (materielle)
und geistige (intellektuelle),
die letzteren wieder in unmittelbare und mittelbare. Das Gegenteil der Begierde
heißt Abscheu oder Widerstreben. Jede Begierde hat Inhalt, Stärke
und Rhythmus. Ihr Inhalt ist die Vorstellung des Begehrten, die Lust,
welche man durch Gewinnung des Objekts
zu erlangen wähnt. Ihre Stärke hängt von dem Triebe, aus dem
sie hervorwächst, der Wertschätzung des Begehrten und den Hindernissen,
welche man zu überwinden hat, ab. Ihr Rhythmus ist das Steigen
und Sinken der Begierde, indem sie teilweise durch Befriedigung
gestillt, teilweise von neuem aufgestachelt wird. Inhalt, Stärke und rhythmische
Bewegung der Begierden sind bei den verschiedenen Personen sehr verschieden
und ändern sich auch mit dem Alter, der Lebensweise, dem Gedankenkreise
jeder einzelnen Person.
Der Zusammenhang von leiblichen und seelischen Vorgängen tritt bei der
Begierde deutlich hervor; denn sie nimmt, wie jeder an sich beobachten kann,
bald im Geiste, bald in der Sinnlichkeit ihren Ursprung, äußert sich
aber alsbald auch auf der anderen Seite. So erzeugt die Vorstellung leckerer
Speisen eine erhöhte Absonderung der Speicheldrüsen, und der sinnliche
Trieb nach Nahrung (Hunger) erweckt in uns
alsbald Vorstellungen von Speisen.
Nach Descartes (1596-1650
Passiones animae II, 86) ist die Begierde eine
durch die Lebensgeister bewirkte Erregung der Seele,
durch die sie bestimmt wird, für die Zukunft Dinge zu wollen, die sie sich
als angenehm vorstellt;
nach Spinoza (1632-1677
Ethica III, 9) ist die Begierde
der bewusste Trieb (appetitus cum eiusdem conscientia),
der Trieb aber das eigene Wesen des Menschen, insofern es sich in dem Zustande
befindet, das zu tun, was seiner Erhaltung dient (ipsa
hominis essentia, quatenus ex data quacumque eius affectione determinata est
ad ea agendum, quae ipsius conservationi inserviant).
Nach Kant (1724-1804 Anthropologie
§ 70) ist die Begierde (appetitio)
die Selbstbestimmung der Kraft eines Subjekts durch die Vorstellung von etwas
Künftigem, als einer Wirkung derselben. Die habituelle sinnliche Begierde
heißt Neigung, das Begehren ohne Kraftaufwendung des Objekts ist der Wunsch.
Nach Herbart (1776-1841),
der das Wesen aller Seelenvorgänge im Vorstellen sieht, entstehen Begierden,
wenn die Vorstellung irgend eines Gegenstandes im Bewusstsein zu steigen sucht,
aber Hemmnissen begegnet. Das Bewusstwerden des Anstrebens einer Vorstellung
oder einer Vorstellungsmasse gegen ihr widerstrebende Hemmnisse ist die Begierde.
Nach Wundt (Phys. Psych. I,
S. 535) ist die Begierde die aktive Reaktionsweise der
Apperzeption gegenüber äußeren Eindrücken.
Begriff
(lat. conceptus,
notio, gr. logos, ennoia)
S. 89ff.
heißt dasjenige psychische
Gebilde, durch welches ein Mannigfaltiges
zur einheitlichen
Gedankenbeziehung verknüpft wird.
In einem Begriff sind verschiedene
Einzelvorstellungen
nicht bloß zusammengefügt,
wie in der Anschauung,
sondern sie sind durch die Denkbeziehungen in Verbindung
gesetzt, welche die Form
ihrer Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringen.
Daher führt nur Denken
und Urteilen, nicht
aber bloße Anschauung und Erfahrung,
zur Bildung von Begriffen.
Der Begriff ist somit nicht
bloß die abgeschlossene Gesamtvorstellung,
sondern er entsteht erst aus den Vorstellungen durch
deren Vergleichung und die Heraushebung
des Gemeinsamen. Der
Begriff ist also das Produkt
einer Analyse
der Einzeldinge und
Synthese ihrer
gemeinsamen Merkmale
(notae) durch Abstraktion.
Er bestimmt daher
ein Allgemeines
und nicht ein Einzelnes.
Der Begriff Dreieck,
Mensch, Pferd usw. ist z. B. nicht die Vorstellung
eines einzelnen Dreiecks, eines Menschen, eines Pferdes
usw. überhaupt, sondern die Gesamtvorstellung
vieler Dreiecke, Menschen, Pferde
usw. Diese lässt sich freilich in jedem einzelnen Falle, wo man sie veranschaulichen
will, nur dadurch zur Anschauung bringen, dass man sich ein spezielles Dreieck
usw. vorstellt. Darum ist, was die Logik
einen Begriff nennt, mehr eine
Denkforderung als eine Denkleistung. Wir denken den
Begriff auf einmal nur durch die Forderung der Zusammenfassung
aller der einzelnen Dinge, auf die wir ihn anwenden wollen, während wir
ihn in seinen Anwendungen nur in einer Reihe
sukzessiver Vorstellungen und Denkakte erfassen können.
Ein Begriff heißt klar,
wenn das Bewusstsein
ihn von allen anderen bestimmt unterscheidet,
im entgegengesetzten Falle dunkel;
er heißt deutlich,
wenn auch die einzelnen Merkmale klar
vorgestellt werden, im entgegengesetzten Falle verworren.
Von Cartesius (1596-1650)
bis auf Kant (1724-1804)
galt Klarheit und Deutlichkeit
als Kriterium
der Wahrheit;
in der Tat wird dadurch mindestens formale
Richtigkeit erreicht
und die Zuverlässigkeit der Erkenntnis
angebahnt. –
Man unterscheidet an jedem Begriff Inhalt
(complexus) und Umfang
(ambitus). Jener ist die Summe
aller seiner Merkmale, dieser die Menge der unter ihm befassten Dinge.
Je reicher der Inhalt ist, d. h. je größer die Zahl der Merkmale
eines Begriffes sind, desto enger ist sein Umfang,
d. h. desto kleiner die Zahl der Dinge, die er umfasst; jede Hinzufügung
eines Merkmals beschränkt
das Geltungsgebiet eines Begriffes. Während z. B. das Parallelogramm
nur die Quadrate, Rechtecke, Rhomben und Rhomboiden
umfasst, ist der Umfang des Begriffes »Viereck«
größer, weil sein Inhalt kleiner ist, d. h. weil ihm das Merkmal
des Parallelismus der Seitenpaare fehlt.
Der Begriff, in dessen Umfang andere fallen, heißt
in Bezug auf diese der höhere oder übergeordnete;
diese selbst heißen untergeordnet im Verhältnis
zu dem übergeordneten, nebengeordnet im Verhältnis zueinander; die
niederen haben bei engerem Umfang reicheren Inhalt.
Nach den verschiedenen Stufen der Über- und Unterordnung der Begriffe scheidet
man Reich, Kreis, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art,
Abart, Spielart. –
Dem Inhalte nach sind die Begriffe entweder verwandt oder disparat,
je nachdem sie Merkmale gemeinsam haben oder nicht.
So sind Eiche und Buche verwandte
Begriffe, Ton und Farbe dagegen
disparate. In Bezug auf den Umfang heißen
Begriffe, welche derselben Gattung angehören, homogén
(aber spezifisch verschieden); die,
welche kein Merkmal gemeinsam
haben, heterogén (toto
genere diversae). Begriffe, deren Umfang ganz derselbe ist, heißen
Wechselbegriffe (aequipollentes,
reciprocae), z. B. gleichseitiges und gleichwinkliges
Dreieck.
Begriffe kreuzen sich, wenn ihre Umfänge zum Teil ineinander fallen, wie
Neger und Sklave; doch findet eine Kreuzung
nur statt, wenn die Begriffe überhaupt vereinbar sind.
Unvereinbar dagegen nennt man die Begriffe,
welche demselben Gegenstand nicht in derselben
Beziehung zugleich
beigelegt werden können; und zwar unterscheidet
man konträre
Begriffe, d. h. solche, die nicht im Umfange
des anderen liegen können, und kontradiktorische,
d. h. solche, bei denen jeder Unterbegriff, der nicht
im Umfange des einen liegt, in demjenigen
des anderen liegen muss. So schließen die Begriffe
schwarzes und braunes Pferd einander
konträr, die Begriffe Sein
und Nichtsein kontradiktorisch
aus.
Die Einteilung
des Inhaltes eines Begriffs heißt
Partitio, die
des Umfanges Divisio.
Die äußerste Grenzstellung nehmen unter den Begriffen
einerseits die Kategorien,
die allgemeinsten Begriffsformen, andererseits die Individualbegriffe, die äußersten
Sonderformen des Begriffs, ein. Das Ideal
der Klassifikation durch Begriffe ist das wissenschaftliche System
, welches alle durch Erklärung und Einteilung
auseinander abgeleiteten
Begriffe enthält, wie es die Naturwissenschaften anstreben.
Den Wert der Begriffsbildung hat zuerst Sokrates (469-399)
erkannt; seitdem hat kein Philosoph ihn
geleugnet.
bestimmt
S. 95
heißt in der Logik
ein Begriff,
von dem alles angegeben ist, was darin gedacht werden soll, der also gegen alle
anderen Begriffe nach Umfang
und Inhalt vollständig
abgegrenzt ist.
Die Bestimmung eines Begriffs
(Definition)
erfolgt durch Angabe seiner Unterarten (s.
Einteilung), durch Angabe des übergeordneten
Begriffes und durch die Aufzählung
seiner besonderen Merkmale.
Durch bestimmte Begriffe werden
Verwechslungen vermieden. –
Im psychologischen Sinne
heißt der Wille
bestimmt, sofern er von den Motiven
abhängt und dem stärksten folgt. Vergleiche
Determinismus.
–
In der Naturwissenschaft heißt
bestimmen: ein Tier, eine Pflanze,
ein Mineral der Familie, Gattung, Art oder Unterart einreihen, zu der es nach
seinen Merkmalen gehört. Man muss dazu eine
Reihe von Fragen beantworten, welcher von zwei Gegensätzen
dem zu bestimmenden Gegenstande jedes Mal als Merkmal
angehört und welcher nicht, und steigt
so von Reich, Kreis, Klasse immer weiter hinab bis zu Familie, Gattung, Art,
Unterart
(s. z. B. Lackowitz, Flora von Berlin u. d. Provinz Brandenburg. 9. Aufl. Berlin
1894. Vorwort).
Bestimmung
(lat. determinatio) S.
95f.
heißt logisch die Hinzufügung
eines Merkmals
zu einem Begriff.
Durch die Bestimmung wird aus
dem allgemeinen
Begriff ein minder allgemeiner
gebildet; fügt man z. B. zu »Soldat«
das Merkmal »zu Pferde«,
so wird jener Begriff reicher
an Inhalt,
aber ärmer an Umfang.
Spinoza (1632-1677) fasste den Begriff der
Determination nicht nur logisch, sondern auch metaphysisch und schloss von dem
Wirklichen, der einen unendlichen
Substanz, jede
Bestimmung aus, indem er lehrte:
omnis determinatio est negatio (Jede
Bestimmung ist eine Verneinung). Seine Behauptung hängt aber eng
mit seiner Wertschätzung des Allgemeinen und Zurücksetzung des Individuellen
zusammen. Jeder Schritt vom Allgemeinen der Substanz zum Individuellen des Modus
ist für ihn ein Schritt von dem Wahren zum Falschen.
Sein Standpunkt ist also der des Rationalismus.
Der Empirist muss anders urteilen. Wohl wird er anerkennen, dass durch Hinzufügung
eines Merkmals der Umfang begrenzt,
aber er wird auch behaupten, dass dem Ding
selbst neuer Inhalt
positiv hinzugefügt
wird. –
Im moralischen
Sinne heißt Bestimmung des
Menschen der Zweck
seines Daseins.
Vergleiche das
höchste Gut, Moralprinzip.
Vgl. J. Fiske, Die Bestimmung des Menschen, dtsch. v. F. Kirchner, Leipzig 1890.
Beweis
(lat. argumentatio,
gr. apodeixis) S. 100ff.
heißt die Feststellung
der Wahrheit
oder der Falschheit
eines Urteils.
Diese Feststellung erfolgt durch Rückgang auf objektiv
oder subjektiv
anerkannte Sätze, aus denen, das zu beweisende
Urteil durch Schlüsse
abgeleitet
werden kann.
Beweis ist demnach die Ableitung
eines Satzes aus unbezweifelten
anderen Sätzen durch syllogistische
Verknüpfung, oder allgemeiner
ausgedrückt, eine Zurückführung
des Anzuerkennenden auf Anerkanntes.
In der Regel verbinden sich beim Beweis mehrere Sätze
schrittweise miteinander. Bei jedem Beweise kommen
4 Stücke in Betracht:
1.
das Objekt,
welches (thesis probanda),
2. der Grund,
wodurch (Beweisgrund,
argumentum probandi),
3. das Subjekt,
für welches (obnoxius
probationi) und
4.
die Art, wie
bewiesen werden soll (modus
probandi). –
1. Das Objekt
kann entweder ein Erfahrungs-
oder ein Vernunftsatz sein. –
2. Die
Beweisgründe werden ebenfalls entweder der Erfahrung,
(Beobachtungen, Experimente, Zeugnisse)
oder der Vernunft
und ihren Gesetzen
entnommen.
Demnach unterscheidet
man Erfahrungs- und Vernunftbeweise
(induktive und
deduktive,
a posteriori und a priori,
empirische und
rationale); jenen wohnt nur beschränkte, diesen
absolute Gewissheit bei. Die Erfahrungssätze
aus der Natur und
Geschichte
werden meist induktiv und die
Vernunftsätze aus der Mathematik
deduktiv bewiesen. –
3. Bezüglich des Subjekts
gibt es solche Beweise,
die für alle
(ad omnes) und solche, die nur für einen
beschränkten Kreis
(ad hominem) überzeugend sind.
4. Was
die Art des Beweises betrifft,
so stehen den direkten oder ostensiven,
welche das zu Beweisende im geraden Gange aus vor ausgeschickten Sätzen
ableiten, die indirekten oder apagogischen
gegenüber, welche dadurch, dass sie das Gegenteil des zu Beweisenden
zunächst als richtig
annehmen, dann aber durch Folgerungen als falsch
dartun, die Richtigkeit des zu Beweisenden erschließen. Vermöge eines
disjunktiven
Obersatzes, welcher sämtliche Möglichkeiten der betreffenden Sphäre
erschöpft, kann der indirekte Beweis durch sukzessive Ausschließung
aller anderen Möglichkeiten die noch übrig bleibende zur Gewissheit
erheben. –
Der direkte Beweis ist
progressiv oder regressiv, je nachdem er aus den Beweisgründen
den zu beweisenden Satz (theorema)
folgert, oder diesen vorläufig als richtig voraussetzt und daraus
auf die unvermeidlichen Bedingungen
zurückschließt, mit deren Wahrheit
auch der fragliche Satz bewiesen ist.
Die Beweiskraft (nervus
probandi) richtet sich natürlich nach den Gründen; nur
die sogenannten apodiktischen,
d.h. die streng syllogistischen Beweise geben
volle Gewissheit,
die analogischen oder induktiven
und die oratorischen dagegen nur Wahrscheinlichkeit.
Neben den Hauptargumenten gibt es noch Nebengründe; sie bilden zusammen
den Stoff (materia) des Beweises, während
ihre logische Verbindung die
Form und die rhetorische Einkleidung die Gestalt des Beweises heißt.
Stellt man die Beweisgründe selbst wieder
in Zweifel, so
bedürfen auch diese eines Beweises. Im Rückgang des Schließens
gelangt man dann stets zuletzt zu unbeweisbaren Grundsätzen,
Prinzipien oder
Axiomen. Das Wichtigste
bei jedem Beweise ist die Vermeidung falscher Beweisgründe. Sie dürfen
weder an sich noch in Bezug auf das Theorem ungehörig
sein (ignoratio elenchi).
Wird zu viel oder zu wenig bewiesen, so ist der Beweis verfehlt (qui
nimium probat, nihil probat); dasselbe ist beim Zirkel
(circulus vitiosus,
petitio principii, Diallele)
der Fall, wo das Theorem
als Beweisgrund verwendet wird.
Hysteron-Proteron heißt dagegen
der Fehler, der entsteht, wenn man ein Argument verwendet, das schwieriger zu
beweisen ist, als der Satz selbst. –
Bei der Verknüpfung der Glieder
nennt man Sprung
(saltus in demonstrando) die Auslassung,
dagegen Fälschung (fallacia
medii tertii) die Einschiebung falscher Glieder. Unabsichtliche
Fehler beim Beweisen ergeben Fehlbeweise (Paralogismen),
absichtliche dagegen Trugbeweise
(Sophismen).
Vgl. Überweg, Logik. Bonn 1882, § 135.
Bewusstsein
S. 102f.
bedeutet im Allgemeinen den wachen
Zustand des Geistes,
in welchem sich
Empfindungen, Vorstellungen,
Gefühle und Strebungen nebeneinander
vorfinden (empirisches Bewusstsein). Es
besteht darin, dass wir überhaupt Zustände und Vorgänge in uns
vorfinden, kann aber seinem Grundwesen nach nicht erklärt werden, da wir
unbewusste
Vorgänge uns nur nach den Eigenschaften,
die sie im Bewusstsein annehmen, vorstellen und
somit die unterscheidenden Kennzeichen der bewussten und unbewussten Vorgänge
und Zustände nicht angeben können.
Aufgabe der Psychologie ist es, die im Bewusstsein liegenden Vorgänge (Empfindungen,
Vorstellungen, assoziativen und apperzeptiven Verbindungen) aufzudecken
und in ihre einfachsten und verwickelteren Funktionen zu verfolgen, sowie die
begleitenden äußeren Umstände (Nervenvorgänge)
festzustellen, unter denen das Bewusstsein vorkommt.
Aber auch die Psychologie kann nicht die Ursachen des Bewusstseins
aufdecken, und wir haben im Bewusstsein wohl den
Ausgangspunkt, auf den wir das geistige Leben zurückführen, aber für
das Bewusstsein selbst keinen weiteren Ausgangspunkt.
Insbesondere ist die Erklärung des Bewusstseins
aus materiellen Vorgängen völlig unmöglich und hiermit dem Materialismus
seine Grenze gesetzt. (Vgl. Wundt, Grundz. d. physiol.
Psychologie II, S. 225 bis 260.) –
Aus dem empirischen Bewusstsein entwickelt sich
durch Aufmerksamkeit und Willen die Bewusstheit der einzelnen
Seelenzustände; der Mensch wird sich namentlich mit Hilfe der beständigen
Sinnesempfindungen und Bewegungsvorstellungen, die er von seinem eigenen Leibe
empfängt, seiner selbst bewusst. Dieses Unterscheiden
schreitet allmählich weiter fort: der Mensch unterscheidet sich als Subjekt
von seinen Vorstellungen, Empfindungen usw., und diese wiederum unterscheidet
er von den Dingen, durch welche jene erregt wurden. Indem sich der Mensch als
Ich im Gegensatz zum Nicht-Ich erfasst, erhebt er sich zum Selbstbewusstsein.
Er erkennt die ganze Summe von Seelenzuständen, welche
er in sich vorfindet, als seine eigenen; er erfasst dieselben ferner als Einheit
und stellt sich endlich über alle Zustände als den autonom mit ihnen
schaltenden Herrn. Der erste Akt des Bewusstseins begreift
also die Seelenzustände als Objekt,
der zweite als zugehörig zu einem Subjekt,
der dritte erkennt, dass das Vorgestellte
nur im vorstellenden Wesen,
d.h. das Objekt im Subjekte, vorhanden ist. –
Das Bewusstsein ist nun aber nicht nur eine Summe
von inneren Zuständen und Vorgängen, sondern es ist eine Einheit,
wenn auch eine sich allmählich verändernde Einheit, und als solche
die Grundlage aller zusammenhängenden Erkenntnis,
die uns mit der
Wirklichkeit in Verbindung setzt. Aufgabe der Erkenntnistheorie ist es,
die Beziehungen
des Bewusstseins zu einer wirklichen Welt darzulegen.
Hierfür ist Kants Kritik der reinen Vernunft das grundlegende Werk geworden.
–
Das Bewusstsein des einzelnen Menschen begleitet
fast kontinuierlich das Leben, aber es ist doch kein völlig ununterbrochener
Zusammenhang, sondern es wird unterbrochen durch Schlaf, Ohnmacht, Rausch, Vergessen,
Fieber, Delirium, Wahnsinn. Auch hat man am Bewusstsein
verschiedene Grade zu unterscheiden. Vgl. Selbstbewusstsein, Apperzeption,
Aufmerksamkeit. –
Im weiteren Sinne spricht man von einem sittlichen, religiösen,
politischen usw. Bewusstsein und meint damit eine Summe
von Vorstellungen
nebst deren Wertschätzung. Vgl. G. Ulrich, Bewußtsein
und Ichheit. Zeitschr. f. Philos. und philosoph. Kritik Bd. 124, S. 58-79.
Beziehung
S. 103
ist der psychische Vorgang, kraft dessen wir
zwei Gebilde oder Vorgänge bewusst miteinander verbinden. Meist
geht damit eine Vergleichung Hand in Hand.
Die Beziehung ist eine der einfachsten Formen der
Apperzeption.
W. Wundt stellt drei Beziehungsgesetze
auf: 1. das der Resultanten,
2. der Relationen
und 3. der
Kontraste
(Grdr. der Psychol., S. 375 ff.. Leipzig 1896).
Vergleiche Kategorien.
böse
S. 106ff. Siehe
auch bei Eisler
heißt das Gegenteil von
gut. Da nun unter gut bald
das Nützliche, bald das Angenehme, bald das Schöne, bald das Sittliche
verstanden wird, so hat auch der Begriff des Bösen
verschiedene Bedeutung angenommen, und man spricht
z.B. von einem bösen Geschwür, einer bösen
Nachricht, einem bösen Gesicht und einem bösen Menschen.
Im engeren Sinne ist aber böse soviel als
unsittlich.
Das Wesen des Bösen besteht,
soweit unser Verhältnis zu den Mitmenschen in Betracht kommt, vor allem
in der Selbstsucht, in der rücksichtslosen Verfolgung des Selbsterhaltungstriebes.
Dieser ist an sich natürlich; er äußert sich auch auf natürliche
Weise in den Trieben nach Existenz, Nahrung, Ruhe, Eigentum, Schmuck, Ehre,
Macht usw. Solange wir diesen Trieben mit Maß, mit Vernunft und mit Berücksichtigung
unserer Nebenmenschen folgen, kann unser Handeln nicht böse heißen.
Erst die egoistische Selbstbehauptung, welche den Forderungen der Sympathie
und Gerechtigkeit widerspricht, ist böse.
Weiter besteht das Sittlich böse in allen Schwächen und Irrungen,
die die menschliche Anlage zu normaler Entfaltung und Vervollkommnung hemmen
und ablenken. –
Den Ursprung des Bösen hat
die Religion und Philosophie auf verschiedene Weise zu erklären versucht.
Der Parsismus leitet das Böse
aus einem Weltprinzip ab und stellt dem guten Ormuzd
den bösen Ahriman
als von Anfang an existierend gegenüber. Dadurch wird aber der
Begriff der Gottheit wesentlich eingeschränkt. Der Parsismus
und der vom Parsismus beeinflusste und im
3. Jahrh. n. Chr. entstandene Manichäismus,
der das Böse als selbständiges
Prinzip
ansieht, sind daher unvereinbar mit der allein haltbaren Idee des Göttlichen.
–
Auch die Ableitung des Bösen durch Platon (427-347)
aus der Materie
hylê befriedigt
nicht, weil dadurch das Böse zu einem Negativen verflüchtigt und in
den Stoff gelegt wird, während es doch positiv ist und, vor allem in der
Gesinnung, in der verkehrten Richtung des Willens liegt. –
Ebenso wenig genügt die Herleitung des Bösen
aus der menschlichen Freiheit,
mag man sie mit Origenes (†254),
Kant (†1804) und
Schelling (†1854)
als transzendentalen
Akt in einen Zustand vor der Geburt setzen, oder
mit Augustin (†430),
Schleiermacher (†1834)
und Jul. Müller
(†1875) in das Diesseits. Denn die Freiheit
reicht nicht aus, zu erklären, wie ein faktisch gutes
Wesen böse werden
konnte.
Auch die Ableitung des Bösen aus einem Abfall
von Gott, wie sie Plotin (†270)
und Augustin (†430)
lehren, kann nicht als angemessen gelten; ebenso wenig die Auffassung des Thomas
von Aquino (†1274), der im Bösen
ein Mittel zum Guten sieht.
–
Ein andrer Versuch der Ableitung des Bösen findet sich in der indisch-neuplatonischen
Ansicht, nach der zwar die gesamte Welt durch Emanation aus Gott hervorgeht,
aber das einzelne unberechtigt ist, sich als solches zu behaupten.
Ähnlich behauptet Leibniz (1646-1716),
in seiner Theodicee (1710),
das Böse sei bei der Unvollkommenheit der Geschöpfe unvermeidlich,
es habe mithin seinen Ursprung nicht in Gott, sondern in der Beschränktheit
der endlichen Wesen. –
Hieran anknüpfend kann man den Ursprung des Bösen im Endlichen und
Menschlichen suchen. Das Endliche ist unvollkommen, und der Mensch ist selbstsüchtig
von Natur. Aber so wenig der Naturzustand auf sozialem Gebiete festgehalten,
sondern zur Kultur veredelt wird, so wenig bleibt der ethische Naturzustand
(vgl. Bildung, Humanität).
Von Natur ist der Mensch noch nicht das, was seine Entwicklung aus ihm machen
kann. Dies lehrt uns die Betrachtung der menschlichen Entwicklung. Jedes Kind
ist, solange es ohne Selbstbewusstsein ist, weder gut noch böse. Sobald
aber der Selbsterhaltungstrieb erwacht, zeigen sich schlechte Eigenschaften,
Selbstsucht, Trotz, Grausamkeit, Ungehorsamkeit usw. Da sich nun die Sinnlichkeit
jahrelang entwickeln kann, ehe die Vernunft durch die Erziehung ausgebildet
wird, so findet sich der zum Selbstbewusstsein erwachte Mensch zu seinem Schrecken
in einem Zustande vor, den Kant das »radikale
Böse« genannt hat. Diesen Namen verdient es wenigstens
insofern, als es mit der menschlichen Entwicklung unvermeidlich verknüpft
ist. Nun beginnt in dem Menschen der sittliche Kampf gegen das Böse. –
Das Böse ist ein ethischer Begriff, der daneben auch seine kulturhistorische
Bedeutung hat. Was auf einer noch unerzogenen Stufe menschlicher Entwicklung
erklärlich und entschuldbar ist, wird auf einer höheren Unsittlichkeit.
Der verwandte metaphysische Begriff ist das Übel.
Vgl. Herbart, Gespräche ü. d. Böse,
Königsb. 1818. Blasche, das Böse im Einklang mit der Weltordnung.
Leipzig 1827. Jul. Müller, Christl. Lehre v. d. Sünde. 3. Aufl. Breslau
1849. Fr. Paulsen, System der Ethik. 6. Aufl. 1903.
Buridans
Esel S.108f.
ist der Name des erdachten Beispiels, durch welches der
Scholastiker Buridan (1300-1358) zu Paris seine Ansicht von der Unmöglichkeit
der Willensfreiheit zu erläutern versucht haben soll. Es ist zur sprichwörtlichen
Wendung geworden. Buridan soll, um seine Behauptung zu beweisen, das Beispiel
eines hungrigen Esels gewählt haben, welcher, zwischen zwei gleich große,
gleich beschaffene, in gleichem Abstande befindliche Heubündel gestellt
ist und nun nach Buridans Ansicht sich nicht zu entscheiden vermag, von welchem
Bündel er zuerst, fressen soll, der daher verhungern muss.
In Buridans Schriften findet sich dies Beispiel nicht; in der Ethik des Spinoza
wird aber darauf angespielt. Übrigens ist der Gedanke nicht Buridans Eigentum.
Schon Dante, Parad. IV, 1-3 sagt: »Zwischen zwei gleich entfernten und
gleich anlockenden Speisen würde der Mensch eher Hungers sterben, als dass
er bei der Willensfreiheit eine von ihnen zwischen die Zähne brächte«,
und Aristoteles (de caelo II, 13 p. 295b 32) weist schon wie auf ein bekanntes
Beispiel und Bild auf den »heftig Hungernden und Dürstenden hin,
der gleich weit von Speise und Trank entfernt ist und der in Ruhe verharren
muss«.
(Siehe Schopenhauers Schriften 1877. IV², 58.)
Cartesianismus
S. 112
ist die Lehre des Cartesius
(René Descartes, 1596
bis 1650) und seiner Schüler. Sie schreibt der Philosophie die rationalistische
Methode vor und beginnt mit dem Zweifel an allem demjenigen Wissen, das vordem
philosophischen Denken erworben ist (de omnibus dubitandum). Sie geht von der
Selbstgewissheit des Denkens (cogito, ergo sum), zu der Aufstellung der Klarheit
und Deutlichkeit als Kriteriums der Wahrheit (omne est verum, quod clare et
distincte percipio), zu der Annahme allgemeiner Kausalität (nihil ex nihilo
fit), zu dem Nachweis der Existenz Gottes, zu der dualistischen Aufstellung
einer unendlichen Substanz (deus) und zweier endlichen Substanzen, der ausgedehnten
und denkenden, der Materie und des Geistes, und endigt in der mechanistischen
Erklärung aller Naturvorgänge, die nur den Begriff von Druck und Stoß
voraussetzt, sowie in der Scheidung von Leib und Seele am Menschen. Aus dem
Cartesianismus hat sich der Okkasionalismus
entwickelt. –
Am charakteristischsten für den Cartesianismus ist der scharfe Dualismus
von Geist und Körper, Seele und Leib. Dem Prinzip des influxus physicus
gegenüber war der Cartesianismus ein Fortschritt, an sich aber eine unhaltbare
Idee. Ihn zu beseitigen, strebte die nachfolgende Philosophie
(Spinoza, Leibniz, auch Kant)
causa
sui (lat.), S.
113f.
Ursache von sich selbst, nannten die Scholastiker Gott.
Sie wollten mit diesem Begriff sagen, Gott habe sich selbst geschaffen und sei
durch nichts anderes bedingt.
Auch Spinoza (1632-1677), Schelling (1775-1864) und Hegel (1770-1831) nahmen
diesen Begriff auf.
Spinoza setzte die causa sui und die Substanz (Gott und Natur, deus sive natura)
einander gleich. Die erste Definition des ersten Teiles seiner Ethik lautet: »Per causam sui intelligo id, cuius essentia involvit existentiam, sive
id, cuius natura non potest concipi nisi existens«. (Unter causa sui verstehe
ich dasjenige, dessen Wesen die Existenz einschließt, oder dasjenige,
dessen Natur als existierend vorgestellt werden muss.) Hieran schließt
sich der Nachweis, dass die Substanz Gott, Natur und causa sui ist.
Schelling lehrt, dass Gott in sich den Grund seiner Existenz hat.
Hegel sieht in jeder Ursache eine causa sui, die sich in den endlichen Dingen
auseinander gezogen hat. So richtig aber Gott als absolut gedacht wird, so schließt
doch der Begriff der causa sui den logischen Widerspruch in sich ein, dass durch
ihn etwas zugleich als nicht existierend und als existierend gesetzt wird. Denn
Ursache heißt im Gegensatz zur Wirkung nur dasjenige, was vor einem anderen
als existierend gedacht werden muss. Vor allem aber beruht der Begriff der causa
sui auf einer fehlerhaften Definition des Daseins, nach der das Dasein zum Wesen
des Begriffs gehört.
Erst Kant (1724-1804) hat in seiner Kritik der Beweisgründe des Daseins
Gottes und vor allem des ontologischen Beweises (Kr.
d. r. V., S. 592-602) den richtigen Begriff des Daseins aufgestellt und
nachgewiesen, dass das Dasein kein Merkmal des Begriffs, sondern absolute Position
ist. Er hat hierdurch den Begriff causa sui aufgelöst. (Vgl.
Kant, Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins
Gottes. Königsberg 1763.)
Chaos
(gr. chaos v. chainô
gähne) S. 115 Siehe auch bei Eisler
bezeichnete bei den griechischen Dichterphilosophen den Urzustand der Welt,
den man sich als rohe, ungestaltete, verworrene, ungeordnete Masse vorstellte
(Ovid Met. I, 7:
rudis indigestaque moles). Man dachte sich, dass das Chaos
erst später durch ein höheres Prinzip: Streit, Liebe, Verstand,
Gott u. dgl. geordnet und gestaltet worden sei. Den Gegensatz zum Chaos bildete der Kosmos (gr.
kosmos), die gesetzlich geordnete Welt.
Charakter
(gr. charaktêr
v. charassô prägen = Gepräge)
S. 115ff.
heißt in anthropologischer Hinsicht die bleibende
Willensart des Menschen. Im weiteren Sinne hat jeder Mensch einen Charakter,
auch der Charakterlose, dessen Eigentümlichkeit
es ist, unbeständig zu sein. Im engeren Sinne
heißt Charakter soviel als
Willensstärke.
Charakter im engeren Sinne ist also das Wesen des
Menschen, wie es sich auf Grund angeborener
Individualität durch Gewöhnung und selbsterworbene Fertigkeit zu
vernünftiger, zusammenhängender und fester Selbstbetätigung entwickelt.
Der feste Charakter zeigt sich in der Entschiedenheit
und Konsequenz des Handelns nach Grundsätzen. Diese Konsequenz kann Entschiedenheit
im Guten oder Bösen sein. Einen guten Charakter besitzt nur der Mensch, der seinen Willen durch sittliche Grundsätze leiten
lässt. Nur er bleibt von Zerrissenheit des Gemüts, Zerfahrenheit des
Begehrens und Unschlüssigkeit im Handeln verschont. Bei ihm vereinen sich
Einsicht und Wille zur wahren sittlichen Freiheit.
»Charakter im Großen und Kleinen ist, dass
der Mensch demjenigen eine stete Folge gibt, dessen er sich fähig fühlt«,
sagt Goethe (Spr. in Pr.
587).
Kant (1724-1804) lehrt: »Von einem Menschen schlechthin sagen zu können:
'er hat einen Charakter' heißt sehr viel von ihm
nicht allein gesagt, sondern auch gerühmt; denn das ist
eine Seltenheit, die Hochachtung gegen ihn und Bewunderung erregt. Wenn man
unter dieser Benennung überhaupt das versteht, wessen man sich zu ihm sicher
zu versehen hat, es mag Gutes oder Schlimmes sein, so pflegt man dazu zu setzen:
er hat diesen oder jenen
Charakter, und dann bezeichnet
der Ausdruck die Sinnesart. - Einen Charakter
aber schlechthin zu haben, bedeutet diejenige Eigenschaft des Willens, nach
welcher du Subjekt sich selbst an bestimmte praktische Prinzipien bindet, die
es sich durch seine eigene Vernunft unabänderlich vorgeschrieben hat. Ob
nun zwar diese Grundsätze auch bisweilen
falsch und fehlerhaft sein dürften, so hat doch das Formelle des Wollens
überhaupt, nach festen Grundsätzen zu handeln (nicht
wie ein Mückenschwarm bald hierher, bald dahin abzuspringen), etwas
Schätzbares und Bewunderungswürdiges in sich, wie es dann noch etwas
Seltenes ist. - Alle anderen guten und nutzbaren Eigenschaften
(des Menschen) haben einen Preis - das Talent einen
Marktpreis - das Temperament einen Affektionspreis
- aber der Charakter hat einen inneren Wert
und ist über allen Preis erhaben.«(Kant,
Anthropologie S. 264f.) –
Die allgemeine Verwendung des Wortes Charakter in seiner jetzigen Bedeutung datiert von La Bruyere's
Schrift: Les caracteres de Theophraste et les moeurs
de ce siecle 1688 her. Vgl. Smiles,
der Charakter. Leipz. 1878. Th. Ribot, die Persönlichkeit,
a. d. Frzös. v. E. Papst. Berlin 1894.
Daimonion
S. 131
nannte Sokrates (469-399)
eine innere Stimme, die ihn in entscheidenden Augenblicken warnte und
von der Ausführung einer gefährlichen Absicht abhielt. (Nach Platon
Apol. 31 D und 41 D, Xen. Mem. I, 1, 6 warnte
das Daimonion peri
- tôn adêlôn, hopôs an apobêsoito.)
Dankbarkeit
(Dank, eigtl. das Denken) S.
131
heißt die Gesinnung eines Menschen, welcher empfangene
Wohltaten anerkennt, sich ihrer erinnert und sie nach Kräften erwidert.
Die Dankbarkeit ist verhältnismäßig selten zu finden; daher
das Sprichwort: »Undank ist der Welt Lohn«.
Vergesslichkeit, Leichtsinn, Gewohnheit, Selbstsucht, - aber auch die Umstände
verhindern oft die Dankbarkeit da, wo sie nicht gerade fehlt, sich zu äußern.
So wenig die Wohltat erzwingbar ist, so wenig ist es der Dank dafür. Beides
verliert durch Zwang allen Wert. Wenn daher, obwohl die Wohltätigkeit an
sich eine hohe Tugend ist, derjenige »seinen Lohn dahin hat«, der
etwas Gutes tut, um Dank zu ernten, so ist andrerseits Undankbarkeit ein Zeichen
von Hohlheit oder Rohheit des Gemütes, und Dankbarkeit eine schöne,
aber schwere Tugend.
Die Wohltaten, die wir anderen erweisen, vergessen wir langsam, die uns erwiesenen
schnell. Unedlen, selbstsüchtigen Menschen sind empfangene Wohltaten drückend,
weil sie sich nicht zum Dank verpflichtet fühlen möchten; freigebige,
großmütige dagegen, die anderen oft Wohltaten erweisen, vergessen
auch ihrerseits leicht des Dankes. Wer sich viel über Undank der Menschen
beschwert, macht sich dadurch verdächtig, dass er nicht aus Menschlichkeit,
sondern aus Eigennutz Wohltaten erwiesen hat.
Dasein
(existentia) S.133f
ist das Sein
in der Wirklichkeit.
Während das Sein zunächst nur Gesetztwerden,
Gedachtsein ist, so z.B. bei allem Abstrakten,
haben die realen Außendinge Dasein.
Das Dasein ist kein Merkmal
der Dinge, sondern
absolute Position.
Das Denken reicht
nie dazu aus, ein Dasein
nachzuweisen; vielmehr gehört dazu stets Empfindung,
Wahrnehmung
oder Zusammenhang mit Wahrnehmungen nach den Grundsätzen
der erfahrungsmäßigen Verknüpfung derselben. Ein Dasein
hat nur (d.h. wirklich ist nur) »was
mit den materialen Bedingungen
der Erfahrung
(der Empfindung) zusammenhängt«.
Vgl. Kant, Kr. d. r. V. S. 218ff. und Kant, der einzig mögliche Beweisgrund
zu einer Demonstration des Daseins Gottes. Königsberg 1763.
Dauer
S. 134
ist das unveränderte
Dasein eines Gegenstandes im Wechsel der Zeit. Die Zeit selbst
ist beständiger Fluss; ihr kommt keine Dauer zu. Nur von den Dingen in
der Zeit, dem Zeitinhalt, kann Dauer ausgesagt werden. Das Bewusstsein von der
Dauer eines Gegenstandes beruht auf dem Gegensatz, dass das Objekt mit seinem
Empfindungs- und Gefühlsinhalte verharrt, während der Vorstellende
sich ändert.
Dies geschieht besonders wirksam, wenn der Wunsch des Vorstellenden dem Zustande
des Objekts widerstrebt, d.h. das Nochdasein einer Vorstellung die Erwartung
einer anderen Lügen straft.
Unendliche Dauer
heißt Ewigkeit.
Alle Dauer im Fluss des Werdens
der Dinge leugnete
Herakleitos von Ephesos (um
600 v. Chr.), während die Eleaten
umgekehrt allen Wechsel und alle Veränderung für Sinnestrug erklärten.
Deduktion
(lat. deductio, gr. apagôgê),
S.135f.
eigentl. die Herabführung,
die Ableitung, ist diejenige Beweis- und Darstellungsmethode,
welche das Besondere aus dem Allgemeinen ableitet.
Das Mittel dieser
Ableitung ist der Syllogismus.
Sie ist also nur da in der Wissenschaft
möglich, wo ein Allgemeines bereits gegeben ist. Da dieses aber nur durch
Abstraktion und Induktion gefunden wird, so fußt die Deduktion
auf den Resultaten des Abstraktions- und Induktionsprozesses.
Sie stellt die Abstraktionen
und Induktionen
in Definitionen,
Gesetzen und Hypothesen
zusammen, gliedert dann durch Einteilung den wissenschaftlichen Stoff nach den
Verhältnissen der Über, Unter- und Beiordnung. Sie setzt die allgemeinen
Begriffe logisch in Beziehung
zueinander und zieht aus ihnen Folgerungen oder leitet aus den gewonnenen Gesetzen
syllogistisch die Tatsachen
und ihre Erklärung ab. Sie ist die fruchtbare Methode der Mathematik
und hat auch in der Naturwissenschaft da ihren Platz, wo man bereits Erfahrungen
gesammelt, Hypothesen aufgestellt und Prinzipien
gewonnen hat. Für die Philosophie ist sie dagegen die fruchtbare Methode
nicht.
Die Philosophie ist nur durch die Induktion vorwärts
gekommen, und auch in ihr kann die Deduktion erst der Induktion folgen.
Deduktive Systeme wie das des
Aristoteles, Fichtes, Schellings, Hegels, Schopenhauers
haben sich nicht bewährt.
So ist der Versuch des Aristoteles (384-322),
den ganzen Kosmos aus
vier Prinzipien: Form,
Stoff, Ursache
und Zweck,
Fichtes (1762-1814)
aus dem Ich,
Schellings (1776-1854)
aus dem Absoluten,
Hegels (1770-1831) aus
der Idee,
Schopenhauers (1788-1866)
aus dem Willen zu
konstruieren, doch im Kerne misslungen.
Deduktion,
transzendentale. S. 136
Der Kern der kantischen Vernunftkritik besteht darin,
nachzuweisen, wie Begriffe a
priori sich auf Objekte beziehen
und, ohne aus der Erfahrung zu stammen, Gültigkeit von Gegenständen
der Erfahrung erlangen können. Dieser Aufgabe dient in der Kritik
der reinen Vernunft von dem II. Teil der Elementarlehre (Transz. Logik) das
zweite Hauptstück der ersten Abteilung (Transz. Analytik), das sich,
S. 84-130, die transzendentale
Deduktion der
Kategorien nennt.
Kant weist darin nach, dass diejenigen Anschauungen
und Begriffe a priori, welche die Erfahrung erst möglich machen, nicht
subjektive Erdichtungen sind, sondern als Bedingungen aller Erkenntnis von allen
Objekten Gültigkeit haben müssen. Seinem Beweise
fehlt aber zweierlei, erstens der Nachweis der Notwendigkeit der einzelnen Anschauungsformen
und Kategorien und zweitens der Nachweis einer Notwendigkeit der Erkenntnis
überhaupt. Die Unmöglichkeit, diesen doppelten Nachweis anders als
empirisch und in den Einschränkungen, die der Empirismus vorschreibt, zu
geben, entscheidet über das Schicksal des kantischen Apriori, das in der
Form, wie Kant es selber gibt, unhaltbar sein dürfte.
Ein schlechthin Notwendiges und Allgemeines ist nicht nachzuweisen.
Vergleiche Angeboren,
a posteriori, Nativismus,
Kategorien, Raum
und Zeit.
Definition
(lat. definitio von definire = begrenzen,
bestimmen) S. 136f.
heißt die vollständige und geordnete Darlegung
des Inhalts eines Begriffs. Diese wird gewöhnlich in der Form eines Urteils
durch Setzung des zu definierenden Begriffs als Subjekt des Urteils und durch
Angabe des nächsten Gattungsbegriffs (genus proximum)
und des Artunterschiedes (differentia specifica)
als Prädikat des Urteils erreicht. Jede Definition in dieser Form enthält
also
1. als Subjekt den zu definierenden Begriff (definitum),
2. als Prädikat den in seine Merkmale nach Gattung und Artunterschied zerlegten
Inhalt desselben (definiens); z.B. das
Parallelogramm (definitum) ist ein Viereck
(Gattung) mit parallelen Seitenpaaren (Artunterschied).
–
Die Definitionen zerfallen
a) in Nominal- und Realdefinitionen, je nachdem nur der Gebrauch eines Wortes
festgelegt oder dem zu Erklärenden zugleich mit der Erklärung reale
Gültigkeit zugeschrieben werden soll;
b) in essentiale und distinguierende, je nachdem man die primären oder
abgeleiteten Merkmale angibt;
c) in existentiale oder genetische Definitionen, je nachdem sie ein Objekt als
fertig oder als entstehend darstellen. –
Eine gute Definition ist nicht leicht. Sie muss
1. ein kategorisches Urteil sein,
2. den höheren Gattungsbegriff und den Artunterschied ohne jede Künstelei
geben,
3. die konstitutiven Merkmale enthalten. Sie muss
4. präzis, klar und adäquat sein,
5. kein aus einem anderen schon gegebenen ableitbares Merkmal enthalten und
6. Zirkel, Tautologien, Bilder und Einteilungen vermeiden. –
Falsche Definitionen sind daher z.B. folgende: Psychologie ist Seelenlehre.
Das Gute ist die Sonne im Reiche der Ideen. Ein Dreieck ist eine dreiseitige,
dreiwinklige Figur. Ein Parallelogramm ist ein Viereck mit parallelen und gleichen
Seitenpaaren. –
Die Wichtigkeit und das Wesen der Definitionen
hat zuerst Sokrates (469-399)
erkannt (Arist. Met. XIII, 4, p. 1078b 27
dyo gar estin. ha tis an apodoiê Sôkratei
dikaiôs, tous t' epaktikous logous kai to horizesthai katholou).
Die Form der Definition hat zuerst Aristoteles
(384-322) durch Hinweis auf Gattung und Artbegriff
bestimmt. (ho horismos ek genous kai diaphorôn
estin. Top. I, 8, p. 103 b 15).
Deismus
(nlt., geb. von deus =
Gott)
S.
137f.
ist die religiöse Weltanschauung, welche eine
Gottheit als Urgrund aller Dinge annimmt,
diesen aber nicht, wie es der
Theismus tut, als den persönlichen Regenten
der Welt ansieht, und die zugleich alle geoffenbarte Religion
zugunsten einer natürlichen verwirft.
Der Deismus steht dem Naturalismus
nahe; beide verwerfen die Wunder,
die Weissagung, die übernatürliche
Offenbarung
und stellen die Vernunft als Norm der Religion auf.
Der Naturalismus aber leugnet
das Göttliche überhaupt, während der Deismus
an der Existenz eines Göttlichen
festhält.
Deisten oder Freidenker
(Freethinkers) nannte man demgemäß
diejenigen, welche die natürliche Religion
begründen wollten. Am bekanntesten sind die Engländer
Herbert v. Cherbury (1581-1648), Ch.
Blount (1659-1693), der sich zuerst Deist
nannte, John Toland (1670-1722),
Graf Shaftesbury (1671-1713),
Anthony Collins (1676-1729),
Matthew Tindal (1656-1733),
der Franzose Voltaire
(1694-1778), die Deutschen
Bahrdt, Edelmann, Lessing,
Mendelssohn.
Vgl. G. V.Lechler,
Gesch. d. engl. Deismus. Stuttgart 1841.
Kant (1724-1804) definiert
kurz: »Der Deist glaubt einen Gott, der Theist aber
einen lebendigen Gott
(summam intelligentiam)«. Kr.
d. r. V., S. 633.
Siehe Theismus.
Demiurg
(gr. dêmiourgos =
Werkmeister, Weltbildner) S. 138
bezeichnet schon bei Platon
(427-347) den Weltbaumeister (poiêt&