Lucius
Caelius Firmianus Lactantius (um 250 – nach 317)
Lateinischer Kirchenvater und Kirchenschriftsteller aus der
römischen Provinz Nordafrika. Lactantius wurde auch der » christliche
Cicero« genannt, weil er ein hervorragender Rhetor und Lehrer für
Beredsamkeit war. Von Kaiser Diokletian wurde er nach Nikomedien, der neuen
Reichshauptstadt am Marmarameer, berufen. Dort trat er um 301 zum Christentum
über, schrieb um 304 die »Göttlichen Unterweisungen«,
in denen er eine systematische Darstellung des Christentums zu geben sucht.
Danach verfasste er seine Schrift Ȇber das
Schöpfungswerk Gottes«. Zuletzt wurde er durch Kaiser Konstantin
zur Erziehung des Kaisersohns Crispus nach Trier berufen.
Inhaltsverzeichnis
Das Schöpfungswerk Gottes
Aus den »göttlichen
Unterweisungen«
Warum lässt Gott das zu ?
Das
Schöpfungswerk Gottes
Aus dem neunzehnten Hauptstück:
Die Seele, ein Geschenk Gottes
§ 1. Auch das könnte
gefragt werden: ob die Seele vom Vater stamme — wenigstens in höherem
Grade — oder von der Mutter oder ob sie von beiden Eltern gleichmäßig
ihren Ursprung habe...
§ 2. Keiner der genannten
drei Fälle trifft zu . . . Der Körper kann wohl von Körpern stammen,
und beide Teile tragen ja auch dazu bei. Von den beiden Seelen aber kann die
Seele nicht herrühren, denn von etwas Immateriellem und Unbegreiflichem
läßt sich jedenfalls nichts abteilen oder ausscheiden.
§ 4. Daraus ergibt sich,
daß nicht die Eltern die Seele geben, sondern Gott
allein, der eine und selbe Vater aller Menschen, der wahre Herr über
alle Zeugung — der sie ja auch allein bewirken kann. Dem irdischen Erzeuger
kommt ja bloß die von Wollust begleitete Begattung zu. Darauf bleibt jeder
Mann beschränkt, sein Wirken kann nicht weiter reichen — und gerade
darum bitten die Menschen zu Gott um Nachkommen, da sie dieselben nicht nach
eigenem Willen erschaffen können.
§ 5. Das übrige steht
also bei Gott, sowohl die Tatsache wirklicher Empfängnis als auch die dann
erfolgende Bildung eines neuen Menschenkörpers, das Einhauchen der Seele,
die glückliche Geburt — kurz alles, was dann noch weiter zur Entfaltung
und Erhaltung des Menschenlebens dient. Gottes Geschenk ist es, daß wir
atmen, leben, gesund sind.
§ 6. Aber wir sind nicht
nur durch Gottes Güte gesund und empfangen nicht nur unseren Lebensunterhalt
aus einer ganzen Reihe von durch Gott gewährten Bedingungen — der
himmlische Vater hat dem Menschen auch Verstand verlieben, und das konnte der
irdische Vater gewiß nicht bewirken. Von Weisen stammen oft Schwachsinnige,
und von Schwachsinnigen höchst verständige Menschen. Einige glauben,
diesen Umstand dem Schicksal und den Gestirnen zuschreiben zu können!
§ 7. Hier ist jedenfalls
nicht der Ort, vom Schicksal zu handeln — aber auch angenommen, daß
die Gestirne einen Einfluß auf die Dinge im irdischen Geschehen ausüben
könnten, täten sie das doch auch nur nach dem Willen Gottes, der die
Gestirne geschaffen hat und ihnen ihre Bestimmung anwies. Toren also, die da
glauben, wenn sie den Gestirnen eine bestimmende Macht zusprächen, so würden
sie diese Macht dadurch dem Willen Gottes entziehen.
§ 8. Ob
wir aber dies herrliche Geschenk — die Vernunft — recht gebrauchen
oder nicht, das hat Gott jedem einzelnen Menschen selbst überlassen...
§ 10. Wer den Menschen nur
nach dem Fleische beurteilen wollte, würde gröblich irren. Denn dieser
Leib bildet nur die Wohnung des Menschen. Das, was das Wesen des Menschen selbst
ist, kann weder betastet noch geschaut, noch begriffen werden, da es stets hinter
der sichtbaren Hülle des Menschen verborgen bleibt.
Wenn der Mensch in diesem Leben, von seiner Natur verlockt, üppig und wollüstig
gewesen ist, wenn er die Tugenden für gering geschätzt und verachtet
hat und sich den Lüsten des Fleisches hingab, so fällt er, sinkt er
zur Erde. Wenn er aber an seiner wahren Bestimmung aufrichtig und ohne Wanken
festgehalten hat — wenn er nicht ein Sklave der Welt geworden ist, dieser
selben Welt, die er mit Füßen treten und besiegen sollte —,
dann wird er das ewige Leben erlangen.
Aus
den »göttlichen Unterweisungen«
Auszug aus den Institutiones
Divinae
XXXVII. ... Im Anbeginn, vor Grundlegung der Welt,
hat Gott aus dem Quell Seiner Ewigkeit und aus Seinem
göttlichen und immerwährenden Geiste sich selbst einen Sohn gezeugt,
der unvergänglich, getreu, das wahre Abbild der väterlichen Macht
und Erhabenheit ist, die Kraft und Vernunft Gottes, das Wort und die Weisheit
Gottes. Dieser Sohn war es — auch nach Hermes
dem Dreimalgrößten, auch nach der Sibylla —, dessen sich Gott
als Ratgeber bediente, um den herrlichen und wunderbaren Bau dieser Welt ins
Werk zu setzen. Und von allen Engeln, die Gott aus Seinem Atem gebildet hat,
ist Er allein zur Teilnehmerschaft an der höchsten Macht erkoren und allein
Gott benannt worden. »Denn alles ist durch Ihn geworden, und ohne Ihn
ist nichts geworden« . . Damit dir aber nicht vielleicht Bedenken kommen,
warum wir den, der vor der Welt aus Gott geboren ist, zugleich auch Jesus Christus
nennen, der doch erst vor dreihundert Jahren vom Menschen geboren worden ist,
so will ich dir hier die Verhältnisse kurz auseinandersetzen. Christus
ist zugleich Sohn Gottes und Sohn des Menschen. Denn Er hat eine zweifache Geburt;
die erste ist von Gott im Geiste vor der Entstehung der Welt — die zweite
ist aus dem Menschen im Fleisch unter der Herrschaft des Augustus. In dieser
Menschwerdung liegt ein erhabenes, herrliches Geheimnis, und auf ihm beruht
das Heil der Welt, die Religion des höchsten Gottes und die ganze Wahrheit.
Von der Zeit an nämlich, da sich die Kulte der Ruchlosen, die tückischen
Götzendienste durch die Kunstgriffe und Kniffe der Dämonen eingeschlichen
hatten, war nur bei den Hebräern allein die Verehrung
des wahren Gottes geblieben. Nur sie allein bewahrten den ererbten Gottesdienst,
der ihnen nicht durch ein Gesetz auferlegt, sondern durch die Überlieferung
der Väter überkommen war — bis zur Zeit, da sie unter Führung
des Moses aus Ägypten zogen. Durch Moses hat ihnen Gott dann das Gesetz
auferlegt. Und nun oblagen sie dem Dienst Gottes also unter den Banden des Gesetzes.
Aber das bekam denen, die nun Juden genannt wurden, schlecht: Vom Zwange irrten
auch sie allmählich zu sehr unheiligen Gebräuchen ab, gewährten
fremden Göttern, was sie nicht sollten, verließen den von den Vätern
ererbten Gottesdienst, opferten empfindungslosen Bildern. Da sandte Gott die
Propheten zu ihnen, ihnen zu predigen, von göttlichem Geist erfüllt.
Sie mußten ihnen zunächst ihre Sünden vorhalten, sie zur Sinnesänderung
bewegen. Sie drohten ihnen mit der unausweichlich kommenden Rache, sie kündigten
ihnen an, Gott würde einen neuen Gesetzgeber schicken, wenn sie bei ihren
Verirrungen beharrten, Er würde dem undankbaren Volk das Erbe entziehen
und ein anderes, treueres Volk aus fremdem Stamm um sich neu versammeln; aber
die Juden blieben nicht nur bei ihrer Untreue, sondern
sie töteten auch noch den Boten, den Gott ihnen gesandt hatte. Daher
sprach Gott das Urteil über sie aus, wegen ihrer Missetaten, und sandte
fortan keine Propheten mehr zu diesem widerspenstigen Volk. Gott sandte vielmehr
Seinen Sohn, um nunmehr alle Völker insgesamt zur Gnade und Liebe Gottes
zu berufen.
Enthalten in: Christliche Geisteswelt, Band I, Die
Väter der Kirche . Herausgegeben von Walter Tritsch (S.194-197)
Holle Verlag , Darmstadt
Warum
lässt Gott das zu ?
»Warum läßt der wahrhaftige Gott solches zu, warum schaltet
er die Bösen nicht aus und vernichtet sie?« — Ich frage:
ist die Tugend ein Wert? Zweifellos. So ist das Laster, des Guten Gegensatz,
ein Übel? Zweifellos. Aber die Tugend kann (in dieser
Welt der Prüfung) nicht ohne Gegensatz sein, und würdest du
das Laster aus der Welt schaffen, so wäre es mit der Bewährung des
Guten vorbei. Oder wie könnte man sinnvoll selig preisen den »Hunger
und Durst nach der Gerechtigkeit«, wenn es nicht Ungerechtigkeit
gäbe? Wie könnte man sich Tapferkeit denken, wenn nicht auch die Feigheit
am Rande stünde? Was wäre Beherrschung, was wäre Klugheit ohne
den Gegensatz? Wie soll die Wahrheit siegen, wenn es keinerlei Lüge gäbe?
Die Dinge sind notwendig nebeneinander: Gut und Böse, Glück und Unglück,
Freude und Schmerz. Sie bedingen sich gegenseitig. So
hat denn Gott nach weisem Plane den Anreiz zum Guten in das gefallene Wesen
gelegt, um in uns den sittlichen Kampf der Bewährung zu begründen,
bei dem er den Sieger mit dem Kranz der Unsterblichkeit lohnen kann.
S.212
Aus: Otto Karrer, Jahrbuch der Seele . Aus der Weisheit der christlichen Jahrhunderte.
Verlag Ars Sacra Josef Müller München