Heinrich Seuse

Heinrich Seuse, eigentlich Heinrich von Berg (1295 – 1366)

  Deutscher Mystiker, Lektor und Prediger. Sein ausschließlich weltlichen Dingen zugewandter Vater - mit dem Seuse nicht viel mehr gemein hat als die Neigung zur ritterlichen Ausdrucksform - stammte aus dem alten Konstanzer Patriziergeschlecht derer von Berg. Umso mehr fühlte er sich zu seiner geistlich orientierten Mutter hingezogen, von der er sein inniges frommes Gemüt hatte. Sie war eine geborene von Seusen aus Überlingen. Nach ihr nannte er sich der Seuse (latinisiert Suso). Dreizehnjährig tritt er in das Dominikanerkloster in Konstanz ein und macht den üblichen geistlichen Bildungsgang durch. 1323 wurde er zum Generalstudium nach Köln geschickt, wo er nachhaltig von seinem Lehrer Meister Eckhart beeinflusst wurde. Nach seiner Rückkehr übernahm er 1327 als Lektor die Leitung der Studien seines Klosters. 1339 - 46 war er Seelsorger in Dieflenhofen und ab 1348 bis zu seinem Tod in Ulm. In seiner Lehre sind zwar Elemente von Aristoteles, Thomas von Aquino und Augustinus zu finden, im mystischen Bereich ist sie jedoch wesentlich von seinem Lehre rMeister Eckart geprägt. Er korrigiert jedoch Eckarts pantheisierende Wendungen durch eine mit der kirchlichen Tradition übereinstimmende Christologie. Im Mittelpunkt seiner Schriften steht die rechte Gelassenheit, die Voraussetzung für das mystische Einswerden mit Gott ist. Seine Selbstbiographie, die älteste in deutscher Sprache, ist im Wesentlichen echt. Sie wurde nach seinen Mitteilungen von der Dominikanerin Elisabeth Stagel niedergeschrieben, die in seinen Schriften als (geistliche) Tochter bezeichnet wird. Seliger (Tag: 2. 3.).

Siehe auch Wikipedia , Heiligenlexikon und Kirchenlexikon

Inhaltsverzeichnis

Gespräch über Gottes Wesen
Das Geheimnis der Seligkeit
Entrückung
Anweisungen zum innerlichen Leben

Gespräch über Gottes Wesen
Nach der vernünftigen Leitung des äußeren Menschen in den inneren, erhoben sich in der Tochter Geist hohe Gedanken und sie meinte, ob sie über diese hohe Gedanken Fragen stellen dürfte. Er sprach: „Ja, wenn du ordentlich durch die Mittelstufen hindurchgezogen bist, so ist deiner geistreichen Vernunft nun wohl erlaubt, nach hohen Dingen zu fragen. Frage, was du willst.“ Die Tochter sprach: „Sagt mir: was ist Gott oder wo ist Gott oder wie ist Gott? Ich meine, wie er einfältig und doch dreifältig sei.

Er sprach: „Weiß Gott, das sind hohe Fragen. Was die erste Frage, was Gott sei, betrifft, so mußt du wissen, daß alle Meister, die je [Meister] wurden, diese Frage nicht beantworten konnten, denn er ist über alle Sinne und Vernunft. Und doch gewinnt ein fleißiger Mensch durch emsiges Suchen ein wenig Kenntnis von Gott, aber in gar ferner Weise – und darin liegt seine höchste Seligkeit. Nach dieser Weise suchten ihn früher etliche heidnische Meister, und sonderlich der vernunftreiche Aristoteles. Der grübelte dem Lauf der Natur nach, wer der sei, der da ist ein Herr der Natur. Er suchte mit Fleiß und fand. Er bewies aus dem wohlgeordneten Naturlauf, daß notwendig ein einiger Fürst und Herr aller Kreaturen sein müsse, und den nennen wir Gott.

Von diesem Gott und Herrn haben wir wohl so viel Kenntnis, daß er ein substanzliches Wesen, daß er ewig ist, ohne Vorher und Nachher, einfältig, unwandelbar, ein unleiblicher, wirklicher Geist, dessen Wesen sein Leben und Wirken ist, dessen seiende Vernunft alle Dinge in sich selbst mit sich selbst erkennt, dessen Wesen unergründliche Lust und Freude in sich selbst ist, der sich selbst und allen denen, die dasselbe in Beschauung genießen wollen, eine übernatürliche, unaussprechliche, wonnegebärende Seligkeit ist.
Die Tochter sah auf und sprach: „Ei, das ist gut zu hören, denn es rührt das Herz, erhebt den Geist, sursum, hoch über sich selbst. Davon saget, lieber Vater, saget mehr davon!

Er sprach: „Sieh, das göttliche Wesen, von dem wir gesprochen haben, das ist eine solche vernünftige Substanz, daß das sterbliche Auge es selbst nicht sehen kann. Man sieht es aber wohl in seinem Tun, wie man einen guten Meister in seinen Werken spürt, denn Paulus sagt: Die Kreaturen sind wie ein Spiegel, in dem Gott widerleuchtet. Und dies Erkennen heißt ein Spekulieren. […]

Ach schau, ich merke es an mir selbst, es sei mir lieb oder leid, daß mir der verschlossene Mund meiner Seele gegen dich aufgetan ist, und ich muß dir abermals Gott zum Lobe etwas von meiner verborgenen Heimlichkeit sagen, das ich noch nie einem Menschen gesagt habe. Sieh, ich kannte einen Prediger [Seuse selbst], dem wurde in seinem Anfang, wohl zehn Jahre hindurch, solche einschwebende Gnade alle Tage zweimal von Gott zuteil, das Morgens und des Abends, und sie währte so lange wie zwei Vigilien. Er versank in dieser Zeit ganz und gar in Gott, die ewige Weisheit, so daß er nichts davon sagen konnte. Manchmal hatte er ein liebliches Selbstgespräch mit Gott, dann wieder ein verlangendes Seufzen, dann ein sehnsüchtiges Weinen, zuweilen ein stillschweigendes Lachen. Ihm war oft, als ob er in der Luft schwebte, und zwischen Zeit und Ewigkeit in der tiefen Woge von Gottes unergründlichen Wundern schwömme. Davon ward sein Herz so voll, daß er zuweilen seine Hand auf das tobende Herz legte und sprach: O weh, mein Herz, wie wird es dir heute ergehen!

Eines Tages war’s ihm, als wenn das väterliche Herz in geistiger Weise unsäglich ohne jedes Hindernis seinem Herzen zugeneigt sei und als wenn sein Herz gerade gegen das väterliche begierig aufgetan sei, und es deuchte ihm, als spräche das väterliche Herz, die ewige Weisheit, liebreich und gestaltlos in sein Herz hinein. Er hob an und sprach fröhlich im geistlichen Jubilieren: „Sieh da, mein liebliches Lieb, so entblöße ich mein Herz und in der einfältigen, aller Geschaffenheit baren Nacktheit umfange ich deine erscheinungslose Gottheit. O du alle Liebe übertreffendes Lieb. Die größte Liebe zeitlicher Art zu ihrem Lieb liegt dennoch, Lieb mit Lieb, in geteiltem, unterschiedlichem Sein; du aber, aller Liebe grundlose Fülle, du zerfließt in der Liebe Herzen, du ergießt dich in der Seele Wesen, du bist ein bloßes All in Allem, so daß der Liebe auch nicht ein einig Teil außenbleibt, sondern lieblich mit Liebe vereinigt wird.“

Die Tochter sprach: „Ach Gott, was für eine große Gnade ist das, da der Mensch also in jubilierender Weise in Gott verzückt wird! Nun wüßte ich gern, ob das die höchste Stufe der Vollkommenheit ist oder nicht?“ Er sprach: „Nein, es ist nur ein reizvolles Vorspiel, um in eine wesentliche Versenkung zu kommen.“ Sie sprach: „Was nennt ihr wesentlich oder unwesentlich?“ Er antwortete und sprach: „Ich nenne den einen wesentlichen Menschen, der mit guter steter Übung die Tugenden erstritten hat, daß sie ihm in ihrem höchsten Adel lustvoll bleibend geworden sind, so wie der Schein der Sonne in ihr bleibend ist. Ebenso nenne ich unwesentlich, wem das Licht der Tugend in entlehnter, unsteter, unvollkommener Weise leuchtet, wie der Schein im Monde es tut. Die erste gnadenreiche Lust macht eines unwesentlichen Menschen Geist lüstern, daß er das allzeit gerne hätte; und wie ihm der Vorwurf Freude gebiert, also gebiert ihm die Entziehung derselben ungeordnete Traurigkeit, und er wird unwillig, sich anderen Dingen hinzugeben, wie ich dir beweisen will.

Es war einstmals, da ging der Diener in das Kapitelhaus, und sein Herz war voll göttlicher jubilierender Freude. Da kam der Pförtner und hieß ihn an die Pforte gehen zu einer Frau, die wollte beichten. Er riß sich ungern von der innerlichen Lust und empfing den Pförtner hart, er sprach, sie solle nach einem andern senden, er wolle sie jetzt nicht zur Beichte hören. Sie hatte ein beladenes sündiges Herz und sprach, sie habe besonderes Vertrauen zu ihm, daß er sie tröste, und wolle keinem anderen beichten. Und da er nicht kommen wollte, da fing sie mit einem betrübten Herzen an zu weinen, und ging elendiglich hinweg, setzte sich in einen Winkel und weinte sich da wohl aus. Unterdessen entzog Gott ihm die fröhliche Gnade, und es ward ihm sein Herz so hart wie ein Kieselstein. Und da er gern gewußt hätte, was das bedeute, da ward in ihm von Gott also gesprochen: „Sieh, wie du die arme Frau mit einem beladenen Herzen ungetröstet von dir getrieben hast, also habe ich dir meinen Trost entzogen.“ Er seufzte innig und schlug an sein Herz und lief gleich hin zur Pforte, und als er die Frau nicht fand, gebärdete er sich übel. Der Pförtner lief suchend rings umher; als er sie weinend dort sitzen fand und sie wieder an die Pforte kam, empfing er sie gütig und tröstete ihr reuiges Herz gnädiglich, und ging von ihr wieder ins Kapitel, und plötzlich kam der milde Herr wieder mit seinem göttlichen Trost wie je vorher.
Die Tochter sprach: „Der Mensch könnte wohl Leiden erleiden, dem Gott solche jubilierende Freude gäbe.“ Er sprach: „ O weh, es mußte darnach alles mit großen Leiden wohl erworben werden. Aber schließlich einmal, da sich dies alles zugetragen hatte und es Gott Zeit deuchte, da kam dieselbe jubilierende Gnade wieder und ward ihm, ich weiß nicht wie, bleibend, er mochte daheim sein oder ausfahren, bei den Leuten oder ohne Menschen, oft im Bade oder bei Tische ward ihm dieselbe Gnade; aber es geschah in innerlicher Weise, nicht äußerlich bemerkbar.

Aus: Deutsche Frömmigkeit, Stimmen deutscher Gottesfreunde, Eine Auswahl aus den Schriften deutscher Mystiker, S.92-96
Herausgegeben von Walter Lehmann. Verlegt bei Eugen Diederichs/Jena

Das Geheimnis der Seligkeit
Der Jünger fing an noch mehr zu fragen und sprach also: Sag mir, wie nennt man die Weise, in der der Mensch zu seiner Seligkeit kommt?

Antwort: Man kann es eine schöpferische Weise nennen, wie da geschrieben steht in St. Johanns Evangelio, dass er all denen Macht und Vermögen gegeben hat, Gottes Sohn zu werden, die von nichts anderem denn von Gott geboren sind. (Joh.1, 12). Und das geschieht in gleicher Weise wie das, was man nach gewöhnlicher erklärender Weise Gebärung nennt. Was nun das andere in solcher Weise gebiert, das bildet es nach sich und in sich und gibt ihm Gleichheit seines Wesens und seines Wirkens. Und darum einem gelassenen Menschen, in dem Gott allein Vater ist und in dem sich nichts Zeitliches nach irdischer Anhänglichkeit gebiert, dem werden die Augen aufgetan, so daß er sich darin versteht und daher sein seliges Wesen und Leben nimmt und eins ist mit ihm, denn alle Dinge sind dort Eins in Einem.

Der Jünger sprach: Ich sehe doch, daß Berg und Tal ist und Wasser und Luft und mancherlei Kreaturen – wie sagst du denn, daß nur Eins ist?

Das lautere Wort antwortete und sprach also: Ich sage noch mehr: Es sei denn, daß der Mensch zwei Contraria, d. i. zwei sich widersprechende Dinge, in Einem miteinander versteht – fürwahr, ohne allen Zweifel, so ist nicht gut leicht mit ihm von solchen Dingen zu reden; denn wenn er dies versteht, so ist er erst halb auf den Weg des Lebens getreten, das ich meine.

Eine Frage: Welches sind die Contrarias?

Antwort: Ein ewiges Nichts und seine, des Menschen zeitliche Gewordenheit.

Ein Einwurf: Zwei Contraria in Einem widersprechen in jeder Weise allen Wissenschaften.

Antwort: Ich und du treffen einander nicht auf einem Zweige oder auf einem Platze; du gehst einen Weg und ich einen andern. Deine Fragen kommen aus menschlichen Sinnen, und ich antworte aus den Sinnen, die über aller Menschen Ziel gehen. Du musst sinnelos werden, willst du hinzukommen, denn mit dem Nichterkennen wird die Wahrheit erkannt.

Aus: Deutsche Frömmigkeit, Stimmen deutscher Gottesfreunde, Eine Auswahl aus den Schriften deutscher Mystiker, S.84-85
Herausgegeben von Walter Lehmann. Verlegt bei Eugen Diederichs/Jena

Entrückung
In seinem Anfang geschah es einmal, daß er am Tage St. Agnesen in den Chor ging, wo der Konvent zu Mittag gespeist hatte. Er war da ganz allein und stand in dem niedren Gestühl des rechten Chores. Zur selben Zeit hatte er eine sonderliche Bedrängnis von schwerem Leiden, das auf ihm lag. Und wie er so allein dastand, trostlos, und niemand bei ihm noch um ihn war, ward seine Seele im Leibe – oder war es außer dem Leibe? – verzückt. Da sah er und hörte, was allen Zungen unaussprechlich ist: Es war formlos und artlos und hatte doch aller Formen und Arten freudenreiche Lust in sich. Sein Herz war gierig und doch gesättigt, sein Sinn war lustig und froh gestimmt, sein Wünschen hatte sich gelegt und sein Begehren war vergangen. Er starrte nur in den glanzreichen Widerglast, in dem er seiner selbst und aller Dinge Vergessen ertrank. War es Tag oder Nacht – er wußte es nicht. Es war vom ewigen Leben eine ausströmende Süßigkeit in gegenwärtiger stillstehender ruhiger Empfindung. Er sprach danach: „Ist dies nicht das Himmelreich, so weiß ich nicht, was Himmelreich ist; denn all das Leiden, das man in Worte fassen kann, vermag billig die Freude nicht zu verdienen, wie man sie ewiglich besitzen soll.“ Diese überschwängliche Entrückung währte wohl eine Stunde oder eine halbe; ob die Seele im Leibe blieb, oder vom Leibe geschieden war, er wußte es nicht. Als er wieder zu sich selbst kam, da war ihm ganz und gar wie einem Menschen, der von einer andern Welt gekommen ist. Dem Leibe ward von dem kurzen Augenblick so weh, wie er nicht glaubte, dass einem Menschen außer dem Tode in so kurzer Zeit geschehen könnte. Er kam, ich weiß nicht wie, mit einem grundlosen Seufzen wieder zu sich, und der Leib neigte sich ohne seinen Willen zur Erde nieder wie bei einem Menschen, der in Ohnmacht sinken will. Er schrie innerlich auf und seufzte im tiefsten Innern und sprach: „ O weh, Gott, wo war ich? Wo bin ich nun?“ Und sprach: „Ach, herzinniges Gut, diese Stunde kann nimmermehr aus meinem Herzen schwinden.“ Er ging mit seinem Leibe, und auswendig sah und merkte niemand ihm etwas an; aber Seele und Gemüt waren ihm inwendig voll himmlischen Wunders; die himmlischen Blicke gingen hin und her in seiner innersten Innerlichkeit, und es war ihm gleich, als schwebe er in der Luft. Die Kräfte seiner Seele warn erfüllt mit süßem Himmelsgeschmack, wie wenn man eine gute Salbe aus einer Büchse schüttet und die Büchse behält dennoch den guten Geschmack. Dieser himmlische Geschmack verblieb ihm danach lange Zeit und verlieh ihm ein himmlisches Sehnen nach Gott.
Aus: Deutsche Frömmigkeit, Stimmen deutscher Gottesfreunde, Eine Auswahl aus den Schriften deutscher Mystiker, S.85-86
Herausgegeben von Walter Lehmann. Verlegt bei Eugen Diederichs/Jena

Anweisungen zum innerlichen Leben
Führe einen nach innen gerichteten Wandel und wirke nicht gewaltsam nach außen, weder in Worten noch im Wandel.

Tu der Wahrheit einfältiglich Genüge, und was unerwartet kommt, darin sei dir nicht selbst behilflich, denn wer sich selbst zu viel hilft, dem wird von der Wahrheit nicht geholfen.

Wenn du bei den Menschen bist, so vergiß alles, was du siehst oder hörst, und halte dich allein an das, was sich dir innerlich offenbart hat.

Befleißige dich, dass in deinen Werken die Vernunft die Führung hat, denn wenn das Sinnliche zu schnell herbeischießt, dann kommt alles übel.
Man soll die Lust nicht nach den Sinnen ergreifen, man soll sie nach der Wahrheit ergreifen.

Gott will uns nicht der Lust berauben, er will uns Lust nach Allheit machen.

In der kräftigsten Unterwerfung ist die höchste Erhebung.

Wer ins Innerliche hinein will, der muß sich aller Mannigfaltigkeit entleeren. Man muß es dahin bringen, auf alles, das nicht das Einige ist, verzichten zu können.

Was die Natur aus ihrem eigenen Sein heraus wirkt, ist Mühe, Leiden und Verdunkelung der Vernunft.

Wann ist die Lust größer, als wenn ich mich als das Eine, das ich sein soll, finde und als das All, das ich sein soll.

Ein Mensch soll befreit sein von Erscheinungsform und von Materie – darin liegt die größte Lust.

Worin besteht eines recht gelassenen Menschen Übung? Darin, aus dem Ich herauszukommen.

Wo man in Erscheinungen und Personen liebt, da liebt der Zufall den Zufall, und das ist unrecht. Indessen schicke ich mich darein, bis es abfällt. Es gibt aber im tiefsten Innern Einfältiges, wo der Mensch nicht die gegenwärtige Erscheinung liebt, sondern wo der Mensch und er selbst und alle Dinge Eins sind – und das ist Gott.

Wer frei ist von begehrlichen Sinnesausbrüchen, der bereitet seinem Ich den Untergang; sonst ist es eine Selbsthilfe der Sinne.

Sei gelassen in Freud und Leid, denn ein gelassener Mensch bringt es in einem Jahr weiter als ein stürmischer in dreien.

Willst du allen Kreaturen nütze sein, so kehr dich ab von allen Kreaturen.

Kann ein Mensch die Dinge nicht begreifen, so sei er müßig, dann begreifen die Dinge ihn.

Befleißige dich, so daß keine stürmische Aufwallung entsteht, die vom Idealbild abwendet.

Der Mensch soll Acht geben auf jene Neigung, die sich aller Dinge bedient, um gegen die einfältige Wahrheit zu helfen.

Willst du dich nicht in Einfältigkeit in Geduld fügen, so wirst du dich in Mannigfaltigkeit in Geduld fügen müssen.

Lebe, als ob keine Kreatur mehr auf Erden sei denn du. Sprich: „Wie du mir gegenüber bist, so will ich dir gegenüber nicht sein.“ Natur liebt Natur und meint sich selbst dabei.

Etlicher Menschen Natur ist zu ungebrochen, und der äußerliche Mensch ist dabei äußerlich geblieben.

Das Vermögen, sich erhaben der Dinge zu enthalten, gibt dem Menschen mehr Vermögen, als die Dinge besitzen.

Eine Unordnung bringt die andere.

Sieh zu, daß die Natur unabhängig sei und der äußere Mensch mit dem inneren übereinstimmt.

Nimm des inneren Menschen wahr, daran liegt das äußere und innere Leben.

Zur höchsten Gelassenheit gehört, daß man allezeit die Natur im Zaume habe. […]

Der Sinne Untergang ist der Wahrheit Aufgang. […]

Wer zu seinem inneren Reichtum gelangt ist, der verrichtet alle sinnlichen Dinge desto besser. […]

Was ist’s, das den Menschen treibt, arge Handlungen zu suchen? Es ist die Sehnsucht nach Befriedigung. Die findet man allein im Verzichten, nicht in den argen Handlungen. […]

Es ist bös, viele Sachen anzufangen und keine zu beenden. Man soll daran festhalten, bis man’s merkt, ob’s Gott oder Natur ist.

Befleißige dich, daß die Natur aus ihrem eigenen inneren Grunde ihre Werke wirkt ohne fremde Veranlassung.

Ein recht gelassener Mensch soll sich vierer Dinge befleißigen: erstens, er soll gar sittig im Wandel sein, so daß die Dinge, ohne in selbst mitzuziehen, aus ihm, fließen. Zweitens, sittig und ruhig in den Sinnen nicht hin und her flattern – denn das zieht die Erscheinungsformen an -, daraus entsteht den inneren Sinnen ein müßiges Spazieren. Drittens nicht anhaften, Acht geben, daß nichts Kreatürlich-Vermischtes da sei. Viertens, nicht zänkisch, sondern liebreich zu denen sich haben, durch die Gott einen vom Irdischen trennen will. […]

Gott und Teufel sind im Menschen; wer sich selbst leiten will oder sich selbst lassen will, der findet den Unterschied. […]

Ein gelassener Mensch gestaltet in sich selbst kein Unglück. [...]

Ein gelassener Mensch muß entbildet werden von der Kreatur, gebildet werden mit Christus, und überbildet in der Gottheit. [...]

Wenn sich ein Mensch in eine Versunkenheit zur Wahrheit begeben will, so leuchtet ihm die Entgangenheit seiner selbst hinein und er merkt, daß in ihm noch Kreatur ist, die den Abschied empfing. Hierin schickt er sich in Geduld und merkt, daß er noch nicht vom Irdischen los ist. Sich also in Geduld fassen, ist jetzt einfältig werden. Die Entrückung gebiert eine Müdigkeit, die in dem Abschied (des Kreatürlichen) abfällt.

Was ist das kleinste Hindernis? Das ist ein Gedanke. Was ist das größte Hindernis? Das ist, daß die Seele unter der Botmäßigkeit ihres eigenen Willens bleibt.

Einem gelassenen Menschen soll kein Stündlein unangesehen vergehen.

Ein gelassener Mensch soll nicht allezeit darauf sehen, wessen er bedarf, er soll darauf sehen, was er entbehren kann.

Wenn sich ein gelassener Mensch zur Wahrheit begeben will, so soll er sich dessen befleißigen, daß er eine Einziehung der Sinne nehme, denn Gott ist ein Geist, zweitens soll er darauf achten, ob er sich irgendwie ein Hindernis geschaffen habe, drittens, ob er dem eigenen Willen in irgendeinem Vorgreifen des eigenen Ichs gefolgt sei, viertens, und soll dann in dem Lichte die Gegenwärtigkeit des göttlichen Allwesens in sich merken, und daß er dessen nur ein Werkzeug ist.

In dem selben Maße, wie sich der Mensch von sich selbst und von allen geschaffenen Dingen abwendet, in demselben Maße wird er geeinigt und beseligt.

Willst du ein gelassener Mensch sein, so fleißige dich, daß, wie dir Gott mit sich selbst oder mit seinen Kreaturen in Freud und Leid ist, du allezeit gleich stehest in einem Aufgeben des Deinen.

Verschließe deine Sinne vor allen gegenwärtigen Erscheinungsformen.

Sei frei von alledem, was der anschauende Verstand auserwählt, was den Willen behaftet und dem Gedächtnis Wollust einträgt.
Beharre auf nichts, das nicht Gott ist.

Wenn du da bist, wo jemand Fehler und Unrecht begeht, so gib von dem Deinen nicht dazu und halte dich auch nicht dazu.

Wer allezeit bei sich wohnt, der gewinnt ein gar reiches Vermögen.

Eines gelassenen Menschen Ergötzung in der Natur soll ein beschränkter Gebrauch des Notwendigen in fehlerfreien Werken sein, die eine freie Abkehr von den Dingen eintragen.

Je minder oder je mehr gelassen ein Mensch ist, desto minder oder desto mehr wir er von den hinziehenden Dingen betrübt. So geschah es einem halbgelassenen Menschen: da dieser in seiner Empfindung sich zuviel mit sich selbst beschäftigte, ward in ihm gesprochen: du solltest um mich so besorgt sein und auf dich selbst so wenig achten, daß, wenn du weißt, daß mir wohl ist, es dich nicht kümmerte, wie es dir ginge.“

Wenn ein gelassener Mensch sich mit eingezogenen Sinnen in die innerste Burg der Seele setzt, je weniger Stützpunkt von innen er dann findet, desto weher geschieht ihm dann von innen, und je geschwinder er stirbt, desto schneller kommt er hindurch. [...]

Etliche Menschen haben einen Aufgang zu Gott ohne Hindernis; sie haben aber kein stetes Bleiben.

Setze dich in eine bloße Gelassenheit, denn wenn unmäßiges Begehren zuviel da ist, so möchte daraus ein verborgenes Hindernis werden.

Ein gelassener Mensch beschäftigt sich nicht mit sich selbst, als ob er von sich selbst nichts wüßte; denn dadurch, daß Gott ist, sind alle Dinge herrlich in ihm ausgerichtet.

Habe Fleiß auf deinen äußeren Menschen, daß der geeinigt werde mit dem inneren unter Entziehung aller tierischen Gelüste.

Eine gelassene Sinnesänderung ist Gott oft lieber als eine selbstsüchtige Stetigkeit.

Sammle deine Seele aus den äußeren Sinnen, wenn sie sich auf die Mannigfaltigkeit der äußeren Dinge zerstreut haben.

Geh wieder ein, kehr wieder und wieder in deine innere Einmütigkeit und genieße Gott.

Harr aus und laß dir nimmer genügen, bis daß du in der Zeit das gegenwärtige Nun der Ewigkeit erkämpfest, sofern es menschlicher Schwachheit möglich ist.

Aus: Deutsche Frömmigkeit, Stimmen deutscher Gottesfreunde, Eine Auswahl aus den Schriften deutscher Mystiker, S.86-92
Herausgegeben von Walter Lehmann. Verlegt bei Eugen Diederichs/Jena