Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brede et de Montesquieu (1689 – 1755)
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Französischer
Schriftsteller und Staatsphilosoph, der nach humanistischen und juristischen Studien 1714 zunächst als Parlamentsrat und anschließend
bis 1726 als Senatspräsident in Bordeaux tätig war. In seinen »Lettres persanes« (Persischen Briefe) schildert Montesquieu in einer sarkastischen, nahezu romanhaften Weise die französischen und europäischen Verhältnisse in einem fiktiven Briefwechsel zweier Perser. Sie gelten als erstes Beispiel des Kulturrelativismus. In seinem Hauptwerk »L’esprit
des lois« (Der Geist der Gesetze) hob er die Staatswissenschaft auf das Niveau einer Kulturphilosophie. Montesquieus Gedanken hatten großen
Einfluss auf die französische Revolution bis 1791 und auf die Verfassung
der USA sowie auf die Herausbildung des modernen Verfassungs-Staates überhaupt. |
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Inhaltsverzeichnis
Persische Briefe
Finsternis des Götzenkults, Über Juden, Über göttliches Vorherwissen, Über göttliche Gerechtigkeit,
Vom Geist der Gesetze
Über die Gesetze in ihrem Bezug zu der in den einzelnen Ländern eingeführten Religion . . . (24. Buch)
Über die Gesetze in ihrem Bezug zu den Religionseinrichtungen jedes Landes und ihre äußere Regelung (25. Buch)
Persische
Briefe
Finsternis
des Götzenkultes
Fünfunddreißigster Brief: Usbek an seinen Vetter
Dschemschid, Derwisch des prächtigen Klosters von Täbris
Was hältst Du von den Christen, ehrwürdiger Derwisch? Glaubst Du,
daß es ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts gehen wird wie den ungläubigen
Türken, die den Juden als Esel dienen und sie in schnellem Trab in die
Hölle bringen? Ich weiß wohl, daß sie nicht zum Sitz der Propheten
gelangen und daß der große Ali nicht für sie erschienen ist.
Glaubst Du aber, daß sie zu ewigen Strafen verdammt
sind, weil sie nicht das Glück hatten, Moscheen in ihrem Land vorzufinden,
und meinst Du, daß Gott sie bestraft, weil sie eine Religion nicht ausübten,
die er sie nicht kennenlernen ließ? Ich kann es Dir sagen: Ich
habe diese Christen oft ausgeforscht; ich habe sie befragt, um in Erfahrung
zu bringen, ob sie eine Vorstellung von dem großen Ali, dem schönsten
aller Menschen, hätten. Ich mußte feststellen, daß sie noch
nie von ihm gehört hatten!
Sie sind anders als jene Ungläubigen, die unsere heiligen Propheten über
die Klinge springen ließen, weil sie sich weigerten, an die Wunder des
Himmels zu glauben. Sie gleichen vielmehr den Unglücklichen, die in der Finsternis des Götzenkultes lebten, bevor das Antlitz unseres
großen Propheten vom göttlichen Licht erhellt wurde.
Wenn man ihre Religion etwas genauer überprüft, findet man übrigens
etwas wie Ansätze unserer Glaubenslehren. Ich habe oft das geheime Wirken
der Vorsehung bewundert, die sie auf diese Weise, wie es scheint, zum allgemeinen
Glaubensübertritt vorbereiten wollte. Ich habe von einem Buch ihrer Schriftgelehrten
gehört, das den Titel trägt: Der Triumph
der Polygamie und in dem nachgewiesen wird, daß die Mehrehe
den Christen vorgeschrieben ist. Ihre Taufe ist ein Abbild unserer rituellen
Waschungen, und die Christen irren sich nur hinsichtlich der Wirksamkeit dieser
ersten Waschung, von der sie annehmen, sie genüge für alle anderen.
Ihre Priester und Mönche beten siebenmal am Tag wie die unseren. Sie hoffen
in ein Paradies zu gelangen, in dem sie durch die Auferstehung des Fleisches
tausend Freuden genießen können. Sie haben wie wir bestimmte Fastenzeiten
und Kasteiungen, durch die sie die göttliche Barmherzigkeit zu erreichen
hoffen.
Sie verehren die guten Engel und hüten sich vor den bösen. Sie besitzen
eine naive fromme Gläubigkeit gegenüber den Wundern, die Gott durch
die Priester unter seinen Anhängern bewirkt. Sie erkennen wie wir die Unzulänglichkeit
ihrer Verdienste und die Notwendigkeit, einen Fürsprecher bei Gott zu haben.
Überall entdecke ich den mohammedanischen Glauben,
auch wenn ich nirgends Mohammed entdecken kann. Man kann machen, was man will, aber die Wahrheit kommt doch zum Vorschein
und bricht durch die Finsternis, die sie umgibt. Der Tag wird kommen, wo der
Ewige auf Erden nur wahre Gläubige erblickt; die Zeit, die alles verzehrt,
wird auch die Irrtümer vernichten. Alle Menschen
werden sich zu ihrem Erstaunen unter derselben Fahne wiederfinden; alles, bis
hin zum Gesetz, wird vollbracht sein; die heiligen Schriften werden von der
Erde emporgetragen und in den göttlichen Archiven niedergelegt werden.
Paris, am 20. des Monats Dhul-hiddsche
1713 S.69ff.
Über
Juden
Sechzigster
Brief: Usbek an Ibben in Smyrna
Du fragst, ob es in Frankreich Juden gibt. Du mußt wissen, daß es
überall Juden gibt, wo Geld ist. Du fragst, was sie machen. Genau dasselbe,
was sie in Persien machen. Nichts ist sich so ähnlich wie ein Jude aus
Asien und einer aus Europa.
Sie zeigen bei den Christen wie bei uns die gleiche unerschütterliche,
hartnäckige Anhänglichkeit an ihre Religion, die bis zum Wahn geht.
Die jüdische Religion ist ein alter Stamm,
der zwei Äste hervorgebracht hat, die sich über die ganze Erde ausgebreitet haben: den Islam
und das Christentum. Oder besser gesagt, diese
Religion ist eine Mutter, die zwei Töchter geboren hat, die ihr tausend
Wunden geschlagen haben; denn bei den Religionen gilt, daß die
nächsten Verwandten die schlimmsten Feinde sind. Aber so schlecht sie auch
von ihnen behandelt wurde, ist sie doch immer stolz darauf, sie geboren zu haben.
Sie bedient sich beider, um die ganze Welt zu umfassen, wahrend sie auf der
anderen Seite durch ihr ehrwürdiges Alter alle Zeiten umfaßt.
Die Juden sehen daher bei sich die Quelle alles Heiligen
und den Ursprung jeder Religion. In uns dagegen sehen sie Ketzer, die das Gesetz
veränderten, oder vielmehr abtrünnige Juden.
Wäre diese Veränderung unmerklich vor sich gegangen, so hätten
sie nach ihrer Ansicht leicht verführt werden können. Aber da die
Änderung plötzlich und gewaltsam geschah und sie Tag und Stunde bei
beiden Geburten angeben können, nehmen sie Anstoß an dem Alter unserer
Religionen und halten an der ihren fest, die so alt ist wie die Welt selbst.
Sie haben in Europa nie soviel Ruhe genossen wie jetzt.
Die Christen beginnen, sich von ihrem früheren Geist der Intoleranz freizumachen. Für Spanien hatte die Vertreibung der Juden schlimme Folgen, und
es war auch für Frankreich ein Nachteil, daß diejenigen Christen
drangsaliert wurden, deren Glaube ein wenig von dem des Fürsten abwich.
Man hat jetzt erkannt, daß der Eifer für die Ausbreitung der Religion
und die Anhänglichkeit, die man für sie haben sollte, zweierlei Dinge
sind und daß man, um die Religion zu lieben und zu befolgen, nicht unbedingt
diejenigen hassen und verfolgen muß, die ihr nicht anhängen.
Es wäre zu wünschen, daß unsere Moslems
in dieser Frage genauso vernünftig dächten wie die Christen und daß
man endlich einmal Frieden schließen könnte zwischen Ali und
Abu Bekr und Gott die Entscheidung über die Verdienste der beiden heiligen
Propheten überließe! Ich wünsche, daß man sie durch Akte
der Verehrung und des Respekts ehrt und nicht dadurch, daß man unsinnig
den einen über den anderen stellt, und man sollte sich um ihre Gunst bemühen,
ob ihnen Gott nun einen Platz zu seiner Rechten oder unterhalb der Stufen seines
Throns zugewiesen hat.
Paris,
am 18. des Monats Safar 1714 S.114f.
Über
göttliches Vorherwissen und menschliche Freiheit
Neunundsechzigtster Brief:
Usbek an Rhedi in Venedig
Du hättest Dir sicher nie vorgestellt, daß ich noch tiefer in die
Metaphysik eindringen würde als bisher. Und doch ist es so, und Du wirst
davon überzeugt sein, wenn Du das Ergebnis meiner Philosophie hier über
Dich hast ergehen lassen.
Die klügsten Philosophen, die über die Natur Gottes nachgedacht haben,
haben gesagt, er sei ein in jeder Hinsicht vollkommenes
Wesen. Aber sie haben diese Idee in höchstem Maße übertrieben;
denn sie haben eine Aufzählung all der verschiedenen
Vollkommenheiten, die der Mensch haben und sich vorstellen kann, gemacht und
damit die Vorstellung der Gottheit beladen, ohne zu bedenken, daß diese
Attribute sich oft gegenseitig ausschließen und in ein und demselben Wesen
nicht bestehen können, ohne sich zu zerstören.
Die Dichter des Abendlandes berichten, daß ein Maler, der die Göttin
der Schönheit in einem Bild wiedergeben wollte, die schönsten Frauen
Griechenlands versammelte und von jeder den reizvollsten Teil nahm. Daraus schuf
er ein Ganzes und meinte, es gliche der schönsten aller Göttinnen.
Wenn jemand aber daraus den Schluß gezogen hätte, sie sei blond und
dunkelhaarig, blauäugig und schwarzäugig, sanft und stolz, so hätte
er sich lächerlich gemacht.
Oft fehlt Gott eine Vollkommenheit, durch die er eine große Unvollkommenheit
erlangen würde. Aber er wird nur durch sich selbst in dieser Weise
beschränkt; denn die Notwendigkeit liegt in ihm selbst. So
kann Gott, obwohl er allmächtig ist, seine Versprechungen nicht brechen
und die Menschen nicht betrügen. Oft dürfte sein Unvermögen
nicht in ihm liegen, sondern in den unvollkommenen Dingen, und deshalb kann
er das Wesen der Dinge nicht ändern.
Daher haben es einige unserer Gelehrten gewagt, Gottes
unbegrenztes Wissen von der Zukunft zu leugnen, da dies unvereinbar mit
seiner Gerechtigkeit wäre.
Ihnen zufolge kann Gott die Dinge, die von der Bestimmung
durch freie Ursachen abhängen, nicht vorhersehen, weil das Nicht-Geschehene
nicht ist und daher nicht bekannt sein kann; denn das Nichts hat keine Eigenschaft
und kann daher nicht wahrgenommen werden. Sie meinen, Gott könne
nicht in einem Willen lesen, den es nicht gibt, und nicht in einer Seele etwas
wahrnehmen, was nicht in ihr existiert. Denn das, was sie zur Entscheidung bringt,
ist nicht in ihr, solange sie sich nicht entschieden hat.
Die Seele schafft ihre Entscheidung selbst. Aber
bei Gelegenheit ist sie so unentschieden, daß sie
nicht einmal weiß, nach welcher Richtung sie sich entscheiden soll. Oft
entscheidet sie sich auch nur, um von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen; deshalb
kann Gott diese Entscheidung weder im Handeln der Seele vorhersehen noch in
dem Einfluß, den die Dinge auf diese nehmen.
Wie konnte Gott etwas vorhersehen, was von freien Ursachen
bestimmt wird? Er könnte es nur auf zweierlei Weise tun,
entweder durch Vermutung, aber das widerspräche seiner
unendlichen Allwissenheit, oder aber er sähe
darin die notwendig und unabänderlich sich ergebende Wirkung einer Ursache; das aber wäre noch widersprüchlicher. Denn dann wäre die
Seele der Annahme nach zwar frei, aber de facto wäre sie es genausowenig,
wie eine Billardkugel sich frei bewegen kann, wenn sie von einer anderen angestoßen
wird.
Du darfst aber nicht meinen, daß diese Gelehrten Gottes Wissen einschränken
wollen. Da er die Geschöpfe nach seinem Belieben handeln läßt,
weiß er auch alles, was er wissen möchte. Aber
obwohl er alles sehen könnte, nützt er diese Fähigkeit nicht
immer aus und überläßt im allgemeinen dem Geschöpf die
Möglichkeit zu handeln oder nicht zu handeln, um ihm auch die Freiheit
der Entscheidung für Gut oder Böse zu lassen. Dabei verzichtet
er auf sein Recht, auf das Geschöpf Einfluß zu nehmen und es in seiner
Entscheidung festzulegen. Wenn er aber etwas wissen möchte,
weiß er es immer; denn er braucht nur zu wollen, daß etwas nach
seiner Vorstellung geschieht, und er muß die Geschöpfe nur nach seinem
Willen vorherbestimmen. So holt er, was geschehen soll, aus der Reihe der reinen
Möglichkeiten, indem er durch seine Beschlüsse die zukünftigen
Entscheidungen der Geister festlegt und ihnen die von ihm verliehene Fähigkeit,
zu handeln oder nicht zu handeln, nimmt.
Um einen Vergleich zu gebrauchen in einer Sache, die an sich außerhalb
der Vergleichsmöglichkeiten steht: Ein Monarch weiß nicht, was sein
Botschafter in einer wichtigen Angelegenheit unternimmt; wenn er es wissen möchte,
muß er ihm nur die Anweisung geben, sich in bestimmter Weise zu verhalten,
und er kann sicherstellen, daß die Angelegenheit seinen Wünschen
entsprechend behandelt wird.
Der Koran und die Bücher der Juden wenden sich dem Anschein nach ständig
gegen die Lehre vom absoluten Vorherwissen; bei ihnen entsteht immer der Eindruck, als wolle Gott die zukünftige Festlegung der Geister
nicht kennen, und dies ist anscheinend die erste Wahrheit, die Moses die Menschen
gelehrt hat.
Gott setzt Adam in das irdische Paradies, unter der Bedingung, daß er
nicht von einer bestimmten Frucht ißt. Aber könnte denn ein Wesen,
das die zukünftigen Entscheidungen der Seelen kennt, seine Gnadenbezeugungen
von Bedingungen abhängig machen? Das wäre so, wie wenn ein Mann, der
von der Einnahme von Bagdad gehört hatte, zu einem anderen sagen würde:
»Ich gebe Ihnen hundert Toman, wenn Bagdad nicht eingenommen ist.«
Wäre das nicht ein schlechter Witz?
Warum, lieber Rhedi, so viel Philosophie? Gott steht so hoch über uns,
daß wir nicht einmal seine Wolken erkennen. Nur in seinen Geboten erkennen
wir ihn klar. Er ist unendlich groß, reiner Geist, er ist ohne Grenzen.
Seine Größe sollte uns unsere Schwäche bewußtmachen. Wenn
man sich immer demütigt, erweist man ihm immer Verehrung.
Paris, am Letzten des Monats Schaban
1714 S.137ff.
Über
göttliche Gerechtigkeit
Dreiundachtzigster Brief: Usbek an
Rhedi in Venedig
Wenn es einen Gott gibt, lieber Rhedi, muß
er notwendigerweise gerecht sein, denn sonst wäre er das schlechteste und
unvollkommenste Wesen.
Die Gerechtigkeit ist eine auf Übereinkunft beruhende Beziehung, die tatsächlich
zwischen zwei Dingen besteht. Diese Beziehung ist immer die gleiche, welches
Wesen sie auch betrachten mag, sei es Gott, sei es ein Engel oder schließlich
ein Mensch.
Es ist wahr, daß die Menschen diese Beziehung nicht immer erkennen, und
auch wenn sie sie erkennen, halten sie sich oft nicht daran; ihr Interesse liegt
immer bei dem, was sie am besten erkennen. Die Gerechtigkeit
erhebt ihre Stimme, aber sie hat Mühe, sich im Aufruhr der Leidenschaften
Gehör zu verschaffen.
Die Menschen können Ungerechtigkeiten begehen, weil sie ein Interesse daran
haben und lieber sich selbst zufriedenstellen als die anderen. Sie handeln immer
nur in Rückwendung auf sich selbst, denn niemand ist um des reinen Vergnügens
willen schlecht. Es muß ein bestimmter Grund dafür dasein, und dieser
ist immer im eigenen Interesse zu suchen.
Es ist aber nicht möglich, daß Gott jemals
eine Ungerechtigkeit begeht; denn aus der Annahme, er erkenne die Gerechtigkeit,
ergibt sich notwendigerweise, daß er ihr folgt. Weil er nämlich nichts nötig hat und sich
selbst genügt, wäre er ja andernfalls das schlechteste
Wesen, da er es ohne eigenes Interesse wäre.
So müßten wir, wenn es Gott nicht gäbe, doch immer die Gerechtigkeit
lieben, das heißt, wir müßten alles tun, um dem Wesen ähnlich
zu werden, von dem wir uns eine so schöne Vorstellung machen und das, wenn
es existieren würde, notwendigerweise gerecht wäre. Wären wir
frei vom Joch der Religion, so sollten wir es nicht sein von dem des Gefühls
für las, was recht und billig ist.
Diese Überlegungen, Rhedi, haben mich auf den Gedanken gebracht, daß
die Gerechtigkeit ewig ist und nicht von Vereinbarungen der Menschen abhängt. Und wenn sie davon abhinge, wäre das eine schreckliche Wahrheit,
die man vor sich selbst verbergen müßte.
Wir sind umgeben von Leuten, die stärker sind als wir. Sie können
uns auf tausenderlei Art Schaden zufügen, und sie können das in dreiviertel
der Fälle ungestraft tun.
Welche Beruhigung bedeutet dann für uns der Gedanke, daß es im Herzen
all dieser Menschen ein innewohnendes Prinzip gibt, das für uns eintritt
und uns schützt vor ihren Anschlägen!
Ohne es müßten wir in ständiger Furcht leben; wir würden
an den Menschen vorbeigehen wie an Löwen und wären keinen Augenblick
unseres Besitzes, unserer Ehre und unseres Lebens sicher.
Alle diese Gedanken bringen mich gegen jene Theologen
auf, die Gott darstellen als ein Wesen, das von seiner Macht einen tyrannischen
Gebrauch macht. Sie lassen ihn so handeln, wie wir selbst nicht gerne
handeln würden, aus Furcht, uns gegen ihn zu versündigen. Sie lasten
ihm all die Fehler an, die er bei uns bestraft, und stellen ihn in ihren widersprüchlichen
Ansichten einmal dar als ein schlechtes Wesen und ein andermal als ein Wesen,
das das Böse haßt und bestraft.
Welche Befriedigung bedeutet für einen Menschen, der sich selbst prüft,
die Feststellung, daß er im Herzen gerecht ist! So ernst diese Freude
auch ist, sie muß ihn mit Begeisterung erfüllen. Er sieht sich so
hoch über denen stehen, die nicht so denken, wie er sich über Tigern
und Bären stehen sieht. Ja, Rhedi, wenn ich sicher wäre, daß
ich immer und ohne Abweichung der Gerechtigkeit vor meinen Augen folgen würde,
dann hielte ich mich für den ersten der Menschen.
Paris, am 1. des Monats Dschumada
I, 1715 S.158ff.
Aus: Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brede
et de Montesquieu, Persische Briefe. Übersetzt und herausgegeben von Peter
Schunk
Reclams Universalbibliothek Nr. 2051 © 1991 Philipp Reclam jun., Stuttgart.
Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam
Verlages
Vom Geist der Gesetze
Über
die Gesetze in ihrem Bezug zu der in den einzelnen Ländern eingeführten
Religion hinsichtlich ihres Wirkens und ihres Wesens (24.
Buch)
1. Kapitel
Über die Religion allgemein
Bei Finsternissen kann man beurteilen, welche am wenigsten dunkel sind, bei
Klüften, welche am wenigsten tief sind. Ebenso kann man unter den irrigen
Religionen die herausfinden, welche dem Wohl der Gemeinschaft am angemessensten
sind und welche — auch wenn sie nicht imstande sind, die Menschen zu den
Glückseligkeiten des jenseitigen Lebens zu geleiten — am meisten
zu deren Glück in diesem Leben beitragen können.
Darum werde ich die verschiedenen Religionen der Welt lediglich im Bezug zu
dem Wert untersuchen, der daraus im Gesellschaftszustand erwächst, gleichviel
ob ich von der spreche, die im Himmel ihre Wurzeln hat, oder von denen, deren
Wurzeln auf der Erde liegen.
Ich bin in diesem Werk nicht Theologe, sondern politischer Schriftsteller. Daher
könnten sich Dinge darin finden, die, da sie nicht im Bezug zu erhabeneren
Wahrheiten betrachtet werden, lediglich nach einer menschlichen Denkungsart
ganz wahr wären.
Bei einiger Billigkeit erkennt man, daß ich mir nie angemaßt habe,
das Anliegen der wahren Religion hinter politischen Anliegen zurücktreten
zu lassen; ich wollte beides vielmehr vereinen. Indes muß man sie kennen,
um sie zu vereinen.
Die christliche Religion befiehlt dem Menschen die Nächstenliebe an, und
so ist es zweifelsohne ihr Wille, dass jedes Volk die besten staatlichen und
die besten bürgerlichen Gesetze habe, denn diese stellen — nächst
ihr — das höchste Gut dar, das Menschen geben und erlangen können.
2. Kapitel
Ein Paradoxon des Bayle
Bayle will angeblich bewiesen haben, man
sei besser Atheist als Götzenanbeter. Mit anderen Worten heißt
das: es ist nicht so gefährlich, überhaupt keine
Religion zu haben als eine schlechte. »Lieber
soll man von mir sagen, daß ich nicht existiere, als daß es heißt,
ich sei ein böser Mensch«, sagt er. Das ist ein bloßer
Trugschluß, und zwar auf Grund der Tatsache, daß der Glaube, ein
bestimmter Mensch existiere, von keinem Nutzen für das Menschengeschlecht,
der Glaube hingegen, daß Gott existiere, allerdings nützlich ist.
Aus dem Gedanken der Nichtexistenz Gottes ergibt
sich der Begriff unserer Unabhängigkeit oder,
wenn dieser Gedanke uns nicht möglich ist, der Gedanke an Aufruhr. Die
Meinung, die Religion sei kein Motiv, das uns zurückzuhalten vermöchte,
nur weil sie uns nicht immer zurückhält, läuft auf die Meinung
hinaus, die bürgerlichen Gesetze bildeten erst recht kein Motiv, das uns
zurückzuhalten vermöchte.
Man argumentiert schlecht gegen die Religion, wenn man in einem großen
Werk eine lange Liste der von der Religion verursachten Übel zusammenstellt
— es sei denn, man stelle auf gleiche Weise die von ihr hervorgebrachten
Wohltaten zusammen. Wenn ich all die Übel herzählen wollte, die durch
die bürgerlichen Gesetze, die Monarchie, die republikanische Regierung
in die Welt gebracht wurden, hätte ich schauerliche Dinge zu berichten.
Selbst wenn der Glaube an die Religion für die Untertanen unnütz wäre,
wäre er für die Herrscher durchaus nicht unnütz: sie ist der
einzig mögliche Zügel für die Verächter der Menschengesetze,
und diese mögen sich vergeblich dagegen aufbäumen.
Ein Herrscher, der die Religion liebt und scheut, gleicht einem Löwen,
der der schmeichelnden Hand oder der besänftigenden Stimme folgt. Der Herrscher,
der die Religion scheut und haßt, gleicht einem wilden Tier, das in die
Kette beißt, die es hindert, die Vorübergehenden anzufallen. Der
Herrscher, der überhaupt keine Religion hat, gleicht jenem furchtbaren
Tier, das seine Freiheit nur genießt, wenn es zerreißt und verschlingt.
Es geht nicht um die Frage, ob es für einen bestimmten Menschen oder ein
bestimmtes Volk nicht besser wäre, ohne Religion auszukommen, als die eingeführte
zu mißbrauchen. Es geht vielmehr darum, was das kleinere Übel ist:
der Mißbrauch, der manchmal mit der Religion getrieben wird, oder ihr
völliges Verschwinden unter den Menschen.
Man hackt zu sehr auf der Götzendienerei herum, nur um die Schrecken des
Atheismus zu verkleinern. Es ist nicht wahr, daß bei den Alten der Bau
von Tempeln für einige Laster die Liebe zu diesen Lastern bedeutet hätte.
Im Gegenteil, es bedeutete, daß sie diese haßten. Als die Lakedämonier
der Furcht einen Altar errichteten, hatte das nicht zu bedeuten, daß diese
kriegsfreudige Nation sie anflehe, sie möge in der Schlacht die Herzen
der Lakedämonier ergrei¬fen. Gewisse Gottheiten wurden angefleht, das
Verbrechen nicht wachzurufen, gewisse andere wurden angefleht, es abzuwenden.
3. Kapitel
Daß die maßvolle Regierung besser
zur christlichen, die despotische Regierung besser zur mohammedanischen Religion
paßt
Die christliche Religion steht dem reinen Despotismus fern, denn die im Evangelium
so gepriesene Sanftmut widersetzt sich dem despotischen Grimm, mit dem der Herrscher
sich rächen und seine Grausamkeiten begehen würde.
Da unsere Religion die Vielweiberei verbietet, leben die Herrscher hier nicht
so abgeschlossen, nicht so getrennt von ihren Untertanen, und infolgedessen
menschlicher. Sie unterwerfen sich bereitwilliger ihren eigenen Gesetzen und
sind eher der Einsicht fähig, daß sie nicht alles können.
Während die mohammedanischen Herrscher ohne Unterlaß den Tod verhängen
oder erleiden, macht bei Christen die Religion die Herrscher weniger ängstlich
und infolgedessen weniger grausam. Der Herrscher verläßt sich auf
seine Untertanen, und die Untertanen verlassen sich auf ihren Herrscher. Wie
bewundernswert: die christliche Religion scheint nur unsere Glückseligkeit
im jenseitigen Leben im Auge zu haben und verhilft uns doch auch in diesem zu
unserem Glück.
Trotz der Größe des Reiches Äthiopien und der Ungunst seines
Klimas hat vor allem die christliche Religion verhindert, daß sich dort
der Despotismus breitmachte. Sie hat die Sitten und Gesetze Europas mitten nach
Afrika getragen.
Der Erbprinz von Äthiopien lebt im Besitz eines eigenen Fürstentums
und gibt den anderen Untertanen ein Beispiel der Liebe und des Gehorsams. Nicht
weit davon ist zu sehen, wie infolge des Mohammedanismus die Kinder des Königs
von Sennar eingesperrt werden. Beim Tod des Königs läßt sie
der Staatsrat erdrosseln, zugunsten des einen, der den Thron besteigt.
Man stelle sich auf der einen Seite die unausgesetzten Blutbäder der griechischen
und römischen Könige und Oberherren vor Augen, auf der anderen Seite
die Vernichtung der Völker und Städte durch dieselben Oberherren sowie
durch Timur und Dschingis-Khan, die Verwüster Asiens. Dann wird uns klar,
was wir dem Christentum verdanken: sowohl ein gewisses Staatsrecht für
die Regierung als auch ein gewisses Völkerrecht für die Kriegführung.
Dieses könnte die menschliche Natur allein nicht genügend erkennen.
Auf Grund dieses Völkerrechts werden bei uns nach dem Sieg den besiegten
Völkern folgende großen Werte belassen:
Leben, Freiheit, Gesetze, Eigentum und immerdar die Religion, wenn man nicht
selbst in Verblendung handelt.
Man kann geltend machen, daß die Völker Europas heute auch nicht
mehr uneins sind als die Völker und Armeen be¬ziehungsweise die Armeen
unter sich in dem despotisch und militärisch gewordenen römischen
Imperium. Auf der einen Seite führten die Armeen Kriege miteinander, auf
der anderen Seite billigte man ihnen die Plünderung der Städte sowie
Besitzbeteiligung oder Beschlagnahmung von Grund und Boden zu.
4. Kapitel
Aus dem Charakter der christlichen
und der mohammedanischen Religion entspringende Folgen
Beurteilt man die christliche und die mohammedanische Religion nach ihrem Charakter,
so muß man ohne weitere Prüfung die erstere annehmen und die letztere
verwerfen: denn uns leuchtet eher ein, daß eine Religion die Sitten der
Menschen sanft machen muß, als daß sie wahr sein muß.
Für die menschliche Natur ist es ein Unglück, wenn die Religion ihr
durch einen Eroberer vorgeschrieben worden ist. Die mohammedanische Religion
spricht nur vom Schwert und prägt noch immer den Menschen jene Zerstörungswut
ein, auf der sie beruht.
Die Geschichte von Schabaka, einem der Hirtenkönige, ist köstlich.
Ihm erschien der Gott von Theben im Traum und befahl ihm, alle ägyptischen
Priester töten zu lassen. Er faßte das so auf, als ob die Götter
nicht mehr gerne sähen, daß er regiere, da sie ihm Dinge auftrugen,
die zu ihrem sonstigen Wollen im Gegensatz standen. Und er zog sich nach Äthiopien
zurück.
5. Kapitel
Daß die katholische
Religion besser zu einer Monarchie, die protestantische besser zu einer Republik
paßt
Wenn in einem Staat eine Religion entsteht und sich ausbildet, folgt sie gewöhnlich
der Landkarte der Regierung, innerhalb deren sie sich organisiert. Denn die
Menschen, die sie annehmen und ausbreiten helfen, haben schwerlich andere politische
Begriffe als die ihres Vaterlands.
Als vor zwei Jahrhunderten die christliche Religion jene unglückselige
Spaltung erlitt, teilte sie sich in eine katholische und eine protestantische.
Die Völker des Nordens schlossen sich der protestantischen an, die Völker
des Südens blieben der katholischen treu.
Deshalb nämlich, weil die Völker des Nordens immerdar einen Sinn für
Unabhängigkeit und Freiheit haben und haben werden, der den Völkern
des Südens abgeht. Zudem stimmt eine Religion, die über kein sichtbares
Oberhaupt verfügt, besser mit der klimabedingten Unabhängigkeit zusammen
als eine Religion mit einem Oberhaupt.
Selbst in den protestantisch gewordenen Ländern vollzog sich die Umwälzung
jeweils dem Aufbau des Staats entsprechend. Luther hatte
mächtige Landesfürsten für sich. Er hätte ihnen kaum eine
kirchliche Autorität ohne äußerlich sichtbare Vorrangstellung
schmackhaft machen können. Calvin hatte Völker
für sich, die in Republiken lebten, oder aber ein Bürgertum, das in
den Monarchien im Schatten stand. Deswegen konnte er nicht gut Vorrang- und
Würde¬stellungen einführen.
Jedes dieser beiden Bekenntnisse konnte sich für das vollkommenste halten.
Das calvinistische entsprach nach eigenem Urteil mehr dem Wort Jesu Christi,
das lutherische mehr dem Wirken der Apostel.
6. Kapitel
Ein anderes Paradoxon Bayles
Erst beleidigt Bayle alle Religionen, dann beschimpft er die christliche. Er
geht so weit zu behaupten, echte Christen könnten keinen Staat von Dauer
gründen.
Warum nicht? Sie wären als Bürger über ihre Pflichten ausgezeichnet
im Bilde und würden sie mit sehr großem Eifer erfüllen. Sie
würden das Recht zur natürlichen Verteidigung sehr wohl spüren.
Je mehr sie an ihre Pflicht gegen die Religion glaubten, desto mehr dächten
sie an ihre Pflicht gegen das Vaterland. Wären die Prinzipien des Christentums
fest in ihr Herz gegraben, so waren sie unendlich stärker als jene falsche
Ehre der Monarchien, jene Menschentugenden der Republiken und jene servile Furcht
der despotischen Staaten.
Verwunderlich, daß man diesem großen Mann vorwerfen muß, er
habe den Geist seiner eigenen Religion mißverstanden, er habe die Anweisungen
zur Einführung des Christentums nicht vom Christentum selbst zu unterscheiden
verstanden, und ebensowenig die Vorschriften des Evangeliums von seinen Empfehlungen.
Wo der Gesetzgeber an Stelle von Gesetzen bloß Empfehlungen gegeben hat,
war er sich bewußt, daß seine Empfehlungen, wenn er sie als Gesetz
erlassen hätte, im Gegensatz zum Geist seiner Gesetze gestanden hätten.
7. Kapitel
Über die Gesetze der
Glaubensvollkommenheit
Die menschlichen Gesetze sollen zum menschlichen Geist sprechen und müssen
Vorschriften, aber keine Empfehlungen geben. Die Religion
soll zum Herzen sprechen und viele Empfehlungen, aber wenig Vorschriften geben.
Wenn sie beispielsweise Normen festlegt, und zwar nicht das Treffliche, sondern
für das Beste, nicht für das Gute, sondern für das Vollkommene,
so geschieht dies angemessen in Form von Empfehlungen, nicht in Form von Gesetzen.
Denn Vollkommenheit kann sich nicht auf die Gesamtheit der Menschheit und Dinge
beziehen. Geschieht es überdies in Form von Gesetzen, so werden in einem
fort neue nötig, um die ersteren durchzusetzen. Das Zölibat war eine
Empfehlung des Christentums. Als man es für eine bestimmte Menschenklasse
zum Gesetz erhob, wurden täglich neue nötig, um die Menschen zur Einhaltung
dieses Geset¬zes zu bewegen. Der Gesetzgeber plagte sich und plagte die
Gesellschaft, um es auf dem Verordnungswege durchzufüh¬ren. Als eine
Empfehlung hätten die nach Vollkommenheit Strebenden es eingehalten.
8. Kapitel
Über die Eintracht der
moralischen und religiösen Gesetze
Herrscht in einem Land unglücklicherweise eine Religion, die nicht Gott
gegeben hat, so muß sie unbedingt mit der Moral im Einklang stehen. Denn
selbst wenn die Religion falsch ist, ist sie der bestmögliche Garant der
Menschen für die Rechtschaffenheit ihrer Mitmenschen.
Die Hauptpunkte der Religion der Leute von Pegu lauten: nicht töten, nicht
stehlen, Schamlosigkeit vermeiden, seinem Nächsten keinen Verdruß
bereiten, ihm vielmehr alles Gute, was in unserer Hand steht, erweisen. Sie
glauben, dadurch werde man in jedweder Religion erlöst werden. Und darum
sind diese zwar stolzen und armen Völker voller Sanftmut und Mitgefühl
mit den Unglücklichen.
9. Kapitel
Über die Essener
Die Essener taten das Gelübde, Gerechtigkeit gegen die Menschen zu üben,
niemand ein Leides zu tun, nicht einmal aus Gehorsam, ferner die Ungerechten
zu hassen, allen Leuten das Wort zu halten, mit Demut zu befehlen, stets auf
die Seite der Wahrheit zu treten, jeden sträflichen Handelsgewinn zu meiden.
10. Kapitel
Über die Sekte der Stoiker
Man kann die verschiedenen Philosophensekten der Alten als Religionsformen ansehen.
Ihrer keine war in ihren Prin¬zipien je menschenwürdiger und geeigneter
zur Heranbildung guter Männer als die stoische. Könnte ich einen Augenblick
vergessen, daß ich Christ bin, so könnte ich nicht umhin, die Vernichtung
der Sekte des Zenon zu den Mißgeschicken des Menschengeschlechts zu rechnen.
Sie übersteigerte nur Dinge, in denen Größe ist: die Verachtung
der Vergnügungen und des Schmerzes.
Nur sie allein vermochte Staatsbürger zu schaffen. Nur sie allein schuf
große Männer. Nur sie schuf die großen Kaiser.
Wir wollen einmal von den geoffenbarten Wahrheiten abstrahieren: wenn wir die
ganze Natur absuchen, finden wir nichts Erhabeneres als die Antonine; Julian
sogar, Julian (eine mir so entrissene Beistimmung macht
mich nicht zum Komplicen seiner Abtrünnigkeit) — nein — nach ihm war kein Herrscher mehr zum Regieren der Menschen so berufen wie er.
Die Stoiker sahen in Reichtum, menschlichen Großtaten, Schmerz, Sorge,
Vergnügungen nur gleichgültige Dinge und widmeten sich statt dessen
der Arbeit am Glück der Menschen und der Ausübung der Pflichten der
Gemeinschaft:
Offenbar betrachteten sie jenen geheiligten Geist, den
sie in sich selbst wirksam glaubten, als eine Art heilsamer Vorsehung, die über
dem Menschengeschlecht waltete.
Sie waren für die Gemeinschaft geboren, und es war ihrer aller Glaube,
das Wirken für diese sei ihre Bestimmung. Da sie ihren Lohn in sich selbst fanden, fielen sie ihr um so weniger zur Last. Ihre
Philosophie allein machte sie glücklich. Offenbar vermochte bloß
das Glück anderer Menschen ihr eigenes zu erhöhen.
14. Kapitel
Wie die Stärke der Religion
Anwendung auf die der bürgerlichen Gesetze findet
Religion und bürgerliches Gesetz müssen vordringlich bestrebt sein,
aus den Menschen gute Staatsbürger zu machen. Falls eins von beiden sich
von diesem Ziel entfernt, muß natürlich das andere um so mehr dahin
streben. Je weniger die Religion strafend eingreift, desto mehr muß das
bürgerliche Gesetz strafen.
In Japan kennt die herrschende Religion fast keine Dogmen und verheißt
weder Himmel noch Hölle. Um dem abzuhelfen, wurden dort die Gesetze mit
dementsprechender Strenge abgefaßt und ungewöhnlich unnachsichtig
vollzogen.
Sobald die Religion das Dogma der Unfreiheit des menschlichen Handelns aufstellt,
müssen die gesetzlichen Strafen viel härter sein. Die Polizei muß
viel wachsamer sein, denn die Menschen müssen sich durch diese Motive bestimmen
lassen und würden sonst haltlos werden. Wenn die Religion aber das Dogma
unserer Freiheit aufstellt, sieht die Sache ganz anders aus.
Das mohammedanische Dogma der Vorherbestimmung entspringt
der Schlaffheit der Seele, und aus der Schlaffheit der Seele entspringt das
Dogma dieser Vorherbestimmung. Man sagte: das steht in Gottes Hand, also
muß man sich ruhig darein ergeben. In einem solchen Fall muß man
die Menschen, die durch die Religion in Schlaf gewiegt werden, durch Gesetze
antreiben.
Sobald die Religion Dinge verurteilt, welche vom bürgerlichen Gesetz geduldet
werden müssen, besteht die Gefahr, daß das bürgerliche Gesetz
seinerseits erlaubt, was die Religion verurteilen muß. Einer von diesen
beiden Fällen kennzeichnet stets den fehlenden Einklang und die fehlende
rechte Ordnung der Ideen, und eins greift auf das andere über.
So war es bei den Tataren Dschingis-Khans eine
Sünde, ja ein todeswürdiges Verbrechen, das Messer ins Feuer zu legen,
sich gegen eine Peitsche zu lehnen, ein Pferd mit seinem Zügel zu schlagen,
einen Knochen mit Hilfe eines andern zu zerbrechen. Hingegen hielten sie es
nicht für Sünde, wenn man sein Wort brach, das Gut eines anderen raubte,
einen Menschen beleidigte, ihn tötete. Kurzum: Gesetze, die Gleichgültiges
als etwas Notwendiges hinstellen, haben den Nachteil, daß sie das Notwendige
in das Licht des Gleichgültigen rücken.
Die Gesetze von Formosa glauben an eine Art von Hölle, aber nur als Strafe
für alle, die pflichtvergessen zu gewissen Jahreszeiten nicht nackt gingen,
Leinenkleider statt Seidenkleider anlegten, Austern suchen gingen und etwas
taten, ohne die Vogelstimmen zu befragen. Deswegen sahen sie Trunksucht und
unstatthafte Liebesbeziehungen nicht als Sünde an. Sie glaubten sogar,
die Ausschweifungen ihrer Kinder seien ihren Göttern wohlgefällig.
Sobald die Religion ihren Segen für eine Nebensache erteilt, gibt sie unnützerweise
das stärkste Wirkungsmittel preis, das es unter Menschen gibt. Bei den
Indern glaubt man, die Wasser des Ganges hätten eine heiligende Wirkung.
Wer an seinen Ufern stirbt, gilt als ledig aller Pein des anderen Lebens und
soll eine Region der Freude und Wonne bewohnen. Von den abgelegensten Orten
werden Urnen mit der Asche der Toten geschickt, nur damit sie in den Ganges
gestreut werden. Was macht es aus, ob man tugendhaft lebt oder nicht —
man läßt seine Asche in den Ganges streuen.
Die Vorstellung von einem Ort der Belohnung bringt notwendigerweise
die Vorstellung von einem Strafaufenthalt mit sich. Wenn man auf das
eine hofft, das andere aber nicht fürchtet, haben die bürgerlichen
Gesetze keinen Nachdruck mehr. Menschen, die ihres Lohnes im anderen Leben sicher
zu sein glauben, entziehen sich dem Griff des Gesetzgebers. Sie zeigen zuviel Verachtung für den Tod. Mit welchem Mittel soll man einen
Menschen durch Gesetze binden, der unbeirrbar glaubt, daß auch die größte
Strafe, die Beamte über ihn verhängen können, ihr Ende nimmt
und daß der Augenblick dieses Endes der Anfang seines Glücks ist?
15. Kapitel
Wie bürgerliche Gesetze
manchmal falsche Religionen besser machen
Ehrfurcht vor Althergebrachtem, Einfältigkeit oder Aberglaube haben manchmal
zur Einführung von Mysterien oder Zeremonien geführt, über die
sich das Schamgefühl entrüstet. Beispiele dafür sind in der Welt
nicht selten. Wie Aristoteles berichtet, erlaubte
das Gesetz in diesem Fall den Familienvätern, die Feier dieser Mysterien
an Stelle ihrer Frauen und Kinder im Tempel zu begehen. Ein vorzügliches
bürgerliches Gesetz, das die Sitten trotz der Religion beschirmt.
Augustus verbot den jungen Leuten beiderlei Geschlechts die Teilnahme an jeder
nächtlichen Zeremonie, wenn sie nicht von einem älteren Verwandten
begleitet wurden. Als er das Luperkalienfest wieder einführte, wollte er
nicht haben, daß die jungen Leute nackt liefen.
16. Kapitel
Wie die Gesetze der Religion
die Nachteile des Staatsaufbaus beheben
Auf der anderen Seite kann die Religion den politischen Zustand aufrechterhalten,
falls die Gesetze ohnmächtig sind.
So wenn der Staat oft durch Bürgerkriege erschüttert wird. Die Religion
kann dann viel ausrichten, wenn sie festlegt, daß irgendein Teil dieses
Staates stets im Frieden verbleibt. Bei den Griechen genossen die Eläer
als Priester Apollons ewigen Frieden. In Japan läßt man stets die
Stadt Kyoto, eine heilige Stadt, in Frieden. Die Religion steht hinter dieser
Regelung. Und dieses Reich, das allein auf der Erde zu sein scheint und weder
Beistand von seiten Fremder hat noch wünscht, hat in seinem Herzen einen
Handel, der nicht vom Krieg ruiniert wird.
In Staaten, in denen Kriege nicht nach gemeinsamer Beratung zustande kommen
und die Gesetze sich keine Handhabe zur Beendigung oder Vermeidung des Kriegs
vorbehalten haben, stiftet die Religion Ruhezeiten und Waffenstillstände,
damit das Volk Dinge besorgen kann, ohne die der Staat nicht zu bestehen vermöchte,
wie etwa die Aussaat und ähnliche Arbeiten.
Unter den arabischen Stämmen hörten jedes Jahr vier Monate lang alle
Feindseligkeiten auf: der geringste Streit wäre Gottesfrevel gewesen. Als
in Frankreich jeder Feudalherr Fehde ansagte, wie er wollte, gebot die Religion
Gottesfrieden, der zu gewissen Zeiten des Jahres eingehalten werden mußte.
17. Kapitel
Weiteres zum gleichen Thema
Gibt es in einem Staat vielerlei Zankäpfel, so muß die Religion viele
Möglichkeiten zur Wiederversöhnung bieten. Bei einem Räubervolk
wie den Arabern kamen oft gegenseitige Beleidigungen und Rechtsverletzungen
vor. Mohammed schuf folgendes Gesetz: »Wenn
jemand für das Blut seines Bruders auf Rache verzichtet, kann er den Übeltäter
auf Schadenersatz und Zins verklagen. Wer dem Bösewicht aber etwas antut,
nachdem er Genugtuung von ihm erlangt hat, der wird am Tag des Gerichts gräßliche
Qualen erleiden.«
Bei den Germanen erbte man Zwiste und Feindschaften von seinen Verwandten, doch
währten sie nicht ewig. Man sühnte den Mord durch Erstattung einer
bestimmten Anzahl Vieh. Die ganze Familie erhielt die Entschädigung. »Eine
sehr nützliche Sache«, sagt Tacitus, »denn
innerhalb eines freien Volkes sind Feindschaften viel gefährlicher.« Meines Erachtens hatten die Diener der Religion, die bei ihnen in so hohem Ansehen
standen, bei diesen Aussöhnungen ihre Hand im Spiel.
Bei den Malaien ist die Aussöhnung nicht vorgesehen. Wer jemand ermordet
bat, kann sicher sein, daß er von den Anverwandten und Freunden des Ermordeten
meuchlings umgebracht wird. Daher überläßt er sich seiner Raserei,
verwundet und tötet jeden, der ihm in die Quere kommt.
18. Kapitel
Inwiefern die Gesetze der
Religion die Wirkung bürgerlicher Gesetze haben
Die frühen Griechen waren kleine, oft verstreute Völkerschaften. Auf
dem Meer waren sie Piraten, zu Lande Wegelagerer ohne öffentliche
Ordnung und Gesetze. Die Heldensagen von Herakles und Theseus lassen den Zustand
des erst in Bildung begriffenen Volkes erkennen. Was konnte die Religion, um
Abscheu vor Mord einzuflößen, anders tun, als was sie tat? Sie behauptete,
ein gewaltsam Getöteter sei zunächst voller Wut gegen den Mörder;
er bereite dem Mörder Aufregung und Schrecken und dränge ihn, die
früher besuchten Orte zu meiden. Man durfte den Verbrecher weder berühren
noch mit ihm reden, ohne sich zu beflecken und zeugnisunfähig zu werden.
Der Anblick des Mörders mußte der Stadt erspart werden; erst mußte
er entsühnt werden.
19. Kapitel
Daß ein Dogma nicht
so sehr durch seine Wahrheit oder Unwahrheit für die zivilisierte Menschheit
nützlich oder schädlich wird, vielmehr durch den damit getriebenen
Brauch oder Mißbrauch.
Auch die wahrsten und heiligsten Dogmen können sehr schlechte Auswirkungen
haben, sobald sie nicht mit den Prinzipien der Gesellschaft verknüpft werden.
Umgekehrt vermögen die irrigsten Dogmen die erstaunlichsten Auswirkungen
zu haben, wenn sie zu ebendiesen Prinzipien in den rechten Bezug gebracht werden.
Die Religion des Konfuzius verneint
die Unsterblichkeit der Seele, und auch die Sekte des Zenon glaubt nicht
daran. Diese beiden Sekten haben — wer hätte es für möglich
gehalten — mit ihren schlechten Prinzipien Wirkungen hervorgebracht, die,
obwohl nicht richtig, für die Gesellschaft vorzüglich waren.
Die Religionen des Tao und des Buddha
glauben an die Unsterblichkeit der Seele, haben aber mit diesem so heiligen
Dogma greuliche Wirkungen gezeitigt.
Fast überall in der Welt und zu allen Zeiten hat die falsch verstandene
Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele Frauen, Sklaven, Untertanen
und Freunde verpflichtet, sich zu töten, um dem Gegenstand ihrer Ergebenheit
oder Liebe in der anderen Welt weiterhin zu dienen. So war es in Mittelamerika,
so bei den Dänen, und so ist es noch heute in Japan, Makassar und mehreren
anderen Gegenden der Erde.
Diese Bräuche gehen nicht so sehr vom Dogma der Unsterblichkeit
der Seele unmittelbar aus als vielmehr von dem Dogma der Auferstehung des Fleisches. Aus diesem hat man gefolgert, dasselbe Individuum habe nach seinem Tode
die gleichen Bedürfnisse, die gleichen Gefühle und die gleichen Leidenschaften.
In dieser Sicht ergreift das Dogma der Unsterblichkeit der Seele die Menschen
gewaltig, denn die Vorstellung eines bloßen Wechsels
der Behausung entspricht dem Fassungsvermögen unseres Geistes eher und
schmeichelt unserem Herzen mehr als die Vorstellung eines Gestaltwandels.
Mit der Aufstellung eines Dogmas ist es für eine Religion nicht getan,
sie muß auch Seelsorge treiben. Eben dies hat die christliche Religion
hinsichtlich des besagten Dogmas bewunderungswürdig zuwege gebracht. Sie
heißt uns auf einen Zustand hoffen, an den wir glauben, nicht auf einen
Zustand, der unserem Wissen und Fühlen vertraut ist. Alles, bis hin zur
Auferstehung des Fleisches, geleitet zu spiritualisierten Vorstellungen.
20. Kapitel
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In den heiligen Büchern der alten Perser stand: »Wenn
ihr selig werden wollt, so unterweist eure Kinder, denn alle ihre späteren
guten Taten werden euch zugerechnet.« Sie gaben den Rat, man solle
sich zeitig verheiraten, denn am Tage des Gerichts seien die Kinder gleichsam
eine Brücke; wer keine Kinder habe, könne nicht hinüber. Diese
Dogmen waren zwar irrig, aber nutzbringend.
21. Kapitel
Über die Seelenwanderung
Das Dogma von der Unsterblichkeit der Seele gabelt sich dreifach:
das der reinen Unsterblichkeit,
das des bloßen Wechsels der Behausung und
das der Seelenwanderung.
Mit anderen Worten: in das System der Christen, das System der Skythen und das
System der Inder. Über die beiden ersteren habe ich bereits gesprochen.
Zum dritten ist zu sagen, daß es in Indien je nachdem gute und schlechte
Wirkungen zeitigt, ob es in guter oder schlechter Richtung gelenkt wurde. Da
es den Menschen einen gewissen Abscheu vor Blutvergießen einflößt,
kommen in Indien sehr wenig Mordfälle vor. Alle Leute sind dort friedfertig,
obwohl Todesstrafen kaum verhängt werden.
Auf der anderen Seite stürzen sich dort die Frauen beim Tod ihrer Männer
in die Flammen: nur die Unschuldigen erleiden dort einen gewaltsamen Tod.
24. Kapitel
Über ortsgebundene Gesetze
der Religion
In den verschiedenartigen Religionen gibt es viele ortsgebundene Gesetze. Montezuma beharrte darauf, daß die Religion der Spanier gut für deren Land
wäre, die Religion von Mexiko gut für das seine. Damit sagte er beileibe
keinen Unsinn, denn in der Tat konnten die Gesetzgeber nicht umhin, Rücksicht auf die vor ihnen vorhandenen Naturbedingungen zu nehmen.
Die Überzeugung von der Seelenwanderung ist wie geschaffen für das
indische Klima. Äußerste Hitze dörrt alle Felder aus. Nur wenig
Vieh findet dort Nahrung. Stets ist Gefahr, daß man nicht genug Vieh zur
Feldarbeit hat. Die Rinder vermehren sich nur gerade ausreichend und sind vielen
Krankheiten ausgesetzt. Ein religiöses Gesetz zu ihrem Schutz ist also
sehr förderlich für Ruhe und Ordnung des Landes.
Während die Wiesen ausdorren, sprießen Reis und Gemüse üppig,
und zwar infolge der dort möglichen Bewässerung: ein religiöses
Gesetz, das lediglich diese Nahrung erlaubt, ist also den Menschen in diesem
Klima sehr zuträglich.
Das Fleisch des dortigen Rindviehs schmeckt nicht gut, doch liefern die Rinder
ihnen Milch und Butter, die einen Teil ihrer Ernährung bilden. Das Gesetz,
welches das Essen und Töten der Kühe untersagt, ist für Indien
mithin so unverständig nicht.
Athen barg in seinem Schoß eine unzählbare Volksmasse. Sein Landgebiet
war unfruchtbar. So wurde es zum religiösen Grundsatz: wer den Göttern
gewisse kleine Geschenke darbrächte, ehre sie mehr als wer Rinder opfere.
25. Kapitel
Nachteil der Verpflanzung der Religion eines Landes in ein anderes Land
Aus obigem ergibt sich, daß die Verpflanzung der Religion eines Landes
in ein anderes gar oft viele Nachteile mit sich bringt.
»Das Schwein«, sagt Boulainvilliers,
»muß in Arabien, wo es fast keinerlei Wald
und nichts zur Ernährung dieser Tiere Taugliches gibt, sehr selten vorkommen.
Überdies macht der Salzgehalt des Wassers und der Speisen die Bevölkerung
sehr anfällig für Hautkrankheiten.« Das ortsgebundene
Gesetz, das seinen Genuß verbietet, wäre in anderen Ländern
nicht angebracht, wo das Schwein eine nahezu ausnahmslos verbreitete und irgendwie
notwendige Nahrung darstellt.
Dazu eine Bemerkung. Sanctorius hat beobachtet,
daß der Genuß von Schweinefleisch wenig Hautausdünstung verursacht,
ja daß diese Nahrung sogar die Ausdünstung der anderen Speisen sehr
hindert. Die Verringerung betrug nach seiner Feststellung bis zu einem Drittel.
Man weiß zudem, daß Mangel an Ausdünstung Hautkrankheiten veranlaßt
oder verschlimmert. Der Genuß von Schweinefleisch muß sonach in
dem Klima, wo man diesen Krankheiten ausgesetzt ist, verboten sein, so im Klima
Palästinas, Arabiens, Ägyptens und Libyens.
26. Kapitel
Weiteres zum gleichen Thema
Nach Chardin gibt es in Persien außer dem Fluß Kura (Georgien) keine
schiffbaren Flüsse, und dieser fließt am äußersten Rand
des Reiches.
Das alte Gesetz der Zarathustrier, das die Flußschiffahrt
verbot, stieß daher in ihrem Land auf kein Hindernis. In ei¬nem anderen
Land hätte es allerdings den Handel ruiniert.
Im heißen Klima sind regelmäßige Waschungen sehr gebräuchlich.
Darum werden sie vom mohammedanischen Gesetz und der indischen Religion anbefohlen.
In Indien gilt das Gebet zu Gott in fließendem Wasser als besonders verdienstlich.
Wie aber sollte man dergleichen in anderem Klima durchführen?
Sobald eine auf dem Klima beruhende Religion das Klima eines anderen Landes
unberücksichtigt ließ, konnte sie sich dort nicht durchsetzen. Und
wenn man sie eingeführt hat, wurde sie wieder daraus vertrieben. Vom Menschen
aus gesehen, scheint das Klima die Grenzen der christlichen und der mohammedanischen
Religion gezogen zu haben.
Daraus ergibt sich: fast immer ist es angebracht, daß eine Religion beschränkt
gültige Dogmen, aber einen allgemein geltenden Kult besitzt. Für die
Gesetze über die Kultausübung sind nur wenige Einzelbestimmungen nötig.
Zum Beispiel können Bußübungen vorgesehen sein, doch keine bestimmte
Buße. Das Christentum ist voller gesunder An¬sichten. Das Fasten an
sich ist göttliches Recht, ein besonderes Fastgebot jedoch obliegt innerstaatlichem
Recht und kann abgeändert werden.
Über
die Gesetze in ihrem Bezug zu den Religionseinrichtungen jedes Landes und ihre
äußere Regelung (25. Buch)
1. Kapitel
Über das religiöse
Gefühl
Der Fromme und der Atheist sprechen ständig von der Religion. Der
eine spricht von dem, was er liebt, der andere
von dem, was er verabscheut.
2. Kapitel
Über das Verbundenheitsgefühl mit den verschiedenen Religionen
Die verschiedenartigen Religionen der Welt fesseln ihre Bekenner nicht auf Grund
gleicher Motive an sich. Dies ist in vielem von der Art abhängig, in der
sie der Denk- und Fühlweise der Menschen entgegenkommen.
Wir fühlen uns zur Bilderverehrung überaus stark hingezogen und hängen
trotzdem nicht sehr an den Religionen mit Bilderdienst. Wir werden kaum sehr
zu den geistigen Vorstellungen hingezogen und hängen trotzdem sehr an Religionen,
die uns zur Verehrung eines geistigen Wesens anhalten. Dies beglückende
Gefühl entstammt zum Teil der Genugtuung über uns selbst, daß wir so intelligent gewesen sind, eine Religion zu wählen,
welche die Gottheit über die Niedrigkeit erhob, in welche die andern
sie hinabgestoßen hatten. Wir betrachten die Bilderverehrung als Religion
roher Völker, die Religion jedoch, deren Gegenstand ein geistiges Wesen
ist, als die Religion der aufgeklärten Völker.
Eine besonders feste Bindung an die Religion kommt zustande, wenn wir die Vorstellung
von einem höchsten geistigen Wesen, wie sie das Dogma bildet, auch noch
mit sinnenfälligen Vorstellungen verknüpfen können, wie sie in
den Kult Eingang finden. Die eben besprochenen Motive sind dann nämlich
mir unserem natürlichen Hang zu sinnenfälligen Dingen verknüpft
worden. Die Katholiken besitzen mehr derartige kultische Elemente, und daher
ist die Bindung der Katholiken an ihre Religion viel unüberwindlicher als
die der Protestanten; auch zeigen die Katholiken mehr Glaubenseifer bei ihrer
Verbreitung.
Als das Volk von Ephesus die Entscheidung des Konzils
der Kirchenväter erfahren hatte, daß man die
Jungfrau als Mutter Gottes anrufen dürfe,
geriet es in einen Überschwang der Freude, küßte den Bischöfen
die Hände, umarmte ihre Knie und alles hallte vor Beifall wider.
Wenn eine geistbestimmte Religion uns auch noch die Vorstellung von einer göttlichen
Gnadenwahl vermittelt so wie eines Vorrangs ihrer Bekenner vor den Andersgläubigen,
so bindet uns das enger an diese Religion. Die Mohammedaner wären nicht
so gute Muselmanen, wenn zu ihrer Rechten nicht idolgläubige Völker
lebten und sie auf den Gedanken brächten, sie seien die Rächer des
alleinigen Gottes, und wenn zu ihrer Linken nicht Christen lebten und sie in
ihrem Glauben bestärkten, sie selber seien die Erwählten
Gottes.
Eine Religion, die viel Gottesdienst auferlegt, bindet uns fester an sich als
eine mit wenig Dienst: man hängt sehr an Dingen, die einen ständig
beschäftigen. Das bezeugt die trotzige Verstocktheit der Mohammedaner und
der Juden sowie der leichte Religionswechsel bei barbarischen und wilden Völkern.
Sie befassen sich einzig und allein mir Jagd und Krieg und belasten sich nicht
sehr mit Gottesdiensten.
Die Menschen neigen zu übertriebenem Hoffen und Fürchten,
und eine Religion ohne Hölle und Paradies vermöchte ihnen schwerlich
zu behagen. Die Leichtigkeit, mit der fremde Religionen in Japan Fuß fassen konnten, sowie der Eifer und die Liebe, mir der sie aufgenommen wurden,
beweisen das.
Eine Religion muß, um Menschen an sich binden zu können, eine
reine Moral besitzen. Einzeln genommen sind die Menschen zwar Spitzbuben,
als Menge aber recht ehrbare Leute. Sie lieben die Moral. Wenn ich nicht ein
so ernstes Thema behandelte, würde ich das Theater ins Feld führen,
wo sich dies vorzüglich zeigt: bei moralisch gebilligten Gefühlen
ist man des Beifalls des Volkes sicher, bei moralisch anstößigen
Gefühlen ist man seiner Ablehnung sicher.
Wenn der äußere Kult große Prachtenfaltung bietet, berückt
uns das und verstärkt unsere Bindung an die Religion. Die Reichtümer
der Gotteshäuser und der Geistlichkeit machen tiefen Eindruck auf uns.
Somit ist sogar die Armut der Völker ein Motiv der Hinwendung zu dieser
Religion, die den Urhebern ihrer Armut den Vorwand lieferte.
6. Kapitel
Über Klöster
Man braucht nicht viel gesunden Menschenverstand, um einzusehen, daß diese
Körperschaften, die ohne absehbares Ende weiterbestehen, ihren Grundbesitz
keinem auf dessen Lebenszeit verkaufen dürfen und auch Geld nicht auf Lebensdauer
leihen dürfen, wenn anders man sie nicht zu Erben aller Leute machen will,
die keine Verwandten haben oder haben wollen. Diese Herrschaften machen mit
dem Volk ein Spiel, aber dabei halten sie die Bank.
9. Kapitel
Über Toleranz in Sachen der Religion
Wir sind hier Politiker und nicht Theologen. Aber selbst für die Theologen
besteht ein großer Unterschied zwischen der Duldung
und der Billigung einer Religion.
Sobald sich die Gesetze eines Landes mit der Zulassung mehrerer Religionen abgefunden
haben, müssen sie diese auch untereinander zur Toleranz verpflichten. Im
Prinzip wird jede Religion, die unterdrückt wird, auch ihrerseits unterdrücken.
Denn sobald sie durch irgendeinen Glücksfall der Verfolgung entgehen kann,
geht sie gegen die Religion vor, von der sie unterdrückt wurde, und zwar
nicht gegen sie als eine Religion, sondern als eine Tyrannei.
Daher ist es zweckmäßig, daß die Gesetze von diesen unterschiedlichen
Religionen nicht nur fordern, daß sie den Staat nicht beunruhigen, sondern
auch, daß sie untereinander Ruhe halten. Wenn ein Bürger sich darauf
beschränkt, den Staat als Ganzes nicht aufzuwiegeln, tut er damit den Gesetzen
noch nicht Genüge. Dazu gehört außerdem, daß er auch nicht
irgendeinen Bürger, wer es auch sei, behellige.
10. Kapitel
Weiteres zum gleichen Thema
Einen großen Bekehrungseifer in anderen Ländern entfalten fast nur
die intoleranten Religionen, denn eine Religion, die andere tolerieren kann,
sorgt kaum für ihre Ausbreitung. Wenn der Staat mit der bereits eingeführten
Religion gut auskommt, ist es daher ein treffliches bürgerliches Gesetz,
die Einführung einer neuen Religion nicht zuzulassen.
Das Grundprinzip der staatlichen Gesetze in Sachen der Religion ist somit das
folgende: Hat man es in der Hand, ob man einer neuen Religion im Staate Raum
geben will oder nicht, so sollte man sie nicht einlassen. Hat sie schon Einlaß gefunden, so sollte man sie dulden.
11. Kapitel
Über den Religionswechsel
Ein Herrscher, der die vorherrschende Religion seines Staates zu vernichten
oder zu wechseln unternimmt, exponiert sich gar sehr. Ist seine Regierung despotisch,
so läuft er eher Gefahr, daß er eine Revolution erlebt, als bei jeder
anderen Art von Tyrannei, die für dergleichen Staaten ja nichts Neues bedeutet.
Die Revolution bricht dadurch aus, daß ein Staat Religion, Sitten und
Lebensstil nicht augenblicklich und nicht so rasch ändert, wie der Herrscher
seine Anordnung über die Einführung einer neuen Religion bekanntgibt.
Außerdem ist die alte Religion mit dem Staatsaufbau verknüpft, und
die neue nicht. Jene stimmte mit dem Klima überein, die neue setzt sich
oft darüber hinweg. Ferner werden die Bürger ihre Gesetze leid und
denken verächtlich von der bereits bestehenden Regierung. Argwohn gegen
beide Religionen tritt an die Stelle des festen Glaubens an eine einzige. Kurzum:
man beschert damit dem Staat, zumindest zeitweilig, sowohl schlechte Staatsbürger
als auch schlechte Glaubensdiener.
12. Kapitel
Über Strafgesetze
In Sachen der Religion müssen Strafgesetze vermieden werden. Sicherlich
erregen sie Furcht, doch auch die Religion hat ihre Strafgesetze, die Furcht
einflößen. Und somit verdrängt die eine Furcht die andere. Hin
und her gerissen zwischen diesen beiden unterschiedlichen Arten von Furcht,
bemächtigt sich brutale Gewalttätigkeit der Seelen. Wenn unserem Geist
die großen Drohungen und die großen Verheißungen, über
welche die Religion verfügt, gegenwärtig sind, können die Behörden
versuchen, was sie wollen: sie werden uns nicht zwingen können, sie aufzugeben.
Wenn man sie uns raubt, kommt es uns vor, als ob man uns nichts mehr übrigließe.
Und wenn man sie uns läßt, kommt es uns vor, als ob wir alles behalten
hätten.
Abwendung von der Religion erreicht man gewiß nicht, wenn man die Seele
mit diesem großen Gegenstand ganz erfüllt und sie dem Moment entgegenführt,
in dem sie ihr von noch größerer Bedeutung werden muß. Viel
sicherer geht man gegen eine Religion vor mit Gunstbeweisen, Annehmlichkeiten
des Lebens, Aussichten auf Geld und Gut; nicht damit, daß man auf sie
hinlenkt, sondern daß man sie vergessen läßt; nicht mit dem,
was empört, sondern mit dem, was in Lauheit versinken läßt,
wenn andere Leidenschaften unsere Seele bewegen und die von der Religion eingegebenen
Leidenschaften in Schweigen verharren. Die allgemeine Regel lautet: in
Sachen des Religionswechsels erreicht man mit Entgegenkommen mehr als mit Strafen.
Selbst in der Abfolge der Strafen ist der Charakter des menschlichen Geistes
sichtbar geworden. Man erinnere sich an die Christenverfolgungen in Japan. Man
begehrte mehr gegen die grausamen Todesstrafen auf als gegen die langwierigen
Strafen, die mehr zermürben als schrecken. Sie sind schwerer durchzustehen,
weil sie weniger hart vor kommen.
Kurzum: die Geschichte lehrt uns sattsam, daß die
Strafgesetze nie eine andere als eine destruktive Wirkung hatten.
S.364ff.
Aus: Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brede et de Montesquieu, Vom Geist
der Gesetze. Auswahl, Übersetzung und Einleitung von Kurt Weigand.
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, Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam
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